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Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 161: III.
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About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Zwölftes Kapitel.

I.

Endlich traf ich Tatjana Pawlowna zu Haus! Ich erzählte ihr so schnell wie möglich alles – alles, was das Dokument betraf, und alles, was dort bei mir geschehen war. Wenn sie auch über alle Vorgeschichten unterrichtet war und die Sachlage bereits nach zwei Worten hätte überschauen können, so nahm mein Bericht doch, glaube ich, an zehn Minuten in Anspruch. Nur ich sprach, und ich sagte die ganze Wahrheit und schämte mich nicht. Sie saß schweigend, regungslos und steif wie eine Stricknadel auf ihrem Stuhl, die Lippen zusammengepreßt, gespannt horchend und ohne auch nur einmal ihren Blick von mir zu wenden. Doch kaum hatte ich geendet, da sprang sie plötzlich auf – so überraschend, daß ich unwillkürlich gleichfalls aufsprang.

„Ach, du junger Hund! So ist dieser Brief die ganze Zeit in deiner Tasche gewesen, und Marja Iwanowna, die Närrin, hat ihn dir noch eingenäht! Ach, ihr widerlichen Schurken! Du bist also hergekommen, um hier Herzen zu erobern und die vornehme Gesellschaft zu besiegen, dich an irgendeinem Gevatter Teufel dafür zu rächen, daß du ein unehelicher Sohn bist?“

„Tatjana Pawlowna, unterstehen Sie sich nicht, mich zu schmähen!“ rief ich heftig. „Vielleicht sind gerade Sie mit Ihrem Schmähen von Anfang an die Ursache meiner Erbitterung hier gewesen! Ja, ich bin ein unehelicher Sohn und habe mich vielleicht wirklich dafür rächen wollen, daß ich ein unehelicher Sohn bin, und vielleicht wirklich an irgendeinem ‚Gevatter Teufel‘, weil ja der Teufel selber nicht herausbringen könnte, wen hier die Schuld trifft! Aber vergessen Sie nicht, daß ich das Bündnis mit den Spitzbuben nicht eingegangen bin und meine Leidenschaften besiegt habe! Schweigend werde ich den Brief vor ihr hinlegen und davongehen, ohne auf ein Wort von ihr zu warten! – das werden Sie selbst sehen!“

„Gib her, gib ihn her, leg den Brief sofort hier auf den Tisch! Du – du lügst ja doch nur wieder!“

„Er ist in meiner Tasche eingenäht; Marja Iwanowna hat ihn selbst in den alten Rock eingenäht, und als ich mir hier den neuen Rock bestellte, habe ich ihn aus dem alten herausgenommen und ihn eigenhändig in den neuen eingenäht; hier ist er, fühlen Sie, wenn Sie sich überzeugen wollen, ob ich lüge!“

„Gib ihn her, hol ihn heraus!“ bestürmte mich Tatjana Pawlowna aufgeregt.

„Um keinen Preis! Ich sage Ihnen noch einmal: ich werde ihn in Ihrem Beisein vor Katerina Nikolajewna hinlegen und davongehen, ohne auch nur ein einziges Wort von ihr zu erwarten; aber sie soll wissen und mit eigenen Augen sehen, daß ich ihn freiwillig übergebe, ohne Zwang, und ohne Dank zu erwarten.“

„Also wieder eine Rolle spielen? Bist immer noch verschossen, junger Hund?“

„Sie können mir soviel Bosheiten an den Kopf werfen, wie Sie wollen: ich mag sie ja verdient haben und nehme sie Ihnen nicht übel. Oh, mag ich ihr doch als ein kleiner Junge erscheinen, der gegen sie eine Verschwörung angezettelt hat, – aber sie soll wissen, daß ich mich selbst besiegt und ihr Glück über alles in der Welt gestellt habe! Macht nichts, Tatjana Pawlowna, macht nichts! Ich rufe mir zu: Mut und Hoffnung! Und wenn das mein erster Schritt auf dem Schauplatz des Lebens gewesen ist, so habe ich ihn doch gut und vornehm abgeschlossen! Und was tut es, daß ich sie liebe,“ fuhr ich begeistert und mit glänzenden Augen fort, „ich schäme mich dessen nicht: Mama ist ein Engel des Himmels, sie aber ist – die Königin der Erde! Werssiloff wird zu Mama zurückkehren. Und so brauche ich mich vor ihr meiner Liebe nicht zu schämen; ich habe doch gehört, was sie und Werssiloff dort gesprochen haben, ich stand hinter der Portiere ... Oh, wir sind alle drei – ‚Menschen ein und desselben Wahnsinns!‘ Wissen Sie, wer das gesagt hat: ‚Menschen ein und desselben Wahnsinns‘? Das ist ein Ausspruch von ihm, von Andrei Petrowitsch! Und wissen Sie auch, daß wir vielleicht mehr sind, denn drei? Ja, ich wette, daß Sie die vierte sind! Wollen Sie, daß ich’s sage? – Ich wette, daß Sie selbst ihr ganzes Leben lang in Andrei Petrowitsch verliebt gewesen sind, und es vielleicht heute noch sind ...“

Wie gesagt, ich war begeistert und befand mich in einem Glücksrausch, aber ich kam nicht dazu, meinen Satz zu Ende zu sprechen: ihre Hand fuhr plötzlich mit verblüffender Geschwindigkeit in meine Haare und riß meinen Kopf zweimal aus aller Kraft nach vorn herunter ... dann ließ sie mich ebenso plötzlich fahren, ging in eine Ecke, kehrte das Gesicht zur Wand und verhüllte es mit dem Taschentuch.

„Junger Hund! Wage es nicht, mir das noch einmal zu sagen!“ sagte sie schluchzend.

Das kam alles so unerwartet, daß ich einfach starr war. Ich stand da und sah sie an und wußte nicht, was ich tun sollte.

„Pfui, du Esel! Komm her und gib mir alten Närrin einen Kuß!“ sagte sie plötzlich weinend und lachend. „Aber daß du mir nie wieder, nie wieder davon zu sprechen wagst ... Und dich liebe ich und habe dich mein ganzes Leben lang geliebt ... Esel.“

Ich küßte sie. Ich möchte hierzu in Klammern bemerken, daß ich seit der Zeit Tatjana Pawlownas bester Freund bin.

