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Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 36: IV.
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About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Fünftes Kapitel.

I.

Meine Idee ist – ein Rothschild zu werden. Ich fordere den Leser auf, ernst und ruhig zu bleiben.

Ich wiederhole: Meine Idee ist – ein Rothschild zu werden, ebenso reich zu werden wie Rothschild; also nicht nur einfach reich, sondern geradeso reich wie Rothschild. Wozu, weshalb, welches Ziel ich dabei verfolge – davon später. Zunächst werde ich nur beweisen, daß ich mein Ziel mit mathematischer Sicherheit erreichen muß. Die Sache ist sehr einfach, das ganze Geheimnis liegt in zwei Worten, und die lauten: Fleiß und Ausdauer.

„Kennen wir,“ wird man mir sagen, „das ist nichts Neues: jeder Vater in Deutschland predigt das seinen Kindern, indessen ist Ihr Rothschild“ (d. h. der verstorbene James Rothschild, der Pariser – von dem allein spreche ich) „immer nur ein einziger geblieben. Väter aber gibt es zu Millionen.“

Auf diesen Einwand würde ich antworten:

„Sie behaupten, das hätten Sie schon gehört, dabei haben Sie aber noch nichts gehört. Allerdings, in einem haben Sie recht: wenn ich gesagt habe, die Sache sei ‚sehr einfach‘, so habe ich vergessen hinzuzufügen, daß sie gleichzeitig die schwerste von allen ist. Alle Religionen und Sittenlehren in der Welt lassen sich schließlich in den einen Satz zusammenfassen: ‚Liebe die Tugend und fliehe das Laster‘. Was könnte anscheinend einfacher sein? Nun, dann führen Sie doch etwas Tugendhaftes aus und überwinden Sie wenigstens ein einziges Ihrer Laster, versuchen Sie es doch einmal – nun? – Und so ist es auch hiermit.“

Sehen Sie, deshalb ist, obgleich Ihre unzähligen Väter diese zwei wunderbaren Worte, die das ganze Geheimnis enthalten, schon seit unzähligen Jahrhunderten ihren Kindern wiederholen, James Rothschild dennoch ein einzelner geblieben. Daraus folgt, daß anscheinend dasselbe doch nicht ganz dasselbe ist, und die Väter einen ganz anderen Gedanken predigen.

Freilich reden die Väter von Fleiß und Ausdauer, nur ist zur Erreichung meines Zieles mit einem Fleiß und einer Ausdauer, wie die Väter sie lehren, nicht gedient.

Allein das Wort „Vater“ (ich rede nicht nur von den deutschen Vätern), die Tatsache, daß er Kinder, daß er eine Familie hat und wie alle anderen lebt, daß er Ausgaben hat wie alle und Pflichten wie alle – sagt uns schon, daß man ein Rothschild auf diese Weise nicht werden kann, sondern nur ein Durchschnittsmensch wird. Ich aber verstehe doch nur zu gut, daß ich, wenn ich ein Rothschild werde oder auch nur ein Rothschild werden will, jedoch nicht im Sinne der Väter, sondern im Ernst und in der Wirklichkeit –, daß ich schon dadurch sofort aus der Gesellschaft ausscheide.

Vor ein paar Jahren las ich in der Zeitung von einem Bettler, der auf einem Wolgadampfer gestorben war. Alle hatten ihn dort gekannt, so lange bettelte er schon. Nach seinem Tode fand man in seinen zerlumpten Kleidern an dreitausend Rubel eingenäht. Und vor kurzem las ich wieder von einem Bettler, der einer adligen Familie entstammte, doch in Wirtshäusern und Kneipen gebettelt hatte. Er wurde verhaftet, und man fand bei ihm an fünftausend Rubel. Hieraus ergeben sich ohne weiteres zwei Schlüsse; der erste ist: durch Fleiß im Sammeln und Sparen – wenn auch nur von Kopeken – bringt man schließlich große Summen zusammen (die Zeit spielt hierbei natürlich eine Rolle). Und der zweite ist: selbst die unschlaueste Erwerbsart, wenn man sie nur mit Ausdauer betreibt, d. h. ununterbrochen, hat einen mathematisch sicheren Erfolg.

Indessen gibt es sogar sehr viele achtbare, kluge und enthaltsame Menschen, die (soviel sie sich auch mühen) weder drei- noch fünftausend Rubel ersparen können und doch mächtig gern Geld ersparen wollen. Woher kommt das? Die Antwort ist klar: weil kein einziger von ihnen, trotz seines ganzen Wollens, so stark will, daß er zum Beispiel, wenn es nicht anders ginge, selbst Bettler zu werden bereit wäre; und weil kein einziger charakterfest genug ist, um nicht die ersten Kopeken für ein überflüssiges Stück Brot für sich oder seine Familie wieder zu verausgaben. Bei dieser Erwerbsart aber, ich meine, beim Betteln, darf man sich nur von Wasser und Brot nähren und muß sich alles versagen, wenn man von den Almosen ein Vermögen ersparen will; wenigstens denke ich mir das so. Und bestimmt werden auch die erwähnten zwei Bettler nur so zu ihrem Kapital gekommen sein, also indem sie sich ausschließlich von Brot nährten und unter freiem Himmel lebten. Zweifellos haben sie nicht die Absicht gehabt, Rothschilds zu werden; sie waren nur typische Sparer wie Harpagon oder Gogols Pljuschkin. Aber auch bei bewußtem Sparen, und selbst bei einem Erwerb in anderer Art, ist, wenn man ein Rothschild werden will, zur Durchführung nicht weniger heißes Wollen erforderlich und nicht geringere Willenskraft, als diese beiden Bettler sie gehabt haben. Ein predigender Vater wird solche Kraft nicht aufbringen. Die Kräfte dieser Welt sind sehr verschieden, besonders die Kräfte des Willens. Es gibt eine Temperatur, bei der Wasser zu kochen anfängt, und einen Hitzegrad, bei dem Eisen in Rotglut gerät.

Hier ist es dasselbe, wie ins Kloster gehen, dasselbe, wie Erfüllung strengster Asketengelübde. Hier handelt es sich um ein Gefühl, nicht um eine Idee. Warum? Wozu? Ist das denn sittlich, und ist es nicht ungeheuerlich, sein Leben lang im Bettlerkittel zu gehen und Schwarzbrot zu essen, wenn man soviel Geld bei sich trägt? Von diesen Fragen reden wir später, jetzt zuerst von der Möglichkeit der Erreichung des Zieles.

Als ich mir „meine Idee“ ausgedacht hatte (und sie ist ja nichts anderes als eben Rotglut), begann ich mich sofort daraufhin zu prüfen, ob ich einer solchen Askese fähig wäre. Ich nahm mir also vor, einen ganzen Monat nur Wasser und Brot zu genießen, und zwar täglich nur zwei und ein halbes Pfund Schwarzbrot. Um die Prüfung durchführen zu können, mußte ich den klugen und so feinfühligen Nikolai Ssemjonowitsch und die mir so wohlwollende Marja Iwanowna betrügen. Doch trotz ihrer Betrübnis und seiner Verwunderung bestand ich auf meinem Wunsch, ganz allein in meinem Zimmer zu essen. Das geschah denn auch, bloß aß ich nichts von dem, was mir ins Zimmer gebracht wurde, sondern goß die Suppe aus dem Fenster in die Nesseln oder anderswohin, und das Fleisch warf ich dem Hofhund zu oder wickelte es in Papier und trug es in der Tasche hinaus, und ähnlich beseitigte ich alles übrige. Da mir aber mit den Speisen viel weniger Brot als zweieinhalb Pfund auf mein Zimmer geschickt wurde, so kaufte ich heimlich noch Brot hinzu. Ich hielt diese Kost einen ganzen Monat aus, verdarb mir dabei nur ein wenig den Magen; im zweiten Monat erlaubte ich mir noch eine Portion Suppe und morgens und abends noch je ein Glas Tee – und ich kann versichern, ich habe das ganze Jahr körperlich in bester Gesundheit und geistig – wie in einem Rausch und in fortwährender heimlicher Begeisterung gelebt. Um die Speisen tat es mir nicht nur nicht leid, sondern ich fühlte mich als Sieger einfach erhaben über alles und lebte in Seligkeit. Als das Jahr zu Ende war und ich mich überzeugt hatte, daß ich jedes Fasten aushalten konnte, begann ich wieder wie alle zu essen und speiste wieder mit ihnen zusammen. Aber diese einseitige Prüfung genügte mir nicht, und ich ersann eine neue. Außer dem Pensionsgeld, das man Nikolai Ssemjonowitsch für mich zahlte, erhielt ich noch in jedem Monat fünf Rubel als Taschengeld. Und so beschloß ich denn, von diesen fünf Rubeln nur die Hälfte auszugeben. Das war eine sehr schwere Prüfung, aber nach guten zwei Jahren hatte ich, als ich nach Petersburg reiste, außer dem Reisegeld noch siebzig Rubel in der Tasche – und die hatte ich mir ausschließlich von jenem Monatsgeld erspart. Das Ergebnis dieser beiden Versuche war für mich von ungeheurer Bedeutung: ich hatte mir die Gewißheit verschafft, daß ich stark genug zu wollen vermag, um mein Ziel zu erreichen, und das war, ich wiederhole es, die Hauptsache bei meiner ganzen Idee, alles übrige – sind Kleinigkeiten.

