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Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 48: I.
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About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Achtes Kapitel.

I.

Am nächsten Morgen bemühte ich mich, möglichst früh aufzustehen. Gewöhnlich stand man bei uns um acht Uhr auf, das heißt ich, meine Mutter und meine Schwester; Werssiloff pflegte sich und blieb bis halb zehn im Bett. Pünktlich um halb neun brachte mir meine Mutter immer den Kaffee, diesmal aber beschloß ich, das Haus schon vorher, schon um acht Uhr zu verlassen. Ich hatte mir bereits am Abend einen ganzen Plan für diesen Tag zurechtgelegt. Dabei hatte ich aber schon gefühlt, daß, trotz meiner ganzen leidenschaftlichen Entschlossenheit, unverzüglich mit der Verwirklichung meiner Idee zu beginnen, gerade in den wichtigsten Punkten dieses Planes noch unendlich viel Unsicheres und Unbestimmtes war. Deshalb hatte ich denn auch fast die ganze Nacht wie im Halbschlaf verbracht, hatte unzählige Träume gehabt, und war überhaupt nicht so, wie es sich gehört, eingeschlafen. Dennoch stand ich am nächsten Morgen munterer und frischer auf als je. Gerade jetzt wollte ich eine Begegnung mit meiner Mutter unbedingt vermeiden. Ich konnte mit ihr nach allem Vorgefallenen doch über nichts anderes sprechen als über das bewußte Thema, und ich fürchtete, irgendein neuer, unerwarteter Eindruck würde mich vielleicht von meinem Vorsatz ablenken können.

Der Morgen war kalt, und über allem lag ein feuchter, milchiger Nebel. Ich weiß nicht weshalb, aber der frühe, geschäftige Petersburger Morgen gefällt mir immer, trotz seines garstigen Aussehens, und dieses ganze, an sein Tagewerk eilende, auf sein Ich bedachte und stets gedankenversunkene Menschenvolk hat für mich morgens um acht Uhr etwas besonders Anziehendes. Namentlich liebe ich es, unterwegs, eilend, entweder selbst jemand nach irgend etwas zu fragen oder von anderen gefragt zu werden: die Frage wie die Antwort sind immer kurz, klar, vernünftig, und werden gewechselt, fast ohne daß man stehenbleibt, und immer nahezu freundschaftlich. Die Bereitwilligkeit, zu antworten, ist in den Morgenstunden größer als zu jeder anderen Tageszeit. Mitten am Tage ist der Petersburger weniger mitteilsam; und gegen Abend wird er es noch weniger; sobald ihm dann etwas nicht recht ist, kann er einen sogar anfahren oder verhöhnen; früh am Morgen aber, noch vor der Arbeit, in den nüchternsten und ernstesten Tagesstunden ist er ganz anders. Das habe ich beobachtet.

Ich ging wieder über die Newa nach der „Petersburger Seite“. Da ich jedoch gegen zwölf Uhr unbedingt bei Wassin sein mußte, der in der Stadt an der Fontanka wohnte (um diese Zeit war er am ehesten zu Hause anzutreffen), so beeilte ich mich sehr und hielt mich nirgends auf, obgleich ich ein großes Verlangen hatte, irgendwo einen Morgenkaffee zu trinken. Zudem mußte ich auch Jefim Swerjoff unbedingt noch zu Hause antreffen; ich begab mich wieder zu ihm und wäre in der Tat beinahe zu spät gekommen; er war mit seinem Kaffee fast schon fertig und hatte einen Gang vor.

„Was bringt dich schon wieder zu mir?“ begrüßte er mich, ohne sich zu erheben.

„Das werde ich dir gleich erklären.“

Jeder frühe Morgen, der Petersburger einbegriffen, übt auf die Natur des Menschen eine ernüchternde Wirkung aus. Mancher feurige nächtliche Gedankentraum ist im Licht und in der Kälte des Morgens plötzlich erloschen und wie Rauch verschwunden. Ich selbst habe schon an manchem Morgen meiner noch in der letzten Dunkelheit geträumten Phantasien, und mitunter sogar auch begangenen Taten, mit Selbstvorwürfen und Scham gedacht. Übrigens will ich hier noch erwähnen, da ich nun einmal darauf zu sprechen gekommen bin, daß ich den Petersburger Morgen, den anscheinend prosaischsten auf dem ganzen Erdball, nahezu für den phantastischsten der Welt halte. Das ist meine persönliche Auffassung oder richtiger, mein persönlicher Eindruck, aber ich stehe für ihn ein. An einem solchen modrigen, feuchten und nebligen Petersburger Morgen muß sich, wie mir scheint, der wilde Gedanke eines Puschkinschen Hermann aus der „Pique-Dame“ (eine kolossale Figur, ein ungewöhnlicher, vollkommen Petersburger Typus – ein Typus aus der Petersburger Periode unserer Geschichte!) – noch mehr festigen und erstarken.[12] In diesem Nebel ist mir hundertmal die sonderbare, zudringliche, durch nichts zu verscheuchende Vorstellung gekommen: „Wie, wenn dieser Nebel verfliegt und in die Höhe steigt, – wird dann nicht mit ihm zusammen auch diese ganze modrige, sumpfige Stadt emporsteigen und wie Rauch verfliegen? – und was zurückbleibt ist dann nur der frühere finnische Sumpf, und mitten in ihm, meinetwegen als Schmuck, der Eherne Reiter[13] auf dem heißschnaubenden überjagten Pferde.“ Aber ich sehe, ich kann meine Eindrücke nicht so wiedergeben, wie ich möchte. Schließlich ist das alles doch nur Phantasie oder gar Poesie und folglich Unsinn; nichtsdestoweniger habe ich oft vor der vollständig sinnlosen Frage gestanden, und immer wieder steht sie noch vor mir auf: „Da hasten und eilen sie nun alle und mühen sich ab, aber wer weiß, vielleicht ist das alles nur ein Traum von irgend jemand, und es gibt hier nicht einen einzigen leibhaftigen, wirklichen Menschen, nicht eine einzige wirkliche Handlung? Irgend jemand, dessen Traum dies alles ist, wird plötzlich aufwachen – und alles wird dann jäh verschwunden sein.“ Doch ich habe mich fortreißen lassen.

