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Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 152: IV.
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About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Zehntes Kapitel.

I.

Ich sehe mich wieder gezwungen, dem Verlauf der Ereignisse vorzugreifen und dem Leser wenigstens einiges im voraus zu erklären, da sich hier in die logische Entwicklung meiner Geschichte so viele Zufälligkeiten hineinmischten, daß man sich ohne vorhergegangene Erläuterung derselben kaum zurechtfinden kann. Es handelte sich hier um eben jene „Schlinge“, von der Tatjana Pawlowna ein Wort hatte fallen lassen. Diese Schlinge bestand darin, daß Anna Andrejewna sich schließlich zu dem gewagtesten Schritt entschlossen hatte, den man sich in ihrer Lage überhaupt ausdenken kann. Sie war in der Tat ein Charakter – das muß man ihr lassen! Der alte Fürst war allerdings unter dem Vorwande, daß sein Gesundheitszustand es erfordere, noch rechtzeitig nach Zarskoje Sselo in Sicherheit gebracht worden, so daß die Kunde von seiner bevorstehenden Heirat mit Anna Andrejewna nicht leicht in die Öffentlichkeit dringen, vielmehr vorläufig vertuscht oder sozusagen im Keime erstickt werden konnte. Nur war damit schließlich noch nicht viel erreicht, denn dieser schwache alte Mann, mit dem man sonst alles machen konnte, hätte um nichts in der Welt eingewilligt, von seiner Absicht zurückzutreten, und Anna Andrejewna, die ihm den Heiratsantrag gemacht hatte, treulos sitzen zu lassen. In solchen Dingen war er viel zu sehr Ritter, um unritterlich zu handeln, weshalb denn auch zu gewärtigen war, daß er früher oder später plötzlich und mit unbeugsamem Willen zur Ausführung seiner Absicht schritt, was gerade bei solchen schwachen Charakteren sehr, sehr leicht geschieht, denn es gibt bei ihnen eine gewisse Grenze, an die man sie nicht heranführen darf. Hinzu kam, daß er die ganze Peinlichkeit der Lage, in der Anna Andrejewna sich befand, vollkommen erkannte, und sich auch darüber durchaus klar war, daß die Gesellschaft häßlich über sie reden, spotten und sie, die er so grenzenlos verehrte, schließlich sogar in einen üblen Ruf bringen konnte. Was ihn vorläufig noch beruhigte und zurückhielt, war nur, daß seine Tochter Katerina Nikolajewna ihm gegenüber sich nie erlaubt hatte, weder mit einem Wort noch mit einer Anspielung über Anna Andrejewna etwas Schlechtes zu sagen oder sich auch nur im geringsten gegen seine Heiratsabsichten zu äußern. Im Gegenteil, sie war zu der Braut ihres Vaters sogar von einer großen Herzlichkeit und Aufmerksamkeit. So befand sich denn Anna Andrejewna in einer äußerst peinlichen Lage, denn mit ihrem feinen weiblichen Spürsinn hatte sie natürlich sofort erraten, daß sie mit der geringsten absprechenden Bemerkung über Katerina Nikolajewna – die der Fürst gleichfalls anbetete, und jetzt sogar noch mehr als je zuvor, eben weil sie so gutherzig und achtungsvoll ihre Zustimmung zu seiner Heirat gegeben hatte – daß sie damit nur seine väterlich zärtlichen Gefühle verletzen und gegen sich selbst nur Mißtrauen, vielleicht sogar seinen Unwillen erwecken werde. Das also war nun der Kampf: die beiden Gegnerinnen schienen miteinander in Taktgefühl und Nachsicht zu wetteifern, und der alte Fürst wußte schließlich schon gar nicht, über welche von beiden er sich mehr wundern sollte, bis er am Ende nach der Art aller schwachen, doch gutherzigen Leute darunter zu leiden begann und die Schuld an allem sich allein zuschrieb. Seine Selbstquälerei soll ihn fast krank gemacht haben, seine Nerven gerieten dadurch noch mehr aus dem Gleichgewicht, und das Ergebnis war, wie man versichert, daß er in Zarskoje, statt sich zu erholen, bald nahe daran gewesen war, das Bett hüten zu müssen.

Hier möchte ich, gewissermaßen in Klammern, etwas erwähnen, was ich erst viel später erfahren habe: wie verlautete, hatte Bjoring Katerina Nikolajewna ganz offen den Vorschlag gemacht, ihren Vater ins Ausland zu bringen, ihn durch irgendeine Vorspiegelung dazu zu überreden, und dabei in der Gesellschaft vertraulich die Erklärung zu verbreiten, daß er vor Altersschwäche nicht mehr zurechnungsfähig sei, und sich dies im Auslande durch ein ärztliches Zeugnis bestätigen zu lassen. Doch Katerina Nikolajewna habe das nicht gewollt – wenigstens wurde das nachher behauptet. Sie habe vielmehr diesen Vorschlag mit Unwillen zurückgewiesen. Freilich ist es nur ein Gerücht, aber ich schenke ihm doch vollen Glauben.

Und da, ausgerechnet in dem Augenblick, als Anna Andrejewnas Spiel rettungslos verloren schien, erfährt sie nun plötzlich durch Lambert, daß es einen Brief gibt, in dem die Tochter einen Juristen um Rat fragt, wie sie ihren Vater offiziell für irrsinnig erklären lassen könnte! – Ihr nachtragender und stolzer Charakter mußte dadurch selbstverständlich im höchsten Grade gereizt werden. Und wenn sie sich ihrer früheren Gespräche mit mir erinnerte und sich eine Menge geringfügiger Umstände vergegenwärtigte, so konnte sie an der Richtigkeit der Mitteilung wohl nicht mehr zweifeln. Da reifte denn in diesem willensstarken, unbeugsamen Frauenherzen unwiderstehlich der Plan zu einem entscheidenden Schlage. Dieser Plan lief darauf hinaus, dem Fürsten ohne jede Vorbereitung und Ohrenbläserei plötzlich alles zu sagen: ihn mit der Mitteilung zu erschrecken und zu erschüttern, daß ihm unfehlbar das Irrenhaus bevorstehe, und falls er sich sträuben oder unwillig werden oder gar das Mitgeteilte nicht glauben sollte – dann einfach den Brief seiner Tochter vor seinen Augen auszubreiten und damit den Beweis zu erbringen; denn „wenn schon einmal die Absicht bestanden hat, ihn für irrsinnig zu erklären, so ist dazu jetzt doch noch viel mehr Grund vorhanden, wo es gilt, die Heirat zu verhindern“. Und dann wollte sie den erschrockenen, gebrochenen alten Herrn unverzüglich aus Zarskoje nach Petersburg bringen, und hier – geradeswegs in meine Wohnung!

Das war ein ungeheures Wagnis, aber sie glaubte, sich ohne weiteres auf ihre Macht verlassen zu können. Jetzt will ich auf einen Augenblick von meiner Erzählung abweichen und, wenn ich damit auch wieder vorgreife, schon im voraus darauf aufmerksam machen, daß sie sich in der Wirkung der Enthüllung auf den alten Fürsten nicht verrechnet hatte; ja, die Wirkung überstieg sogar noch alle ihre Erwartungen. Die Mitteilung von diesem Brief seiner Tochter an den Juristen Andronikoff erschütterte den Fürsten tatsächlich noch viel, viel mehr, als sie und wir alle für möglich gehalten hätten. Ich hatte bis dahin noch keine Ahnung davon gehabt, daß dem alten Fürsten schon früher einmal von diesem Brief etwas zu Ohren gekommen war, doch hatte er nach Art aller schwachen und zaghaften Leute dem Gerücht keinen Glauben geschenkt und es sich aus allen Kräften vom Leibe gehalten, um sich seine Ruhe zu sichern, ja schließlich hatte er sich selbst wegen seiner unvornehmen Leichtgläubigkeit Vorwürfe gemacht. Ich will noch gleich erwähnen, daß die Tatsache des Vorhandenseins jenes Briefes auch auf Katerina Nikolajewna unvergleichlich stärker wirkte, als ich erwartet hatte ... Mit einem Wort, dieses Schriftstück war von weit größerer Wichtigkeit, als ich, der ich es in der Tasche trug, damals ahnte. Doch ich greife gar zu weit vor.

