I.
Da wir damals den ganzen Abend sprachen und bis tief in die Nacht hinein zusammensaßen, so will ich nicht unsere ganze Unterhaltung wiedergeben, sondern nur noch das, was mich damals endlich über einen rätselhaften Punkt in seinem Leben aufklärte.
Ich möchte mit der Versicherung beginnen, daß ich an seiner Liebe zu Mama nicht zweifle; wenn er sie damals verlassen und vor der Abreise seine Verbindung mit ihr gelöst hatte, so hatte er das wohl nur getan, weil er sich zu langweilen begann, oder aus irgendeinem ähnlichen Grunde, was einem jeden von uns in der Welt widerfahren kann, und was im einzelnen immer schwer zu erklären ist. Im Auslande hatte er dann plötzlich, allerdings erst nach längerer Zeit, Mama in ihrer Abwesenheit wieder zu lieben angefangen, das heißt, in der Erinnerung, und da hatte er sie sogleich zu sich gerufen. Man wird vielleicht sagen: „Eine Laune!“ Ich aber sage etwas anderes: meiner Überzeugung nach lag hierin alles, was es im Menschenleben nur Ernstes gibt, ungeachtet der ganzen Müßiggängerei und daraus folgenden Langweile, deren teilweise Mitwirkung ich meinetwegen zugeben will. Aber ich schwöre, daß ich seinen europäischen Schmerz ohne zu zögern nicht nur so hoch wie eine beliebige neuzeitlich praktische Betätigung etwa im Eisenbahnbau anschlage, sondern noch unvergleichlich höher. Seine Liebe zur Menschheit erkenne ich als das aufrichtigste und tiefste Gefühl ohne jede Vorgaukelei an, und seine Liebe zu Mama als etwas vollkommen Unanfechtbares, wenn auch vielleicht ein wenig Phantastisches. Im Auslande, in seinem „Schmerz und Glück“, und ich füge hinzu: in seiner strengsten mönchischen Einsamkeit (diesen besonderen Aufschluß erhielt ich erst später durch Tatjana Pawlowna) erinnerte er sich auf einmal an Mama – erinnerte sich gerade ihrer „eingefallenen Wangen“, und da ließ er sie gleich kommen.
„Mein Freund,“ entfuhr es ihm unvorsichtigerweise, „ich erkannte plötzlich, daß meine Idee, wenn ich ihr in dieser Weise diente, mich als sittlich bewußtes Wesen durchaus nicht von der Pflicht befreite, in meinem Leben wenigstens einen Menschen praktisch glücklich zu machen.“
„War wirklich ein solcher Buchgedanke der ganze Anlaß?“ fragte ich verwundert.
„Das ist kein Buchgedanke. Oder übrigens – meinetwegen. Trotzdem traf da alles zusammen: ich liebte deine Mutter doch wirklich und aufrichtig, nicht mit abstrakter Liebe. Hätte ich sie nicht so geliebt, dann hätte ich sie doch nicht kommen lassen, sondern hätte den ersten besten, irgendeinen Deutschen oder eine Deutsche ‚glücklich gemacht‘, da ich mich nun einmal von dieser Pflicht überzeugt hatte. Aber die Pflicht, unbedingt wenigstens einen Menschen in seinem Leben glücklich zu machen, und zwar praktisch, das heißt, in Wirklichkeit, würde ich für jeden entwickelten Menschen einfach zum Gebot erheben; ganz wie ich im Hinblick auf die Entwaldung Rußlands jeden Bauern gesetzlich zwingen würde, in seinem Leben wenigstens einen Baum zu pflanzen. Übrigens, ein Baum wäre zu wenig, man könnte eigentlich verlangen, daß er in jedem Jahr einen Baum pflanze. Ein höher entwickelter Mensch, der eine höhere Idee verfolgt, läßt sich bisweilen von der Wirklichkeit vollkommen ablenken, wird lächerlich, eigensinnig und kalt, ja, ich kann sogar sagen – dumm, und das nicht nur im praktischen Leben, sondern zu guter Letzt sogar auch in seinen