„Ach ja! Was fällt mir ein!“ rief sie plötzlich und schlug sich vor die Stirn. „Was sagtest du da: der alte Fürst sei bei dir in der Wohnung? Ja, ist das auch wirklich wahr?“

„Ich versichere es Ihnen!“

„Ach, mein Gott! Ach, mir wird ganz übel, wenn ich daran denke!“ rief sie und lief im Zimmer herum. „Und sie können ja mit ihm alles machen, was sie nur wollen! Ach, daß der Blitz nicht einschlägt in diese Dummköpfe! Und schon seit heute früh, sagst du? Da seht doch mal die Anna Andrejewna! Da seht ihr jetzt die Nonne! Und diese da, die Principessa, die ahnt ja wieder mal noch nichts!“

„Was für eine Principessa?“

„Na, die Königin der Erde, das sogenannte Ideal! Aber was sollen wir jetzt tun?“

„Tatjana Pawlowna, hören Sie!“ rief ich, endlich wieder bei Besinnung. „Wir reden hier Dummheiten und vergessen darüber die Hauptsache: ich bin ja gekommen, um Katerina Nikolajewna zu holen, und die warten dort alle darauf, daß ich zurückkehre!“

Und hierauf erklärte ich, daß ich ihr das Dokument nur unter einer Bedingung ausliefern würde: wofern sie mir verspräche, sich mit Anna Andrejewna zu versöhnen und zu dieser Heirat ihre Zustimmung zu geben.

„Vorzüglich!“ unterbrach mich Tatjana Pawlowna. „Das hab’ ich ihr ja auch schon hundertmal gesagt! Er wird ja doch noch vor der Hochzeit sterben – also wird es sowieso nicht zur Heirat kommen, und wenn er ihr im Testament Geld hinterlassen will, der Anna, so hat er’s ihr doch schon ohnedem verschrieben ...“

„Ist es denn Katerina Nikolajewna wirklich nur ums Geld zu tun?“

„Nein, das nicht, aber sie fürchtete immer, das Dokument sei in Annas Händen, und ich fürchtete das auch! Deswegen haben wir doch auf sie aufgepaßt. Als gute Tochter wollte sie ihrem alten Vater nicht diesen Schmerz bereiten. Dem Bjoring aber, dem deutschen Nußknacker, dem war es natürlich um das Geld zu tun.“

„Und trotzdem bringt sie es über sich, diesen Bjoring zu heiraten?“

„Ja, was fängst du denn mit so einer Närrin an? Wer eine Närrin ist, ist eben eine Närrin. ‚Ruhe‘, sagt sie, werde er ihr geben! ‚Irgendeinen muß man doch heiraten, und zum Heiraten scheint er mir der Geeignetste zu sein,‘ sagt sie. Na, wir werden ja sehen, wie lange er ‚der Geeignetste‘ sein wird. Die Haare wird sie sich noch raufen, aber dann wird es zu spät sein!“

„Ja, warum lassen Sie es denn zu? Sie lieben sie doch, sie haben ihr doch ins Gesicht gesagt, daß Sie in sie verliebt sind!“

„Und das bin ich auch! Ich liebe sie mehr als euch alle zusammen, und doch bleibe ich dabei, daß sie eine Närrin ist!“

„Also dann laufen Sie jetzt und holen Sie sie her, und wir bringen hier alles in Ordnung und fahren dann mit ihr zu ihrem Vater.“

„Aber das geht doch nicht, das geht doch nicht, Dummkopf! Das ist es ja eben! Ach, was soll man da tun! Ach, mir wird schlecht, wenn ich daran denke!“ Sie lief wieder ratlos im Zimmer umher, griff aber schon nach ihrem Schal. „Wenn du doch um vier gekommen wärst, jetzt ist es ja schon acht Uhr, und sie ist vorhin zu Pelischtschoffs zum Diner gefahren und wollte nachher mit ihnen in die Oper.“

„Herrgott, ist es denn nicht möglich, sie in der Oper zu finden ... nein, nein, das geht nicht! Aber was wird denn jetzt aus dem Alten werden? Er wird ja noch in dieser Nacht sterben!“

„Hör mal: gehe nicht dahin zurück, gehe zu Mama und übernachte dort, und morgen früh ...“

„Nein, den Alten lasse ich um keinen Preis allein, möge kommen, was da wolle.“

„Ja, du hast recht, laß ihn nicht allein. Und ich, weißt du ... ich laufe zu ihr und werde ihr einen Zettel hinterlassen ... ich werde schon so schreiben, daß es außer ihr niemand versteht. Ich schreibe ihr, daß das Dokument hier ist, und daß sie morgen genau um zehn Uhr früh bei mir sein soll – aber pünktlich um zehn! Sei unbesorgt, sie wird kommen, auf mich hört sie schon; und dann bringen wir die ganze Sache auf einmal in Ordnung. Du aber laufe zurück und unterhalte den Alten, erheitere ihn so gut du nur kannst, und dann bring ihn zu Bett, vielleicht macht er es noch bis morgen früh! Und auch der Anna Andrejewna jag keinen Schrecken ein, ich hab’ sie doch auch lieb; du bist zu ihr ungerecht, weil du da vieles nicht verstehst: auch sie ist doch beleidigt, auch ihr ist von klein auf Unrecht widerfahren! Ach, alle kommt ihr mir auf den Hals! Und vergiß nicht, ihr von mir zu sagen, ich selber hätte ihre ganze Sache in die Hand genommen, ich selbst, und von ganzem Herzen, und sie solle ganz ruhig sein, ihr Stolz wird nicht verletzt werden ... Wir haben uns ja in den letzten Tagen ganz und gar überworfen, mußt du wissen, wir haben uns beinah angespien und beschimpft! Na, lauf nur ... Warte, zeig mir noch einmal die Tasche ... ist’s auch wahr, ist’s wahr? Ist es auch wirklich wahr, daß du den Brief hast?! Gib ihn mir doch wenigstens zur Nacht, was kann dir das denn ausmachen? Laß ihn hier, ich werde ihn dir ja nicht auffressen. Vielleicht kommt er dir noch über Nacht abhanden ... oder du änderst vielleicht deine Absicht?“

„Um keinen Preis gebe ich ihn her!“ rief ich aus. „Da, fühlen können Sie ihn meinetwegen noch einmal, hier ist er ... aber ihn dalassen – um keinen Preis!“

„Ja, ein Papier ist drin.“ Sie betastete mit den Fingern meine Tasche. „Na, schon gut, also lauf jetzt, und ich gehe zu ihr, vielleicht auch ins Theater, du hast ganz recht damit! Lauf nur, lauf!“

„Warten Sie, Tatjana Pawlowna, sagen Sie mir noch: was macht Mama?“

„Sie lebt.“

„Und Andrei Petrowitsch?“

Sie winkte mit der Hand ab.

