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Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 31: IV.
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About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Viertes Kapitel.

I.

Krafft hatte früher irgendwo eine Stellung gehabt, war aber gleichzeitig dem verstorbenen Andronikoff bei der Führung verschiedener Privatgeschäfte, mit denen sich dieser beständig noch neben seiner Amtstätigkeit befaßt hatte, behilflich gewesen (natürlich gegen eine materielle Entschädigung). Für mich war es nun von besonderer Wichtigkeit, daß Krafft, eben als ehemaliger Mitarbeiter Andronikoffs, in vieles von dem, was mich so sehr interessierte, eingeweiht sein konnte. Außerdem hatte mir Marja Iwanowna gesagt – die Frau Nikolai Ssemjonowitschs, bei dem ich als Gymnasiast lange Jahre gelebt habe, und die als leibliche Nichte und Pflegetochter Andronikoffs dessen Liebling gewesen war –, daß Krafft sogar „beauftragt“ sei, mir etwas zu übergeben. Deshalb hatte ich denn auch den ganzen Monat mit Spannung auf ihn gewartet.

Er lebte in einer kleinen Wohnung von zwei Zimmern, wohnte dort ganz allein, und jetzt, nach der Rückkehr von der Reise, sogar ohne Bedienung. Sein Koffer war zwar schon aufgeschlossen, doch noch nicht ausgepackt; ein Teil der Sachen lag auf den Stühlen umher, und auf dem Tisch vor dem Sofa lagen ein Reisesack, ein Necessaire, ein Revolver und noch verschiedenes andere. Als wir eintraten, war Krafft tief in Gedanken versunken und schien mich ganz vergessen zu haben; ja, vielleicht war es ihm überhaupt nicht zum Bewußtsein gekommen, daß ich unterwegs nicht mit ihm gesprochen hatte. Er begann sogleich irgend etwas zu suchen, doch als er dabei zufällig in den Spiegel sah, blieb er stehen und betrachtete sich eine ganze Weile aufmerksam. Das fiel mir zwar als sonderbar auf (und später habe ich mich alles dessen nur zu gut erinnert), aber in jenem Augenblick war ich sehr niedergeschlagen und verwirrt. Ich hatte nicht die Kraft, meine Gedanken zu konzentrieren. Plötzlich wollte ich kurz entschlossen fortgehen und „die ganze Sache für immer aufgeben“. Ja, und was war denn das alles, genau genommen? War es nicht eine ganz unnützerweise mir von mir selbst eingeredete Sorge? Der Gedanke war zum Verzweifeln, daß ich hier einzig aus Sentimentalität eine Menge Energie auf wertlose Kleinigkeiten verschwendete, während eine so große Aufgabe, wie ich sie vor mir sah, meiner ganzen Energie restlos bedurfte. Indessen aber hatte sich meine Unfähigkeit zu einer ernsten Sache, wie mir schien, durch das, was bei Dergatschoff geschehen war, schon selbst ein glänzendes Zeugnis ausgestellt.

„Sagen Sie, Krafft, werden Sie jemals wieder zu diesen da ... hingehen?“ fragte ich ihn plötzlich. Er wandte sich langsam zu mir und sah mich an, als verstünde er mich nicht recht. Ich setzte mich auf einen Stuhl.

„Verzeihen Sie ihnen!“ sagte er da auf einmal.

Ich hielt das im ersten Augenblick natürlich für Spott; doch wie ich ihn prüfend ansah, gewahrte ich in seinem Gesicht einen Ausdruck so seltsamer und erstaunlicher Treuherzigkeit, daß es mich selber wundernahm, wie er mich denn so im Ernst hatte bitten können, ihnen zu „verzeihen“. Er nahm einen Stuhl und setzte sich neben mich.

„Ich weiß es selbst, daß ich vielleicht nur ein Konglomerat aller Ehrgeize bin und nichts weiter,“ begann ich, „aber um Verzeihung bitte ich nicht.“

„Und es ist ja auch niemand da, den Sie bitten könnten,“ sagte er ernst und leise. Er sprach die ganze Zeit leise und sehr langsam.

„Mag ich auch tausendmal vor mir selber schuldig sein ... Ich liebe es, mich vor mir schuldig zu fühlen ... Krafft, verzeihen Sie, daß ich Ihnen nicht die Wahrheit sage! – Sagen Sie, gehören Sie denn wirklich auch zu diesem Kreise? Das war es, was ich Sie fragen wollte.“

„Die dort sind nicht dümmer als andere und nicht klüger; sie sind – geisteskranke Menschen wie alle.“

„Sind denn alle geisteskrank?“ Ich wandte mich zu ihm und sah ihn mit unwillkürlicher Neugier an.

„Von den besseren sind jetzt alle geisteskrank. In jubilo gelebt wird nur von der geistigen Mittelmäßigkeit und Unbegabtheit ... Übrigens, wozu davon reden, es lohnt ja nicht.“

Während er sprach, schaute er vor sich in die Luft, jedoch ohne etwas zu sehen, begann seine Sätze und brach sie wieder ab. Was mir ganz besonders auffiel, war eine gewisse wehmütige Mutlosigkeit in seiner Stimme.

„Sollte auch Wassin zu ihnen gehören? In Wassin steckt Verstand, Wassin hat eine sittliche Idee!“ rief ich.

„Sittliche Ideen gibt es jetzt überhaupt nicht; plötzlich erwies es sich, daß keine einzige vorhanden war, und die Hauptsache, es ist, als hätte es auch früher nie welche gegeben.“

„Wie, auch früher nicht?“

„Lassen wir dies lieber,“ sagte er sichtlich ermüdet.

Sein trauriger Ernst ging mir nahe. Ich schämte mich meiner Selbstsucht und versuchte, auf seinen Ton einzugehen.

„Unsere Zeit,“ begann er selbst wieder nach einer Weile, dabei immer noch vor sich in die Luft starrend, „unsere Zeit ist das Zeitalter der goldenen Mittelmäßigkeit und der Gefühlsstumpfheit, der größten Vorliebe für Unwissenheit und Faulheit, ist das Zeitalter der Unfähigkeit zur Tat und des Verlangens, alles fertig vorzufinden. Kein Mensch denkt nach; selten bringt es jemand bis zu einer eigenen Idee.“

Er schwieg eine Weile, dann fuhr er fort:

„Jetzt fällen sie in Rußland die Wälder, erschöpfen den Boden, verwandeln das Land in eine Steppe und bereiten es für die Kalmücken vor. Sollte aber ein Mensch noch Hoffnung haben und einen jungen Baum pflanzen – da würden sie ihn einfach auslachen: ‚Wirst du denn noch bis zur Nutznießung leben?‘ Die aber, die das Gute wollen, die verbringen ihr Leben in Debatten über das, was nach tausend Jahren sein wird. Jede festigende Idee fehlt den Menschen. Alle sind wie auf einer Bahnstation, und es ist, als müßten sie morgen schon hinaus aus Rußland, alle leben, als dächten sie: wenn’s nur für uns noch langt!“

„Erlauben Sie, Krafft, Sie sagten: die das Gute wollen, die dächten nur daran, was nach tausend Jahren sein wird. Nun, aber Ihr Verzweifeln ... an Rußlands Schicksal ... ist das – ist das nicht eine Sorge von derselben Art?“

„Das – das ist die erste und wichtigste Frage, die es für uns heute überhaupt gibt!“ stieß er gereizt hervor und erhob sich schnell.

