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Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 157: IV.
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About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Elftes Kapitel.

I.

Ich lief zu Lambert. Oh, wie sehr ich auch wünschte, meinen Handlungen an diesem Abend und in dieser Nacht ein logisches Aussehen zu geben und auch nur den geringsten vernünftigen Sinn in ihnen zu entdecken, so bin ich doch selbst heute noch außerstande, obgleich ich jetzt alles überschauen kann, sie in einem klaren und richtigen Zusammenhang zu schildern. Es war da ein Gefühl, oder richtiger, ein ganzes Chaos von Gefühlen, in dem ein Sich-Verirren unvermeidlich blieb. Freilich gab es unter diesen Gefühlen eines, das vorherrschte, eines, das mich unsäglich bedrückte und alle anderen Gefühle gleichsam tyrannisierte, doch ... soll ich es bekennen? Zumal ich noch nicht einmal ganz sicher bin ...

Als ich zu Lambert ins Zimmer stürzte, war ich selbstverständlich außer mir. Ich jagte sogar ihm und Alphonsinka einen Schrecken ein. Es ist mir übrigens immer aufgefallen, daß selbst die liederlichsten und verkommensten Franzosen den Hang haben, in ihrer häuslichen Lebensführung an einer gewissen Art von bourgeoiser Ordnung zäh und kleinlich festzuhalten, – an einer Ordnung, die überaus prosaisch, alltäglich, zeremoniell und ein für allemal anerkannt ist. Aber Lambert begriff doch sehr bald, daß etwas geschehen war, und freute sich riesig, daß er mich endlich bei sich, das heißt, endlich in der Falle hatte. Das war ja sein Traum, sein sehnlichster Wunsch in allen diesen Tagen gewesen, denn ohne mich konnte er ja doch nichts machen! Und siehe da: nachdem er seine ganze Hoffnung fast schon aufgegeben hatte – erschien ich plötzlich bei ihm, ich selbst, und dazu noch in einer Verfassung, in der er mich gerade brauchte.

„Lambert, gib Wein her!“ rief ich: „Trinken wir, laß uns fröhlich sein! Alphonsina, wo ist Ihre Gitarre?“

Die Szene, die hierauf folgte, will ich nicht weiter beschreiben – sie ist nebensächlich. Er hörte mir gespannt zu. Ich machte ihm offen und als Erster den Vorschlag zu einer Verschwörung.

„Vor allen Dingen müssen wir Katerina Nikolajewna durch einen Brief zwingen, zu uns zu kommen ...“

„Das kann man,“ stimmte mir Lambert zu, der auf jedes meiner Worte achtete.

„Zweitens müssen wir ihr zur Sicherheit mit diesem Brief eine Abschrift des ‚Dokuments‘ schicken, damit sie sich selbst davon überzeugen kann, daß man sie nicht betrügen will.“

„Ja, das muß man, das muß man!“ pflichtete Lambert mir sogleich eifrig bei, während er mit Alphonsina ununterbrochen Blicke wechselte.

„Und drittens mußt du, Lambert, sie von dir aus herbitten, angeblich im Auftrage eines Unbekannten, der gerade aus Moskau angekommen sei; ich hätte dann die Aufgabe, Werssiloff mitzubringen.“

„Ja, auch Werssiloff könnte noch dabei sein,“ bestätigte Lambert wieder.

„Nicht könnte, sondern er muß, und zwar unbedingt!“ rief ich. „Um seinetwillen soll doch das Ganze überhaupt gemacht werden!“ erklärte ich und trank Schluck auf Schluck aus meinem Glase. (Wir tranken alle drei, aber ich glaube, ich trank die ganze Flasche Champagner allein aus: sie aber taten nur so, als tränken sie gleichfalls.) „Werssiloff und ich werden im Nebenzimmer sitzen (Lambert, wir müssen uns noch ein Nebenzimmer verschaffen!), und wenn sie dann auf alles eingegangen ist – auf den Kaufpreis in Geld und auch auf den anderen Kaufpreis, denn die Weiber sind doch alle ehrlos – dann erscheine ich mit Werssiloff, und wir überführen sie ihrer Schändlichkeit. Und dann wird Werssiloff, wenn er selbst gesehen hat, wie gemein sie ist, mit einem Schlage von seinem Wahn geheilt sein und sie hinauswerfen! Und Bjoring muß auch noch dabei sein, damit auch er es sieht!“ fügte ich außer mir hinzu.

„Nein, Bjoring ist überflüssig,“ bemerkte Lambert.

„Nein, der muß auch unbedingt, unbedingt dabei sein!“ ereiferte ich mich wieder.

„Du begreifst ja nichts, Lambert, weil du dumm bist! Versteh doch, es soll ja gerade zu einem Skandal in diesen ihren höheren Kreisen kommen – damit rächen wir uns an diesen Kreisen und an ihr, sie soll nur ihre Strafe empfangen! Lambert, sie wird dir einen Wechsel geben ... Ich brauche das Geld nicht – ich spucke aufs Geld, du aber kannst dich bücken und es aufheben, wenn du magst, und mit meinem Speichel in die Tasche stecken, ich aber, ich – vernichte sie dafür!“

„Ja, ja,“ hetzte Lambert, „das mußt du tun ...“ Er wechselte wieder einen Blick mit Alphonsinka.

„Weißt du, Lambert, sie verehrt Werssiloff ungeheuer: ich habe mich soeben davon überzeugt,“ lallte ich schon mit schwerer Zunge.

„Das ist gut, daß du sie belauscht hast! Ich hätte niemals gedacht, daß du ein so guter Spion sein könntest und überhaupt so gescheit bist!“ Er wollte mir damit eine Schmeichelei sagen.

„Du lügst, Franzos, ich bin kein Spion, aber gescheit bin ich allerdings! Und weißt du, Lambert, sie liebt ihn ja doch!“ fuhr ich fort, nur von dem Verlangen getrieben, mich auszusprechen: „Aber heiraten wird sie ihn nicht, denn Bjoring ist Gardeoffizier, und Werssiloff ist – nur ein großmütiger Mensch und ein Menschheitsfreund, und so einer ist nach den Anschauungen ihres Kreises nur eine lächerliche Figur und nichts weiter! Oh, sie begreift seine Leidenschaft und genießt sie, sie kokettiert mit ihm und lockt ihn an, aber sie heiratet ihn nicht! Sie ist ein Weib, eine Schlange! Jedes Weib ist Schlange und jede Schlange Weib! Ihn aber muß man davon heilen; man muß ihm die Binde von den Augen reißen: er soll erkennen, wie sie ist, dann wird er gesund werden. Ich bringe ihn zu dir, Lambert!“

„Ja, das mußt du,“ stimmte mir Lambert eifrig bei, und goß mir schon wieder das Glas voll.

Er hatte ja nur eine Angst: daß er mich durch Widerspruch erzürnen, und daß ich zu trinken aufhören könnte. Das machte ihn so ungeschickt und unschlau, daß es mir damals schon auffiel. Und doch hätte ich um keinen Preis fortgehen können: ich trank und sprach ununterbrochen, denn ich stand ganz unter dem unbezwingbaren Verlangen, mich vollends auszusprechen. Als Lambert nach einer neuen Flasche ging, spielte Alphonsinka auf der Gitarre irgendein spanisches Lied. Ich hätte beinah zu weinen angefangen.

