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Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 17: II.
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About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Zweites Kapitel.

I.

An diesem neunzehnten September sollte ich mein erstes Gehalt für den ersten Monat Dienst in meiner Petersburger „privaten“ Anstellung erhalten. Wegen dieser Anstellung hatte man mich überhaupt nicht gefragt, sondern mich einfach hingeschickt, wenn ich nicht irre, sogar schon am Tage meiner Ankunft. Das war beinahe eine Roheit von ihnen, und es wäre eigentlich meine Pflicht gewesen, dagegen zu protestieren. Es handelte sich um eine Anstellung im Hause des alten Fürsten Ssokolski. Doch so schon am ersten Tage zu protestieren, – wäre gleichbedeutend gewesen mit einem sofortigen Bruch, der mich zwar durchaus nicht abschreckte, doch hätte er mich von der Verfolgung meines Zieles abgelenkt, und somit wäre der Zweck meiner Reise vorläufig oder auch auf längere Zeit, wenn nicht gar für immer ein problematischer geblieben. Deshalb nahm ich denn die Stelle an, ohne dazu ein Wort zu sagen, um auf diese Weise meine Würde durch Schweigen zu wahren. Zur Erklärung will ich hier gleich bemerken, daß dieser alte Fürst Ssokolski, ein reicher Mann und Geheimrat, mit jenen Moskauer Fürsten Ssokolski, die schon seit mehreren Generationen verarmt sind und gegen die Werssiloff damals gerade seinen Prozeß führte, nicht einmal entfernt verwandt ist. Sie haben nur zufällig denselben Namen. Nichtsdestoweniger interessierte sich der alte Fürst sehr für sie, und namentlich der ältere von den zwei Brüdern und der älteste ihres Geschlechts – ein junger Offizier – galt geradezu für seinen Liebling. Werssiloff hatte auf diesen alten Fürsten vor noch gar nicht so langer Zeit mächtigen Einfluß gehabt und war sein Freund gewesen – ein etwas sonderbarer Freund; denn wie ich bemerkte, fürchtete ihn der arme Fürst nicht nur zu jener Zeit, als ich in seinen Dienst trat, sondern offenbar schon von jeher, seitdem er überhaupt mit ihm befreundet war. Übrigens hatten sie sich lange nicht mehr gesehen: das ehrlose Verhalten, das man Werssiloff zum Vorwurf machte, ging nämlich unmittelbar die Familie des alten Fürsten an. Doch da griff Tatjana Pawlowna in die Angelegenheit ein, und durch ihre Vermittlung wurde ich dann bei dem alten Fürsten untergebracht, der einen „jungen Mann“ in seinem Kabinett, also so etwas wie einen Privatsekretär zu haben wünschte. Bei der Gelegenheit zeigte sich, daß es sein größter Wunsch war, Werssiloff irgendwie einen Dienst zu erweisen, also gewissermaßen den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun, und Werssiloff erlaubte es ihm, d. h. er ließ es ruhig geschehen. Dieses Arrangement traf der Fürst in Abwesenheit seiner Tochter, der Witwe eines Generals, die diesen Schritt ganz entschieden nicht zugelassen hätte. Doch davon später; hier will ich nur bemerken, daß mich gerade dieses seltsame Verhalten des Fürsten zu Werssiloff stutzig machte, und zwar in dem Sinne, daß es mir zugunsten Werssiloffs zu sprechen schien: ich sagte mir, wenn das Haupt der beleidigten Familie Werssiloff immer noch achtet, so können doch die Gerüchte von jener angeblichen Gemeinheit nicht auf Wahrheit beruhen oder zum mindesten doch nicht ganz dem Vorgefallenen entsprechen. Dieses rätselhafte Verhalten des Fürsten war denn zum Teil auch der Grund, weshalb ich mich nicht gegen das Ansinnen auflehnte: ich hoffte, vielleicht auf diesem Wege hinter das Geheimnis kommen zu können.

Diese Tatjana Pawlowna, das „Tantchen“, von dem ich bereits gesprochen habe, spielte zu jener Zeit in ihrem Petersburger Bekanntenkreise eine sehr bedeutsame Rolle. Ich hatte ihre Existenz fast schon ganz vergessen und hätte natürlich nie im Leben vermutet oder für möglich gehalten, daß sie eine so einflußreiche Persönlichkeit sein könnte. Ich hatte sie bis dahin drei- oder viermal gesehen, und jedesmal war sie dann Gott weiß woher wie auf jemandes Befehl erschienen, jedesmal, wenn ich wieder irgendwo untergebracht werden sollte – sowohl als ich in jene elende Pension des Monsieur Touchard kam, wie auch zweieinhalb Jahre später bei meinem Eintritt ins Gymnasium: da erschien sie wieder in Moskau, um mich bei dem unvergeßlichen Nikolai Ssemjonowitsch unterzubringen. Wenn sie kam, blieb sie den ganzen Tag bei mir, revidierte meine Wäsche, meine Kleider, fuhr mit mir nach dem Kusnetzki,[4] kaufte mir alle Sachen, die ich nötig hatte, kurz, sie versah mich mit allem, bis zum letzten Löschblatt und Federmesser. Bei der Gelegenheit schalt sie mich die ganze Zeit ununterbrochen, machte mir Vorwürfe, examinierte mich und nannte mir fortwährend andere Knaben als Muster aller Tugenden, obwohl ich doch diese ihre jungen Anverwandten, die alle viel besser sein sollten als ich, gar nicht kannte, und dabei puffte und kniff sie mich bei jeder Gelegenheit – wirklich, ich lüge nicht – und mitunter sogar so stark, daß es ordentlich weh tat. Und war ich dann eingekleidet, untergebracht und versorgt, dann verschwand sie wieder spurlos für mehrere Jahre. Ähnlich geschah es auch diesmal: kaum war ich angekommen, da tauchte sie schon auf, um mich sogleich wieder irgendwo „unterzubringen“. Sie ist ein hageres Persönchen mit einer spitzen, kleinen Vogelnase und scharfen, kleinen Vogelaugen. Werssiloff diente sie wie eine Sklavin, und erwies ihm eine Ehrerbietung, als wäre er der Papst, doch tat sie es aus Überzeugung. Aber zu meiner größten Verwunderung bemerkte ich bald, daß sie entschieden von allen und überall sehr geachtet wurde, und alle Welt mit ihr bekannt war. Der alte Fürst Ssokolski begegnete ihr mit geradezu auffallender Hochachtung, und dasselbe ließ sich von seinem ganzen Hause sagen, wie auch von Werssiloffs stolzen legitimen Kindern und deren Verwandten, den Fanariotoffs, – und dabei lebte sie von Näharbeit und der Reinigung kostbarer Spitzen und von Stickereien, die sie im Auftrage von verschiedenen Geschäften anfertigte. Ich aber geriet mit ihr schon bei den ersten Worten in Streit, da sie es sich einfallen ließ, mich wie früher als kleinen Schulbengel zu behandeln. Und seitdem gab es jeden Tag Streit zwischen uns, was jedoch nicht hinderte, daß wir uns bisweilen auch verständig unterhielten, und ich muß gestehen, gegen Ende des Monats fand ich schon Gefallen an ihr: weil sie ein so selbständiger Charakter war. Doch das habe ich ihr, versteht sich, nicht verraten.

Ich begriff natürlich sofort, daß man mich zu diesem kranken alten Fürsten nur zu dem Zweck schickte, damit er Unterhaltung und Zerstreuung habe, und daß darin mein ganzer Dienst bestehen sollte. Das war aber doch eine Erniedrigung, und ich bereitete mich denn auch dementsprechend auf das Weitere vor: um nötigenfalls sogleich Maßregeln ergreifen zu können. Doch dieser alte Sonderling machte auf mich einen ganz anderen Eindruck, als ich erwartet hatte, ich empfand förmlich so etwas wie Mitleid mit ihm, und gegen Ende des Monats hatte ich mich bereits ganz eigentümlich an ihn angeschlossen. Wenigstens gab ich meine anfängliche Absicht auf, ihm, sobald er den geringsten Anlaß dazu böte, gründlich die Wahrheit zu sagen und dann kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er war übrigens noch nicht über sechzig. Doch ich muß jetzt etwas zurückgreifen.