„Ach so! Da hätte ich es fast vergessen!“ sagte er plötzlich, wie sich besinnend und mit ganz anderer Stimme, und dabei sah er mich wie selbst überrascht und gleichsam zweifelnd an. „Ich habe Sie wegen einer bestimmten Angelegenheit zu mir gebeten, und statt dessen ... Ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung.“

Es war, als wäre er aus einem Traum erwacht und deshalb etwas verwirrt. Er entnahm seinem Portefeuille, das auf dem Tisch lag, einen Brief und übergab ihn mir.

„Dies hier sollte ich Ihnen einhändigen. Dieser Brief hat die Bedeutung eines Dokuments, das von einer gewissen Wichtigkeit ist,“ begann er, sichtlich mit konzentrierter Aufmerksamkeit und sehr sachlich. Lange nachher habe ich ihn noch in der Erinnerung bewundern müssen wegen dieser seiner Fähigkeit, sich mit so aufrichtiger Teilnahme (und das noch in diesen Stunden!) einer fremden Angelegenheit widmen, so ruhig und gewissenhaft und unbeirrt den Sachverhalt klarlegen zu können.

„Es ist das ein Brief von eben jenem Stolbejeff, nach dessen Tode es wegen seiner Nachlassenschaft zwischen Werssiloff und den Fürsten Ssokolski zum Prozeß gekommen ist. Die Sache ist noch nicht entschieden, aber aller Voraussicht nach wird das Gericht die Erbschaft Werssiloff zusprechen; für ihn spricht jedenfalls das Gesetz. In diesem Brief aber, einem Privatbrief, der vor zwei Jahren geschrieben ist, spricht der verstorbene Stolbejeff seinen Willen in betreff des Vermächtnisses aus, oder richtiger gesagt, seinen Wunsch, und das eher zugunsten der Fürsten als zugunsten Werssiloffs. Wenigstens erhalten die Punkte, auf die sich die Fürsten bei der Anfechtung des Testaments berufen, durch diesen Brief eine starke Stütze. Werssiloffs Gegner würden deshalb viel für dieses Dokument geben, obschon dasselbe, wie gesagt, noch längst nicht von entscheidender Bedeutung ist. Alexei Nikanorowitsch Andronikoff, der sich mit Werssiloffs Angelegenheiten befaßte, bewahrte diesen Brief bei sich auf, und erst kurz vor seinem Tode gab er ihn mir mit der Bitte, ihn bei mir ‚aufzubewahren‘, – vielleicht fürchtete er für seine Papiere, da er seinen Tod wohl voraussah. Übrigens will ich mich nicht in Mutmaßungen über seine Beweggründe zu dieser Handlungsweise ergehen, aber – ich muß gestehen, daß ich mich nach seinem Tode in einer peinigenden Ungewißheit befand: ich wußte nicht, was ich mit diesem Dokument anfangen sollte, besonders da die gerichtliche Entscheidung in diesem Prozeß schon so nahe bevorstand. Aus dieser schwierigen Situation befreite mich zum Glück Marja Iwanowna, der Andronikoff bei seinen Lebzeiten, wie mir scheint, vieles anvertraut hat. Sie schrieb mir – ungefähr vor drei Wochen – mit aller Bestimmtheit, ich solle den Brief gerade Ihnen übergeben, das würde ‚wahrscheinlich‘ (dies ist ihr Ausdruck) auch mit dem Wunsch des verstorbenen Andronikoff übereinstimmen. So, und nun habe ich das Dokument Ihnen eingehändigt, und es freut mich sehr, daß ich das endlich habe tun können.“

„Hören Sie mal,“ sagte ich, noch ganz bestürzt durch diese unerwartete Neuigkeit, „aber was soll ich denn jetzt mit diesem Brief anfangen? Wie soll ich handeln?“

„Das hängt nun schon von Ihrem Ermessen ab; ganz wie Sie wollen.“

„Unmöglich, ich bin doch entsetzlich gebunden, das müssen Sie doch selbst zugeben! Werssiloff hat so auf diese Erbschaft gewartet ... und wissen Sie, ohne diese Hilfe ist er einfach verloren – und da existiert nun plötzlich dieses Dokument!“

„Es existiert nur hier, in diesem Zimmer.“

„Ist das wirklich so?“ Ich sah ihn scharf an.

„Wenn Sie in diesem Fall nicht selber wissen, wie Sie handeln sollen, was kann ich Ihnen dann noch raten?“

„Aber dem Fürsten Ssokolski kann ich den Brief doch auch nicht geben: damit würde ich alle Hoffnungen Werssiloffs zerstören, und überdies würde ich dann geradezu als Verräter vor ihm dastehen ... Andererseits, wenn ich den Brief Werssiloff gebe, so stürze ich Unschuldige in die größte Armut, und ihn selbst brächte ich in eine Zwangslage, aus der es keinen anderen Ausweg gibt, als – entweder auf die Erbschaft verzichten oder Diebstahl begehen.“

„Sie überschätzen die Bedeutung des Briefes gar zu sehr.“

„Sagen Sie mir eines: hat dieser Brief als Dokument einen endgültig entscheidenden Charakter?“

„Nein, den hat er nicht. Ich bin kein großer Jurist, aber der Anwalt der Gegenpartei würde natürlich wissen, wie er sich dieses Dokuments zu bedienen hätte, und selbstverständlich würde er den größtmöglichen Nutzen aus ihm herausschlagen; aber Andronikoff behauptete positiv, daß dieser Brief, wenn er vorgezeigt werden sollte, doch von keiner großen juridischen Bedeutung wäre, so daß Werssiloff dennoch den Prozeß gewinnen könnte. Die Bedeutung dieses Dokuments ist also, wenn man will, eher unter dem Gesichtswinkel einer Gewissenssache aufzufassen ...“

„Ja, aber gerade das ist doch das wichtigste,“ unterbrach ich ihn, „eben deshalb käme Werssiloff in eine rettungslose Lage!“

„Er kann ja das Dokument auch vernichten, und dann wäre er, im Gegenteil, von aller Gefahr befreit.“

„Haben Sie besondere Gründe, eine solche Handlungsweise von ihm zu erwarten, Krafft? Das ist es, was ich wissen will: deshalb bin ich auch hier bei Ihnen!“

„Ich glaube, an seiner Stelle würde ein jeder so handeln.“

„Und Sie – Sie auch?“

„Mir fallen keine Erbschaften zu, daher kann ich es von mir nicht sagen.“

„Nun gut,“ sagte ich und steckte den Brief in die Tasche. „Diese Sache mag vorläufig abgetan sein. Aber jetzt hören Sie mich an, Krafft. Marja Iwanowna, die mir übrigens – ich versichere Sie – vieles anvertraut hat, sagte mir, nur Sie, Sie allein könnten mir die Wahrheit darüber sagen, was sich vor anderthalb Jahren in Ems zwischen Werssiloff und den Achmakoffs zugetragen hat. Ich habe auf Sie gewartet wie auf die Sonne, die mir alles erhellen werde. Sie kennen meine Lage nicht. Ich bitte, ich beschwöre Sie, Krafft, sagen Sie mir die ganze Wahrheit! Ich will, ich muß wissen, was für ein Mensch er ist, und jetzt – gerade jetzt ist das für mich mehr als je von allergrößter Wichtigkeit.“

„Es wundert mich, daß Marja Iwanowna Ihnen nicht selbst alles gesagt hat; sie konnte doch alles vom verstorbenen Andronikoff erfahren, und natürlich hat sie das auch, weshalb sie vielleicht mehr weiß als ich.“

„Ja, aber Andronikoff habe in dieser Sache selbst nicht ganz klar gesehen, sagte sie mir. Wie mir scheint, kann überhaupt kein Mensch diese verworrene Geschichte entwirren! Da würde selbst der Teufel mit den Beinen im Garn stecken bleiben! Von Ihnen aber weiß ich, daß Sie damals gleichfalls in Ems waren ...“

„Nicht die ganze Zeit. Erst zum Schluß. Doch was ich weiß, kann ich Ihnen ja erzählen, nur fragt es sich, ob ich Sie damit zufriedenstellen werde?“

II.