„Lambert, du weißt ja noch nicht alles!“ rief ich mit tiefem Gefühl. „Diesen Menschen muß man unbedingt retten, weil er jetzt ... in einem Zauberbann ist. Wenn sie ihn heiratete, würde er sie am Morgen nach der ersten Nacht mit der Peitsche hinausjagen ... das kommt doch vor. Denn so eine gewaltsame und wilde Liebe ist wie ein Anfall, wie eine Schlinge um den Hals, wie eine Krankheit, doch kaum hat sie ihre Befriedigung erreicht, da fällt einem die Binde von den Augen, und es stellt sich gleich das entgegengesetzte Gefühl ein: Ekel und Haß, der Wunsch zu vernichten, zu zertreten. Kennst du die Geschichte von Abisag[16], Lambert, hast du sie gelesen?“

„Nein, ich ... erinnere mich nicht; ist’s ein Roman?“ stotterte Lambert unsicher.

„Ach, du weißt aber auch gar nichts, Lambert! Du bist unglaublich, unglaublich unwissend ... aber ich mach mir nichts draus. Mir ist alles gleich. Ich weiß, er liebt Mama; er hat ihr Bild geküßt; er würde jene am anderen Morgen hinausjagen und zu Mama gehen; aber dann wäre es zu spät, und deshalb muß man ihn jetzt retten ...“

Zum Schluß fing ich bitterlich zu weinen an, redete aber immer weiter und trank furchtbar viel. Von Lambert war es sehr schlau, daß er kein einziges Mal nach dem „Dokument“ fragte und wo es sei, und daß ich nun auch mit dem Dokument herausrücken, es ihm auf den Tisch legen solle. Was wäre natürlicher gewesen, als danach zu fragen, zumal wir doch schon beschlossen hatten, gemeinschaftlich zu handeln? Doch wir sprachen nur davon, daß es nötig sei, „das“ zu tun, aber wo „das“ geschehen sollte, wann und wie –, davon sprachen wir auch kein Wort! Er stimmte mir in allem fast widerspruchslos zu und wechselte dabei heimlich Blicke mit Alphonsinka – das war alles, was er zu tun wagte! Damals konnte ich darüber freilich nicht nachdenken, aber ich sah es doch und habe es behalten.

Die Szene endete damit, daß ich bei ihm auf dem Diwan, wie ich da saß, einschlief. Natürlich in den Kleidern. Ich schlief sehr lange und erwachte sehr spät. Ich weiß noch, daß ich, als ich erwachte, eine Zeitlang wie betäubt auf dem Diwan liegen blieb und mir Mühe gab, mich dessen zu erinnern, was am Abend eigentlich geschehen war; dabei tat ich, als ob ich immer noch schlief. Ich bemerkte bald, daß Lambert nicht mehr im Zimmer war: er mußte ausgegangen sein. Es war schon zehn Uhr morgens; im Ofen prasselte das Feuer, ganz wie damals, nach jener Nacht, als ich das erstemal von Lambert in dieses Zimmer gebracht worden war. Hinter dem Schirm aber bewachte mich Alphonsinka: das bemerkte ich sogleich, weil sie zweimal hinter ihm hervorlugte und mich musterte, aber ich schloß jedesmal schnell die Augen und stellte mich schlafend. Ich tat es einerseits, weil ich noch ganz wie zerschlagen war, und andererseits, weil ich mir meine Lage erst einmal überlegen wollte. Mit Entsetzen erkannte ich die ganze Schändlichkeit und Sinnlosigkeit meiner nächtlichen Beichte vor Lambert und meiner Verschwörung mit ihm; erkannte vor allem die Tragweite meines Fehlers, daß ich ihn überhaupt aufgesucht hatte! Aber zum Glück war das Dokument ja noch immer bei mir, war ja noch immer in meiner Seitentasche eingenäht; ich fühlte unwillkürlich mit der Hand danach – Gott sei Dank, es war da! Also brauchte ich jetzt nur aufzustehen und davonzulaufen; mich höchstens vor Lambert noch zu schämen – aber das war er ja gar nicht wert!

Doch ich schämte mich vor mir selbst! Ich war mein eigener Richter, und – o Gott, was ging in meiner Seele vor! Ich möchte diese höllische, unerträgliche Pein, dieses Gefühl und Bewußtsein der eigenen Schmutzigkeit und Gemeinheit nicht beschreiben! Doch ich muß. Ich muß auch das aussprechen, weil, wie mir scheint, die Zeit dazu gekommen ist, und in meinen Aufzeichnungen nichts verschwiegen werden soll. So mag man denn wissen, daß ich sie nicht etwa darum in den Schmutz ziehen und beinahe Zeuge dessen sein wollte, wie sie Lambert den Kaufpreis zahlen würde (oh, Niedrigkeit!) – nicht darum, um den wahnsinnigen Werssiloff zu retten und ihn Mama zurückzugeben, sondern darum ... weil ich selbst in sie verliebt und eifersüchtig war! Eifersüchtig auf wen: auf Bjoring, auf Werssiloff? Oder auf alle, die sie auf den Bällen sehen, und mit denen sie sprechen könnte, während ich in der Ecke stand und mich meiner selbst schämte? ... Oh, welch eine Erbärmlichkeit!

Kurz, ich weiß nicht, auf wen ich eifersüchtig war; aber ich fühlte und hatte mich an jenem Abend so sicher überzeugt – wie ich sicher bin, daß zweimal zwei vier ist – hatte mich überzeugt, daß ich sie verloren, daß diese Frau mich von sich stoßen und verlachen werde wegen meines Betruges und meiner Schändlichkeit! Sie war ehrlich und aufrichtig, ich aber – ich war ein Spion mit unterschlagenen Dokumenten!

Das alles habe ich seitdem in meinem Herzen geheimgehalten, aber jetzt ist die Zeit gekommen, und – ich ziehe die Summe. Doch wiederum und zum letztenmal sei es gesagt: ich habe mich vielleicht um die Hälfte oder sogar um fünfundsiebzig Prozent schlechter dargestellt, als ich war! In jener Nacht haßte ich sie wie ein Mensch, der außer sich ist, und dann wie ein tobender Betrunkener. Ich habe schon gesagt, daß es ein Chaos von Gefühlen war, in denen ich mich selbst nicht zurecht fand. Aber gleichviel, ausgesprochen mußten sie werden, weil doch ein Teil dieser Gefühle immerhin tatsächlich vorhanden war.

Mit unüberwindlichem Widerwillen und mit leidenschaftlichem Entschluß alles wieder gutzumachen, sprang ich plötzlich vom Diwan auf; aber kaum war ich aufgesprungen, da schoß auch schon Alphonsinka hinter dem Schirm hervor. Während ich nach meinem Pelz und meiner Mütze griff, beauftragte ich sie, Lambert zu sagen, alles, was ich gestern hier phantasiert und zu meinem eigenen Bedauern von einer Dame Häßliches geredet hatte – sei nur ein Scherz von mir gewesen – ferner: daß Lambert nicht wagen solle, jemals noch zu mir zu kommen ... Alles das brachte ich überstürzt hervor, auf Französisch, und wahrscheinlich recht unklar. Aber zu meiner Verwunderung verstand Alphonsinka alles ausgezeichnet; und was am sonderbarsten war – sie schien sich sogar darüber zu freuen.