Theorien. So würde die Pflicht, sich praktisch im Leben zu betätigen und wenigstens einen Menschen praktisch zu beglücken, alles gutmachen und den Wohltäter selbst erfrischen und beleben. Als Theorie hört sich das sehr lächerlich an; doch wenn sich das praktisch durchsetzen und zum allgemeinen Brauch werden würde, so wäre das ganz und gar nicht lächerlich. Ich habe das an mir selbst erfahren: kaum hatte ich diese Idee von dem neuen Gebot zu entwickeln begonnen – und anfangs tat ich das natürlich nur halb im Scherz – als ich plötzlich auch die ganze Größe der in mir verborgenen Liebe zu deiner Mutter zu erkennen anfing. Bis dahin hatte ich überhaupt nicht begriffen, daß ich sie liebte. Solange ich mit ihr gelebt hatte, war sie für mich nur zu meinem Vergnügen dagewesen, solange sie noch hübsch war, und nachher hatte ich sie mit meinen Launen gequält. Erst in Deutschland begriff ich, daß ich sie liebte. Es begann mit der Erinnerung an ihre eingefallenen Wangen, an die ich niemals ohne Schmerz habe denken, und die ich manchmal nicht einmal ohne Schmerz habe sehen können – einen buchstäblichen, wirklichen Schmerz. Es gibt schmerzhafte Erinnerungen, mein Lieber, die uns wirklichen, körperlichen Schmerz verursachen; fast jeder Mensch hat solche Erinnerungen, nur vergessen die Menschen sie gewöhnlich. Aber dann geschieht es bisweilen, daß sie ihnen plötzlich wieder einfallen, wenn es auch nur irgendein kleiner Zug ist, der ihnen einfällt, und dann können sie die Erinnerung nicht mehr abschütteln. So begann ich damals, tausend verschiedene Einzelheiten aus meinem Leben mit Ssonjä mir ins Gedächtnis zurückzurufen; bald kamen sie von selbst, und schließlich stürmten sie in Massen auf mich ein und hätten mich fast totgequält, während ich auf Ssonjä wartete. Ganz besonders quälte mich die Erinnerung an ihre ewige Unterwürfigkeit mir gegenüber, und daran, wie sie sich beständig für tief unter mir stehend gehalten hatte, in jeder Beziehung, stell dir vor, sogar körperlich. Sie schämte sich und wurde glühend rot, wenn ich auf ihre Hände oder Finger sah, die ja gar nicht aristokratisch sind. Und nicht nur ihrer Finger schämte sie sich, – sie schämte sich ihres ganzen Äußeren, ungeachtet dessen, daß ich doch ihre Schönheit liebte. Sie war mir gegenüber schon immer von einer Schamhaftigkeit gewesen, die ich geradezu unverständlich fand, doch das Schlimme war, daß aus dieser Schamhaftigkeit immer eine Art Angst hervorsah. Sie hielt sich, wenigstens vor mir, für etwas ganz Wertloses oder fast Unanständiges. Glaube mir, ich habe in der ersten Zeit manchmal gedacht, sie halte mich immer noch für ihren Gutsherrn und fürchte mich, aber das war es nicht, der Grund war ein ganz anderer. Und dabei war sie, ich schwöre dir, mehr als jeder andere fähig, meine Mängel zu erkennen; überhaupt bin ich in meinem Leben keiner Frau begegnet, die ein so feinfühliges und verstehendes Herz gehabt hätte wie sie. Oh, wie war sie unglücklich, wenn ich in der ersten Zeit, als sie noch so hübsch aussah, von ihr verlangte, sie solle sich schmücken. Da war es nicht nur ihre Eigenliebe, sondern noch irgendein anderes Gefühl, das sich dadurch gekränkt fühlte: sie begriff, daß sie niemals eine Dame sein konnte und in einem ihr fremden Kleide immer nur lächerlich aussehen werde. Sie aber, als Frau, wollte nicht lächerlich sein in ihren