„Er wird schon wieder zur Besinnung kommen!“

Ich lief ermutigt und voller Hoffnung nach Hause, obschon mir nicht alles so geglückt war, wie ich es erwartet hatte. Aber o weh, das Schicksal hatte anders beschlossen, und mich erwartete etwas ganz Unvorhergesehenes – fürwahr: es gibt doch ein Schicksal und ein Verhängnis in der Welt!

II.

Schon auf der Treppe vernahm ich einen großen Lärm in unserer Wohnung. Die Tür zu ihr war offen. Im Vorzimmer stand ein mir unbekannter Bedienter in Livree. Meine Wirtsleute, sowohl Pjotr Ippolitowitsch wie seine Frau, standen gleichfalls dort und schienen sehr erschrocken zu sein und auf irgend etwas zu warten. Auch die Tür zum Zimmer des Fürsten stand offen, und von dort scholl eine wahre Donnerstimme heraus, die ich sofort erkannte: es war Bjorings Stimme. Ich hatte noch nicht zwei Schritte machen können, als ich plötzlich sah, wie der Fürst, der ganz verweint war und zitterte, von Bjoring und Baron R. (demselben, der bei Werssiloff als Bjorings Bevollmächtigter erschienen war) aus dem Zimmer geleitet wurde. Der alte Fürst schluchzte laut und hielt sich an Bjoring, den er immer wieder küßte und umarmte. Jetzt sah ich auch, was Bjorings Geschrei zu bedeuten hatte: es galt Anna Andrejewna, die dem Fürsten ins Vorzimmer folgen wollte; er drohte ihr, und wenn ich mich nicht irre, stampfte er sogar mit dem Fuß – kurz, der rohe Soldat und Deutsche kam in ihm zum Vorschein, ungeachtet seiner ganzen Zugehörigkeit zur „höchsten Gesellschaft“. Später hat es sich freilich herausgestellt, daß er der Meinung gewesen war, Anna Andrejewna hätte sich eines schweren Verbrechens schuldig gemacht und würde ihre Tat noch vor Gericht verantworten müssen. Aus Unkenntnis der Sachlage übertrieb er das Geschehene, wie das bei vielen Menschen vorzukommen pflegt, und deshalb glaubte er, das Recht zu haben, sie mit aller Rücksichtslosigkeit zu behandeln. Er hatte noch keine Zeit gehabt, sich den Vorfall so recht klarzumachen: man hatte ihn anonym benachrichtigt, wie sich später herausstellte (worauf ich noch zurückkommen werde), und er war sofort, und zwar in der Gemütsverfassung des wildgewordenen Herrenmenschen losgefahren, also in einem Zustande, in dem selbst die geistreichsten Leute dieser Rasse wie die Schuster zu einer Keilerei bereit sind. Anna Andrejewna hatte dieser Überrumpelung mit der größten Würde standgehalten, aber das sah ich nicht mehr. Ich sah nur noch, wie Bjoring, der den alten Fürsten hinausgeführt hatte, diesen plötzlich dem Baron R. überließ, sich jähzornig nach Anna Andrejewna umwandte und sie, wahrscheinlich in Erwiderung auf eine Bemerkung von ihr, wütend anschrie:

„Sie sind eine Intrigantin! Sie haben es nur auf sein Geld abgesehen! Von nun an sind Sie aus der Gesellschaft ausgestoßen, und Sie werden sich vor Gericht zu verantworten haben! ...“

Sie sind es, der den armen Kranken ausnutzen will und ihn bis zum Irrsinn gebracht hat ... und jetzt schreien Sie mich an, weil ich eine schutzlose Frau bin und niemand hier ist, der mich verteidigen könnte ...“

„Ach ja, Sie sind ja seine Braut, seine Braut!“ Bjoring lachte boshaft und schallend auf.

„Baron, Baron ... chère enfant, je vous aime!“[128] schluchzte der Fürst und streckte die Arme nach Anna Andrejewna aus.

„Kommen Sie, Fürst, kommen Sie, hier war eine ganze Verschwörung gegen Sie angezettelt, vielleicht sogar gegen Ihr Leben!“ rief Bjoring.

Oui, oui, je comprends, j’ai compris au commencement[129] ...“

„Fürst,“ unterbrach ihn Anna Andrejewna mit erhobener Stimme, „Sie beleidigen mich und lassen es zu, daß man mich beleidigt!“

„Weg da!“ schrie Bjoring sie plötzlich an.

Das war zuviel für mich!

„Schurke!“ brüllte ich ihn an, außer mir. „Anna Andrejewna, ich beschütze Sie!“

Was nun folgte, will und kann ich nicht ausführlich schildern. Es kam zu einem schrecklichen und widerlichen Auftritt; ich war plötzlich wie von Sinnen. Ich glaube, ich stürzte auf ihn los und schlug ihn, oder wenigstens versetzte ich ihm einen tüchtigen Stoß. Er schlug mich gleichfalls aus aller Kraft auf den Kopf, so daß ich hinfiel. Als ich zu mir kam, lief ich ihnen nach, die Treppe hinunter; ich weiß noch, daß mir das Blut aus der Nase floß. Vor der Haustür wartete eine Equipage auf sie, und während sie dem Fürsten beim Einsteigen halfen, stürzte ich mich, obgleich der Bediente mich zurückstieß, wieder auf Bjoring. Da tauchte plötzlich die Polizei auf. Bjoring packte mich am Kragen und befahl dem Schutzmann herrisch, mich sofort auf die Wache zu bringen. Ich schrie, er müsse mitgenommen werden, das Protokoll wäre sonst unvollständig, und man dürfe mich nicht so ohne weiteres und nahezu aus meiner Wohnung auf die Wache führen. Da aber das Ganze sich doch auf der Straße zutrug und nicht in meiner Wohnung, und da ich schrie, schimpfte und mich widersetzte – hinzu kam noch, daß Bjoring in seiner Uniform war – so bedachte sich der Schutzmann nicht lange und machte Anstalt, mich abzuführen. Darüber geriet ich völlig außer mir: ich wehrte mich aus allen Kräften, schlug wie rasend um mich, und schlug auch den Schutzmann. Auf einmal waren zwei Schutzleute da, und ich wurde nun tatsächlich auf die Wache geführt. In meiner Erinnerung habe ich nur noch eine blasse Vorstellung davon, wie ich in ein dunstiges, vollgerauchtes Zimmer gebracht wurde, in dem sich eine Menge der verschiedensten Menschen befanden, die teils saßen, teils standen und warteten, teils schrieben; ich schrie auch hier wieder, erhob Einspruch und verlangte das Protokoll. Aber jetzt handelte es sich schon nicht mehr um ein Protokoll allein, sondern bereits um einen viel verzwicktern Fall, da ich Unfug getrieben und mich der Polizeigewalt widersetzt hatte. Hinzu kam, daß ich wohl fürchterlich aussah. Irgend jemand schrie mich plötzlich drohend an. Der Schutzmann berichtete inzwischen von meinem Unfug und von dem Obersten in der Uniform eines Garderegiments ...

