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Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 137: II.
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About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Siebentes Kapitel.

I.

Das hatte gerade noch gefehlt. Ich griff nach meinem Pelz, warf ihn mir im Gehen um und eilte mit dem Gedanken hinaus: „Sie hat mich gebeten, zu ihm zu gehen, aber wo finde ich ihn jetzt?“

Doch neben allem anderen beschäftigte mich eine Frage, vor der meine Gedanken betroffen stillhielten: „Weshalb glaubt sie, daß jetzt etwas anderes eingetreten sei und er sie jetzt in Ruhe lassen werde? Natürlich deshalb, weil er Mama heiraten wird. Aber was war das: freute sie sich nun darüber, daß er Mama jetzt heiraten kann, oder war sie, im Gegenteil, gerade deshalb unglücklich? Und deshalb vielleicht der hysterische Anfall? Warum kann ich nun diese Frage nicht entscheiden?“

Ich führe diesen zweiten Gedanken, der mich damals plötzlich durchzuckte, hier absichtlich wortgetreu an, damit ich ihn nicht vergesse: er ist zu wichtig. Dieser Abend war wirklich schicksalsschwer, und unwillkürlich fängt man an eine Vorherbestimmung zu glauben an: noch war ich keine hundert Schritte auf dem Wege zu Mamas Wohnung gegangen, als ich plötzlich mit demjenigen zusammenstieß, den ich suchte. Er faßte mich an der Schulter und hielt mich fest.

„Du bist’s!“ rief er erfreut und gleichzeitig wie in größter Überraschung. „Denke dir, ich war soeben in deiner Wohnung,“ sagte er schnell, „ich suchte dich, ich fragte nach dir – nur dich allein brauche ich jetzt von der ganzen Welt! Dein Beamter hat mir da Gott weiß was alles vorgeredet, aber du warst nicht da, und so ging ich wieder; und ich vergaß sogar, dir sagen zu lassen, daß du nach deiner Rückkehr unverzüglich zu mir kommen solltest. Aber wirst du’s glauben: ich ging doch in der felsenfesten Überzeugung fort, das Schicksal könne doch nicht so blind sein, dich mir nicht entgegenzuführen, gerade jetzt, wo ich deiner mehr denn je bedarf! Und da bist du auch richtig der erste, der mir begegnet! Komm, gehen wir zu mir: du bist noch niemals bei mir gewesen.“

Mit einem Wort, wir hatten uns gegenseitig gesucht, und jedem von uns war etwas Ähnliches begegnet. Wir gingen sehr eilig weiter.

Unterwegs sagte er nur in ein paar Worten, daß Tatjana Pawlowna bei Mama geblieben sei usw. usw. Er hatte mich untergefaßt und führte mich. Seine Wohnung lag nicht weit von dort, und wir langten bald an. Ja, ich war noch niemals bei ihm gewesen. Es war eine Wohnung von nur drei Zimmern, die er (oder vielmehr Tatjana Pawlowna) wegen jenes „Säuglings“ gemietet hatte. Diese Wohnung stand von Anfang an ganz unter Tatjana Pawlownas Aufsicht, und dort lebte nun die Wärterin mit dem kleinen Kinde (und jetzt auch noch Darja Onissimowna); aber eines der Zimmer – das erste, in das man unmittelbar aus dem Vorraum trat, ein ziemlich großer und mit Polstermöbeln recht gut ausgestatteter Raum – war für Werssiloff als eine Art Lese- und Arbeitszimmer eingerichtet. In der Tat sah man da auf dem Schreibtisch, im Schrank und auf den Bücherständern eine ganze Menge Bücher (die es in Mamas Wohnung fast gar nicht gab), ferner beschriebene Blätter, Briefe, zu ganzen Päckchen zusammengelegt und verschnürt, – kurzum, das Ganze machte den Eindruck eines schon lange bewohnten Raumes; und ich weiß, daß Werssiloff auch früher schon, wenn auch ziemlich selten, zeitweilig ganz in diese seine Wohnung übergesiedelt war und sogar wochenlang dort gewohnt hatte. Das erste, was meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, war Mamas Bildnis, das in einem schönen geschnitzten Rahmen aus kostbarem Holz über dem Schreibtisch hing – eine Photographie, offenbar eine ausländische Aufnahme, die, nach ihrem ungewöhnlichen Format zu urteilen, nicht wenig gekostet haben mußte. Ich hatte von diesem Bildnis nichts gewußt und nie etwas davon gehört; und was mich noch besonders überraschte, war die für eine Photographie ganz erstaunliche Ähnlichkeit, gerade die, ich möchte sagen, geistige Ähnlichkeit. Es war wie ein wirkliches Porträt von Künstlerhand und gar nicht wie eine mechanische Aufnahme. Als ich ins Zimmer trat, blieb ich sogleich und ganz überrascht vor diesem Bilde stehen.

„Nicht wahr? Nicht wahr?“ fragte plötzlich Werssiloff dicht hinter mir.

Er meinte damit: „Nicht wahr, wie ähnlich?“ Ich sah mich nach ihm um, und der Ausdruck seines Gesichts machte mich ganz betroffen. Er war etwas bleich, aber sein gespannter Blick brannte und strahlte gleichsam vor Glück und Kraft: einen solchen Ausdruck hatte ich noch niemals an ihm gesehen.

„Ich habe gar nicht gewußt, daß Sie Mama so lieben!“ sagte ich plötzlich selbst ganz beglückt.

Er lächelte glücklich, wenn auch in seinem Lächeln gleichsam ein Leid lag, oder richtiger, etwas schmerzlich Nachsichtiges, menschlich Höheres ... ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll; aber mir scheint, daß hochentwickelte Menschen überhaupt nicht ein triumphierend glückliches Gesicht haben können. Ohne mir zu antworten, nahm er das Bild mit beiden Händen von der Wand, hielt es ganz nah vor sein Gesicht, küßte es plötzlich und hängte es dann vorsichtig wieder auf.

