I.
Jetzt ist seit dieser Szene schon ein halbes Jahr vergangen; vieles ist seitdem geschehen, vieles hat sich ganz verändert, und für mich hat schon lange ein neues Leben begonnen ... Aber ich will dem Leser auch über den Ausgang Aufschluß geben.
Für mich wenigstens war sowohl damals wie noch lange nachher die wichtigste Frage: wie hatte Werssiloff sich mit einem Lambert verbünden können, und was für einen Zweck hatte er damit eigentlich verfolgt? Nach und nach bin ich zu folgender Erklärung gelangt: ich glaube, oder vielmehr ich bin überzeugt, daß Werssiloff in jenen Augenblicken, das heißt, an jenem letzten Tage und auch schon am Tage vorher, so gut wie überhaupt kein bestimmtes Ziel im Auge gehabt hat, und ich denke, er wird überhaupt nicht viel gedacht, sondern nur unter dem Einfluß eines Wirbelsturmes von Gefühlen gehandelt haben. Übrigens, daß es bei ihm ein wirklicher Wahnsinn gewesen sei, gebe ich in keinem Fall zu, um so weniger, als er auch jetzt nicht im geringsten irgendwie wahnsinnig ist. Aber den „Doppelgänger“ gebe ich unbedingt zu. Was ist nun eigentlich ein „Doppelgänger“? Nach dem Buch eines medizinischen Sachverständigen, das ich inzwischen gelesen habe, um mir darüber Klarheit zu verschaffen, versteht man unter einer Doppelgängeridee nichts anderes, als den ersten Grad einer gewissen Geistesstörung, die sogar recht schlimm enden kann. Nun, Werssiloff hatte uns ja schon selber, damals in jener Szene bei Mama, diese „Spaltung“ seiner Gefühle und seines Willens mit unheimlicher Aufrichtigkeit erklärt. Aber ich sage es noch einmal: wenn jene Szene bei Mama, die Zerschmetterung des Heiligenbildes, auch zweifellos unter dem Einfluß des „Doppelgängers“ vor sich gegangen war, so hat mir seitdem doch die ganze Zeit geschienen, daß seiner Handlung sich zugleich eine gewisse schadenfrohe Symbolik beigemischt habe: etwas wie ein Haß gegenüber den Erwartungen dieser Frauen, wie eine Wut auf ihre Rechte und ihre Richterschaft, – und da zerschmetterte er denn in Gemeinschaft mit seinem Doppelgänger dieses Heiligenbild! Es war, als hätte er damit sagen wollen: „Seht, so werden auch eure Erwartungen zerschmettert werden!“ Kurz, wenn es zum Teil auch der Doppelgänger war, so war es zum anderen Teil doch einfach Torheit ... Aber das ist schließlich nur meine Auslegung; und mit Sicherheit läßt sich so etwas wohl kaum deuten.
Es ist wahr, daß in ihm trotz seiner ganzen Vergötterung Katerina Nikolajewnas immer der aufrichtigste und tiefste Zweifel an ihrem sittlichen Werte wurzelte. Ich glaube bestimmt, daß er damals hinter der Tür nur auf ihre Erniedrigung vor Lambert gewartet hat. Aber wünschte er deshalb diese Erniedrigung, selbst wenn er auf sie wartete? Ich wiederhole: ich bin überzeugt, daß er nichts wünschte und nicht einmal zu denken vermochte. Er wollte nur dabei sein, irgendwo in der Nähe, um dann hervorzutreten, ihr etwas zu sagen, vielleicht – vielleicht sie auch zu beleidigen, und vielleicht sie sogar zu töten ... Alles konnte damals geschehen; nur wußte er, als er mit Lambert hinkam, noch nichts davon, was geschehen werde. Der Revolver gehörte Lambert, er selbst war ohne Waffen gekommen. Als er aber ihre stolze Würde sah, da ertrug er Lamberts schurkische Drohung nicht, stürzte ins Zimmer, und – dann verlor er den Verstand. Ob er sie wirklich erschießen wollte? Ich glaube, auch das wußte er nicht, aber er hätte sie bestimmt erschossen, wenn wir seinen Arm nicht weggerissen hätten.
