WeRead Powered by ReaderPub
Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 144: II.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Neuntes Kapitel.

I.

Am nächsten Morgen erwachte ich viel frischer und gutherziger. Ich machte mir sogar Vorwürfe – und zwar ganz unwillkürlich und aufrichtig – weil ich, wie ich mich erinnerte, manche Stellen seiner „Beichte“ nicht sehr ernst genommen und gleichsam mit einer gewissen Überlegenheit angehört hatte. Wenn auch ein Teil seiner Beichte etwas unklar und wirr gewesen war, so mußte ich mir doch sagen, daß er sich nach dem erschütternden Erlebnis wohl nicht gerade mit einer gutausgearbeiteten Rede auf den Weg gemacht hatte, um mich zu suchen und zu sich zu führen. Er hatte mir nur eine große Ehre erwiesen, als er sich in einem solchen Augenblick an mich als an seinen einzigen Freund wandte, und das werde ich ihm nie vergessen! Im Gegenteil, seine Beichte war eigentlich rührend gewesen, mag man auch wegen dieses Ausdrucks über mich lachen, und wenn manchmal etwas Zynisches oder sogar etwas gleichsam Lächerliches durchschimmerte, so war ich doch vorurteilslos genug, um auch den Realismus zu verstehen und seine Berechtigung anzuerkennen – übrigens ohne mir durch ihn das Ideal trüben zu lassen. Die Hauptsache war, daß ich diesen Menschen jetzt endlich verstand: und teilweise bedauerte ich sogar, und es ärgerte mich fast ein wenig, daß alles, wie sich nun herausstellte, so einfach gewesen war: in meinem Herzen hatte ich diesen Menschen immer so unendlich hochgestellt, hatte ihn bis in die Wolken erhoben, und sein Schicksal war von mir stets mit etwas unbedingt Geheimnisvollem umwoben worden, weshalb ich denn auch unwillkürlich und bis zuletzt gewünscht hatte, daß dieses Geheimfach nur auf eine möglichst verzwickte Weise zu öffnen sein möge. Übrigens lag auch in seiner Begegnung mit ihr und in seiner ganzen zweijährigen Qual viel Verzwicktes: „er wollte kein Fatum, er wollte Freiheit; er wollte nicht die Sklaverei des Fatums, denn als Sklave des Fatums war er gezwungen, Mama, die in Königsberg auf ihn wartete, so zu kränken ...“ Hinzu kam, daß ich diesen Menschen unter allen Umständen für einen Propheten hielt: in seinem Herzen trug er das goldene Zeitalter, und er kannte die Zukunft des Atheismus; doch da kam die Begegnung mit ihr und zerbrach und entstellte alles! Oh, ich wurde ihr nicht untreu, aber ich nahm doch für ihn Partei. „Mama, zum Beispiel,“ sagte ich mir damals, „hätte sein Schicksal in nichts behindert, nicht einmal, wenn er sie geheiratet hätte!“ Das begriff ich; das war etwas ganz anderes, als die Begegnung mit jener. Freilich hätte ihm auch Mama nicht die Ruhe gegeben, aber das wäre schließlich um so besser gewesen: solche Menschen wie er muß man anders beurteilen, und mag ihr Leben auch ewig so bleiben – dabei ist weiter nichts Schlimmes; im Gegenteil, es wäre schlimm, wenn sie sich beruhigten oder den Durchschnittsmenschen anglichen. Seine Hochschätzung des Adels und seine Worte: „Je mourrai gentilhomme[106] beirrten mich nicht im geringsten: ich begriff, was das für ein gentilhomme war: das war ein Typus, der alles hingibt und zum Propheten wird, zum Verkünder des Weltbürgertums und des höchsten russischen Gedankens – der „Vereinigung aller Ideen“. Und selbst wenn das alles ein Unsinn war, ich meine diese „Vereinigung aller Ideen“ (denn sie ist natürlich undenkbar), so lag doch schon darin ein Gutes, daß er sein Leben lang eine Idee verehrt hat und nicht das dumme goldene Kalb. O Gott! – und ich, ich selbst, habe ich denn, als ich meine „Idee“ mir ausdachte, etwa an das goldene Kalb gedacht, brauchte ich denn damals Geld? Nein; ich schwöre, ich brauchte nur eine Idee! Ich schwöre, daß ich nicht einen Stuhl, nicht ein Sofa mit Samt überziehen ließe und auch als Besitzer von hundert Millionen nur meinen Teller Suppe mit Rindfleisch essen würde, wie ich es heute tue!

Ich kleidete mich an und beeilte mich dabei; denn es zog mich mächtig zu ihm hin. Ich muß hier bemerken, daß ich auch wegen seiner gestrigen Erwähnung des „Dokuments“ mindestens fünfmal ruhiger war als am Abend vorher. Erstens hoffte ich, mich mit ihm aussprechen zu können; und zweitens, was war denn schließlich dabei, daß Lambert sich auch an ihn herangemacht und über irgend etwas mit ihm gesprochen hatte? – Aber der Hauptgrund meiner Freude lag doch in einem außergewöhnlichen Gefühl: es war der Gedanke, daß er „sie nicht mehr liebte“. Daran glaubte ich mit aller Gewalt, und ich hatte eine Empfindung, als hätte jemand gleichsam einen unheimlich schweren Stein von meinem Herzen gewälzt. Ich erinnere mich auch noch einer ganz flüchtig in mir auftauchenden Erkenntnis: eben der Unglaublichkeit und Sinnlosigkeit seines letzten rasenden Wutausbruchs bei der Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring und der Absendung jenes beleidigenden Briefes an sie – eben diese äußerste Heftigkeit des Ausbruchs konnte ein Anzeichen und ein Vorläufer der vollkommenen Veränderung seiner Gefühle und seiner baldigen Rückkehr zur Vernunft gewesen sein: vielleicht wie bei einer Krankheit, dachte ich bei mir, einer Krankheit, in deren Verlauf er einmal unbedingt zu diesem entgegengesetzten Punkt hatte gelangen müssen – also eine ärztlich vorauszusehende Übergangserscheinung und nichts weiter! Dieser Gedanke machte mich glücklich.

„Und mag sie doch selbst ihr Schicksal bestimmen, mag sie doch ihren Bjoring heiraten, soviel sie will, wenn nur er, mein Vater, mein Freund, wenn nur er sie nicht mehr liebt!“ rief es in mir. Übrigens lag hier ein gewisses Geheimnis meinen Gefühlen zugrunde, doch besagte Gefühle will ich in diesen meinen Aufzeichnungen nicht weiter auseinandersetzen.

Das dürfte genügen. Und nun will ich den ganzen folgenden Schrecken, dies ganze Zusammenwirken der Tatsachen ohne alle weiteren Betrachtungen wiedergeben.

II.

Um zehn Uhr, als ich mich gerade anschickte, fortzugehen – zu ihm natürlich – erschien Darja Onissimowna. Ich fragte sie erfreut, ob sie von ihm komme, und ärgerte mich, als ich hörte, daß sie nicht von ihm, sondern von Anna Andrejewna kam, und daß sie, Darja Onissimowna, „die Wohnung schon in aller Frühe verlassen“ hatte.

„Welche Wohnung?“

„Dieselbe, in der Sie gestern waren. Diese Wohnung ist jetzt auf meinen Namen gemietet, für das Kind, und bezahlt wird sie von Tatjana Pawlowna ...“

„Ach, was geht das mich an!“ unterbrach ich sie geärgert. „Aber ist er wenigstens jetzt zu Hause? Werde ich ihn antreffen?“

Doch zu meiner Verwunderung hörte ich von ihr, daß er noch vor ihr die Wohnung verlassen habe; sie hatte sie schon „in aller Frühe“ verlassen, er aber noch etwas früher.