„Merke dir,“ sagte er, „photographische Aufnahmen sind sehr selten ähnlich, und das ist leicht zu erklären: das Original, das heißt, ein jeder von uns, ist ja auch im Leben nur äußerst selten sich selber ähnlich. Das Gesicht eines Menschen zeigt seinen charakteristischsten Zug eben nur in seltenen Augenblicken. Ein Künstler studiert das Gesicht, das er malen soll, und erhascht diesen eigentlichen Ausdruck des Gesichts, er errät sozusagen den Hauptgedanken des Menschen und gibt ihn im Bilde wieder, auch wenn das Gesicht des Betreffenden diesen Ausdruck während des Modellsitzens zumeist gar nicht hat. Die Photographie aber gibt den Menschen genau so wieder, wie er in dem einen Augenblick aussieht, und da ist es nicht ausgeschlossen, daß zum Beispiel Napoleon, in einem zufälligen Augenblick photographiert, auf der Photographie dumm aussehen könnte, und Bismarck – weichlich. Hier aber, auf dieser Photographie, hat die Aufnahme Ssonjä zufällig gerade im Augenblick ihres eigensten Ausdrucks angetroffen: in ihrer schamhaften, demütigen Liebe und scheuen, schreckhaften Keuschheit. Und sie war ja damals auch so glücklich, als sie sich endlich überzeugt hatte, daß es mich wirklich so sehr nach einem Bilde von ihr verlangte. Diese Aufnahme ist eigentlich vor gar nicht so langer Zeit gemacht, aber sie sah damals doch noch viel jünger und besser aus; dabei hatte sie auch damals schon diese eingefallenen Wangen, diese feinen Runzeln auf der Stirn und diese scheue Schüchternheit im Blick, die bei ihr jetzt mit den Jahren zu wachsen scheint – je länger, desto mehr. Wirst du’s mir glauben, Lieber: jetzt kann ich sie mir mit einem anderen Gesicht gar nicht mehr vorstellen, und doch ist sie einmal jung und reizend gewesen! Die russischen Frauen altern schnell, ihre Schönheit ist flüchtig, und das hat seinen Grund wahrlich nicht nur in einer ethnographischen Besonderheit des Typs, sondern auch darin, daß sie mit rückhaltloser Hingabe zu lieben verstehen. Die russischen Frauen geben alles auf einmal hin, wenn sie lieben, – den Augenblick und ihr ganzes Leben, die Gegenwart und die Zukunft; sie verstehen nicht, ökonomisch zu sein, sie sparen und geizen nicht, um des Vorrats willen, und so geht ihre Schönheit bald für den dahin, den sie lieben. Diese eingefallenen Wangen – das ist gleichfalls Schönheit, die für mich hingegeben ist, für meine kurze Lust. Es freut dich, daß ich deine Mutter geliebt habe, und du hast vielleicht sogar nicht einmal geglaubt, daß ich sie habe lieben können? Ja, mein Freund, ich habe sie sehr geliebt, und doch habe ich ihr nichts als Böses zugefügt ... Hier ist noch ein anderes Bildnis – sieh dir auch dies einmal an.“

Er nahm es vom Tisch und reichte es mir. Das war auch eine Photographie, nur in bedeutend kleinerem Format und in einem schmalen, ovalen Holzrähmchen – das Bild eines jungen Mädchens: ein schmales, schwindsüchtiges, doch trotz alledem schönes Gesicht, versonnen, und dabei doch bis zur Sonderbarkeit gedankenleer. Es waren die regelmäßigen Züge eines durch Generationen ausgebildeten Typs; aber sie machten einen krankhaften Eindruck: man hatte die Empfindung, daß sich plötzlich ein starrer Gedanke dieses Wesens bemächtigt hatte, der eben dadurch qualvoll war, daß er über seine Kraft ging.

„Das ... das ist jenes junge Mädchen, mit dem Sie sich trauen lassen wollten, und das an der Schwindsucht starb ... ihre Stieftochter?“ sagte ich ein wenig befangen.

„Ja, mit dem ich mich trauen lassen wollte, das an der Schwindsucht starb, ihre Stieftochter. Ich wußte, daß du ... alle diese Klatschgeschichten kennst. Übrigens, außer diesen hättest du auch nichts erfahren können. Leg’ das Bild hin, mein Freund, das war nur eine arme Irrsinnige und nichts weiter.“

„Wirklich irrsinnig?“

„Oder eine Idiotin; übrigens glaube ich, auch eine Irrsinnige. Sie bekam ein Kind vom Fürsten Ssergei Petrowitsch (infolge ihres Irrsinns, nicht aus Liebe; das ist eine der schändlichsten Taten des Fürsten). Das Kind ist jetzt hier, in jenem Zimmer, ich habe es dir schon lange zeigen wollen. Fürst Ssergei Petrowitsch darf weder herkommen noch das Kind sehen – laut unserer Verabredung im Auslande. Ich habe das Kind mit Einwilligung deiner Mutter zu mir genommen. Und gleichfalls mit Einwilligung deiner Mutter wollte ich mich damals trauen lassen mit dieser ... Unglücklichen ...“

„Ist denn eine solche Einwilligung überhaupt möglich?“ fragte ich erregt.

„O ja! Sie erlaubte es mir: eine Frau ist nur auf eine Frau eifersüchtig, diese aber war doch keine Frau.“

„Wenn sie es auch für alle anderen nicht war, für Mama war sie es! Das werde ich mein Lebtag nicht glauben, daß Mama nicht eifersüchtig gewesen sei!“ rief ich.

„Du hast recht. Das erriet ich erst, als alles schon beschlossen war, das heißt, als sie mir ihre Einwilligung gab. Aber lassen wir das. Jedenfalls kam es nicht dazu, da Lydia starb, aber vielleicht wäre es auch so nicht dazu gekommen, wenn sie am Leben geblieben wäre; deine Mutter aber lasse ich auch jetzt noch nicht zu dem Kinde. Das – war nur eine Episode. Mein Lieber, ich habe dich hier schon lange erwartet. Schon lange habe ich davon geträumt, wie wir hier zusammenkommen würden; weißt du, wie lange schon? – Schon seit zwei Jahren.“

Er sah mich aufrichtig und innig an, mit einer heißen Herzenshingabe. Ich ergriff seine Hand.

„Warum haben Sie dann gezögert, warum haben Sie mich nicht schon früher gerufen? Wenn Sie wüßten, was inzwischen ... und was nicht geschehen wäre, wenn Sie mich schon früher gerufen hätten! ...“

In diesem Augenblick wurde die Teemaschine gebracht, und Darja Onissimowna kam mit dem Kindchen, das ganz fest schlief.