Kleidern, denn sie fühlte wohl, daß jede Frau ihre Kleidung hat, was Tausende und Hunderttausende von Frauen nie begreifen, die sich immer nur nach der Mode kleiden wollen. Sie fürchtete sich vor meinem spöttischen Blick – das war’s! Aber besonders schmerzlich war mir die Erinnerung an ihren tief verwunderten Blick, den ich in der Zeit unseres Zusammenlebens so oft auf mir hatte ruhen fühlen: in diesem Blick hatte immer ein vollkommenes Sichbewußtsein ihres Geschicks und der sie erwartenden Zukunft gelegen, so daß es mir selber unter diesem Blick schwer ums Herz geworden war, obgleich ich mich damals in Gespräche mit ihr nicht eingelassen und alles dies, ich muß gestehen, gewissermaßen von oben herab behandelt hatte. Sie war doch nicht immer so scheu und ängstlich wie jetzt; und auch jetzt kommt es ja noch bisweilen vor, daß sie plötzlich fröhlich wird, und die Fröhlichkeit sie so verjüngt, daß sie wie eine Zwanzigjährige aussieht; in ihrer Jugend aber liebte sie es sehr, zu scherzen und zu lachen, natürlich nur unter ihresgleichen – so mit den Mädchen und dem ganzen Frauenvolk, das sich in unseren Gutshäusern einzunisten pflegt ... und wie sie zusammenfuhr, wenn ich sie beim Lachen überraschte, wie sie dann rot wurde, wie scheu sie mich ansah! Einmal, das war vor meiner Abreise ins Ausland, das heißt, kurz bevor ich die Ehe mit ihr löste, kam ich in ihr Zimmer und traf sie ganz allein an: sie saß ohne Arbeit an ihrem Tischchen, die Arme aufgestützt und tief in Gedanken. Es kam fast nie vor, daß sie so ohne Arbeit saß. Damals war ich schon lange nicht mehr zärtlich zu ihr gewesen. Es gelang mir, mich ganz leise ihr zu nähern, und auf einmal umfaßte und küßte ich sie ... Sie sprang auf – oh, nie werde ich diese Seligkeit vergessen, dieses Glück in ihrem Gesicht, doch plötzlich wich das alles einem heißen Erröten, und ihre Augen sprühten. Weißt du, was ich in diesem sprühenden Blick las? ‚Du hast mir ein Almosen gegeben – als ob ich’s nicht wüßte!‘ Sie brach in hysterisches Weinen aus, ich hätte sie erschreckt, sagte sie; aber ich wurde sogar damals nachdenklich. Und überhaupt – alle diese Erinnerungen sind etwas sehr Schweres, mein Freund. Das ist ähnlich wie mit gewissen schmerzhaften Szenen in den Dichtungen der großen Künstler, an die man sein Leben lang mit einem Schmerzempfinden denkt, – zum Beispiel der letzte Monolog Othellos bei Shakespeare, oder wie Puschkins Eugen Onégin vor Tatjana kniet, oder in den Misérables von Victor Hugo die Begegnung des entsprungenen Sträflings mit dem kleinen Mädchen in der kalten Nacht am Brunnen; das durchbohrt einem einmal das Herz, und die Wunde vernarbt nie wieder. Oh, wie sehnsüchtig wartete ich damals auf Ssonjä, ich konnte es nicht erwarten, sie in meine Arme zu schließen! In fiebernder Ungeduld träumte ich von einem ganz neuen Leben; ich träumte davon, wie ich mit liebevoller Geduld diese beständige Angst vor mir in ihrer Seele zerstören, ihr ihren eigenen Wert klarmachen und ihr auseinandersetzen würde, worin sie sogar über mir stand! Oh, ich wußte auch damals schon und nur zu gut, daß ich deine Mutter immer dann zu lieben anfing, wenn wir getrennt waren, und daß ich immer kühl zu ihr wurde, wenn ich mit ihr wieder zusammenkam; aber damals war es nicht das, damals war es etwas ganz anderes.“
Ich wunderte mich. „Und sie?“ fuhr es mir durch den Kopf.