Oui, oui,“ griff sie das Gesagte auf und nickte dazu, „c’est une honte! Une dame ... Oh, vous êtes généreux, vous! Soyez tranquille, je ferai voir raison à Lambert[110] ...“

Ich blieb einen Augenblick in Zweifeln stehen, als ich diesen so unerwarteten Umschwung in ihren Gefühlen gewahrte, und danach auf einen solchen etwa auch bei Lambert schließen mußte. Ich sagte aber nichts und ging schweigend hinaus; in meinem Innern war alles trübe, und ich konnte nur mit Mühe denken. Nachher habe ich auch dieses Verhalten begriffen, aber dann war es schon zu spät! Oh, was war das für ein teuflisches Ränkespiel! Ich will hier die ganze Geschichte im voraus erklären, denn sonst könnte der Leser das Weitere unmöglich verstehen.

Schon bei meiner ersten Begegnung mit Lambert – damals, als ich in seiner Wohnung allmählich „aufgetaut“ war – hatte ich ihm wie ein rechter Dummkopf anvertraut, daß ich das Dokument eingenäht in der Brusttasche trug. Und als ich darauf auf dem Diwan für kurze Zeit eingeschlafen war, hatte Lambert sofort die Gelegenheit benutzt, die Tasche zu befühlen und sich davon zu überzeugen, daß tatsächlich ein Papier in ihr eingenäht war. Auch später hatte er sich einigemal davon überzeugen können, daß ich das Papier immer noch bei mir trug; so hatte er mich auch während unseres Gesprächs nach dem Mittagessen im Tatarischen Restaurant, als wir bei Miljutin Champagner tranken, ein paarmal um die Schultern gefaßt. Und als ihm endlich die ganze Wichtigkeit dieses Dokumentes aufgegangen war, da war in ihm ein Plan gereift, den ich ihm nie und nimmer zugetraut hätte. Wie ein rechter Dummkopf hatte ich mir die ganze Zeit eingebildet, er rufe mich nur zu dem Zweck zu sich in die Wohnung, um mich ungestört überreden zu können, mit ihm zusammen die Sache zu machen. Aber, o weh! – er hatte es in einer ganz anderen Absicht getan. Er hatte mich zu sich locken wollen, um mich bis zur Besinnungslosigkeit betrunken zu machen, und, wenn ich dann bewußtlos dalag – mir das Dokument aus der Tasche herauszutrennen. Und das hatten sie, er und Alphonsinka, in dieser Nacht denn auch getan. Alphonsinka trennte die Tasche auf, und nachdem sie den Brief, ihren Brief, mein Moskauer Dokument, glücklich hatten, nahmen sie einen einfachen Bogen Postpapier von derselben Größe, legten ihn an seine Stelle und nähten die Tasche wieder zu, als wäre nichts geschehen, so daß ich auch nichts von der Auswechselung bemerken konnte. Alphonsinka war es, die die Tasche wieder zunähte. Und so ging ich denn, ging ich bis zum Schluß, also noch ganze anderthalb Tage, in dem Glauben umher, ich, ich wäre der Besitzer des Dokuments, und Katerina Nikolajewnas Schicksal sei immer noch in meiner Hand!

Noch ein letztes Wort: dieser Diebstahl des Dokuments war die Ursache des ganzen Unglücks, das nun folgte.

II.

Ich stehe vor den letzten vierundzwanzig Stunden der Ereignisse, von denen meine Aufzeichnungen handeln, also vor dem Ende des Endes.

Es war, glaube ich, gegen halb elf, als ich angeregt und doch, wie ich mich erinnere, seltsam zerstreut, aber mit einem endgültigen Entschluß im Herzen, in meine Wohnung gelangte. Ich hatte es nicht eilig, ich wußte schon, wie ich handeln würde. Und plötzlich, ich war kaum in unser Vorzimmer getreten, begriff ich sofort, daß ein neues Unglück hereingebrochen und die Sache noch unvergleichlich verwickelter geworden war: der alte Fürst, den sie soeben aus Zarskoje Sselo nach Petersburg gebracht hatten, befand sich in unserer Wohnung, und Anna Andrejewna war bei ihm!

Sie hatten ihn nicht bei mir untergebracht, sondern in zwei Zimmern der Wohnung meiner Wirtsleute, die unmittelbar an mein Zimmer stießen. Es waren dort schon am Tage vorher, wie ich später sah, gewisse Veränderungen und Verschönerungen vorgenommen worden, übrigens nur ganz unwichtige. Mein Wirt war mit seiner Frau in das kleine Zimmer seines rechthaberischen pockennarbigen Mieters, von dem schon einmal die Rede gewesen ist, übergesiedelt, dieser aber war für die Zeit anderweitig untergebracht worden – wo, weiß ich leider nicht.

Mein Wirt empfing mich und schlüpfte gleich hinter mir in mein Zimmer. Er sah nicht so selbstsicher drein wie tags zuvor auf der Treppe, war aber in einem sozusagen sehr belebten Zustande und ganz auf der Höhe der Umstände. Ich sagte kein Wort zu ihm, trat aber, die Stirn in die Hände gepreßt, in die Ecke und stand so vielleicht eine Minute. Er dachte zunächst, ich „stellte mich nur so an“, dann aber wurde er doch etwas ungeduldig, und schließlich erschrak er.

„Ist Ihnen etwas nicht recht?“ fragte er ungewiß. Als er sah, daß ich nicht Miene machte, zu antworten, begann er: „Ich hab’ nämlich auf Sie gewartet, um Sie zuvor zu fragen, ob Sie nicht wünschen, daß diese Tür hier aufgemacht werde, damit Sie mit den fürstlichen Gemächern verbunden sind ... und nicht über den Korridor zu gehen brauchen?“ Er deutete auf die verschlossene Seitentür, die zu den Zimmern führte, in denen er sonst wohnte, und die jetzt der Fürst einnahm.

„Also hören Sie, Pjotr Ippolitowitsch,“ wandte ich mich mit strenger Miene an ihn, „ich bitte Sie, so freundlich zu sein, zu Anna Andrejewna zu gehen und ihr zu sagen, daß ich sie zu einer sofortigen Unterredung zu mir bäte. Sind sie schon lange hier?“

„Ja, wohl schon eine ganze Stunde.“

„Also gehen Sie.“

Er ging und brachte mir die sonderbare Antwort, daß Anna Andrejewna und der Fürst Nikolai Iwanowitsch mich mit Ungeduld erwarteten. Das bedeutete, daß Anna Andrejewna nicht zu mir kommen wollte. Ich brachte meine Kleider in Ordnung, bürstete meinen Rock, in dem ich in der Nacht geschlafen hatte, wusch mich, kämmte mich, tat aber alles ohne Hast, und ging endlich mit dem Bewußtsein, daß ich die größte Vorsicht beobachten mußte, zu dem alten Herrn.

Der Fürst saß auf dem Sofa hinter dem runden Tisch, und Anna Andrejewna stand am anderen Ende des Zimmers an einem zweiten mit einem sauberen Tischtuch bedeckten Tisch, auf dem die so blank wie noch nie geputzte Teemaschine der Wirtsleute stand, und bereitete für ihn den Tee. Ich trat mit demselben strengen Gesicht ins Zimmer; der alte Fürst, der das sofort bemerkte, fuhr nur so zusammen, und das Lächeln in seinem Gesicht verwandelte sich im Nu in einen Ausdruck des Schrecks: aber da konnte ich meinem Vorsatz nicht treu bleiben und streckte ihm lachend beide Hände entgegen. Der arme Fürst stürzte sich wie erlöst in meine Arme.