„Sieh es dir an,“ sagte Werssiloff, „ich liebe es und habe es jetzt bringen lassen, damit du es siehst. So, bringen Sie es nun wieder hinaus, Darja Onissimowna. Und du setze dich hierher an den Tisch. Ich werde mir jetzt einbilden, wir zwei hätten ewig so gelebt und jeden Abend so zusammen verbracht, ohne uns jemals zu trennen. Laß mich dich ansehen: setze dich so, daß ich dein Gesicht sehen kann. Wie ich es liebe, dein Gesicht! Wie habe ich mir dein Gesicht vorzustellen versucht, als ich dich noch aus Moskau erwartete! Du fragst: warum habe ich dich nicht schon früher gerufen? Warte, das wirst du vielleicht erst jetzt verstehen.“

„Hat denn wirklich nur der Tod Makar Iwanowitschs Ihnen jetzt die Zunge gelöst? Das ist sonderbar.“

Aber wenn ich das auch sagte, so sah ich ihn doch mit viel Liebe an. Wir sprachen wie zwei Freunde, wie Freunde im höchsten und vollsten Sinn des Wortes. Er hatte mich hierher geführt, um mir irgend etwas zu erklären, zu erzählen, um etwas zu rechtfertigen; und dabei war schon alles, noch bevor er ein Wort gesagt hatte, erklärt und gerechtfertigt. Gleichviel, was ich von ihm jetzt noch gehört hätte – das Ergebnis war schon erreicht, und das wußten wir beide mit einem Glücksgefühl, und so sahen wir einander auch an.

„Nicht gerade der Tod dieses alten Mannes,“ antwortete er, „nicht dieser Tod allein; es ist noch etwas anderes, was damit zusammengetroffen ist ... Gott segne diesen Augenblick und unser Leben hinfort und auf lange! Mein Lieber, laß uns miteinander reden. Ich komme immer wieder vom Thema ab, ich will von dem einen reden und lasse mich von tausend nebensächlichen Einzelheiten ablenken. So geht es einem immer, wenn das Herz voll ist ... Doch reden wir jetzt miteinander; die Zeit ist gekommen, und ich bin schon lange in dich verliebt, Junge.“

Er lehnte sich in seinen großen Stuhl zurück und betrachtete mich noch einmal.

„Wie sonderbar, wie sonderbar sich das anhört!“ wiederholten meine Lippen, während die Seligkeit über mir zusammenschlug.

Und da, ich weiß noch, da erschien flüchtig wieder dieser eine seltsame Zug in seinem Gesicht – dieser Ausdruck von Trauer und Spott, beides zugleich, den ich schon so gut kannte. Aber er nahm sich zusammen und begann dann, gleichsam nach einer gewissen Anstrengung, langsam zu sprechen.

II.

„Sieh, Arkadi, wenn ich dich früher gerufen hätte, was hätte ich dir da sagen können? In dieser Frage ist meine ganze Antwort enthalten.“

„Das heißt, Sie wollen sagen, daß Sie jetzt Mamas Mann und mein Vater sind, bisher aber ... Sie hätten wohl in betreff meiner sozialen Stellung nicht gewußt, was Sie mir sagen sollten? War es das?“

„Nicht nur darüber, mein Lieber, hätte ich nicht gewußt, was ich dir sagen sollte: da hätte ich noch über manches schweigen müssen. Und vieles davon ist beinah lächerlich und sogar erniedrigend, weil es fast wie ein Gauklerstückchen anmutet: in der Tat, wie eine richtige Jahrmarktszauberei. Nun, sag’ doch selbst, wie hätten wir denn einander früher verstehen können, wenn ich mich selbst erst heute um fünf Uhr nachmittags zum erstenmal verstanden habe, genau zwei Stunden vor dem Tode Makar Iwanowitschs. Du siehst mich mit peinlicher Verwunderung an. Beruhige dich: ich werde dir die Tatsache schon erklären; das aber, was ich dir sagte, ist vollkommen richtig; mein ganzes Leben ist Wandern und Zweifeln gewesen, und plötzlich steht, am soundsovielten des Monats um fünf Uhr nachmittags, des Rätsels Lösung fertig vor dir! Das ist doch einfach kränkend, nicht wahr? Noch gestern, ja: in der jetzt schon uralten Vergangenheit, hätte mich das noch tatsächlich gekränkt.“

Ich hörte ihn wirklich mit fieberhafter Verwunderung an: es trat wieder deutlich der frühere Werssiloffsche Zug hervor, den ich an diesem Abend um keinen Preis hätte sehen wollen, nachdem schon solche Worte gefallen waren. Plötzlich durchzuckte es mich.

„Mein Gott!“ rief ich, „Sie haben etwas von ihr erhalten ... heute um fünf Uhr?“

Er sah mich scharf an, sichtlich überrascht durch meinen Ausruf und vielleicht auch durch den Ausdruck: „von ihr“.

„Du wirst alles erfahren,“ sagte er mit einem sinnenden Lächeln, „und natürlich werde ich dir das, was du wissen mußt, nicht verhehlen, denn zu dem Zweck habe ich dich doch hergeführt; aber jetzt wollen wir das vorläufig noch etwas hinausschieben. Sieh mal, mein Freund, ich habe schon lange gewußt, daß es bei uns Kinder gibt, die bereits in der frühesten Kindheit über ihre Familie nachdenken, weil die Unschönheit ihrer Väter und ihrer Umgebung sie kränkt. Solche früh nachdenkenden Kinder habe ich schon unter meinen Mitschülern bemerkt, und damals glaubte ich, das käme alles daher, weil sie gar zu früh den Neid kennen lernen. Später freilich sagte ich mir, daß ich selbst eines von diesen nachdenkenden Kindern war, doch ... verzeihe, mein Lieber, ich bin heute erstaunlich zerstreut. Ich wollte damit nur sagen, wie sehr ich fast diese ganze Zeit über für dich hier gefürchtet habe. Ich habe dich mir immer als eines jener jungen Wesen vorgestellt, die sich ihrer Begabtheit schon bewußt sind und sich von den anderen absondern und lieber einsam sein wollen. Auch ich habe, ganz wie du, Kameraden nie gemocht. Schwer haben es diese jungen Geschöpfe, die ganz ihren eigenen Kräften und Träumen überlassen sind, und dabei von einem leidenschaftlichen, gar zu frühen und fast rachsüchtigen Schönheitsdurst besessen sind, – ja: gerade von einem ‚rachsüchtigen‘ Schönheitsdurst. Doch genug davon, Lieber: ich bin wieder abgeschweift ... Noch bevor ich dich zu lieben anfing, versuchte ich schon, dich mit deinen einsamen, menschenscheuen Träumen mir vorzustellen ... Aber genug davon, wie gesagt. Ja, wovon wollte ich eigentlich sprechen? Übrigens mußte auch dies einmal gesagt werden. Früher aber – was hätte ich dir früher sagen können? Jetzt sehe ich deinen Blick, der auf mir ruht, und ich weiß: es ist mein Sohn, der mich ansieht; ich aber hätte doch selbst gestern noch nicht geglaubt, daß ich jemals so wie heute mit meinem Jungen zusammensitzen und mit ihm reden würde.“