Ich fragte vorsichtig: „Und wie trafen Sie denn damals mit Mama zusammen?“
„Damals? Ja, zu diesem Zusammentreffen kam es damals gar nicht. Sie kam nur bis Königsberg und blieb dort, ich aber war am Rhein. Ich fuhr ihr nicht entgegen, sondern schrieb ihr, sie solle dort bleiben und warten. Wir sahen uns erst viel später, oh, erst nach langer Zeit, als ich zu ihr reiste, um von ihr die Einwilligung zu jener Heirat zu erbitten ...“
II.
Von unserem weiteren Gespräch will ich nur das wiedergeben, was ich von ihm damals an Tatsachen erfuhr, und wie ich mir den Sachverhalt später selbst klargemacht habe. Er erzählte mir das alles ziemlich sprunghaft. Überhaupt wurde seine Art, zu erzählen, unvergleichlich wirrer, unklarer, als er auf diesen Punkt zu sprechen kam.
Er war damals plötzlich Katerina Nikolajewna begegnet, ganz unerwartet, gerade in der Zeit, als er Mama erwartete und im Augenblick seiner größten Sehnsucht nach ihr. Sie hielten sich damals alle in einem Kurort am Rhein auf und tranken da irgendeinen Brunnen. Katerina Nikolajewnas Mann war schon von den Ärzten aufgegeben worden, oder wenigstens hatten sie erkannt, daß sie ihm nicht mehr helfen konnten. Schon bei der ersten Begegnung hatte sie einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, hatte ihn durch irgend etwas förmlich bezaubert. Das war ein Fatum! Sonderbar: jetzt, wo ich unser Gespräch niederschreibe und mir alles wieder vergegenwärtige, kann ich mich nicht erinnern, daß er damals auch nur einmal das Wort „Liebe“ gebraucht hätte oder den Ausdruck, er sei „verliebt“ gewesen. Doch des Wortes „Fatum“ erinnere ich mich noch sehr gut.
Ja, das war allerdings Fatum. Er hatte es nicht gewollt, er „hatte nicht lieben wollen“. Ich weiß nicht, ob ich das verständlich werde wiedergeben können; jedenfalls empörte sich alles in ihm allein schon gegen die Tatsache, daß so etwas mit ihm hatte geschehen können. Alles, was an Freiheit in ihm gewesen war, war durch diese Begegnung wie mit einem Schlage vernichtet, und der Mensch fühlte sich an eine Frau gefesselt, die ihn nichts anging. In diese Sklaverei der Leidenschaft war er gegen seinen Willen geraten. Ich sage jetzt ohne weiteres: Katerina Nikolajewna ist ein sehr seltener Typus einer Weltdame – ein Typus, den es in diesen Kreisen vielleicht so gut wie überhaupt nicht gibt. Es ist das der Typus einer im höchsten Grade einfachen und aufrichtigen Frau. Ich habe gehört, das heißt, ich weiß genau, daß sie eben dadurch in der Gesellschaft unwiderstehlich wirkte, wenn sie in ihr erschien (es war aber schon oft vorgekommen, daß sie sich auf längere Zeit von allem Verkehr zurückzog). Werssiloff hatte damals bei der ersten Begegnung selbstverständlich nicht geglaubt, daß sie so wäre, sondern hatte gerade das Gegenteil vermutet, daß sie eine Heuchlerin und Jesuitin sei. Ich möchte hier gleich ihr Urteil über ihn wiedergeben: sie beteuerte, er habe von ihr auch gar nicht anders denken können, „denn ein Idealist, der auf die Wirklichkeit stößt, ist immer eher als alle anderen geneigt, jede Schändlichkeit vorauszusetzen“. Ich weiß nicht, ob das auf die Idealisten im allgemeinen zutrifft, aber auf ihn traf es durchaus zu. Hier werde ich meinetwegen auch noch meine Ansicht anführen, zu der ich schon damals kam, als ich noch dort saß und ihm zuhörte. Ich dachte bei mir, er werde meine Mutter wohl mehr mit einer allgemein menschlichen Liebe geliebt haben als mit der Liebe, mit der man sonst Frauen liebt; und als er dann einer Frau begegnete, die in ihm eine solche Liebe erweckte, da lehnte er sich gleich gegen diese Liebe auf – wahrscheinlich, weil er daran nicht gewöhnt war. Übrigens ist es möglich, daß diese Auffassung falsch ist, – ihm gegenüber habe ich sie natürlich nicht geäußert; es wäre taktlos gewesen. Und außerdem war er in einer solchen Verfassung, daß er wirklich der Schonung bedurfte: er war sehr erregt, und an manchen Stellen seiner Erzählung verstummte er plötzlich und schwieg mehrere Minuten lang, während er mit bösem Gesicht im Zimmer auf und ab ging.