„Nun, dann wird er doch jetzt wieder zurückgekehrt sein?“

„Nein, er ist sicherlich nicht zurückgekehrt und wird vielleicht überhaupt nicht mehr zurückkehren,“ sagte sie und sah mich mit demselben scharfen und lauernden Blick an, ohne ihn von mir abzuwenden, ganz wie damals, als ich krank zu Bett lag, bei ihrem bereits geschilderten Besuch. Es reizte mich, daß dahinter wieder allerhand Geheimnisse und Dummheiten zu stecken schienen, und daß diese Leute offenbar ohne Verschwörungen und Winkelzüge gar nicht auskommen konnten.

„Weshalb sagen Sie: er wird sicherlich nicht zurückkehren? Was meinen Sie damit? Er wird einfach zu Mama gegangen sein – das ist das Ganze!“

„Ich ... weiß n–nicht.“

„Ja, wozu haben Sie sich denn hierherbemüht?“

Sie sagte mir schnell, daß sie soeben von Anna Andrejewna käme, die mich zu sich bitten lasse und mich erwarte: ich möchte unbedingt sofort kommen, „denn sonst könnte es zu spät werden“. Dieses neue rätselhafte Wörtchen „zu spät“ steigerte meine Gereiztheit ganz beträchtlich.

„Warum zu spät? Ich will aber nicht kommen und komme auch nicht! Ich erlaube es nicht, daß man so einfach über mich verfügt. Den Lambert soll sie zum Teufel jagen, sagen Sie ihr das. Und wenn sie ihn zu mir schickt, so fliegt er die Treppe hinunter – das sagen sie ihr gleichfalls, und zwar wörtlich!“

Darja Onissimowna erschrak nicht wenig.

„Ach, nein doch!“ bat sie und trat einen Schritt auf mich zu, die Handflächen flehend gegeneinander gelegt, „tun Sie das nicht so übereilt! Es handelt sich hier um eine so wichtige Angelegenheit, auch für Sie selbst ist sie außerordentlich wichtig und für Anna Andrejewna, und auch für Andrei Petrowitsch, wie für Ihre Mutter – für alle, alle ... Ach, bitte, gehen Sie doch gleich zu ihr, denn sie kann unmöglich länger warten ... ich schwöre es Ihnen bei meiner Ehre ... und dann entschließen Sie sich schon selbst ...“

Ich sah sie erstaunt und mit einem gewissen Unbehagen an.

„Unsinn, daraus wird nichts, ich komme nicht!“ rief ich eigensinnig und nicht ohne Schadenfreude. „Jetzt fängt eine neue Methode an! Aber wie sollten Sie das begreifen! Leben Sie wohl, Darja Onissimowna, ich werde absichtlich nicht hingehen, und ich frage Sie jetzt absichtlich nicht aus. Sie wollen mich nur verwirren und von meinem Wege abbringen. Ich aber habe gar keine Lust, mich mit Ihren Rätseln abzugeben. Behalten Sie Ihre Geheimnisse für sich!“

Da sie nicht fortging und noch immer dastand, nahm ich meinen Pelz und meine Mütze, ließ sie einfach mitten im Zimmer stehen und ging hinaus. In meinem Zimmer befanden sich weder Briefe noch Papiere, und ich hatte auch früher mein Zimmer fast nie zugeschlossen, wenn ich aus dem Hause ging. Aber ich war noch nicht bis zur Haustür gekommen, als mein Wirt Pjotr Ippolitowitsch ohne Mütze und in der Hausjoppe mir die Treppe hinunter nachgelaufen kam.

„Arkadi Makarowitsch! Arkadi Makarowitsch!“

„Was wollen Sie von mir?“

„Werden Sie denn gar keine Anordnungen treffen, bevor Sie gehen?“

„Nein.“

Er sah mich wißbegierig, aber mit ersichtlicher Unruhe an.

„In betreff Ihres Zimmers, meine ich?“

„Was ist denn mit dem Zimmer? Ich habe Ihnen das Geld doch richtig zum Termin geschickt?“

„Ach nein, ich rede nicht vom Gelde,“ sagte er mit breitem Lächeln, und sein Blick kroch mir wieder in die Augen.

„Ja, was haben Sie denn alle?“ schrie ich schließlich in wahrer Wut. „Was wollen Sie denn eigentlich?“

Er zögerte einige Sekunden, als erwarte er noch immer etwas von mir.

„Na, dann werden Sie Ihre Anordnungen wohl später treffen ... wenn Sie jetzt nicht bei Laune sind,“ murmelte er schließlich, und sein Lächeln wurde noch breiter. „Also, gehen Sie nur, auch ich muß jetzt fort und in meine Kanzlei.“

Er lief die Treppe wieder hinauf. Freilich konnte die Szene einem schon zu denken geben.

Ich übergehe absichtlich nicht den kleinsten Zug von dem ganzen kleinlichen Wirrwarr meiner Geschichte an dieser Stelle und zu dieser Zeit, weil jede Einzelheit sich später als zum Ganzen gehörend erweisen soll. Doch davon wird sich der Leser noch überzeugen! Daß die Menschen mich damals wirklich verwirrten – das ist Tatsache. Wenn ich so erregt und gereizt war, so war ich das nur, weil ich aus ihren Worten wieder jenen Ton der Geheimniskrämerei und Ränkespinnerei vernahm, der mir so verhaßt war, zumal er mich an die früheren Geschichten erinnerte. Doch ich fahre fort.

Werssiloff traf ich nicht zu Hause, er war tatsächlich bei Tagesanbruch fortgegangen. „Natürlich zu Mama,“ sagte ich mir in eigensinniger Überzeugung. Ich wollte die Kinderwärterin, die ein dummes Weib zu sein schien, nicht weiter ausfragen, doch außer ihr und dem Kinde war niemand in der Wohnung. So eilte ich denn zu Mama, und ich muß gestehen: ich fühlte mich so beunruhigt, daß ich auf halbem Wege eine Droschke nahm. Ich kam hin und erfuhr, daß er bei Mama seit gestern abend nicht mehr gewesen war. Nur Tatjana Pawlowna und Lisa saßen bei ihr. Kaum war ich eingetreten, da begann Lisa sich auch schon zum Ausgehen anzukleiden.

Sie saßen alle oben in meinem „Sarge“. In unserem Wohnzimmer unten war Makar Iwanowitsch aufgebahrt; neben ihm las ein alter Mann langsam die Psalmen. Ich habe schon gesagt, daß ich mich von jetzt ab ausschließlich auf die Wiedergabe der Hauptsachen beschränken und Nebensachen tunlichst übergehen will, hier aber möchte ich doch nicht unerwähnt lassen, daß der Sarg, den man für ihn hatte anfertigen lassen, und der bereits im Zimmer stand, durchaus nicht anspruchslos war: er war zwar schwarz, doch mit Samt bezogen, und auch die Sargdecke war aus teurem Stoff – ein Luxus, der durchaus nicht zu der Persönlichkeit und den Anschauungen des Alten paßte; aber Mama und Tatjana Pawlowna hatten sich zusammengetan und hartnäckig darauf bestanden.

Selbstverständlich hatte ich nicht erwartet, sie in fröhlicher Stimmung anzutreffen; aber dieser so sonderbar drückende Kummer, diese Sorge und Unruhe, die ich in ihren Augen las, machten mich betroffen, und ich begriff sofort, daß „wahrscheinlich nicht der Tote allein“ die Ursache war. Ich wiederhole: ich erinnere mich alles dessen noch ganz genau.