Ich will das, was er mir damals erzählte, nicht wortgetreu wiedergeben, sondern beschränke mich auf eine gekürzte Darstellung des Sachverhalts, soweit ihm dieser bekannt war.

Vor anderthalb Jahren war Werssiloff mit der Familie Achmakoff, die er durch den alten Fürsten Ssokolski kennen gelernt hatte (alle hielten sich zu der Zeit in Bad Ems auf), sehr befreundet gewesen und hatte namentlich auf den General Achmakoff einen großen Eindruck gemacht. Der General war noch kein alter Mann, hatte aber in den drei Jahren seiner Ehe bereits die ganze große Mitgift seiner zweiten Frau, der Tochter des alten Fürsten Ssokolski, Katerina Nikolajewna, am Kartentisch verspielt, und infolge seines zügellosen Lebens schon einen Schlaganfall gehabt. Von diesem Schlaganfall erholte er sich im Auslande, in Ems aber lebte er wegen seiner Tochter, des einzigen Kindes aus seiner ersten Ehe. Es war das ein kränkliches Mädchen von siebzehn Jahren, brustleidend, und wie man erzählt, soll sie sehr schön gewesen sein, zugleich aber auch ungeheuer phantastisch. Eine Mitgift besaß sie nicht, doch man hoffte auch in der Beziehung, wie überhaupt, auf den alten Fürsten. Von Katerina Nikolajewna heißt es allgemein, daß sie eine gute Stiefmutter gewesen sei. Aber das junge Mädchen hing aus irgendeinem Grunde mit rührender Liebe an Werssiloff. Er predigte damals „etwas Leidenschaftliches“, wie Krafft sich ausdrückte, irgendein neues Leben, und war „im höheren Sinne religiös gestimmt“, nach einem seltsamen und vielleicht sogar spöttischen Ausdruck Andronikoffs, der mir auch von anderer Seite wiedergegeben worden ist. Merkwürdig bleibt aber trotzdem, daß ihn bald alle nicht mehr mochten. Ja, der General begann ihn sogar zu fürchten. Krafft stellte auch das Gerücht durchaus nicht in Abrede, wonach es Werssiloff gelungen sei, den kranken General mittelbar auf den Gedanken zu bringen, daß Katerina Nikolajewna gegen den jungen Fürsten Ssokolski, der damals schon Ems verlassen und sich nach Paris begeben hatte, nicht gleichgültig sei. Gesagt habe er ihm das nicht offen und unmißverständlich, sondern „nach seiner Art“, mit mehr allgemein gehaltenen Betrachtungen, Andeutungen und in ihrer Wirkung fein berechneten indirekten Bemerkungen, „in welcher Kunst er ja ein großer Meister ist“, wie Krafft sich ausdrückte. Überhaupt muß ich sagen, daß Krafft ihn eher für einen Betrüger und geborenen Intriganten hielt und halten wollte, als für einen wirklich von etwas Höherem erfüllten oder auch nur originellen Menschen. Ich hatte allerdings schon in Moskau gehört, daß Werssiloff anfangs einen ungeheueren Einfluß auf Katerina Nikolajewna gehabt, später sich aber mit ihr verfeindet habe. Wie es dazu gekommen und was hierbei mit im Spiel gewesen war, konnte ich nun leider auch von Krafft nicht erfahren. Er bestätigte nur, was ich schon wußte: daß beide nach ihrer großen Freundschaft die größten Feinde geworden waren. Dann aber war etwas sehr Sonderbares geschehen: die kranke Stieftochter der Katerina Iwanowna hatte sich augenscheinlich in Werssiloff verliebt; vielleicht war sie durch irgend etwas an ihm bestrickt worden, oder seine Worte hatten sie begeistert, oder – ja, ich weiß nicht, wie das zu erklären wäre. Jedenfalls aber hat Werssiloff eine Zeitlang jeden Tag bei dem jungen Mädchen verbracht. Es endete damit, daß das Mädchen eines Tages dem Vater erklärte, Werssiloff heiraten zu wollen. Diese Tatsache haben mir alle bestätigt, sowohl Krafft wie Andronikoff und Marja Iwanowna; und sogar der verschwiegenen Tatjana Pawlowna ist einmal in meiner Gegenwart unbedachterweise eine diesbezügliche Bemerkung entschlüpft. Desgleichen sagten alle übereinstimmend aus, daß Werssiloff die Ehe mit dem jungen Mädchen nicht nur gewünscht, sondern auf diesem Wunsch sogar unbedingt bestanden habe, und das Einverständnis dieser beiden so ungleichartigen Geschöpfe, des älteren Mannes und des kindlichen Mädchens, somit ein beiderseitiges gewesen sei. Aber den Vater erschreckte dieser Gedanke; er hatte, seitdem seine einst heiße Liebe zu Katerina Nikolajewna zu erkalten begann, seine Tochter fast zu vergöttern angefangen, besonders nach seinem Schlaganfall. Doch als erbittertste Gegnerin einer solchen Ehe war Katerina Nikolajewna selbst aufgetreten. Es kam zu unzähligen, meist heimlichen und höchst unerquicklichen Familienszenen, zu Streit und Kränkungen und – nun, mit einem Wort, zu verschiedenen Gemeinheiten. Der Vater begann schließlich nachzugeben, als er die Hartnäckigkeit seiner verliebten und, wie Krafft sich ausdrückte, „von Werssiloff fanatisierten“ Tochter sah. Aber Katerina Nikolajewna blieb bei ihrem Widerstand, und das sogar mit unerbittlichem Haß. Was nun weiter geschehen ist oder geschehen sein soll, ist eine Verwicklung, die niemand ganz verstehen kann. Ich kann nur wiedergeben, wie Krafft das Ganze auf Grund der ihm bekannten Tatsachen zu deuten versuchte, nur ist seine Auslegung bloß eine von vielen.