II.

Aber betrachten wir auch die Kleinigkeiten.

Ich habe nun meine ersten zwei Versuche beschrieben; in Petersburg machte ich, wie ich schon erzählt habe, den dritten Versuch – ich ging auf eine Auktion und gewann mit einem Schlage sieben Rubel fünfundneunzig Kopeken. Versteht sich, das war kein ernster Versuch, sondern nur ein Spiel, ein Vergnügen: ich hatte Lust, einen Augenblick aus der Zukunft zu stehlen und im voraus auszukosten, wie ich so in künftigen Jahren gehen und mein Vorhaben ausführen würde. Den wirklichen Anfang der Umsetzung meiner Idee in die Tat hatte ich von vornherein, d. h. schon in Moskau, bis zu dem Zeitpunkt hinausgeschoben, wo ich als Mensch einmal vollkommen frei dastehen werde; ich sah ein, daß ich zum Beispiel wenigstens das Gymnasium vorher beenden mußte. (Die Universität hatte ich, wie schon erwähnt, bereits geopfert.) Natürlich reiste ich mit einem geheimen Grimm nach Petersburg: kaum hatte ich das Gymnasium beendet und war nun ein freier Mensch geworden, da sah ich plötzlich, daß Werssiloffs Angelegenheiten mich vom Beginn der Ausführung meines Vorhabens auf unbestimmte Zeit ablenkten! Aber trotzdem habe ich mich nicht im entferntesten wegen der Erreichung meines Zieles beunruhigt gefühlt.

Es ist wahr, noch fehlte mir die praktische Erfahrung; aber in den drei Jahren hatte ich schon alles bedacht, und so konnte mich kein Zweifel mehr beunruhigen. Wohl tausendmal hatte ich es mir ausgemalt, wie ich anfangen würde: plötzlich befinde ich mich, wie vom Himmel gefallen, in einer von unseren zwei Hauptstädten (ich hatte mir gerade für den Anfang unsere Hauptstädte erwählt, und zwar gab ich aus einer gewissen Erwägung Petersburg den Vorzug). Ich bin also wie vom Himmel herabgefallen und vollständig frei, hänge von keinem ab, bin gesund und habe in der Tasche ein heimliches Vermögen von hundert Rubeln – mein Anlagekapital. Ohne hundert Rubel kann man nicht gut anfangen; denn so würde die erste Periode des geringen Erwerbes gar zu lange dauern. Außer den hundert Rubeln besaß ich noch, wie sich erwiesen hatte, Mut, Ausdauer, Fähigkeit zu vollständiger Einsamkeit und zur folgerechten Geheimhaltung eines Geheimnisses. Ja, gerade die bedingungslose Einsamkeit war die Hauptsache; ich habe tatsächlich bis zuletzt keinerlei Beziehungen oder Verbindungen mit anderen Menschen gemocht, und im allgemeinen stand es für mich unumstößlich fest, daß ich die Ausführung meiner Idee ganz allein anfangen würde: das war mein sine qua non. Es fällt mir schwer, Menschen zu ertragen; ich werde innerlich unruhig, und die Unruhe würde die Verfolgung meines Zieles beeinträchtigen. Und überhaupt ist es bisher in meinem Leben immer so gewesen: wenn ich mir vorstellte oder träumte, wie ich mich im Verkehr mit den Menschen halten würde, verlief alles immer sehr gut und klug, kaum aber trat an die Stelle des Traumes oder der Vorstellung die Wirklichkeit – so benahm ich mich immer furchtbar dumm. Ich gestehe das mit aufrichtigem Unwillen; immer habe ich mich selbst durch meine Worte zu erkennen gegeben und übereilt gesprochen, und deshalb hatte ich beschlossen, mich von den Menschen abzusondern. Nur so konnte ich mir Unabhängigkeit, Seelenruhe und ungestörte Verfolgung meines Zieles sichern.

In Petersburg sind die Preise für Lebensmittel bekanntlich sehr hoch, aber dessenungeachtet hatte ich ein für allemal beschlossen, nicht mehr als fünfzehn Kopeken täglich fürs Essen auszugeben, und ich wußte im voraus, daß ich meinen Vorsatz durchführen würde. Diese Frage der Ernährung habe ich lange und eingehend erwogen. So zum Beispiel nahm ich mir vor, zwei Tage lang nichts als Brot mit Salz zu essen, um dann am dritten Tage für die in zwei Tagen ersparten Kopeken um so viel mehr zu essen; denn mir schien diese Verteilung zuträglicher für die Gesundheit, als ein ewig gleichmäßiges Fasten bei einer Tagesration für die geringste Summe. Ferner bedurfte ich eines Winkels, buchstäblich nur eines Winkels, d. h. ich brauchte einen Ort, wo ich in der Nacht schlafen konnte und bei gar zu unfreundlichem Wetter auch am Tage Schutz fand. Zu leben beabsichtigte ich eigentlich nur auf der Straße und war bereit, im Notfall auch in den Nachtasylen für Obdachlose zu schlafen, wo man, abgesehen vom Nachtlager, noch ein Stück Brot und ein Glas Tee erhält. Oh, ich würde es schon verstehen, mein Geld so zu verstecken, daß es mir weder von Winkelnachbarn noch im Nachtasyl gestohlen werden könnte, nicht einmal ahnen würden sie, daß ich welches besitze. „Was, mir könnte man es stehlen? Ach, Freund, ich muß mich ja selbst nur in acht nehmen, daß nicht ich einem anderen was stehle!“ – hörte ich einmal auf der Straße im Vorübergehen einen Galgenstrick mit Humor zum anderen sagen. Was mich betrifft, so würde ich es ihm nur in Vorsicht und Schlauheit gleichtun, aber zu stehlen, nein, zu stehlen beabsichtige ich nicht. Ja, ich habe sogar schon in Moskau, und vielleicht schon am ersten Tage meiner „Idee“, beschlossen, weder Pfandleiher noch Wucherer zu werden: dazu sind die Juden da und auch diejenigen Russen, die weder Verstand noch Charakter haben. Pfänder und Prozente – das ist so was für die ordinären!

In betreff der Kleidung hatte ich mir vorgenommen, immer zwei Anzüge zu besitzen, einen Alltagsanzug und einen guten. Wenn ich sie mir einmal angeschafft hätte, würde ich sie lange tragen, das wußte ich. Zweieinhalb Jahre lang habe ich mich vorsätzlich darin geübt, wie man seine Kleider tragen muß, damit sie nicht schnell abnutzen, und habe bei der Gelegenheit ein Geheimnis entdeckt: soll ein Kleidungsstück immer wie neu aussehen, so muß man es möglichst oft bürsten, womöglich fünf- bis sechsmal am Tage. Tuch fürchtet die Bürste nicht, wohl aber Staub und Schmutz. Staub besteht, unter dem Mikroskop betrachtet, aus Steinen, die Bürstenhaare aber sind, selbst die härtesten, immerhin etwas der Wolle Ähnliches. Ebenso habe ich meine Stiefel zu tragen gelernt: das Geheimnis besteht darin, daß man ganz gerade und mit der ganzen Sohle auftritt; denn vor allem gilt es ein Schieftreten der Stiefel zu vermeiden. In vierzehn Tagen hat man das heraus, und dann geht’s von selbst, ohne daß man daran zu denken braucht. So trägt man Stiefel im Durchschnitt um ein Drittel der Zeit länger. – Ergebnis zweijährigen Versuchs.

Hierauf befaßte ich mich schon mit der eigentlichen Aufgabe.

Ich ging von der Erwägung aus: ich habe hundert Rubel. In Petersburg finden so viel Auktionen und Ausverkäufe statt, gibt es so viel kleine Buden auf dem Trödelmarkt und so viel kauflustige Menschen, daß es unmöglich ist, eine Sache, die man für soundsoviel gekauft hat, nicht etwas teurer verkaufen zu können. An einem Album habe ich mit einem Anlagekapital von zwei Rubel und fünf Kopeken jene sieben Rubel und fünfundneunzig Kopeken verdient. Diesen ungeheuren Gewinn erhielt ich ohne jedes Wagnis meinerseits: ich sah dem Käufer an den Augen an, daß er dieses alte Album unbedingt erstehen wollte. Natürlich gebe ich zu, daß dieser Fall nur ein Zufall war, aber gerade solche Fälle suche ich ja, nur deshalb habe ich doch beschlossen, auf der Straße zu leben! Nun gut, mögen sie noch so selten sein, gleichviel, mein Grundsatz bleibt: nichts aufs Ungewisse hin zu wagen, und zweitens: unbedingt an jedem Tage wenigstens etwas mehr als das Minimum zu verdienen, d. h. was ich für meinen Unterhalt täglich ausgeben muß, damit an keinem Tage die Vermehrung des Kapitals stillstehe.