Er war in der Tat sehr zerstreut und dabei durch irgend etwas gleichsam erschüttert.

„Jetzt brauche ich nicht mehr zu träumen und mir Illusionen zu bauen, Sie genügen mir vollkommen! Ich werde von nun an Ihnen folgen!“ sagte ich und gab ihm meine ganze Seele hin.

„Mir folgen? Aber mein Wandern hat ja gerade aufgehört, gerade heute: du kommst zu spät, mein Lieber. Der heutige Tag ist das Finale des letzten Aktes; der Vorhang fällt. Dieser letzte Akt hat lange gedauert. Er begann schon vor sehr langer Zeit – damals, als ich zum letztenmal ins Ausland flüchtete. Ich warf damals alles hinter mich; und du sollst wissen, mein Lieber, daß ich damals auch meine Verbindung mit deiner Mutter löste und ihr das auch mitteilte. Das mußt du doch einmal erfahren. Ich erklärte ihr damals, daß ich für immer fortginge, sie würde mich niemals wiedersehen. Das schlimmste war aber, daß ich sogar vergaß, sie mit Geld zu versorgen. An dich dachte ich damals überhaupt nicht. Ich fuhr mit der Absicht fort, ganz in Europa zu bleiben, mein Lieber, und nie wieder nach Rußland zurückzukehren. Ich wanderte aus.“

„Zu Alexander Herzen? Um sich an seiner Propaganda im Auslande zu beteiligen? Sie haben doch gewiß Ihr ganzes Leben lang an irgendeiner Verschwörung teilgenommen?“ rief ich, ohne mich zurückzuhalten.

„Nein, mein Freund, ich habe mich nie an einer Verschwörung beteiligt. Bei dir aber leuchteten sogar die Augen auf, – ich liebe deine impulsiven Ausrufe, mein Lieber. Nein, ich reiste damals einfach aus plötzlicher Schwermut ins Ausland. Es war das die Schwermut des russischen Edelmanns, – ich weiß es wirklich nicht besser auszudrücken. Die aristokratische Schwermut – und nichts weiter.“

„Wegen der Aufhebung der Leibeigenschaft ... der Bauernbefreiung?“ stieß ich in atemloser Spannung hervor.

„Wegen der Leibeigenschaft? Du meinst, ich hätte die alte Leibeigenschaft herbeigewünscht? Hätte die Befreiung des Volkes nicht ertragen? O nein, mein Freund, gerade wir waren doch die Befreier. Ich wanderte aus ohne jeden Groll. Ich hatte doch bis dahin als Friedensrichter aus allen Kräften für das Gute zu wirken gesucht, hatte es ganz uneigennützig getan, und wenn ich auswanderte, geschah es nicht deshalb, weil ich für meinen Liberalismus wenig Dank sah. Wir haben ja damals alle nichts bekommen, das heißt, alle diejenigen, die von meiner Art waren. Ausgewandert bin ich eher mit selbstbewußtem Stolz als mit irgend so einem Bedauern, und nichts, das kannst du mir glauben, lag mir ferner, als der Gedanke, für mich könnte jetzt die Zeit gekommen sein, mein Leben als bescheidener Schuster zu beschließen. Je suis gentilhomme avant tout et je mourrai gentilhomme![105] Aber trotzdem war ich traurig gestimmt. Wir sind unser vielleicht tausend in Rußland, – ja, in der Tat, vielleicht nicht mehr als nur tausend Menschen; aber das genügt ja vollkommen, damit die Idee nicht stirbt. Wir sind die Träger einer Idee, mein Lieber! ... Mein Freund, ich sage dir das in der sonderbaren Hoffnung, daß du diese ganze Phantasterei verstehen wirst. Ich habe dich aus einer Laune meines Herzens zu mir gebracht: ich habe schon lange davon geträumt, wie ich dir manches sagen werde ... dir, gerade dir. Doch übrigens ... übrigens ...“

„Nein, sagen Sie es!“ rief ich. „Ich sehe wieder Aufrichtigkeit in Ihrem Gesicht ... Und sind Sie dann dank Europa wieder auferstanden? Und was war denn eigentlich Ihre ‚aristokratische Schwermut‘? Verzeihen Sie, Liebster, ich verstehe noch nicht ganz.“

„Ob ich dank Europa auferstanden bin? Aber ich fuhr doch damals hin, um Europa zu beerdigen!“

„Beerdigen?“ wiederholte ich verwundert.

Er lächelte.