„Ihr Name?“ schrie mich jemand an.

„Dolgoruki!“ brüllte ich.

„Fürst Dolgoruki?“

Außer mir antwortete ich mit einem unsagbar groben Schimpfwort, und dann ... dann, erinnere ich mich, wurde ich „zur Ernüchterung“ in eine dunkle Kammer geschleppt. Oh, ich erhebe nicht Einspruch dagegen. Noch kürzlich haben wir ja in den Zeitungen die Beschwerde eines Herrn gelesen, der die ganze Nacht in der Haft gesessen hat, sogar gefesselt und gleichfalls in der Ernüchterungskammer. Dabei war er, glaub ich, noch nicht einmal schuldig – ich aber war schuldig. Ich warf mich auf die Pritsche, auf der bereits zwei schwer Betrunkene schliefen. Mein Kopf tat mir weh, in meinen Schläfen hämmerte es, mein Herz klopfte. Ich werde dann wohl das Bewußtsein verloren haben, und ich glaube, ich habe sogar phantasiert. Ich weiß nur noch, daß ich mitten in der stockdunklen Nacht plötzlich wach wurde und mich auf der Pritsche aufsetzte. Mit einem Schlage fiel mir alles wieder ein, und ich verstand alles; ich stützte die Ellbogen auf die Knie, stützte den Kopf in die Hände und versank in tiefes Nachdenken.

Oh, ich will meine Gefühle nicht schildern, und ich habe auch gar keine Zeit dazu, aber eins möchte ich doch bemerken: ich habe vielleicht innerlich niemals frohere Augenblicke erlebt, als während jenes Sinnens in der dunklen Nacht, auf der Pritsche und in der Haft. Das wird dem Leser vielleicht unverständlich erscheinen, wie eine Art Tintenkleckserschwärmerei oder wie ein Ausdruck übertriebener Originalitätshascherei – und doch war es so, wie ich sage. Es war eine jener Stunden, wie sie vielleicht jeder Mensch erlebt, die einem aber kaum mehr als einmal im Leben beschieden sind. In einer solchen Stunde entscheidet der Mensch über sein Schicksal, setzt sich selbst seine Anschauung fest und sagt sich einmal für sein ganzes Leben: „Dort liegt die Wahrheit, und den Weg mußt du gehen, um zur Wahrheit zu kommen.“ Ja, diese Augenblicke wurden zum Licht meiner Seele. Ich war von dem hochmütigen Baron Bjoring beleidigt worden und erwartete, am nächsten Morgen von jener Dame der vornehmen Gesellschaft beleidigt zu werden, und ich wußte, daß ich mich nur zu gut an ihnen rächen konnte, aber ich beschloß, daß ich mich nicht rächen werde. Ich war entschlossen, trotz der großen Versuchung, das Dokument nicht aller Welt bekanntzugeben (auch dieser Gedanke war mir ungerufen schon durch den Kopf gewirbelt): ich sagte mir nochmals, daß ich morgen diesen Brief vor ihr hinlegen und, wenn es sein mußte, statt Dankbarkeit sogar ihr spöttisches Lächeln hinnehmen, und trotzdem kein Wort sagen und auf ewig von ihr gehen würde ... Übrigens, wozu das hier breittreten! Doch was am nächsten Morgen mit mir geschehen, wie man mich verhören, und was man schließlich mit mir machen werde – darüber nachzudenken vergaß ich fast ganz. Ich bekreuzte mich mit Inbrunst, legte mich wieder auf die Pritsche hin und schlief frohgemut ein wie ein Kind.

Ich erwachte spät, als es schon hell war. Ich sah mich um und sah, daß ich allein war. Ich setzte mich auf und begann schweigend zu warten; ich wartete lange, vielleicht eine gute Stunde. Es wird ungefähr neun Uhr gewesen sein, als auf einmal ein Schutzmann hereintrat, um mich vorzuführen. Ich übergehe die Einzelheiten, da sie nebensächlich sind; ich habe jetzt nur noch die Hauptsache zu beenden. Ich bemerke bloß, daß man zu meiner nicht geringen Verwunderung überraschend höflich mit mir umging: ich wurde da irgend etwas gefragt, ich antwortete, und dann wurde mir ohne weiteres erlaubt, nach Haus zu gehen. Ich ging schweigend hinaus; in ihren Blicken las ich mit Genugtuung ein gewisses Staunen über einen Menschen, der sogar in einer solchen Lage seine Würde zu bewahren verstanden hatte. Ich würde das nicht erwähnt haben, wenn es nicht wirklich auffallend gewesen wäre. Aber wie groß war meine Überraschung, als ich am Ausgang plötzlich Tatjana Pawlowna vor mir sah. In zwei Worten sei hier nur noch erklärt, weshalb ich damals so schnell aus der Haft entlassen wurde.

Früh am Morgen, schon vor acht Uhr, war Tatjana Pawlowna in meiner Wohnung erschienen, das heißt, bei Pjotr Ippolitowitsch, – sie hatte sogar eine Droschke genommen – in der Annahme, den alten Fürsten noch anzutreffen, und statt dessen hatte sie auf einmal den Bericht von den Geschehnissen am Abend vorher vernommen und, was die Hauptsache war, erfahren, daß man mich auf die Polizeiwache geführt hatte. Da war sie denn schleunigst zu Katerina Nikolajewna geeilt (die schon am Abend, nach ihrer Rückkehr aus dem Theater, ihren Vater zu Hause vorgefunden hatte), war zu ihr ins Schlafzimmer gestürzt, hatte sie aufgeweckt, ihr Angst und Bange gemacht und meine sofortige Befreiung verlangt. Darauf war sie mit einem Brief von ihr zu Bjoring gefahren, hatte von ihm sofort ein Schreiben „an den zuständigen Polizeioffizier“ erwirkt, in dem er, Baron Bjoring, dringend darum ersuchte, mich unverzüglich aus der Haft zu entlassen, da ich „infolge eines Mißverständnisses“ verhaftet worden sei. Mit diesem Schreiben war sie dann auf der Polizeiwache erschienen: und selbstverständlich hatte man ihre Bitte sofort berücksichtigt.

III.

Ich fahre also in der Erzählung der Hauptsache fort.