Natürlich begriff ich sofort, was für einen Menschen ich vor mir hatte. Erstens wurde es mir sonnenklar, daß man aus jenem alten Herrn, der sogar noch ganz rüstig und immerhin noch ganz bei Vernunft gewesen war, und der doch immer noch einen gewissen, gleichviel was für welchen, aber jedenfalls noch einen gewissen Charakter besessen hatte, inzwischen, d. h. in der Zeit, solange ich mit ihm nicht mehr zusammengekommen war, so etwas wie eine Mumie oder ein ängstliches, mißtrauisches Kind gemacht hatte. Ich füge hinzu: er wußte ganz genau, zu welchem Zweck er hierher gebracht worden war, es war alles genau so geschehen, wie ich vorgreifend schon erzählt habe. Man hatte ihn plötzlich, ohne jede Vorbereitung, mit der angeblichen Tatsache des Verrats seiner Tochter und ihrer Absicht, ihn in eine Irrenanstalt zu bringen, überrascht, erschreckt, niedergeschmettert und um jede Überlegung gebracht. Er hatte sich dann entführen lassen, vor Angst kaum dessen sich bewußt, was er tat. Man hatte ihm gesagt, der Besitzer der Beweise sei – ich, ich hätte den Schlüssel zur endgültigen Entscheidung in der Hand. Es sei hier gleich bemerkt, daß gerade diese „endgültige Entscheidung“ und der „Schlüssel“ ihn am meisten erschreckt hatten. Deshalb hatte er denn auch nichts anderes erwartet, als daß ich mit einem Urteilsspruch auf der Stirn und einem großen Schriftstück in der Hand bei ihm eintreten werde, und um so größer war natürlich seine Freude, als er sah, daß ich vorläufig noch wie früher harmlos lachen und von allen möglichen anderen Dingen plaudern konnte. Als wir uns umarmten, rollten ihm die hellen Tränen über die Wangen. Ich muß gestehen, auch mir wurden die Augen feucht: er tat mir auf einmal so leid ... Alphonsinkas kleines Hündchen kläffte mich vom Sofa her mit dünnem Stimmchen ganz außer sich an, wagte aber trotz aller Aufregung doch nicht, vom Sofa herabzuspringen. Von diesem winzigen Hündchen trennte sich der Fürst überhaupt nicht mehr, nachdem er es gekauft hatte; es schlief sogar bei ihm.

Oh, je disais qu’il a du cœur![111] wandte er sich zu Anna Andrejewna und wies dabei auf mich.

„Wie Sie sich erholt haben, Fürst, wie frisch und gesund Sie aussehen!“ sagte ich. Aber ach! – genau das Gegenteil war der Fall: er sah, wie gesagt, eher nach einer Mumie aus. Ich sagte ihm das nur so, um ihm etwas Angenehmes zu sagen.

N’est-ce pas, n’est-ce pas?[112] griff er freudig meine Bemerkung auf. „Oh, meine Gesundheit hat sich erstaunlich gebessert.“

„Lassen Sie sich bitte nicht stören, trinken Sie nur Ihren Tee, und wenn ich auch eine Tasse bekommen könnte, so würde ich Ihnen Gesellschaft leisten.“

„Vorzüglich! ‚Lasset uns trinken und fröhlich sein ...‘ oder wie die Verse da heißen. Anna Andrejewna, geben Sie ihm auch welchen; il prend toujours par les sentiments[113] ... geben Sie uns beiden Tee, meine Liebe!“

Anna Andrejewna reichte uns den Tee, plötzlich aber wandte sie sich zu mir und begann mit außerordentlicher Feierlichkeit:

„Arkadi Makarowitsch, wir beide, ich und mein Wohltäter, Fürst Nikolai Iwanowitsch, haben unsere Zuflucht zu Ihnen genommen. Ich will damit nur gesagt haben, daß wir zu Ihnen gekommen sind, zu Ihnen allein, und daß wir beide Sie um Ihre Hilfe bitten. Vergessen Sie nicht, daß das Schicksal dieses heiligen, dieses edlen und von aller Welt verratenen Mannes in Ihren Händen liegt ... Von Ihrem ehrlichen Herzen erwarten wir die Entscheidung! ...“

Aber sie konnte nicht zu Ende sprechen; der Fürst erschrak dermaßen, daß er am ganzen Leibe zitterte:

Après, après, n’est-ce pas? Chère amie![114] unterbrach er sie mit flehend erhobenen Händen.

Ich kann gar nicht sagen, wie unangenehm ihre Herausforderung auch auf mich wirkte. Ich antwortete ihr nichts darauf und begnügte mich mit einer kalten und gemessenen Verbeugung; ich setzte mich an den Tisch und begann sofort absichtlich von etwas anderem zu sprechen, von irgendwelchen Dummheiten; ich lachte und machte Witze ... Der Alte war mir augenscheinlich sehr dankbar dafür und geriet alsbald in eine gehobene Stimmung. Aber seine Heiterkeit schien doch, obgleich er sich ihr mit ganzem Herzen hingab, gewissermaßen unsicher zu sein, und es war zu befürchten, daß sie plötzlich einer vollkommenen Niedergeschlagenheit weichen werde; das sah man auf den ersten Blick.

Cher enfant, ich habe gehört, du wärest krank gewesen ... Ach, pardon! Das war ja ein anderer. Aber von dir habe ich gehört, du beschäftigtest dich mit Spiritismus?“

„Nicht gedacht habe ich daran!“ lächelte ich.

„Nicht? Aber wer hat mir denn vom Spiritismus gesprochen?“

„Das war vorhin unser Beamter, Pjotr Ippolitowitsch,“ erklärte ihm Anna Andrejewna, „er ist ein sehr lustiger Mensch und kennt eine Menge Anekdoten; soll ich ihn rufen?“

Oui, oui, il est charmant[115] ... er kennt eine Menge Anekdoten ... aber rufen wir ihn lieber nicht. Wir können ihn später rufen, und er wird uns alles erzählen, mais après.[116] Stell dir vor, hier wird vorhin der Tisch gedeckt, er aber sagt plötzlich: ‚Seien Sie unbesorgt, er fliegt nicht weg, wir sind keine Spiritisten!‘ Sag doch, cher enfant, fliegen denn bei den Spiritisten wirklich die Tische in die Luft?“

„Das weiß ich nicht; man sagt allerdings, sie erhöben sich mit allen vier Füßen in die Luft.“

Mais c’est terrible ce que tu dis,“[117] sagte er und sah mich erschrocken an.

„Oh, beunruhigen Sie sich nicht, das ist ja alles Unsinn.“

„Das hab’ ich ja auch gesagt. Nastassja Stepanowna Ssolomejeff ... du kennst sie ja ... ach nein, du kennst sie nicht ... stelle dir vor, sie glaubt auch an den Spiritismus, und stellen Sie sich vor, chère enfant,“[118] wandte er sich an Anna Andrejewna, „ich habe zu ihr gesagt: in den Ministerien stehen doch auch Tische, und auf ihnen liegen doch je acht Paar Beamtenhände, die ewig Papier beschreiben – warum tanzen denn da nicht die Tische? Stell dir doch nur vor, wie das wäre, wenn sie plötzlich zu tanzen anfingen! Eine Revolte der Tische im Ministerium der Finanzen oder der Volksaufklärung – das fehlte uns noch!“

„Was für nette Sachen Sie sagen, Fürst, ganz wie früher,“ rief ich und gab mir Mühe, recht herzlich zu lachen.