Etwa anderthalb Jahre, bevor ich ihn kennen lernte, hatte er einen Anfall gehabt, d. h. er war irgendwohin gereist und unterwegs, wie es hieß, „unzurechnungsfähig“ geworden; und dieser Umstand hatte einen kleinen Skandal zur Folge gehabt, über den in der Petersburger Gesellschaft viel geredet worden war. Wie es in solchen Fällen üblich ist, hatten seine Nächsten ihn schleunigst ins Ausland geschickt, aber schon nach fünf Monaten war er wieder in Petersburg erschienen, und zwar vollkommen gesund. Trotzdem hatte er den Abschied genommen. Werssiloff beteuerte allerdings (und geradezu mit Leidenschaft), daß von einer Geistesstörung bei ihm überhaupt nicht habe die Rede sein können, es sei nichts als eine Nervenattacke gewesen. Den Eifer aber, mit dem er seine Behauptung verteidigte, merkte ich mir einstweilen. Übrigens muß ich sagen, daß ich eigentlich seine Ansicht teilte. Der alte Herr erschien mir zuweilen nur etwas jugendlich leichtsinnig, was in seinen Jahren vielleicht nicht mehr ganz statthaft war, und eben dies hatte man ihm vor jenem Anfall nicht nachsagen können. Wie ich hörte, soll er früher irgendwo in einer Behörde als Rat oder Geheimrat keine geringe Rolle gespielt und einmal bei einem ihm zuteil gewordenen Auftrag sich ganz besonders hervorgetan haben. Doch inwiefern er sich so besonders zum Rat hatte eignen können, vermochte ich trotz redlicher Mühe mir nicht zu erklären, obschon ich ihn damals bereits seit einem ganzen Monat kannte. Man wollte an ihm die Beobachtung gemacht haben (ich selbst habe sie freilich nicht gemacht), daß nach jenem „Anfall“ eine besondere Neigung zum Heiraten sich in ihm entwickelt habe, und angeblich sei er im Laufe dieser anderthalb Jahre bereits mehrmals im Begriff gewesen, das Vorhaben auch auszuführen. Und darüber, hieß es, sei man in der Gesellschaft gut unterrichtet, und besonders einzelne Damen interessierten sich deshalb sehr für ihn. Da nun aber die tatsächliche Ausführung dieses Vorhabens keineswegs den Interessen gewisser Personen aus der Umgebung des Fürsten entsprach, so wurde er von dieser Seite mit Argusaugen bewacht. Seine eigene Familie war klein: seine Frau hatte er schon vor zwanzig Jahren verloren, und so war ihm nur seine einzige Tochter geblieben, eben jene Generalswitwe, die jetzt täglich aus Moskau zurückerwartet wurde, eine noch ganz junge Frau, vor deren Charakterfestigkeit der alte Fürst zweifellos Angst hatte. Um so zahlreicher war aber die Verwandtschaft seiner verstorbenen Frau, deren ganze Sippe sich vornehmlich durch Armut auszeichnete. Und außer diesen Verwandten hatte er noch unzählige Pflegesöhne und Pflegetöchter, die alle schon viel Gutes von ihm erfahren hatten und nun fest darauf rechneten, in seinem Testament noch mit einem Sümmchen bedacht zu werden, weshalb sie denn auch der Generalin getreulich halfen, den alten Herrn zu überwachen. Übrigens hatte er schon von Jugend auf eine seltsame Eigenheit, von der ich nicht weiß, ob ich sie lächerlich nennen soll oder nicht: er liebte es, arme Mädchen zu verheiraten. Er verheiratete sie schon seit mehr als fünfundzwanzig Jahren – gleichviel ob es entfernte Verwandte von ihm oder Stieftöchter irgendwelcher Vettern seiner Frau oder auch nur deren Tauftöchter waren. Ja, sogar die Tochter seines Portiers hat er verheiratet. Zuerst nahm er sie als kleine Mädchen in sein Haus, erzog sie mit Hilfe von Gouvernanten und Französinnen, dann steckte er sie in die besten Institute, und zuletzt verheiratete er sie und gab ihnen noch eine Mitgift. Und alle diese drängten sich nun fortwährend an ihn heran. Die Pflegetöchter bekamen in der Ehe natürlich wieder Töchter, und diese erhoben wiederum Ansprüche, gleichfalls als Pflegetöchter von ihm erzogen und verheiratet zu werden; überall mußte er Taufpate sein, alle diese Menschen kamen dann an seinem Namenstage, um ihm zu gratulieren, und alles das war ihm äußerst angenehm.

Als ich bei ihm meine Stellung antrat, merkte ich sofort, daß sich in dem alten Herrn eine quälende Überzeugung eingenistet hatte – und es war unmöglich, das nicht zu bemerken – die Überzeugung, daß alle sich jetzt anders zu ihm verhielten als früher, d. h. als er noch gesund gewesen war, oder richtiger: als ihn noch niemand für krank oder geistesgestört gehalten hatte. Diese Empfindung den Menschen gegenüber verließ ihn selbst in der lustigsten Gesellschaft nicht. So war er argwöhnisch geworden und glaubte in aller Augen ein gewisses Etwas zu lesen. Der Gedanke, daß alle ihn für nicht mehr ganz „normal“ hielten, quälte ihn sichtlich; selbst mich beobachtete er oft genug mit merklichem Mißtrauen. Und hätte er von einem Menschen erfahren, daß dieser jenes Gerücht von seinem Geisteszustand verbreite oder bestätige, – ich glaube, er wäre trotz all seiner Gutmütigkeit fähig gewesen, ihn bis in den Tod für seinen größten Feind zu halten (ein Umstand, der von großem Einfluß sein sollte). Diese Beobachtung war schon am ersten Tage der Grund, weshalb ich ihn nicht meinem Vorsatz gemäß kränkte; ja, es freute mich sogar, wenn es mir gelang, ihn zu erheitern oder auch nur zu zerstreuen. Ich glaube nicht, daß dieses Geständnis einen Schatten auf meine Ehre werfen kann.

Sein Vermögen hatte er zum größten Teil in Aktien angelegt. Er war, und zwar erst nach seiner Krankheit, Teilhaber einer großen Aktiengesellschaft geworden, übrigens einer sehr soliden. Das Unternehmen wurde allerdings von anderen geleitet, doch wollte auch er überall dabei sein; er interessierte sich sehr für alle Beschlüsse, besuchte die Versammlungen der Aktionäre, wurde in den Ausschuß gewählt, wohnte den Beratungen bei, hielt lange Reden, widerlegte, befürwortete, regte die Geister auf, und tat das alles offenbar mit Vergnügen. Reden zu halten, das liebte er sehr: da konnte er doch allen seinen gesunden Verstand und noch einiges mehr beweisen. Und überhaupt wurde es für ihn geradezu zum Bedürfnis, selbst in ganz belanglose Privatgespräche die tiefsinnigsten Dinge einzuflechten, mitunter auch ein Bonmot, und dieses Bedürfnis finde ich schließlich nur zu erklärlich.

In seinem Hause war unten im ersten Stock eine Art Büro eingerichtet, in dem ein Beamter die Bücher führte, als Sekretär alles Schriftliche erledigte und außerdem noch das Haus verwaltete. Dieser Beamte, der nebenbei auch noch im Staatsdienst einen Posten bekleidete, hätte für die zu leistende Arbeit vollkommen genügt; auf besonderen Wunsch des Fürsten aber wurde ich noch hinzugenommen, angeblich als Gehilfe für den „mit Arbeit überhäuften“ Beamten; doch schon am ersten Tage mußte ich in das Kabinett des Fürsten übersiedeln, und oft hatte ich nicht einmal, wie sonst meistens, eine Scheinarbeit vor mir, weder Bücher noch Papiere.

Ich schreibe jetzt wie einer, der schon längst aus dem Rausch erwacht ist, und in vieler Hinsicht fast sogar wie ein ganz objektiver Beobachter; wie aber soll ich jetzt meine Qual beschreiben, diese unruhige Qual jener Tage, die sich in meinem Herzen eingenistet hatte (gerade jetzt steht sie wieder wie lebendig vor mir, und ich empfinde sie wie damals!), – und wie meine Aufregung, die zu einem so unklaren, leidenschaftlich gespannten Zustande geworden war, daß ich nachts nicht mehr schlafen konnte vor lauter Ungeduld und Erwartung und bangen Rätseln, die ich selbst vor mir aufgetürmt hatte?

II.

Geld zu fordern – ist immer eine höchst widerwärtige Sache, und wenn es auch ein Gehalt ist, es bleibt doch unangenehm; und um so mehr ist es das, wenn man dabei noch irgendwo in den verborgensten Falten seines Gewissens verspürt, daß man es eigentlich nicht ganz verdient hat. Indessen hatte ich am Abend vorher gehört, wie meine Mutter und meine Schwester heimlich flüsterten (damit Werssiloff nichts davon erführe; denn man wollte ihn „nicht betrüben“) und wie beschlossen wurde, ein Heiligenbild, das der Mutter aus irgendeinem Grunde ganz besonders teuer war, zu versetzen. Ich sollte für meine „Arbeitsleistung“ monatlich fünfzig Rubel erhalten, hatte aber keine Ahnung, wer sie mir denn nun auszahlen würde; davon hatte mir noch niemand etwas gesagt. Vor etwa drei Tagen hatte ich unten den Beamten bei der Arbeit angetroffen und mich bei ihm erkundigt, wer hier die Gagen auszahlte. Er hatte mich aber darauf nur mit dem Lächeln eines verwunderten Menschen angesehen (er war mir nicht gerade gewogen) und gefragt:

„Bekommen Sie denn ein Gehalt?“

Ich dachte mir, er würde nach meiner Bejahung hinzufügen: „Aber wofür denn das?“ Doch er versetzte nur trocken, er wisse nichts, und beugte sich wieder über sein sauber liniiertes Hauptbuch, in das er aus verschiedenen Papieren Zahlen eintrug.