Tatjana Pawlowna, die mich nun glücklich befreit hatte, setzte mich in ihre Droschke und brachte mich zu sich nach Hause. Marja mußte sofort Tee machen, während sie selbst mich wusch und meine Kleider säuberte. Und dabei sagte sie mir denn, daß Katerina Nikolajewna nicht um zehn Uhr, sondern um halb zwölf zu ihr kommen werde, um mich zu treffen. Das hörte nun auch Marja. Nach eine paar Minuten brachte sie die Teemaschine herein, doch als Tatjana Pawlowna kurz darauf noch einmal nach ihr rief, erhielt sie keine Antwort: Marja war, wie sich zeigte, nicht mehr da. Das bitte ich nicht zu vergessen. Die Uhr war vielleicht viertel vor zehn. Tatjana Pawlowna ärgerte sich zwar darüber, daß sie so ohne zu fragen ausgegangen war, sagte sich aber, sie werde wohl nur in den nächsten Laden gegangen sein, und im übrigen vergaß sie den ganzen Vorfall schon nach einem Augenblick. Wir waren aber auch wirklich mit Interessanterem beschäftigt: wir sprachen die ganze Zeit – und ich hatte noch so vieles zu sagen, daß ich dieses Verschwinden der dummen Köchin überhaupt nicht beachtete. Ich bitte den Leser auch das nicht zu vergessen.

Natürlich war ich noch wie benommen; ich erklärte ihr meine Gefühle, aber die Hauptsache war doch, daß wir auf Katerina Nikolajewna warteten, und der Gedanke, daß ich ihr in einer Stunde endlich begegnen werde, und noch dazu in einem so entscheidenden Augenblick meines Lebens, ließ mich erzittern, und mein Herz stand mir still. Schließlich, als ich schon zwei Tassen Tee getrunken hatte, stand Tatjana Pawlowna auf, nahm eine Schere vom Tisch und sagte:

„So, jetzt gib mir mal die Tasche her, wir müssen den Brief heraustrennen – das können wir doch nicht in ihrer Gegenwart.“

„Ja!“ sagte ich und knöpfte meinen Rock auf.

„Das sind mir mal Stiche! Wer hat dir denn das hier zusammengenäht?“

„Ich selbst, Tatjana Pawlowna, ich selbst.“

„Na, das sieht man aber auch! ... So, da haben wir ihn ...“

Sie zog den Brief heraus; die Briefhülle war dieselbe, aber in ihr – war ein unbeschriebenes Stück Papier.

„Das ... was ist denn das?“ fragte Tatjana Pawlowna und wendete es in der Hand. „Was hast du?“

Ich stand blaß da, ohne ein Wort sprechen zu können ... und plötzlich sank ich kraftlos auf den Stuhl ... ich war beinahe ohnmächtig.

„Ja, was soll denn das wieder bedeuten!“ schrie Tatjana Pawlowna, „wo ist denn jetzt der Brief?“

„Lambert!“ rief ich und sprang auf und schlug mir vor die Stirn, denn ich hatte plötzlich alles begriffen.

Hastig und atemlos erzählte ich ihr von der Nacht bei Lambert und von unserer ganzen Verschwörung – übrigens hatte ich ihr schon am Abend vorher von dieser Verschwörung manches mitgeteilt.

„Gestohlen hat er ihn mir, gestohlen!“ schrie ich, stampfte mit den Füßen und raufte mir das Haar.

„Was nun?“ fragte Tatjana Pawlowna ratlos, als sie den Zusammenhang begriff. „Wieviel Uhr ist es?“

Es war kurz vor elf.

„Ach, daß die Marja nicht da ist! ... Marja, Marja!“

„Was wünschen gnädiges Fräulein?“ erscholl plötzlich Marjas Stimme aus der Küche.

„Bist du da? Ja, was machen wir denn jetzt! Ich renne zu ihr hin ... Ach, du Tölpel, du Tölpel!“

„Ich laufe zu Lambert!“ brüllte ich, „und erwürge ihn, wenn es sein muß!“

„Gnädiges Fräulein!“ rief plötzlich Marja aus der Küche, „hier ist eine, die Sie sprechen will ...“

Noch hatte sie ihren Satz nicht zu Ende gesprochen, als diese „eine“ mit Heulen und Schreien aus der Küche hereinstürzte. Es war Alphonsinka. Ich werde die Szene nicht in allen Einzelheiten wiedergeben; die Szene selbst war ein Betrug und eine Komödie, doch ich muß bemerken, daß Alphonsinka ihre Rolle großartig spielte. Unter Tränen der Reue und mit unmöglichen Gebärden schnatterte sie ihren Vortrag herunter (auf Französisch selbstverständlich), gestand, daß sie selbst den Brief aus der Tasche getrennt hätte, daß ihn Lambert jetzt besäße, und daß Lambert zusammen mit „diesem Räuber,“ cet homme noir, „madame la générale[130] zu sich gerufen habe, und sie würden madame la générale bestimmt erschießen, jetzt, sogleich, in einer Stunde ... sie, Alphonsinka, hätte das alles von ihnen erfahren und plötzlich furchtbare Angst bekommen, weil sie in ihren Händen einen Revolver gesehen, „un pistolet“,[131] und deshalb wäre sie zu uns gelaufen, damit wir hinkämen, madame retteten, das Unglück verhüteten ... „et cet homme noir ...“

Kurz, alles, was sie sagte, erschien uns durchaus glaubwürdig, und die Dummheit einiger ihrer Erklärungen erhöhte eigentlich noch die Glaubwürdigkeit.

„Was für ein homme noir?“ schrie Tatjana Pawlowna sie an.

Tiens, j’ai oublié son nom ... Un homme affreux ... Tiens, Versiloff![132]

„Werssiloff! – das kann nicht sein!“ schrie ich auf.

„Doch, das kann schon sein!“ kreischte Tatjana Pawlowna. „So erzählen Sie doch, meine Beste, aber springen Sie nicht so und fuchteln Sie doch nicht so mit den Armen! Was haben die beiden vor? Sprechen Sie doch vernünftig, meine Beste: ich kann es doch nicht glauben, daß sie sie erschießen wollen?“

Die „Beste“ erklärte nun folgendes (NB.: es war alles Schwindel, ich bereite nochmals darauf vor): Werssiloff werde hinter der Tür sitzen, und Lambert werde ihr, wenn sie hereinkäme, cette lettre[133] zeigen, und in dem Augenblick werde Werssiloff hervorstürzen, und dann ... „Oh, ils feront leur vengeance![134] Sie, Alphonsina, habe Angst bekommen, weil sie daran beteiligt sei, denn „cette dame, la générale[135] werde bestimmt kommen, „sofort, sofort,“ denn sie hätten ihr eine Abschrift des Briefes geschickt, aus der sie ersehen könne, daß der Brief wirklich in ihren Händen sei; und deshalb werde sie bestimmt kommen. Den Brief habe Lambert geschrieben, und von Werssiloff wisse madame la générale noch nichts; Lambert aber habe sich ihr als ein Herr vorgestellt, der soeben aus Moskau angekommen wäre, im Auftrage einer Moskauer Dame, „une dame de Moscou[136] (NB.: Marja Iwanowna!).