Aber warum, wird man fragen, warum hatte sie dazu gerade meine Wohnung ausersehen? Warum wollte sie den Fürsten in unsere billigen Wohnräume bringen und ihn womöglich durch die Ärmlichkeit unserer Umgebung erschrecken? Wenn es nun einmal nicht anging, ihn in sein eigenes Haus zu führen (da man dort alles vereiteln konnte), weshalb brachte sie ihn dann nicht in eine andere „hochelegante“ Wohnung, wie Lambert ihr anriet? Ja, eben hierin lag das ganze Wagnis ihres gewiß außergewöhnlichen Planes.

Die Hauptsache war für sie: dem Fürsten sofort nach seiner Ankunft das Dokument vorzuweisen. Nun hatte ich das Dokument bisher um keinen Preis ausliefern wollen. Da aber keine Zeit zu verlieren war, so entschloß sich Anna Andrejewna, im Vertrauen auf ihre Macht, die Sache ohne Dokument anzufangen, und den Fürsten geradeswegs zu mir zu bringen – warum? Ja, eben darum, weil sie mit diesem Schritt auch mich zu fangen, oder, wie das Sprichwort sagt, mit einem Stein zwei Sperlinge zu treffen hoffte. Sie rechnete und hoffte, mit einer solchen Überraschung und Erschütterung mich am ehesten überrumpeln zu können: ich würde, wie sie meinte, wenn ich den alten Fürsten plötzlich bei mir sähe, wenn ich seine Angst und Hilflosigkeit vor Augen hätte und ihren gemeinsamen Bitten ausgesetzt wäre, schließlich doch nicht widerstehen können und das Dokument vorweisen! Ich muß zugeben: ihre Berechnung war schlau und klug, war in den Schlüssen durchaus psychologisch, und noch mehr als das, denn beinahe hätte sie auch ihr Ziel erreicht ... Was aber den Alten betraf, so hatte sie ihn einzig damit zur Fahrt nach Petersburg bewegen können, daß sie ihm einfach erklärte, sie werde ihn zu mir bringen, ganz wie er ihr auch nur auf diese Erklärung hin Glauben geschenkt hatte, und dann sogar auf ihr bloßes Wort hin. Das habe ich alles erst später erfahren. Allein schon die Mitteilung, daß jenes Dokument sich in meinem Besitz befände, hatte in seinem schwachen Herzen den letzten Zweifel an der Richtigkeit der Mitteilung zerstört – so groß war seine Liebe und sein Vertrauen zu mir!

Ich muß noch bemerken, daß Anna Andrejewna selbst keinen Augenblick daran zweifelte, daß ich das Dokument noch besäße und nicht aus der Hand gegeben hätte. Ihr Irrtum bestand nur darin, daß sie meinen Charakter falsch beurteilte und zynisch auf meine Unschuld, meine Gutherzigkeit und sogar auf meine Sentimentalität rechnete; andererseits war sie der Meinung, daß ich, falls ich den Brief zum Beispiel Katerina Nikolajewna auszuliefern entschlossen wäre, das nur unter gewissen besonderen Umständen tun würde: eben diesen Umständen wollte sie durch eine Überrumpelung, einen ganz unerwarteten Schachzug und entscheidenden Schlag zuvorkommen.

Und schließlich hatte Lambert sie in alledem noch bestärkt. Ich habe schon einmal erwähnt, daß Lambert sich zu jener Zeit in einer äußerst kritischen Lage befand: er, der Anna Andrejewna zu hintergehen beabsichtigte, wollte mich mit allen Mitteln von ihr weglocken, damit ich, halbpart mit ihm, das Dokument an Katerina Nikolajewna verkaufte, was er aus gewissen Gründen für vorteilhafter hielt. Doch da ich das Dokument bis zum letzten Augenblick und um keinen Preis herausgab, so war er schließlich bereit, im äußersten Fall Anna Andrejewna behilflich zu sein, da er sonst Gefahr lief, ganz umgangen zu werden, und deshalb drängte er sich ihr mit seiner Dienstbeflissenheit bis zur letzten Stunde geradezu gewaltsam auf, und erbot sich sogar, wie ich genau weiß, einen Priester zur Stelle zu schaffen, der sie ohne weiteres trauen würde ... Doch Anna Andrejewna ersuchte ihn daraufhin nur mit einem verächtlichen Lächeln, ihr nicht mit solchen Vorschlägen zu kommen. Lambert erschien ihr viel zu ungeschickt und erweckte in ihr nur Abscheu; aber aus Vorsicht lehnte sie seine Dienste nicht ab, die unter anderem darin bestanden, daß er für sie spionierte. Übrigens – da ich auf Spionage zu sprechen gekommen bin – ich weiß auch heute noch nicht, ob mein Wirt Pjotr Ippolitowitsch für seine Dienste irgend etwas von ihnen erhielt, oder ob er einfach aus Vergnügen an der Verschwörung in ihr Lager übergegangen war; jedenfalls spionierte auch er mir nach, und seine Frau gleichfalls – das weiß ich genau.

Der Leser wird jetzt verstehen, daß ich, obschon ich zum Teil darauf vorbereitet worden war, mir doch nicht hatte träumen lassen, am nächsten oder übernächsten Tage den alten Fürsten in meiner Wohnung und unter solchen Umständen wiederzusehen. Wie hätte ich auch ein solches Wagnis von Anna Andrejewna erwarten sollen! Reden kann man ja vieles und andeuten noch mehr, aber einen solchen Entschluß fassen und diesen Entschluß auch wirklich ausführen – nein, das muß ich sagen, dazu gehört Charakter!

II.

Ich fahre fort.

Am nächsten Morgen erwachte ich spät, nachdem ich ungewöhnlich fest und traumlos geschlafen hatte, was mich eigentlich wunderte; und so fühlte ich mich denn beim Aufstehen geistig wieder ausnehmend frisch und mutig, ganz als wäre der gestrige Tag gar nicht gewesen. Bei Mama wollte ich zunächst nicht vorsprechen, sondern mich geradeswegs in die Friedhofskirche begeben, um von dort nach der Trauerfeier mit Mama nach Hause zu fahren und dann den ganzen Tag bei ihr zu bleiben. Ich war fest überzeugt, daß ich ihn heute bei Mama treffen würde, früher oder später, aber jedenfalls ganz bestimmt!

Alphonsinka und mein Wirt hatten das Haus schon längst verlassen. Meine Wirtin wollte ich nach nichts fragen, und überhaupt nahm ich mir vor, alle Beziehungen zu ihnen abzubrechen und sogar sobald wie möglich auszuziehen; deshalb verriegelte ich auch wieder meine Tür, als man mir meinen Kaffee gebracht hatte. Doch plötzlich klopfte es: zu meinem Erstaunen war es nicht jemand von meinen Hausgenossen, sondern Trischatoff. Ich öffnete ihm sogleich und bat ihn erfreut, doch hereinzutreten, aber das wollte er nicht.

„Nein, besten Dank, ich will Ihnen nur zwei Worte von hier aus sagen ... das heißt, ich muß doch wohl über die Schwelle treten, denn es ist vielleicht besser, leise zu sprechen. Aber hinsetzen werde ich mich nicht. Sie wundern sich über meinen scheußlichen Mantel: ja, Lambert hat mir den Pelz weggenommen ...“

Er hatte in der Tat einen ganz alten, abgetragenen Mantel an, der für ihn viel zu lang war. Er stand mit einem eigentümlich düsteren und traurigen Gesicht vor mir, die Hände in den Taschen und den Hut auf dem Kopf.

„Ich setze mich nicht, ich setze mich nicht. Hören Sie, Dolgoruki, ich weiß nichts Näheres, aber ich weiß, daß Lambert irgend etwas gegen Sie plant, etwas, was bald und ganz bestimmt ausgeführt werden wird – das ist sicher. Also nehmen Sie sich in acht! Der Pockennarbige hat unvorsichtigerweise mir gegenüber so was ausgeplaudert – Sie erinnern sich doch noch des Pockennarbigen? Er hat mir freilich nicht gesagt, um was es sich handelt, daher kann ich Ihnen auch nichts Bestimmteres sagen. Ich bin nur gekommen, um Sie zu warnen. Leben Sie wohl!“

„Aber so setzen Sie sich doch, lieber Trischatoff! Ich habe zwar nicht viel Zeit, aber ich freue mich so, daß Sie gekommen sind ...“ rief ich.