Es war ihm übrigens nicht unbekannt, daß ich immerhin etwas leistete. Vor zwei Wochen hatte ich vier Tage über einer Arbeit gesessen, die er mir noch selbst zugewiesen: es galt einen Entwurf abzuschreiben, wie er sagte, doch stellte sich heraus, daß ich fast alles von neuem verfassen mußte. Dabei handelte es sich um einen ganzen Stoß „Gedanken“ des Fürsten, die er in nächster Zeit dem Komitee der Aktionäre unterbreiten wollte. Dieses Material mußte zu einem zusammenhängenden Ganzen verarbeitet und der Stil hier und da etwas gefeilt werden. Nachher saßen wir, der Fürst und ich, noch einen ganzen Tag über diesem Manuskript, und er stritt mit mir äußerst lebhaft, wenn unsere Meinungen auseinandergingen, doch schien meine Arbeit trotzdem zu seiner vollen Zufriedenheit ausgefallen zu sein. Nur weiß ich nicht, ob er die Schrift dann auch wirklich eingereicht hat oder nicht. Von den zwei oder drei Geschäftsbriefen, die ich auf seine Bitte geschrieben habe, will ich weiter gar nicht reden.

Es war mir aber noch aus einem weniger allgemeinen Grunde peinlich, um mein Monatsgehalt zu bitten: ich hatte nämlich schon beschlossen, diese Anstellung aufzugeben, infolge der Vorahnung, daß ich mich ohnehin und wohl schon in kürzester Zeit zwingender Umstände halber würde entfernen müssen. Als ich an jenem Morgen aufstand und mich in meinem Dachstübchen ankleidete, fühlte ich, wie mein Herz zu klopfen begann, und dieselbe Aufregung empfand ich, obschon ich im Grunde auf alles pfiff, als ich das Haus des Fürsten betrat. An jenem Morgen sollte endlich jene Frau hier eintreffen, von deren Erscheinen ich die Aufklärung aller Rätsel erwartete, alles dessen, was mich quälte! Und diese Frau – das war die Tochter des Fürsten, die jung verwitwete Generalin Achmakoff (ich habe von ihr bereits gesprochen), die mit Werssiloff unversöhnlich verfeindet war. Da habe ich nun diesen Namen endlich hingeschrieben! Sie selbst hatte ich damals natürlich noch nie gesehen und konnte es mir auch gar nicht vorstellen, wie ich mit ihr sprechen und ob es überhaupt dazu kommen würde. Aber ich hatte doch die Empfindung (und vielleicht auch allen Grund dazu), daß mit ihrer Ankunft jenes Dunkel sich aufklären werde, welches Werssiloff vor meinen Augen immer noch verhüllte. Ich konnte mich nicht beherrschen und ruhig bleiben: es ärgerte mich furchtbar, daß ich mich schon vom ersten Schritt an so kleinmütig und täppisch fühlte; ich war gespannt neugierig und doch angewidert – alles zusammen. So hatte ich zu gleicher Zeit drei verschiedene Empfindungen. Oh, ich habe diesen ganzen Tag gut im Gedächtnis behalten!

Mein Fürst ahnte inzwischen noch nichts von der voraussichtlichen Rückkehr seiner Tochter und erwartete sie nicht früher als erst in einer Woche. Ich aber war am Abend vorher ganz zufällig in das Geheimnis eingeweiht worden: Tatjana Pawlowna hatte von der Generalin einen Brief erhalten und meiner Mutter in flüsternd geführtem Gespräch die Nachricht mitgeteilt. Sie flüsterten allerdings nur ganz leise, und Tatjana Pawlowna drückte sich auch noch ziemlich indirekt aus, doch ich erriet bald, um was es sich handelte. Natürlich habe ich ihr Gespräch nicht absichtlich belauscht: ich mußte einfach aufmerksamer hinhören, als ich sah, wie meine Mutter bei der Nachricht von der Rückkehr dieser Frau erschrak, und wie groß ihre Erregung war. Werssiloff war gerade nicht zu Hause.

Dem alten Fürsten wollte ich nichts davon sagen; denn – wie hätte ich es in diesem ganzen Monat nicht merken sollen, daß er sich vor ihrer Heimkehr förmlich fürchtete. Ja, er hatte sogar nur wenige Tage vorher gesprächsweise verlauten lassen – natürlich nur ganz entfernt und selbst etwas zaghaft –, daß er für mich fürchte, wenn sie zurückkehre, d. h. in dem Sinne, daß es dann um meinetwillen Szenen geben werde. Doch übrigens muß ich hier einschalten, daß er als Familienoberhaupt trotz allem seine Selbständigkeit zu wahren und seinen Willen durchzusetzen wußte, so vor allen Dingen, was die Verfügung über seine Gelder betraf. Anfangs hielt ich ihn für nichts anderes, als ein richtiges altes Weib; dann aber mußte ich meine Auffassung dahin ändern, daß er, wenn er auch ein Weib sein mochte, zum mindesten noch einen gewissen Eigensinn besaß, wenn man es nicht wirkliche Männlichkeit nennen wollte. Es gab Augenblicke, wo mit seinem scheinbar so ängstlichen und nachgiebigen Charakter nicht das geringste anzufangen war. Später hat mir Werssiloff seinen Charakter eingehender erklärt. Soeben fällt mir eine Tatsache ein, die hier erwähnt sei: Der Fürst und ich hatten bis dahin noch niemals von der Generalin gesprochen, und es war, als hätten wir das beide vermieden: ich vermied es absichtlich, er aber vermied wiederum, von Werssiloff zu sprechen. Schon damals erriet ich, daß ich entschieden keine Antwort von ihm erhalten würde, wenn ich die eine oder andere von den kitzlichen Fragen, die mich so sehr interessierten, direkt an ihn richten wollte.

Wenn nun jemand wissen will, wovon wir den ganzen Monat miteinander geredet hatten, so muß ich sagen: von allem möglichen, meistens aber waren es doch etwas eigentümliche Themata, die wir erörterten. Ganz besonders gefiel mir an ihm die Offenherzigkeit, mit der er zu mir sprach. Oft betrachtete ich ihn ganz verwundert und fragte mich: „Ja, aber – wie ist er denn Geheimrat geworden? Der paßte doch noch vorzüglich in unser Gymnasium, aber höchstens in die vierte Klasse, und gäbe dort einen famosen Schulkameraden ab!“ Auch über sein Gesicht habe ich mich oft genug gewundert: es war dem Anscheine nach das Gesicht eines vollkommen ernsten Menschen (und sogar hübsch zu nennen), schmal und hager; dichtes graues, etwas welliges Haar, ein offener Blick; auch seine Gestalt war hager und von gutem Wuchs. Aber dieses Gesicht hatte eine gewisse unangenehme, fast sogar unschickliche Eigenschaft: es konnte sich ganz plötzlich, wie mit einem Schlage aus einem ungewöhnlich ernsten in ein etwas schon gar zu vergnügtes verwandeln, so daß man ihn, wenn man diese Verwandlung zum erstenmal sah, vor Überraschung ganz verdutzt anstarrte. Ich sprach auch einmal zu Werssiloff von dieser meiner Beobachtung, und wie ich bemerkte, horchte er interessiert auf. Ich glaube, er hatte von mir nicht erwartet, daß ich solche Beobachtungen machen könnte. Als Antwort darauf bemerkte er nur leichthin, diese Erscheinung sei erst nach der Krankheit des Fürsten bei ihm aufgetreten, eigentlich erst in der allerletzten Zeit.

Vornehmlich drehten sich unsere Gespräche um zwei abstrakte Gegenstände: um Gott und sein Dasein, d. h. um seine Existenz oder Nichtexistenz, und dann – um die Frauen. Der Fürst war sehr religiös und gefühlvoll. In seinem Kabinett hing ein riesiges Heiligenbild, vor dem das ewige Lämpchen brannte. Aber bisweilen kam es vor – daß er plötzlich der Anfechtung unterlag: dann zweifelte er am Dasein Gottes und sprach wunderliche Dinge, womit er mich zum Widerspruch herausforderte. Dieses Thema war mir, im allgemeinen gesprochen, zwar ziemlich gleichgültig, aber wir gerieten doch jedesmal sehr in Hitze, und das sogar wirklich aufrichtig. Überhaupt kann ich sagen, daß ich auch heute noch mit Vergnügen an jene Gespräche zurückdenke.

Aber am liebsten plauderte er doch von Frauen. Zu seinem Leidwesen konnte ich nur, erstens schon aus Abneigung gegen solche Gespräche, auf diesem Gebiet kein unterhaltender Partner sein. Das schien ihn oft fast zu betrüben.

An jenem denkwürdigen Morgen des neunzehnten September begann er zufällig, kaum daß ich eingetreten war, wieder von den Frauen zu reden. Er war bei selten guter Laune, was mich ein wenig wunderte, da ich ihn am Abend vorher in der traurigsten Stimmung verlassen hatte. Indessen mußte unbedingt noch am Vormittag die bewußte Geldangelegenheit erledigt werden – unbedingt noch vor der Ankunft einer gewissen Person. Ich ahnte, daß man uns bestimmt unterbrechen werde (klopfte doch mein Herz nicht umsonst schon seit dem Morgen!), – und dann würde ich mich vielleicht nicht mehr entschließen können, auf das Geld zu sprechen zu kommen. Als nun der Fürst von etwas so ganz anderem begann und ich nicht mit meiner Frage herauszurücken verstand, da ärgerte ich mich natürlich über meine Dummheit, und die Folge davon war, daß ich über eine etwas zu weitgehende scherzhafte Frage seinerseits fast in Wut geriet und mit meinen Anschauungen über die Frauen ganz plötzlich und nahezu jähzornig herausplatzte. Ich ärgerte mich in der Tat. Doch mit meiner zornigen Auslassung erreichte ich nur, daß ich ihn amüsierte und er noch interessierter bei diesem Thema verharrte.