Trotz alledem umarmte ich Mama zärtlich und fragte sogleich nach ihm. In Mamas Augen trat blitzschnell eine erregte Neugier. Ich erzählte kurz, daß wir gestern den Abend bis tief in die Nacht zusammen verbracht hätten, daß er aber heute schon ganz früh von Hause gegangen sei, obgleich er mich gestern beim Abschied aufgefordert hatte, heute so früh als möglich zu ihm zu kommen. Mama antwortete mir nichts darauf, und Tatjana Pawlowna benutzte einen unbewachten Augenblick, um mir mit dem Finger zu drohen.

„Auf Wiedersehen, Arkadi,“ sagte Lisa plötzlich und verließ schnell das Zimmer. Ich lief ihr natürlich nach und erreichte sie noch an der Tür.

„Ich wußte, daß du mir nachkommen würdest,“ flüsterte sie hastig.

„Lisa, was ist hier geschehen?“

„Das weiß ich selbst nicht, aber wahrscheinlich vieles. Vermutlich ist es die Entscheidung der ‚ewigen Geschichte‘. Er ist nicht gekommen, sie aber müssen irgendeine Nachricht bekommen haben, die ihn betrifft. Dir werden sie davon wahrscheinlich nichts sagen, aber auch du sei still und frage sie nicht, wenn du klug sein willst. Mama ist jedenfalls ganz niedergeschmettert. Ich habe sie auch nichts gefragt. Leb wohl!“

Sie öffnete die Tür.

„Warte, Lisa, sag’ doch, wie steht es denn mit dir selbst?“ rief ich ihr nach und folgte ihr auf den Flur hinaus. Ihre schrecklich niedergeschlagene und geradezu verzweifelte Miene tat mir weh. Sie machte nicht nur ein böses, sondern fast erbittertes Gesicht, lächelte grausam und zuckte mit der Achsel.

„Wenn er nur stürbe – ich würde Gott danken!“ sagte sie wegwerfend von der Treppe aus und ging.

Sie meinte den Fürsten Ssergei Petrowitsch, der damals bewußtlos in hohem Fieber lag. Ich kehrte ebenso bekümmert wie aufgeregt zurück.

„Die ewige Geschichte! Was ist das für eine ‚ewige Geschichte‘?“ fragte ich mich mit einem Gefühl der Herausforderung: und da hatte ich auf einmal die größte Lust, ihnen wenigstens einen Teil meiner Eindrücke von seiner nächtlichen Beichte oder womöglich die Beichte selbst mitzuteilen. „Sie denken jetzt sicher irgend etwas Schlechtes von ihm – so mögen sie denn alles erfahren!“ ging es mir durch den Sinn.

Ich weiß noch, daß es mir gelang, meine Erzählung sehr geschickt anzufangen. Auf ihren Gesichtern erschien sofort unendliche Neugier. Tatjana Pawlowna verwandte keinen Blick von mir. Mama dagegen war zurückhaltender; sie war sehr ernst, aber ein stilles, verschönerndes, wenn auch seltsam hoffnungsloses Lächeln schimmerte auf ihrem Gesicht und verließ es während meiner ganzen Erzählung nicht einen Augenblick. Ich hielt mich bei der Wiedergabe natürlich nur an das Geistige, obgleich ich wußte, daß sie mich kaum verstehen würden. Zu meinem Erstaunen fiel mir Tatjana Pawlowna gar nicht ins Wort, bestand nicht einmal auf genauer Wiedergabe aller Einzelheiten und hakte auch nicht überall ein, wie sie es sonst immer tat, wenn ich etwas erzählte. Sie preßte nur hin und wieder die Lippen aufeinander und kniff die Augen zusammen, wie um lebhafter denken zu können und das Gesagte schneller zu erfassen. Zeitweise kam es mir sogar vor, als verstünden sie doch alles – aber das war ja fast unmöglich! Ich erzählte auch von seinen Anschauungen, hauptsächlich aber von seiner gestrigen Begeisterung, von seiner Begeisterung für Mama, von seiner Liebe zu ihr, wie er ihr Bild geküßt hatte ... Als ich das erzählte, tauschten sie schweigend einen schnellen Blick aus, Mama wurde feuerrot, aber sie blieben beide stumm. Und dann ... ja, den wichtigsten Punkt konnte ich in Mamas Gegenwart leider nicht berühren: ich meine seine Begegnung mit ihr und alles weitere, und vor allem nicht ihren gestrigen Brief an ihn und seine sittliche „Auferstehung“ auf diesen Brief hin – das war ja eben die Hauptsache, so daß alle seine Gefühle, wie er sie gestern geäußert, und durch die ich gerade Mama eine Freude hatte machen wollen, für sie unverständlich bleiben mußten, was freilich nicht meine Schuld war, denn alles, was sich erzählen ließ, erzählte ich sehr schön. Ich schloß eigentlich in großer Verwirrung. Sie unterbrachen ihr Schweigen auch jetzt nicht, und mir wurde in ihrer Gesellschaft recht peinlich zumute.

„Wahrscheinlich wird er jetzt wieder zu Hause sein, oder er sitzt vielleicht bei mir und wartet auf mich,“ sagte ich und erhob mich, um zu gehen.

„Geh nur, geh!“ bestärkte mich Tatjana Pawlowna mit der ihr eigenen Nachdrücklichkeit.

„Bist du unten gewesen?“ fragte mich halb flüsternd Mama beim Abschied.

„Natürlich war ich unten, ich habe an seinem Lager gekniet und für ihn gebetet. Was für ein ruhiges verklärtes Gesicht er hat, Mama! Ich danke Ihnen auch, Mama, daß Sie an seinem Sarge nicht gespart haben. Zuerst befremdete es mich wohl, aber dann dachte ich mir gleich, daß ich es selbst ganz ebenso gemacht hätte.“

„Kommst du morgen in die Kirche?“ fragte sie, und ihre Lippen bebten.

„Was für eine Frage, Mama!“ rief ich ganz verwundert. „Selbstverständlich komme ich, auch heute zur Seelenmesse komme ich; und ... außerdem ist ja morgen Ihr Geburtstag, Mama, meine liebe Mama! ... Hätte er doch nur noch drei Tage länger gelebt! Dann hätte er ihn noch mit uns gefeiert!“

Ich ging hinaus, in einem schmerzlichen Staunen: wie konnte sie nur so eine Frage stellen – ob ich in die Kirche käme oder nicht? Ja, wenn sie das schon von mir glaubten, was würden sie dann wohl erst von ihm denken?

Ich wußte im voraus, daß Tatjana Pawlowna mir nachlaufen würde und erwartete sie daher absichtlich an der Haustür; sie aber stieß mich, als sie mich erreichte, mit der Hand zur Treppe hinaus und schloß dann die Tür hinter sich zu.

„Tatjana Pawlowna, was soll das bedeuten, daß Sie Andrei Petrowitsch offenbar weder heute noch morgen erwarten? Ich bin ganz erschrocken ...“

„Halt’ deinen Mund. Große Wichtigkeit, daß du erschrocken bist! Sag’ jetzt: was hast du da alles für dich behalten, als du von seinem gestrigen Gefasel erzähltest?“

Ich hielt es nicht für nötig, ihr das vorhin Verschwiegene zu verheimlichen, und ich erzählte fast gereizt, über Werssiloff gereizt, von Katerina Nikolajewnas gestrigem Brief, von der Wirkung desselben auf ihn und von seiner Auferstehung zu einem neuen Leben.

Mit Verwunderung sah ich, daß meine Mitteilung von dem Brief sie nicht im geringsten in Erstaunen setzte. Da begriff ich, daß sie von diesem Brief schon wußte.