Seine Wunde war nicht tödlich und heilte, aber er lag doch ziemlich lange danieder – natürlich bei Mama. Jetzt ist draußen schon Frühling, es ist Mitte Mai, und unsere Fenster stehen offen. Während ich dies schreibe, sitzt Mama bei ihm; er streichelt ihre Wangen, streichelt ihr Haar und sieht ihr gerührt in die Augen. Oh, das ist nur noch die Hälfte des früheren Werssiloff; von Mama trennt er sich überhaupt nicht mehr und wird auch nie wieder von ihr gehen. Ja, ihm ward sogar „die Gabe der Tränen zuteil“, wie der unvergeßliche Makar Iwanowitsch in seiner Erzählung von dem Kaufmann sich ausdrückte. Übrigens glaube ich, daß Werssiloff lange leben wird. Uns gegenüber ist er jetzt schlicht und aufrichtig wie ein Kind, ohne übrigens sein Maß und seine Zurückhaltung zu verlieren und viel Worte zu machen. Sein Verstand und sein ganzer sittlicher Aufbau sind ihm unverändert verblieben, nur daß alles, was an Idealem in ihm war, jetzt noch stärker hervortritt. Ich sage es gerade heraus: ich habe ihn noch nie so geliebt wie jetzt, und es tut mir leid, daß ich weder Zeit noch Gelegenheit habe, mehr von ihm zu sprechen. Übrigens will ich doch noch ein Erlebnis erzählen, das wir erst kürzlich mit ihm hatten (wir haben schon viele gehabt): Zu den großen Fasten war er schon vollständig genesen, und in der sechsten Woche sagte er plötzlich, er werde diesmal auch das Abendmahl nehmen. Das hatte er schon seit vielleicht dreißig Jahren, denke ich, nicht mehr getan. Mama war selig; es wurde sofort Fastenkost bereitet, aber natürlich eine ziemlich kostspielige und verfeinerte. Ich hörte im Nebenzimmer, wie er am Montag und Dienstag die Erlösungshymne vor sich hinsummte und sich an der Melodie und den Worten begeisterte. In diesen zwei Tagen sprach er ein paarmal sehr schön über Religion; aber schon am Mittwoch hörte das Fasten plötzlich auf. Irgend etwas hatte ihn gereizt, ein „komischer Widerspruch“, wie er sich lachend ausdrückte. Irgend etwas hatte ihm im Äußeren des Geistlichen oder am Gottesdienst nicht gefallen: und kaum war er nach Hause gekommen, da sagte er mit einem stillen Lächeln: „Meine Freunde, ich liebe Gott sehr, aber – dazu bin ich unfähig.“ Und noch an demselben Tage gab es zu Mittag Roastbeef. Aber ich weiß, daß Mama auch jetzt sich oft zu ihm setzt und mit leisem und stillem Lächeln manchmal von den abstraktesten Dingen mit ihm zu sprechen anfängt: jetzt wagt sie es plötzlich – wie das gekommen ist, weiß ich nicht. Sie setzt sich einfach neben ihn hin und spricht zu ihm, meist im Flüsterton. Er hört ihr lächelnd zu, streichelt sie, küßt ihre Hände, und aus seinem Gesicht leuchtet das vollkommenste Glück. Manchmal hat er auch Anfälle, die fast hysterisch sind. Er nimmt dann ihre Photographie, dieselbe, die er an jenem Abend küßte, betrachtet sie mit Tränen in den Augen, küßt sie, gedenkt vergangener Zeiten, ruft uns alle zu sich, aber spricht in solchen Augenblicken wenig ... Katerina Nikolajewna scheint er ganz vergessen zu haben; ihren Namen hat er nie wieder ausgesprochen. Auch von seiner Trauung mit Mama ist bei uns nicht mehr die Rede gewesen. Er sollte für den Sommer ins Ausland gebracht werden; aber Tatjana Pawlowna war sehr dagegen, und auch er hatte keine Lust. Den Sommer werden sie in einem Landhause in der Nähe von Petersburg verbringen. Übrigens leben wir vorläufig alle von Tatjana Pawlownas Mitteln. Eins möchte ich noch hinzufügen: es tut mir unsagbar leid, daß ich mir in diesen Aufzeichnungen oft erlaubt habe, von diesem Menschen unhöflich und von oben herab zu sprechen. Aber ich habe mir während des Schreibens mich selbst immer gar zu lebendig so vorgestellt, wie ich in dem Augenblick gewesen war, den ich gerade beschrieb. Doch als ich meine Aufzeichnungen beendet und die letzte Zeile niedergeschrieben hatte, fühlte ich plötzlich, daß ich mich selbst eben durch das nochmalige Durchleben der Erlebnisse, indem ich mir alles ins Gedächtnis zurückrief und mir vergegenwärtigte, und dann noch niederschrieb – daß ich mich eben dadurch zu einem anderen Menschen erzogen habe. Vieles von dem, was ich da geschrieben habe, möchte ich heute widerrufen und besonders den Ton mancher Zeilen und Seiten ändern, aber ich streiche nichts aus und verbessere nicht ein Wort.
Ich habe schon gesagt, daß er Katerina Nikolajewna überhaupt nicht mehr erwähnt hat; ja, ich glaube sogar, daß er vielleicht vollkommen geheilt ist. Nur Tatjana Pawlowna und ich sprechen manchmal von Katerina Nikolajewna, und auch wir tun es nur heimlich. Sie ist jetzt im Auslande; ich habe sie vor ihrer Abreise gesehen und bin mehrere Male bei ihr gewesen. Aus dem Auslande habe ich von ihr schon zwei Briefe erhalten und auch beantwortet. Doch über den Inhalt unserer Briefe und darüber, was wir vor ihrer Abreise, als wir Abschied nahmen, gesprochen haben, schweige ich: das ist schon eine ganz andere Geschichte, eine ganz neue Geschichte, eine, die sich vielleicht erst in der Zukunft verwirklichen wird. Sogar vor Tatjana Pawlowna verschweige ich noch manches. Doch – genug davon. Ich füge nur hinzu, daß Katerina Nikolajewna nicht verheiratet ist und mit Pelischtschoffs zusammen reist. Ihr Vater ist gestorben, und sie ist eine der reichsten Witwen. Augenblicklich weilt sie in Paris. Ihr Bruch mit Bjoring erfolgte schnell und ganz von selbst, das heißt, auf eine ganz natürliche Weise. Übrigens kann ich ja auch das noch erzählen.