Er meinte, Werssiloff habe dem jungen Mädchen auf seine Art fein und glaubwürdig einzuflüstern verstanden, daß Katerina Nikolajewna nur deshalb so sehr gegen diese Heirat sei, weil sie sich selbst in ihn verliebt habe und ihn schon seit langer Zeit mit ihrer Eifersucht quäle, ihn verfolge, intrigiere, ihm sogar schon ihre Liebe gestanden habe und ihn jetzt aus Haß, weil er eine andere liebgewonnen, womöglich umzubringen fähig sei, – kurz, eine häßliche Einflüsterung von ungefähr dieser Art. Noch viel häßlicher war aber die Vermutung, er habe das auch dem General, dem Gatten der „ungetreuen“ Frau, „zu verstehen gegeben“, und gleichzeitig auf den Verkehr der Generalin mit dem jungen Fürsten Ssokolski zur Ablenkung der Aufmerksamkeit hingewiesen. Natürlich wurde nun das Familienleben der Achmakoffs zur Hölle. Von anderer Seite hatte ich aber gehört, daß Katerina Nikolajewna ihre Stieftochter innig geliebt habe und über diese Verleumdung geradezu verzweifelt gewesen sei, ganz abgesehen von der Pein des Zusammenseins mit ihrem kranken Mann. Aber es gibt noch eine Variante, der zu meinem Leidwesen auch Krafft am meisten Glauben schenkte, und die – auch ich am glaubwürdigsten fand (von allen diesen Sachen hatte ich schon früher gehört). Es wurde nämlich behauptet (Katerina Nikolajewna soll es Andronikoff selbst gesagt haben), daß, im Gegenteil, Werssiloff schon früher, das heißt noch bevor das junge Mädchen sich in ihn verliebt hatte, Katerina Nikolajewna seine Liebe angetragen habe; sie aber, die früher sein guter Freund und zeitweilig sogar seine glühende Freundin gewesen war, obschon sie ihm beständig nicht ganz getraut und immer widersprochen hatte, soll diese Liebeserklärung Werssiloffs mit Widerwillen vernommen und ihn mit Hohn zurückgewiesen haben. Und nach seinem unverblümten Vorschlag, nach dem bald zu erwartenden zweiten Schlaganfall und Tode ihres Gatten ihn, Werssiloff, zu heiraten, habe sie ihm dann in aller Form die Tür gewiesen. So war es denn nur zu erklärlich, daß Katerina Nikolajewna einen ganz besonderen Abscheu gegen Werssiloff empfand, als sie dann sah, wie er sich kurz darauf ganz unverhohlen um die Hand ihrer Stieftochter bewarb. Marja Iwanowna, die mir das alles in Moskau erzählte, glaubte selbst sowohl an diese wie an jene Variante, d. h. an beide zugleich: sie behauptete sogar ausdrücklich, daß beides sehr wohl gleichzeitig habe geschehen können, das wäre wie la haine dans l’amour,[22] wie gekränkter Liebesstolz beiderseits usw. usw., mit einem Wort, es lief schließlich auf eine an Romane erinnernde allerfeinste Gefühlsverwirrung hinaus, wie sie jedes ernsten und gesund denkenden Menschen unwürdig ist, und der zum Überfluß noch persönliche Gemeinheit beigemischt war. Doch übrigens braucht das, was Marja Iwanowna sagt, noch nicht maßgebend zu sein; ist sie doch von Kindesbeinen an mit Romanen vollgespickt, und noch jetzt liest sie Tag und Nacht Romane, trotz ihres an sich prächtigen Charakters. Kurz, das Endergebnis des Ganzen war, daß man Werssiloffs unzweifelhafte Niederträchtigkeit sah, – dazu ein Gewebe von Lüge und Intrige, etwas Dunkles und Häßliches, um so mehr, als es tatsächlich tragisch endete: das arme verliebte junge Mädchen vergiftete sich, und zwar, wie man erzählt, mit Phosphorstreichhölzern. Nur habe ich bis heute noch nicht festzustellen vermocht, ob dieses Gerücht auf Wahrheit beruht; jedenfalls hat man dasselbe nach Kräften zu vertuschen gesucht. Tatsache ist aber, daß das Mädchen im ganzen zwei Wochen lang krank war und dann starb. So ist die Auslegung mit den Streichhölzern immerhin zweifelhaft geblieben, aber Krafft glaubte dennoch bedingungslos an diese Todesursache. Bald darauf starb auch der General, wie man sagt, infolge der durch den Tod der geliebten Tochter verursachten schmerzlichen Erschütterung, die einen zweiten Schlaganfall hervorrief. Übrigens starb er doch erst drei Monate nach ihrem Tode. Inzwischen aber war der junge Fürst Ssokolski aus Paris nach Ems zurückgekehrt und hatte Werssiloff öffentlich im Kurpark eine Ohrfeige gegeben, war aber von diesem daraufhin nicht gefordert worden; im Gegenteil, Werssiloff war schon am nächsten Tage wieder auf der Promenade erschienen, als wäre nicht das Geringste vorgefallen. Da hatten sich denn alle von ihm abgewandt, was man später in Petersburg gleichfalls tat. Die wenigen, mit denen Werssiloff einen Verkehr noch fortsetzte, gehörten einem ganz anderen Kreise an. In der Gesellschaft wurde er einstimmig verurteilt, obschon kaum jemand näheres über den wahren Sachverhalt wußte: man hatte im Grunde nur von dem romantischen Tode des jungen Mädchens und von der Ohrfeige gehört. Vollständige Kenntnis von der Sachlage, d. h. soweit das möglich war, hatten nur zwei oder drei Personen; am meisten wußte der verstorbene Andronikoff, da er schon jahrelang zu den Achmakoffs in geschäftlichen Beziehungen gestanden hatte, und besonders in einer gewissen Angelegenheit Katerina Nikolajewnas Ratgeber gewesen war. Doch von allen diesen ihm anvertrauten Geheimnissen erfuhr selbst seine Familie nicht das geringste, nur Krafft und Marja Iwanowna teilte er einiges mit, und auch das nur, weil er sich dazu gezwungen sah.

„Die Hauptsache ist hier nun ein gewisses Dokument,“ schloß Krafft seine Mitteilungen, „vor dem Frau Achmakoff große Angst hat.“

Und er teilte mir folgendes mit:

Die Generalin Achmakoff hatte die Unvorsichtigkeit begangen, als ihr Vater, der alte Fürst Ssokolski, sich im Auslande von seinem Anfall schon zu erholen begann, einen sie selbst höchst kompromittierenden Brief an Andronikoff zu schreiben. Wie verlautet, soll der alte Fürst damals während seiner Genesung tatsächlich wie von einer Verschwendungssucht befallen gewesen sein und das Geld fast zum Fenster hinausgeworfen haben; so hatte er dort im Auslande verschiedene unnötige, doch teure Sachen zu kaufen angefangen, Gemälde, Vasen, hatte größere Summen zu Gott weiß welchen Unternehmungen und sogar zum Besten verschiedener dortiger Anstalten gestiftet, und von einem russischen Lebemann und Verschwender hätte er beinahe unbesehen für eine Riesensumme ein gänzlich heruntergewirtschaftetes und mit Schulden belastetes Gut gekauft; und schließlich soll er sich wirklich mit dem Gedanken an eine neue Heirat getragen haben. Angesichts dieser beängstigenden Aussichten hatte dann seine Tochter, die verwitwete Generalin Achmakoff, die während seiner Krankheit treu bei ihm aushielt, besagten Brief an Andronikoff geschrieben und ihm als Juristen und „alten Freunde“ einfach die Frage vorgelegt, „ob und wie es gesetzlich möglich wäre, den Fürsten unter Vormundschaft zu stellen oder ihn gerichtlich für rechtsunfähig zu erklären, und falls das anginge, welche Schritte man dann zu tun hätte, damit kein Skandal entstünde und niemand ihr irgendwelche Vorwürfe machen könne; doch müßten bei alledem die Gefühle des Vaters geschont werden usw.“ Andronikoff soll ihr davon abgeraten und die Gründe auseinandergesetzt haben, und als dann der Fürst wieder ganz gesund und vernünftig geworden war, da konnte von dieser Idee natürlich nicht mehr die Rede sein. Jener Brief aber verblieb im Besitz Andronikoffs. Da starb aber Andronikoff plötzlich; Katerina Nikolajewna fiel sofort wieder der Brief ein, und sie sagte sich: wenn er sich noch unter den Papieren des Verstorbenen befände und vielleicht auf Umwegen in die Hände ihres alten Vaters gelangte, so würde dieser sie zweifellos auf ewig verstoßen, ihr die ganze Erbschaft entziehen und ihr auch bei Lebzeiten keine Kopeke mehr geben. Der Gedanke, seine einzige Tochter zweifle an seinem Verstande und habe ihn für wahnsinnig erklären lassen wollen, hätte dieses Lamm zweifellos zu einem reißenden Tier gemacht. Sie aber war als Witwe dank der Spielleidenschaft ihres Mannes vollständig mittellos zurückgeblieben und war einzig auf ihren Vater angewiesen; von ihm hoffte sie, und mit Recht, nochmals eine nicht geringere Mitgift zu erhalten als das erstemal.