„Das ist doch alles Schwindel!“

„Nein, das ist kein Schwindel.“

„Sieh mal an!“ sagte sie mit gehässigem Lächeln vor sich hin und wurde nachdenklich. „‚Auferstehung!‘ Das sieht ihm ähnlich! Ist es wahr, daß er ihr Bild geküßt hat?“

„Es ist wahr, Tatjana Pawlowna.“

„Hat er es wirklich aufrichtig geküßt, hat er sich nicht bloß so angestellt?“

„Angestellt? Hat er denn das jemals getan? Schämen Sie sich, Tatjana Pawlowna! Wie roh Sie sind! – wie es nur ein Weib sein kann!“

Ich hatte mich hinreißen lassen, aber sie schien mich überhaupt nicht zu hören. Sie stand da und überlegte, ungeachtet der grimmigen Kälte im Treppenflur. Mich fror schon im Pelz, und sie war nur im Kleide.

„Ich würde dir einen Auftrag geben, schade nur, daß du zu dumm dazu bist,“ sagte sie ärgerlich und verächtlich zugleich. „Höre, geh mal zu Anna Andrejewna und sieh mal nach, was da bei ihr eigentlich gemacht wird ... Oder nein, geh nicht; ein Tölpel bleibt doch überall ein Tölpel! Marsch, was stehst du hier noch wie ein Holzklotz?“

„Nein, jetzt werde ich erst recht nicht zu Anna Andrejewna gehen! Anna Andrejewna hat auch schon selbst nach mir geschickt.“

„Selbst geschickt? Die Darja Onissimowna natürlich?“ wandte sie sich hastig wieder nach mir um; sie war schon im Begriff gewesen, fortzugehen und hatte die Tür bereits geöffnet, – jetzt schloß sie sie wieder.

„Um nichts in der Welt gehe ich zu Anna Andrejewna!“ wiederholte ich boshaft und mit wahrer Genugtuung; „ich gehe schon deshalb nicht hin, weil Sie mich soeben einen Tölpel nannten, und dabei war ich noch nie so scharfsinnig wie heute. Alle Ihre Verschwörungen durchschaue ich jetzt, aber zu Anna Andrejewna gehe ich nun erst recht nicht!“

„Das habe ich ja gewußt!“ rief sie plötzlich aus, doch nicht als Erwiderung auf meine Worte, sondern wie in einer Fortsetzung ihrer eigenen Gedanken. „Jetzt wird man sie also völlig umstellen und sie in der Schlinge erdrosseln!“

„Wen? Anna Andrejewna?“

„Dummkopf!“

„Von wem sprechen Sie denn sonst? Doch nicht etwa von Katerina Nikolajewna? Was für eine Schlinge?“ Ich erschrak furchtbar. Eine dunkle, unheimliche Ahnung stieg in mir auf. Tatjana Pawlowna sah mich durchdringend an.

„Und du, was stehst du denn da?“ fragte sie plötzlich. „Oder bist auch du etwa mit im Spiel? Ich hab’ ja auch von dir so etwas munkeln hören – nimm dich in acht!“

„Hören Sie mich an, Tatjana Pawlowna: ich werde Ihnen ein großes Geheimnis anvertrauen, nicht jetzt, jetzt habe ich keine Zeit dazu, aber morgen und unter vier Augen, aber dafür müssen Sie mir jetzt sofort die ganze Wahrheit sagen: was meinten Sie mit dieser Mörderschlinge? ... Schnell, Tatjana Pawlowna, ich zittere am ganzen Körper! ...“

„Was geht mich dein Zittern an. Aber was für ein Geheimnis willst du mir denn da mitteilen? Solltest du wirklich noch irgend etwas wissen?“ sie durchbohrte mich förmlich mit ihrem Blick. „Du hast ihr doch damals selbst geschworen, daß der Brief von Krafft verbrannt worden sei.“

„Tatjana Pawlowna, ich sage Ihnen noch einmal, quälen Sie mich nicht!“ fuhr ich meinerseits fort, ohne auf ihre Frage zu antworten. Ich war außer mir. „Begreifen Sie doch, Tatjana Pawlowna: dadurch, daß Sie mir jetzt etwas verheimlichen, kann noch ein viel schlimmeres Unglück geschehen ... er hat mir doch gestern selbst gesagt, daß er sich jetzt für auferstanden betrachte!“

„Ach, scher dich zum Teufel, Narr! Bist ja selber wie ein Spatz verliebt – Vater und Sohn in ein und dasselbe Objekt! Pfui, ekelhaftes Pack!“

Sie verschwand und schlug wütend die Tür hinter sich zu. Empört über den nackten, schamlosen Zynismus ihrer letzten Worte – einen Zynismus, zu dem nur eine Frau fähig ist – ging ich beleidigt davon. Doch ich will nicht meine Gefühle beschreiben. Das habe ich ja schon einmal erklärt. Ich will jetzt nur die Tatsachen wiedergeben, die alles Weitere entscheiden. Natürlich fragte ich beim Vorübergehen an Werssiloffs Wohnung wieder, ob er zu Hause sei und erfuhr abermals von der Wärterin, daß er sich inzwischen nicht habe sehen lassen.

„Wird er denn überhaupt nicht mehr herkommen?“ fragte ich.

„Weiß Gott!“ sagte sie.

III.

Tatsachen, Tatsachen! ... Aber wird der Leser sie unerklärt überhaupt verstehen können? Ich weiß noch, wie diese Tatsachen mich damals bedrückten und mich nicht einmal nachdenken ließen, so daß mein Verstand am Ende des Tages vollständig verwirrt war. Darum will ich hier mit ein paar Worten vorgreifen.

Meine ganze Qual bestand in der Frage: Wenn es wahr ist, daß er sie seit gestern nicht mehr liebt, wo kann er sich dann heute aufhalten? Antwort: am ehesten bei mir, dem er gestern alles gesagt hat; dann – bei Mama, deren Bild er gestern geküßt hat. Statt dessen war er schon „in aller Frühe“ aus dem Hause gegangen und irgendwohin verschwunden, und Darja Onissimowna hatte sogar davon phantasiert, daß er vielleicht überhaupt nicht zurückkehren werde. Und nicht genug damit: Lisa spricht auf einmal von einer „Entscheidung der ewigen Geschichte“ und sagt, Mama hätte irgendwelche Nachrichten von ihm, und zwar die letzten; außerdem sind sie über Katerina Nikolajewnas Brief vollkommen unterrichtet (das hatte ich sehr wohl bemerkt) und wollen trotzdem an seine „Auferstehung“ zu neuem Leben nicht glauben, wenn sie mir auch mit Spannung zuhörten. Mama fühlt sich wie vernichtet, und Tatjana Pawlowna verhöhnt den Ausdruck „Auferstehung“. Wenn das aber so ist, dann muß in ihm über Nacht wieder eine Wandlung vorgegangen sein, eine neue Krisis – und das nach der ganzen Begeisterung, dem ganzen Glück, dem ganzen Pathos von gestern! Also ist seine „Auferstehung“ wie eine Seifenblase zerplatzt, und er treibt sich vielleicht wieder genau so herum, in derselben Wut wie damals, als er die Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring erhalten hatte! Es fragt sich nur, was aus Mama, aus mir, aus uns allen werden wird ... und schließlich auch: was aus ihr werden wird? Was kann Tatjana Pawlowna mit der „Schlinge“ gemeint haben, als sie mich zu Anna Andrejewna schicken wollte? Und wer soll „erdrosselt“ werden? Jedenfalls steht die „Schlinge“ mit Anna Andrejewna in Zusammenhang, das ist klar. Warum aber mit Anna Andrejewna? Ich gehe sofort zu Anna Andrejewna! Ich habe ja nur aus Trotz gesagt, daß ich nicht hingehen werde, – ich gehe. Aber was sagte Tatjana Pawlowna doch noch von dem Brief, den Krafft verbrannt hätte? Und hat nicht auch er gestern zu mir gesagt: „das Dokument zerreiße“?