„Nein, nein, ich setze mich nicht; aber daß Sie sich über mein Kommen freuen, das werde ich nicht vergessen. Ach, Dolgoruki, wozu sich vor anderen maskieren: ich habe mich doch bewußt und freiwillig zu jeder Schändlichkeit bereit erklärt, und sogar zu einer solchen Gemeinheit, daß ich mich schäme, sie vor Ihnen auch nur auszusprechen. Wir sind jetzt zu dem Pockennarbigen übergegangen ... Leben Sie wohl! Ich bin es nicht wert, bei Ihnen zu sitzen.“

„Aber was reden Sie da, Trischatoff, lieber ...“

„Nein, sehen Sie, Dolgoruki: ich bin vor allen Menschen dreist und frech und werde jetzt ein Schlemmerleben anfangen. Bald werde ich einen noch besseren Pelz tragen als früher und nur mit Trabern fahren. Aber bei alledem werde ich im geheimen wissen, daß ich mich bei Ihnen doch nicht hingesetzt habe, weil ich mich noch selbst zu verdammen vermag und weiß, daß ich für Sie zu gemein bin! Diese Erinnerung wird mir noch angenehm sein, wenn ich ehrlos schlemme. Nun leben Sie wohl, leben Sie wohl! Auch die Hand gebe ich Ihnen nicht: nimmt doch selbst eine Alphonsinka nicht mehr meine Hand! Und bitte, kommen Sie mir nicht nach und suchen Sie mich nicht auf – vergessen Sie nicht unsere Abmachung.“

Damit drehte sich der sonderbare Junge um und ging. Ich hatte im Augenblick wirklich keine Zeit, aber ich nahm mir vor, ihn unbedingt aufzusuchen, sobald ich nur alle die Konflikte beigelegt hätte, in denen ich mich befand ...

Von diesem Vormittag will ich sonst nichts weiter erzählen, obschon sich noch vieles erzählen ließe. Werssiloff war nicht zur Beerdigung erschienen, und ich glaube, man konnte schon aus den Mienen der anderen schließen, daß er auch gar nicht erwartet wurde. Mama betete andächtig und gab sich ganz dem Gebet hin. Am Grabe waren von ihnen nur Tatjana Pawlowna und Lisa. Aber ich wollte ja davon nichts weiter berichten. Nach der Beerdigung fuhren wir alle nach Haus und setzten uns zu Tisch, und wieder schloß ich aus ihren Mienen, daß man ihn auch zu Tisch nicht erwartete. Als wir nach dem Essen aufstanden, ging ich auf Mama zu, umarmte sie herzlich und gratulierte ihr zum Geburtstage; Lisa tat dann dasselbe.

„Höre, Arkadi,“ flüsterte mir Lisa heimlich zu, „sie erwarten ihn.“

„Das merke ich, Lisa, das sieht man ihnen an.“

„Er wird auch bestimmt kommen.“

Sie müssen zuverlässige Nachricht haben, dachte ich bei mir und fragte nicht weiter. Wenn ich auch meine Gefühle nicht beschreiben will, so muß ich doch sagen, daß dieses neue Rätsel, trotz meines ganzen frischen Mutes, sich wie ein Stein auf mein Herz wälzte. Wir setzten uns im Wohnzimmer alle zu Mama um den runden Tisch. Oh, wie wohl es mir damals tat, bei ihr zu sein und sie anzusehen! Sie bat mich plötzlich, etwas aus der Bibel vorzulesen. Ich las ein Kapitel aus dem Evangelium Lucä. Sie weinte nicht und war auch nicht einmal sehr traurig, aber ihr Gesicht war mir noch nie so – hellsichtig und bewußt erschienen. In ihrem stillen Blick leuchtete eine Idee, aber ich konnte es ihr nicht im geringsten ansehen, daß sie mit Bangen etwas erwartete. Das Gespräch spann sich fast von selbst weiter: wir sprachen von dem Verstorbenen, und Tatjana Pawlowna erzählte aus ihrer Erinnerung vieles von ihm, was ich früher nicht gewußt hatte. Und überhaupt, wenn man das aufzeichnen wollte, so fände sich viel Bemerkenswertes! Auch Tatjana Pawlowna schien ihr gewohntes Wesen ganz verändert zu haben: sie war sehr freundlich und vor allen Dingen gleichfalls sehr ruhig, wenn sie auch viel sprach, um Mama zu zerstreuen. Aber eines kleinen Zwischenfalles erinnere ich mich noch gut: Mama saß auf dem Sofa, und auf einem runden Tischchen links vom Sofa lag ein Heiligenbild – es schien mit Absicht dorthin gelegt zu sein. Es war ein altertümliches Bild auf einer Holztafel und ohne metallene Verkleidung, außer den silbernen Heiligenscheinen über den Häuptern der beiden Heiligen, die dargestellt waren. Dieses Heiligenbild hatte Makar Iwanowitsch gehört, das wußte ich; und ich wußte auch, daß der Verstorbene sich nie von diesem Bilde getrennt und es für wundertätig gehalten hatte. Tatjana Pawlowna sah schon wieder zu dem Bilde hinüber.

„Hör mal, Ssofja,“ sagte sie plötzlich, das Gespräch unterbrechend, „sollte man nicht das Heiligenbild, statt es so liegen zu lassen, lieber auf dem Tisch aufstellen – man kann es ja stützen – und ein Lämpchen davor anzünden?“

„Nein, es ist besser so, wie es jetzt ist,“ sagte Mama.

„Übrigens, du hast recht. So würde es sich gar zu feierlich ausnehmen ...“

Ich begriff damals nicht, um was es sich handelte. Erst später erfuhr ich, daß dieses Heiligenbild von Makar Iwanowitsch schon vor langer Zeit Werssiloff mündlich vermacht worden war; und Mama wollte es ihm jetzt übergeben. Es war inzwischen schon fünf Uhr geworden; wir unterhielten uns ruhig weiter, als ich plötzlich in Mamas Gesicht ein schreckhaftes Zucken bemerkte; sie nahm schnell eine geradere Haltung an und begann zu lauschen, während Tatjana Pawlowna, ohne etwas zu bemerken, weitersprach. Ich sah mich unwillkürlich nach der Tür um, und kurz darauf erblickte ich in ihr – Andrei Petrowitsch. Er mußte durch die Hintertür und den Korridor gekommen sein. Von uns allen hatte nur Mama seinen leisen Schritt gehört. Die jetzt folgende wahnsinnige Szene werde ich mit aller Ausführlichkeit wiedergeben, jedes Wort und jede Bewegung will ich festzuhalten versuchen. Es war übrigens nur ein kurzer Auftritt.

Zunächst fiel mir in seinem Gesicht nicht die geringste Veränderung auf. Gekleidet war er wie immer, das heißt, beinahe überelegant. In der Hand hatte er einen nicht großen, aber offenbar recht teuren Strauß frischer Blumen. Er trat näher und überreichte ihn mit einem Lächeln Mama; die sah ihn erschrocken und verständnislos an, nahm aber den Strauß, und plötzlich stieg eine leichte Röte in ihre blassen Wangen, und ihre Augen erstrahlten vor Freude.

„Ich wußte es, daß du es so auffassen würdest, Ssonjä,“ sagte er.

Da wir bei seinem Eintritt alle aufgestanden waren, nahm er sich, als er an den Tisch trat, Lisas Stuhl, die links neben Mama gesessen hatte, und ohne zu bemerken, daß er einen fremden Platz einnahm, setzte er sich dort hin. So kam er neben dem Tischchen zu sitzen, auf dem das Heiligenbild lag.

„Guten Tag allerseits. Ssonjä, ich wollte dir heute unbedingt diesen Blumenstrauß bringen, an deinem Geburtstag, deshalb bin ich auch nicht zur Beerdigung gekommen, weil ich mit diesem Strauß nicht zu einem Toten kommen konnte. Aber du hast mich ja zur Beerdigung auch gar nicht erwartet, ich weiß es. Und der Alte wird sich über diese Blumen nicht ärgern, er hat uns doch selbst noch Freude vermacht, ist es nicht so? Ich denke, er ist hier irgendwo im Zimmer.“

Mama sah ihn befremdet an. Tatjana Pawlownas Gesicht verzerrte sich für einen Augenblick.