III.

„... mit einem Wort, ich liebe die Frauen nicht, weil sie roh sind, weil sie ungeschickt sind, weil sie unselbständig sind, und weil sie unanständige Kleider tragen!“ schloß ich nicht gerade logisch meine lange Tirade.

„Hab’ Erbarmen! Hab’ Erbarmen!“ fiel er mir unsäglich erheitert ins Wort, was mich noch mehr erboste.

Ich pflege nur in Kleinigkeiten nachgiebig zu sein, in wichtigen Fragen dagegen gebe ich nie nach. In Kleinigkeiten, oder wenn es sich z. B. um irgendwelche gesellschaftlichen Anforderungen handelt, kann man Gott weiß was alles mit mir machen – und diesen Zug werde ich ewig an mir verwünschen. Zuweilen bin ich einfach aus geradezu stinkender Gutmütigkeit bereit, selbst dem erstbesten Geck beizustimmen, einzig, weil mich seine Höflichkeit gefangen nimmt, oder ich lasse mich mit einem Dummkopf in einen Streit ein, was noch unverzeihlicher ist. Doch das kommt nur daher, daß ich keine Ausdauer habe und im Winkel aufgewachsen bin, und ich ärgere mich dann jedesmal weidlich über mich selbst, aber am nächsten Tage geschieht dasselbe. Und das ist auch der Grund, warum man mich bisweilen fast für einen Sechzehnjährigen gehalten hat. Doch anstatt mir nun Ausdauer und bessere Umgangsformen anzugewöhnen, ziehe ich es auch jetzt noch vor, mich noch mehr in meinen Winkel zu verkriechen, und das meinetwegen sogar auf die menschenfeindlichste Weise. „Nun gut, dann bin ich ungeschickt! Ich gehe, und – lebt wohl!“ – d. h. ihr geht mich nichts an. Das sage ich jetzt vollkommen im Ernst und ein für allemal. Übrigens schreibe ich es diesmal nicht etwa nur anläßlich dieses Zwischenfalles mit dem Fürsten, und auch nicht einmal anläßlich jenes Gesprächs. „Ich rede nicht, um Sie zu erheitern!“ schrie ich ihn beinahe an. „Ich habe nur meine Überzeugung ausgesprochen!“

„Aber inwiefern sind denn die Frauen roh und weshalb unanständig gekleidet? Das ist mir neu!“

„Doch! Sie sind roh! – gehen Sie ins Theater, gehen Sie auf die Promenade und sehen Sie einmal zu: jeder Herr weiß, wo rechts und wo links ist, sie begegnen sich und gehen aneinander vorüber, er biegt nach rechts aus, und ich biege nach rechts aus. Die Frau dagegen, das heißt, die Dame – ich rede von den Damen – die rennt schnurstracks auf einen los, ohne einen auch nur zu bemerken, ganz, als wäre man unbedingt verpflichtet, zur Seite zu treten und ihr den Weg freizugeben. Ich bin ja gern bereit, ihr, als einem schwächeren Geschöpf, den Weg freizugeben, warum aber tut sie, als wäre es ihr Vorrecht, warum ist sie so fest überzeugt, daß ich es tun muß – das ist es, was mich kränkt! Ich habe immer ausgespien, wenn ich so einer begegnet bin. Und dann schreien sie noch, sie seien erniedrigt und verlangen Gleichberechtigung! Wo ist hier Gleichberechtigung, wenn sie mich unter die Füße tritt oder mir Sand in den Mund wirbelt!“

„Sand?!“

„Ja! Denn sie sind unanständig gekleidet – das kann nur einem Lebemann nicht auffallen. Werden doch bei Gerichtsverhandlungen die Türen geschlossen, wenn es sich um Unanständigkeiten handelt, warum erlaubt man sie dann auf der Straße, wo doch noch mehr Menschen zugegen sind? Sie binden sich öffentlich Seidenrüsche unter den Rock, um belle femme[2] zu sein, – öffentlich! Ich kann es doch unmöglich nicht bemerken, ein Jüngling wird es doch ebenso bemerken, und ein Kind, ein kaum erwachender Knabe gleichfalls! Das ist einfach schändlich! Alte Lüstlinge mögen sich daran ergötzen und ihnen mit heraushängender Zunge nachlaufen, aber es gibt doch eine reine Jugend, die man schonen muß ... Bleibt also nichts übrig, als auszuspeien. Da geht sie auf dem Boulevard und wirbelt mit ihrer zwei Meter langen Schleppe den Staub auf! – danke fürs Vergnügen, dann hinter ihr zu gehen! Also lauf entweder voraus oder spring zur Seite; denn sonst fegt sie einem mit ihrer Schleppe fünf Pfund Sand in Ohren, Mund und Nase. Und zudem ist es noch Seide, was sie so drei Werst weit auf den Straßensteinen nachschleift, nur weil es mal Mode ist, während ihr Mann sich als Beamter in seiner Kanzlei auf nicht mehr als fünfhundert Rubel jährlich steht. Sehen Sie, da sitzen die Sporteln! Ich habe immer ausgespien, wenn ich solch einer begegnet bin, ganz öffentlich ausgespien und geschimpft.“

Ich gebe dieses Gespräch jetzt allerdings mit Humor und zugleich mit meiner derzeitigen Charakteristik wieder, doch selbstverständlich bin ich auch heute noch ganz derselben Meinung.

„Und es ist immer noch gut abgegangen?“ fragte der Fürst neugierig.

„Ich speie einfach aus und gehe fort. Natürlich hört sie es, zuckt aber mit keiner Miene und segelt majestätisch weiter, ohne auch nur den Kopf nach mir umzuwenden. Geantwortet haben sie mir nur ein einziges Mal, zwei auf dem Boulevard, beide mit meterlangen Schwänzen. Ich beschimpfte sie, doch versteht sich: nicht mit groben Worten, aber so ... ich bemerkte nur eben hörbar, daß solche Schwänze eine Unverschämtheit seien.“

„Du drücktest dich wirklich so aus?“

„Ja. Erstens treten sie alle gesellschaftlichen Formen mit Füßen und zweitens – sie wirbeln Staub auf, der Boulevard aber ist für alle da: ich gehe, ein anderer geht, ein Dritter, Vierter, Fedor, Iwan, gleichviel wer. Und das äußerte ich eben. Überhaupt ... ich liebe die weibliche Gangart nicht, besonders von hinten gesehen. Das äußerte ich gleichfalls, aber nur andeutungsweise.“

Mon ami,[3] du kannst dich noch in eine ernste Geschichte verwickeln, wenn du es so toll treibst! Denk nur, sie hätten dich doch vor den Friedensrichter schleppen können!“

Gar nichts hätten sie können! Was hatte ich ihnen denn getan? Es geht ein Mensch neben ihnen einher und redet mit sich selbst. Jeder Mensch hat das Recht, seine Überzeugung in die Luft zu äußern. Ich sprach ja ganz abstrakt, wandte mich überhaupt nicht an sie. Sie fingen selbst an; und sie schimpften sogar viel gröber als ich: ein Grünschnabel sei ich, und ohne Essen müsse man mich lassen, ein Nihilist sei ich, und sie würden mich einem Polizeioffizier übergeben, und ich verfolgte sie nur deshalb, weil sie allein und schutzlose, schwache Frauen seien, wären sie dagegen in Begleitung eines Mannes, so würde ich mich sofort kleinlaut aus dem Staube machen. Hierauf riet ich ihnen kaltblütig, mich gefälligst nicht zu attackieren; um ihnen jedoch zu beweisen, daß ich ihre Männer nicht fürchte und selbst eine Herausforderung anzunehmen bereit sei, würde ich ihnen auf zwanzig Schritt bis zu ihrem Hause folgen und mich dort aufstellen, um ihre Männer zu erwarten. Und so tat ich’s auch.“

„Tatsächlich?“

„Es war natürlich eine Dummheit, aber ich war gereizt. Und so schleppten sie mich denn gute drei Werst in der Hitze bis in die äußerste Vorstadt, traten in ein einstöckiges hölzernes Wohnhaus – das übrigens, ich muß gestehen, ganz anständig aussah: durch die Fenster sah man drinnen viele Blumen, zwei Kanarienvögel, drei Schoßhündchen – Spitze, glaube ich – und eingerahmte Stahlstiche an den Wänden. Ich stand eine gute halbe Stunde mitten auf der Straße vor dem Hause. Dreimal lugten sie heimlich durch die Gardinen, um nach mir zu sehen, dann ließen sie alle Fenstervorhänge herab. Endlich trat aus der Hofpforte ein schon bejahrter Beamter heraus. Seinem Aussehen nach zu urteilen, hatte er geschlafen und war von ihnen erst geweckt worden. Er erschien nicht gerade im Schlafrock, aber doch in etwas sehr Häuslichem. Vor dem Pförtchen blieb er stehen, kreuzte die Hände auf dem Rücken und fing an, mich zu betrachten; ich ihn gleichfalls. Mitunter wandte er den Blick von mir ab, sah mich dann aber wieder von neuem an. Und plötzlich begann er mir zuzulächeln. Da drehte ich mich um und ging fort.“