Das waren so meine Gedanken, war das, was mich gleichfalls wie eine „Schlinge“ würgte. Doch im Grunde brauchte ich ja nur ihn, nur ihn suchte ich. Ich hätte sofort alles gutgemacht, das fühlte ich; wir hätten einander in zwei Worten verstanden! Ich hätte seine Hände in meine genommen und sie gedrückt, ich hätte in meinem Herzen heiße Worte für ihn gefunden – davon war ich überzeugt. „Oh, ich würde den Wahnsinn schon überwinden!“ dachte ich. Aber wo war er nur, wo war er? ... Und da, gerade in einem solchen Augenblick, in solcher Erregung, mußte mir Lambert in den Weg laufen! Ein paar Schritte von meiner Wohnung entfernt begegnete er mir plötzlich. Er rief mich hoch erfreut mit lauter Stimme an und faßte mich sogleich unter den Arm.

„Dreimal war ich schon bei dir ... Enfin![107] Komm, wir wollen frühstücken!“

„Halt! Du warst bei mir, sagst du? Ist Andrei Petrowitsch da gewesen?“

„Nein, bei dir ist niemand. Ach, pfeif auf sie alle! Du Dummkopf hast dich gestern geärgert. Du warst betrunken. Aber jetzt kann ich dir etwas Wichtiges mitteilen: ich habe heute ausgezeichnete Nachrichten über die Sache bekommen, von der wir gestern sprachen ...“

„Lambert,“ unterbrach ich ihn hastig und außer Atem und kam unwillkürlich ein wenig ins Deklamieren – „wenn ich hier mit dir stehen geblieben bin, so tue ich es nur, weil ich dir sagen will, daß ich meinen Verkehr mit dir jetzt für immer abbreche. Ich habe dir das schon gestern gesagt, aber du scheinst es nicht verstehen zu wollen. Du bist kindisch und dumm, bist albern, wie nur ein Franzose albern sein kann. Du scheinst zu glauben, daß wir immer noch bei Touchard sind, und daß ich noch ebenso unerfahren sei wie damals ... Aber ich bin nicht mehr so dumm ... Ich war gestern betrunken, aber nicht etwa vom Wein, sondern weil ich sowieso schon aufgeregt war; und wenn ich deinem Geschwätz zustimmte, so habe ich das nur aus Schlauheit getan, um deine geheimen Gedanken aus dir herauszulocken. Ich habe dir eine Grube gegraben, und du hast dich gefreut und mich für den Dummen gehalten und alles ausgeplaudert. Weißt du, ich und – sie heiraten, das ist schon als Idee ein Blödsinn, den dir kein Sextaner glaubt! Und du bildest dir ein, ich hätte so etwas ernst nehmen können? Und du hast das im Ernst für möglich gehalten! Das hast du ja nur tun können, weil du die höhere Gesellschaft nicht kennst und nicht weißt, welche Anschauungen in diesen Kreisen herrschen. In der vornehmen Gesellschaft ist das ganz unmöglich, daß eine Dame einfach hingeht und heiratet ... Und jetzt werde ich dir klar und deutlich sagen, was du eigentlich willst: du willst mich einfach zu dir locken, um mich betrunken zu machen, damit ich dir das Dokument herausgebe und mit dir zusammen eine Gemeinheit gegen Katerina Nikolajewna begehe. Du irrst dich aber gewaltig! Ich werde niemals zu dir kommen, und wisse, das Dokument wird sich, wenn nicht morgen, so doch übermorgen in ihren Händen befinden, denn das Dokument gehört ihr und ist von ihr geschrieben worden, und ich selbst werde es ihr, ihr persönlich übergeben, und wenn du noch mehr wissen willst, so kann ich dir sagen, daß es bei Tatjana Pawlowna, die mit ihr gut bekannt ist, geschehen wird, in Tatjana Pawlownas Wohnung; und in Gegenwart von Tatjana Pawlowna werde ich ihr das Dokument übergeben und nichts von ihr verlangen. Und jetzt pack dich, verschwinde für mich auf ewig, denn sonst ... sonst, Lambert, könnte ich weniger höflich mit dir umgehen ...“

Ich zitterte am ganzen Körper. Es ist eine der schändlichsten Angewohnheiten, die ein Mensch im Leben haben kann, und zwar eine, die immer nur schädlich wirkt, wenn man sich in Szene setzen will. Welcher Teufel hatte mich geritten, mich so vor ihm zu ereifern, daß ich, der ich immer heftiger auf ihn einredete und die Stimme immer mehr erhob, plötzlich so in Eifer geriet, daß ich ihm die durchaus unnötige Einzelheit unter die Nase hielt, ich würde ihr das Dokument in Tatjana Pawlownas Gegenwart und in deren Wohnung ausliefern! Aber mich überkam damals die Lust, ihn zu verblüffen! Als ich so offen von dem Dokument gesprochen und plötzlich seinen dummen Schreck gesehen hatte, überkam mich der Wunsch, ihn mit der genauen Angabe von Einzelheiten vollends zu zerschmettern. Und eben dieses weibische prahlerische Geschwätz wurde später zur Ursache schrecklichen Unglücks, denn mein Hinweis auf Tatjana Pawlowna und ihre Wohnung setzte sich sofort in seinem Kopf fest, wie es bei Spitzbuben und bei in kleinen Dingen gerissenen Menschen zu geschehen pflegt; zu höheren und wichtigeren Dingen ist er unfähig und begreift von ihnen nichts, aber für Kleinigkeiten hat er einen feinen Instinkt. Ja, hätte ich von Tatjana Pawlowna geschwiegen, so wäre großes Unglück vermieden worden. Im ersten Augenblick verlor er gänzlich die Fassung.

„Hör nur,“ murmelte er, „Alphonsina ... Alphonsina wird dir vorsingen ... Alphonsina war bei ihr: ich besitze einen Brief ... ein Papier ... so gut wie ein Brief, worin die Achmakowa über dich spricht ... der Pockennarbige hat ihn mir verschafft, du weißt doch: der Pockennarbige – und du wirst schon sehen, du wirst schon sehen, komm nur mit!“

„Du lügst, zeig mir den Brief!“

„Er ist zu Haus, Alphonsina hat ihn, komm!“

Selbstverständlich log er und fabelte mir etwas vor, aus Angst, daß ich ihm davon laufen könnte. Ich ließ ihn denn auch mitten auf der Straße stehen, und als er mir nachfolgen wollte, machte ich halt und drohte ihm mit der Faust. Er hatte sich’s aber schon anders überlegt und – ließ mich gehen: in seinem Kopf war vielleicht schon ein neuer Plan aufgetaucht.