N’est-ce pas? Je ne parle pas trop, mais je dis bien.[119]

„Ich werde Pjotr Ippolitowitsch herbitten,“ sagte Anna Andrejewna und erhob sich.

Aus ihrem Gesicht sprach die größte Zufriedenheit: meine Liebenswürdigkeit dem Alten gegenüber freute sie. Aber kaum war sie hinausgegangen, als das Gesicht des Fürsten sich sofort veränderte. Er blickte nach der Tür und nach allen Seiten, beugte sich auf dem Sofa zu mir vor und flüsterte mit angstvoller Stimme:

Cher ami! Oh, wenn ich sie doch beide hier zusammen sehen könnte! Oh, cher enfant!“

„Beruhigen Sie sich, Fürst ...“

„Ja, ja, aber ... wir werden sie versöhnen, n’est-ce pas?[112] Ein so leerer und kleinlicher Streit zwischen zwei so wertvollen Frauen, n’est-ce pas? Du bist meine letzte Hoffnung ... Wir werden alles in Ordnung bringen ... Aber was ist das hier für eine sonderbare Wohnung,“ sagte er plötzlich und blickte ängstlich um sich, „und weißt du, dieser Wirt ... er hat so ein Gesicht ... Sag’ doch: ist er nicht gefährlich?“

„Der Wirt? O nein, inwiefern könnte er denn gefährlich sein?“

C’est ça. Um so besser. Il semble qu’il est bête, ce gentilhomme. Cher enfant,[120] sag’ es um Gottes willen nicht Anna Andrejewna, daß ich mich hier vor allem fürchte! Ich habe nämlich hier alles sehr schön gefunden, vom ersten Schritt an, auch den Wirt habe ich gelobt ... Höre, du kennst doch die Geschichte von dem kürzlich ermordeten von Sohn – erinnerst du dich?“

„Was ist denn damit?“

Rien, rien du tout ... Mais je suis libre ici, n’est-ce pas?[121] Was meinst du, hier kann mir doch nichts geschehen ... etwas von der Art?“

„Aber ich versichere Sie, mein Lieber ... wie können Sie so etwas nur denken!“

Mon ami! Mon enfant!“ rief er plötzlich und rang die Hände, ohne seine Angst noch zu verbergen. „Wenn du wirklich im Besitz von irgendwelchen Dokumenten bist ... wenn du mir wirklich etwas zu sagen haben solltest, so sag’ es lieber nicht: sag’ mir um Gottes willen nichts davon ... schweig’, so lange du noch irgend kannst ...“

Er wollte sich erheben und mich umarmen, Tränen rollten über sein Gesicht; ich kann gar nicht beschreiben, wie mein Herz sich zusammenkrampfte: der arme Alte war wie ein schwaches, bedauernswertes, erschrockenes Kind, das Zigeuner aus dem Elternhause gestohlen und zu fremden Leuten entführt hatten. Doch zu unserer Umarmung kam es nicht: die Tür öffnete sich, und Anna Andrejewna erschien, aber nicht mit dem Wirt, sondern mit ihrem Bruder, dem Kammerjunker. Diese Überraschung betäubte mich förmlich; ich erhob mich und ging zur Tür.

„Arkadi Makarowitsch, erlauben Sie, daß ich Sie bekannt mache ...,“ sagte Anna Andrejewna mit lauter Stimme, so daß ich gezwungen war, stehen zu bleiben.

„Ich kenne Ihren Bruder nur zu gut,“ sagte ich, indem ich jedes Wort langsam aussprach und mit besonderer Betonung der Worte „nur zu gut“.

„Ach, es handelte sich damals um einen unverzeihlichen Irrtum! Und ich be–dau–ere ihn so sehr, lieber Andr... Andrei Makarowitsch,“ begann der junge Mensch, kam mit ganz außerordentlich liebenswürdigem Ausdruck auf mich zu und ergriff meine Hand, die ich ihm leider nicht mehr entziehen konnte – „an allem war nur mein Stepan schuld: er hatte Sie mir damals so dumm gemeldet, daß ich Sie für einen anderen hielt, – das war in Moskau,“ erklärte er seiner Schwester. „Nachher wollte ich Sie unbedingt aufsuchen und Ihnen das Mißverständnis erklären, aber da erkrankte ich. Bitte, fragen Sie doch meine Schwester, ob es wahr ist. Cher prince, nous devons être amis même par droit de naissance[122] ...“

Und der unverschämte junge Mann wagte es sogar, den Arm um meine Schultern zu legen, was denn doch der Gipfel dieser frechen Familiarität war. Ich trat zur Seite und zog es vor, da ich mich verwirrt fühlte, ohne ein Wort der Erwiderung hinauszugehen. In meinem Zimmer setzte ich mich erregt und in Gedanken auf mein Bett. Die Intrige würgte mich geradezu, aber es war mir trotzdem unmöglich, Anna Andrejewna nun einfach fallen zu lassen. Ich fühlte plötzlich, daß auch sie mir teuer war, und daß sie sich in einer schrecklichen Lage befand.

III.

Wie ich es nicht anders erwartet hatte, kam sie selbst in mein Zimmer und ließ den Fürsten in der Gesellschaft ihres Bruders, der ihm sofort die neuesten Klatschgeschichten aus der Gesellschaft erzählte und damit den neugierigen Alten von anderen Gedanken ablenkte. Ich erhob mich schweigend von meinem Bett und sah sie fragend an.

„Ich habe Ihnen bereits alles gesagt, Arkadi Makarowitsch,“ begann sie ohne weiteres, „unser Schicksal ist in Ihren Händen.“

„Aber auch ich habe Ihnen doch gesagt, daß es mir unmöglich ist ... Die heiligsten Gefühle verbieten mir, das zu tun, worauf Sie rechnen ...“

„Wirklich? Ist das Ihre ganze Antwort? Nun gut, mag ich zugrunde gehen, aber was soll aus ihm werden? Was glauben Sie denn: er wird doch noch heute abend den Verstand verlieren!“

„Nein, aber er würde den Verstand verlieren, wenn ich ihm den Brief seiner Tochter zeigte, in dem sie einen Juristen fragt, wie man ihren Vater entmündigen und für irrsinnig erklären könnte!“ rief ich heftig. „Das wäre es, was ihn um den Verstand bringen würde! Und außerdem würde er sich von diesem Brief niemals überzeugen lassen – das hat er mir bereits selbst gesagt!“ Die letzte Bemerkung, er selbst hätte mir das gesagt, stimmte zwar nicht ganz, aber diese Verdeutlichung schien mir geboten.