Von dem weiteren Schicksal jenes Briefes wußte Krafft nichts Näheres, bemerkte aber, Andronikoff habe „Papiere von irgendeiner Bedeutung niemals zerrissen“ und sei außerdem nicht nur ein Mann mit einem „weiten Blick“, sondern auch einer mit einem „weiten Gewissen“ gewesen. (Ich wunderte mich über ein so rücksichtsloses Urteil von seiten Kraffts, der doch den verstorbenen Andronikoff sehr geliebt und geachtet hatte.) Aber obschon Krafft nichts genau wußte, war er persönlich überzeugt, daß das verfängliche Schriftstück in den Besitz Werssiloffs geraten sei, infolge der nahen Bekanntschaft Werssiloffs mit der Witwe und den Töchtern Andronikoffs; es war bereits bekannt, daß diese auf Anordnung des Verstorbenen alle von ihm hinterlassenen Papiere Werssiloff eingehändigt hatten. Auch wußte Krafft, daß Katerina Nikolajewna die Vermutung, der Brief befinde sich in Werssiloffs Händen, bereits bekannt war, und daß gerade diese Möglichkeit sie am meisten ängstigte, da sie befürchtete, Werssiloff werde mit dem Brief alsbald zum alten Fürsten gehen. Er wußte ferner, daß sie nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande schon in Petersburg nach dem Brief geforscht hatte, auch schon bei Andronikoffs gewesen war und ihn auch jetzt noch suchte, immer in der Hoffnung, der Brief befinde sich vielleicht doch nicht im Besitze Werssiloffs, und daß sie ausschließlich dieses Briefes wegen nach Moskau gereist war, um dort Marja Iwanowna anzuflehen, die Papiere zu durchsuchen, die von ihr aufbewahrt wurden. Vom Dasein Marja Iwanownas und deren Beziehungen zum verstorbenen Andronikoff hatte sie erst kurz zuvor in Petersburg zum erstenmal gehört.

„Und Sie glauben, daß sie den Brief bei Marja Iwanowna nicht gefunden hat?“ fragte ich ausdrücklich und mit einem Hintergedanken.

„Wenn Marja Iwanowna nicht einmal Ihnen gegenüber etwas vom Brief hat verlauten lassen, dann hat sie ihn vielleicht auch nicht.“

„Und folglich nehmen Sie an, der Brief befinde sich bei Werssiloff?“

„Wahrscheinlich – ja. Übrigens ... ich weiß nicht, alles ist möglich,“ sagte er langsam und sichtlich abgespannt.

Ich gab es auf, ihn weiter auszufragen. Wozu schließlich? Das Hauptsächliche war mir jetzt klar: trotz dieser ganzen unwürdigen Verwirrung hatte sich alles von mir erst nur Befürchtete – bestätigt.

„Das Ganze ist wie ein Fiebertraum,“ sagte ich in tiefer Traurigkeit und griff nach meinem Hut.

„Ihnen ist dieser Mensch wohl sehr teuer?“ fragte mich Krafft mit sichtlicher und großer Teilnahme – sie sprach aus seinen Augen, aus seinem ganzen Gesicht in diesem Augenblick.

„Mir hat schon eine Vorahnung gesagt, daß ich von Ihnen doch nicht alles erfahren würde,“ bemerkte ich. „So bleibt mir nur noch die Hoffnung auf die Achmakoff selbst. Eigentlich habe ich ja auch nur auf sie gehofft. Vielleicht gehe ich zu ihr, vielleicht auch nicht.“

Krafft sah mich etwas befremdet an.

„Leben Sie wohl, Krafft! Wozu sich Leuten aufdrängen, die einen nicht haben wollen? Da ist es doch besser, mit allen zu brechen, meinen Sie nicht?“

„Und dann wohin?“ fragte er eigentümlich hart, und indem er zu Boden sah.

„Zu sich selbst, zu sich selbst! Alle Bande zerreißen und fortgehen zu sich selbst!“

„Nach Amerika?“

„Ach, Amerika! – nein, zu mir selbst, zu mir allein! Sehen Sie, darin besteht ‚meine Idee‘!“ sagte ich begeistert.

Er sah mich seltsam forschend an.

„Und Sie haben einen solchen Ort, wohin Sie ‚zu sich selbst‘ gehen können?“

„Den habe ich. Auf Wiedersehen, Krafft. Ich danke Ihnen, und verzeihen Sie mir die Belästigung! Ich würde an Ihrer Stelle, wenn ich selbst ein solches Rußland im Kopfe hätte, alle zum Teufel jagen: packt euch, intrigiert, zankt euch dort so viel ihr wollt – was geht das mich an.“

„Bleiben Sie noch etwas bei mir,“ sagte er plötzlich, als er mich schon bis zur Tür begleitet hatte.

Ich wunderte mich ein wenig, kehrte aber zurück und ließ mich nieder. Krafft setzte sich mir gegenüber. Wir tauschten gegenseitig ein gewisses wortloses Lächeln – alles das sehe ich noch so deutlich, als geschehe es wieder vor meinen Augen. Ich erinnere mich noch gut, daß ich mich ein wenig über ihn wunderte.

„Mir gefällt an Ihnen besonders, daß Sie ein so höflicher Mensch sind,“ sagte ich unvermittelt.

„Ja?“

„Ich sage das deshalb, weil ich selbst nur selten höflich zu sein verstehe, obgleich ich es gern verstehen wollte ... Übrigens, vielleicht ist es sogar besser, daß die Menschen einen kränken; wenigstens befreien sie einen auf die Weise von dem Unglück, sie lieben zu müssen.“

„Welche Stunde des Tages lieben Sie am meisten?“ fragte er plötzlich, offenbar ohne mich gehört zu haben.

„Welche Stunde? Ich weiß nicht. Den Sonnenuntergang liebe ich nicht.“

„So?“ Er sagte das mit einem ganz eigentümlichen Interesse, versank aber sogleich wieder in Gedanken.