Eines schicke ich voraus: Es gibt in jedem Menschenleben Einfälle, die scheinbar so exzentrisch sind, daß man sie auf den ersten Blick unbedingt für Wahnsinn halten kann. Mit einem solchen Einfall kam ich an diesem Morgen zu Jefim – zu Jefim, weil ich in Petersburg keinen Menschen kannte, an den ich mich mit diesem besonderen Anliegen hätte wenden können. Dabei war gerade Jefim ein Mensch, zu dem ich, wenn ich die Wahl gehabt hätte, wohl zuletzt mit einem solchen Anliegen gegangen wäre. Als ich mich ihm gegenüber hingesetzt hatte, schien es mir selbst, daß ich, ein verkörperter Fiebertraum, der verkörperten goldenen Mittelmäßigkeit und Prosa gegenübersäße. Aber auf meiner Seite war die Idee und das richtige Gefühl, auf seiner – nur der praktische Schluß, daß man es so nicht machen könne. Mit einem Wort, ich erklärte ihm kurz und bündig, daß ich in Petersburg außer ihm keinen einzigen Bekannten hätte, den ich in einer außergewöhnlichen Ehrenangelegenheit als meinen Sekundanten eine Forderung überbringen lassen könnte; er aber wäre mein ehemaliger Schulkamerad und hätte deshalb nicht das Recht, meinen Auftrag abzulehnen: fordern wollte ich den Gardeleutnant Fürsten Ssergei Ssokolski, weil er vor mehr als einem Jahr in Ems meinem Vater, Werssiloff, einen Schlag ins Gesicht versetzt hatte. Ich muß bemerken, daß Jefim meine Familienverhältnisse ganz genau kannte, ebenso mein Verhältnis zu Werssiloff und beinahe alles, was ich selbst von Werssiloff wußte, und was ich ihm zu verschiedenen Zeiten selbst erzählt hatte, natürlich mit Ausnahme der Geheimnisse. Er saß und hörte zu, wie gewöhnlich verdrossen, wie ein Spatz im Vogelbauer, ernst, schweigend, aufgeblasen, mit seinem borstigen weißblonden Haar. Doch schon nach meinen ersten Worten erschien ein unbewegliches spöttisches Lächeln auf seinen Lippen. Dieses Lächeln war um so unangenehmer, als es ein ganz unbeabsichtigtes und unwillkürliches war; man sah es ihm an, daß er sich wirklich und wahrhaftig in diesem Augenblick sowohl an Verstand als an Charakter mir weit überlegen fühlte. Auch hatte ich noch den Verdacht, daß er mich wegen der Szene bei Dergatschoff verachtete; das konnte nicht anders sein: Jefim ist die Menge, Jefim ist die Gasse, und die beugt sich immer nur vor dem Erfolge.

„Und Werssiloff weiß nichts davon?“ fragte er.

„Selbstverständlich nicht.“

„Aber was hast du denn für ein Recht, dich in seine Angelegenheiten einzumischen? Das erstens. Und zweitens, was gedenkst du damit zu bezwecken?“

Ich kannte die Einwände und erklärte ihm sogleich, daß mein Vorhaben gar nicht so dumm wäre, wie er annehme. „Erstens würde diesem unverschämten Fürsten bewiesen werden, daß es auch in unserem Stande noch Menschen gibt, die einen Begriff von Ehre haben, und zweitens wird Werssiloff beschämt und erhält eine Lehre. Und drittens, und dies ist die Hauptsache: selbst wenn Werssiloff damit recht gehabt haben sollte – vielleicht aus irgendwelchen Überzeugungen –, daß er ihn nicht forderte und die Beleidigung ertrug, so wird er wenigstens sehen, daß es einen Menschen gibt, der die ihm, Werssiloff, zugefügte Beleidigung so stark zu empfinden vermag, wie eine ihm selbst zugefügte, und der bereit ist, für ihn, Werssiloff, sogar das Leben einzusetzen ... obgleich er sich von ihm auf ewig getrennt hat.“

„Wart’, schrei nicht so, Tante liebt das nicht. Aber sag’, mit diesem selben Fürsten Ssokolski führt doch Werssiloff augenblicklich einen Prozeß wegen einer Erbschaft? In dem Fall wäre das nun ein ganz neues und originelles Verfahren, einen Prozeß zu gewinnen – indem man den Gegner einfach fordert und im Duell über den Haufen schießt.“

Hierauf erklärte ich ihm en toutes lettres,[29] daß er einfach ein Dummkopf und ein eingebildeter Patron sei, und sein spöttisches Lächeln nur seine Selbstzufriedenheit und Gewöhnlichkeit beweise. Er glaube wohl, die Verwickelung der Sache durch den Erbschaftsstreit wäre mir nicht von Anfang an klar gewesen, und dieser Gedanke hätte nur seinen gedankenreichen Schädel eines Besuchs für würdig gehalten. Darauf setzte ich ihm auseinander, daß der Prozeß schon von Werssiloff gewonnen sei; ferner, gar nicht von diesem einen Fürsten Ssokolski, sondern von den Fürsten Ssokolski angestrengt worden war, so daß, falls der eine im Duell fiele, deshalb noch nicht alle Gegner Werssiloffs beseitigt wären. Ungeachtet dessen würde man mit der Forderung so lange warten müssen, bis die Berufungsfrist verstrichen wäre (obschon die Fürsten gewiß nicht Berufung einlegen würden), eben um des Anstands willen. Nach Ablauf der Frist aber sollte dann das Duell stattfinden, und jetzt wäre ich nur deshalb zu ihm gekommen, um mich zu versichern, ob ich auf ihn als Sekundanten rechnen könne, und falls nicht, dann hätte ich bis dahin wenigstens noch Zeit, mich nach einem anderen umzusehen. So, und deshalb wäre ich jetzt zu ihm gekommen.

„Nun, so komm dann, wenn du mich brauchst, was läufst du denn umsonst die zehn Werst ab.“

Er erhob sich und nahm seine Mütze.

„Und dann wirst du es tun?“

„Nein, selbstverständlich nicht.“

„Warum nicht?“

„Ja, schon allein deshalb nicht, weil du dann bis zum Ablauf der Berufungsfrist jeden Tag zu mir laufen wirst, wenn ich jetzt einwillige. Außerdem ist das Ganze doch barer Unsinn und nichts weiter. Wozu soll ich mir deinetwegen meine Karriere verpfuschen? Und wenn mich der Fürst auf einmal fragt: ‚Wer schickt Sie zu mir?‘ – ‚Dolgoruki.‘ – ‚Aber was hat Dolgoruki mit Werssiloff zu schaffen?‘ – Soll ich ihm dann deinen ganzen Stammbaum erklären, was? Er wird mir doch ins Gesicht lachen!“

„Dann schlag’ ihm in die Fratze!“

„Leicht gesagt!“

„Du wagst es nicht? Du bist doch so groß und warst der Stärkste auf dem Gymnasium.“