„Das hat er Ihnen schon gesagt? Ich habe es mir ja gedacht! In dem Fall bin ich verloren; er hat auch bereits geweint und nach Hause verlangt.“

„So sagen Sie mir doch, worin besteht denn Ihr Plan?“ fragte ich sie rücksichtslos. Sie wurde rot – wohl aus gekränktem Hochmut – nahm sich aber zusammen und sagte:

„Wenn wir diesen Brief seiner Tochter in der Hand haben, sind wir vor der Welt gerechtfertigt. Ich werde dann sofort zum Fürsten W. schicken und zu Boris Michailowitsch Pelischtschoff, seinen Jugendfreunden; sie sind beide sehr angesehene, einflußreiche Persönlichkeiten, deren Wort in der Gesellschaft sehr viel gilt, und ich weiß, daß sie schon vor zwei Jahren manche Handlungen seiner mitleidslosen, selbstsüchtigen Tochter verurteilt haben. Sie würden natürlich, auf meine Bitte hin, den Vater mit der Tochter wieder versöhnen, weil ich selbst darauf bestehen werde; aber die Lage der Verhältnisse würde dann eine vollkommen andere sein. Außerdem würden dann, wie ich hoffe, auch meine Verwandten, die Fanariotoffs, sich entschließen, meine Rechte zu unterstützen. Aber für mich kommt es an erster Stelle auf sein Glück an; er soll endlich begreifen und wissen, wer ihm wahrhaft ergeben ist. Zweifellos rechne ich dabei am meisten auf Ihren Einfluß, Arkadi Makarowitsch: Sie lieben ihn doch so ... Und wer liebt ihn denn, außer Ihnen und mir? Er hat in den letzten Tagen nur von Ihnen gesprochen: er hat sich nach Ihnen geradezu gesehnt, nach seinem ‚jungen Freund‘, wie er Sie nennt ... Und es versteht sich von selbst, daß meine Dankbarkeit in meinem ganzen Leben Ihnen gegenüber keine Grenzen kennen wird ...“

Damit spielte sie wohl gar auf eine Belohnung an – in Geld womöglich.

Ich fiel ihr schroff ins Wort:

„Was Sie mir da auch sagen mögen – ich kann nicht!“ erwiderte ich mit unerschütterlicher Entschlossenheit. „Ich kann Ihnen nur mit derselben Aufrichtigkeit antworten und Ihnen meinen letzten Entschluß kundtun: ich werde in der allernächsten Zeit diesen unseligen Brief Katerina Nikolajewna selbst einhändigen, aber nur unter der Bedingung, daß sie mir ihr Wort gibt, aus dieser ganzen Geschichte keinen Skandal zu machen und Ihrem Glück nicht im Wege zu stehen. Das ist alles, was ich tun kann.“

„Das ist ausgeschlossen!“ sagte sie und wurde über und über rot.

Der bloße Gedanke, daß Katerina Nikolajewna sie schonen könnte, empörte sie schon.

„Ich werde meinen Entschluß nicht ändern, Anna Andrejewna.“

„Vielleicht ändern Sie ihn doch.“

„Wenden Sie sich an Lambert.“

„Arkadi Makarowitsch, Sie wissen nicht, welches Unglück Sie durch Ihren Eigensinn heraufbeschwören,“ sagte sie hart und erbittert.

„Ein Unglück wird es schon geben – das ist sicher ... mir schwindelt der Kopf. Genug: ich habe so beschlossen, und daran ist nicht zu rühren. Und bringen Sie um Gottes willen nicht Ihren Bruder zu mir.“

„Aber er will doch gerade gutmachen ...“

„Hier ist nichts gutzumachen nötig! Ich brauche das nicht, ich will nicht, ich will nicht!“ rief ich und griff mir an den Kopf. (Oh, vielleicht bin ich mit ihr doch gar zu hochmütig verfahren!) „Übrigens, wo wird der Fürst heute übernachten? Doch nicht etwa hier?“

„Er wird hier übernachten, bei Ihnen und mit Ihnen.“

„Ich ziehe noch heute abend in eine andere Wohnung!“

Und nach diesen erbarmungslosen Worten nahm ich meine Mütze und zog mir den Pelz an. Anna Andrejewna betrachtete mich schweigend und kalt. Sie tat mir leid, – oh, es tat mir leid um dieses stolze Mädchen! Aber ich lief aus der Wohnung und ließ sie ohne ein Wort zurück, das ihr noch hätte Hoffnung geben können.

IV.

Ich will mich möglichst kurz fassen. Mein Entschluß war unerschütterlich, und ich machte mich sogleich auf den Weg zu Tatjana Pawlowna. O weh! Ein großes Unglück wäre verhütet worden, wenn ich sie damals zu Hause getroffen hätte; aber es war wie vom Schicksal vorgesehen, daß mir an diesem Tage alles mißlang. Ich ging natürlich auch zu Mama, erstens um mich nach ihr, der Armen, zu erkundigen, und zweitens, weil ich sicher war, Tatjana Pawlowna dort anzutreffen. Aber auch bei Mama traf ich sie nicht an: sie war gerade fortgegangen, man wußte nicht, wohin; nur Lisa war bei Mama, die krank zu Bett lag. Lisa bat mich, nicht hineinzugehen und Mama nicht zu wecken: „Sie hat die ganze Nacht nicht geschlafen und sich gequält; Gott sei Dank, daß sie wenigstens jetzt eingeschlafen ist.“ Ich umarmte Lisa und sagte ihr nur in ein paar Worten, daß ich einen großen, schwerwiegenden Entschluß gefaßt hätte und ihn sogleich ausführen würde. Sie hörte mich ohne besondere Verwunderung an, als hätte ich etwas ganz Gewöhnliches gesagt. Oh, sie hatten sich damals schon alle daran gewöhnt, daß ich „große Entschlüsse“ faßte und sie dann kleinmütig aufgab! Diesmal aber – diesmal war es etwas anderes! Ich begab mich zunächst in die Kellerwirtschaft am Kanal und setzte mich dort hin, um die Zeit abzuwarten, bis ich Tatjana Pawlowna voraussichtlich zu Hause antreffen konnte. Übrigens muß ich noch erklären, wozu ich diese Dame gerade jetzt so notwendig brauchte.

Ich wollte sie sogleich zu Katerina Nikolajewna schicken, um sie in ihre, Tatjana Pawlownas, Wohnung bitten zu lassen und ihr dann in Tatjana Pawlownas Gegenwart das Dokument zu übergeben und alles ein für allemal zu erklären ... Kurz, ich wollte nur meine Pflicht tun; und ich wollte mich zugleich ein für allemal rechtfertigen. Und wenn das geschehen war, wollte ich unbedingt und mit aller Dringlichkeit, zu Anna Andrejewnas Gunsten sprechen, und dann, wenn möglich, Katerina Nikolajewna und Tatjana Pawlowna gleich zu mir führen, oder vielmehr zum alten Fürsten, die beiden Feindinnen versöhnen, den Fürsten aus seiner Pein erlösen und ... und ... kurz, alle diese Menschen noch heute glücklich machen, – wenigstens diesen kleinen Kreis, so daß dann nur noch Werssiloff und Mama übrigblieben. An dem Gelingen meines Vorhabens zweifelte ich keinen Augenblick: Katerina Nikolajewna konnte mir in ihrer Dankbarkeit für die Rückgabe des Briefes, für die ich von ihr nichts verlangen wollte, eine solche Bitte nicht abschlagen. O weh! Ich glaubte mich ja immer noch im Besitze dieses unseligen Briefes! Oh, in was für einer dummen und unwürdigen Lage ich mich damals befand, ohne es selbst zu ahnen!