An demselben Morgen, an dem es in Tatjana Pawlownas Wohnung zu jener schrecklichen Entladung kam, hatte der Pockennarbige – derselbe, zu dem Trischatoff und sein Freund übergegangen waren – Bjoring von Lamberts Anschlage gegen Katerina Nikolajewna noch rechtzeitig unterrichten können. Dazu war es folgendermaßen gekommen: Lambert hatte ihn, den Pockennarbigen, anfangs doch zur Teilnahme an dem Unternehmen überredet, und als er dann in den Besitz des Dokuments gelangt war, hatte er ihm alle Einzelheiten und im letzten Augenblick auch noch den Plan mitgeteilt, den Werssiloff entworfen hatte, um Tatjana Pawlowna aus ihrer Wohnung zu entfernen. Aber im entscheidenden Augenblick hatte der Pockennarbige doch vorgezogen, Lambert im Stiche zu lassen, da er vernünftiger war als sie alle und die Möglichkeit eines Totschlages voraussah. Doch der Hauptgrund seines Verrats war, daß er sich von Bjorings Dankbarkeit mehr versprach, als von dem phantastischen Vorhaben des unklugen Lambert, der sich nur zu oft hinreißen ließ, und des vor Leidenschaft fast schon wahnsinnigen Werssiloff. Das alles habe ich später von Trischatoff erfahren. Übrigens ist mir Lamberts Verhältnis zum Pockennarbigen noch immer etwas unverständlich, und ich begreife nicht, warum Lambert nicht ohne ihn auskommen konnte. Aber viel wichtiger ist für mich die Frage: wozu brauchte Lambert, nachdem er mir das Dokument schon entwendet hatte, noch Werssiloff? Die Antwort habe ich erst jetzt gefunden. Er brauchte Werssiloff nicht nur deshalb, weil dieser die Verhältnisse und Gelegenheiten so gut kannte, sondern hauptsächlich deshalb, weil er, Lambert, im Falle eines Fehlschlages die ganze Verantwortung auf Werssiloff abwälzen konnte. Und da Werssiloff doch kein Geld beanspruchte, so hielt Lambert seine Hilfe durchaus nicht für überflüssig. Aber Bjoring kam damals zu spät. Er erschien erst, als nach dem Schuß schon eine Stunde vergangen war und Tatjana Pawlownas Wohnung bereits ganz anders aussah. Denn: ungefähr fünf Minuten, nachdem Werssiloff blutüberströmt hingestürzt war, hatte sich Lambert, den wir für tot hielten, wieder aufgerichtet. Er hatte sich verwundert umgesehen, plötzlich alles begriffen, war langsam aufgestanden und in die Küche hinausgegangen, ohne ein Wort zu sagen; dort hatte er seinen Pelz angezogen, und dann war er für immer verschwunden. Das „Dokument“ hatte er auf dem Tisch liegen lassen. Ich hörte später, er sei nicht einmal krank gewesen, sondern habe sich nur eine Zeitlang wie benommen gefühlt: der Schlag mit dem Revolver hatte ihn betäubt und etwas Blut fließen lassen, ihm aber keine ernstere Verletzung zugefügt. Trischatoff war sogleich zum nächsten Arzt gelaufen; aber noch bevor der Arzt erschien, kam Werssiloff zu sich. Kurz vorher war auch Katerina Nikolajewna aus der Ohnmacht erwacht und von Tatjana Pawlowna bereits in ihren Wagen gesetzt worden, in dem diese sie nach Hause brachte. So traf denn Bjoring, als er in die Wohnung gelaufen kam, außer mir und dem Arzt nur den verwundeten Werssiloff und Mama an, der gleichfalls Trischatoff die Nachricht gebracht hatte, und die trotz ihrer Krankheit sogleich herbeigeeilt war, natürlich in großer Angst. Bjoring sah uns verständnislos an, und als er erfuhr, daß Katerina Nikolajewna die Wohnung schon verlassen hatte, begab er sich sofort zu ihr, ohne mit uns auch nur ein Wort zu wechseln.
Er sah wie vor den Kopf geschlagen aus; er wird sich wohl gesagt haben, daß ein Skandal oder wenigstens ein Gerede jetzt unvermeidlich war. Aber zu einem großen Skandal kam es doch nicht, es verbreiteten sich nur einige Gerüchte. Den Schuß hatte man zwar nicht vertuschen können, aber der Zusammenhang der ganzen Geschichte blieb doch so gut wie unbekannt. Die Nachforschungen ergaben nur folgendes: ein gewisser W., ein fast fünfzigjähriger Familienvater, hätte einer hochachtbaren Dame, die er leidenschaftlich liebte, doch die seine Gefühle gar nicht erwiderte, eine Liebeserklärung gemacht, und dann in einem Augenblick der Leidenschaft auf sich selbst geschossen. Weiter drang nichts in die Öffentlichkeit, und in dieser Gestalt kam der Vorfall denn auch als Gerücht in die Zeitungen, nur unter Angabe der Anfangsbuchstaben der Namen. Wenigstens hat man, soviel ich weiß, nicht einmal Lambert mit irgend einem Verdacht beunruhigt. Aber Bjoring, der die Wahrheit kannte, erschrak nichtsdestoweniger. Und gerade damals mußte er, als wäre es vom Schicksal gewollt, von Katerina Nikolajewnas Zusammenkunft mit dem in sie verliebten Werssiloff erfahren, die zwei Tage vor der Katastrophe stattgefunden hatte. Das machte ihn stutzig, und er ließ sich unvorsichtigerweise Katerina Nikolajewna gegenüber zu der Bemerkung hinreißen, er wundere sich nach alledem nicht mehr, daß ihr so eigentümliche Geschichten widerfahren konnten. Katerina Nikolajewna gab ihm daraufhin sofort sein Wort zurück, ohne Zorn, aber auch ohne zu zögern. Ihre vorgefaßte Meinung, eine Vernunftehe mit diesem Menschen würde für sie das Geeignetste sein, war wie Rauch verflogen. Vielleicht hatte sie ihn schon lange vorher durchschaut; aber es ist auch möglich, daß manche ihrer Anschauungen und Gefühle nach der erlittenen Erschütterung plötzlich umschlugen. Doch ich schweige schon, ich schweige schon! Im übrigen habe ich nur noch zu bemerken, daß Lambert bald darauf nach Moskau verschwand; dort soll er, wie ich gehört habe, bei einem ähnlichen Erpressungsversuch der Polizei ins Garn gegangen sein.