„Ach, mir wird schlecht, mir wird schlecht!“ rief Tatjana Pawlowna.

Sauvez-la, sauvez-la![137] schrie und beschwor uns Alphonsinka.

Freilich hatte diese wahnwitzige Nachricht schon auf den ersten Blick etwas Unsinniges, aber zum Überlegen blieb uns keine Zeit, und das Ganze schien uns doch durchaus glaubwürdig zu sein. Man hätte wohl voraussetzen können, und zwar mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, daß Katerina Nikolajewna nach Empfang von Lamberts Brief zuerst zu uns kommen werde, zu Tatjana Pawlowna, um die Sache aufzuklären. Aber auch das brauchte schließlich nicht unbedingt zu geschehen, und sie konnte ja auch direkt zu ihm fahren, und dann – war sie verloren! Und wenn auch kaum anzunehmen war, daß sie so ohne weiteres auf die erste Aufforderung hin zu dem ihr ganz unbekannten Lambert eilen werde, so war doch die Möglichkeit, daß sie es tat, immerhin nicht ausgeschlossen. Die Abschrift mußte sie jedenfalls überzeugen, daß Lambert wirklich im Besitz ihres Briefes war, und wenn sie daraufhin zu ihm fuhr – konnte das Unglück doch geschehen! Aber vor allen Dingen durften wir ja keinen Augenblick verlieren, und so hatten wir auch keine Zeit, lange zu überlegen.

„Und Werssiloff wird sie ermorden! Wenn er sich schon zur Gemeinschaft mit Lambert erniedrigt hat, so wird er sie auch ermorden! Das ist nicht er, das ist sein Doppelgänger!“ rief ich.

„Ach, dieser Doppelgänger!“ Tatjana Pawlowna rang die Hände. „Aber jetzt müssen wir handeln!“ entschloß sie sich plötzlich. „Nimm deine Mütze, den Pelz, und vorwärts marsch! Und Sie, meine Beste, führen uns sofort zu ihnen hin. Ach, das ist ein weiter Weg! Marja, Marja, wenn Katerina Nikolajewna kommen sollte, dann sage ihr, ich käme sofort wieder, sie soll sich hinsetzen und auf mich warten, und wenn sie nicht warten will, so schließe die Tür zu und halt sie mit Gewalt zurück. Sag ihr, ich hätte dir so befohlen! Hundert Rubel bekommst du, Marja, wenn du mir diesen Dienst erweist!“

Wir liefen auf die Treppe hinaus. Zweifellos taten wir das Vernünftigste, denn die größte Gefahr drohte ihr doch in Lamberts Wohnung; und wenn Katerina Nikolajewna vorher zu Tatjana Pawlowna kam, so konnte Marja sie einfach zurückhalten. Aber Tatjana Pawlowna änderte, als wir schon eine Droschke genommen hatten, doch noch ihren Entschluß.

„Nein, fahr du allein mit ihr hin!“ rief sie mir zu und ließ mich mit Alphonsinka einsteigen. „Und dort stirb für sie, wenn es sein muß, verstanden? Ich werde dir gleich folgen, aber vorher will ich noch schnell zu ihr, vielleicht treffe ich sie noch, denn sag’ was du willst, mir kommt die Sache doch verdächtig vor!“

Und sie fuhr schnell zu Katerina Nikolajewna! Ich aber fuhr mit Alphonsinka zu Lambert. Ich trieb den Kutscher zur Eile an, und während der Fahrt fragte ich Alphonsinka weiter aus, aber Alphonsinka antwortete mir nur noch mit Ausrufen und zu guter Letzt mit Tränen. Doch Gott beschützte und rettete uns, als alles nur noch an einem Faden hing. Wir hatten kaum ein Viertel des Weges zurückgelegt, als ich plötzlich hinter uns schreien hörte: mein Name wurde gerufen. Ich sah mich um – Trischatoff jagte uns in einer Droschke nach.

„Wohin?“ rief er erschrocken, „und mit ihr, mit Alphonsinka!“

„Trischatoff!“ rief ich ihm zu, „Sie haben die Wahrheit gesagt – das Unglück ist da! Ich fahre zu dem Schuft Lambert! Kommen Sie mit, es ist dann doch einer mehr!“

„Kehren Sie um, kehren Sie sofort um!“ schrie Trischatoff. „Lambert betrügt Sie und Alphonsinka betrügt Sie! Der Pockennarbige schickt mich, sie sind gar nicht bei Lambert: ich bin Werssiloff und Lambert soeben begegnet: sie fuhren zu Tatjana Pawlowna ... jetzt werden sie schon dort sein ...“

Ich ließ den Kutscher halten und sprang in Trischatoffs Schlitten hinüber. Heute verstehe ich einfach nicht, wie ich mich damals so schnell habe entschließen können; aber ich glaubte ihm sofort und handelte danach. Alphonsinka kreischte fürchterlich, aber wir ließen sie sitzen, wo sie saß, und ich weiß nicht einmal, ob sie uns nachfuhr, oder ob sie dort ausstieg, jedenfalls habe ich sie nachher nie wieder gesehen.

Im Schlitten teilte mir Trischatoff Hals über Kopf und ganz atemlos mit, daß es sich da um gewisse Machenschaften handle, Lambert sei mit dem Pockennarbigen anfangs unter einer Decke gewesen, aber im letzten Augenblick habe der Pockennarbige sich bedacht und sei von ihm abgefallen. Jedenfalls habe er ihn, Trischatoff, selbst zu Tatjana Pawlowna geschickt, damit er ihr sage, daß sie Alphonsinka keinen Glauben schenken solle. Trischatoff fügte hinzu, weiter wisse er nichts, denn der Pockennarbige hätte selbst etwas sehr Wichtiges vorgehabt und deshalb nur in aller Eile die notwendigsten Anordnungen geben können. „Ich sah Sie fahren,“ fuhr Trischatoff fort, „und da bin ich Ihnen nachgejagt.“ Es war natürlich klar, daß der Pockennarbige alles wußte, da er Trischatoff doch geradeswegs zu Tatjana Pawlowna geschickt hatte, doch über dieses neue Rätsel dachte ich nicht lange nach.