Es dämmerte bereits, und die Uhr war schon vier, als ich wieder bei Tatjana Pawlowna klingelte. Marja, ihre Köchin, antwortete mir auf meine Frage in unhöflichem Tone, sie wäre „nicht gekommen“. Ich muß jetzt wieder an den eigentümlichen Blick denken, mit dem Marja mich lauernd ansah, aber damals konnte ich natürlich noch keinen Verdacht schöpfen. Statt dessen stach mich plötzlich ein anderer Gedanke: als ich geärgert und ein wenig niedergeschlagen die Treppe wieder hinunterstieg, fiel mir der arme alte Fürst ein, der vorhin die Arme nach mir ausgestreckt hatte – und ich bereute schmerzlich, daß ich ihn verlassen hatte, vielleicht sogar nur aus persönlichen Gründen und gekränktem Ichgefühl. Beunruhigt malte ich mir aus, was ihm da alles während meiner Abwesenheit zugestoßen sein konnte, und begab mich schleunigst nach Haus. Zu Hause war jedoch inzwischen folgendes geschehen:

Anna Andrejewna hatte trotz ihrer Enttäuschung und ihres Zornes den Mut noch nicht verloren. Nebenbei bemerkt: sie hatte schon am Morgen nach Lambert geschickt und dann noch einmal, und da Lambert beide Male nicht zu Hause gewesen war, hatte sie schließlich ihren Bruder ausgeschickt, ihn zu suchen. Es war der Armen nach meinem Widerstand eben nichts anderes verblieben, als ihre ganze Hoffnung auf Lambert und seinen Einfluß auf mich zu setzen. So erwartete sie ihn denn mit Ungeduld und wunderte sich nur, daß er, der bis dahin unablässig um sie herum gewesen war, sich plötzlich überhaupt nicht mehr sehen ließ. Aber wie hätte sie auch ahnen können, daß Lambert als Besitzer des Dokuments bereits ganz andere Pläne hatte und sich natürlich mit Absicht nicht mehr sehen ließ und sich vor ihr verbarg. In dieser Unruhe und wachsenden Angst war Anna Andrejewna kaum fähig gewesen, den alten Fürsten zu zerstreuen. Dabei hatte sich seine Aufregung in geradezu beängstigendem Maße gesteigert: er stellte seltsame und angstvolle Fragen, begann sogar, sie mißtrauisch zu betrachten und weinte ein paarmal. Der junge Werssiloff war nicht lange bei ihm geblieben, und Anna Andrejewna hatte dann Pjotr Ippolitowitsch zu ihm gebracht, von dessen Unterhaltungskunst sie sich viel versprach, aber seine Unterhaltung hatte dem Fürsten nicht nur nicht gefallen, sondern zum Schluß sogar seinen Widerwillen erregt. Überhaupt begann der Fürst meinen Pjotr Ippolitowitsch mit wachsendem Mißtrauen und sonderbarem Verdacht zu beobachten. Mein Wirt aber mußte zum Unglück richtig wieder vom Spiritismus sprechen, mußte von irgendeinem Schwarzkünstler und dessen haarsträubenden Wunderstückchen erzählen, die er selbst gesehen zu haben behauptete: nämlich wie dieser angereiste Scharlatan angeblich vor dem gesamten Publikum mehreren Menschen die Köpfe abgeschnitten hätte, daß das Blut nur so in Strömen geflossen wäre, was alle gesehen hätten: und dann hätte er die Köpfe wieder auf die Hälse gesetzt, und sie wären alle wieder angewachsen, gleichfalls vor besagtem Publikum, und alles das wäre geschehen im Jahre achtzehnhundertundneunundfünfzig. Der Fürst erschrak darüber so und geriet dabei, Gott weiß weshalb, in solche Wut, daß Anna Andrejewna sich genötigt sah, den Erzähler schleunigst zu entfernen. Zum Glück wurde in dem Augenblick das Mittagessen gebracht, das schon tags vorher (durch Lamberts und Alphonsinkas Vermittlung) bei einem vorzüglichen französischen Koch bestellt worden war, der zufällig stellungslos in der Nähe wohnte und gerade eine neue Stellung in einem vornehmen, reichen Hause oder in einem Klub suchte. Das Essen und der Champagner, den es dazu gab, versetzten den alten Herrn in die beste Laune: er aß mit Genuß und scherzte sogar. Nach dem Essen wurde er natürlich müde und schläfrig, und da er nach Tisch immer ein wenig zu schlafen pflegte, so richtete Anna Andrejewna ihm das Bett her. Vor dem Einschlafen küßte er ihr immer noch die Hände, sagte ihr, sie sei sein Paradies, seine Hoffnung, seine „Houri“, seine „Goldene Blume“ – kurz, er erging sich in den orientalischsten Lobpreisungen. Schließlich schlief er ein, kurz bevor ich zurückkehrte.

Anna Andrejewna trat eilig in mein Zimmer, faltete die Hände vor mir und sagte, sie beschwöre mich, nicht um ihretwillen, sondern um des Fürsten willen, die Wohnung nicht wieder zu verlassen, und wenn er aufwachte, zu ihm hinüberzugehen. „Ohne Sie ist er verloren, er kann einen Nervenchok bekommen; ich fürchte sogar, daß er es nicht einmal bis zum Abend aushält ...“ Sie fügte hinzu, sie selbst müsse jetzt unbedingt ausgehen, und „es könnte sein“, daß sie nicht vor zwei Stunden zurückkehren werde; so müsse sie den Fürsten ganz unter meinen Schutz stellen. Ich gab ihr sogleich mit größter Bereitwilligkeit mein Wort, bis zum Abend zu Hause zu bleiben, und wenn er aufwachte, mich nach Kräften zu bemühen, ihn zu zerstreuen.

„Und ich werde meine Pflicht tun!“ sagte sie entschlossen. Sie ging. Ich will dem Leser auch gleich mitteilen, weshalb sie ausging: sie wollte Lambert suchen: auf ihn setzte sie ihre letzte Hoffnung; außerdem fuhr sie zu ihrem Bruder und zu ihren Verwandten, den Fanariotoffs; man kann sich also denken, in was für einer Stimmung sie zurückkehren mußte.

Der Fürst erwachte ungefähr nach einer Stunde. Ich hörte sein Stöhnen durch die Wand und lief sofort zu ihm: ich fand ihn auf dem Bett sitzend, im Schlafrock, aber dermaßen erschreckt durch die Einsamkeit, das Licht der einsamen Lampe und das fremde Zimmer, daß er, als ich eintrat, zusammenfuhr, aufsprang und aufschrie. Ich trat schnell auf ihn zu, und als er mich erkannte, fiel er mir mit Tränen der Freude um den Hals.

„Du bist’s! Cher enfant! – Stell dir vor, man sagte mir, du wärest in eine andere Wohnung übergesiedelt, hättest Angst bekommen und wärest davongelaufen.“

„Wer hat Ihnen das sagen können?“

„Wer? Hm ... vielleicht hab’ ich es mir selbst ausgedacht, aber vielleicht hat es mir auch wirklich jemand gesagt. Stell’ dir vor, ich hab’ soeben einen Traum gehabt: es kam ein alter Mann mit einem großen Bart und einem Heiligenbild zu mir, einem in zwei Stücke gespaltenen Heiligenbild, und auf einmal sagte er: ‚So wird sich auch dein Leben spalten!‘“

„Ach Gott, Sie haben gewiß von irgend jemand gehört, daß Werssiloff gestern das Heiligenbild zerschlagen hat?“

N’est-ce pas?[112] Ich glaube auch, daß ich es gehört habe. Ja, richtig, ich habe es heute morgen von Darja Onissimowna gehört, als sie mein Hündchen und meinen Koffer herbrachte.“

„Nun und da hat Ihnen denn jetzt davon geträumt.“

Eh bien;[123] und stell dir vor, dieser alte Mann hat mir immer mit dem Finger gedroht. – Wo ist Anna Andrejewna?“

„Sie wird gleich zurückkehren.“

„Woher? Ist sie denn auch fortgefahren?“ fuhr er erschrocken auf.