„Mein Freund, das ist ja fast etwas à la Schiller! Ich habe mich immer gewundert, – du bist ein so rotwangiger Junge, du strotzt ja geradezu vor Gesundheit – und dabei eine solche, man muß sagen, Abneigung gegen Frauen! Wie ist es möglich, daß die Frau in deinem Alter nicht einen gewissen Eindruck auf dich macht? Mir, mon cher,[4] hat mein Erzieher, als ich erst elf Jahre alt war, schon gesagt, daß ich denn doch gar zu interessiert die nackten Statuen im Sommergarten betrachtete.“

„Sie würden es furchtbar gern sehen, daß ich zu irgendeiner hiesigen Josephine ginge und Ihnen dann Bericht erstattete! Sie täuschen sich aber in mir. Ich habe schon mit dreizehn Jahren ein nacktes Weib gesehen; seitdem sind sie mir ekelhaft.“

„Im Ernst? Aber, cher enfant,[5] ein schönes, frisches Weib duftet wie ein Apfel, was kann denn da ekelhaft sein?“

„Ich hatte in meiner ersten elenden Pension, bei Touchard, noch bevor ich ins Gymnasium kam, einen Kameraden, Lambert mit Namen. Er prügelte mich täglich; denn er war drei Jahre älter als ich, und ich bediente ihn und zog ihm die Stiefel aus. Als er konfirmiert wurde, kam der Abbé Rigaud zu ihm gefahren, um ihm zur ersten Kommunion zu gratulieren, und beide fielen unter Tränen einander um den Hals, Abbé Rigaud jedoch begann ihn krampfhaft an seine Brust zu drücken, und zwar mit verschiedenen Gesten. Ich weinte gleichfalls und beneidete ihn sehr. Als sein Vater starb, trat er aus, und zwei Jahre lang sah ich ihn hierauf nicht wieder; nach zwei Jahren aber begegnete ich ihm einmal auf der Straße. Er sagte mir, er werde zu mir kommen. Damals war ich schon Gymnasiast und lebte bei Nikolai Ssemjonowitsch. Er kam auch richtig schon am nächsten Morgen, zeigte mir fünfhundert Rubel und sagte, ich solle mitkommen. Wenn er mich vor zwei Jahren auch geprügelt hatte, so hatte er mich doch nötig, und das nicht nur zum Stiefelausziehen, sondern in erster Linie, um mir sein Herz ausschütten zu können. Von dem Gelde sagte er, er habe es an demselben Morgen aus der Schatulle seiner Mutter entwendet – er hätte sich einen passenden Schlüssel verschafft –; denn das ganze Geld seines Vaters gehöre gesetzlich ihm, und sie habe kein Recht, es ihm vorzuenthalten; gestern sei der Abbé Rigaud zu ihm gekommen, um ihn zu ermahnen; er sei eingetreten, habe sich vor ihm aufgestellt, habe angefangen zu weinen, vor Entsetzen die Hände zu ringen und zum Himmel zu erheben, – ‚ich aber zog das Messer und sagte, daß ich ihn erstechen oder erdrosseln werde,‘ erzählte er. (Übrigens schnarrte er abscheulich, erdrosseln sprach er zum Beispiel ‚erdchosseln‘ aus.) Wir fuhren nach dem Kusnetzki. Unterwegs teilte er mir mit, daß seine Mutter mit diesem Abbé Rigaud ein Verhältnis habe, er habe es bemerkt, pfeife aber darauf, und ferner, daß alles, was sie da von der Kommunion redeten, Unsinn sei. Er sagte noch vieles andere, ich aber fühlte mich sehr unbehaglich. Auf dem Kusnetzki machte er auch seine Einkäufe: er kaufte ein doppelläufiges Gewehr, eine Jagdtasche, fertige Patronen, eine Reitpeitsche und nachher noch ein Pfund Konfekt. Dann fuhren wir weiter, um außerhalb der Stadt zu schießen. Unterwegs begegneten wir einem Vogelhändler mit vielen Vogelbauern und Vögeln. Von dem kaufte Lambert einen Kanarienvogel. Im nächsten Wäldchen gab er den Vogel frei, da ja Vögel nach langer Haft im Bauer bekanntlich nicht weit fliegen können, und dann schoß er nach ihm, traf ihn aber nicht. Er schoß zum erstenmal in seinem Leben, ein Gewehr aber hatte er sich schon längst kaufen wollen, auch als er noch bei Touchard war, und wir hatten uns oft ausgemalt, wie wir es kaufen würden. Er schien vor Erregung ganz außer sich zu sein. Sein Haar war pechschwarz, sein Gesicht weiß und rosig, wie eine Maske, die Nase lang und gebogen, wie sie die Franzosen gewöhnlich haben; dazu weiße Zähne, schwarze Augen. Schließlich band er den Kanarienvogel mit einem Faden an einen Ast und schoß dann auf drei Zentimeter Entfernung aus beiden Läufen zugleich, und der Vogel zerstob in hundert Federchen. Darauf kehrten wir in die Stadt zurück, fuhren in ein Hotel, mieteten ein Zimmer und begannen zu essen und Champagner zu trinken. Eine Dame trat ein ... Ich entsinne mich noch, daß ich sehr erstaunt war über ihr elegantes, kostbares Kleid, – sie trug eine grünseidene Toilette. Da sah ich denn alles das ... wovon ich Ihnen erzählte ... Darauf, als wir uns wieder an den Champagner machten, fing er an sich über sie lustig zu machen und sie zu beschimpfen. Sie saß ganz nackt da; er hatte ihr alle Kleidungsstücke fortgenommen, und als sie gleichfalls zu schimpfen begann und ihre Sachen zurückverlangte, da fing er an sie mit seiner Reitpeitsche aus allen Kräften zu peitschen, und ich weiß noch, er traf gerade ihre nackten Schultern. Ich sprang auf und packte ihn an den Haaren, und mit einem einzigen Ruck warf ich ihn zu Boden. Er aber hatte schon eine Gabel erfaßt, und die stieß er mir in den Schenkel. Da stürzten auf das Geschrei hin Leute ins Zimmer, und es gelang mir, fortzulaufen. Seitdem ist es mir ekelhaft, an Nacktheit zu denken. Und doch war sie eine Schönheit, ich versichere Ihnen ...“

Das Gesicht des Fürsten hatte sich während meiner Erzählung aus einem lächelnden nach und nach in ein sehr trauriges verwandelt.

Mon pauvre enfant![6] Ich bin immer überzeugt gewesen, daß es in deiner Kindheit sehr viele unglückliche Tage gegeben hat.“

„Oh, bitte, beunruhigen Sie sich deshalb nicht.“

„Aber du bist allein gewesen, du hast es mir selbst gesagt ... und dieser Lambert – du hast es so lebendig zu schildern gewußt: dieser Kanarienvogel, diese Konfirmation mit Tränen, an der Brust liegen ... und dann, es vergeht kaum ein Jahr, und er spricht von seiner Mutter mit dem Abbé ... Oh, mon cher, diese Kinderfrage ist in unserer Zeit geradezu grauenvoll geworden! Solange sie noch in den ersten Jahren mit ihren blonden Lockenköpfchen vor einem einhertrippeln und uns mit ihrem hellen Lachen und ihren hellen Augen so unschuldig ansehen – sind sie wie Gottes Engelchen, wie reizende Vöglein, dann aber ... dann wäre es oft besser, sie würden überhaupt nicht heranwachsen.“

„Wie sentimental Sie geworden sind, Fürst! Man könnte fast glauben, daß Sie selbst noch kleine Kinder haben. Sie haben aber doch keine Kinder und werden sie auch nie mehr haben.“

Tiens![7] Im Nu veränderte sich sein ganzes Gesicht. „Da sagte mir gerade Alexandra Petrowna – vor drei Tagen, hehehe! – Alexandra Petrowna Ssinitzkaja – du mußt sie vor einiger Zeit noch hier gesehen haben –, denk dir, ja, vor drei Tagen plötzlich sagt sie mir, auf meine scherzhafte Bemerkung, daß ich, falls ich jetzt heiraten sollte, wenigstens insofern ruhig sein könnte, als ich keinen Kindersegen mehr zu fürchten hätte, – und darauf plötzlich sagt sie mir, und noch dazu mit einer solchen Schadenfreude: ‚Im Gegenteil, gerade Sie werden Kinder haben: gerade solche, wie Sie, haben sie unfehlbar! Sogar schon vom ersten Jahre an, das werden Sie sehen!‘ Hehehe ... Und alle glaubten sie plötzlich, ich würde mich unfehlbar noch verheiraten. Aber wenn es auch boshaft gesagt war, so war es doch, das mußt du zugeben, immerhin ganz witzig.“

„Witzig, ja, und – beleidigend.“

„Nun, cher enfant, nicht ein jeder kann uns beleidigen. Was ich am meisten an den Leuten schätze, ist der Esprit. Leider scheint mir aber, daß er heutzutage allen immer mehr abhanden kommt. Was aber da so eine Alexandra Petrowna sagt – zählt denn das überhaupt?“

„Wie, wie sagten Sie?“ – griff ich schnell den Gedanken auf, „‚nicht ein jeder kann uns‘ ... das ist richtig! Nicht ein jeder ist es wert, von uns soweit beachtet zu werden – ein vorzüglicher Grundsatz! Und gerade ich kann ihn brauchen! Den werde ich mir merken. Sie, Fürst, Sie sagen mitunter ganz vorzügliche Sachen!“

Sein ganzes Gesicht erhellte sich sofort, und er schmunzelte sogar.