Damit aber der Leser sich in diesem Wirrwarr zurechtfinde, will ich, bevor ich die Katastrophe beschreibe, noch einmal, zum letztenmal, vorgreifen und den ganzen Zusammenhang schon jetzt aufdecken.

IV.

Nachdem Lambert mir den Brief in jener Nacht entwendet hatte, war er gleich mit Werssiloff in Verbindung getreten. Wie es für Werssiloff möglich war, sich mit Lambert zu verbünden – darüber schweige ich zunächst; davon später. In der Hauptsache war hier wohl der „Doppelgänger“ im Spiel! Lambert aber stand nach seinem Bündnis mit Werssiloff die schwere Aufgabe bevor, Katerina Nikolajewna auf möglichst schlaue Weise zu sich zu locken. Werssiloff war überzeugt, daß sie nicht kommen werde. Doch Lambert hatte schon zwei Tage vorher – noch an jenem Abend, als er mir kurz vor meiner Wohnung in den Weg gelaufen war und ich ihm erklärt hatte, ich werde ihr den Brief in Tatjana Pawlownas Wohnung und in Tatjana Pawlownas Beisein zurückgeben, ohne von ihr etwas zu verlangen – da hatte Lambert ungesäumt, um jederzeit über alles unterrichtet zu sein, was in dieser Wohnung vorging, eine Art Spionendienst eingerichtet, und zwar hatte er – Marja bestochen. Er hatte ihr zwanzig Rubel gegeben, und dann, einen Tag später, als er schon im Besitz des Dokuments war, hatte er ihr alles ausführlich auseinandergesetzt, was er von ihr erwartete, und schließlich für ihre Dienste zweihundert Rubel versprochen.

Deshalb also war Marja, als sie in der Küche gehört hatte, daß Katerina Nikolajewna um halb zwölf zu Tatjana Pawlowna kommen wolle, und daß auch ich da sein werde, sogleich aus dem Hause gelaufen, um schnell mit einer Droschke zu Lambert zu fahren und ihm diese Nachricht zu überbringen. Eben diese Benachrichtigung war der ganze Dienst, den sie Lambert verabredetermaßen erweisen sollte. Zufällig hatte Werssiloff sich gerade in dem Augenblick bei Lambert befunden, und er war es denn auch gewesen, der diesen teuflischen Plan entwarf. Man sagt, Geisteskranke sollen in manchen Augenblicken unglaublich schlau sein können.

Der Plan bestand darin: Tatjana Pawlowna und mich kurz vor Katerina Nikolajewnas Ankunft, also kurz vor halb zwölf, aus der Wohnung zu locken, wenn auch nur auf eine Viertelstunde, und sobald wir das Haus verlassen hätten, schnell ihren Beobachtungsposten – irgendwo in der Nähe, von wo aus man die Haustür sehen konnte – zu verlassen und in die Wohnung einzudringen, die Marja ihnen öffnen sollte, und dort Katerina Nikolajewna zu erwarten. Alphonsinka aber fiel die Aufgabe zu, uns so lange wie möglich festzuhalten, gleichviel mit welchen Mitteln, wie und wo es ihr nur möglich war. Katerina Nikolajewna mußte ihrem Versprechen gemäß um halb zwölf Uhr dort eintreffen, also reichlich zweimal so früh, als wir wieder zurück sein konnten. (Selbstverständlich hatte Katerina Nikolajewna von Lambert überhaupt keine Aufforderung erhalten, das hatte Alphonsinka uns einfach vorgelogen, und eben diesen Schachzug hatte Werssiloff erdacht, – Alphonsinka aber hatte nur nach seinen Angaben die Rolle der erschrockenen Verräterin gespielt, die aus Angst die Verschwörung verriet.) Natürlich war es von ihnen ein gewagtes Spiel, aber schließlich sagten sie sich wohl ganz richtig: „Gelingt es, so ist es gut, gelingt es nicht, so ist immerhin noch nichts verloren, denn das Dokument bleibt doch in unseren Händen.“ Aber es gelang; und wie hätte es auch nicht gelingen sollen; denn wir mußten doch Alphonsinka schon aus der einen Erwägung heraus folgen: „Wenn es aber wahr ist – was dann?“ Ich sage noch einmal: zum Überlegen hatten wir keine Zeit.

V.

Ich lief mit Trischatoff in die Küche, wo wir Marja in der größten Angst antrafen. Sie hatte, als Lambert und Werssiloff in die Wohnung getreten waren, in Lamberts Hand einen Revolver bemerkt, und das hatte sie so furchtbar erschreckt. Das Geld hatte sie zwar genommen, aber der Revolver paßte doch ganz und gar nicht zu ihrer Auffassung der Sache. Ratlos stand sie da, und als sie nun plötzlich mich erblickte, stürzte sie auf mich zu und flüsterte angstvoll:

„Die Generalin ist gekommen, und der Herr hat einen Revolver!“

„Trischatoff, bleiben Sie hier in der Küche,“ ordnete ich an, „und wenn ich rufe, so kommen Sie mir sofort zu Hilfe, so schnell wie möglich!“

Marja öffnete mir die Tür, und ich schlüpfte in Tatjana Pawlownas Schlafzimmer – in denselben kleinen Raum, wo eigentlich nur ihr Bett Platz hatte, und von wo aus ich schon einmal ein Gespräch gegen meinen Willen belauscht hatte. Ich setzte mich auf das Bett und fand alsbald auch einen Spalt zwischen den Vorhängen, durch den ich in das Wohnzimmer sehen konnte.

Aber dort wurde schon laut und erregt gesprochen; ich muß bemerken, daß Katerina Nikolajewna vielleicht nur eine Minute nach ihnen die Wohnung betreten hatte. Schon in der Küche hatte ich erregte Stimmen vernommen: namentlich Lambert sprach in der Aufregung übermäßig laut. Sie saß auf dem Diwan, er aber stand vor ihr und schrie wie ein Narr. Heute weiß ich, warum er so sinnlos den Kopf verlor: er hatte es furchtbar eilig, weil er fürchtete, sie könnten überrascht werden. Später werde ich erklären, von welcher Seite er die Überraschung fürchtete. Den Brief hielt er in der Hand.

Werssiloff war nicht im Zimmer: er stand bereit, um bei der ersten Gefahr ins Zimmer zu stürzen. Ich kann nur den Sinn der Reden wiedergeben; ich war damals gar zu aufgeregt, und so habe ich denn von dem Gehörten nur das wenigste wörtlich behalten.