„Sie wollen wieder verreisen?“

„Ja ... ich verreise.“

„Bald?“

„Ja, bald.“

„Ist denn wirklich zu einer Reise nach Wilna ein Revolver nötig?“ fragte ich ohne den geringsten Hintergedanken, eigentlich sogar ohne überhaupt etwas zu denken. Ich fragte einfach so, weil mein Blick auf den Revolver fiel, und ich nicht recht wußte, wovon ich sprechen sollte.

Er blickte sich um und sah den Revolver unverwandt an.

„Nein, den pflege ich nur so, aus Gewohnheit ...“

„Wenn ich einen Revolver besäße, so würde ich ihn irgendwo hinter Schloß und Riegel verbergen. Wissen Sie, es steckt doch, bei Gott, eine Versuchung in dem Ding! Ich selbst glaube vielleicht nicht einmal an die Selbstmordepidemie, aber wenn einem so ein Ding immer in die Augen funkelt – wahrhaftig, es gibt Minuten, wo es tatsächlich verführen könnte.“

„Sprechen Sie nicht davon,“ sagte er und stand plötzlich auf.

„Ich rede ja nicht von mir,“ fügte ich hinzu, mich gleichfalls erhebend, „ich würde das Ding nie gebrauchen. Mir könnten Sie meinetwegen ganze drei Menschenleben geben – auch die wären für mich noch zu wenig.“

„Leben Sie!“ kam es plötzlich gleichsam impulsiv über seine Lippen.

Er lächelte zerstreut und – sonderbar – er ging geradeswegs ins Vorzimmer zur Eingangstür, mich auf diese Weise einfach hinausführend, doch tat er das, versteht sich, ohne sich dessen bewußt zu sein.

„Ich wünsche Ihnen vollen Erfolg, Krafft,“ sagte ich zum Abschied, auf die Treppe hinaustretend.

„Soll mir recht sein,“ antwortete er mit fester Stimme.

„Auf Wiedersehen!“

„Auch das soll mir recht sein!“

Ich erinnere mich noch seines letzten Blickes auf mich.

III.

Das war also der Mensch, um den mein Herz so viele Jahre lang geklopft hatte! Und was hatte ich denn von Krafft erwartet, was hätten denn das für neue Aufklärungen sein sollen?

Als ich aus seiner Wohnung auf die Straße trat, verspürte ich großen Hunger; es wurde schon Abend, und ich hatte noch nicht zu Mittag gegessen. Ich trat deshalb auf dem großen Prospekt der „Petersburger Seite“ in ein kleines Wirtshaus, mit dem Vorsatz, nur zwanzig oder höchstens fünfundzwanzig Kopeken auszugeben – mehr hätte ich mir damals um keinen Preis erlaubt. Ich bestellte eine Portion Suppe, und als ich sie gegessen hatte, setzte ich mich ans Fenster, um hinauszusehen; es waren viel Menschen im Lokal und es roch nach verbranntem Fett, alten Servietten und Tabak. Widerlich war es. Über meinem Kopf hing ein Vogelbauer, und eine stimmlose Nachtigall pickte trübsinnig und nachdenklich mit dem Schnabel auf den Boden ihres Käfigs. Im anstoßenden Billardzimmer wurde gelärmt, ich aber saß und grübelte. Der Sonnenuntergang (warum hatte Krafft sich darüber gewundert, daß ich die Stunde des Sonnenuntergangs nicht liebe?) rief in mir ganz neue und unerwartete Empfindungen hervor, die gar nicht am Platz waren. So glaubte ich die ganze Zeit den stillen Blick meiner Mutter vor mir zu sehen, ihre lieben Augen, die mich nun schon einen ganzen Monat so schüchtern ansahen, als wolle die Liebe selbst mich auskundschaften. In der letzten Zeit war ich zu Hause sehr grob gewesen, namentlich in meinem Verhalten zu ihr; ich wollte gegen Werssiloff grob sein, doch da ich es gegen ihn nicht zu sein wagte, quälte ich infolge meines schändlichen Charakters statt seiner die Mutter. Ich hatte sie sogar gänzlich eingeschüchtert; oft sah sie mich mit einem so flehenden Blick an, wenn Werssiloff eintrat, in der Angst vor einem Ausfall meinerseits ... Sehr sonderbar war es, daß mir dort in diesem widerwärtigen Speisehaus zum erstenmal zum Bewußtsein kam, daß sie wie eine Fremde immer „Sie“ zu mir sagte, während Werssiloff mich duzte. Freilich hatte ich mich auch früher schon darüber gewundert und mir dabei manches gedacht, was für sie nicht gerade schmeichelhaft war, hier aber fiel mir das irgendwie noch besonders auf, und ich bedachte es tiefer – und lauter ähnliche Gedanken kamen mir einer nach dem anderen unaufhaltsam in den Sinn. Ich saß dort lange auf meinem Platz, bis zur dunkelsten Dämmerung. Ich dachte auch an meine Schwester ...

Eine verhängnisvolle Stunde. Ich stand vor der Entscheidung. Es galt, einen Entschluß zu fassen, um jeden Preis! Oder war ich denn wirklich unfähig, einen Entschluß zu fassen? Was war denn Schweres dabei, mit allen zu brechen, zumal hier niemand sich etwas aus mir machte? Meine Mutter, meine Schwester? Aber die wollte ich doch sowieso in keinem Fall verlassen – wie die Sache sich auch wenden mochte.

Es ist wahr: das Eintreten dieses Menschen in mein Leben, d. h. sein Erscheinen auf einen Augenblick, noch in meiner ersten Kindheit, war der schicksalsvolle Anstoß gewesen, der mein Bewußtsein geweckt hatte und bis zu dem meine Erinnerung jetzt zurückreicht. Hätte er damals nicht meinen Weg gekreuzt, mein Verstand, meine ganze Denkart, ja, mein ganzes Schicksal wären heute anders, sogar ungeachtet meines mir vom Schicksal bestimmten Charakters, dem ich doch unter keinen Umständen entronnen wäre.

Und nun erweist sich, daß dieser Mensch – nur eine von mir geschaffene Phantasiegestalt war, ein Traum meiner Kinderjahre. Ich selbst hatte ihn mir so ausgedacht, in Wirklichkeit aber sah ich jetzt einen ganz anderen Menschen, der tief unter meinem Phantasiegebilde stand. Ich war zu einem reinen Menschen gekommen, nicht aber zu diesem. Und warum hatte ich mich in ihn verliebt, so auf ewig in ihn verliebt, in jenem kurzen Augenblick, als ich ihn da einmal in meiner Kindheit sah? Dieses „auf ewig“ mußte verschwinden. Ich werde vielleicht einmal, wenn ich Platz dafür finde, diese unsere erste Begegnung erzählen: es ist die nichtigste Geschichte, aus der sich nichts ergibt. Bei mir aber ergab sich daraus eine ganze Pyramide. Ich begann diese Pyramide noch unter der Kinderdecke zu bauen, als ich vor dem Einschlafen weinen konnte und träumen – wovon? – das weiß ich selbst nicht. Weinen, weil ich verlassen war? Weil man mich quälte? Doch gequält hat man mich nur wenig, im ganzen nur zwei Jahre lang, in der Pension Touchard, in der ich damals untergebracht wurde, als er wieder verreiste. Späterhin hat mich niemand mehr gequält; im Gegenteil, ich war es, der stolz auf seine Kameraden herabsah. Und ich kann sie auch nicht ausstehen, diese sich selbst bedauernden Waisenkinder! Es gibt nichts Widerlicheres, als wenn Waisen oder unehelich Geborene, alle diese Ausgestoßenen und überhaupt dieses ganze Pack, mit dem ich auch nicht das geringste Mitleid habe, sich plötzlich feierlich vor dem Publikum erhebt und kläglich und moralisch loszuheulen beginnt: „Seht, wie man sich an uns vergangen hat!“ Ich würde diese Waisen am liebsten durchprügeln, denn keiner von diesem ganzen widerlichen Auswurf begreift, daß es von zehnmal mehr Anstand zeugt, wenn er schweigt und nicht heult und zum Klagen sich nicht herabläßt. Läßt du dich aber dazu herab, so hast du, „Sohn der Liebe“, dein Schicksal mit Recht verdient. Das ist meine Auffassung der Sache!