Man wird mir sagen: „Das sind alles nur Träume! Sie kennen die Straße noch nicht, man wird Sie schon beim ersten Schritt übers Ohr hauen, und ohne daß Sie es merken.“ Aber ich habe Willen und Charakter, und die Wissenschaft der Straße ist wie jede andere Wissenschaft und läßt sich mit Fleiß, Ausdauer, Aufmerksamkeit und Fähigkeiten ohne weiteres erwerben. Auf dem Gymnasium war ich bis zur letzten Klasse einer der ersten Schüler und ein sehr guter Mathematiker. Und wie kann man nur die bloße „Erfahrung“ und Straßenwissenschaft so götzenbildhaft überschätzen und, wo sie fehlen, ein sicheres Mißlingen prophezeien! Das pflegen aber immer nur diejenigen zu tun, die selbst niemals einen Versuch, gleichviel in welcher Sache, gemacht haben, die nie etwas Neues angefangen, sondern immer auf dem Fertigen frierend gesessen haben. „Einer hat sich die Nase verbrannt, folglich wird jeder andere sie sich auch verbrennen.“ Nein, ich nicht. Ich habe Charakter, und wenn ich will, kann ich alles erlernen. Wäre es denn überhaupt möglich, daß man es bei ununterbrochener Aufmerksamkeit, Berechnung und Überlegung, bei unermüdlicher und ununterbrochener Tätigkeit und Lauferei – schließlich nicht zu dem Wissen brächte, wie man täglich zwanzig Kopeken verdienen kann? Sehr wichtig ist, daß man sich nicht auf den größtmöglichen Gewinn versteift, sondern immer ruhig bleibt. Späterhin, wenn ich das eine und andere Tausend schon verdient habe, würde ich selbstverständlich und ganz unwillkürlich den kleinen Handel und Wiederverkauf auf der Straße aufgeben und mich mit Besserem befassen. Allerdings sind mir jetzt die Börse, die Aktien- und Bankgeschäfte und ähnliches noch wenig bekannt. Aber dafür weiß ich so genau, wie ich fünf Finger an jeder Hand habe, daß ich alle diese Börsen- und Bankiergeschäfte mit der Zeit erlernen und mich wie kein anderer in ihnen auskennen werde, und daß dieses Wissen sich bei mir fast von selbst einstellen wird, einfach weil die Dinge dazu führen. Als ob Gott weiß was für eine salomonische Weisheit dazu erforderlich wäre! Wenn man nur Charakter hat – Verständnis, Geschicklichkeit, Wissen kommen dann von selbst. Und wenn nur das „Wollen“ nicht aufhört!

Die Hauptsache bleibt: nichts aufs Spiel setzen, und das kann man nur, wenn man Charakter hat. Noch kürzlich hatte ich hier in Petersburg eine Zeichnungsliste auf Eisenbahnaktien; wer damals subskribieren konnte, hat viel verdient. Eine Zeitlang stiegen die Aktien. Da gibt es dann immer Leute, die zu spät kommen, und wenn ich, nehmen wir an, subskribiert hätte, würde mir doch der eine oder andere den Vorschlag gemacht haben, ihm die Aktien für eine Prämie von soundsoviel Prozent abzutreten. Nun, und ich hätte dann unbedingt verkauft, ohne lange auf weiteres Steigen der Papiere zu warten. Natürlich hätte man mich ausgelacht, weil man mir nach einiger Zeit vielleicht zehnmal mehr bieten würde. Das wäre ja möglich, aber mein kleinerer Gewinn ist schon deshalb vorteilhafter, weil ich ihn bereits in der Tasche habe, der erhoffte große Gewinn aber noch irgendwo in der Luft hängt. Man wird mir hierauf zu bedenken geben, daß man auf diese Weise doch nicht viel verdienen könne. Entschuldigen Sie, darin irren Sie sich, und darin besteht auch der große Irrtum aller unserer großen verkrachten Spekulanten. So hören Sie denn die Wahrheit: Fleiß und Ausdauer im Verdienen und vor allem im Sparen machen mehr aus als zufällige große Gewinne, selbst wenn diese hundert Prozent und darüber einbringen!

Als John Law zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts in Paris erschien, um ein im Prinzip geniales Projekt durchzuführen (das freilich nachher fürchterlich enttäuschte), geriet ganz Paris in Aufregung. Man riß sich förmlich um Laws Aktien, das Gedränge war unbeschreiblich. Und in das Haus, in dem die Aktien ausgegeben wurden, strömte aus ganz Paris das Geld zusammen. Aber das Haus konnte so viel Menschen nicht fassen, das Publikum mußte schon auf der Straße bleiben, und dort drängte sich alles durcheinander, Arme, Reiche, Vornehme, Geringe, Kinder und Greise, Bourgeoisie und Noblesse, Gräfinnen, Marquisen und Dirnen – alles wurde zu einer einzigen, nur von einem Gedanken besessenen Masse, als wären alle von einem tollen Hunde gebissen. Alle Standesvorurteile, Rang, Stolz, Ehre und guter Name – alles wurde unter die Füße getreten; alles wurde geopfert (sogar von Frauen), nur um ein paar Aktien zu erhalten. Die Subskription mußte schließlich auf der Straße stattfinden, doch man hatte keinen Tisch, auf dem man hätte schreiben können. Da machte man einem Buckligen den Vorschlag, seinen Buckel als Schreibtisch benutzen zu lassen. Der willigte ein – man kann sich denken, wieviel er sich dafür von jedem Subskribenten zahlen ließ! Nun, es dauerte nicht lange, und alle waren bankerott, das ganze Unternehmen, die ganze Idee ging zum Teufel und die Aktien waren wieder wertlose Papierstücke. Wer hatte nun gewonnen? Nur der Bucklige, eben weil er statt der Aktien die baren Louisdors genommen hatte. Nun, und dieser Bucklige bin unter ähnlichen Umständen – ich. Habe ich doch genug Willenskraft gehabt, nicht zu essen und kopekenweise mir zweiundsiebzig Rubel zusammenzusparen; sie wird wohl auch ausreichen, um dem Wirbel einer alle erfassenden Gier zu widerstehen und das geringe, aber sichere Geld dem großen, aber ungewissen vorzuziehen. Nur in Kleinigkeiten bin ich kleinlich, im großen – nie. Wenn zu einer Sache nur ein wenig Geduld erforderlich war, hat meine Willenskraft oft nicht ausgereicht, sogar nachdem ich mir meine Idee schon ausgedacht hatte; zu einer großen Geduld aber – wird sie immer ausreichen. Wenn meine Mutter mir morgens, bevor ich zum Fürsten ging, einen Kaffee vorsetzte, der nur noch lauwarm war, ärgerte ich mich und wurde grob, und dabei war ich derselbe Mensch, der einen ganzen Monat nur von Wasser und Brot gelebt hatte.

Mit einem Wort: auf diese Weise nicht Geld zu erwerben oder nicht erlernen zu können, wie man Geld erwirbt, wäre unnatürlich. Und ebenso unnatürlich wäre es, bei ununterbrochenem und gleichmäßigem Erwerb, bei unermüdlicher Aufmerksamkeit und klarem Verstande, Mäßigkeit, Sparsamkeit und ständig wachsender Energie – nicht Millionär zu werden. Wodurch hat denn der Bettler sein Geld erworben, wenn nicht durch den Fanatismus seines Charakters und seine Ausdauer? Stehe ich diesem Bettler nach? „Und schließlich, mag ich auch nichts erreichen, mag meine Berechnung falsch sein, mag ich Schiffbruch leiden und untergehen, gleichviel! – ich gehe. Ich gehe, weil ich es so will!“ Das sagte ich mir noch in Moskau.

Man wird mir sagen, in alledem sei nichts von einer „Idee“ und das Ganze überhaupt nichts Neues. Ich aber sage, und jetzt zum letztenmal, daß hierin unendlich viel Idee und unendlich viel Neues ist.

Oh, ich habe es ja schon geahnt, wie trivial alle Einwände sein würden, und wie trivial ich selbst erscheinen muß, wenn ich meine „Idee“ auseinandersetze: was habe ich denn ausgesprochen? Nicht einmal den hundertsten Teil. Ich fühle doch, daß es so nur kleinlich, plump, oberflächlich und gleichsam viel zu kindisch für meine Jahre ausgedrückt ist.

III.

Ich habe jetzt noch die Fragen „Warum“ und „Wozu“ und „Ist das sittlich oder nicht“ zu beantworten – da ich eine Antwort versprochen habe.