Für mich war der Überraschungen und Begegnungen noch kein Ende ... Und wenn ich mich heute dieses ganzen unglücklichen Tages erinnere, so scheint es mir, daß alle diese Zufälle sich gegenseitig verschworen hatten und sich nun aus irgendeinem verfluchten Füllhorn über meinem Haupte ausschütteten. Kaum hatte ich die Tür zu meiner Wohnung geöffnet, als ich schon im Vorzimmer mit einem jungen Manne zusammenstieß: er hatte ein längliches, blasses Gesicht, war von hohem Wuchs, von hochmütigem und „elegantem“ Äußeren und in einen kostbaren Pelz gekleidet. Auf seiner Nase saß ein Kneifer, den er aber sofort fallen ließ, als er mich erblickte, wie es schien, aus Höflichkeit; während er mit der Hand den Zylinder lüftete, sagte er, ohne übrigens stehen zu bleiben, mit einem weltmännischen und liebenswürdigen Lächeln: „Ah, bonsoir,“ zu mir und ging an mir vorüber, die Treppe hinunter. Wir beide erkannten einander sofort, obgleich ich ihn nur flüchtig ein einziges Mal gesehen hatte: in Moskau. Es war Anna Andrejewnas Bruder, der Kammerjunker, Werssiloffs Sohn, der junge Werssiloff, also ein Bruder von mir. Ihn geleitete meine Wirtin (der Wirt war noch nicht aus dem Büro zurückgekehrt). Als er draußen war, stürzte ich mich auf sie:

„Was hat er hier zu suchen? Ist er in meinem Zimmer gewesen?“

„Er ist durchaus nicht in Ihrem Zimmer gewesen. Er war bei mir ...“ sagte sie kurz und trocken und kehrte mir den Rücken.

„Nein, so geht das nicht!“ schrie ich. „Antworten Sie gefälligst: was hat er hier gewollt?“

„Ach, du lieber Gott! Ich müßte Ihnen dann immer erzählen, warum die Leute zu mir kommen! Wir können, glaube ich, doch auch unsere Geschäfte haben! Der junge Mann wollte vielleicht Geld bei mir aufnehmen, oder eine Adresse erfahren ... Ich kann es ihm ja schon das vorige Mal versprochen haben ...“

„Wieso, das vorige Mal?“

„Ach, du lieber Gott! Er ist doch nicht zum erstenmal hier!“

Sie zog die Tür hinter sich zu. Ich begriff vor allem, daß sich hier der Ton verändert hatte: man fing an, unhöflich gegen mich zu werden. Klar war mir, daß hier wieder ein Geheimnis steckte: die Geheimnisse häuften sich mit jedem Schritt, mit jeder Stunde. Das erstemal war der junge Werssiloff mit seiner Schwester Anna Andrejewna dagewesen, damals, als ich krank daniederlag: dessen erinnerte ich mich sehr wohl, ebenso der sonderbaren Andeutung, die Anna Andrejewna gestern mir gegenüber machte: daß der alte Fürst in meiner Wohnung absteigen werde ... Aber das alles war so sinnlos und unwahrscheinlich, daß ich mir dabei überhaupt nichts vorstellen konnte. Ich faßte mich an die Stirn, ich setzte mich nicht einmal hin, um auszuruhen, lief vielmehr gleich zu Anna Andrejewna. Doch fand ich sie nicht zu Haus und erhielt vom Portier nur die Auskunft, sie wäre nach Zarskoje gefahren und werde vielleicht morgen ungefähr um dieselbe Zeit wieder da sein.

Sie war also nach Zarskoje gefahren, selbstverständlich zum alten Fürsten ... und ihr Bruder besieht sich mittlerweile meine Wohnung! „Nein, das soll nicht geschehen!“ sagte ich knirschend vor mich hin, „und wenn dort tatsächlich eine Mörderschlinge gelegt wird, so werde ich es sein, der die ‚arme Frau‘ verteidigt!“

Von Anna Andrejewna kehrte ich nicht nach Haus zurück. In meinem wirren und heißen Kopf tauchte auf einmal die Erinnerung an das Kellerrestaurant am Kanal auf, das Andrei Petrowitsch in seinen düsteren Stunden wohl aufsuchte. Ich freute mich ordentlich, daß ich darauf verfallen war und eilte sofort hin. Es war bereits vier Uhr, und es dunkelte. In dem Keller teilte man mir mit, er sei allerdings dagewesen, hätte sich aber nur kurz aufgehalten und sei dann gegangen – vielleicht käme er wieder, fügte man hinzu. Ich beschloß, ihn, wenn möglich, zu erwarten und bestellte mir ein Mittagessen: so verblieb mir wenigstens die Hoffnung.

Ich aß das Mittagessen, aß sogar noch mehr, nur um das Recht zu haben, mich länger in dem Keller aufzuhalten, und habe, glaube ich, vier ganze Stunden so dagesessen. Ich will meine Schwermut und meine Ungeduld nicht beschreiben: in meinem Innern bebte alles. Diese Drehorgel, diese Gäste, – diese ganze traurige Umgebung prägte sich für immer in mein Herz! Ich kann und will meine Gedanken nicht schildern, die durch meinen Kopf wirbelten gleich einer Wolke von trockenen Blättern im Herbst, in die ein Windstoß gefahren ist. Es war wirklich so ähnlich mit mir, und ich muß gestehen, daß ich zeitweise fühlte, wie mich die gesunde Vernunft zu verlassen drohte. Was mich geradezu bis zum körperlichen Schmerz peinigte (selbstverständlich nur nebenbei, als Begleiterscheinung meiner sonstigen Pein), – das war eine Erinnerung – böse und aufdringlich wie eine giftige Herbstfliege, die man zunächst gar nicht bemerkt, und die doch die ganze Zeit um einen kreist, einen stört und plötzlich schmerzhaft sticht. Es war das die Erinnerung an ein Erlebnis, von dem ich noch keinem Menschen auf Erden ein Wort erzählt habe, das ich aber jetzt erzählen will, weil es doch einmal erzählt werden muß.

IV.

Als in Moskau schon beschlossen worden war, daß ich nach Petersburg gehen sollte, ließ man mich durch Nikolai Ssemjonowitsch wissen, daß ich noch auf das Eintreffen meines Reisegeldes warten müsse. Von wem dieses Geld mir gesandt werden würde, danach erkundigte ich mich nicht weiter; ich nahm als selbstverständlich an, daß Werssiloff es schicken werde, und da ich damals Tag und Nacht mit klopfendem Herzen und stolzen Plänen nur von meinem Wiedersehen mit Werssiloff träumte, so hörte ich ganz auf, vor anderen von ihm zu sprechen; selbst mit Marja Iwanowna sprach ich nicht mehr von ihm. Im übrigen sei daran erinnert, daß ich auch mit meinem ersparten Gelde sehr wohl hätte reisen können; trotzdem beschloß ich, zu warten; unter anderem nahm ich an, das Geld werde mit der Post kommen.

Da kam eines Tages Nikolai Ssemjonowitsch nach Hause und teilte mir mit (ganz kurz und ohne alle Weitschweifigkeiten, wie das so seine Art war), daß ich mich am nächsten Morgen um elf Uhr in die Fleischerstraße, in das Haus und die Wohnung des Fürsten W–ski begeben solle: dort werde mir der aus Petersburg eingetroffene Kammerjunker Werssiloff, Andrei Petrowitschs Sohn, der bei dem Fürsten W–ski, seinem Freunde vom Lyzeum her, abgestiegen war, das Reisegeld übergeben. Man sollte meinen, nichts hätte einfacher und selbstverständlicher sein können: Andrei Petrowitsch hatte das Geld eben seinem Sohn übergeben, statt es durch die Post zu schicken; trotzdem erschreckte und bedrückte mich diese Mitteilung in ganz unnatürlicher Weise. Werssiloff wollte mich mit seinem Sohn, meinem Bruder, zusammenführen – nur so vermochte ich mir die Absichten und Gefühle desjenigen zu deuten, an den ich unablässig dachte. Und da erhob sich gleich eine unendlich schwere Frage in mir: wie würde und wie sollte ich mich bei dieser ganz unvorhergesehenen Begegnung benehmen, und mußte nicht meiner persönlichen Würde dadurch irgendwie Abbruch getan werden?