Trischatoff habe ich schon lange, fast schon seit diesen letzten Begebenheiten, aus den Augen verloren, und wie sehr ich mich auch gemüht habe, ihn zu finden, es ist mir nicht gelungen. Er verschwand nach dem Tode seines Freundes, des „grand dadais“: dieser hat sich erschossen.
II.
Ich erwähnte auch schon den Tod des alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch. Der gute und sympathische alte Herr starb bald nach jenen Ereignissen – übrigens doch erst einen ganzen Monat später – er starb in der Nacht, in seinem Bett, an einem Gehirnschlag. Ich habe ihn seit dem Tage, den er in meiner Wohnung verbrachte, nicht wiedergesehen. Man hat mir von ihm nur erzählt, er sei diesen letzten Monat viel vernünftiger gewesen, viel beherrschter, er habe sich nicht mehr gefürchtet und habe nicht mehr geweint und in dieser ganzen Zeit nicht ein einziges Mal ein Wort von Anna Andrejewna gesprochen. Seine ganze Liebe hatte sich seiner Tochter zugewandt. Katerina Nikolajewna hat ihm einmal, eine Woche vor seinem Tode, den Vorschlag gemacht, mich zu seiner Zerstreuung rufen zu lassen, aber das soll ihn geradezu gekränkt haben: diese Tatsache teile ich ohne alle Erklärungen mit. Nach seinem Tode zeigte sich, daß sein Landbesitz in bester Ordnung war, und außerdem hinterließ er ein sehr bedeutendes Barvermögen. Ein Drittel dieses Vermögens wurde, nach einer Bestimmung des alten Herrn, unter seine zahllosen Patentöchter verteilt; aber sehr sonderbar erschien es allen, daß Anna Andrejewna in seinem Testament überhaupt nicht erwähnt war: ihr Name war einfach übergangen. Mir ist indessen folgende verbürgte Tatsache bekannt: einige Tage vor dem Tode hatte der alte Herr seine Tochter und seine Freunde, Herrn Pelischtschoff und den Fürsten W., zu sich gerufen und in ihrer Gegenwart Katerina Nikolajewna befohlen, im Falle seines Todes, von dem hinterlassenen Vermögen Anna Andrejewna sechzigtausend Rubel auszuzahlen. Seinen Willen drückte er klar und einfach aus, ohne jede Gefühlsäußerung oder nähere Erklärung. Nach seinem Tode, als die ganzen Angelegenheiten geordnet waren, ließ dann Katerina Nikolajewna durch ihren Bevollmächtigten Anna Andrejewna benachrichtigen, daß sie die sechzigtausend zu jeder Zeit abheben könne; aber Anna Andrejewna lehnte trocken und ohne überflüssige Worte das Angebot ab: sie weigerte sich, das Geld anzunehmen, trotz aller Versicherungen, daß dieses Vermächtnis tatsächlich der letzte Wille des Fürsten gewesen sei. Das Geld liegt noch heute da und wartet auf sie, und Katerina Nikolajewna hofft immer noch, daß sie ihren Entschluß ändern werde; aber das wird nicht geschehen, das weiß ich genau, denn ich bin jetzt einer der nächsten Freunde und Bekannten Anna Andrejewnas. Ihre Ablehnung erregte ein gewisses Aufsehen, und es ist viel davon gesprochen worden. Ihre Tante, Madame Fanariotoff, die wegen jenes Skandals mit dem alten Fürsten sehr böse auf sie war, änderte plötzlich nach der Zurückweisung des Geldes ihr Verhalten zu Anna Andrejewna und versicherte sie ihrer Hochachtung. Ihr Bruder dagegen hat sich mit ihr deswegen endgültig überworfen. Ich besuche Anna Andrejewna sehr oft, aber ich will damit nicht sagen, daß ich mit ihr sehr vertraulich stünde; die alten Geschichten erwähnen wir überhaupt nicht; sie empfängt mich sehr gern bei sich, doch unsere Unterhaltung dreht sich fast nur um abstrakte Dinge. Übrigens hat sie mir ruhig und sicher erklärt, daß sie unbedingt ins Kloster gehen werde; es war das vor nicht langer Zeit, aber ich will es ihr noch nicht glauben und halte die Äußerung einer solchen Absicht vorläufig nur für ein schmerzliches Wort.