„Wer soll hier im Zimmer sein?“ fragte sie.

„Der Verstorbene. Lassen wir das. Sie wissen doch, daß ein Mensch, der an alle diese Wunder nicht vollkommen glaubt, immer am ehesten zu Vorurteilen geneigt ist ... Doch ich werde lieber von den Blumen sprechen – ich verstehe nicht, wie ich den Strauß heil und ganz hergebracht habe. Unterwegs hat mich mindestens dreimal die Lust angewandelt, ihn in den Schnee zu schleudern und mit dem Fuß zu zertreten.“

Mama zuckte zusammen.

„Ich hatte die größte Lust dazu. Hab’ Mitleid mit mir, Ssonjä, und mit meinem armen Kopf. Die Lust dazu hatte ich, weil er so schön war. Gibt es ein schöneres Ding auf der Welt als solche Blumen? Ich trage sie, und ringsum ist Schnee und Kälte. Unsere Kälte und Blumen – was für ein Gegensatz! Übrigens, das war es nicht, was ich sagen wollte: ich hatte einfach Lust, den Strauß zu zerdrücken, zu vernichten, weil er so schön war. Ssonjä, ich werde jetzt wieder verschwinden, aber ich werde sehr bald zurückkehren, denn ich glaube, ich werde – mich zu – fürchten anfangen. Und wenn ich Furcht bekomme – wer wird mich dann von meiner Angst erlösen, wo finde ich dann einen Engel wie Ssonjä? ... Was ist das da für ein Heiligenbild? Ach so, das vom Verstorbenen, ich erinnere mich. Es war sein Erbstück, vom Großvater; er hat sich ja sein Lebtag nicht von ihm getrennt, ich weiß, ich erinnere mich; er hat es mir vermacht, ich erinnere mich noch sehr gut ... ich glaube, es ist ein Bild von den Altgläubigen ... laßt doch mal sehen.“

Er nahm das Heiligenbild in die Hand, hielt es näher zum Licht und prüfte es aufmerksam, doch schon nach wenigen Sekunden legte er es auf den Tisch vor sich hin. Ich wunderte mich, denn alle diese sonderbaren Worte sagte er so unvermittelt, daß ich eigentlich noch nichts begreifen konnte. Ich weiß nur noch, daß ein krankhafter Schreck mein Herz ergriff. Mamas anfänglicher Schrecken dagegen wurde zu einem Nichtverstehenkönnen und dann zu Mitleid; sie sah in ihm vor allem den unglücklichen Menschen – war es doch auch früher schon vorgekommen, daß er fast ebenso sonderbar gesprochen hatte wie jetzt. Lisa wurde auf einmal sehr bleich und nickte mir mit einem seltsamen Blick auf ihn zu. Doch mehr noch als wir alle schien Tatjana Pawlowna erschrocken zu sein.

„Aber was haben Sie denn, bester Andrei Petrowitsch?“ fragte sie vorsichtig.

„Wirklich, ich weiß es selbst nicht, liebe Tatjana Pawlowna, was mit mir ist. Erschrecken Sie nur nicht, ich weiß noch, daß Sie Tatjana Pawlowna sind, und daß Sie lieb und gut sind. Ich bin ja ... einstweilen ... nur für einen Augenblick hergekommen; ich wollte Ssonjä etwas Gutes sagen und suche vergeblich nach so einem Wort, wenn auch mein Herz voll ist von Worten, die ich nicht auszusprechen verstehe; wirklich, es sind lauter so sonderbare Worte. Wissen Sie, mir ist so, als ob ich mich gleichsam spaltete,“ sagte er und sah uns alle mit einem furchtbar ernsten Gesicht und mit aufrichtigem Mitteilsamkeitsbedürfnis an. „Wirklich, ich spalte mich geistig und habe eine schreckliche Angst davor. Es ist, als stünde neben mir mein Doppelgänger; man ist selbst noch klug und vernünftig, jener andere aber neben einem will unbedingt irgendeine Sinnlosigkeit begehen; manchmal sogar etwas sehr Lustiges; und plötzlich wird man gewahr, daß man selbst derjenige ist, der dieses Lustige begehen will. Man will es Gott weiß weshalb, man will es, ohne es zu wollen, man sträubt sich aus allen Kräften dagegen und will es doch mit aller Gewalt. Ich habe einen Arzt gekannt, der bei der Beerdigung seines Vaters in der Kirche plötzlich zu pfeifen anfing. Glaubt mir, ich hatte Angst, heute zur Beerdigung zu kommen, weil sich meiner die Überzeugung bemächtigt hatte, ich weiß nicht, aus welchem Grunde, daß auch ich in der Kirche zu pfeifen oder zu lachen anfangen würde, ganz wie jener unglückliche Arzt, der traurig genug endete ... Ich weiß wirklich nicht, weshalb mir heute immer wieder dieser Arzt einfällt; so oft, daß ich von ihm gar nicht mehr loskommen kann. Weißt du, Ssonjä, da habe ich wieder dieses Heiligenbild genommen“ (er hielt es schon und wendete es in den Händen hin und her), „und weißt du, ich habe jetzt, gerade in diesem Augenblick, in dieser Sekunde die größte Lust, es an den Ofen zu schleudern, an jene Ecke da. Ich bin überzeugt, daß es sich auf einen Hieb in zwei Teile spalten wird, gerade in zwei – nicht mehr und nicht weniger!“

Das sonderbarste war dabei, daß er das ohne eine Spur von Verstellung und ganz ohne Herausforderung sagte; er sprach ganz wie gewöhnlich; aber um so schrecklicher wirkte es; und ich glaube, er hatte in der Tat furchtbare Angst vor irgend etwas; ich bemerkte plötzlich, daß seine Hände ein wenig zitterten.

„Andrei Petrowitsch!“ schrie Mama auf und schlug die Hände zusammen.

„Laß, laß das Bild, Andrei Petrowitsch, laß es, leg es hin!“ rief Tatjana Pawlowna, die schon aufgesprungen war. „Kleide dich aus und leg dich ins Bett. Arkadi, zum Arzt!“

„Aber ... warum regt ihr euch denn auf?“ fragte er leise und sah uns alle der Reihe nach forschend an. Dann stützte er plötzlich beide Ellbogen auf den Tisch und preßte die Stirn in die Hände.

„Ich ängstige euch, aber ich habe eine Bitte, meine Freunde: unterhaltet mich ein wenig, setzt euch wieder hin und beruhigt euch alle – wenigstens auf einen Augenblick! Ssonjä, ich bin ja nicht deshalb gekommen, um das zu sagen; ich kam allerdings, um etwas mitzuteilen, aber etwas ganz anderes. Leb wohl, Ssonjä, ich gehe wieder auf die Wanderschaft, wie ich schon mehrmals von dir gegangen bin ... Nun und natürlich werde ich einmal wieder zu dir zurückkehren – in diesem Sinne bist du ja mein Schicksal. Zu wem sollte ich denn auch sonst gehen, wenn alles zu Ende ist? Glaube mir, Ssonjä, ich bin jetzt zu dir gekommen, wie zu einem Engel und durchaus nicht wie zu einem Feinde: was wärest du mir denn für ein Feind, ja, was für ein Feind? Glaube auch nicht, daß ich gekommen bin, um dieses Heiligenbild zu zerschlagen, aber weißt du, Ssonjä, ich habe doch Lust, es zu zerschlagen ...“

Als Tatjana Pawlowna vorhin ausgerufen hatte: „Laß das Bild, leg es hin!“ – da hatte sie es ihm entwunden und in ihrer Hand behalten. Plötzlich aber, bei seinem letzten Wort, sprang er auf, entriß es ihr im Augenblick, holte jähzornig aus und schleuderte es aus aller Kraft an die Ecke des Kachelofens. Das Heiligenbild zersprang in genau zwei Stücke ... Da wandte er sich hastig zu uns, sein bleiches Gesicht wurde rot, fast purpurrot, und jeder Nerv seines Gesichts bebte und zuckte.