„Freund Arkadi, meine Seele ist jetzt müde geworden, und mein Geist hat sich aufgelehnt. Niemals werde ich meine ersten Augenblicke damals in Europa vergessen. Ich hatte auch früher schon in Europa gelebt, damals aber war es eine besondere Zeit, und noch nie war ich in einer so trostlosen Trauer und ... mit solcher Liebe nach Europa gereist, wie in jener Zeit. Ich will dir einen von meinen ersten Eindrücken damals erzählen, einen Traum, den ich damals hatte, einen richtigen Traum ... Das war noch in Deutschland. Ich war aus Dresden abgereist und in der Zerstreutheit an der Station vorübergefahren, wo ich hätte umsteigen müssen, und so kam ich auf eine andere Bahnlinie. Natürlich wurde ich gleich auf der nächsten Station abgesetzt; es war drei Uhr nachmittags, ein heller, schöner Tag. Ich befand mich plötzlich in einem kleinen deutschen Städtchen. Man nannte mir ein Gasthaus. Ich mußte warten: der nächste Zug ging erst um elf Uhr nachts. Ich war sogar sehr zufrieden mit diesem Zwischenfall, denn ich hatte ja keine Eile, irgendwohin zu kommen. Ich wanderte, mein Freund, ich wanderte. Das Gasthaus war alt und klein, lag aber ganz im Grünen und war von Blumenbeeten umgeben, wie das in Deutschland üblich ist. Man gab mir ein enges Zimmerchen, und da ich die ganze letzte Nacht auf der Reise nicht geschlafen hatte, legte ich mich nach dem Mittagessen hin und schlief ein. Es war vielleicht vier Uhr.

„Und da hatte ich denn einen wunderlichen Traum, der um so überraschender war, als mir noch nie etwas Ähnliches geträumt hatte. In der Dresdener Galerie hängt ein Bild von Claude Lorrain, das im Katalog als ‚Acis und Galathea‘ angegeben ist – ich habe es immer ‚Das goldene Zeitalter‘ genannt, weshalb, weiß ich selbst nicht. Ich hatte es auch früher schon gesehen, und jetzt, auf der Durchreise vor drei Tagen, war es mir wieder aufgefallen. Dieses Bild sah ich nun im Traum, aber nicht als Bild, sondern als Wirklichkeit. Übrigens weiß ich selbst nicht recht, was mir da eigentlich träumte ... Ich sah jedenfalls – ganz wie es auf jenem Bilde zu sehen ist – ein Eckchen des Griechischen Archipels, und auch die Zeit war gleichsam um dreitausend Jahre zurückversetzt; ich sah blaue, schmeichelnde Wellen, Inseln und Klippen, ein blühendes Gestade, eine wunderbare Ferne, und dazu die untergehende rufende Sonne – es ist mit Worten gar nicht wiederzugeben! In diesem Bilde hat die europäische Menschheit die Erinnerung an ihre Wiege festgehalten, und der Gedanke daran erfüllte auch meine Seele wie mit Heimatliebe. Hier war einmal das irdische Paradies der Menschheit: die Götter stiegen vom Himmel herab und gingen mit den Menschen Verwandtschaft ein ... Oh, dort lebten schöne Menschen! Glücklich und schuldlos erwachten sie und schlummerten sie ein, die Wiesen und Haine waren erfüllt von ihren Liedern und ihrem Jauchzen; der große Überschuß an frischen Kräften strömte in Liebe und reiner Freude aus. Die Sonne umgab sie mit Wärme und Licht und freute sich an ihren schönen Kindern ... Welch ein wunderbarer Traum, welch eine erhabene Irrung der Menschheit! Das goldene Zeitalter ist von allen Illusionen, die die Menschheit jemals gehabt hat, die allerunwahrscheinlichste, und doch haben die Menschen für sie ihr Leben und alle ihre Kräfte hingegeben, für sie sind Propheten getötet worden und gestorben, und ohne sie können die Menschen nicht leben, ja, nicht einmal sterben! Und diese ganze Empfindung durchlebte ich gleichsam in meinem Traum; die Klippen und das Meer und die schrägen Strahlen der Abendsonne – alles das glaubte ich noch zu sehen, als ich erwachte und die Augen aufschlug, die mir buchstäblich von Tränen feucht waren. Ich weiß noch, wie froh mir zumut war. Die Empfindung eines mir bis dahin noch ganz unbekannten Glücks erfüllte mein Herz bis zum Schmerz: das war die Liebe zur ganzen Menschheit ... Es war schon Abend geworden; durch das Fenster meines kleinen Zimmers, durch die Blumen, die auf dem Fensterbrett standen, fielen die letzten grellen Abendsonnenstrahlen und überfluteten mich mit gelbem Licht. Und da, mein Freund, da wurde – die untergehende Sonne des ersten Tages der europäischen Menschheit, die ich in meinem Traum gesehen hatte, für mich, als ich erwachte, sogleich zur untergehenden Sonne des letzten Tages der europäischen Menschheit! Damals war es einem, als zöge durch die Luft Europas Sterbeglockenklang. Ich rede nicht nur vom Kriege und dem Brand der Tuilerien; ich wußte auch ohnedem, daß alles vergehen wird, das ganze Antlitz der europäischen Alten Welt – früher oder später: aber als russischer Europäer konnte ich das nicht zulassen. Ja, die Kommunarden hatten damals gerade die Tuilerien in Brand gesteckt ... Oh, du brauchst dich nicht aufzuregen, ich weiß, daß es ‚logisch‘ war, und begreife nur zu gut die Unabwendbarkeit einer Idee, die im Fluß ist; doch als Träger des höheren russischen Kulturgedankens konnte ich das nicht anerkennen, denn der höhere russische Gedanke ist – die Versöhnung aller Ideen. Und wer hätte damals einen solchen Gedanken verstehen können, wer in der ganzen Welt? Ich war allein. Ich spreche nicht von mir persönlich – ich spreche vom russischen Gedanken. Dort war Kampf und Logik; dort war der Franzose nur Franzose und nichts weiter, und der Deutsche nur Deutscher und nichts weiter, und das waren sie mit noch größerer Ausschließlichkeit und Anspannung, als sie es je zuvor im Lauf ihrer geschichtlichen Entwicklung gewesen sind; folglich hat der Franzose seinem Frankreich und der Deutsche Deutschland niemals so großen Abbruch getan, wie eben in jener Zeit! Damals gab es in ganz Deutschland nicht einen einzigen Europäer! Nur ich allein konnte allen diesen Pariser Petroleumgießern ins Gesicht sagen, daß ihre Zerstörung der Tuilerien – ein Fehler war; und nur ich allein konnte, umgeben von allen diesen nach Rache schreienden Konservativen, diesen Konservativen ins Gesicht sagen, daß die Einäscherung der Tuilerien zwar ein Verbrechen, aber dennoch vollkommen logisch war. Und das alles, mein Junge, weil ich allein, als Russe, damals in ganz Europa der einzige Europäer war. Ich spreche wiederum nicht von mir, sondern von dem russischen Gedanken im allgemeinen. Ich wanderte umher, mein Freund, ich wanderte und wußte genau, daß ich schweigen und weiter wandern mußte. Aber es war mir doch traurig zumute. Ich, mein Junge, ich kann nicht – meinen Adel nicht achten. Du lachst darüber, scheint es?“