Es tut mir leid, daß ich den Leser enttäuschen muß; es tut mir leid und es freut mich zugleich. Möge man doch erfahren, daß nicht der geringste „Rachedurst“ in meine „Idee“ hineinspielte, nichts Byronisches, – weder Racheschwüre, noch Waisenklagen oder Tränen wegen der illegitimen Geburt, nichts, gar nichts von dieser Art. Kurzum, eine romantisch veranlagte Dame würde, falls sie meine Aufzeichnungen lesen sollte, sehr enttäuscht sein und geknickt die Nase hängen lassen. Der ganze Zweck meiner „Idee“ ist – Einsamkeit.

„Aber Einsamkeit kann man doch auch so haben, ohne alle Großtuerei und Rednerei, daß man zuvor ein Rothschild werden müsse. Wozu ist da Rothschild nötig?“

„Weil ich außer der Einsamkeit noch Macht brauche.“

Zunächst eine Vorbemerkung: die Aufrichtigkeit meines Bekenntnisses wird den Leser vielleicht entsetzen, und es ist möglich, daß er sich in seiner Einfalt fragt: wie kann er das nur gestehen, ohne zu erröten? Meine Antwort ist: ich schreibe nicht, um das Geschriebene drucken zu lassen; einen Leser aber werde ich, wenn überhaupt, dann wohl erst nach zehn Jahren haben, wenn das eine schon so weit vergangen sein wird, das andere sich schon so weit zu erkennen gegeben hat, daß zum Erröten keine Veranlassung mehr vorhanden ist. Wenn ich aber in meinen Aufzeichnungen manchmal gleichsam zu einem „Leser“ spreche wie zu einem Kritiker, so ergibt sich das ganz von selbst. Mein Leser ist eine Phantasiegestalt.

Nein, nicht meine außereheliche Geburt, mit der man mich bei Touchard so oft geneckt hat, nicht die traurigen Jahre meiner Kindheit, nicht Rachelust und nicht das Protestgefühl mit seinem „Recht“ haben meine „Idee“ erzeugt; getan hat das einzig – mein Charakter. Ich glaube, schon in meinem zwölften Lebensjahr, also fast mit dem eigentlichen Erwachen meines Bewußtseins, begann ich, die Menschen nicht zu lieben. Das heißt nicht gerade, nicht zu lieben, aber so, sie wurden mir, ich möchte sagen, schwer. Es hat mich oft traurig gemacht, und zwar gerade in meinen reinsten Stunden, daß ich nicht einmal den mir am nächsten stehenden Menschen alles zu sagen vermochte, auch ihnen gegenüber nicht alles aussprechen konnte, oder richtiger, eigentlich nicht aussprechen wollte, d. h. daß ich mich aus irgendeinem Grunde zurückhielt, und daß ich mißtrauisch war, finster und verschlossen. Und wiederum ist mir fast schon in der Kindheit ein Charakterzug an mir aufgefallen: daß ich gar zu oft andere beschuldigte oder wenigstens geneigt war, andere zu beschuldigen; aber meinem Gedanken in dieser Richtung folgte auf dem Fuß ein anderer Gedanke, der für mich zu schwer zu ertragen war, der Gedanke: „Bin ich nicht selbst der Schuldige?“ Und wie oft habe ich mich dann selbst grundlos beschuldigt! Und um solchen Fragen aus dem Wege gehen zu können, sehnte ich mich nach Einsamkeit und suchte sie. Außerdem habe ich in der Gesellschaft der Menschen nichts finden können, trotz allem Suchen, und ich habe gesucht; wenigstens alle meine Altersgenossen, alle Schulkameraden erwiesen sich stets als geistig unter mir stehend; ich erinnere mich keiner einzigen Ausnahme.

Ja, ich bin ein düsterer Mensch, ich verschließe mich fortwährend. Oft habe ich Lust, mich von den Menschen ganz und gar abzusondern. Vielleicht werde ich den Menschen auch Gutes tun, aber zumeist kann ich nicht den geringsten, einigermaßen einleuchtenden Beweggrund dazu entdecken. Auch sind sie keineswegs so herrlich, daß es sich lohnte, sich sonderlich um sie zu kümmern. Warum treten sie nicht gerade und offen an mich heran, und warum bin ich verpflichtet, als erster zu ihnen zu gehen? Diese Fragen sind mir immer wieder durch den Kopf gegangen. Ich bin ein dankbares Geschöpf, das haben mir wohl schon hundert von mir begangene Dummheiten bewiesen. Einem offenen Menschen würde ich sofort mit Offenheit antworten und ihn liebgewinnen. So habe ich es ja auch getan; aber alle haben sie mich dann sogleich betrogen und sich selbst wieder vor mir verschlossen, sogar mit Hohn über mich. Der offenste von allen war Lambert, der mich als Junge so gehauen hat; aber auch dieser war bloß ein offener Schuft und Lump; und die Offenheit war bei diesem schließlich nur ein Ausdruck seiner Dummheit. Mit solchen Anschauungen kam ich damals nach Petersburg.

Als ich an jenem denkwürdigen Tage die Wohnung Dergatschoffs verließ (übrigens, Gott weiß weshalb es mich dahin gezogen hatte!), schloß ich mich Wassin an, und in einer Anwandlung von Begeisterung überschüttete ich ihn mit meinem Interesse. Und was geschah darauf? Noch an demselben Abend fühlte ich, daß ich ihn bereits viel weniger liebte. Warum? Ja, eben darum, weil ich durch meinen ihm überschwenglich gezollten Beifall mich selbst vor ihm erniedrigt hatte. Indessen sollte man meinen, es hätte gerade das Entgegengesetzte geschehen müssen: ein Mensch, der so weit gerecht und großmütig ist, daß er einem anderen in einer Weise Anerkennung zollt, die ihn selbst erniedrigt, – ein solcher Mensch steht doch an Menschenwürde eigentlich beinahe höher als jeder andere. Nun, und – ich sah das ein; aber trotzdem liebte ich Wassin weniger, sogar sehr viel weniger. Ich habe absichtlich ein dem Leser schon bekanntes Beispiel genommen. Selbst an Krafft dachte ich mit einem herben oder sogar bitteren Gefühl zurück, weil er mir ins Vorzimmer vorausgegangen war und mich auf diese Weise verabschiedet hatte: dieses Gefühl hatte ich die ganze Zeit bis zum nächsten Tage, bis ich plötzlich etwas erfuhr, das mir alles an ihm erklärte und jeden Grund zum Ärger aufhob. Aber schon in den untersten Klassen des Gymnasiums fühlte ich mich gekränkt, wenn einer meiner Mitschüler mich übertraf, sei es in einer Wissenschaft oder an Schlagfertigkeit und Witz, oder sei es, daß er mir an körperlicher Kraft überlegen war, – dann stellte ich sofort jeden Umgang mit ihm ein und sprach nicht einmal mehr mit ihm. Ich kann nicht sagen, daß ich ihn gehaßt oder ihm Mißerfolg gewünscht hätte; nein, das nicht; ich wandte mich nur von ihm ab, denn so ist nun einmal mein Charakter.

Ja, mich hat mein ganzes Leben lang nach Macht gedürstet, nach Macht und Einsamkeit. Ich träumte davon schon in so jungen Jahren, daß entschieden ein jeder mich ausgelacht haben würde, wenn er meine geheimen Gedanken erfahren hätte. Deshalb habe ich die Heimlichkeit so liebgewonnen. Ja, ich träumte mit aller Kraft und allen Sinnen, träumte, daß mir keine Zeit bliebe, mich mit anderen Menschen zu unterhalten; daraus folgerte man, daß ich menschenscheu sei, und aus meiner Zerstreutheit zog man noch dümmere Schlüsse auf meine Lebenskraft – aber meine roten Wangen bewiesen das Gegenteil.

Besonders glücklich war ich, wenn ich schon im Bett lag und die Decke über die Schulter gezogen hatte, und nun ganz allein, in der größten Einsamkeit, ohne Menschengetriebe um mich herum, ohne einen Laut von ihnen zu hören, mein Leben nach eigenem Wunsch in der Phantasie umzugestalten begann. So verbrachte ich die Zeit, bis meine Idee in mir auftauchte, in der glühendsten Träumerei; durch die Idee aber wurden alle Träume, die bis dahin dumm gewesen waren, mit einemmal vernünftig und gingen aus der träumerischen Form des Romans in die denkende Form der Wirklichkeit über.