„Natürlich wage ich es nicht. Und der Fürst wird allein schon aus dem Grunde die Forderung nicht annehmen, weil man sich nur mit seinesgleichen schlägt.“

„Bitte, ich bin gleichfalls ein Gentleman, meiner Bildung nach, und ich habe Rechte, folglich bin ich seinesgleichen ... Im Gegenteil, eher könnte ich von ihm sagen, daß er unter mir steht.“

„Nein, du bist ein Kleiner.“

„Wieso ein Kleiner?“

„So, eben weil du klein bist; wir sind beide noch Kleine, er aber ist ein Großer.“

„Dummkopf! Nach dem Gesetz kann ich schon seit einem Jahr heiraten.“

„Na, dann heirate! Trotzdem bist du jetzt noch ein Bengel: du wächst ja noch!“

Ich begriff natürlich, daß er sich über mich lustig machen wollte. Diese ganze dumme Geschichte hätte ich ohne Zweifel gar nicht erst zu erzählen brauchen, und es wäre sogar besser, wenn sie unerzählt geblieben wäre; hinzu kommt, daß sie in ihrer Kleinlichkeit und Überflüssigkeit widerlich ist, was jedoch nicht hinderte, daß sie ziemlich ernste Folgen hatte.

Um mich aber noch mehr zu bestrafen, werde ich sie ganz erzählen. Als ich begriffen hatte, daß Jefim sich über mich lustig machte, stieß ich ihn mit der rechten Hand an die Schulter oder richtiger, mit der rechten Faust. Da erfaßte er mich an beiden Schultern, drehte mich um, mit dem Gesicht zur Tür, und – bewies mir durch die Tat, daß er auf dem Gymnasium wirklich der Stärkste von uns allen gewesen war.

II.

Der Leser wird natürlich denken, daß ich Jefim in der schrecklichsten Stimmung verlassen habe, aber er irrt sich. Ich begriff nur zu gut, daß sich hier bloß ein Schuljungenstreich abgespielt hatte, der Ernst der Sache aber deshalb doch unangetastet blieb. Meinen Kaffee trank ich erst auf dem Wassili Ostrow, nachdem ich auf der Petersburger Seite absichtlich an dem Wirtshaus mit der Nachtigall vorübergegangen war: dieses Wirtshaus und die Nachtigall waren mir jetzt doppelt verhaßt. Sonderbar: ich kann sogar Orte und Sachen hassen, als ob es Menschen wären. Aber ich habe in Petersburg auch einige glückliche Orte, ich meine solche, wo ich einmal aus irgendeinem Grunde glücklich gewesen bin; diese Orte meide ich vorläufig: ich will sie erst später, wenn ich schon ganz einsam sein werde, wieder aufsuchen, um dann dort trauern und mich den Erinnerungen hingeben zu können. Während ich meinen Kaffee trank, ließ ich Jefim und seinem gesunden Menschenverstand volle Gerechtigkeit widerfahren. Ja, er war praktischer als ich, aber doch wohl nicht realer. Ein Realismus, der mit der Spitze der eigenen Nase endet, ist gefährlicher als die unvernünftigste Phantasterei, weil er blind ist. Aber wenn ich Jefim auch Gerechtigkeit widerfahren ließ (er wird wahrscheinlich in derselben Zeit gedacht haben, ich ginge auf der Straße und schimpfte über ihn), so gab ich doch deshalb noch keinen Deut von meinen Überzeugungen auf, wie ich auch bis auf den heutigen Tag noch nichts aufgebe. Ich habe genug solcher Leute gesehen, die nach dem ersten Guß kalten Wassers nicht nur ihr Vorhaben aufgeben, sondern sogar ihre Idee, und womöglich noch selbst über das lachen, was sie vor einer Stunde für heilig gehalten haben; oh, mit welch einer Leichtigkeit sie das machen! Mochte Jefim sogar auch im wesentlichen der Sache recht gehabt haben, und mochte ich auch dümmer als dumm gewesen sein und erklügelt gehandelt haben, so lag doch der ganzen Sache in ihrer tiefsten Tiefe ein Punkt zugrunde, auf dem fußend auch ich im Recht war: inwiefern ich aber im Recht war, werden solche Leute nie verstehen können.

Um zwölf Uhr langte ich bei Wassin an, der in der Nähe der Ssemjonoffbrücke an der Fontanka wohnte, traf ihn aber nicht zu Haus. Seine Beschäftigung hatte Wassin auf dem Wassili Ostrow, nach Hause aber kam er immer zu genau festgesetzten Stunden, mittags fast regelmäßig um zwölf. Und da es außerdem noch irgendein Feiertag war, hatte ich mit Bestimmtheit darauf gerechnet, ihn zu Hause zu treffen; so aber blieb mir nun nichts anderes übrig, als auf ihn zu warten, wozu ich mich denn auch entschloß, obgleich ich zum erstenmal in seiner Wohnung war.

Während ich wartete, dachte ich mir ungefähr folgendes: Die Sache mit dem Brief, der die Erbschaft betrifft, ist eine Gewissenssache, und wenn ich nun Wassin zum Richter wähle, beweise ich ihm damit, wie sehr ich ihn verehre und schätze, was ihm natürlich nur angenehm sein kann. Selbstverständlich machte mir dieser Brief ernstlich Sorge, und ich war wirklich überzeugt, daß die Entscheidung eines unbeteiligten Dritten erforderlich wäre; aber trotzdem glaube ich, daß ich mich auch ohne fremde Hilfe aus der Schwierigkeit hätte herausziehen können. Und was die Hauptsache ist, ich wußte das schon damals, als ich dort saß und wartete; ich brauchte ja nur den Brief an Werssiloff abzugeben, und dann konnte er tun, was er selbst für richtig hielt. Sich selbst aber die Rolle eines höheren Richters in einer solchen Angelegenheit anzumaßen, war sogar nichts weniger als richtig. Wenn ich mich dagegen auf die Weise ausschaltete, daß ich den Brief Werssiloff in die Hand gab, und zwar schweigend, so stellte ich mich eben dadurch auf einen Standpunkt, auf dem ich Werssiloff unbedingt überlegen war; denn indem ich dadurch gleichzeitig auf alle Vorteile dieser Erbschaft verzichtete (mittelbar wäre natürlich auch mir, als dem Sohne Werssiloffs, von diesem Gelde manches zugute gekommen, wenn auch nicht gleich, so doch später) – erhielt ich das Recht, über Werssiloffs künftige Handlungsweise von einem höheren sittlichen Standpunkt aus zu urteilen. Und wenn Werssiloff den Brief vernichtete, konnte man mir doch noch nicht den Vorwurf machen, daß ich die Fürsten ruiniert hätte, da das Dokument rechtlich nicht von entscheidender Bedeutung war. Das alles bedachte ich und machte ich mir klar, während ich in Wassins Zimmer wartete; und da kam mir plötzlich der Verdacht, ich könnte zu Wassin gekommen sein, nicht weil mich so sehr nach seinem Rat verlangt hatte, sondern einzig zu dem Zweck, damit er bei der Gelegenheit sähe, was für ein edler und uneigennütziger Mensch ich sei, und somit, um mich für meine gestrige Selbsterniedrigung gerade dadurch an ihm zu rächen.