„Nein, ich lache nicht,“ sagte ich ergriffen, „ich lache durchaus nicht. Ihre Vision des goldenen Zeitalters hat mein Herz erschüttert, und seien Sie überzeugt, ich fange schon an, Sie zu verstehen. Doch am meisten freue ich mich darüber, daß Sie sich selbst so achten. Ich beeile mich, Ihnen das zu sagen. Das hatte ich von Ihnen gar nicht erwartet!“

„Ich habe dir schon gesagt, mein Freund, daß ich deine Ausrufe sehr liebe,“ sagte er mit einem Lächeln über meinen naiven Ausruf, erhob sich von seinem Platz und begann, wohl ohne sich dessen bewußt zu sein, im Zimmer auf und ab zu schreiten. Ich erhob mich gleichfalls. Er fuhr in seinen seltsamen Bekenntnissen fort, und er sprach tief durchdrungen von seinem Gedanken:

III.

„Ja, mein Junge, ich sage es dir nochmals, ich kann nicht anders als meinen Adel achten. Bei uns in Rußland hat sich im Laufe von Jahrhunderten ein gewisser höherer Kulturtyp herausgebildet, den man bisher überhaupt nicht gekannt hat, und den es sonst in der ganzen Welt nicht gibt: der Typ des universalen Leidens um alle. Es ist das ein ausschließlich russischer Typ, und da er sich in der höheren Kulturschicht des russischen Volkes entwickelt hat, so habe ich ganz von selbst die Ehre, ihm anzugehören. In seiner Hut ist die Zukunft Rußlands. Unser sind vielleicht im ganzen nur tausend Menschen – vielleicht mehr, vielleicht weniger – aber ganz Rußland hat vorläufig nur zu dem Zweck gelebt, um dieses Tausend hervorzubringen. Man wird sagen, das sei wenig; man wird mit Entrüstung einwenden, daß also alle unsere Jahrhunderte und soviel Millionen Menschen für dies geringe Ergebnis, für ein einziges Tausend Menschen hingegeben und verschwendet sein sollen! Doch – meiner Überzeugung nach ist das gar nicht so wenig.“

Ich hörte ihm mit größter Spannung zu. Aus ihm sprach seine Überzeugung, und ich sah auf einmal die Richtung seines ganzen Lebens. Was er von den „tausend Menschen“ sagte, zeichnete ihn selbst so plastisch! Ich fühlte auch, daß eine von außen gekommene Erschütterung den Anstoß zu seiner Mitteilsamkeit mir gegenüber gegeben hatte. Während er mir alle diese glühenden Reden hielt – liebte er mich; doch der Grund, weshalb er plötzlich zu mir zu sprechen anfing, und warum es ihn so verlangte, gerade mit mir zu sprechen, blieb mir noch immer unerklärlich.

„Ich wanderte aus,“ fuhr er fort, „und was ich auch hinter mir ließ, es tat mir um nichts leid. Was nur in meinen Kräften gelegen hat, habe ich in den Dienst Rußlands gestellt, damals, als ich hier wirken konnte; und als ich Rußland verließ, fuhr ich fort, ihm zu dienen, nur mit dem Unterschied, daß ich meine Idee erweiterte. Aber indem ich Rußland auf diese Weise diente, leistete ich ihm einen viel größeren Dienst, als wenn ich nur Russe und nichts weiter gewesen wäre, so wie damals der Franzose nur Franzose und der Deutsche nur Deutscher war. In Europa kann man das vorläufig noch nicht verstehen. Europa hat die vornehmen Typen des Franzosen, des Engländers, des Deutschen geschaffen, aber von seinem zukünftigen Menschen weiß es fast noch nichts. Und ich glaube, es will auch noch nichts von ihm wissen. Das ist auch ganz verständlich: sie sind nicht frei, wir aber sind frei. Nur ich allein in Europa, nur ich mit meiner russischen Schwermut, war damals frei ...“

„Merke dir etwas Eigentümliches, mein Freund: jeder Franzose kann nicht nur seinem Frankreich, sondern auch der ganzen Menschheit einzig unter der Bedingung dienen, daß er so viel wie nur irgend möglich Franzose bleibt; und ebenso ist es mit dem Engländer und dem Deutschen. Nur der Russe allein hat sogar schon in unserer Zeit, also schon viel früher als die endgültige Summe gezogen wird, bereits diese Gabe erhalten, eben dann am meisten Russe zu sein, wenn er am meisten Europäer ist. Und das ist der wesentlichste nationale Unterschied zwischen uns und allen anderen: in der Beziehung sind wir etwas ganz Einzigartiges! Mit einem Franzosen bin ich Franzose, mit einem Deutschen ein Deutscher, mit einem alten Griechen ein Grieche, und eben dadurch diene ich gleichzeitig Rußland am allermeisten, denn ich vertrete somit Rußlands Hauptgedanken. Ich bin ein Pionier dieses Gedankens! Damals wanderte ich aus, aber verließ ich denn deshalb Rußland? Nein, ich diente ihm weiter. Und mag ich in Europa auch nichts getan haben, mag ich auch nur ausgewandert sein, um dort umherzuwandern (und ich wußte ja schon im voraus, daß ich nichts anderes tun würde), aber auch das war schon genug, daß ich mit dem russischen Gedanken und mit meinem Bewußtsein hinfuhr. Ich brachte meine russische Schwermut dorthin. Oh, es war nicht das Blut, das damals vergossen wurde, was mich erschreckte, und nicht einmal die Zerstörung der Tuilerien, sondern alles, was darauf folgen muß. Jenen Völkern ist bestimmt, noch lange gegen einander zu kämpfen, denn sie sind noch gar zu ausschließlich Deutsche und gar zu ausschließlich Franzosen, und sie haben ihre Aufgaben in diesen Rollen noch nicht erfüllt. Und so lange tut es mir eben leid um die Zerstörung. Für den Russen ist Europa genau so teuer wie Rußland: jeder Stein Europas ist mir lieb und wert. Europa ist genau so unser Vaterland gewesen wie Rußland. Oh, noch mehr! Niemand kann Rußland glühender lieben, als ich es liebe, und doch habe ich mir nie einen Vorwurf deshalb gemacht, daß Venedig, Rom, Paris, die Schätze ihrer Kunst und Wissenschaft, daß ihre ganze Geschichte mir lieber ist als die Rußlands. Oh, diese alten fremden Steine, diese Wunder der alten Gotteswelt, diese Bruchstücke heiliger Wunder sind uns teuer, uns Russen; und sie sind uns sogar teurer als den Völkern selbst, denen sie jetzt gehören! Sie haben dort jetzt andere Gedanken und andere Gefühle, die alten Steine haben für sie den Wert verloren ... Der Konservative kämpft dort nur noch um seine Existenz, und auch der Petroleur zerstört die Tuilerien nur, weil es ihm um das Recht auf seinen Anteil zu tun ist. Nur Rußland lebt nicht für sich, sondern für eine Idee, und du wirst mir zugeben, mein Freund, daß es doch eine bedeutsame Tatsache ist, daß Rußland fast schon ein ganzes Jahrhundert entschieden nicht für sich, sondern nur für Europa lebt! Und die anderen? Oh, ihnen sind noch schreckliche Qualen bestimmt, bevor sie das Reich Gottes erlangen werden.“