Am nächsten Morgen erschien ich pünktlich um elf Uhr in der Wohnung des Fürsten W–ski; es war eine Junggesellenwohnung, aber, wie ich auf den ersten Blick erkannte, eine auf großem Fuß eingerichtete, mit Dienern in Livree. Ich blieb im Vorzimmer stehen. Aus den inneren Räumen vernahm ich lautes Sprechen und Lachen: es waren offenbar noch andere Gäste beim Fürsten, außer dem besagten Kammerjunker. Ich beauftragte den Diener, mich zu melden, und tat es, glaub ich, in ziemlich hochmütiger Weise: wenigstens sah er mich, bevor er hinging, etwas sonderbar an, und wie mir schien, nicht ganz so ehrerbietig, wie es ein Diener tun mußte. Zu meiner Verwunderung brauchte er ziemlich viel Zeit, um mich zu melden, mindestens fünf Minuten. Währenddessen setzte sich das Lachen und Sprechen ununterbrochen fort.

Ich wartete natürlich stehend, denn ich wußte sehr gut, daß es sich für mich „als Herrn“ nicht anders schickte, und daß es unmöglich war, mich dort im Vorzimmer, wo die Diener waren, nieder zu setzen. So unaufgefordert aber wollte ich um keinen Preis in den Saal treten, aus Stolz wollte ich es nicht, vielleicht aus übertrieben empfindlichem Stolz: aber gerade so mußte es sein. Zu meinem Erstaunen wagten dagegen die beiden im Vorzimmer zurückgebliebenen Diener, sich in meiner Gegenwart hinzusetzen. Ich wendete mich ab und tat als bemerkte ich es nicht, aber ich fühlte doch, wie ich am ganzen Leibe zu zittern begann; plötzlich kehrte ich mich um, trat entschlossen auf einen der Diener zu und befahl ihm, „sofort“ hineinzugehen und mich nochmals zu melden. Der Diener sah mich trotz meines strengen Blicks und meiner sichtlichen Erregtheit nur träge an, stand nicht einmal auf, und statt seiner antwortete mir der andere:

„Sie sind schon gemeldet, beruhigen Sie sich.“

Da war ich denn im Augenblick entschlossen, höchstens eine Minute noch zu warten, oder womöglich noch weniger, und dann – unbedingt wieder fortzugehen. Ich möchte hier noch hervorheben, daß ich sehr anständig gekleidet war: mein Anzug und mein Paletot waren jedenfalls neu und meine Wäsche ganz frisch, wofür Marja Iwanowna gerade vor diesem Besuch noch besonders gesorgt hatte. Was aber die Bedienten betrifft, so habe ich erst viel später, erst in Petersburg, mit aller Gewißheit erfahren, daß ihnen von dem Diener des jungen Werssiloff, den dieser aus Petersburg mitgebracht hatte, schon am Abend vorher gesagt worden war, um elf Uhr werde „irgend so ein unehelicher Bruder, ein armer Student“ zum Herrn kommen. Das weiß ich jetzt, wie gesagt, ganz genau.

Die Minute verging. Es ist ein sonderbares Gefühl, wenn man einen Entschluß fassen will und sich doch nicht entschließen kann. „Soll ich gehen oder noch warten, soll ich, oder soll ich nicht?“ fragte ich mich in jeder Sekunde, während ich in fieberhafter Spannung verharrte. Da erschien plötzlich der Diener, der hineingegangen war, mich zu melden. In seiner Hand, zwischen den Fingern, flatterten vier rote Geldscheine, vierzig Rubel.

„Hier, empfangen Sie gefälligst vierzig Rubel!“

Ich fuhr auf. Das war eine Beleidigung! Ich hatte die ganze Nacht nur von dieser Begegnung der zwei Brüder geträumt, die doch sicherlich von Werssiloff herbeigeführt war; die ganze Nacht hatte ich fieberhaft überlegt, wie ich mich verhalten müßte, um mir nichts zu vergeben, und vor allem um den ganzen Ideenkreis, den ich in meiner Einsamkeit schon ausgebrütet hatte, und auf den ich in jedem Kreise, auch in dem höchsten, stolz sein konnte, nicht zu erniedrigen!? Ich stellte mir vor, wie vornehm und stolz ich sein würde, ohne doch eine stille Trauer zu verbergen; vielleicht würde auch Fürst W–ski zugegen sein, und so wäre ich ohne weiteres in jene Kreise eingeführt – oh, ich schone mich nicht, aber mag es, mag es so sein: gerade mit solcher Ausführlichkeit muß man das aufzeichnen! Und plötzlich werden mir vierzig Rubel vom Diener gebracht, ins Vorzimmer, nachdem man mich zehn Minuten hatte warten lassen, dazu noch so offen in der Hand des Dieners, aus dessen Bedientenfingern ich es entgegennehmen soll, nicht einmal auf einem Tablett, nicht einmal in einem Kuvert!

Ich schrie den Bedienten so an, daß er zusammenfuhr und zurückwich; ich befahl ihm, das Geld sofort zurückzutragen: der Herr müsse es mir „persönlich bringen“! Allerdings, meine Forderung war nicht ganz klar und für diesen Bedienten natürlich unverständlich! Aber ich hatte ihn doch so angeschrien, daß er unwillkürlich gehorchte und nochmals hineinging. Außerdem schien man auch drinnen mein Geschrei gehört zu haben – das Sprechen und Lachen verstummte jedenfalls plötzlich.

Im nächsten Augenblick hörte ich Schritte, gelassene, würdevolle, langsame und weiche Schritte in Hausschuhen, und in der Tür des Vorzimmers erschien die hohe Gestalt eines hübschen, hochmütigen jungen Mannes (damals war er mir noch blasser und hagerer erschienen als bei dieser Begegnung). Er kam nicht einmal bis zur Schwelle, sondern blieb etwa zwei Schritte vor der offenen Tür stehen. Er war in einem prächtigen rotseidenen Schlafrock und in Morgenschuhen, und auf der Nase hatte er einen Kneifer. Er sagte kein Wort, hob nur ein wenig den Kopf und begann mich durch diesen Kneifer zu mustern. Ich trat wie ein wütendes Tier einen Schritt auf ihn zu, blieb herausfordernd stehen und sah ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber er betrachtete mich nicht lange, vielleicht nur zehn Sekunden; plötzlich erschien auf seinen Lippen ein kaum merkliches und dabei doch beißend spöttisches Lächeln, das um so verletzender wirkte, als es fast nicht zu bemerken war: er drehte sich schweigend um und kehrte wieder in die anderen Räume zurück, genau so ruhig und gelassen – und ohne Eile, wie er gekommen war. Oh, diese Beleidiger lernen schon als Kinder, wie man beleidigt; das wird ihnen schon zu Hause von ihren Müttern beigebracht! Natürlich verwirrte mich das Ganze ... Ach, warum habe ich mich damals auch verwirren lassen!

Einen Augenblick später erschien wieder jener Bediente mit denselben vier roten Geldscheinen in der Hand:

„Nehmen Sie gefälligst; das wird Ihnen aus Petersburg geschickt; aber empfangen kann Sie der Herr jetzt nicht – vielleicht ein anderes Mal, wenn der Herr mehr Zeit haben.“

Ich fühlte, daß er diese letzten Worte aus seinem eigenen Kopf hinzugefügt hatte. Aber meine Verwirrung dauerte noch an. Ich nahm das Geld und ging zur Tür; nur, weil ich so verwirrt und kopflos war, nahm ich das Geld, nahm es ganz mechanisch, denn sonst hätte ich es selbstverständlich nicht genommen. Da erlaubte sich aber der Bediente, natürlich um sich an mir zu rächen, eine echt bedientenhafte Frechheit: er riß vor mir die Tür auf, und indem er sie weit offen hielt, sagte er wichtig und bedeutsam, als ich an ihm vorüberging:

„Bitte sehr!“

„Hund!“ brüllte ich ihn an und holte schon aus, ließ aber die Hand sinken, „und auch dein Herr ist ein Lump! Melde ihm das sofort!“ fügte ich hinzu und trat hinaus auf die Treppe.