Sie hatte damals sein Geheimnis bald erraten. Oh, vielleicht hatte sie mit ihm sogar absichtlich kokettiert: in solchen Fällen sind ja selbst die reinsten Frauen gewissenlos, das ist nun mal ihr unbezwingbarer Instinkt. Es endete zwischen ihnen mit einem erbitterten Zerwürfnis: er wollte sie, glaube ich, erschießen; jedenfalls hatte er sie in Angst und Schrecken versetzt, und vielleicht hätte er sie auch umgebracht, „aber alles verwandelte sich in Haß“. Und dann kam für ihn eine sonderbare Zeit: er stellte sich auf einmal die Aufgabe, sich durch strengste Zucht zu quälen, „durch dieselbe Zucht, die die Mönche anwenden. Man bezwingt allmählich und durch methodische Übung seinen Willen, man fängt mit den lächerlichsten und nichtigsten Dingen an und endet damit, daß man seinen Willen vollkommen beherrscht, und eben dadurch vollkommen frei wird,“ sagte er. Er fügte hinzu, bei den Mönchen sei das eine ernste Sache, da tausendjährige Übung die Zucht zur Wissenschaft erhoben habe. Aber das merkwürdigste war, daß er sich diese Idee von der Zucht nicht etwa deshalb in den Kopf gesetzt hatte, um sich von Katerina Nikolajewna losreißen zu können, sondern in der vollkommenen Überzeugung, daß er nicht nur sie zu lieben aufgehört habe, sondern sie bereits aufrichtig hasse. An diesen seinen Haß glaubte er so fest, daß er plötzlich sogar auf den Gedanken kam, sich in ihre Stieftochter zu verlieben und die arme, vom Fürsten Ssergei Petrowitsch Betrogene zu heiraten. An seiner neuen Liebe zweifelte er überhaupt nicht mehr, und die arme Idiotin verliebte sich so grenzenlos in ihn, daß er ihr durch diese Liebe in den letzten Monaten ihres Lebens das größte Glück bescherte. Warum er aber damals statt auf den Gedanken an sie, nicht auf den Gedanken an Mama gekommen war, die ihn immer noch in Königsberg erwartete – ist für mich unverständlich geblieben. Ja, gerade Mama hatte er auf einmal vollständig vergessen, hatte ihr nicht einmal Geld zum Leben geschickt, und erst Tatjana Pawlowna hatte die Arme aus Königsberg abgeholt und dadurch gerettet; aber plötzlich war er dann doch zu Mama gefahren, um von ihr die Erlaubnis zu erbitten, jenes junge Mädchen zu heiraten, unter dem Vorwande, „daß eine solche Braut doch keine Frau sei“. Oh, vielleicht ist dies alles nur das Bild eines „abstrakten Menschen“, wie Katerina Nikolajewna ihn später einmal genannt hat; aber wie kommt es denn, daß diese abstrakten Menschen (wenn es wahr ist, daß sie abstrakt sind) zugleich fähig sind, auf eine so konkrete Weise, so wirklich und unabstrakt sich zu quälen und tragisch zu werden? Übrigens, damals, an jenem Abend, dachte ich ein wenig anders, und mich erschütterte ein Gedanke:
„Sie haben Ihre Entwicklung, Ihre ganze wissende Seele durch lebenslängliches Leid und ewigen Kampf erworben – sie aber hat ihre ganze Vollkommenheit umsonst bekommen. Das ist eine Ungleichheit ... In der Beziehung sind die Frauen wirklich empörend!“ Ich sagte das durchaus nicht, um mich ihm angenehm zu machen, sondern heftig und sogar mit Unwillen.