Alles floß zusammen und strebte nur zu dem einen Ziel. Meine Träume waren übrigens auch früher schon gar nicht so dumm gewesen, obgleich es der Themata zu Tausenden gab. Aber unter ihnen gab es Lieblingsträume ... Übrigens, es geht doch nicht an, sie hier alle zu erzählen. Macht! Ich bin überzeugt, daß sehr viele es sehr lächerlich finden würden, wenn sie erführen, daß so ein „Nichts“ wie ich es gerade auf Macht abgesehen hatte. Aber ich werde sie durch ein weiteres Geständnis noch mehr in Erstaunen setzen: ich habe mich vielleicht schon von meinen ersten Träumen an, das heißt, so gut wie seit meiner frühesten Kindheit, mir selbst nie anders vorzustellen vermocht, als immer und unter allen Umständen auf dem ersten Platz. Und ich füge ein zweites seltsames Geständnis hinzu: vielleicht setzt sich das noch heute fort. Hierzu bemerke ich, daß ich nicht um Verzeihung zu bitten beabsichtige.

Und darauf beruht ja meine Idee, gerade darin liegt auch ihre Macht, daß das Geld – der einzige Weg ist, der selbst den Letzten auf den ersten Platz bringt. Vielleicht bin ich nicht einmal der Letzte; aber ich weiß zum Beispiel – der Spiegel sagt es mir –, daß mein Äußeres mir schadet, weil mein Gesicht gewöhnlich ist. Wenn ich aber so reich wie Rothschild bin – wer wird dann noch nach meinem Gesicht fragen, und werden dann nicht Tausende von Frauen, sobald ich nur pfeife, mit all ihren Schönheiten zu mir angeflogen kommen? Ich bin sogar überzeugt, daß sie selbst, und zwar vollkommen aufrichtig, mich schließlich für einen schönen Mann halten werden. Ferner: ich bin vielleicht klug. Aber mag ich auch noch so klug sein und eine noch so hohe Stirn haben, es kann sich doch in jeder Gesellschaft einer finden, der noch klüger ist und eine noch höhere Stirn hat – und ich bin verloren. Aber wenn ich nun ein Rothschild bin – wird dann dieser Klügere noch etwas neben mir bedeuten? Man wird ihn doch nicht einmal zu Wort kommen lassen neben mir! Ich bin vielleicht geistreich; aber da befindet sich plötzlich ein Talleyrand neben mir, ein Piron – und ich bin in den Schatten gestellt; bin ich aber ein Rothschild – wo bleibt dann Piron, ja selbst Talleyrand? Geld ist natürlich eine despotische Macht, zu gleicher Zeit aber bedeutet es die größte Gleichstellung, und darin liegt seine hauptsächliche Macht. Geld macht alle Ungleichheiten gleich. Das habe ich alles schon in Moskau eingesehen.

Man wird in diesem meinem Gedanken selbstverständlich nichts als einen Ausdruck von Gemeinheit und Herrschsucht sehen, hinter dem das Gelüst des Niedrigen steht, über die Hohen und Geistigen zu triumphieren. Ich gebe zu, daß dieser Gedanke verwegen ist (und deshalb süß). Aber mag er, mag er es sein: Sie denken gewiß, ich wolle Macht, nur um triumphieren, bedrücken und mich rächen zu können? Das ist es ja, daß unbedingt so und nicht anders die Dutzendgemeinheit handeln würde. Und nicht nur diese; ich bin überzeugt, daß Tausende von Talenten und klugen Leuten, die sich so hochstehend und geistig dünken, wenn man ihnen plötzlich die Rothschildschen Millionen aufladen würde, dem Reichtum nicht gewachsen wären, und wie die Ordinärsten verfahren und am allermeisten die anderen bedrücken würden. Meine Idee ist eine ganz andere. Ich fürchte das Geld nicht; mich wird es nicht bedrücken und auch nicht veranlassen, andere zu bedrücken.

Ich brauche das Geld nicht, oder sagen wir richtiger, ich brauche nicht das Geld, und nicht einmal die Macht; ich brauche nur das, was man durch Macht erwirbt und was man auf keine Weise ohne Macht erlangen kann; und das ist das einsame und ruhige Bewußtsein der Kraft! Das ist die erschöpfendste Bezeichnung dessen, was man „Freiheit“ nennt, und um die sich die ganze Welt so abquält! „Freiheit!“ Endlich habe ich es hingeschrieben, dieses große Wort ... Ja, das einsame Bewußtsein der Kraft – ist berauschend und wundervoll. Ich habe die Kraft, und ich bin ruhig. Jupiter hat Blitz und Donner in der Hand: und er ist ruhig. Hört man’s denn häufig, daß er den Donner grollen läßt? Ein Dummer könnte glauben, er schlafe. Aber setzt an die Stelle Jupiters irgendeinen Literaten oder ein dummes Bauernweib – und das Donnern wird kein Ende nehmen!

Habe ich aber erst einmal die Macht, philosophierte ich, so werde ich ihrer überhaupt nicht mehr bedürfen. Ich versichere, daß ich dann freiwillig und aus eigenem Antriebe überall den letzten Platz einnehmen werde. Wäre ich Rothschild, so würde ich in einem alten Mantel und mit einem Regenschirm gehen. Was mache ich mir daraus, daß man mich auf der Straße stößt, daß ich schnell über das schmutzige Pflaster springen muß, um nicht überfahren zu werden! Das Bewußtsein, daß ich es bin, Rothschild selbst, würde mich in solchen Augenblicken erheitern und belustigen. Ich weiß, daß ich den ersten Koch der Welt und ein Essen wie keiner haben kann, doch es genügt mir, das zu wissen. Ich würde ein Stück Brot und Schinken essen und würde satt sein durch mein Bewußtsein. Dieser Ansicht bin ich auch heute noch.

Ich werde mich nicht zu den Aristokraten drängen, wohl aber werden sie sich zu mir drängen; nicht ich werde den Weibern nachlaufen, sondern sie mir, und werden mir alles anbieten, was ein Weib nur anzubieten hat. Die „billigen“ werden des Geldes wegen kommen, und die klugen wird das neugierige Interesse für den eigenartigen, stolzen, verschlossenen und zu allem sich gleichmütig verhaltenden Menschen anlocken. Ich werde sowohl zu diesen wie zu jenen freundlich sein und ihnen vielleicht Geld geben; von ihnen nehmen aber werde ich nichts. Interesse gebiert Leidenschaft, vielleicht werde ich auch Leidenschaft erwecken. Aber ich versichere, sie werden vergeblich gekommen sein und nichts mitnehmen, als höchstens Geschenke. Und das wird mich für sie doppelt interessant machen.

„... denn mir genügt

Vollauf das Bewußtsein ...“

Sonderbar ist, daß ich mich in dieses Bild (das übrigens richtig ist) schon als Siebzehnjähriger verliebt habe.

Bedrücken und quälen will ich und werde ich keinen; aber ich würde wissen, daß, wenn ich einen bestimmten Menschen, etwa meinen Feind, verderben wollte, niemand mich daran hindern könnte, alle vielmehr diensteifrig mir helfen würden, und wiederum würde mir dieses Bewußtsein genügen. Nicht einmal rächen würde ich mich. Es hat mich immer gewundert, daß James Rothschild den Titel „Baron“ angenommen hat! Warum das und wozu, wenn er doch schon über allen stand? „Oh, mag mich doch dieser aufgeblasene General beleidigen,“ würde ich denken, wenn wir, sagen wir, beide auf einer Poststation auf Pferde warten; „wenn er wüßte, wer ich bin, würde er selbst meine Postpferde anschirren helfen und mir beim Einsteigen in meinen bescheidenen Wagen behilflich sein. War doch einmal in den Zeitungen davon die Rede, daß ein ausländischer Graf oder Baron in einem Wiener Eisenbahnzug einem dortigen Bankier vor dem ganzen Publikum die Pantoffeln angezogen hatte, und dieser war gemein genug gewesen, das geschehen zu lassen. Oh, mag doch, mag diese unheimliche Schönheit (gerade ‚unheimliche‘ Schönheit, es gibt solche!) – diese Tochter der stolzen und bewundernswerten Aristokratin, mit der ich zufällig auf einem Schiffsdeck oder sonstwo zusammentreffe, mich mit ungehaltenem Blick messen und, hochmütig die Nase hebend, mit Verachtung sich darüber wundern, wie dieser geringe, abscheuliche Mensch mit dem Buch oder der Zeitung in der Hand es wagen durfte, sich auf den ersten Platz zu setzen, und noch dazu neben sie! Doch wenn sie nur wüßte, wer neben ihr sitzt! Und sie wird es erfahren, – erfahren und sich selbst neben mich setzen, ergeben, schüchtern, freundlich, und wird meinen Blick suchen und sich über mein Lächeln freuen ...“ Ich habe hier mit Absicht diese frühesten Träume wiedergegeben, damit der Gedanke greller hervortrete und dann verständlicher werde; aber diese Bilder sind blaß und vielleicht trivial. Nur die Wirklichkeit rechtfertigt alles.