Über diese Erkenntnis ärgerte ich mich sehr; nichtsdestoweniger blieb ich sitzen und ging nicht fort, obgleich ich genau wußte, daß mein Ärger mit jeden fünf Minuten nur größer werden würde.

Zunächst begann mir Wassins Zimmer schrecklich zu mißfallen. „Zeige mir dein Zimmer, und ich sage dir, was für einen Charakter du hast,“ – wirklich, man könnte das Sprichwort auch so auslegen. Wassin bewohnte ein möbliertes Zimmer bei augenscheinlich armen Leuten, die außer ihm noch andere Mieter hatten, und wohl nur vom Zimmervermieten lebten. Ich kenne diese schmalen, kaum möblierten Zimmerchen, die den anmaßenden Wunsch haben, komfortabel auszusehen; da steht unfehlbar ein gepolsterter Diwan vom Trödelmarkt, den von der Stelle zu rücken, stets etwas gefährlich ist, ein Waschtisch und ein eisernes Bett hinter einem Schirm. Wassin war offenbar der beste und zuverlässigste Mieter; so einen „besten“ hat unbedingt jede Vermieterin, und für diesen tut sie auch ihrerseits ihr Bestes: sein Zimmer wird bedeutend sorgfältiger aufgeräumt und gesäubert, über dem Diwan wird irgendeine Lithographie an die Wand gehängt, und unter den Tisch ein schwindsüchtiger kleiner Teppich gebreitet. Menschen, die diesen muffigen Komfort und vor allem diese dienstbeflissene Ergebenheit der Wirtin mögen, sind selbst verdächtig. Ich war überzeugt, daß der Ruf, der beste Mieter zu sein, Wassin schmeichelte. Ich weiß nicht, aus welchem Grunde mich der Anblick dieser beiden mit Büchern beladenen Tische schließlich immer mehr zu ärgern begann. Die Bücher, die Papiere, das Tintenfaß – alles befand sich in der widerwärtigsten Ordnung, deren Ideal mit der Weltanschauung der deutschen Wirtin und ihres Stubenmädchens wohl übereinstimmen mußte. Bücher waren genug da und nicht nur Broschüren und Zeitschriften, sondern richtige Bücher, – und offenbar las er sie sogar und setzte sich dazu sicherlich mit einer sehr wichtigen und gewissenhaften Miene an den Tisch. Ich weiß nicht, mir ist es lieber, wenn die Bücher unordentlich umherliegen, wenigstens wird dann die geistige Arbeit nicht zu einer Art Ritus. Dieser Wassin war sicherlich äußerst höflich gegen seinen Besuch, aber wahrscheinlich sagte dabei jede seiner Bewegungen: „Nun gut, ich sitze mit dir jetzt ein bis anderthalb Stündchen, dann aber, wenn du gegangen bist, dann werde ich mich wieder an die Arbeit machen.“ Sicherlich konnte man mit ihm eine sehr interessante Unterhaltung führen und viel Neues von ihm hören, aber – „nun ja, ich unterhalte mich jetzt mit dir und interessiere dich sehr, aber wenn du gegangen bist, dann mache ich mich an das für mich Interessantere ...“ Und dennoch ging ich nicht fort, sondern blieb sitzen. Davon jedoch, daß ich seines Rates überhaupt nicht mehr bedurfte, hatte ich mich schon endgültig überzeugt.

Ich saß vielleicht schon eine Stunde oder sogar noch länger, und saß auf einem der beiden Rohrstühle, die am Fenster standen. Es ärgerte mich auch, daß ich durch das Warten soviel Zeit verlor, und dabei mußte ich noch vor dem Abend ein Zimmer mieten. Ich wollte schon ein Buch nehmen, um mich nicht zu langweilen, unterließ es aber: der bloße Gedanke, mich zu zerstreuen oder abzulenken, machte alles doppelt widerlich. Über eine Stunde hatte die auffallende Stille im Hause gedauert, da vernahm ich auf einmal ein leises Flüstern irgendwo in der Nähe, dort hinter der Tür, die durch den Diwan verstellt war. Unwillkürlich horchte ich auf und hörte, wie das Geflüster immer eifriger und vernehmbarer wurde. Es sprachen zwei Stimmen, Frauenstimmen, aber die Worte waren nicht zu unterscheiden; und doch begann ich aus Langeweile zuzuhören. Jedenfalls sprachen sie mit Eifer und Leidenschaft, und es handelte sich offenbar nicht um Schnittmuster: sie schienen sich zu beraten oder zu streiten, oder die eine Stimme bat und beschwor, und die andere hörte nicht darauf und widersprach. Die Sprechenden waren wohl zwei von den anderen Zimmermietern. Bald wurde es mir langweilig, und mein Ohr gewöhnte sich daran, so daß ich das Geflüster zwar noch vernahm, aber fast gar nicht mehr daran dachte; – bis mich plötzlich etwas aufschreckte: es war, als wäre jemand vom Stuhl herabgesprungen, auf beide Füße zugleich – oder vielleicht vom Stuhl aufgesprungen – mit den Füßen gestampft hätte, – dann ein Stöhnen und plötzlich ein Schrei, sogar nicht nur ein Schrei, sondern ein tierisches, wutbebendes Aufschreien oder Aufkreischen, dem es ganz gleichgültig war, ob Fremde es hörten oder nicht. Ich stürzte zur Tür und machte sie auf. Im selben Augenblick ging noch eine andere Tür auf, am Ende des Korridors – die Tür der Wirtin, wie ich später erfuhr – und zwei neugierige Köpfe schauten heraus. Der Schrei war übrigens sofort verstummt, doch plötzlich wurde die Tür neben mir aufgestoßen, die Tür der Nachbarinnen, und ein, wie mir schien, junges Frauenzimmer riß sich los und lief schnell die Treppe hinunter. Eine andere, eine ältere Frau, wollte sie zurückhalten, vermochte es aber nicht und rief nur angstvoll hinter ihr her:

„Olä, Olä, wohin? Ach Gott!“

Da gewahrte sie aber unsere offenen Türen und zog schnell ihre Tür wieder zu, und nur durch einen kleinen Spalt horchte sie noch hinaus, bis Oläs schnelle Schritte auf der Treppe nicht mehr zu hören waren. Ich kehrte zu meinem Fenster zurück. Alles wurde still. Für mich war es ein bedeutungsloser, vielleicht sogar komischer Zwischenfall, und ich dachte bald nicht mehr an ihn.