Aber ein schmerzliches, ein wahrhaft schmerzliches Wort habe ich noch über meine Schwester Lisa zu sagen. Ja, hier – hier ist das Leben wirklich zum Unglück geworden, und was sind alle meine Mißerfolge im Vergleich zu ihrem harten Schicksal! Es fing damit an, daß der Fürst Ssergei Petrowitsch nicht genas und, noch bevor seine Sache zur Verhandlung kam, im Lazarett starb. Er starb noch vor dem Fürsten Nikolai Iwanowitsch. Lisa blieb mit ihrem zukünftigen Kinde allein zurück. Sie weinte nicht und war äußerlich ganz ruhig, ja, sie wurde sanft und still; die frühere Glut ihres Herzens war plötzlich irgendwo in den Tiefen ihres Wesens begraben. Sie half freundlich Mama, pflegte den kranken Andrei Petrowitsch, aber sonst war sie schweigsam und sah keinen Menschen und keine Sache an. Es war, als wäre ihr alles gleichgültig, als ginge sie an allem nur so vorüber. Als es Werssiloff allmählich besser ging, begann sie viel zu schlafen. Ich brachte ihr Bücher, aber sie las sie nicht. Zu gleicher Zeit magerte sie furchtbar ab. Ich wagte nicht, ihr Trost zuzusprechen, obgleich ich oft mit dieser Absicht zu ihr kam; aber in ihrer Gegenwart konnte ich die Worte nicht finden, um an sie heranzukommen. So ging das weiter, bis der Unglücksfall kam: sie fiel von der Treppe, nicht hoch, im ganzen nur drei Stufen, aber sie kam vor der Zeit nieder, und ihre Krankheit zog sich den ganzen Winter hin. Jetzt hat sie das Bett bereits verlassen, aber ihre Gesundheit ist wohl für immer untergraben. Zu uns verhält sie sich wie früher, ist schweigsam und vergrübelt; mit Mama hat sie wohl ein wenig zu sprechen begonnen. Alle diese Tage hat die Frühlingssonne hoch und hell am Himmel gestanden, und ich mußte immer wieder an jenen sonnigen Morgen denken, im vergangenen Herbst, als ich mit ihr auf der Straße ging, und wie wir beide voll Freude waren und Hoffnung, und voll Liebe zueinander. Was ist aus uns geworden? Ich klage nicht; ich darf es auch nicht: für mich hat ein neues Leben begonnen; aber sie? Ihre Zukunft ist mir ein Rätsel, und ich kann an sie nicht denken, ohne tiefen Schmerz zu empfinden.
Aber vor ungefähr drei Wochen gelang es mir doch einmal, sie durch eine Mitteilung über Wassin aufzurütteln. Er war aus der Haft entlassen und endgültig freigesprochen worden. Man sagt, dieser vernünftige Mensch habe die genauesten Erklärungen gegeben und überaus wichtige Mitteilungen gemacht, die ihn in den Augen derjenigen, von denen sein Schicksal abhing, vollkommen gerechtfertigt hatten. Und selbst sein vielbesprochenes Manuskript war, wie sich zeigte, nur eine Übersetzung aus dem Französischen, nur Material gewesen, das er ausschließlich für sich gesammelt hatte, in der Absicht, später einmal eine Kritik darüber zu schreiben, in der Form eines Aufsatzes für eine Zeitschrift. Er hat sich jetzt in das Gouvernement H. begeben. Sein Stiefvater Stebelkoff sitzt dagegen noch immer in Untersuchungshaft wegen seines Vergehens, das, je mehr man der Sache nachgeht, desto verwickelter wird. Lisa hörte meine Mitteilungen über Wassin mit einem sonderbaren Lächeln an und bemerkte schließlich, daß es ihm auch gar nicht anders hätte ergehen können. Aber sie war doch sichtlich befriedigt, – natürlich nur deshalb, weil die Anzeige des verstorbenen Fürsten Ssergei Petrowitsch Wassin nicht ernstlich geschadet hatte. Von Dergatschoff und den anderen wüßte ich nichts weiter mitzuteilen.
Ich habe meine Aufzeichnungen abgeschlossen. Vielleicht möchte der eine oder andere Leser noch wissen: wo denn nun meine „Idee“ geblieben sei, und was es denn für eine Bewandtnis mit diesem neuen Leben hat, das jetzt für mich beginnt, und das ich so geheimnisvoll andeute? Aber dieses neue Leben, dieser neue Weg, der sich vor mir aufgetan hat – ist ja eben meine „Idee“, dieselbe, die ich früher hatte, nur in einer so anderen Gestalt, daß sie kaum wiederzuerkennen ist. Doch in meine „Aufzeichnungen“ paßt das schon nicht mehr hinein, eben weil es etwas ganz anderes ist. Das alte Leben liegt schon weit hinter mir, und das neue beginnt erst kaum. Aber eins muß ich doch unbedingt erwähnen: Tatjana Pawlowna, mein aufrichtiger und lieber Freund, redet mir fast jeden Tag zu, unbedingt und sobald wie nur möglich die Universität zu beziehen: „Nachher, wenn du dein Studium beendet hast, dann kannst du dir ja Ideen ausdenken, so viel du willst, jetzt aber lerne erst mal zu Ende.“ Ich muß gestehen, ich habe über ihren Vorschlag schon des öfteren nachgedacht, aber ich weiß wirklich noch nicht, wozu ich mich entschließen werde. Unter anderem habe ich eingewendet, ich hätte jetzt nicht einmal mehr das Recht zu studieren, da ich arbeiten müsse, um Mama und Lisa zu ernähren; aber sie bietet mir die Mittel zum Studium von ihrem Gelde an und versichert, es werde für die ganze Zeit meines Studiums ausreichen. So entschloß ich mich denn endlich, einen Menschen um Rat zu fragen. Ich suchte unter meinen Bekannten und traf dann nach sorgfältiger und kritischer Überlegung meine Wahl: sie fiel auf – Nikolai Ssemjonowitsch, meinen einstigen Erzieher in Moskau, Marja Iwanownas Mann. Ich wählte ihn nicht deshalb, weil ich so sehr eines fremden Rates bedurft hätte, sondern weil ich einfach den unbezwingbaren Wunsch hatte, die Meinung gerade dieses vollkommen unbeteiligten Menschen zu hören, der ein etwas kühler Egoist, jedoch zweifellos ein sehr kluger Kopf ist. Ich schickte ihm mein ganzes Manuskript, mit der Bitte um Verschwiegenheit, da ich es noch keinem Menschen gezeigt hatte, namentlich Tatjana Pawlowna nicht. Mein Manuskript erhielt ich von ihm nach zwei Wochen zurück und er schrieb mir dazu einen ziemlich langen Brief ... Aus diesem Brief will ich nun einige Auszüge hier anhängen, da ich in ihnen eine gewisse allgemeine Anschauung und gleichsam etwas Erklärendes finde. Es sind diese Sätze:
III.