N’est-ce pas? Cher enfant,[8] der echte Esprit verschwindet je weiter desto mehr. Eh, mais ... C’est moi qui connaît les femmes![9] Glaub’ mir, das Leben eines jeden Weibes, was sie da auch reden mag, ist – ein ewiges Suchen, wem sie sich unterordnen könnte, ist gewissermaßen eine Sehnsucht nach Unterwerfung. Und das – merk’ es dir – gilt von allen, ohne jede Ausnahme.“

„Da haben Sie recht, das ist vorzüglich gesagt, ausgezeichnet!“ ganz entzückt rief ich es aus. Zu jeder anderen Zeit hätten wir uns sogleich philosophischen Betrachtungen über dieses Thema hingegeben und hätten wohl eine Stunde darüber geredet; plötzlich aber war es mir, als steche mich etwas, und ich errötete bis über die Ohren: mir kam der Gedanke, daß ich, indem ich sein Bonmot lobte, mich vielleicht des Geldes wegen gut mit ihm stellen wollte, oder wenigstens, daß er das unbedingt denken werde, wenn ich ihn nun um das Geld bäte. Ich erwähne dies hier nicht ohne Absicht.

„Fürst, ich bitte Sie sehr, mir sogleich die fünfzig Rubel, die Sie mir für diesen Monat schulden, auszahlen zu wollen,“ platzte ich plötzlich wie eine Bombe los, und in einem so gereizten Tone, daß es fast an Grobheit grenzte.

Ich weiß noch (da ich mich dieses Vormittags noch bis in die kleinsten Einzelheiten entsinne), daß sich damals eine in ihrer krassen Realität geradezu widerwärtige Szene abspielte. Zuerst verstand er mich überhaupt nicht, er sah mich an und begriff nicht, von was für einem Gelde ich sprach. Natürlich hatte er es sich nicht träumen lassen, daß ich auf ein monatliches Gehalt Ansprüche erheben könnte – wofür auch? Freilich begann er mir dann, als er endlich erraten hatte, um was es sich handelte, sogleich zu versichern, daß er es unverzeihlicherweise ganz vergessen habe und zog sogleich sein Portefeuille hervor. Er beeilte sich so, daß er in der Verwirrung gar nicht die richtige Tasche finden konnte, und er wurde sogar rot im Gesicht. Da erhob ich mich und sagte schroff, ich könne das Geld nicht annehmen, man habe mir offenbar irrtümlicherweise von dem Gehalt gesprochen, oder vielleicht auch, damit ich mich nicht weigere, auf den Vorschlag einzugehen; doch begriffe ich jetzt sehr wohl, daß durchaus kein Grund vorliege, mich zu honorieren, da jedes Honorar Dienst voraussetzte, hier aber von einem solchen nicht die Rede sein könne. Der Fürst erschrak und begann zu versichern, daß ich ihm unendlich viel Dienste erwiesen hätte und ihm fernerhin noch viel größere erweisen könne, fünfzig Rubel dagegen eine so nichtssagende Summe seien, daß er mir noch einen Zuschuß geben werde, ja, das sei sogar seine Pflicht und Schuldigkeit, zumal er es mit Tatjana Pawlowna so abgemacht habe, doch habe er unverzeihlicherweise nicht daran gedacht, daß jetzt ein Monat um sei. Mir stieg das Blut ins Gesicht, und ich erklärte ihm unumwunden, meine Ehre verbiete mir, für unanständige Unterhaltung ein Gehalt zu beziehen; ich sei nicht engagiert, um ihn zu zerstreuen, sondern um zu arbeiten, wenn es aber hier keine Arbeit gäbe, so müsse ich gehen, usw. usw.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß ein Mensch so erschrecken kann, wie er nach diesen meinen Worten erschrak. Es endete aber damit, daß ich aufhörte, ihm zu widersprechen, und mir doch die fünfzig Rubel aufdrängen ließ. Noch jetzt erröte ich vor Scham, wenn ich daran denke, daß ich das Geld tatsächlich annahm! Es pflegt ja so ziemlich alles in der Welt mit einer Gemeinheit zu enden, doch das Gemeinste an dieser Sache war, daß es ihm beinahe wirklich gelang, mir zu beweisen, daß ich das Honorar unanfechtbar verdient hätte. Und ich war dumm genug, es ihm zu glauben! – jedenfalls aber war es mir ganz unmöglich, bei der Weigerung zu bleiben und das Geld nicht anzunehmen.

Cher, cher enfant!“ rief er darauf nahezu gerührt aus und umarmte und küßte mich (ich muß gestehen, daß ich selbst, weiß der Teufel weshalb, fast dem Weinen nahe war, obschon ich mich im Augenblick wieder zusammennahm. Soeben fühle ich, daß mir auch jetzt, während ich dies schreibe, das Blut wieder ins Gesicht gestiegen ist) – „mein lieber Freund, du stehst mir jetzt so nah, so nah wie ein Verwandter, du bist mir in diesem Monat zu einem Stück von meinem eigenen Herzen geworden! In der ‚Gesellschaft‘ ist nur ‚Gesellschaft‘ und nichts weiter. Meine Tochter Katerina Nikolajewna ist eine entzückende Frau, und ich bin stolz auf sie, aber sie hat mich oft, mein Lieber, sehr, sehr oft gekränkt ... Nun, diese Mädelchen aber – elles sont charmantes[10] – und deren Mütter, die mich an meinem Namenstage besuchen –, die bringen mir doch immer nur ihre Kanevasquadrate her, selbst aber verstehen sie nichts zu sagen. Ich habe schon für mindestens sechzig Sofakissen solche Kanevasstickereien von ihnen erhalten, lauter Hunde und Hirsche. Ich liebe sie ja auch sehr, aber zu dir fühle ich mich wie zu einem Verwandten hingezogen, – nicht wie zu einem Sohne, sondern eher wie zu einem Bruder, und am meisten liebe ich an dir deine Entgegnungen: du bist literarisch gebildet, du hast viel gelesen, du bist begeisterungsfähig ...“

„Ich habe nichts gelesen und bin keineswegs literarisch gebildet. Früher habe ich gelesen, was mir in die Hände kam, in den letzten zwei Jahren aber habe ich nichts gelesen und werde es auch überhaupt nicht mehr tun.“

„Warum nicht?“

„Ich habe andere Ziele.“

Cher ... es wäre schade, wenn du dir am Ende des Lebens sagen müßtest wie ich: je sais tout, mais je ne sais rien de bon.[11] Ich weiß entschieden nicht, wozu ich in der Welt gelebt habe! Aber ... ich bin dir so dankbar ... und ich wollte sogar ...“

Er brach seltsam ab, wurde ganz schlaff und matt und versank in Nachdenken. Nach jeder Erschütterung (und solche Erschütterungen konnten jeden Augenblick durch den geringfügigsten Anlaß hervorgerufen werden) machte er gewöhnlich den Eindruck, als sei er eine Zeitlang nicht recht bei voller Vernunft und unfähig, sich zusammenzunehmen, körperlich ebensowenig wie geistig. Übrigens dauerte dieser Zustand nie lange an, so daß er schließlich nichts schadete.

Wir saßen so reichlich über eine Minute stillschweigend einander gegenüber. Seine Unterlippe, die sehr voll war, hing schlaff herab ... Am meisten wunderte es mich, daß er so plötzlich auf seine Tochter zu sprechen gekommen war, und noch dazu mit einer solchen Offenheit. Ich schrieb das natürlich seiner augenblicklichen Verwirrung zu.

Cher enfant, du nimmst es mir doch nicht übel, daß ich du zu dir sage, nicht wahr?“ fuhr er plötzlich aus seiner Versunkenheit auf.

„Nicht im geringsten. Ja anfangs, das erstemal, da fühlte ich mich, offengestanden, allerdings etwas verletzt und wollte Sie gleichfalls duzen, sah aber noch rechtzeitig die Dummheit ein; denn Sie duzen mich doch nicht, um mich zu erniedrigen?“

Er hörte nicht mehr darauf, was ich sagte, und schien auch seine Frage schon vergessen zu haben.

„Nun, und was macht dein Vater?“ fragte er plötzlich, indem er gedankenverloren zu mir aufsah.

Ich fuhr am ganzen Körper zusammen. Er hatte Werssiloff als meinen Vater bezeichnet, was er sich bis dahin noch nie mir gegenüber erlaubt hatte, und dann: daß er überhaupt im Gespräch mit mir auf Werssiloff zu sprechen kam!

„Sitzt ohne Geld und ist schlecht gelaunt,“ antwortete ich kurz, doch innerlich verging ich vor Neugier.

„Hm, ja, was das Geld betrifft! Heute entscheidet sich doch ihr Rechtsstreit vor dem Bezirksgericht – ich erwarte den Fürsten Sserjosha.[5] Wer weiß, welch eine Nachricht er bringen wird. Er wollte sogleich zu mir kommen. Davon hängt für sie alles ab. Hier handelt es sich um sechzig- oder achtzigtausend Rubel. Natürlich habe ich Andrei Petrowitsch (d. h. Werssiloff) von jeher das Beste gewünscht, und ich glaube, das Vermögen wird auch ihm zugesprochen werden, und die Fürsten gehen dann leer aus. Gesetz ist Gesetz!“

„Heute vor dem Bezirksgericht?“ rief ich, aufs höchste überrascht.