Ungefähr eine Viertelstunde später erscholl auf dem Korridor, unmittelbar vor Wassins Tür, eine laute und muntere Männerstimme. Jemand drückte auf die Klinke und öffnete die Tür so weit, daß ich auf dem Korridor einen hochgewachsenen Herrn erkennen konnte, der augenscheinlich auch mich bereits erblickt hatte und mich sogar schon betrachtete, jedoch noch nicht eintrat und fortfuhr, die Klinke in der Hand, sich über den ganzen Korridor hin mit der Wirtin zu unterhalten. Die Wirtin antwortete ihm mit dünnem, lustigem Stimmchen, und schon aus diesem freundlichen Ton konnte man erraten, daß der Herr ihr längst bekannt war und von ihr geachtet und geschätzt wurde, sowohl als solider Gast wie als lustiger Herr. Der lustige Herr sprach fast schreiend und machte seine Witzchen ganz laut, die sich übrigens nur darauf bezogen, daß er Wassin wieder nicht zu Hause traf, ihn auch sonst niemals finden konnte, das sei ihm wohl schon als besonderes Pech in die Wiege gelegt, und nun wolle er wieder einmal warten – und das alles schien die Wirtin für ungeheuer witzig und geistreich zu halten. Endlich trat der Herr ins Zimmer, wobei er die Tür schwungvoll so weit aufriß, wie sein Arm es zuließ. Es war ein gut gekleideter Herr, der augenscheinlich bei einem besseren Schneider arbeiten ließ und wie man sagt, „herrschaftlich“ angezogen war, indessen hatte er aber nichts weniger als etwas „Herrschaftliches“ an sich, und das sogar trotz des anscheinend großen Wunsches, es zu haben. Er war nicht gerade das, was man harmlos „ungezwungen“ nennt, sondern war gewissermaßen von einer natürlichen Frechheit, also immerhin weniger verletzend frech, als es einer ist, der sich vor dem Spiegel darin geübt hat. Seine dunkelblonden, nur ein wenig ergrauten Haare, seine dunklen Augenbrauen, sein großer Bart und seine großen Augen verliehen ihm nicht nur nichts Charakteristisches, sondern gaben ihm gleichsam ein noch mehr allgemeines Aussehen, etwas allen anderen Ähnelndes. Solch ein Mensch kann lachen und ist gern bereit zu lachen, aber aus irgendeinem Grunde wird man nie lustig in seiner Gesellschaft. Sein Gesichtsausdruck wechselt beständig, geht blitzschnell vom lachenden in einen wichtigen über und vom wichtigen in einen lustig scherzhaften oder verschlagen zuzwinkernden, aber alle diese Veränderungen sind immer irgendwie grundlos und sprunghaft ... Übrigens, es hat keinen Sinn, ihn im voraus zu charakterisieren. Ich habe ihn später viel besser und näher kennen gelernt, und deshalb zeichne ich seinen Charakter jetzt unwillkürlich viel genauer, als ich ihn damals nach seinem Eintritt ins Zimmer beurteilen konnte. Aber selbst jetzt würde es mir schwer fallen, etwas Bestimmtes über ihn auszusagen; denn bei diesen Menschen ist das Hauptmerkmal eben diese ihre Unabgeschlossenheit, Sprunghaftigkeit und Unbestimmtheit.

Er hatte sich noch nicht hingesetzt, als mir plötzlich der Gedanke kam, das könnte Wassins Stiefvater sein, ein gewisser Herr Stebelkoff, von dem ich irgend etwas gehört hatte, aber nur so flüchtig, daß ich mich nicht mehr erinnern konnte, was es eigentlich gewesen war: nur dessen entsann ich mich noch, daß man jedenfalls nichts Gutes gesagt hatte, sogar im Gegenteil. Wassin war, das wußte ich, früh verwaist und hatte lange unter seiner Vormundschaft gestanden, sich jedoch schon längst von seinem Einfluß befreit, und sowohl ihre Ziele wie ihre Interessen waren jetzt ganz verschieden, und überhaupt lebten sie in jeder Beziehung getrennt. Ferner hatte ich von dem damals Gehörten noch behalten, daß dieser Stebelkoff ein gewisses Kapital besaß und so eine Art von Spekulant war und überhaupt ein unruhiger, leichtsinniger Mensch, – mit einem Wort, ich hatte schon manches Nähere über ihn gehört, doch das Gehörte wieder vergessen. Er maß mich mit einem Blick, übrigens ohne mich zu grüßen, stellte seinen Zylinderhut auf den Tisch vor dem Diwan, schob den Tisch mit dem Fuß herrisch zur Seite und setzte sich nicht etwa, sondern warf sich geradezu auf den Diwan, auf den ich mich nicht zu setzen gewagt hatte, so daß das Möbel förmlich ächzte und knackte, spreizte die Beine und begann wohlgefällig die Spitze seines rechten Lackstiefels zu betrachten, indem er sie hob und senkte. Selbstverständlich wandte er sich sogleich wieder mir zu und musterte mich mit seinen großen, etwas unbeweglichen Augen.

„Treffe ihn nicht!“ nickte er mir flüchtig zu.

Ich schwieg.

„Keine Pünktlichkeit! Hat seine eigene Auffassung. Von der Petersburger?“

„Sie ... wollen sagen, daß Sie von der Petersburger Seite gekommen sind?“ fragte ich ihn.

„Nein, das frage ich Sie.“

„Ich ... ja, ich bin von der Petersburger Seite gekommen, aber woher wissen Sie das?“

„Woher? Hm! ...“

Er zwinkerte mir zu, würdigte mich aber keiner Erklärung.

„Das heißt, ich wohne nicht auf der Petersburger Seite, aber ich war heute dort und bin dann hergekommen.“

Er fuhr fort, schweigend zu lächeln, mit einem gewissermaßen bedeutsamen Lächeln, das mir furchtbar mißfiel. In diesem Zuzwinkern lag etwas ungeheuer Dummes.

„Bei Herrn Dergatschoff?“ fragte er schließlich. Ich riß die Augen auf.

„Was ist bei Dergatschoff?“ fragte ich.

Er sah mich triumphierend an.

„Ich kenne ihn ja gar nicht.“

„Hm! ...“

„Wie Sie wollen,“ versetzte ich.