„... Und niemals hätten Sie, mein unvergeßlicher Arkadi Makarowitsch, Ihre zeitweilige Muße nützlicher verwenden können, als Sie es getan haben, indem Sie diese Ihre ‚Aufzeichnungen‘ schrieben! Sie haben sich sozusagen bewußt Rechenschaft gegeben über ihre ersten ungestümen und gewagten Schritte ins Leben. Ich bin überzeugt, daß Sie sich durch diese Darlegung in der Tat in vieler Hinsicht ‚zu einem anderen Menschen‘ haben erziehen können, wie Sie sich selbst ausdrücken. Kritische Bemerkungen, im eigentlichen Sinne des Wortes, werde ich mir selbstredend nicht erlauben, obgleich man sich bei jeder Seite seine Gedanken machen kann ... wie zum Beispiel über den Umstand, daß Sie dieses ‚Dokument‘ so lange und so hartnäckig bei sich behalten haben, was mir im höchsten Grade charakteristisch zu sein scheint ... Aber das ist von hunderten nur eine Bemerkung, die ich mir hier zu machen erlaube. Ich weiß auch sehr zu schätzen, daß Sie mir, und wie es scheint, mir allein das ‚Geheimnis Ihrer Idee‘ anvertraut haben. Ihre Bitte jedoch, mich besonders zu dieser Ihrer ‚Idee‘ zu äußern, muß ich Ihnen abschlagen; denn erstens würde das über den Rahmen eines Briefes hinausgehen, und zweitens – ich bin noch nicht imstande, darauf zu antworten, ich muß alles erst selbst verarbeiten. Ich will nur bemerken, daß Ihre ‚Idee‘ sich durch Eigenart auszeichnet, während die Jugend von heute sich in der Mehrzahl nicht auf selbsterfundene Ideen einstellt, sondern auf fertig vorgefundene, von denen es wohl nichts weniger als eine große Auswahl gibt, ganz abgesehen davon, daß sie häufig recht gefährlich sind. Ihre Idee hat Sie wenigstens zeitweilig vor den Ideen der Herren Dergatschoff und Konsorten bewahrt, die fraglos bei weitem nicht so originell sind wie Ihre Idee. Und schließlich pflichte ich durchaus der hochverehrten Tatjana Pawlowna bei, die ich zwar persönlich gekannt, bisher jedoch nicht in dem Maße zu schätzen verstanden habe, wie sie es verdient: ihr Wunsch, daß Sie die Universität beziehen, hat für Sie das Beste im Auge. Die Wissenschaft und das Leben werden in den drei bis vier Jahren die Horizonte Ihrer Gedanken und Bestrebungen zweifellos bedeutend erweitern, und sollten Sie nach beendetem Studium sich wieder Ihrer ‚Idee‘ zuwenden wollen, so wird Ihnen nichts im Wege stehen.
Und jetzt erlauben Sie, daß ich Ihnen von mir aus ganz offen und sogar ungebeten einige Gedanken und Eindrücke mitteile, die mir während der Lektüre Ihrer so offenherzigen Aufzeichnungen in den Sinn gekommen sind und mein Herz bewegt haben.
Ja, ich stimme mit Andrei Petrowitsch darin vollkommen überein, daß man für Sie und Ihre einsame Jugend in der Tat Angst haben konnte. Und solcher Jünglinge wie Sie gibt es unter unserer heranwachsenden Jugend nicht wenige, und ihre Fähigkeiten drohen in der Tat immer, sich zum Schlechteren zu entwickeln – sei es zu kriechendem Strebertum oder zum heimlichen Verlangen nach Unordnung in Leben und Staat. Aber dieses Verlangen nach Unordnung entspringt vielleicht in den meisten Fällen einer geheimen Sehnsucht nach Ordnung und ‚Vornehmheit‘ (ich gebrauche Ihren Ausdruck)! Die Jugend ist schon darum rein, weil sie Jugend ist. Vielleicht sind diese so frühen Ausbrüche der Unvernunft eben nur Ausbrüche der Sehnsucht nach Ordnung und ein Suchen der Wahrheit; aber, ja, wer ist denn schuld daran, daß manche jungen Menschen von heute diese Wahrheit und diese Ordnung in so dummen und lächerlichen Utopien zu sehen glauben, daß man gar nicht begreift, wie sie auf so etwas überhaupt hereinfallen können! Ich will hier gleich bemerken, daß man früher, in der Vergangenheit, die unmittelbar hinter uns liegt, im Zeitalter der vorigen Generation, diese merkwürdigen jungen Leute gar nicht so sehr zu bedauern brauchte, denn damals endeten sie fast immer damit, daß sie sich in ihrem weiteren Leben unserer höheren Kulturschicht anschlossen und mit ihr zu einem Ganzen verschmolzen. Und wenn sie im Anfang ihres Weges auch die ganze Ordnungslosigkeit und Zufälligkeit ihrer Existenz erkannten, das Fehlen alles Schönen, zum Beispiel in ihrem Familienleben, das Fehlen jeglicher Familienüberlieferung und guter vollendeter Lebensformen, so war das ja um so besser, denn eben diese Erkenntnis lehrte sie, das Fehlende ganz bewußt zu suchen, darum zu ringen und es zu schätzen. Heute verhält es sich anders – eben weil nichts vorhanden ist, an das man sich anschließen könnte.