„Vollkommenheit? Ihre Vollkommenheit? Aber von einer solchen kann doch bei ihr überhaupt nicht die Rede sein!“ sagte er plötzlich, fast verwundert über meine Worte. „Das ist doch eine ganz gewöhnliche Frau, sogar eine ganz wertlose Frau ... Aber sie ist eben verpflichtet, alle Vollkommenheiten zu haben!“
„Warum verpflichtet?“
„Weil sie, wenn sie eine solche Macht besitzt, einfach verpflichtet ist, auch alle Vollkommenheiten zu besitzen!“ rief er zornig.
„Das Bedauerlichste ist, daß Sie auch jetzt noch so gequält sind!“ entschlüpfte es mir plötzlich ganz ungewollt.
„Jetzt? Gequält?“ wiederholte er zum zweitenmal meine Worte, während er wie verständnislos vor mir stehen blieb.
Und da erschien auf einmal ein stilles, langsames Lächeln in seinem tief nachdenklichen Gesicht, und er legte die Hand auf die Stirn, als versuche er etwas zusammenzureimen. Und dann, nachdem er wieder wie zu sich gekommen war, nahm er vom Schreibtisch einen geöffneten Brief und warf ihn mir hin:
„Da, lies! Du mußt unbedingt alles erfahren ... warum hast du mich so lange in diesem alten Gewäsch herumwühlen lassen? ... Ich habe damit nur mein Herz besudelt und mich erbittert! ...“
Ich vermag mein Erstaunen gar nicht zu beschreiben: es war ein Brief von ihr. Sie hatte ihn an demselben Tage geschrieben, und er hatte ihn gegen fünf Uhr nachmittags erhalten. Während ich las, zitterte ich vor Aufregung. Der Brief war nicht lang, aber mit einer solchen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit geschrieben, daß ich sie leibhaftig vor mir zu sehen und ihre Stimme zu hören glaubte. Sie gestand ihm mit aller Offenheit (und das war fast rührend) ihre ganze Angst vor ihm, und beschwor ihn, sie doch endlich „in Ruhe zu lassen“. Zum Schluß teilte sie ihm mit, es stehe jetzt fest, daß sie Bjoring heiraten werde. Vor diesem Brief hatte sie noch nie an ihn geschrieben.
Und nun will ich wiedergeben, was ich von seinen Erklärungen verstanden habe:
Nachdem er diesen Brief gelesen, nachmittags um fünf Uhr, hatte er plötzlich eine ganz unerwartete Empfindung in sich verspürt: zum erstenmal in diesen verhängnisvollen zwei Jahren hatte er nicht den geringsten Haß gegen sie und nicht die geringste Erschütterung empfunden, etwa von der Art, wie er noch kurz vorher bei der bloßen Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring „wahnsinnig geworden war“. „Im Gegenteil, ich habe ihr von ganzem Herzen meinen Segen geschickt,“ sagte er mit tiefem Gefühl zu mir. Mit Entzücken vernahm ich diese Worte. Also war alle Leidenschaft und Qual in ihm mit einem Schlage ganz von selbst verschwunden, wie ein Traum, wie ein Sinnenrausch, der ihn zwei Jahre lang im Bann gehalten. Noch hatte er es sich selbst nicht geglaubt, als er zu Mama geeilt war – und siehe da: er trat in dem Augenblick bei ihr ein, als sie endlich frei wurde und der Alte, der sie ihm gestern gewissermaßen übergeben hatte, starb. Eben dieses Zusammentreffen hatte ihn so erschüttert. Und nur wenig später hatte er schon mich aufgesucht – daß er unter diesen Umständen doch sogleich an mich gedacht hat, werde ich ihm nie vergessen.