Er wurde mir widerlich.

„Hm! ... tja. Nein, erlauben Sie: Sie kaufen in einem Laden eine Sache, in einem zweiten Laden nebenan kauft ein anderer Käufer eine andere Sache, was für eine glauben Sie wohl? Einfach Geld vom Kaufmann, der Wucherer genannt wird ... denn Geld ist ebenfalls eine Sache, und der Wucherer ist ebenfalls ein Kaufmann ... Sie folgen?“

„Ich ... nun ja, ich folge.“

„Ein dritter Käufer geht vorüber und sagt, auf einen der beiden Läden deutend: ‚Der ist gediegen,‘ und auf den anderen Laden deutend, sagt er: ‚Der ist nicht gediegen.‘ Was kann ich daraus in bezug auf diesen Käufer schließen?“

„Wie soll ich das wissen?“

„Nein, erlauben Sie. Noch ein Beispiel, – von guten Beispielen lebt der Mensch. Ich gehe auf dem Newski und bemerke, daß auf dem anderen Trottoir ein Herr einhergeht, dessen Charakter ich gern ergründen würde. Wir gehen, ein jeder auf seiner Straßenseite, bis zur Ecke der Morskaja, und gerade dort, wo das Englische Magazin ist, bemerken wir einen dritten Fußgänger, der soeben von einer Droschke überfahren worden ist. Jetzt merken Sie auf: es geht ein vierter Herr vorüber, der den Charakter von uns allen dreien ergründen will, einschließlich den des Überfahrenen, im Sinne seiner praktischen Bedeutung und Gediegenheit ... Sie folgen?“

„Verzeihung, nur mit Mühe.“

„Vortrefflich; so habe ich es mir auch gedacht. Ich ändere jetzt das Thema. Gesetzt, ich bin in einem deutschen Bad, Mineralquellen, Sie verstehen, wie ich sie mehrfach schon besucht habe. Namen – Nebensache. Ich promeniere, trinke, sehe Engländer. Mit einem Engländer ist, Sie wissen, schwer Bekanntschaft zu machen; aber da, ’s vergehen zwei Monate, hab’ meine Kur beendet, da sind wir alle in den Bergen, steigen in Gesellschaft mit eisenbeschlagenen Stöcken auf einen Berg hinauf, auf diesen oder jenen, – Name Nebensache. An der Biegung, das heißt, an einer Etappe, und zwar gerade dort, wo die Mönche den Chartreux brauen – merken Sie sich das – treffe ich einen Einheimischen, der einsam steht und schweigend schaut. Ich will über seine Gediegenheit zu einem Schluß kommen: was meinen Sie, könnte ich mich zu dem Zweck an die Engländerschar wenden, mit der ich gehe, einzig aus dem Grunde, weil ich im Kurort sie nicht anzureden verstanden habe?“

„Wie soll ich das wissen. Entschuldigen Sie, es fällt mir sehr schwer, Ihnen zu folgen.“

„Schwer?“

„Ja, Sie ermüden mich.“

„Hm.“ Er zwinkerte mir zu und machte mit der Hand eine Bewegung, die wahrscheinlich Triumph und Sieg bedeuten sollte; darauf zog er äußerst ehrbar und ruhig eine Zeitung, die er offenbar soeben erst gekauft hatte, aus der Tasche, entfaltete sie und begann auf der letzten Seite zu lesen, allem Anscheine nach mit der Absicht, mich vollkommen in Ruh zu lassen. Vielleicht fünf Minuten lang sah er mich nicht an.

„Die Brestograjewschen sind doch nicht gefallen! Sie sind doch gestiegen, sie steigen noch! Kenne viele, die gleichzeitig gefallen sind.“

Er sah mich mit ganzer Seele an.

„Ich verstehe vorläufig noch sehr wenig von der Börse,“ versetzte ich.

„Verdammen es?“

„Was?“

„Das Geld.“

„Nein, das nicht, aber ... aber mir scheint, zuerst muß man eine Idee haben, dann erst kann man sich um Geld kümmern.“

„Das heißt, erlauben Sie! Nehmen wir einen Menschen, der, sagen wir, ein gewisses eigenes Kapital hat ...“

„Zuerst eine höhere Idee, dann das Geld; ohne höhere Idee wird die Gesellschaft mit ihrem Geld zugrunde gehen.“

Ich begreife nicht, weshalb ich mich zu ereifern begann. Er sah mich ein wenig stumpf an, als könne er sich nicht zurechtfinden, aber auf einmal verbreiterte sich sein ganzes Gesicht zu einem überaus heiteren und schlauen Lächeln.

„Aber Werssiloff, was? Der hat’s doch gekriegt, hat’s gekriegt! Gestern, das Urteil, was?“

Da sah ich plötzlich zu meiner größten Überraschung, daß er schon längst wußte, wer ich war, und vielleicht sogar noch sehr viel mehr wußte. Ich begreife nur nicht, warum ich plötzlich errötete und ihn dumm ansah, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Er triumphierte ersichtlich und sah mich heiter an, ganz, als hätte er mich auf eine überschlaue Weise gefangen und überführt.

„Nein,“ sagte er und zog beide Augenbrauen in die Höhe, „mich müssen Sie nach Herrn Werssiloff fragen, mich! Was habe ich Ihnen soeben in betreff der Gediegenheit gesagt? Vor anderthalb Jahren hätte er dank diesem Kinde ein brillantes Geschäft machen können – tja, aber er verspielte die Sache, das war’s!“

„Dank welch einem Kinde?“

„Dem Säugling, den er jetzt anderweitig aufziehen läßt, nun ist das für ihn aussichtslos ... denn ...“

„Was für ein Säugling? Was heißt das?“

„Sein Kind natürlich, sein eigenes, von Mademoiselle Lydia Achmakoff ... ‚Ein schönes Mädchen, hat mich geliebt ...‘ Die Phosphorstreichhölzer – hm?“

„Welch ein Unsinn! Blödsinn! Er hat niemals ein Kind von der Achmakoff gehabt!“

„Oho! Wo war ich denn? Ich bin doch auch Arzt und Geburtshelfer, bitte sehr. Mein Name ist Stebelkoff – nicht gehört? Tja, hab’ freilich auch damals schon nicht mehr praktiziert, aber einen praktischen Rat in einer praktischen Sache geben, das konnte ich sehr wohl.“

„Sie ... sind Geburtshelfer ... haben bei der Achmakoff ein Kind empfangen?“

„Nein, empfangen hab’ ich bei ihr nichts. Dort, in der Vorstadt von Ems, lebte ein Doktor Grantz, mit einer großen Familie belastet, anderthalb Taler wurden ihm gezahlt. So, – Taxe dort bei den Ärzten. Und niemand kannte ihn. Der tat es denn statt meiner ... Ich aber hatte ihn empfohlen, damit es im Dunkel der Unbekanntheit bliebe. Sie folgen? Ich habe nur einen praktischen Rat gegeben auf eine Frage Werssiloffs, wollte sagen Andrei Petrowitschs, tja, auf eine se–ehr diskrete Frage, – unter vier Augen. Geheimnis! Aber Andrei Petrowitsch wollte zwei Hasen.“

Ich hörte ihm mit der größten Verwunderung zu.