Man wird sagen, so zu leben, wäre dumm: warum nicht in einem Palais wohnen, nicht ein großes Haus machen, nicht Gesellschaft bei sich versammeln, warum nicht Einfluß haben, und warum nicht heiraten? Aber was würde dann aus dem Rothschild werden, aus dem reichsten Menschen der Welt? Er würde zu dem werden, was alle sind. Der ganze Reiz der „Idee“, ihre ganze sittliche Kraft würde dahin sein. Schon als Kind habe ich den Monolog des „Geizigen Ritters“ von Puschkin auswendig gelernt; als Idee hat Puschkin nichts Höheres geschaffen! Der Meinung bin ich auch heute noch.

„Aber Ihr Ideal ist niedrig,“ wird man mir mit Verachtung vorhalten, „Geld, Reichtum! Etwas ganz anderes sind doch gemeinnützige Unternehmungen, menschenfreundliche Taten!“

Aber wer weiß es denn, wie ich meinen Reichtum anwenden würde? Was ist dabei Unsittliches und Niedriges, daß aus vielen jüdischen, schädlichen und schmutzigen Händen diese Millionen in die Hand eines nüchternen und standhaften Asketen, der mit scharfem Blick in die Welt schaut, zusammenfließen? Überhaupt, alle diese Zukunftsträume, alle diese Prophezeiungen – das wirkt jetzt noch wie ein Roman, und ich habe sie vielleicht ganz umsonst niedergeschrieben; wäre lieber alles in meinem Schädel geblieben! Ich weiß auch, daß niemand diese Zeilen lesen wird; doch wenn jemand sie lesen sollte, wird er dann glauben, daß ich den Rothschildschen Millionen vielleicht doch nicht gewachsen bin? Nicht deshalb, weil sie mich etwa bedrücken würden, sondern im entgegengesetzten Sinne!? In meinen Träumen habe ich schon mehr als einmal an jenen Augenblick gedacht, wo mein Machtbewußtsein übersättigt sein, die „Macht“ mir aber immer noch nicht groß genug erscheinen wird. Dann werde ich – nicht aus Langeweile und nicht aus Rührseligkeit oder Überdruß, sondern weil mich nach uferlos Größerem verlangen wird – dann werde ich alle meine Millionen den Menschen hingeben, mag die Gesellschaft meinen ganzen Reichtum verteilen und verwalten, ich aber – ich aber tauche wieder hinab und verschwinde unter den Namenlosen! Vielleicht ende ich dann auch so auf einem Zwischendeck, wie jener Bettler auf dem Wolgadampfer, bloß mit dem Unterschied, daß man in meinem Lumpenkittel nichts eingenäht finden wird. Allein das Bewußtsein, daß Millionen in meiner Hand waren und ich sie in den Schmutz geworfen habe wie Spreu, würde mich wie ein Rabe speisen in meiner Wüste. Ich denke auch jetzt noch genau so. Ja, meine „Idee“ ist die Festung, in die ich mich jederzeit und unter allen Umständen zurückziehen und vor allen Menschen verbergen kann, selbst als Bettler. Das ist nun meine Dichtung! Und wißt, ich brauche meinen lasterhaften Willen ganz, nur um mir selbst beweisen zu können, daß ich imstande bin, auf ihn zu verzichten.

Man wird mir hierauf zweifellos vorhalten, das sei doch Phantasterei, in Wirklichkeit würde ich die Millionen nie aus den Fingern lassen und mich nie und nimmer in einen solchen Bettler verwandeln. Möglich, daß ich sie nicht aus den Fingern lasse; ich habe doch nur das Ideal meiner Idee aufgezeichnet. Aber ich füge noch hinzu, und im Ernst: wenn mein Reichtum bis zu der Ziffer eines Rothschildschen angewachsen ist, so könnte es in der Tat damit enden, daß ich ihn den Menschen hinwerfe. (Übrigens vor Erreichung der Rothschildschen Ziffer, d. h. der Ziffer des größten persönlichen Reichtums, wäre es schwer, das auszuführen.) Und nicht die Hälfte würde ich hingeben; denn dabei käme doch nur eine Banalität heraus: ich würde nur um die Hälfte ärmer werden und nichts weiter; sondern gerade alles, alles bis aufs letzte, weil ich, wenn ich dann freiwillig zum Bettler geworden bin, mit einem Schlage doppelt so reich sein würde wie Rothschild! Wenn man das nicht begreift, ist es nicht meine Schuld; erklären werde ich es nicht.

„Das ist Fakirtum, poetische Träumerei der Niedrigkeit und Kraftlosigkeit!“ urteilen die Menschen, „das ist der Triumph der Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit.“ Gut, ich gebe zu, es mag zum Teil auch der Triumph der Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit sein, aber wohl kaum der Kraftlosigkeit. Es gefiel mir ungeheuer, mir gerade ein talentloses und mittelmäßiges Geschöpf vorzustellen, das vor der ganzen Welt steht und lächelnd zu ihr sagt: „Ihr seid die Galilei und Kopernikus, die Karl der Große und Napoleon, ihr seid die Puschkin und Shakespeare, seid Feldmarschälle und Hofmarschälle, und hier bin ich – die Unbegabtheit und Rechtlosigkeit selbst, und bin doch höher als ihr; denn ihr selbst habt euch mir unterworfen!“ Diese Phantasie habe ich, das muß ich gestehen, so weit und schrankenlos fortgesetzt, daß ich sogar die Bildung ablehnte. Es schien mir, es müsse noch schöner sein, wenn dieser Mensch sogar maßlos ungebildet wäre. Diese Übertreibung des Gedankens blieb auch nicht ohne Einfluß auf meine Schulzeugnisse in der letzten Klasse des Gymnasiums; ich hörte einfach auf zu lernen, und zwar aus Fanatismus: die Verwirklichung des Ideals von einem Menschen ohne Bildung erschien mir großartiger. Inzwischen habe ich aber meine Ansicht in dieser Frage geändert und halte Bildung nicht mehr für störend.

Meine Herren, sollte denn die Selbständigkeit im Denken, und wäre es auch nur die geringste, wirklich so schwer für Sie sein? Selig ist, wer ein Schönheitsideal hat, und mag es auch nur ein fehlerhaftes sein! Aber an meines glaube ich. Ich habe es nur nicht richtig dargestellt, habe es ungeschickt und schülerhaft wiedergegeben. Nach zehn Jahren würde ich es selbstverständlich besser können. Aber diese Darstellung hier werde ich mir doch zur Erinnerung aufbewahren.

IV.

Ich habe nun die Auseinandersetzung meiner „Idee“ beendet. Wenn ich sie oberflächlich, unverständlich ausgedrückt habe, so bin ich daran schuld und nicht die Idee. Ich habe schon gesagt, daß die einfachsten Ideen am schwersten zu verstehen sind; jetzt kann ich noch hinzufügen, daß sie auch am schwersten zu erklären sind, und bei der vorliegenden war dies um so mehr der Fall, als ich meine „Idee“ in ihrer früheren Gestalt zu erklären hatte. Aber auch für Ideen ist die Regel von den umgekehrten Gesetzen zutreffend: niedrige, billige Ideen werden ungewöhnlich schnell begriffen, und unbedingt von der ganzen Masse, von der Straße sozusagen; und nicht nur das: man hält sie sofort für die größten und genialsten, jedoch – nur am Tage ihres Bekanntwerdens. Das Billige ist nicht dauerhaft. Schnelles Begriffenwerden ist nur das Anzeichen der Trivialität des zu Begreifenden. Die Idee Bismarcks ist in einem Augenblick genial geworden, und Bismarck selbst zum Genie; aber gerade diese Schnelligkeit ist verdächtig: warten wir ab, was in zehn Jahren von seiner Idee übrig sein wird und vielleicht auch vom Herrn Kanzler selbst. Diese im höchsten Grade nicht zur Sache gehörende Bemerkung habe ich natürlich nicht zum Vergleich eingeflochten, sondern gleichfalls nur zur Erinnerung für mich. (Dies zur Erklärung für einen schon gar zu naiven Leser.)

Jetzt aber will ich noch zwei kleine Erlebnisse erzählen, um damit endgültig mit meiner „Idee“ abzuschließen, und zwar so, daß ich später nichts mehr hinzuzufügen noch zu erklären habe, was mich in der Erzählung nur aufhalten würde.