„Ich verlange für diesen Brief nur dreißigtausend Rubel, und Sie wundern sich noch! Er ist hunderttausend wert, aber ich verlange bloß dreißigtausend!“ rief Lambert laut und furchtbar erregt.

Katerina Nikolajewna war allerdings sichtlich erschrocken, aber sie sah ihn doch mit einem gewissen, schon im voraus verachtenden Staunen an.

„Ich sehe, daß man mir hier gewissermaßen eine Falle gestellt hat, aber ich verstehe nicht, was Sie eigentlich wollen,“ sagte sie. „Doch wenn Sie diesen Brief wirklich ...“

„Hier, sehen Sie, hier ist er! Erkennen Sie ihn? Ich verlange von Ihnen einen Wechsel über dreißigtausend Rubel und keine Kopeke weniger!“ fiel ihr Lambert ins Wort.

„Ich habe kein Geld.“

„Stellen Sie mir einen Wechsel aus – hier ist Papier. Und dann verschaffen Sie sich das Geld, ich werde warten, aber nur eine Woche – nicht länger ... Wenn Sie mir das Geld bringen – gebe ich Ihnen den Wechsel zurück, und dann bekommen Sie auch den Brief.“

„Sie erlauben sich mir gegenüber einen sehr sonderbaren Ton. Sie irren sich. Dieser Brief wird Ihnen heute noch abgenommen werden, wenn ich hingehe und Sie anzeige.“

„Wem? Hahaha! Aber der Skandal, und der alte Fürst, dem wir den Brief inzwischen zeigen! Und wo will man ihn mir abnehmen? Dokumente lasse ich doch nicht in meiner Wohnung. Und dem alten Fürsten zeige ich den Brief durch eine dritte Person. Seien Sie nicht eigensinnig, meine Gnädigste! Seien Sie mir vielmehr dankbar, daß ich nur so wenig verlange; ein anderer würde an meiner Stelle noch viel mehr verlangen, würde noch eine gewisse Gefälligkeit fordern ... Sie können sich denken, was für eine ... jedenfalls eine, die von keiner hübschen Frau verweigert wird, wenn sie ein wenig in die Enge getrieben ist – eben eine solche Gefälligkeit ... Hehehe! Vous êtes belle, vous![138]

Katerina Nikolajewna erhob sich ungestüm von ihrem Platz, wurde über und über rot und – spie ihm ins Gesicht. Dann wandte sie sich schnell zur Tür. In demselben Augenblick riß Lambert seinen Revolver hervor. Als echter Dummkopf hatte er blind an die entscheidende Wirkung des Dokuments geglaubt, das heißt, er hatte überhaupt nicht darüber nachgedacht, mit wem er es zu tun hatte, da er, wie ich einmal schon erwähnt habe, alle Menschen für genau so erbärmliche und niedrige Geschöpfe hielt, wie er selbst eines war. So kam es, daß er sie gleich mit einer Gemeinheit vor den Kopf stieß, während sie vielleicht sogar bereit war, auf eine Erledigung der Angelegenheit durch Geld einzugehen.

„Nicht von der Stelle!“ brüllte er sie an, rasend vor Wut, weil sie ihn angespien hatte, packte sie an der Schulter und hielt ihr den Revolver vor, – natürlich nur, um sie einzuschüchtern.

Sie schrie auf und sank auf den Diwan. Ich stürzte ins Zimmer, doch im selben Augenblick flog auch schon die Tür zum Vorzimmer auf, und Werssiloff stand vor uns. (Er hatte dort gestanden und gewartet.) Ich hatte ihn kaum erblickt, da hatte er Lambert schon den Revolver entrissen und ihm aus aller Kraft mit der Waffe auf den Kopf geschlagen. Lambert taumelte und stürzte bewußtlos hin. Aus seiner Kopfwunde strömte das Blut auf den Teppich.

Als Katerina Nikolajewna Werssiloff erblickte, wurde sie auf einmal weiß wie ein Handtuch; ein paar Augenblicke sah sie ihn starr an, in unbeschreiblichem Entsetzen, und plötzlich fiel sie in Ohnmacht. Er stürzte auf sie zu. Dieses ganze Erlebnis ist in meiner Erinnerung nur noch wie eine flimmernde Reihe von Momentbildern. Ich weiß noch, mit welchem Schrecken ich damals sein fast blutrotes Gesicht und die blutunterlaufenen Augen sah. Ich glaube, er sah mich wohl, aber er erkannte mich nicht. Er erfaßte sie, die Ohnmächtige, und hob sie mit einer Kraft, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte, wie eine leichte Feder auf seine Arme und begann sie sinnlos im Zimmer umherzutragen, ganz wie man ein kleines Kind trägt. Das Zimmer war ja nicht groß, er aber wanderte aus einer Ecke in die andere, offenbar ohne zu wissen, wozu er das tat. In einem dieser Augenblicke wird er wohl tatsächlich den Verstand verloren haben. Er starrte sie dabei die ganze Zeit an und schien seinen Blick von ihrem Antlitz nicht losreißen zu können. Ich lief hinter ihm her, in der größten Angst wegen des Revolvers, den er unbewußt in der rechten Hand behalten hatte und dicht neben ihrem Kopf hielt. Aber er stieß mich immer wieder zurück, einmal mit dem Fuß, einmal mit dem Ellbogen. Ich wollte schon Trischatoff rufen, fürchtete jedoch, den Wahnsinnigen dadurch zu reizen. Schließlich zog ich den Vorhang zur Seite und bat ihn, sie doch auf das Bett zu legen. Er trat an das Bett und legte sie behutsam hin, aber er blieb bei ihr stehen, sah ihr mit Spannung ins Gesicht, und plötzlich beugte er sich über sie und küßte sie zweimal auf ihre bleichen Lippen. Oh, ich begriff endlich, daß dieser Mensch nicht mehr bei Sinnen war! – Plötzlich holte er mit dem Revolver aus, als wolle er sie erschlagen, besann sich aber, drehte den Revolver um und richtete ihn auf ihr Gesicht. Im Nu hatte ich seinen Arm zurückgerissen und schrie nach Trischatoff. Ich weiß noch, wie wir dann beide mit ihm rangen, aber es gelang ihm doch, den Revolver gegen sich selbst zu richten und abzudrücken. Er hatte zuerst sie und dann sich erschießen wollen. Daran wurde er von uns verhindert, und so drückte er die Mündung des Revolvers gegen sein eigenes Herz, aber ich konnte noch von unten gegen seine Hand schlagen, und die Kugel drang ihm in die Schulter. In dem Augenblick stürzte Tatjana Pawlowna mit einem Schrei ins Zimmer: doch da lag er schon bewußtlos auf dem Teppich, fast neben Lambert.