„Nein, nein, sie wird sofort wieder da sein; sie hat mich gebeten, so lange bei Ihnen zu bleiben.“

Oui, zu bleiben. Hm ... Also unser Andrei Petrowitsch ist verrückt geworden ... ‚wie plötzlich doch und unverhofft!‘ Ich hab’s ihm ja immer prophezeit, daß er damit enden werde. Mon ami, weißt du ...“ Er faßte mich plötzlich am Rock und zog mich näher zu sich.

„Der Wirt hier,“ flüsterte er, „der hat mir vorhin Photographien gebracht, ganz abscheuliche Photographien nackter Weiber in verschiedenen orientalischen Stellungen, und er hat sie mir durch ein Glas gezeigt. Ich, weißt du, ich nahm mich zusammen und sagte, ich fände sie sehr schön, aber hat man nicht auch zu jenem Unglücklichen gemeine Weiber gebracht, um ihn bequemer betrunken machen zu können? ...“

„Ach, Sie denken schon wieder an Herrn von Sohn![17] Aber ich bitte Sie, Fürst! Der Wirt ist ein Dummkopf und weiter nichts!“

„Ein Dummkopf und weiter nichts! C’est mon opinion! Mon ami,[124] wenn du kannst, so rette mich und bring mich fort von hier!“ bat er mich plötzlich mit flehend erhobenen Händen.

„Fürst, ich werde alles für Sie tun, alles, was nur in meinen Kräften steht! Ich bin Ihnen ganz und gar ergeben ... Mein lieber Fürst, haben Sie nur noch ein wenig Geduld, und ich werde alles in Ordnung bringen!“

N’est-ce pas?[112] Wir nehmen einfach unsere Sachen und laufen davon, aber den Koffer lassen wir hier, so zum Schein, weißt du, damit er glaubt, wir kämen wieder.“

„Wohin sollen wir laufen? Und Anna Andrejewna?“

„Nein, nein, zusammen mit Anna Andrejewna ... Oh, mon cher, in meinem Kopf geht alles durcheinander ... Wart mal ... dort in meinem Handkoffer, rechts, ist Katjäs Bild – ich habe es heute morgen heimlich hineingesteckt, damit Anna Andrejewna und besonders diese Darja Onissimowna es nicht bemerkten – gib es mir her, um Christi willen, aber schnell, damit sie uns nicht überraschen ... Kann man die Tür nicht verriegeln?“

In der Tat fand ich in seinem Handkoffer eine Photographie von Katerina Nikolajewna in einem ovalen Rahmen. Er nahm sie in die Hand, hielt sie ans Licht, und plötzlich rollten Tränen über seine gelben, hageren Wangen.

C’est un ange, c’est un ange du ciel![125] rief er aus. „Mein ganzes Leben lang bin ich vor ihr schuldig gewesen ... und jetzt erst! Chère enfant, ich glaube ihnen nichts, nichts glaube ich ihnen! Mon ami, sag’ mir doch: ist es denn denkbar, daß sie mich ins Irrenhaus sperren wollen? Je dis des choses charmantes et tout le monde rit[126] ... und einen solchen Menschen will man plötzlich ins Irrenhaus stecken!“

„Aber daran denkt ja kein Mensch!“ rief ich aus. „Das ist ein Irrtum! Ich kenne ihre Gefühle!“

„Und du kennst auch ihre Gefühle? Das ist gut! Mon ami, du hast mich von den Toten auferweckt! Wie haben sie mir denn das alles von dir vorerzählt? Mon ami, rufe Katjä her, sie sollen sich hier beide vor mir küssen, und ich werde sie wieder nach Hause bringen, und den Wirt, den verjagen wir einfach!“

Er erhob sich, streckte die Hände aus und fiel vor mir nieder:

Cher,“ lispelte er in sinnloser Angst und zitterte wie ein Espenblatt, „mon ami, sage mir die ganze Wahrheit: wohin wird man mich jetzt bringen?“

„Mein Gott!“ rief ich erschrocken, hob ihn auf und legte ihn aufs Bett. „Schließlich werden Sie auch mir nicht mehr glauben, werden denken, daß auch ich zur Verschwörung gehöre? Ich werde hier niemandem erlauben, Ihnen auch nur ein Haar zu krümmen!“

C’est-ça,[127] erlaub du nichts,“ lallte er und klammerte sich mit beiden Händen an meine Ellbogen, während er immer noch am ganzen Leibe zitterte. „Gib mich niemandem! Und belüge mich nicht ... wird man mich denn wirklich von hier fortführen? Höre, dieser Wirt – Ippolit, oder wie er da heißt ... ist er nicht der Doktor?“

„Was für ein Doktor?“

„Das hier ... ist das nicht eine Irrenanstalt hier, dieses Zimmer?“

In dem Augenblick öffnete sich plötzlich die Tür, und Anna Andrejewna trat herein. Wahrscheinlich hatte sie hinter der Tür gelauscht und in der Erregung die Tür etwas zu plötzlich geöffnet – der Fürst, der schon beim leisesten Geräusch zusammenfuhr, schrie zu Tode erschrocken auf und warf sich mit dem Gesicht aufs Kissen. Er bekam nun doch so etwas wie einen Anfall, der sich in heftigem Schluchzen entlud.

„Sehen Sie, das sind die Folgen Ihrer Taten,“ sagte ich zu ihr und wies auf den Alten.

„Nein, das sind die Folgen Ihrer Taten!“ erwiderte sie scharf und mit erhobener Stimme. „Zum letztenmal wende ich mich an Sie, Arkadi Makarowitsch: wollen Sie endlich diese teuflische Intrige gegen den schutzlosen alten Mann aufdecken und Ihre ‚sinnlosen und kindischen Liebesträume‘ opfern, um Ihre leibliche Schwester zu retten?“

„Ich werde Sie alle retten, aber nur so, wie ich es Ihnen vorhin gesagt habe! Ich werde sofort gehen, und vielleicht schon in einer Stunde wird Katerina Nikolajewna hier sein! Ich werde alle versöhnen, und alle werden glücklich sein!“ rief ich nahezu begeistert.

„Bring sie, bring sie mir her!“ rief der Fürst flehend und wie neu belebt. „Bringt mich zu ihr! Ich möchte Katjä sehen und sie segnen!“ rief er mit erhobenen Händen und versuchte vom Bett aufzustehen.

„Sehen Sie,“ sagte ich zu Anna Andrejewna und wies auf ihn, „jetzt haben Sie gehört, was er sagt: jetzt kann Ihnen auch kein Dokument mehr helfen!“

„Das sehe ich, aber das Dokument könnte wenigstens meine Handlungsweise vor den Augen der Welt rechtfertigen, so aber – bin ich an den Pranger gestellt! Doch genug; mein Gewissen ist rein. Ich bin von allen verlassen, sogar von meinen Verwandten und von meinem leiblichen Bruder, den die Möglichkeit eines Mißlingens erschreckt hat ... Doch ich werde meine Pflicht erfüllen und bei diesem Unglücklichen bleiben, als seine Pflegerin, seine Krankenwärterin!“

Jetzt durfte ich keine Zeit verlieren, und ich lief aus dem Zimmer.

„Ich kehre in einer Stunde zurück, und ich komme nicht allein!“ rief ich ihnen noch von der Schwelle aus zu.