„‚Wer zwei Hasen jagt, fängt keinen,‘ sagt ein volkliches oder richtiger bäuerliches Sprichwort. Ich aber sage so: Ausnahmen, die sich unausgesetzt wiederholen, werden zur allgemeinen Regel. Er jagte noch einem zweiten Hasen nach oder sachlich: einer zweiten Dame – und das Ergebnis war gleich Null. Hat man schon mal was in der Hand, so soll man das festhalten. Wo schnell gehandelt werden muß, dort zögert er. Werssiloff, – tja, das ist ein ‚Weiberprophet‘, – so hat ihn damals der junge Fürst Ssokolski mal in meiner Gegenwart nett bezeichnet. Nein, kommen Sie zu mir! Wenn Sie über Werssiloff viel erfahren wollen, dann müssen Sie zu mir kommen, zu mir!“

Er weidete sich mit sichtlichem Wohlgefallen an meinem Anblick, wie ich so dasaß, vor lauter Verwunderung mit offenem Munde. Noch niemals hatte ich auch nur das geringste von diesem Säugling gehört. Da, in demselben Augenblick, wurde plötzlich bei den Nachbarinnen die Tür krachend zugeschlagen, und wir hörten ein paar schnelle Schritte.

„Werssiloff wohnt im Ssemjonowschen Stadtteil, Moshaiskaja, Nummer dreizehn, Haus Litwinoff, ich war selbst auf dem Adreßbureau!“ rief laut eine erregte Frauenstimme; jedes Wort konnten wir hören. Stebelkoff zog aufhorchend die Brauen in die Höhe und hob den Finger hoch.

„Wir reden von ihm hier, und da ist er auch schon dort! ... Da haben wir die Ausnahmen, die sich unausgesetzt wiederholen! Quand on parle d’une corde[30] ...“ Er hopste förmlich auf seinem Platz und rückte näher zur Tür, worauf er fast begierig zu lauschen begann. Auch ich war maßlos überrascht. Ich überlegte, daß diese Worte wohl dasselbe junge Frauenzimmer gerufen hatte, das vorhin so erregt aus dem Nebenzimmer hinausgelaufen war. Aber was hatte Werssiloff hiermit zu tun? Plötzlich erscholl wieder dasselbe Gekreisch wie vorhin, der Schrei eines vor Wut wie ein Tier aufheulenden Menschen, dem man irgend etwas nicht gibt oder den man von etwas zurückhalten will. Dieser Ausbruch unterschied sich nur dadurch vom vorigen, daß er länger andauerte. Man hörte einen Kampf, abgerissene Worte, ein schnelles: „Ich will nicht, ich will nicht, geben Sie es ihm wieder, Mamachen, geben Sie es ihm sofort zurück, sofort!“ – oder so ungefähr – ich erinnere mich nicht mehr genau. Darauf lief wieder jemand, ganz wie vorher, eilig zur Tür und riß sie auf. Beide Nachbarinnen stürzten auf den Korridor hinaus, und wieder schien die eine von ihnen die andere zurückhalten zu wollen. Stebelkoff, der schon längst vom Diwan aufgesprungen war und mit Wonne gelauscht hatte, schoß nur so zur Tür und sprang ganz ungeniert auch auf den Korridor hinaus, gerade auf die Nachbarinnen zu. Natürlich lief ich gleichfalls zur Tür. Doch sein Erscheinen hatte auf die Frauen wie ein Guß kalten Wassers gewirkt: sie waren sogleich wieder in ihrem Zimmer verschwunden und hatten im Nu ihre Tür mit lautem Krach zugeschlagen. Stebelkoff wollte ihnen nacheilen, blieb aber vor der Tür stehen, erhob den Zeigefinger, lächelte und erwog; diesmal bemerkte ich in seinem Lächeln etwas unendlich Gemeines, Dunkles und boshaft Unheilverkündendes. Da erblickte er die Wirtin, die wieder ihren Kopf heraussteckte, und schlüpfte auf den Fußspitzen geschwind zu ihr hin; nachdem er dann wohl ganze zwei Minuten mit ihr getuschelt und von ihr sicherlich Näheres erfahren hatte, kehrte er würdevoll und entschlossen ins Zimmer zurück, nahm seinen Zylinderhut vom Tisch, warf einen Blick in den Spiegel, fuhr sich mit der Hand durchs Haar, damit es höher stehe, und begab sich voll selbstbewußter Würde, ohne mich auch nur mit einem Blick zu streifen, zu den Nachbarinnen. Einen Moment horchte er, das Ohr an der Tür, und dabei zwinkerte er siegesgewiß der Wirtin zu, die ihm mit dem Finger drohte und den Kopf dazu wiegte, als wollte sie sagen: „Ach, Sie Schlingel, Sie Schlingel!“ Endlich richtete er sich entschlossen auf, machte ein möglichst teilnehmendes, ernstes Gesicht, ja, er ließ sogar wie vor lauter Teilnahme den Kopf hängen und klopfte mit dem Fingerknöchel an die Tür.

„Wer ist da?“ fragte eine Stimme.

„Gestatten Sie mir, in einer höchst wichtigen Angelegenheit mit Ihnen Rücksprache zu nehmen?“ fragte Stebelkoff laut und würdevoll.