Aber nicht das ist lächerlich, daß ich als Kind unter meinem Deckchen so träumte, wohl aber, daß ich auch nach Petersburg wiederum wegen dieses von mir erdachten Menschen gekommen war, und über dem Gedanken an ihn meine Hauptziele fast vergessen hatte. Ich war gekommen, um ihm zu helfen, die Verleumdung zu vernichten, seine Feinde zu zerschmettern. Jenes Dokument, von dem Krafft gesprochen hatte, der Brief dieser Frau an Andronikoff, den sie jetzt so angstvoll suchte, da er ihr Schicksal zerstören, sie zur Bettlerin machen konnte, und den sie in Werssiloffs Händen wähnte – jener Brief war nicht bei Werssiloff, sondern bei mir, stak eingenäht in meiner Seitentasche! Ich selbst hatte ihn dort eingenäht, und kein Mensch in der ganzen Welt ahnte etwas davon. Daß die romantische Marja Iwanowna dieses ihr „zum Aufbewahren“ eingehändigte Dokument gerade mir und keinem anderen zu übergeben für nötig befunden hatte, war ihr freier Wille gewesen, auf Grund ihrer besonderen Auffassung der Sache, die zu erklären ich nicht verpflichtet bin, vielleicht jedoch gelegentlich erzählen werde. Aber so unverhofft bewaffnet, hatte ich dem geheimen Wunsch, nach Petersburg zu reisen, nicht mehr widerstehen können. Meine Voraussetzung war damals, versteht sich, daß ich diesem Menschen nicht anders als heimlich, ohne selbst hervorzutreten oder mich zu ereifern, helfen würde, ohne auf seinen Beifall, noch auf seine Umarmungen zu rechnen. Und niemals, niemals hätte ich mich dazu herabgelassen, ihm wegen irgend etwas einen Vorwurf zu machen! War es denn seine Schuld, daß ich mich in ihn verliebt und aus ihm ein phantastisches Ideal geschaffen hatte? Ja, vielleicht liebte ich ihn überhaupt nicht. Sein origineller Verstand, sein interessanter Charakter, seine geheimnisvollen Intrigen und Abenteuer, und der Umstand, daß meine Mutter bei ihm wohnte – alles das, scheint es, hätte mich nicht mehr aufhalten können; es genügte ja schon, daß meine phantastische Puppe zerschlagen war und ich ihn so, wie er wirklich war, gar nicht lieben konnte. Also, was hielt mich denn fest, an welcher Stelle war ich denn eingesunken? – das war die Frage. Und als Endergebnis stellte sich heraus, daß nur ich hier der Dumme war und sonst niemand.

Doch da ich von anderen Ehrlichkeit verlange, werde auch ich ehrlich sein: ich muß gestehen, daß jener in meiner Tasche eingenähte Brief nicht nur den leidenschaftlichen Wunsch, Werssiloff zu Hilfe zu eilen, in mir erweckt hatte. Das ist mir heute nur zu klar, aber auch damals errötete ich schon bei dem Gedanken an den anderen Grund. Ich träumte von einer Frau, einer stolzen Aristokratin, der ich Aug in Aug gegenüberstehen werde; sie wird mich verachten, über mich lachen, wie vielleicht über eine Maus, – und nicht einmal ahnen, daß ich Herr über ihr Schicksal bin. Dieser Gedanke hatte mich schon in Moskau berauscht, und besonders noch während der Reise im Waggon, als ich nach Petersburg fuhr. Das habe ich übrigens schon einmal gestanden. Ja, ich haßte diese Frau, und doch liebte ich sie schon, liebte sie als mein Opfer, und das ist wahr, es verhielt sich wirklich so. Nur war’s gleichzeitig so kindisch, daß ich es nicht einmal von einem solchen, wie ich damals war, erwartet hätte. Ich gebe meine damaligen Gefühle wieder, d. h. was mir dort im Speisehaus durch den Kopf ging, als ich auf dem Platz unter der Nachtigall saß und den Entschluß faßte, noch an demselben Abend mit ihnen allen unwiderruflich zu brechen. Der Gedanke an meine Begegnung mit dieser Frau trieb mir plötzlich heiße Schamröte ins Gesicht. Diese schmachvolle Begegnung! Ein erbärmlicher und dummer Eindruck, der – was das schlimmste war – vielleicht am deutlichsten meine Unfähigkeit zur Ausführung einer Tat bewies? Oder nein, er bewies nur – so dachte ich damals –, daß ich nicht einmal den unschlauesten Verlockungen zu widerstehen die Kraft habe, obschon ich noch vor einer kleinen Weile zu Krafft gesagt hatte, ich besäße ein Eigenstes, eine eigene Idee, und würde, selbst wenn ich drei Menschenleben erhielte, doch immer noch nicht genug haben. Mit Stolz hatte ich das gesagt. Daß ich mich nun von meiner „Idee“ hatte ablenken und in Werssiloffs Angelegenheiten hineinziehen lassen – das hätte man noch mit irgend etwas entschuldigen können; daß ich aber wie ein überraschter Hase auf diese und jene Seite hin- und hersprang und mich schon von jeder Nebensächlichkeit fangen ließ, daran war nichts anderes als meine Dummheit schuld. Wer plagte mich, zu Dergatschoff zu gehen, und dort mit meinen Dummheiten herauszuplatzen, obschon ich doch schon längst wußte, daß ich nichts klar und vernünftig zu erzählen verstehe und das Vorteilhafteste für mich Schweigen ist? Und irgend so ein Wassin muß dann die Sache richtigstellen durch die Erklärung, mir ständen noch „fünfzig Jahre Leben bevor“, und folglich sei für mich „kein Grund vorhanden, betrübt zu sein“. Seine Einwendung ist stichhaltig, ist vorzüglich, das gebe ich zu, und macht seinem unbestreitbaren Verstande Ehre; sie ist schon deshalb vorzüglich, weil sie die einfachste ist, das Einfachste aber wird immer erst zuletzt begriffen, wenn man es schon mit allem anderen versucht hat, was umständlicher oder dümmer ist. Doch diese Erklärung sagte mir nichts Neues, die kannte ich bereits, noch bevor Wassin sie aussprach; diesen Gedanken hatte ich schon gute drei Jahre vorher empfunden; ja, und nicht nur das, in ihm liegt sogar ein ganzer Teil meiner „Idee“. – Das waren damals so meine Gedanken dort im Wirtshause.