Ich muß gestehen, ich hörte ihm in nicht geringer Verwirrung zu; selbst der Ton seiner Rede erschreckte mich, doch seine Gedanken machten nichtsdestoweniger den größten Eindruck auf mich. Ich fürchtete fast krankhaft, Unwahres von ihm zu hören. Plötzlich bemerkte ich mit strenger Stimme:

„Sie sagten soeben ‚das Reich Gottes‘. Ich habe gehört, Sie hätten dort im Auslande Gott verkündet und nach Büßerart Ketten getragen?“

„Meine Ketten lassen wir beiseite,“ sagte er lächelnd, „das ist etwas ganz anderes. ‚Verkündet‘ habe ich damals noch nichts, aber um ihren Gott hat es mich geschmerzt – das ist wahr. Sie verkündeten damals den Atheismus ... wenn es auch nur ein Häuflein von ihnen tat, aber die Zahl ist ja unwichtig; es waren nur die ersten Vorläufer, aber die Tat war doch der erste ausgeführte Schritt – das ist das Wichtige! Hier war es wieder ihre Logik; aber in der Logik liegt doch immer Schwermut. Ich war von anderer Kultur, und mein Herz ließ das nicht zu. Diese Undankbarkeit, mit der sie sich von der Idee trennten, dieses Auspfeifen und mit Schmutz bewerfen waren mir unerträglich. Die Schusterhaftigkeit des Vorgangs widerte mich an. Übrigens haftet der Wirklichkeit immer etwas von Schusterhaftigkeit an, selbst wenn sie aus einem noch so reinen Streben zum Ideal hervorgeht. Ich hätte das natürlich wissen müssen, aber ich war nun einmal ein anderer Typus Mensch: ich war frei in der Wahl, sie waren es nicht, und ich weinte, weinte an ihrer Statt, weinte um die alte Idee, und – vielleicht weinte ich sogar wirkliche Tränen, ohne Beschönigung sei’s gesagt.“

„Haben Sie so stark an Gott geglaubt?“ fragte ich mißtrauisch.

„Mein Freund, diese Frage war – vielleicht überflüssig. Nehmen wir an, ich hätte nicht so ganz geglaubt, aber auch dann hätte ich doch nicht umhin gekonnt, um die Idee zu trauern. So konnte ich auch nicht umhin, mir bisweilen vorzustellen, wie der Mensch ohne Gott leben würde, und unter welchen Umständen das wohl jemals möglich wäre. Mein Herz hat mir immer gesagt, daß es unmöglich ist; aber eine gewisse Zeitlang wird es vielleicht doch möglich sein ... Für mich gibt es sogar überhaupt keinen Zweifel daran, daß diese Zeit einmal kommen wird; aber da habe ich mir immer ein anderes Bild vorgestellt ...“

„Was für eines?“

Er hatte freilich zu Anfang schon selbst gesagt, daß er glücklich sei, und gewiß lag in seinen Worten viel Begeisterung: danach beurteile ich denn auch das meiste von dem, was ihm damals über die Lippen kam. Selbstverständlich kann ich mich nicht entschließen, alles hier schwarz auf weiß wiederzugeben, was wir damals sprachen, da ich diesen Menschen achte; aber ein paar Striche dieses wunderlichen Bildes, dessen Skizzierung ich ihm schließlich noch entlockte, möchte ich hier doch wiederzugeben versuchen. Vor allem hatten mich diese angeblich von ihm getragenen Ketten immer schon und die ganze Zeit vorher gequält, und da ich darüber endlich Klarheit haben wollte, ließ ich nicht davon ab: einige phantastische und sehr seltsame Ideen, die er damals aussprach, haben sich für ewig in mein Herz geprägt.