„Faß es nicht als Sinnbild auf, Ssonjä, ich habe nicht Makars Vermächtnis zerschlagen, sondern nur so ... um zu zerschlagen ... Zu dir werde ich ja doch zurückkehren, – als zu meinem letzten Engel! oder übrigens – faß es meinetwegen auch als Sinnbild auf; denn das war es doch nun einmal, unbedingt! ...“

Und plötzlich ging er schnell aus dem Zimmer und verließ das Haus – wieder durch die andere Tür (sein Pelz und seine Mütze waren an jenem Ende des Korridors geblieben). Ich will nicht ausführlich schildern, was mit Mama geschah: zu Tode erschrocken und mit erhobenen Händen stand sie wie erstarrt da, bis sie – jäh zu sich kam und ihm nachrief:

„Andrei Petrowitsch, so laß uns doch wenigstens Abschied nehmen, Liebster!“

„Er wird schon kommen, Ssofja, er wird schon kommen! Sei unbesorgt!“ schrie Tatjana Pawlowna in einem furchtbaren Haßanfall, zitternd vor Empörung, vor geradezu tierischer Wut. „Du hast doch gehört, er versprach ja wiederzukommen! Laß nur den Narren noch zum letzten Male spazieren gehen! Wenn er dann alt wird – wer wird ihn als Gichtlahmen dann noch pflegen außer dir, seiner alten Pflegerin? So hat er’s ja selber erklärt, hat sich ja nicht mal geschämt ...“

Lisa war ohnmächtig geworden.

Ich selbst wollte ihm nachlaufen.

Aber dann eilte ich zu Mama, umfaßte sie und hielt sie in meinen Armen.

Lukerja kam herbeigelaufen und brachte ein Glas Wasser für Lisa.

Mama kam bald wieder zu sich, sank auf das Sofa, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte.

„Aber ... ja aber ... so lauf ihm doch nach!“ rief plötzlich Tatjana Pawlowna laut, wie wenn sie jetzt erst zur Besinnung käme. „So lauf doch, hol ihn ein, lauf, geh ihm nicht von der Seite, so geh doch, lauf, lauf ihm nach!“ und sie suchte mich mit Gewalt von Mama loszureißen. „Ach, dann laufe ich doch selber!“

„Arkascha, ja, ach, lauf ihm schnell nach!“ rief plötzlich auch Mama.

Da lief ich denn Hals über Kopf hinaus, gleichfalls durch die Küchentür und über den Hof; aber er war schon nicht mehr zu sehen. In der Ferne sah ich auf den Fußsteigen schwarze Gestalten gehen; ich lief ihnen nach und sah im Vorüberlaufen jedem ins Gesicht. So lief ich bis zur Straßenkreuzung.

„Über Irrsinnige ärgert man sich doch nicht,“ dachte ich flüchtig, „Tatjana Pawlowna aber wurde doch vor Ärger so wild auf ihn, – folglich ist er gar nicht irrsinnig ...“

Ich hatte das Gefühl, daß seine Tat dennoch ein Sinnbild gewesen war, und daß er unbedingt mit irgend etwas ein Ende habe machen wollen, ein Ende, wie mit diesem Heiligenbilde, und zwar so, daß wir es sähen, wir, Mama und Alle. Aber auch der „Doppelgänger“ war sicherlich neben ihm gewesen; daran war gewiß nicht zu zweifeln ...

III.

Er war aber nirgendwo zu sehen, und ich wußte nicht, wo ich ihn suchen sollte: daß er geradeswegs in seine Wohnung gegangen wäre, war kaum anzunehmen. Plötzlich kam mir ein Gedanke, und ich lief schnurstracks zu Anna Andrejewna.

Anna Andrejewna war schon zurückgekehrt, und ich wurde sogleich zu ihr gebeten. Ich nahm mich nach Möglichkeit zusammen, während ich hineinging. Ohne mich zu setzen, erzählte ich ihr, was vorgefallen war, also das von dem „Doppelgänger“. Niemals werde ich ihr jene gespannte, aber mitleidslos ruhige und selbstsichere Neugier, mit der sie mich gleichfalls stehend anhörte, vergessen oder gar verzeihen.

„Wo kann er jetzt sein? Vielleicht wissen Sie es?“ schloß ich schroff. „Tatjana Pawlowna hat mich gestern zu Ihnen geschickt ...“

„Ich ließ Sie schon gestern zu mir bitten. Gestern war er in Zarskoje Sselo und war auch bei mir. Jetzt aber“ (sie sah nach der Uhr), „da es schon sieben ist ... wird er bestimmt bei sich zu Hause sein.“

„Ich sehe, daß Sie alles wissen – also sagen Sie, sagen Sie mir auch alles!“ rief ich.

„Ich weiß vieles, aber nicht alles. Ihnen brauche ich wohl nichts zu verheimlichen ...“ Sie maß mich mit einem sonderbaren Blick, dabei lächelnd und gleichsam erwägend. „Gestern früh hat er Katerina Nikolajewna, als Antwort auf ihren Brief, in aller Form einen Heiratsantrag gemacht.“

„Das – ist nicht möglich!“ Ich starrte sie an.

„Der Brief ging durch meine Hände; ich selbst habe ihr den Brief uneröffnet übergeben. Diesmal hat er ‚ritterlich‘ gehandelt und mir nichts verheimlicht.“

„Anna Andrejewna, ich verstehe kein Wort!“

„Es ist allerdings schwer zu verstehen ... diese Handlungsweise erinnert an einen Spieler, der sein letztes Goldstück auf den Tisch wirft und dabei schon den Revolver schußbereit in der Tasche hält – so ungefähr ist auch sein Heiratsantrag aufzufassen. Von zehn Möglichkeiten sprechen neun dafür, daß sie seinen Antrag nicht annimmt; aber auf diese eine zehnte Möglichkeit rechnet er doch noch, und ich muß sagen, das ist sogar sehr – interessant! Meiner Ansicht nach ... übrigens ... übrigens kann hier auch wieder so eine Anwandlung mitgespielt haben, eben jener ‚Doppelgänger‘, wie Sie das soeben so treffend ausgedrückt haben ...“

„Und Sie lachen noch? Und wie soll ich glauben, daß Sie den Brief übergeben haben? Sie sind doch – die Braut ihres Vaters? Foltern Sie mich nicht, Anna Andrejewna!“

„Er bat mich, mein Schicksal seinem Glück zu opfern, oder vielmehr gebeten hat er darum gerade nicht: es wurde ziemlich schweigsam abgetan, ich las das alles nur in seinen Augen. Mein Gott, wozu sich darüber wundern: ist er denn nicht nach Königsberg gereist, um sich von Ihrer Mutter die Zustimmung zu seiner Heirat mit Madame Achmakoffs Stieftochter zu holen? Das sieht dem doch wieder sehr ähnlich, daß er mich gestern zu seiner Vertrauten und Abgesandten erkor.“

Sie war ein wenig bleich. Aber ihr Sarkasmus war nur ein Mittel, um ihre Ruhe zu bewahren. Oh, ich verzieh ihr damals viel, als ich so nach und nach das Ganze erfaßte. Eine Minute lang überlegte ich; sie schwieg und wartete.

„Wissen Sie,“ sagte ich plötzlich lachend, „Sie haben den Brief ja nur deshalb überbracht, weil er für Sie nicht die geringste Gefahr bedeutete, denn zu dieser Heirat wird es doch nie und nimmer kommen! Aber er? Und schließlich auch sie? Selbstverständlich wird sie ihn mit seinem Antrag abweisen, und dann ... was wird dann geschehen? Wo ist er jetzt, Anna Andrejewna?“ rief ich, „jetzt ist jede Minute wertvoll, jede Minute kann ein Unglück geschehen!“

„Er ist jetzt bei sich in seiner Wohnung, wie ich Ihnen schon sagte. In seinem gestrigen Brief an Katerina Nikolajewna, den ich überbrachte, bat er sie auf jeden Fall, also unabhängig von ihrer Antwort, um eine Zusammenkunft in seiner Wohnung heute um sieben Uhr abends. Sie hat zugesagt.“

„Sie in seiner Wohnung? Wie ist das möglich?“

„Warum denn nicht? Die Wohnung gehört ja Darja Onissimowna; da können sie sich doch sehr gut als ihre Gäste bei ihr treffen ...“

„Aber sie fürchtet sich vor ihm ... er kann sie umbringen!“

Anna Andrejewna lächelte nur.