Ich möchte das durch ein Beispiel noch klarer machen. Wenn ich ein russischer Romancier wäre und Talent hätte, so würde ich meine Helden unbedingt aus dem russischen alten Adel wählen, denn nur an diesem einen Stande russischer Kulturmenschen ist es für einen die Wirklichkeit darstellenden Dichter möglich, wenigstens den Schein einer schönen Ordnung zu zeigen und den schönen Eindruck zu erzielen, der in einem Roman zur ästhetischen Wirkung auf den Leser unbedingt erforderlich ist. Indem ich das sage, scherze ich durchaus nicht, obgleich ich selbst nichts weniger als ein Adliger bin, was Ihnen ja bekannt ist. Schon Puschkin hat sich die Stoffe für seine geplanten Romane in den ‚Überlieferungen der russischen Familie‘ angemerkt, und glauben Sie mir, in diesen findet sich tatsächlich alles, was es bisher an Schönem bei uns überhaupt gegeben hat. Jedenfalls enthalten sie alles, was wir an wenigstens einigermaßen Abgeschlossenem hervorgebracht haben. Ich sage das nicht deshalb, weil ich etwa von der Richtigkeit und Wahrheit dieser Schönheit unbedingt überzeugt wäre; aber es läßt sich doch nicht leugnen, daß es in der Kaste unseres Geburtsadels schon abgeschlossene Formen für Ehre und Pflicht gegeben hat, die es außer beim Adel in ganz Rußland nicht nur nicht in abgeschlossener Form, sondern nicht einmal im Anfangszustande gibt. Ich spreche das als ein ruhiger Mensch aus, der nach Ruhe strebt.
Ob nun diese Form der ‚Ehre‘ an sich gut und diese Auffassung der ‚Pflicht‘ richtig ist – das ist eine andere Frage; wichtiger ist für mich eben die Abgeschlossenheit, die Vollendung der Formen und somit wenigstens irgendeine Art von Ordnung, und zwar nicht eine von außen her vorgeschriebene, sondern eine aus uns selbst heraus entwickelte. Mein Gott, das ist ja für uns eben das wichtigste: gleichviel was für eine Ordnung, wenn es nur endlich einmal eine selbstgeschaffene Ordnung ist! Und so etwas zu sehen, gab uns Hoffnung und war, man kann wohl sagen, eine Erholung fürs Auge: es war doch endlich etwas anderes, war nicht ewig dieses Zerstören, nicht ewig umherfliegende Splitter, nicht Schutt und Unrat, aus denen bei uns nun schon seit zweihundert Jahren noch immer nichts hervorgehen will.
Werfen Sie mir nicht Slawophilismus vor; ich sage das nur so, aus Misanthropie, weil mein Herz bedrückt ist! Denn jetzt, seit kurzer Zeit, geht bei uns etwas vor, was dem oben geschilderten vollkommen entgegengesetzt ist. Es ist nicht mehr der Nachschub von unten, der sich an die höhere Menschenschicht anschließt und mit ihr zusammenwächst, sondern umgekehrt, von der schönen und feststehenden Schicht bröckeln mit fröhlicher Eilfertigkeit Stückchen und Klümpchen ab und scharen sich in einen Haufen mit den Vertretern der Unordnung und des Neides. Es ist schon längst kein Ausnahmefall, daß die Väter und Familienhäupter alter Kulturgeschlechter heute selbst darüber lachen, woran ihre Kinder vielleicht noch glauben wollen. Und nicht nur das: sie zeigen ihren Kindern sogar mit Vergnügen ihre gierige Freude an dem plötzlichen Recht auf Ehrlosigkeit, das dieser ganze Haufen auf einmal irgendwoher erhalten zu haben glaubt. Ich rede hier nicht von den wahren Fortschrittlern, mein lieber Arkadi Makarowitsch, sondern bloß von jenem Gesindel, das so überraschend zahlreich ist, und von dem es heißt: grattez le russe et vous verrez le tartare.[139] Glauben Sie mir, wirkliche Freiheitler, wahrhafte und großherzige Menschenfreunde sind bei uns durchaus nicht so zahlreich, wie wir hin und wieder geglaubt haben.
Aber das ist ja alles Philosophie; kehren wir zu unserem Romancier zurück. Seine Lage wäre unter diesen Umständen eine vollkommen bestimmte: er könnte in keiner anderen Form als in der historischen schreiben, denn in unserer Zeit gibt es keinen schönen Typus mehr, und wenn sich auch Reste von ihm erhalten haben, so haben sie doch nach der heute herrschenden Ansicht ihre Schönheit schon eingebüßt. Oh, auch in der historischen Form läßt sich noch eine Menge sehr gefälliger und erfreulicher Einzelheiten schildern! Man kann den Leser sogar so weit mit sich fortreißen, daß er das historische Bild noch in der Gegenwart für möglich hält.