Auch die letzten Stunden jenes Abends werde ich nie vergessen. Dieser Mensch hatte sich ganz und gar verwandelt. Wir saßen bis tief in die Nacht zusammen. Welchen Eindruck diese ganze „Mitteilung“ auf mich machte, werde ich später erzählen, hier will ich nur noch ein paar abschließende Worte über ihn sagen. Wenn ich jetzt nachdenke, begreife ich, womit er mich damals am meisten bezaubert hat: das war seine gewisse Demut vor mir und seine so echte Aufrichtigkeit, mir, dem halben Knaben, gegenüber! „Es war wie eine Benommenheit,“ rief er aus, „aber auch die segne ich jetzt! Ohne diese Blindheit hätte ich vielleicht niemals in meinem Herzen die restlose und für ewig einzige Besitzerin meines Herzens gefunden, meine Märtyrerin – deine Mutter.“ Diese begeisterten Worte, die unaufhaltsam aus ihm hervorbrachen, verzeichne ich hier besonders im Hinblick auf das Weitere. Damals aber ergriff und besiegte er damit mein Herz.
Ich weiß noch, wir wurden zu guter Letzt sehr heiter. Er ließ Champagner bringen, und wir stießen auf Mamas Wohl und auf die „Zukunft“ an. Oh, er war so voll Leben und so begierig, zu leben! Aber nicht vom Wein wurden wir auf einmal so lustig: wir tranken ja im ganzen nur zwei Glas. Ich weiß nicht, weshalb es geschah, aber wir lachten zum Schluß fast unaufhörlich. Wir sprachen schon von ganz anderen, ganz nebensächlichen Dingen; er erzählte mir alle möglichen Geschichtchen und ich ihm gleichfalls. Und unser Lachen wie unsere Geschichten waren weder boshaft noch weiß Gott wie lustig, aber sie steigerten doch noch unsere Heiterkeit. Er wollte mich noch immer nicht fortlassen: „Bleib noch, bleib noch ein wenig!“ sagte er immer wieder, und ich blieb. Später aber kam er mit und begleitete mich ein Stück Weges; die Nacht war wundervoll, es fror ein wenig.
„Sagen Sie: haben Sie ihr schon geantwortet?“ fragte ich plötzlich ganz unbedacht, als ich ihm an der Straßenecke zum letztenmal die Hand drückte.
„Nein, noch nicht, aber das ist ja gleichgültig. Komme morgen zu mir, komm’ früher ... Ja und noch eines: gib dich nicht mit Lambert ab und das ‚Dokument‘ zerreiße, je früher, desto besser. Leb wohl!“
Und damit ging er plötzlich davon; ich blieb auf demselben Fleck stehen und war so betroffen, daß ich mich nicht entschließen konnte, ihn zurückzuhalten oder ihm nachzugehen. Der Ausdruck ‚das Dokument‘ machte mich besonders stutzig: von wem konnte er gerade diese Bezeichnung gehört haben, wenn nicht von Lambert? Ich kehrte in großer Verwirrung heim. „Und ist denn das überhaupt möglich,“ fuhr es mir plötzlich durch den Kopf, „daß so ein zweijähriger Zauber auf einmal wirklich ganz verschwinden kann, wie ein Traum, wie ein Spuk, wie irgendeine Vision?“