„Katerina Nikolajewna hat trotz ihrer ganzen Furcht vor ihm, die auch ich an ihr bemerkt habe, doch immer eine gewisse Ehrfurcht und Bewunderung für die Vornehmheit seiner Grundsätze und für seinen idealen Verstand gehegt. Sie hat jetzt zugesagt, um ihm ihr Vertrauen zu beweisen, und um der Sache ein für allemal ein Ende zu machen. In seinem Brief aber hat er ihr feierlich sein Ehrenwort gegeben, daß sie nichts zu fürchten hätte ... Ich entsinne mich nicht mehr genau der Ausdrücke, aber jedenfalls hat sie ihm darauf mit ihrem Vertrauen geantwortet ... und da es doch das letztemal sein soll ... jedenfalls beruhte ihre Antwort auf den edelsten Gefühlen. Es war da beiderseits ein gewisser ritterlich heroischer Wettstreit, wenn Sie wollen.“

„Aber der Doppelgänger, sein Doppelgänger!“ rief ich, „er ist doch wahnsinnig geworden!“

„Als Katerina Nikolajewna gestern in diese Zusammenkunft einwilligte, hat sie mit der Möglichkeit eines solchen Zwischenfalles wahrscheinlich nicht gerechnet,“ meinte Anna Andrejewna.

Ich drehte mich plötzlich um und lief aus dem Zimmer – zu ihm, zu ihm, selbstverständlich! Aber aus dem Vorsaal kehrte ich noch einmal auf eine Sekunde zu ihr zurück.

„Das ist es wohl gerade, was Sie brauchen, daß er sie totschlägt!“ rief ich ihr ins Gesicht und rannte aus dem Hause.

Obgleich ich am ganzen Körper wie im Fieber zitterte, betrat ich die Wohnung leise und behutsam, durch die Küchentür, und bat flüsternd, Darja Onissimowna zu mir herauszurufen – aber da kam sie schon in die Küche und sah mich wortlos mit gespannt forschendem Blick an.

„Er ... er ist nicht zu Hause.“

Aber ich flüsterte ihr schnell und ohne Umschweife zu, daß ich alles wisse, Anna Andrejewna hätte mir alles gesagt, und ich käme geraden Weges von ihr.

„Darja Onissimowna, wo sind sie?“

„Sie sind im Saal, dort, wo Sie vorgestern saßen, am Tisch ...“

„Darja Onissimowna, lassen Sie mich hinein!“

„Aber wie kann ich denn das!“

„Nicht dorthin, aber in das Nebenzimmer. Darja Onissimowna, das ist vielleicht Anna Andrejewnas Wunsch ... Sonst hätte sie mir doch nicht gesagt, daß sie hier sind. Sie werden mich ja nicht sehen ... und Anna Andrejewna will es ja selbst ...“

„Aber wenn sie es nicht will?“ Darja Onissimownas Blick wich nicht von mir und sog sich förmlich hinein in meine Augen.

„Darja Onissimowna, ich werde Ihre Olä nie vergessen ... lassen Sie mich hinein!“

Da fingen ihre Lippen und ihr Kinn plötzlich zu zittern an.

„Liebling, dann um Oläs willen ... für dein gutes Herz ... Aber verlaß nicht Anna Andrejewna, Liebling! Wirst du sie nicht verlassen, was? Wirst du sie nicht verlassen?“

„Nein, nein, ich werde sie nicht verlassen!“

„Dann gib mir noch dein heiliges Ehrenwort, daß du nicht zu ihnen hineinrennen und auch nicht losschreien wirst, wenn ich dich hinführe?“

„Mein Ehrenwort, Darja Onissimowna!“

Sie faßte mich am Rock, führte mich leise in ein dunkles Zimmer, das an jenes stieß, in dem sie saßen, führte mich unhörbar auf dem weichen Teppich zur Tür, schob mich dicht an den zugezogenen Vorhang, den sie vorsichtig ein wenig zur Seite bog, und zeigte mir die beiden.

Ich blieb da, sie schlich zurück. Selbstverständlich blieb ich. Ich war mir vollkommen bewußt, daß ich horchte, daß ich ein fremdes Geheimnis belauschte, aber ich blieb. Wie sollte ich denn nicht bleiben! Und der Doppelgänger? Hatte er doch schon vor meinen Augen das Heiligenbild zertrümmert!

IV.

Sie saßen sich gegenüber, an demselben Tisch, an dem wir am Abend vorher auf seine „Auferstehung“ getrunken hatten. Ich konnte ihre Gesichter deutlich sehen. Sie war in einem schlichten schwarzen Kleide, schön und anscheinend so ruhig wie immer. Er sprach, und sie hörte ihm mit größter und zuvorkommender Aufmerksamkeit zu. Vielleicht konnte man ihr doch eine gewisse Ängstlichkeit ansehen. Er aber war ungemein angeregt. Was ich vernahm, war mir zunächst vollkommen unklar, da ich den Anfang des Gesprächs nicht gehört hatte. Auf einmal fragte sie:

„Und ich war die Ursache?“

„Nein, die Ursache war ich,“ erwiderte er, „Sie sind nur – unschuldig schuldig. Sie wissen doch, daß man unschuldig schuldig sein kann? Es ist das die allerunverzeihlichste Schuld und zieht fast immer Strafe nach sich,“ flocht er in sonderbar lachendem Tone ein. „Ich habe mir doch eine Weile lang tatsächlich eingebildet, ich hätte Sie ganz vergessen und lachte nur noch über meine törichte Leidenschaft ... aber das wissen Sie ja. Und was geht mich dieser Mensch an, den Sie da heiraten wollen? Ich habe Ihnen gestern einen Antrag gemacht, verzeihen Sie mir das, es war eine Sinnlosigkeit, und doch wüßte ich sie durch nichts zu ersetzen ... Was hätte ich denn tun können außer dieser Sinnlosigkeit? Ich wüßte nichts ...“

Er lachte ein verlorenes Lachen nach diesen Worten. Auf einmal sah er sie an. Bis dahin hatte er beim Sprechen immer zur Seite gesehen. Wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre – dieses Lachen hätte mich erschreckt, das fühlte ich. Dann stand er plötzlich auf.

„Sagen Sie, wie haben Sie darauf eingehen können, hierherzukommen?“ fragte er auf einmal, als wäre ihm die Hauptsache plötzlich wieder eingefallen. „Diese Aufforderung meinerseits und mein ganzer Brief – war eine vollkommene Sinnlosigkeit ... Warten Sie, ich kann mir schließlich selbst denken, wie es zu erklären ist, daß Sie einwilligten, zu kommen, aber ... zu welchem Zweck Sie gekommen sind – das ist die Frage! Oder sollten Sie wirklich nur aus Furcht gekommen sein?“

„Ich bin gekommen, um Sie zu sehen,“ sagte sie, während sie ihn mit schüchterner Vorsicht wie wartend ansah.

Beide schwiegen vielleicht eine halbe Minute lang. Werssiloff nahm wieder seinen Platz auf seinem Stuhl ein und begann mit verhaltener, aber ergriffener, fast bebender Stimme:

„Ich habe Sie so unendlich lange nicht gesehen, Katerina Nikolajewna, so lange nicht, daß ich fast schon für unmöglich gehalten habe, jemals wieder bei Ihnen sitzen, Ihr Gesicht sehen, Ihre Stimme hören zu können ... Zwei Jahre haben wir uns nicht gesehen, zwei Jahre nicht gesprochen. Daß ich Sie noch einmal sprechen würde, hätte ich gar nicht mehr gedacht. Nun, gut, was vergangen ist – ist vergangen, und was ist – das wird morgen verschwunden sein, wie Rauch, – nun gut! Ich bin damit einverstanden, denn ich wüßte wieder nicht, wie es sich anders machen ließe, aber gehen Sie jetzt nicht so fort, seien Sie nicht umsonst gekommen,“ stieß er plötzlich fast flehend hervor. „Wenn Sie schon ein Almosen geben, wenn Sie schon gekommen sind – so seien Sie wenigstens nicht umsonst gekommen, antworten Sie mir nur auf eine Frage!“

„Auf welche Frage?“

„Wir werden uns ja nie mehr sehen – und was macht es Ihnen denn aus? Sagen Sie mir die Wahrheit, nur einmal für alle Ewigkeit, antworten Sie auf eine Frage, die kluge Leute niemals stellen: Haben Sie mich wenigstens einmal geliebt, oder habe ich ... mich getäuscht?“

Sie wurde feuerrot.