Aber ein solches Werk, von einem begnadeten Künstler geschrieben, würde weniger der russischen Literatur als der russischen Geschichte angehören. Es wäre ein künstlerisch vollendetes Bild der russischen Fata Morgana, die allerdings so lange Wirklichkeit sein wird, bis man dahinterkommt, daß sie eben nur noch eine Fata Morgana ist. Aber der heute lebende Enkel der Typen jenes Bildes, das die russische Familie der höheren Kulturschicht im Verlauf von drei Menschenaltern und in engster Verbindung mit der russischen Geschichte darstellt – dieser Enkel jener Typen könnte in seinem gegenwärtigen Typ, wenn er wahrheitsgetreu sein soll, nicht mehr anders dargestellt werden, als in einer etwas misanthropischen, einsamen und fraglos traurigen Gestalt. Er muß sogar als eine Art Sonderling erscheinen, den der Leser auf den ersten Blick als das zu erkennen vermag, was er ist: als einen, der das Feld geräumt hat, und dem man es ansieht, daß der Sieg nicht ihm verblieben ist. Über ein Kleines – wird auch dieser Enkel und Misanthrop verschwunden sein; neue Gestalten werden auftauchen, uns noch unbekannte Gesichter, und eine neue Fata Morgana; aber was werden das für Gestalten sein? Wenn sie unschön sind, so ist ein weiterer russischer Roman unmöglich. Doch wehe uns! – wird dann der Roman allein unmöglich sein?
Aber wozu so weit vorausgehen, ich komme lieber auf Ihr Manuskript zurück. Betrachten Sie zum Beispiel die beiden Familien des Herrn Werssiloff (diesmal erlauben Sie mir schon, vollkommen aufrichtig zu sein). Da ist er zunächst selbst, Andrei Petrowitsch, – doch über ihn will ich mich nicht weiter äußern. Immerhin gehört er zu den Familienhäuptern. Er ist ein Edelmann aus altem, vornehmem Geschlecht und gleichzeitig – ein Pariser Kommunard. Er ist ein echter Dichter und liebt Rußland, doch dafür verneint er es auch vollständig. Er ist ohne jede Religion, aber er ist beinahe bereit, in den Tod zu gehen – für etwas Unbestimmtes, das er selbst nicht zu nennen vermag, woran er jedoch leidenschaftlich glaubt, gleich einer Menge russisch-europäischer Zivilisatoren aus der Petersburger Ära der russischen Geschichte. Doch genug von ihm selbst! Aber da ist nun seine rechtmäßige Familie: von seinem Sohn will ich weiter nicht sprechen: er ist ja dieser Ehre gar nicht wert! Wer Augen hat, zu sehen, der weiß schon im voraus, was aus solchen Tagedieben bei uns wird, und wohin sie gelegentlich auch andere mitziehen. Aber da ist seine Tochter Anna Andrejewna – wer könnte der wohl Charakter absprechen? Eine Persönlichkeit vom Schlage unserer berühmten Äbtissin Mitrofania – doch selbstredend soll damit nicht gesagt sein, daß sie auch deren Verbrechen begehen könnte, was von mir ungerecht wäre. Wenn Sie, Arkadi Makarowitsch, mir jetzt sagten, diese Familie sei eine einzelne Erscheinung – ich würde froh aufatmen. Aber ist nicht umgekehrt der Schluß richtiger, daß schon eine Menge von solchen unzweifelhaft altadligen russischen Familien mit unaufhaltsamer Gewalt zu zufälligen Familien geworden sind, daß sie sich in Massen mit den tatsächlich zufälligen zu gemeinsamer Unordnung und gemeinsamem Chaos vermischen? Den Typ einer solchen zufälligen Familie zeigen zum Teil auch Sie in Ihren Aufzeichnungen. Ja, Arkadi Makarowitsch, Sie sind ein Glied einer zufälligen Familie, im Gegensatz zu den bei uns noch vor kurzem vorherrschenden Typen aus altem Stamm, die eine so anders geartete Kindheit und Jugend hatten, als Sie.
Ich muß bekennen, ich möchte nicht der Schilderer eines Helden aus einer zufälligen Familie sein!
Es ist eine undankbare Arbeit, ohne die Möglichkeit schöner Formung. Auch sind diese Typen in jedem Falle noch erst in der Bildung begriffen und können darum noch gar nicht künstlerisch abgeschlossen sein. Es sind wichtige Fehler möglich, Übertreibungen und Verkennungen. Andererseits muß manches völlig ungesehen bleiben. Jedenfalls wäre man dabei gar zu oft auf ein bloßes Erraten angewiesen. Aber was soll schließlich ein Schriftsteller tun, der nicht nur als Historiker schreiben will, und der von der Sorge um das Gegenwärtige befallen ist? Es verbleibt ihm nichts als – hin- und herraten und ... sich irren.
Aber solche Aufzeichnungen wie die Ihren könnten, glaube ich, als Material für ein späteres Kunstwerk dienen, für ein künftiges Bild einer unordentlichen, halb schon vergangenen Epoche. Oh, wenn die Zeit dieser brennenden Tagesfrage vergangen sein wird und die Zukunft anbricht, dann wird ein künftiger Künstler für die Darstellung selbst der vergangenen Unordnung und des Chaos schon schöne Formen finden. Und dann werden solche ‚Aufzeichnungen‘ wie die Ihren zustatten kommen und als Material verwendet werden können – wenn sie nur aufrichtig sind, mögen sie dabei auch noch so chaotisch und zufällig sein ... Es werden sich wenigstens einige richtige Züge erhalten, aus denen man wird erraten können, was sich in der Seele manch eines Jünglings jener unruhigen Zeit verborgen hat – eine Ermittelung, die nicht ganz unnütz sein dürfte, denn aus den Jünglingen wachsen die Generationen ...“