„Ich versuche mir vorzustellen, mein Lieber,“ begann er nachdenklich und mit einem eigenen Lächeln, „wie es sein wird, wenn der Kampf schon beendet und der Streit beigelegt ist. Nach den Flüchen und Verwünschungen, nach dem Auspfeifen und mit Schmutz bewerfen ist endlich eine Stille eingetreten, und die Menschen sind allein geblieben, wie sie es gewünscht hatten: die große frühere Idee hat sie verlassen; die große Quelle der Kraft, die sie bislang genährt und gewärmt hatte, ist versiegt, ist untergegangen, ganz wie die mächtige rufende Sonne auf dem Bilde von Claude Lorrain, nur daß hier damit gleichsam der letzte Tag der Menschheit anbrach. Und die Menschen begriffen auf einmal, daß sie ganz allein geblieben waren, und da empfanden sie plötzlich eine große Verwaistheit. Mein lieber Junge, ich habe mir die Menschen niemals undankbar und verdummt vorzustellen vermocht. Ich bin überzeugt, diese verwaisten Menschen würden sich sogleich enger und liebevoller zueinander drängen; sie würden sich an den Händen fassen und begreifen, daß sie jetzt ganz allein alles füreinander sind! Die große Idee der Unsterblichkeit wäre verschwunden, und man müßte sie durch eine andere ersetzen; und der ganze riesige Überschuß der früheren Liebe zu dem, der ja die Unsterblichkeit war, würde sich in allen Menschen der Natur, der Welt, jedem Atom des Seienden zuwenden. Und sie würden die Erde und das Leben unsagbar liebgewinnen – um so mehr, je mehr sie ihre eigene Vergänglichkeit und Endlichkeit erkennen würden, und lieben würden sie bereits mit einer ganz besonderen, einer ganz neuen Liebe, nicht mehr mit der früheren alten Liebe. In der Natur würden sie Erscheinungen und Geheimnisse entdecken, von denen sie sich früher nicht einmal haben träumen lassen, denn sie würden die Natur mit neuen Augen sehen, wie ein Liebender die Geliebte sieht. Sie würden nach diesem Erwachen sich beeilen, einander zu küssen, sie würden sich beeilen, zu lieben, in dem Bewußtsein, daß ihre Tage kurz sind, daß ihr Leben auf Erden alles ist, was ihnen verbleibt. Sie würden füreinander arbeiten, und ein jeder würde alles, was er hat, mit allen teilen, und schon das allein würde ihn glücklich machen. Jedes Kind würde wissen und fühlen, daß jeder Mensch auf Erden ihm Vater und Mutter ist. ‚Und sollte auch morgen mein letzter Tag sein,‘ würde ein jeder denken, wenn er die sinkende Sonne sieht, ‚was hat das zu sagen; ich sterbe, aber alle die anderen bleiben, und nach ihnen ihre Kinder‘. Und dieser Gedanke, daß die anderen bleiben und sich gegenseitig immer so lieben werden, und ein jeder sich um jeden sorgen wird, dieser Gedanke würde die frühere Hoffnung auf ein Wiedersehen nach dem Tode ersetzen. Oh, sie würden sich beeilen und nicht ablassen, zu lieben, um die große Trauer in ihren Herzen zu löschen. Für sich selbst wären sie stolz und kühn, doch wenn es sich um andere handelt, zaghaft und ängstlich; ein jeder würde um das Leben und das Glück jedes anderen bangen. Sie würden zärtlich zueinander sein und würden sich dessen nicht schämen, wie jetzt, und würden einander liebkosen wie Kinder. Sie würden einander mit tiefem und denkendem Blick ansehen, und in ihrem Blick würde Liebe und Trauer liegen ...

„Mein Lieber,“ unterbrach er sich plötzlich mit einem Lächeln, „das sind ja alles nur Vorstellungen der Einbildung, und noch dazu die unwahrscheinlichsten; aber ich habe sie mir schon gar zu oft vorgestellt, weil ich ohne sie nicht sein konnte, und so habe ich mein Leben lang daran gedacht. Ich spreche nicht von meinem Glauben: mein Glaube ist groß, ich bin Deist, philosophischer Deist, wie es alle von unserem Tausend, glaube ich, sind; aber ... aber merkwürdigerweise habe ich diese Vorstellung immer mit einer Vision abgeschlossen, ähnlich der Heineschen von Christus auf dem Meere. Ich konnte nicht umhin, ihn mir schließlich unter den verwaisten Menschen vorzustellen, wie er zu ihnen kommt, ihnen die Hände entgegenstreckt und sagt: ‚Wie konntet ihr mich vergessen?‘ Und da fällt es gleichsam wie Schuppen von den Augen aller, und es ertönt die große begeisterte Hymne der neuen und letzten Auferstehung ...

„Lassen wir das, mein Freund; und auch meine ‚Ketten‘ – es war nichts damit; du brauchst dich ihretwegen nicht zu beunruhigen. Und noch eins: du weißt, daß ich im Sprechen schamhaft und nüchtern bin, und wenn ich jetzt etwas mehr aus mir herausgegangen bin, so geschah das ... aus verschiedenen Gefühlen und weil du es warst; zu einem anderen würde ich niemals davon gesprochen haben. Das sage ich dir zu deiner Beruhigung.“

Ich war nahezu erschüttert: von der Unaufrichtigkeit, die zu hören ich gefürchtet hatte, war keine Spur zu entdecken gewesen, und mit besonderer Freude erfüllte mich die endlich einmal sichere Erkenntnis, daß er wirklich gelitten und sich gequält und zweifellos viel geliebt hatte, – das aber war für mich das Teuerste. Ganz entzückt teilte ich ihm denn auch sofort meinen Eindruck mit.

„Aber wissen Sie,“ fügte ich plötzlich hinzu, „mir scheint doch, Sie müssen damals trotz Ihres ganzen Schmerzes unendlich glücklich gewesen sein?“

Er lachte heiter auf.

„Du bist heute besonders scharfsinnig in deinen Bemerkungen,“ sagte er. „Nun ja, ich war glücklich, und wie hätte ich auch mit einem solchen Schmerz unglücklich sein können? Es gibt nichts Freieres und Glücklicheres als einen russisch-europäischen Herumstreicher, einen von unserem Tausend. Das sage ich aber keineswegs im Scherz, darin liegt vielmehr sehr viel Ernstes. Ja, meinen Schmerz hätte ich doch gegen kein anderes Glück eingetauscht. In diesem Sinne bin ich immer glücklich gewesen, mein Lieber, in meinem ganzen Leben. Und vor Glück begann ich damals, deine Mutter zu lieben, zum erstenmal in meinem Leben.“

„Wie das: zum erstenmal in Ihrem Leben?“

„Ja, wie ich sagte. Wie ich so mit meinem Schmerz und meiner unbestimmten Sehnsucht umherstreifte, begann ich sie auf einmal zu lieben, wie ich sie noch nie geliebt hatte, und da ließ ich sie sofort kommen.“

„Oh, erzählen Sie mir auch davon, erzählen Sie mir von Mama!“

„Zu dem Zweck habe ich dich ja zu mir gebracht, und weißt du,“ sagte er lächelnd, „ich fürchtete schon, daß du mir alles, was ich deiner Mutter zugefügt habe, um einer Beziehung zu Alexander Herzen oder um irgendeiner erbärmlichen Verschwörung willen verziehen hättest ...“