„Ich habe Sie geliebt,“ sagte sie.

„Das hatte ich erwartet, daß Sie so antworten würden, – oh, du Aufrichtige, du Innige, du Ehrliche!“

„Und jetzt?“ fuhr er fort.

„Jetzt liebe ich Sie nicht.“

„Und lachen?“

„Nein, ich lächelte jetzt nur unwillkürlich, weil ich im voraus wußte, daß Sie fragen würden: ‚Und jetzt?‘ Ich lächelte, weil man immer unwillkürlich lächelt, wenn etwas gesagt wird, worauf man schon gefaßt war ...“

Mir wurde ganz sonderbar zumute: ich hatte sie noch nie so auf der Hut, so vorsichtig, ja fast sogar schüchtern und zugleich so verwirrt gesehen. Er umspannte sie mit seinem Blick.

„Ich weiß, daß Sie mich nicht lieben ... und – lieben Sie mich wirklich nicht?“

„Vielleicht – wirklich nicht. Nein, ich liebe Sie nicht,“ fügte sie plötzlich fest hinzu, diesmal ohne zu lächeln und ohne zu erröten. „Ich habe Sie geliebt, ja, aber nicht lange. Ich habe damals sehr bald aufgehört, Sie zu lieben.“

„Ich weiß, ich weiß, Sie erkannten, daß es nicht das war, was Sie brauchen, aber ... was ist es denn, was Sie brauchen? Erklären Sie mir das noch einmal ...“

„Habe ich es Ihnen denn schon einmal erklärt? Was ich brauche? Ja ich – bin doch eine ganz gewöhnliche Frau; ich bin eine ruhige Frau, ich liebe ... ich liebe heitere Menschen.“

„Heitere?“

„Da sehen Sie, wie ich mit Ihnen nicht einmal zu sprechen verstehe. Ich glaube, wenn Sie mich weniger liebten, dann würde ich Sie lieben,“ sagte sie wieder mit einem schüchternen Lächeln.

In ihrer Antwort lag die vollkommenste Aufrichtigkeit, – sollte sie wirklich nicht gewußt haben, daß ihre Antwort die endgültigste Formel für ihr Verhältnis war, eine Formel, die alles erklärte und entschied? Oh, wie er das hätte verstehen müssen! Aber er sah sie an und lächelte sonderbar.

„Ist Bjoring ... ein heiterer Mensch?“ fuhr er fort zu fragen.

„Oh, er braucht Sie nicht im geringsten zu beunruhigen,“ antwortete sie mit einer gewissen Hast. „Ich heirate ihn nur deshalb, weil ein Leben mit ihm für mich am ruhigsten sein wird. Meine Seele behalte ich dann für mich.“

„Sie sollen ja, wie man hört, wieder Geschmack an der Gesellschaft, an der glänzenden Welt finden?“

„Nicht an der Gesellschaft. Ich weiß, daß in unserer Gesellschaft dieselbe Unordnung ist wie überall; aber ihre Formen sind wenigstens äußerlich gefällig, und deshalb ist es, wenn man schon ein Leben lebt, das nur ein Vorübergehen ist, doch besser, in ihr zu leben als sonstwo.“

„Ich höre neuerdings oft das Wort ‚Unordnung‘ gebrauchen. Sie sind damals wohl auch vor meiner Unordnung zurückgeschreckt, vor meinen Fesseln, meinen Ideen, meinen Torheiten?“

„Nein, das war doch nicht – ganz so ...“

„Sondern? Ich beschwöre Sie, sagen Sie alles ganz offen.“

„Nun gut, ich werde es Ihnen ganz offen sagen, weil ich Sie für so unendlich klug halte: mir ... mir ist an Ihnen immer irgend etwas lächerlich erschienen.“

Kaum hatte sie das gesagt, als sie plötzlich rot wurde, ganz als hätte sie selbst gemerkt, daß sie eine ungeheure Unvorsichtigkeit begangen hatte.

„Sehen Sie, für das, was Sie mir jetzt gesagt haben, kann ich Ihnen viel verzeihen,“ antwortete er sonderbar.

„Ich habe noch nicht zu Ende gesprochen,“ beeilte sie sich, hinzuzufügen und errötete dabei noch mehr. „Ich wollte vielmehr sagen, daß ich die Lächerliche bin ... schon deshalb, weil ich wie eine Törin mit Ihnen spreche.“

„Nein, Sie sind nicht lächerlich, Sie sind nur – eine verderbte Weltdame!“ sagte er erbleichend und unheimlich. „Auch ich habe vorhin nicht zu Ende gesprochen, als ich Sie fragte, zu welchem Zweck Sie gekommen sind. Wollen Sie, daß ich es jetzt ausspreche? Es gibt einen Brief, ein Dokument, und das macht Sie erzittern, denn Sie wissen, daß Ihr Vater, wenn dieser Brief in seine Hände käme, Sie schon bei Lebzeiten verstoßen und in seinem Testament enterben könnte. Sie fürchten sich vor dieser Möglichkeit, und sind ... dieses Briefes wegen gekommen,“ sagte er, am ganzen Leibe bebend und fast zähneklappernd.

Sie hörte ihn mit schmerzlichem und traurig bangem Gesichtsausdruck an.

„Ich weiß, daß Sie mir eine Menge Unannehmlichkeiten bereiten können,“ sagte sie, seine Worte gleichsam zurückweisend, „aber ich bin weniger deshalb gekommen, um Sie zu bitten, mich in Ruhe zu lassen, als ... um Sie selbst wiederzusehen. Ich habe sogar schon lange gewünscht, von mir aus gewünscht, Sie zu sehen. Aber ich habe Sie unverändert als den wiedergefunden, der Sie früher waren,“ fügte sie plötzlich hinzu, wie fortgerissen von einem bestimmten und ausschlaggebenden Gedanken und sogar wie von einem sonderbaren plötzlichen Gefühl.

„Und Sie hatten einen anderen zu finden gehofft? Und das – nach meinem Brief, in dem ich Ihnen von Ihrer Verderbtheit geschrieben hatte? Sagen Sie: sind Sie ganz ohne Furcht hierhergekommen?“

„Ich bin gekommen, weil ich Sie früher geliebt habe; und ich bitte Sie: drohen Sie mir nicht, bitte nicht, und mit nichts, wenigstens so lange nicht, wie wir jetzt beisammen sind, – erinnern Sie mich nicht an meine häßlichen Gedanken und Gefühle. Wenn Sie mit mir von etwas anderem sprechen könnten, wäre ich sehr froh. Mit den Drohungen kommen Sie meinetwegen später, hier aber lassen Sie uns von anderem sprechen ... Ich bin wirklich nur gekommen, um Sie einen Augenblick zu sehen und zu hören. Nun, und wenn Sie das nicht können, so töten Sie mich meinetwegen, aber – drohen Sie mir nicht und peinigen Sie sich nicht selbst vor meinen Augen!“ schloß sie und sah ihn in einer sonderbaren Erwartung an, ganz als hätte sie wirklich geglaubt, er könne sie töten.

Er erhob sich wieder von seinem Stuhl, sah sie mit heißem Blick an und sagte fest:

„Es wird Ihnen hier nicht das Geringste widerfahren.“

„Ach ja, Ihr Ehrenwort!“ sagte sie lächelnd.

„Nein, nicht nur deshalb, weil ich Ihnen im Brief mein Ehrenwort gegeben habe, sondern weil ich ... die ganze Nacht an Sie denken will und werde ...“

„Um sich selbst zu quälen?“

„Wenn ich allein bin, stelle ich mir immer – Sie vor. Immer! Ich tue nichts anderes als mit Ihnen sprechen! Ich ziehe mich in meine Höhlen, in meine Schlupfwinkel zurück – und sofort erscheinen Sie vor meinen Augen! Aber Sie lachen immer über mich, ganz wie jetzt ...“

Er sagte das wie außer sich.

„Niemals, niemals habe ich über Sie gelacht!“ rief sie erschüttert und wie in tiefstem Mitleiden, das im Ausdruck ihres Antlitzes deutlich sichtbar wurde. „Wenn ich gekommen bin, so habe ich doch alles getan, um es so zu machen, daß es für Sie unter keinen Umständen kränkend sein könnte,“ sagte sie plötzlich. „Ich bin hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie beinahe liebe ... Verzeihen Sie, ich habe mich vielleicht nicht so ausgedrückt,“ fügte sie schnell hinzu.