„Wie dürfen Sie das! Wenn ich das dem Herrn melde, so könnten Sie sofort mit einem Zettel auf die Polizei gebracht werden. Und mit Ohrfeigen drohen, das dürfen Sie erst recht nicht ...“

Ich stieg die Treppe hinunter. Es war eine breite Paradetreppe: von oben konnte man mich die ganze Zeit sehen, solange ich auf dem roten Läufer hinunterstieg. Alle drei Bedienten standen denn auch richtig oben am Geländer und sahen mir nach. Ich hatte schweigend meinen Weg fortgesetzt: ein Streit mit Bedienten war doch unmöglich! Ich ging die ganze Treppe ohne Hast hinunter, ja, ich glaube, ich verlangsamte noch meinen Schritt.

Oh, mag es auch Philosophen geben (und Schande über sie!), die nun sagen werden, das wäre alles nicht der Rede wert, wäre eine Belanglosigkeit und nichts als eitler Ärger eines Milchbartes gewesen – mögen sie nur! Aber für mich ist dieses Erlebnis eine Wunde – eine Wunde, die bis heute noch nicht vernarbt ist, sogar bis zum gegenwärtigen Augenblick noch nicht, obgleich jetzt schon alles hinter mir liegt und sogar schon gerächt ist. Oh, ich schwöre, ich bin nicht nachtragend und nicht rachsüchtig. Allerdings habe ich noch immer, und sogar bis zur Krankhaftigkeit, den Wunsch, mich zu rächen, aber ich schwöre: nur durch Großmut mich zu rächen. Ich will ja nur mit Großmut heimzahlen, aber mit der Bedingung, daß der andere das fühlt, daß er es begreift – dann bin ich ja schon gerächt! Nun, und da ich einmal darauf zu sprechen gekommen bin, möchte ich gleich hinzufügen: ich bin tatsächlich nicht rachsüchtig, aber ich bin nachtragend, wenn ich auch großmütig bin – ich weiß nicht, ob das bei anderen auch so ist? Damals aber, oh, damals war ich mit den großmütigsten Gefühlen hingegangen, und wenn sie vielleicht lächerlich waren – nun gut, dann waren sie es eben: lieber lächerliche, aber großmütige Gefühle, als nicht lächerliche, doch gemeine, alltägliche, mittelmäßige!

Von dieser Begegnung mit meinem „Bruder“ habe ich keinem Menschen etwas erzählt, nicht einmal Marja Iwanowna, und in Petersburg nicht einmal meiner Schwester Lisa. Diese Begegnung war eine schmachvoll erhaltene Ohrfeige. Und nun begegnet mir plötzlich dieser selbe Herr in einem Augenblick, wo ich am allerwenigsten ihm zu begegnen erwartet hätte; er lächelt, hebt den Hut und sagt vollkommen freundschaftlich: „Bonsoir!“ zu mir. Das war natürlich Grund genug für mich, nachzudenken ... Aber – die Wunde hatte sich wieder geöffnet!

V.

Als ich so reichlich vier Stunden im Restaurant gesessen hatte, stürzte ich wie in einem plötzlichen Anfall hinaus, natürlich zu Werssiloff und fand ihn, versteht sich, nicht zu Haus – er war überhaupt nicht dagewesen; die Wärterin langweilte sich und bat mich auf einmal, ich solle ihr Darja Onissimowna schicken; oh, das fehlte noch! Ich lief zu Mamas Wohnung, ging aber nicht hinein, sondern rief Lukerja auf den Flur hinaus; von ihr erfuhr ich, daß er nicht bei ihr gewesen, und daß auch Lisa nicht zu Hause war. Ich bemerkte, daß Lukerja mich irgend etwas fragen wollte, mir vielleicht sogar einen Auftrag geben wollte – auch das noch! Es blieb noch die letzte Hoffnung, daß er vielleicht bei mir war; aber ich glaubte schon nicht mehr daran.

Ich habe schon gesagt, daß ich nachgerade meine gesunde Vernunft zu verlieren glaubte! Und da treffe ich plötzlich in meinem Zimmer Alphonsina mit meinem Wirt. Sie verließen es in eben dem Augenblick – Pjotr Ippolitowitsch mit dem Licht in der Hand.

„Was bedeutet denn das!“ brüllte ich ganz sinnlos den Wirt an. „Wie dürfen Sie diese Gaunerin in mein Zimmer führen?“

Tiens!“ rief Alphonsina – „et les amis?“[108]

„Hinaus!“ brüllte ich.

Mais c’est un ours![109] rief sie und spielte die Erschrockene, entschlüpfte auf den Korridor und war bald im Zimmer der Wirtin verschwunden. Pjotr Ippolitowitsch, immer noch mit dem Licht in der Hand, trat mit strenger Miene auf mich zu:

„Erlauben Sie mir die Bemerkung, Arkadi Makarowitsch, daß Sie sich unnötigerweise so aufregen; wie sehr wir Sie auch hochschätzen ... so ist doch Mamsell Alphonsina keine Gaunerin, sondern das Gegenteil, sie ist hier zu Gast, und zwar nicht bei Ihnen, sondern bei meiner Frau, mit der sie schon seit einiger Zeit Freundschaft geschlossen hat.“

„Aber wie wagten Sie es denn, sie in mein Zimmer zu lassen?“ rief ich noch einmal und faßte mich an den Kopf, der plötzlich zu schmerzen anfing.

„Oh ganz zufällig. Ich ging hinein, um das Fenster zu schließen, das ich der frischen Luft wegen geöffnet hatte; und da ich gerade mit Alphonsina Karlowna in einem Gespräch begriffen war, so folgte sie mir und trat mitten im Gespräch mit mir zusammen ins Zimmer ein.“

„Das ist nicht wahr, Alphonsinka ist eine Spionin und Lambert ein Spion! Vielleicht sind Sie selbst – auch ein Spion! Alphonsinka hat bei mir etwas stehlen wollen.“

„Darüber mögen Sie denken, wie Sie wollen. Heute sagen Sie dies, morgen sagen Sie das. Meine Wohnung habe ich für eine Zeitlang vermietet und ziehe selbst mit meiner Frau für die Zeit in die Kammer, und so ist Alphonsina Karlowna hier ganz eben so eine Mieterin wie Sie auch.“

„Sie haben die Wohnung an Lambert vermietet?“ rief ich erschrocken.

„Nein, nicht an Lambert,“ lächelte er mit dem langgezogenen Lächeln von heute morgen, in dem mir der Zweifel von vorhin nicht zu liegen schien; vielmehr sprach sich jetzt eine Sicherheit in ihm aus. „Ich denke, Sie werden das selbst zu wissen geruhen, an wen ich sie vermietet habe, und Sie geben sich ganz vergeblich den Anschein, als ob Sie es nicht wüßten, und tun so, als ob Sie wütend wären. Gute Nacht!“

„Ja, ja, lassen Sie mich, lassen Sie mich in Ruh!“ winkte ich mit beiden Händen ab, und fast in Tränen, so daß er mich plötzlich verwundert ansah; er ging aber doch hinaus. Ich schob den Riegel vor die Tür, warf mich auf mein Bett und preßte das Gesicht in die Kissen. So verging der erste schreckliche Tag, von diesen drei letzten verhängnisvollen Tagen, mit deren Ereignissen meine Aufzeichnungen schließen.