Einmal im Sommer, es war im Juli, zwei Monate vor meiner Abreise nach Petersburg, als ich schon ganz frei geworden war, bat mich Marja Iwanowna, nach dem „Troïtzki Possad“ zu einem alten dort wohnenden Fräulein hinauszufahren und einen Auftrag auszurichten – etwas ganz Nebensächliches, was der Erwähnung nicht wert ist. Auf der Rückfahrt, noch an demselben Tage, bemerkte ich im Waggon einen widerlich häßlichen jungen Mann, der nicht schlecht, aber unsauber gekleidet war, ein finniges Gesicht hatte und die schmutzig braune Hautfarbe, die manchen Brünetten eigen ist. Er zeichnete sich dadurch aus, daß er auf jeder Station und Haltestelle ausstieg und Schnaps trank. Als die Reise sich ihrem Ende näherte, hatte sich um ihn ein vergnügter Kreis gebildet, übrigens eine recht lumpige Gesellschaft. Besonders entzückt war ein schon etwas betrunkener Kaufmann von dieser Fähigkeit des jungen Menschen, ununterbrochen zu trinken und dennoch nüchtern zu bleiben. Und sehr zufrieden schien damit auch ein junger Bursche zu sein, der furchtbar dumm und furchtbar viel sprach, nach deutscher Art gekleidet war und einen sehr schlechten Geruch verbreitete, – ein Kellner, wie ich später erfuhr. Dieser Kellner hatte sich mit dem brünetten jungen Mann alsbald angefreundet, und jedesmal, wenn der Zug hielt, bewog er ihn zum Aufstehen, indem er sagte: „Es ist Zeit für’n Schnäpschen!“ – und dann stiegen sie beide, eng umschlungen, aus. Der junge Mann, der soviel Alkohol schadlos zu sich nehmen konnte, sprach im allgemeinen kaum ein Wort, aber die Gesellschaft um ihn herum wurde immer lauter und zahlreicher; er hörte nur allen zu und verzog fortwährend seinen speichligen Mund zu einem Grinsen; von Zeit zu Zeit aber ließ er, und zwar immer ganz unerwartet, einen sonderbaren Laut hören, der ungefähr wie „Türlürlü!“ klang, und dazu legte er regelmäßig mit einer höchst karikaturhaft wirkenden Armbewegung den Zeigefinger an die Nase. Das machte dem Kaufmann und dem Kellner, wie auch der übrigen Gesellschaft, großen Spaß, und sie lachten äußerst laut und ungezwungen. Es ist unbegreiflich, über was alles die Menschen mitunter lachen können. Auch ich gesellte mich schließlich zu ihnen, und ich weiß nicht, warum dieser junge Mann auch mir gewissermaßen gefiel; vielleicht, weil er die allgemeingültigen, fast zu Gesetzen gewordenen Anstandsformen so unbekümmert außer acht ließ. Kurz, ich erkannte in ihm nicht den Esel, der er war; und wir begannen uns noch im Waggon zu duzen. Beim Aussteigen sagte er mir, er werde am Abend, gegen neun Uhr, auf den Twerskoi Boulevard kommen. Er war, wie sich herausstellte, ein ehemaliger Student. Ich kam auf den Boulevard, und er veranlaßte mich zur Teilnahme an folgendem Stückchen: Wir gingen beide über alle Boulevards, und sobald wir zu späterer Stunde ein alleingehendes Mädchen oder eine junge Frau entdeckten, eine von den anständigen, und in deren Nähe sich nicht viele andere Fußgänger befanden, so gesellten wir uns schnell zu ihr. Ohne sie anzureden, gingen wir neben ihr in gleichem Schritt weiter, er auf der einen, ich auf der anderen Seite, und begannen mit der ruhigsten Miene, als bemerkten wir sie überhaupt nicht, das allerunanständigste Gespräch. Wir nannten die Dinge mit ihren richtigen Namen, taten es mit dem gleichmütigsten Gesicht, als gehöre es sich so, und ergingen uns dann bei der Schilderung verschiedener Scheußlichkeiten und Schweinereien in solchen Finessen, wie sie die schmutzigste Phantasie selbst des schmutzigsten Wollüstlings sich nicht hätte ausdenken können. (Ich hatte natürlich alle diese Kenntnisse schon in den Schulen erworben, sogar schon vor dem Eintritt ins Gymnasium, aber doch nur die Worte, nicht die Sache selbst begriffen.) Das Mädchen erschrak entsetzlich und ging so schnell sie nur konnte, aber auch wir beschleunigten unseren Gang und – sprachen weiter. Unser Opfer konnte natürlich nichts tun, schreien hätte ihr wenig geholfen: sie hatte keine Zeugen, und überhaupt – es wäre doch peinlich gewesen. Dieses Vergnügen setzten wir acht Tage lang fort. Ich verstehe nicht, wie mir das hat gefallen können! Es gefiel mir ja auch gar nicht, aber ... anfangs erschien es mir originell, gleichsam aus den alltäglichen, zu Schablonen gewordenen Äußerungsformen heraustretend; und außerdem konnte ich die Weiber nicht ausstehen. Einmal erzählte ich dem Studenten, daß Jean Jacques Rousseau in seinen „Beichten“ gesteht, er habe als Jüngling mit Vorliebe gewisse, stets bedeckte Körperteile zu entblößen und heimlich hinter Ecken hervorzustecken geliebt, um dann auf vorübergehende Frauen zu warten. Als Antwort pfiff mir der Student wieder nur sein „Türlürlü!“ Ich merkte schon, daß er schrecklich unwissend war und sich für erstaunlich wenige Dinge interessierte. Es war in ihm auch keine Spur von einer verborgenen Idee, wie ich sie in ihm zu finden vermutet hatte. Anstatt der anfangs vermuteten Originalität, fand ich in ihm nur erdrückende Eintönigkeit. Ich mochte ihn nicht, und dieses Gefühl nahm immer noch zu. Schließlich endete alles ganz plötzlich und auf eine völlig unvorhergesehene Weise: wir hatten uns wieder einmal, als es schon ganz dunkel war, einem noch sehr jungen, vielleicht erst sechzehnjährigen Mädchen angeschlossen, das schnell und furchtsam über den Boulevard ging; sie war sehr sauber und bescheiden gekleidet, lebte wohl von ihrer Hände Arbeit und eilte nach Hause, vielleicht zu einer alten Mutter, einer armen, kinderreichen Witwe, – übrigens wozu die Möglichkeiten ausmalen! Das Mädchen ging mit gesenktem Kopf eilig zwischen uns weiter, so schnell sie nur konnte, und hielt krampfhaft den Schleier fest, als wolle sie sich mit ihm die Ohren zuhalten, und so eilte sie furchtsam und zitternd vor uns her, aber plötzlich blieb sie stehen, schlug den Schleier von ihrem, soweit ich mich erinnere, gar nicht häßlichen, aber mageren Gesichtchen zurück und fuhr uns empört mit blitzenden Augen an:

„Ach, wie gemein Sie sind!“

Vielleicht war sie nahe daran, in Tränen auszubrechen; aber es kam anders: sie holte aus und gab dem Studenten mit ihrer kleinen mageren Hand eine Ohrfeige, wie geschickter und gewandter vielleicht noch nie eine gegeben worden ist. Es klatschte nur so! Er wollte losschimpfen und sich auf sie stürzen, aber ich hielt ihn zurück, und das Mädchen konnte sich retten. Zwischen uns aber kam es sofort zum Streit: ich sagte ihm alles ins Gesicht, was sich an Wut in mir angesammelt hatte, sagte ihm, daß er nur ein erbärmlicher Wicht, die Unbegabtheit und Gewöhnlichkeit in Person sei und niemals auch nur den Schatten einer eigenen Idee gehabt habe. Und er beschimpfte wiederum mich ... (ich hatte ihm einmal etwas von meiner außerehelichen Geburt gesagt), dann spien wir aus, und seitdem habe ich ihn nie wieder gesehen. An jenem Abend war ich sehr ungehalten, am anderen Tage war ich es weniger, am dritten – hatte ich den ganzen Vorfall schon vergessen. Und sonderbar, wenn später auch dieses junge Mädchen zuweilen in meiner Erinnerung auftauchte, so geschah das doch immer nur zufällig und flüchtig. Erst nach meiner Ankunft in Petersburg, ungefähr in der dritten Woche, fiel mir auf einmal dieses ganze Erlebnis ein – es fiel mir ein, und ich schämte mich so entsetzlich, daß mir buchstäblich Tränen der Scham in die Augen traten und über die Wangen rollten. Ich quälte mich den ganzen Abend, die ganze Nacht, und auch jetzt noch quält es mich. Ich konnte lange nicht begreifen, wie es mir möglich gewesen war, damals so tief und schmachvoll zu sinken, und vor allem: diesen Fall zu vergessen, mich nicht seiner zu schämen, nicht Reue zu empfinden! Erst jetzt habe ich erraten, woran das lag: meine „Idee“ war schuld daran! Ich will mich kurz fassen und unmittelbar den Schluß ziehen: Hat man etwas Feststehendes, Starkes, was einen unausgesetzt und tief beschäftigt, so ist man dadurch gleichsam der ganzen äußeren Welt entrückt, man lebt bei sich wie in einer Einsiedelei, und alle äußeren Geschehnisse gleiten an einem vorüber, fast ohne dieses innere Wesentliche auch nur zu streifen. So können sich oft Eindrücke fast ganz verflüchtigen, oder man empfindet sie falsch, jedenfalls nicht so, wie man es in normalem Zustande müßte. Und dabei hat man, was das schlimmste ist, immer gleich eine Ausrede zur Hand. Wie oft habe ich in dieser Zeit meine Mutter gequält, wie schändlich meine Schwester sich selbst überlassen. „Ach, ich habe ja meine ‚Idee‘, alles andere ist Nebensache“ – so ungefähr könnte ich das in Worten ausdrücken, womit ich mich gefühlsmäßig über alles hinwegsetzte. Man beleidigte mich, und sogar empfindlich, und ich ging beleidigt davon und sagte mir dann nur: „Nun ja, ich bin niedrig, aber ich habe immerhin meine ‚Idee‘, und davon wissen meine Beleidiger nichts.“ Die „Idee“ tröstete mich in der Erniedrigung und Schande; aber auch alle meine Gemeinheiten versteckten sich gleichsam hinter der Idee; sie machte mir alles gewissermaßen leichter; aber sie hüllte auch alles um mich herum wie in einen Nebel. Doch eine so unklare Auffassung der Ereignisse und Dinge kann natürlich auch der Idee selbst schaden, ganz abgesehen von allem anderen.