Er begann zu lachen.

„Warum verstehen Sie nicht, sich zu verstellen? Warum sind Sie – eine solche Einfalt, warum sind Sie nicht so wie alle ... Wie kann man denn einem Menschen, dem man einen Korb gibt, sagen: ‚Beinahe liebe ich Sie‘?“

„Ich habe mich nur nicht auszudrücken verstanden,“ beeilte sie sich zu erklären. „Ich habe das nicht so sagen wollen; das kommt nur daher, weil ich mich in Ihrer Gegenwart immer befangen fühle und dann nicht zu sprechen verstehe; das ist schon von unserer ersten Begegnung an so gewesen. Aber wenn meine Worte auch nicht ganz richtig gewählt waren – daß ich Sie ‚beinahe liebe‘ – so ist es dem Sinne nach doch beinahe so, – nur deswegen habe ich es überhaupt auszudrücken versucht. Ich liebe Sie mit so einer ... eben mit so einer allgemeinen Liebe, mit der man alle liebt, und die einzugestehen man sich niemals schämt ...“

Er hörte sie schweigend an, ohne seinen brennenden Blick auch nur einmal von ihr abzuwenden.

„Ich beleidige Sie natürlich,“ fuhr er außer sich fort. „Es muß in der Tat das sein, was man Leidenschaft nennt ... Ich weiß nur, daß es mit mir aus ist, wenn Sie bei mir sind, und ohne Sie gleichfalls! Aber gleichviel ob ich ohne Sie oder mit Ihnen bin, wo Sie auch sein mögen – Sie sind immer bei mir. Ich weiß, daß ich Sie auch sehr hassen kann, mehr noch als lieben. Übrigens, ich denke schon lange über nichts mehr nach – mir ist alles gleich. Es tut mir nur leid, daß ich eine solche Frau zu lieben angefangen habe wie Sie ...“

Seine Stimme versagte; er fuhr atemlos fort.

„Was haben Sie? Sie finden es wohl ungezogen, daß ich so spreche?“ Er lächelte, doch sein Gesicht war bleich. „Ich glaube, ich könnte, wenn Sie nur dadurch zu erringen wären, dreißig Jahre lang als Säulenheiliger auf einem Fuße stehen! ... Ich sehe, ich tue Ihnen leid, Ihr Gesicht sagt: ‚Ich würde dich ja lieben, wenn ich könnte, aber ich kann nicht‘ ... Ist es nicht so? Tut nichts, ich habe keinen Stolz mehr. Ich bin bereit, wie ein Bettler jedes Almosen von Ihnen anzunehmen – hören Sie: jedes! ... Was kann denn auch ein Bettler für einen Stolz haben?“

Sie erhob sich und trat an ihn heran.

„Mein Freund!“ sagte sie mit unaussprechlichem Gefühl in ihrem Gesicht und berührte mit der Hand seine Schulter. „Ich kann solche Worte nicht hören! Ich werde mein lebelang an Sie denken als an einen mir teuren, einen wertvollen Menschen, als an das größte Menschenherz, das schlägt, als an etwas Heiliges, das ich achten und lieben kann. Andrei Petrowitsch, verstehen Sie mich recht: aus irgendeinem Grunde bin ich doch heute hergekommen, Sie lieber, mir sowohl damals wie auch jetzt lieber Mensch! Ich werde nie vergessen, wie Sie bei unseren ersten Begegnungen meinen Verstand erschüttert und mich aufgerüttelt haben. Lassen Sie uns als Freunde scheiden, und Sie werden für mich mein ganzes Leben lang der ernsteste und teuerste Gedanke sein.“

„‚Scheiden wir, und dann werde ich Sie lieben; ich werde Sie lieben – nur scheiden wir.‘ Hören Sie,“ sagte er, und sein Gesicht war bleich, „schenken Sie mir noch ein Almosen: lieben Sie mich nicht, leben Sie nicht mit mir, wir wollen uns nie sehen, aber wenn Sie mich rufen, werde ich Ihr Sklave sein, und werde sofort verschwinden, wenn Sie mich nicht sehen und hören wollen, nur ... nur heiraten Sie keinen anderen!“

Mein Herz krampfte sich bis zur Pein zusammen, als ich diese Worte hörte. Diese naiv erniedrigende Bitte klang so mitleiderregend, traf so tief ins Innerste, weil sie so nackt und unmöglich war. Ja, in der Tat, er bat um ein Almosen! Konnte er denn wirklich glauben, daß sie darauf eingehen werde? Er erniedrigte sich bis zum Versuch! Er bat versuchsweise! Diese tiefste Stufe der Mutlosigkeit war das Unerträgliche! Jeder Zug ihres Gesichts verzerrte sich plötzlich vor Schmerz; aber noch bevor sie ein Wort sagen konnte, kam er schon zur Besinnung.

„Ich werde Sie vernichten!“ sagte er plötzlich mit einer sonderbaren, entstellten Stimme, die gar nicht wie seine Stimme war.

Aber auch sie antwortete ihm sonderbar und gleichfalls wie mit einer fremden, unerwarteten Stimme.

„Und wenn ich Ihnen dies Almosen schenkte,“ sagte sie entschlossen, „so würden Sie sich ja noch viel schlimmer an mir rächen, als Sie jetzt drohen, denn Sie würden es nie vergessen, daß Sie als so ein Bettler vor mir gestanden haben ... Ich kann Drohungen von Ihnen nicht anhören!“ schloß sie fast mit Unwillen und sah ihn herausfordernd an.

„‚Drohungen von Ihnen‘, das heißt: von so einem Bettler! Es war nur ein Scherz von mir,“ sagte er leise und lächelte. „Ich werde Ihnen nichts antun, fürchten Sie sich nicht, gehen Sie ... und was jenes Dokument betrifft, so werde ich alles tun, um es Ihnen zu verschaffen, ich werde es Ihnen zusenden – nur gehen Sie jetzt, gehen Sie! Ich habe Ihnen einen törichten Brief geschrieben, Sie aber haben auf den törichten Brief geantwortet und sind gekommen – wir sind quitt. Nicht hier – dort ist der Ausgang,“ sagte er und wies auf die richtige Tür (sie wollte durch das Zimmer gehen, in dem ich hinter der Portiere stand).

„Verzeihen Sie mir, wenn Sie können,“ sagte sie, in der Tür stehen bleibend.

„Wie aber, wenn wir uns später einmal ganz als gute Freunde begegnen und auch an diese Szene mit hellem Lachen zurückdenken werden?“ fragte er auf einmal, aber jeder Zug in seinem Gesicht bebte wie bei einem Menschen, der von einem Krampf befallen ist.

„Oh, gebe Gott!“ rief sie aus und drückte die Hände an die Brust, aber gleichzeitig sah sie ihm doch ängstlich forschend ins Gesicht, und als erriete sie, was er sagen wollte.

„Gehen Sie. Wir haben jetzt beide nicht allzuviel Vernunft, aber Sie ... Oh, Sie sind ein Mensch von meinem Schlage! Ich habe Ihnen einen wahnsinnigen Brief geschrieben, und Sie sind auf diesen Brief hin zu mir gekommen, um mir zu sagen, daß Sie mich ‚beinahe lieben‘. Nein, Sie und ich, wir sind beide – Menschen ein und desselben Wahnsinns! Seien Sie immer so wahnsinnig, ändern Sie sich nicht, und wir werden einander noch als Freunde begegnen – das prophezeie ich Ihnen, und gebe Ihnen mein Wort darauf!“

„Und sehen Sie, dann werde ich Sie unfehlbar lieben, das fühle ich schon jetzt!“ Die Frau in ihr konnte sich nicht bezwingen, warf ihm noch von der Schwelle her als letztes diese Worte zu.

Sie ging hinaus. Ich schlich sofort unhörbar in die Küche und eilte, fast ohne auf Darja Onissimowna, die mich dort erwartete, einen Blick zu werfen, über die Küchentreppe und den Hof auf die Straße. Aber ich sah nur noch, wie sie in eine Droschke stieg, die vor der Haustür auf sie gewartet hatte. Ich lief die Straße hinunter.