Ich hatte ein widerwärtiges Gefühl, als ich, müde vom Gehen und vom Denken, gegen acht Uhr abends im Stadtteil Ssemjonowski Polk anlangte. Es war schon ganz dunkel geworden, und das Wetter hatte sich verändert: es war trocken, aber ein widerwärtiger Petersburger Wind hatte sich erhoben, blies mir schneidend scharf in den Rücken und wirbelte Staub und Sand auf. Wie viele verdrießliche Gesichter unter den kleinen Leuten, die von der Arbeit und aus den Geschäften hastend heimeilen in ihre Winkel! Ein jeder hat seine eigene trübe Sorge im Gesicht, und in der ganzen Menge war vielleicht kein einziger gemeinsamer, alle vereinender Gedanke! Krafft hatte recht: ein jeder lebte für sich. Ein kleiner Knabe begegnete mir, der war so klein, daß es mich befremdete, ihn um diese Stunde allein auf der Straße zu sehen; er hatte sich offenbar verirrt; ein Weib blieb einen Augenblick stehen, um ihn anzuhören, aber sie verstand ihn nicht, schüttelte den Kopf und ließ ihn allein in der Dunkelheit stehen. Ich ging auf ihn zu, er aber erschrak plötzlich vor mir und lief weiter. Kurz vor unserem Hause beschloß ich, niemals zu Wassin zu gehen. Als ich die Treppe hinaufstieg, hatte ich den heißen Wunsch, Mutter und Schwester allein zu Hause anzutreffen, ohne Werssiloff, um vor seinem Kommen noch etwas Liebes meiner Mutter sagen zu können, oder wenigstens meiner lieben Schwester, zu der ich in diesem ganzen Monat fast noch kein einziges besonderes Wort gesagt hatte. Und so traf es sich auch, er war nicht zu Hause ...

IV.

Übrigens: da ich in meinen „Aufzeichnungen“ nunmehr diese „neue Person“ (nämlich Werssiloff) persönlich auftreten lassen muß, will ich zunächst wenigstens in aller Kürze seinen Lebenslauf angeben, der freilich an sich ziemlich belanglos ist. Ich tue das nur, damit dem Leser alles noch verständlicher werde, und will es an dieser Stelle tun, weil ich nicht voraussehe, wo ich diese Angaben weiterhin einflechten könnte.

Er hat studiert, ist aber dann in ein Garde-Kavallerieregiment eingetreten; hat die Fanariotoff geheiratet und seinen Abschied genommen. Er reiste ins Ausland und, zurückgekehrt, lebte er in Moskau im Verkehr mit der ganzen lebenslustigen Gesellschaft. Nach dem Tode seiner Frau kam er auf sein Gut; die Folge davon war die Episode mit meiner Mutter. Dann lebte er lange irgendwo im Süden. Während des Krimkrieges trat er wieder in den Militärdienst, kam aber mit seinem Regiment nicht in die Krim und ist überhaupt nicht im Feuer gewesen. Nach dem Friedensschluß nahm er wieder den Abschied, reiste ins Ausland und nahm sogar meine Mutter mit, doch in Königsberg ließ er sie zurück. Die Arme erzählte manchmal kopfschüttelnd und mit wahrem Grauen, wie sie dort ein volles halbes Jahr ganz allein und verlassen mit ihrem Töchterchen gelebt hatte, der Sprache unkundig, wie im Walde verloren, und zuletzt noch ohne Geld. Dann war Tatjana Pawlowna gekommen und hatte sie nach Rußland zurückgebracht, irgendwohin aufs Land, im Nischni Nowgorodschen Gouvernement. Werssiloff trat nach seiner Rückkehr den Posten eines Friedensvermittlers beim Zivilgericht an[6] und wie man erzählt, soll er sich in seinem Amt glänzend bewährt haben und jeder Aufgabe gewachsen gewesen sein. Bald aber gab er diesen Posten auf und begann in Petersburg als Jurist sich mit der Führung verschiedener Zivilklagen zu beschäftigen. Andronikoff hat seine Fähigkeiten immer hoch eingeschätzt und ihn sehr geachtet, nur was seinen Charakter anbetrifft, soll er geäußert haben, daß er den nicht verstehen könne. Doch auch diese Beschäftigung gab Werssiloff bald auf und reiste wieder ins Ausland, diesmal auf lange Zeit – er blieb dort mehrere Jahre. Und in eben dieser Zeit begannen seine bald sehr nahen Beziehungen zum alten Fürsten Ssokolski. Im Laufe dieses ganzen angegebenen Lebensabschnitts haben sich seine pekuniären Verhältnisse zwei- oder dreimal vollständig verändert: bald war er gänzlich mittellos und stand dem Nichts gegenüber, bald fiel ihm wieder ein Vermögen zu, und er war von neuem auf der Höhe.

Übrigens will ich mich jetzt, wo ich mit meinen Aufzeichnungen bis zu dieser Stelle gekommen bin, endlich einmal entschließen, „meine Idee“ auseinanderzusetzen. Ich werde sie zum erstenmal seit ihrer Entstehung in mir so gut ich kann in Worten auszudrücken versuchen. Ich entschließe mich, sie sozusagen „dem Leser“ mitzuteilen, und tue das gleichfalls nur deshalb, damit im folgenden manches klarer sei. Das muß ich um so mehr, als es nicht nur für den sogenannten Leser nötig wäre, sondern weil auch ich, der Verfasser, der das Wiederzugebende doch selbst erlebt hat, mich in den schwierigen Erklärungen mancher Schritte schon zu verwickeln beginne. Deshalb möchte ich vorher alles klarlegen, was mich zu diesem oder jenem veranlaßt, bewogen oder gezwungen hat. Infolge meiner Ungeschicktheit im Schreiben und meines anfänglichen Vorsatzes, alles außerhalb der Ereignisse Liegende zu übergehen, bin ich wieder in den Stil der Romanschreiber verfallen, den ich anfangs selbst verspottet habe. Jetzt, wo ich wie durch eine Tür in meinen Petersburger Roman mit allen meinen schmählichen Erlebnissen einzutreten im Begriff bin, erscheint mir diese Erklärung meiner Idee als Einleitung unbedingt notwendig. Doch eigentlich hat mich bisher nicht nur der Widerwille gegen den Stil der Literaten diese Einleitung zu unterlassen bestimmt, sondern auch das Wesen der Sache, d. h. die Schwierigkeit ihrer Wiedergabe. Selbst jetzt, wo schon alles Vergangene überwunden ist, erscheint mir die Aufgabe, diese „Idee“ zu erklären, schier unausführbar. Hinzu kommt nun noch, daß ich sie doch fraglos in ihrer damaligen Form wiedergeben muß, d. h. wie sie in mir entstanden ist, und wie sie damals von mir gedacht wurde, und nicht, wie ich sie heute denke; das aber macht die Sache noch schwieriger. Manches läßt sich ja fast überhaupt nicht wiedergeben. Gerade die einfachsten, die klarsten Ideen – gerade die sind meist schwerer zu verstehen. Hätte Kolumbus vor der Entdeckung Amerikas seine Idee anderen zu erzählen angefangen, so würde man ihn, davon bin ich überzeugt, furchtbar lange nicht verstanden haben. Und man hat ihn ja auch nicht verstanden. Ich erwähne das nur als Beispiel, denke aber durchaus nicht daran, mich mit Kolumbus zu vergleichen; wenn jemand zu dieser Folgerung kommen sollte, so schäme er sich, und das ist alles, was ich sage.