Und jetzt will ich noch das zweite Erlebnis erzählen.

Es war im letzten Frühling in Moskau. Marja Iwanowna feierte am ersten April wie gewöhnlich ihren Namenstag. Zum Abend waren Gäste eingeladen, jedoch nur wenige. Da kommt plötzlich Agrafena atemlos ins Zimmer gestürzt und sagt, im Flur vor der Küche schreie ein kleines ausgesetztes Kind, sie wisse nicht, was sie tun solle. Diese Nachricht regte alle auf, alle erhoben sich, gingen hinaus und sahen tatsächlich in einem Korb aus Birkenrinde ein drei oder vier Wochen altes kleines quiekendes Mädchen liegen. Ich nahm den Korb und trug ihn in die Küche, wo ich sogleich einen am Korb befestigten zusammengefalteten Zettel bemerkte. Auf diesem Papier stand geschrieben: „Liebe Wohltäter, erweist wohlwollende Hilfe dem armen Arina getauften Mädchen, und wir werden mit ihr zusammen zeitlebens unsere Tränen zum Throne des Höchsten emporsenden, wünschen Euch auch Glück zum Namensfeste. Euch unbekannte Menschen.“ Da geschah es denn, daß der von mir so sehr geachtete Nikolai Ssemjonowitsch mich zum erstenmal enttäuschte und betrübte: er machte ein sehr ernstes Gesicht und erklärte, das kleine Mädchen müsse sofort ins Findelhaus geschickt werden. Das machte mich ganz traurig. Sie lebten sehr sparsam, hatten aber keine Kinder, worüber Nikolai Ssemjonowitsch immer sehr froh war. Vorsichtig schob ich meine Hände unter die Ärmchen der kleinen Arina und hob sie aus dem Korb; aus den Decken kam ein säuerlicher und scharfer Geruch, wie er lange nicht gebadeten Säuglingen eigen ist. Ich stritt mich zunächst mit Nikolai Ssemjonowitsch wegen des Findelhauses und erklärte dann plötzlich, daß ich das Mädchen auf meine Kosten erziehen lassen würde. Er widersprach mir mit einer gewissen Strenge, trotz seiner sonstigen Weichherzigkeit, und obschon er mit einem Scherz den Streit beilegte, gab er seine Absicht in betreff des Findelhauses doch nicht auf. Es kam aber anders, und ich setzte meinen Willen durch; auf unserem Hof lebte in einem Nebengebäude ein armer Tischler, ein schon älterer Mann und großer Trunkenbold, dessen Frau, ein noch junges und sehr gesundes Weib, gerade ihren Säugling verloren hatte, ihr einziges Kindchen nach achtjähriger kinderloser Ehe. Dieses Kind war gleichfalls ein Mädchen gewesen und zum Glück zufällig auch Arina getauft worden. Ich sage „zum Glück“; denn als wir noch wegen des Findelhauses stritten, war diese Tischlersfrau, die von der Überraschung gehört hatte, nur aus Neugier herbeigelaufen, als sie aber hörte, die Kleine hieße Arina, da hatte sie Mitleid mit dem Kindchen. Die Milch war bei ihr noch nicht vergangen, und so entblößte sie die Brust und stillte das Kind. Ich machte mich nun gleich an sie heran und bat und beredete sie eindringlich, das Kind zu sich zu nehmen, und ich versprach, ihr monatlich dafür zu zahlen. Sie befürchtete, der Mann würde es ihr nicht erlauben, nahm aber das Kind doch für die Nacht zu sich. Am nächsten Morgen gab der Mann seine Einwilligung, vorausgesetzt, daß man acht Rubel monatlich zahlte, was ich denn auch unverzüglich tat, indem ich ihm acht Rubel für den ersten Monat einhändigte. Er vertrank das Geld ohne zu säumen. Nikolai Ssemjonowitsch, der zu meinem Vorhaben immer noch sonderbar lächelte, willigte ein, die Bürgschaft dafür zu übernehmen, daß die acht Rubel in jedem Monat von mir gezahlt werden würden. Ich wollte nun Nikolai Ssemjonowitsch meine sechzig Rubel einhändigen, damit er eine Sicherheit habe, aber er nahm sie nicht. Übrigens wußte er, daß ich Geld besaß, und vertraute mir. Durch dieses taktvolle Verhalten seinerseits war denn auch unser kurzer Streit beigelegt. Marja Iwanowna sagte nichts, aber sie wunderte sich, daß ich eine solche Sorge auf mich nahm. Ich habe das Zartgefühl dieser Menschen immer ganz besonders geschätzt; in diesem Fall erlaubten sie sich nicht den geringsten Scherz über mich, sondern faßten die ganze Sache genau so ernst auf, wie sie war. Ich lief jeden Tag zu Darja Rodiwonowna, sogar dreimal täglich, und nach einer Woche schenkte ich ihr persönlich und heimlich, damit ihr Mann es nicht erführe, noch drei Rubel. Für weitere drei Rubel kaufte ich ein Deckchen und Windeln. Aber am zehnten Tage erkrankte die kleine Rina. Ich holte sofort den Arzt, er verschrieb etwas, und wir blieben die ganze Nacht bei dem Kinde und quälten das arme Dingelchen mit seiner abscheulichen Medizin, aber schon am Morgen sagte er, es sei hoffnungslos, und auf meine Bitten – übrigens waren es, glaube ich, Vorwürfe – erwiderte er nur mit edler Friedfertigkeit: „Ich bin kein Gott.“ Die Zunge, die Lippen, der ganze Mund des kleinen Mädchens waren wie mit einem leichten weißen Ausschlag bedeckt, und am Abend starb die Kleine, die großen schwarzen Augen auf mich gerichtet, als könne sie schon alles verstehen. Ich begreife nicht, wie es mir nicht in den Sinn gekommen ist, die kleine Tote photographieren zu lassen! Und wird man es glauben, ich habe an diesem Abend nicht nur geweint, sondern einfach geheult, was ich mir früher niemals erlaubt hatte. Marja Iwanowna war noch genötigt, mich zu trösten, und das geschah alles wieder ohne den geringsten Spott. Der Tischler fertigte eigenhändig den kleinen Sarg an, Marja Iwanowna schmückte ihn mit Rüschen und legte ein hübsches kleines Kissen hinein, und ich kaufte Blumen, die ich über das Kindchen streute, und so trug man meine arme kleine Blume fort, die ich, wird man es glauben, bis zum heutigen Tage nicht vergessen kann. Bald darauf aber veranlaßte mich dieser ganze unvorhergesehene Zwischenfall zu recht ernsthaftem Nachdenken. Freilich, Rinotschka war mir nicht sehr teuer zu stehen gekommen: alles zusammen – auch der Sarg und die Beerdigung, der Arzt und die Blumen und die Zahlung an Darja Rodiwonowna – machte dreißig Rubel aus. Dieses Geld holte ich bei der Abreise durch Ersparungen von den vierzig Rubeln, die Werssiloff mir zur Reise geschickt hatte, und durch den Verkauf einiger alter Sachen vor der Abreise wieder ein, so daß mein „Kapital“ auf derselben Höhe blieb. „Aber,“ sagte ich mir, „wenn ich mich oft so ablenken lasse, dann werde ich nicht weit kommen.“ Aus der Geschichte mit dem Studenten ging hervor, daß eine „Idee“ von einem so weit Besitz ergreifen kann, daß man sich über äußere Eindrücke gar nicht mehr klar wird oder sogar die ganze tägliche Wirklichkeit unbemerkt an einem vorüberzieht; und aus der Geschichte mit Rinotschka ging das Gegenteil hervor: daß keine „Idee“ von einem (oder wenigstens von mir) so weit Besitz zu ergreifen vermag, daß sie mich davon abhalten könnte, plötzlich vor irgendeiner erschütternden Tatsache stehenzubleiben und auf einmal alles das zu opfern, was ich schon in jahrelanger Arbeit für die „Idee“ getan hatte. Zwei entgegengesetzte Folgerungen, und nichtsdestoweniger waren sie beide richtig.