Der Gedanke, daß Werssiloff mir auch das nicht mitgeteilt, nicht für mitteilenswert gehalten hatte, frappierte mich außerordentlich. „Dann hat er es wohl auch der Mutter nicht gesagt, vielleicht überhaupt keinem Menschen,“ dachte ich mir sogleich, – „da sieht man den Charakter!“

„Aber ist denn Fürst Ssergei Ssokolski in Petersburg?“ fragte ich, plötzlich selbst ganz betroffen bei dieser Vorstellung.

„Seit gestern. Direkt aus Berlin eingetroffen, einzig wegen dieser Gerichtsverhandlung.“

Das war gleichfalls eine für mich sehr bedeutsame Mitteilung. Und dieser Mensch, der ihn geohrfeigt hatte, sollte heute herkommen!

„Na, und was macht er sonst,“ fuhr der alte Fürst, dessen Gesicht sich plötzlich wieder veränderte, lächelnd fort, „verkündet Gott wie früher und ... na ja, stellt wieder den Mädelchen nach, den noch nicht flügge gewordenen? Hehe ... Da fällt mir soeben ein amüsantes Histörchen ein, hehe ...“

„Wer verkündet ... was? wann?“

„Andrei Petrowitsch natürlich. Was glaubst du wohl, er rückte uns doch damals so auf den Leib, daß wir gar keine Seelenruhe mehr vor ihm hatten. Was eßt ihr, an was denkt ihr, – das heißt, es fehlte faktisch nicht mehr viel, so wäre es schließlich noch so weit gekommen. Er wollte uns bange machen, bekehren. ‚Wenn du religiös bist, warum wirst du dann nicht Mönch?‘ Nein wirklich, fast war es das, was er von uns verlangte. Mais quelle idée![12] Wenn es im Grunde vielleicht auch richtig sein mag, so, fragt es sich – ist es nicht doch zu viel verlangt? Namentlich mich liebte er mit dem Jüngsten Gericht zu schrecken, mich ganz besonders.“

„Davon habe ich nichts bemerkt, und ich lebe doch schon über einen Monat mit ihm zusammen,“ versetzte ich, mit größtem Interesse aufhorchend. Es ärgerte mich weidlich, daß er sich noch nicht erholt hatte und so zusammenhanglos vor sich hinredete.

„Er spricht jetzt bloß nicht davon, aber glaube mir, es ist so, wie ich dir sage. Er ist ein geistreicher Mensch, zweifellos auch von umfassender Bildung und tiefem Wissen, nur fragt es sich, ob sein Wissen auch wirklich gerade das richtige Wissen ist. Das war damals alles nach seinem dreijährigen Aufenthalt im Auslande. Ich gestehe, er hat mich tief erschüttert ... und überhaupt uns alle ... Cher enfant, j’aime le bon Dieu[13] ... Ich glaube an ihn, ich glaube soviel ich kann, aber – damals geriet ich doch entschieden außer mir. Nun ja, schön, nehmen wir an, daß es von mir leichtfertig war, mich hinter diesem Verteidigungsmittel zu verschanzen, aber ich wählte mit Absicht gerade dieses; denn ich war gereizt, ich ärgerte mich, – und übrigens war der Kern meiner Entgegnung, das Wesentliche, genau so ernst, wie seit dem Anfang der Welt: ‚Wenn das höchste Wesen‘ – das war meine Entgegnung –, ‚wenn das höchste Wesen persönlich existiert, und nicht da in Gestalt irgendeines Geistes in der Schöpfung ausgegossen ist, etwa wie eine Flüssigkeit oder so ungefähr (denn das ist ja noch schwerer zu begreifen), so frage ich: wo lebt es dann eigentlich? Mein Freund, c’était bête,[14] natürlich, aber im Grunde laufen doch alle Entgegnungen nur auf diese eine Frage hinaus. Un domicile[15] – das ist ein wichtiger Punkt.‘ Er ärgerte sich furchtbar. Er trat dort zum Katholizismus über.“

„Davon habe ich gleichfalls gehört. Selbstverständlich ist das nur dummes Geschwätz.“

„Ich versichere dir bei allem, was heilig ist, es war so. Betrachte ihn nur aufmerksamer ... Übrigens – du sagst, er habe sich verändert. Nun, aber damals – wie hat er uns da alle gehetzt und gequält! Wirst du’s mir glauben, er hielt sich doch, als ob er ein Heiliger wäre und sein Leib nach dem Tode nicht verwesen würde. Seine Gebeine also Reliquien! Er verlangte von uns Rechenschaft über unser Leben, ich schwöre es dir! Reliquien! En voilà une autre![16] Nun gut, ich will ja nichts sagen, wenn es irgend so ein Mönch oder Einsiedler ist, – ein Mensch aber, der hier unter uns im Frack einhergeht ..., und auch alles übrige wie es sich gehört ... und plötzlich – heilige Gebeine! ... Ein seltsamer Wunsch für einen Gentleman, und, offengestanden, auch ein recht sonderbarer Geschmack. Das heißt, ich will ja nichts dagegen sagen; das gehört natürlich alles zur Geschichte der Heiligkeiten, und was kann denn schließlich nicht vorkommen ... Und überdies ist das alles de l’inconnu,[17] aber für einen Menschen, der in der Gesellschaft lebt, ist so etwas doch einfach unschicklich, sogar direkt unstatthaft, meiner Meinung nach. Wenn das zum Beispiel mit mir geschehen sollte, oder sagen wir, wenn man es mir anböte, so würde ich es, mein Wort darauf, doch lieber ablehnen. Wie, heute speise ich im Klub, und dann plötzlich – erscheine ich verklärt! ... Aber ich würde mich doch einfach lächerlich machen! Das habe ich ihm damals auch alles auseinandergesetzt ... Er trug damals nach Art der Büßer Ketten auf dem Leibe.“

Mir stieg vor Zorn das Blut ins Gesicht.

„Haben Sie die selbst gesehen?“

„Selbst habe ich sie nicht gesehen, aber man hat mir ...“

„Dann erkläre ich Ihnen, daß das nichts als Lüge ist, die gemeine Verleumdung seiner Feinde, oder richtiger, seines größten und unmenschlichsten Feindes; denn im Grunde hat er ja überhaupt nur einen einzigen Feind, und dieser ist – Ihre Tochter!“

Jetzt war er es, dem Zornesröte ins Gesicht stieg.

Mon cher, ich bitte dich und wünsche, daß der Name meiner Tochter hinfort nie mehr vor meinen Ohren mit dieser schändlichen Geschichte in Verbindung gebracht werde.“

Ich erhob mich. Er war empört; sein Kinn zitterte.

Cette histoire infâme![18] ... Ich habe nicht an sie geglaubt, niemals würde ich an sie glauben, aber ... wenn man mir von allen Seiten sagt: glaube daran, glaube, so ...“

Da trat der Diener ins Zimmer und meldete unerwarteten Besuch. Ich setzte mich wieder auf meinen Platz.

IV.

Ins Zimmer traten zwei junge Damen: die eine war die Stieftochter eines Vetters der verstorbenen Frau des Fürsten, oder etwas ähnliches, die von ihm erzogen worden war, und der er bereits eine Mitgift ausgesetzt hatte, obschon sie (dies sei wegen des Folgenden bemerkt) auch selbst nicht arm war.

Die andere war – Anna Andrejewna, Werssiloffs legitime Tochter, die drei Jahre älter war als ich. Sie lebte mit ihrem Bruder bei den Fanariotoffs, und ich hatte sie bis dahin nur ein einzigesmal ganz flüchtig auf der Straße gesehen. Mit ihrem Bruder dagegen war ich in Moskau bereits einmal zusammengekommen, allerdings auch nur flüchtig. (Vielleicht werde ich noch bei Gelegenheit auf diese Begegnung in Moskau zu sprechen kommen, obwohl sie es eigentlich nicht wert ist.) Diese Anna Andrejewna war schon von Kindheit an der ganz besondere Liebling des alten Fürsten gewesen (seine Freundschaft mit Werssiloff datierte ja schon seit undenklichen Zeiten). Ich war durch die zuletzt zwischen uns gefallenen Worte so verwirrt, daß ich, als sie eintraten, nicht einmal aufstand, während der Fürst sich sogleich erhob und ihnen entgegenging. Dann aber war es zu spät, – ich schämte mich, noch „nachträglich“ aufzustehen, und so blieb ich sitzen. Ich war hauptsächlich deshalb so verwirrt, weil der Fürst mich vor ein paar Augenblicken so angefahren hatte, daß ich nicht wußte, ob ich fortgehen oder bleiben sollte. Doch der Alte hatte seiner Gewohnheit gemäß schon wieder alles vergessen und schien durch den Anblick der jungen Damen förmlich neu belebt zu sein: sein ganzes Mienenspiel veränderte sich im Nu, und er raunte mir noch, während jene bereits eintraten, mit einem vielsagenden Augenzwinkern unbemerkt zu:

„Betrachte die Olympia, aber aufmerksam, aufmerksam, werde dir später erzählen ...“

Ich betrachtete sie denn auch wirklich ziemlich aufmerksam, konnte aber nichts Besonderes an ihr entdecken: ein nicht sehr großes Mädchen, rundlich und mit auffallend roten Wangen. Das Gesicht war eigentlich ganz sympathisch, eines von jenen, die den Materialisten gefallen. Vielleicht lag in ihm auch ein Ausdruck von Güte, jedoch – mit Vorbehalt. Durch besondere Intelligenz konnte sie sich entschieden nicht auszeichnen – ich meine Intelligenz im höheren Sinne –; denn Schlauheit verrieten ihre Augen sogar in hohem Maße. Alter – höchstens neunzehn. Mit einem Wort, nichts Besonderes. Bei uns im Gymnasium hätte man gesagt: ein Kissen. (Wenn ich jetzt alles so ausführlich beschreibe, so geschieht das einzig im Hinblick auf das Folgende.)

Übrigens dient auch alles andere, was ich bisher scheinbar mit ganz überflüssiger Ausführlichkeit wiedergegeben habe, nur zur Erläuterung des Weiteren. Somit ist denn nichts überflüssig; ich habe es nicht verstanden, Einzelheiten zu übergehen, doch wen sie langweilen, der braucht sie ja nicht zu lesen.

Eine ganz andere Erscheinung war dagegen Werssiloffs Tochter. Groß, schlank, mit einem länglichen, auffallend bleichen Gesicht; dazu dunkles, fast schwarzes wundervolles Haar; und ebenso dunkle Augen, dunkel und groß, mit einem tiefen Blick; schmale, blaßrosa Lippen, ein frischer Mund. Das erste Weib, das mich durch seinen Gang nicht angeekelt hat, – freilich war sie, wie gesagt, sehr schlank, fast sogar mager. Ihr Gesichtsausdruck sprach nicht gerade von Güte, aber es lag in ihm Vornehmheit und Würde. Zweiundzwanzig Jahre alt. Doch sonderbar: fast kein einziger Zug im Gesicht, der eine Ähnlichkeit mit Werssiloff gehabt hätte, indessen aber, wie durch ein Wunder, lag eine ungeheure Ähnlichkeit mit ihm im ganzen Gesichtsausdruck. Ich weiß nicht, ob ich sie schön nennen soll. Es kommt auf den Geschmack an. Gekleidet waren sie beide so schlicht, daß es sich nicht lohnt, die Kleider näher zu beschreiben. Ich war darauf gefaßt, daß die Werssilowa mich sogleich beleidigen werde, sei es mit einem Blick, einem Achselzucken oder gleichviel wie, und ich bereitete mich schon darauf vor. Hatte doch ihr Bruder in Moskau auch schon bei unserer ersten Begegnung die Gelegenheit wahrgenommen, mich zu beleidigen! Sie konnte zwar nicht wissen, daß ich es war, sie hatte mich noch niemals gesehen, aber natürlich hatte sie schon gehört, daß ich zum Fürsten kam. Es erregte eben alles, was der Fürst tat oder unterließ, in der ganzen Schar seiner Verwandten, die ja alle auf ihn „hofften“, von vornherein das größte Interesse, weshalb denn auch die geringfügigsten Dinge zu wahren Ereignissen aufgebauscht wurden, – um wievielmehr mußte das nun noch mit seiner plötzlichen Neigung zu mir der Fall sein. Ich wußte bereits, daß der Fürst sich für das Schicksal Anna Andrejewnas ausnehmend interessierte und ihr einen Gatten verschaffen wollte. Nur war es unvergleichlich schwerer, für die Werssilowa einen Liebhaber zu finden als für jene, die auf Kanevas stickten.

Doch siehe da, es kam ganz anders und wider alle Erwartung: Nachdem die Werssilowa dem Fürsten die Hand gereicht und ein paar scherzhafte, wenn auch konventionelle Worte mit ihm gewechselt hatte, sah sie plötzlich gespannt nach mir hin. Ich sah sie gleichfalls an, und plötzlich nickte sie mir mit einem Lächeln zu. Das hätte freilich nicht viel zu bedeuten gehabt, sie grüßte eben, wie man es immer tut, wenn man in ein Zimmer tritt, in dem ein fremder Gast des Hausherrn anwesend ist. Aber ihr Lächeln – nein, dieses Lächeln war so gütig, daß es augenscheinlich nur vorbedacht sein konnte. Und ich erinnere mich noch, ich hatte dabei eine ungewöhnlich angenehme Empfindung.

„Und das ... dies ist – mein junger und lieber Freund Arkadi Andrejewitsch Dol...“ begann der Fürst, der ihren Gruß bemerkt hatte, während ich immer noch saß, – und plötzlich stockte er mitten im Satz: vielleicht besann er sich darauf, wen er da vorstellte – im Grunde doch den Bruder der Schwester. Das „Kissen“ grüßte daraufhin gleichfalls, ich aber ärgerte mich plötzlich höchst dummerweise und sprang auf, – es war eine Anwandlung falschen, sinnlosen Stolzes, natürlich nur aus Eigenliebe.

„Entschuldigen Sie, Fürst, ich heiße nicht Arkadi Andrejewitsch, sondern Arkadi Makarowitsch,“ versetzte ich schroff, ohne daran zu denken, daß ich den jungen Damen zuvor eine Verbeugung schuldig war. Hol’ der Teufel diesen peinlichen Zwischenfall!

Mais ... Tiens![19] Der Fürst besann sich sogleich und tippte sich mit dem Finger vor die Stirn.

„Wo haben Sie die Schule besucht?“ ertönte da in meiner Nähe eine kindlich dumme Frage in kindlich langsamer Sprechweise: das „Kissen“ war näher zu mir getreten.

„In Moskau, im Gymnasium.“

„Ah! Ich habe davon gehört. Wie, wird dort gut unterrichtet?“

„Sehr gut.“

Ich stand immer noch und antwortete wie ein Soldat, der rapportieren muß.

Die Fragen dieses Fräuleins waren wohl nichts weniger als geistreich, aber immerhin hatte sie die Geistesgegenwart, meinen dummen Ausfall durch irgendeine Frage vergessen zu machen und dem Fürsten aus seiner Verlegenheit zu helfen. Übrigens hörte dieser schon mit einem heiteren Lächeln dem geheimnisvollen und munteren Geflüster der Werssilowa zu, das augenscheinlich nicht mich zum Gegenstande hatte. Ich frage mich: Weshalb nahm es dieses Mädchen, das mir doch völlig fremd war, ungebeten auf sich, meinen dummen Ausfall gutzumachen? Und überdies war es ganz unmöglich, sich vorzustellen, daß sie sich nur so, nur zufällig an mich wandte: die Absicht war zu deutlich. Sie sah mich gar zu interessiert an, ganz als hätte sie gewünscht, von mir ebenso betrachtet zu werden, so interessiert wie nur möglich. Das habe ich mir natürlich erst nachher gesagt und mich auch nicht getäuscht.

„Wie, schon heute?“ rief plötzlich der Fürst ganz erschrocken aus.

„Haben Sie es denn nicht gewußt?“ fragte die Werssilowa verwundert. „Olympia! Der Fürst hat es gar nicht gewußt, daß Katerina Nikolajewna heute ankommt! Aber wir sind doch deshalb hergekommen, weil wir dachten, sie sei schon mit dem Frühzuge eingetroffen und schon längst zu Haus. Statt dessen trafen wir sie gerade erst bei der Vorfahrt, als wir ausstiegen: sie kam direkt von der Bahn und sagte uns, wir sollten nur zu Ihnen gehen, sie werde sogleich nachkommen ... Aber da ist sie ja schon!“

Eine Tür tat sich auf und – jene Frau erschien!

Ich kannte bereits ihr Gesicht. Im Kabinett des Fürsten hing ein wundervolles Porträt von ihr, und den ganzen Monat hatte ich es Zug für Zug studiert. Während ihrer Anwesenheit verbrachte ich höchstens drei Minuten im Kabinett und wandte die ganze Zeit keinen Blick von ihrem Gesicht. Doch wenn ich das Porträt nicht gekannt und jemand mich nach jenen drei Minuten gefragt hätte: wie sieht sie aus? – ich hätte ihm nichts antworten können; denn ich wußte es nicht, es war da alles in mir zu einem Chaos geworden.

Ich entsinne mich, wenn ich an diese drei Minuten zurückdenke, nur noch einer tatsächlich wunderschönen Frau, die der Fürst mehrmals küßte und bekreuzte, und die sich dann plötzlich – ganz offen und unverhohlen, kaum daß sie eingetreten war – mir zuwandte und mich anstarrte. Ich hörte noch ganz deutlich, wie der Fürst, der offenbar auf mich gewiesen hatte, etwas von seinem neuen Sekretär mit einem unsicheren, halben Lachen äußerte, und zum Schluß meinen Familiennamen nannte. Sie warf eigentümlich den Kopf in den Nacken, blickte mich häßlich an und lächelte dann so beleidigend, daß ich plötzlich vortrat, zum Fürsten schritt und zitternd, wohl nur halb verständlich, die Worte durch die Zähne hervorstieß:

„Jetzt ... ich habe anderes zu tun ... für mich. Ich gehe.“

Und ich kehrte ihnen den Rücken und ging. Niemand sagte mir ein Wort, nicht einmal der Fürst. Aller Augen sahen mich nur unverwandt an. Später sagte mir der Fürst, ich wäre so erbleicht, daß ihm „einfach angst und bange“ geworden sei.

Das war nun freilich ganz überflüssig!