Man zögerte, aber schließlich öffnete man doch, zunächst nur ein wenig, nur zu einem Viertel; doch Stebelkoff ergriff schnell die Klinke und ließ die Tür nicht wieder schließen. Es begann ein Gespräch. Stebelkoff sprach laut und versuchte sogleich, einzutreten; ich erinnere mich nicht mehr wörtlich des Gesprächs, aber jedenfalls sprach er von Werssiloff, sagte, er könne alles erklären, mitteilen – „nein, mich müssen Sie fragen“, und „nein, ich bin es, an den Sie sich wenden müssen“, und so weiter in dieser Art. So kam es denn, daß man ihn sehr bald eintreten ließ. Ich kehrte zum Diwan zurück und wollte ihr Gespräch verfolgen, konnte aber wenig verstehen; ich hörte nur, daß Werssiloffs Name oft genannt wurde. Aus dem Tonfall der Stimme Stebelkoffs erriet ich, daß er das Gespräch schon beherrschte und nicht mehr einschmeichelnd sprach, sondern überlegen und großmäulig, in der Art, wie er kurz zuvor mit mir gesprochen hatte: „Sie folgen?“, „jetzt merken Sie auf“ und so weiter. Dennoch schien er mit den Damen ausnehmend liebenswürdig zu sein. Schon zweimal hatte er laut aufgelacht, wahrscheinlich ganz zur unrechten Zeit; denn außer seiner Stimme waren auch die Stimmen der beiden Frauen zu hören, von denen die seine manchmal sogar übertönt wurde, und die klangen keineswegs froh, besonders die Stimme der jüngeren, die vorher geschrien hatte: sie sprach viel, nervös, schnell, – offenbar beklagte sie sich oder klagte jemand an; es war, als heische sie Gerechtigkeit und einen unparteiischen Richter. Aber Stebelkoff ließ nicht nach, er erhob seine Stimme mehr und mehr und lachte immer häufiger. Menschen von seiner Art verstehen nicht, anderen zuzuhören. Ich verließ bald wieder den Platz auf dem Diwan; denn ich schämte mich, so zu lauschen, und ich setzte mich wieder auf meinen Rohrstuhl am Fenster. Ich war überzeugt, daß Wassin diesen Herrn überhaupt nicht achtete, mir jedoch, falls ich dieselbe Ansicht äußern sollte, mit ernster Würde und belehrend auseinandersetzen würde, daß dieser Mensch einer von den gegenwärtigen Geschäftsmännern sei, „ein Mann der praktischen Erfahrung“, den man nicht von unseren „allgemeinen und abstrakten Gesichtspunkten“ aus beurteilen dürfe. In jenem Augenblick fühlte ich mich übrigens, wie ich mich erinnere, moralisch wie zerschlagen, mein Herz klopfte heftig, und zweifellos erwartete ich irgend etwas. Es vergingen vielleicht zehn Minuten, da, plötzlich – mitten in einer lauten Lachsalve Stebelkoffs – sprang wieder jemand plötzlich vom Stuhl auf, beide Frauen schrien und sprachen erregt, auch Stebelkoff schien aufgesprungen zu sein, – aber er sprach schon in einem anderen Ton, der so klang, als wolle er sich rechtfertigen oder sie beschwören, ihn zu Ende sprechen zu lassen ... Doch dazu kam es nicht. Ich hörte den zornigen Schrei: „Hinaus! Sie sind ein Elender, ein schamloser Lump!“ Es war klar, daß ihm die Tür gewiesen wurde. Ich öffnete unsere Tür gerade in dem Augenblick, als er von den Nachbarinnen heraussprang, und zwar wie mir schien, buchstäblich von ihnen hinausgestoßen wurde. Wie er mich erblickte, schrie er plötzlich los, auf mich weisend:

„Hier, sehen Sie, hier ist Werssiloffs Sohn! Wenn Sie mir nicht glauben, so bitte, hier, dies ist sein Sohn, sein leiblicher Sohn! Bitte sehr!“ Und er packte mich an der Schulter. „Dieser hier ist sein Sohn, sein leiblicher Sohn! Tja!“ wiederholte er immer wieder und zerrte mich zu den Damen, übrigens ohne etwas zur näheren Erklärung hinzuzufügen.

Die Junge stand im Korridor, die Ältere einen Schritt hinter ihr in der Tür. Ich weiß nur noch, daß dieses arme Mädchen nicht häßlich war, vielleicht zwanzig Jahre alt, aber mager und kränklich sah sie aus. Sie hatte rötliches Haar und im Gesicht eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner Schwester: gerade dieser Umstand fiel mir auf. Nur habe ich Lisa niemals so außer sich vor Empörung gesehen, und sie hätte natürlich auch nie so außer sich geraten können wie dieses junge Mädchen, das ich vor mir sah: ihre Lippen waren weiß, ihre hellgrauen Augen sprühten, und ihr ganzer Körper bebte vor Zorn. Ich weiß noch, ich fühlte mich in einer äußerst dummen und erniedrigenden Lage, zumal ich nichts zu sagen wußte, und das alles dank diesem gemeinen Stebelkoff!

„Was geht das mich an, wessen Sohn er ist! Wenn er mit Ihnen zusammen ist, so ist er ein Lump. Wenn Sie Werssiloffs Sohn sind,“ wandte sie sich plötzlich an mich, „so sagen Sie Ihrem Vater, daß er ein Nichtswürdiger ist, ein ehrloser, schamloser Mensch, daß ich sein Geld nicht brauche ... Da haben Sie es, da, und da! – Nehmen Sie es und bringen Sie es ihm sofort zurück!“ Sie hatte blitzschnell ein paar Banknoten aus der Tasche gezogen und wollte sie mir zuwerfen, aber die Ältere (das war ihre Mutter, wie sich später herausstellte) ergriff ihre Hand und hielt sie fest:

„Olä, aber vielleicht ist das gar nicht wahr, vielleicht ist das gar nicht sein Sohn!“

Olä sah sie flüchtig an, besann sich, maß mich dann mit einem verachtungsvollen Blick und wandte sich zurück ins Zimmer, doch bevor sie die Tür zuschlug, schrie sie Stebelkoff noch einmal wütend an:

„Hinaus!“

Und sie stampfte sogar mit dem Fuß auf. Dann schlug sie die Tür zu und schloß sie ab. Stebelkoff, der mich immer noch an der Schulter festhielt, erhob wieder den Zeigefinger, und während ein nachdenkliches Lächeln seinen Mund langsam in die Breite zog, richtete er seinen fragenden Blick auf mich und sah mich starr an.

„Ich finde Ihre Handlungsweise lächerlich und schändlich!“ sagte ich wütend mit gedämpfter Stimme.

Er hörte nicht darauf, obgleich er keinen Blick von mir wandte.

„Das müßte man un–ter–suchen!“ sagte er nachdenklich.

„Aber wie durften Sie mich so vorschieben? Wer sind diese? Was ist das für ein Frauenzimmer? Sie packen mich an der Schulter und schieben mich vor – was soll das bedeuten!“

„I, Teufel! Irgend so eine ihrer Unschuld Beraubte ... ‚die oft sich wiederholende Ausnahme‘ – Sie folgen?“ Und er stemmte seinen Finger gegen meine Brust.

„Zum Teufel!“ Mit einem Klapps stieß ich seinen Finger fort.

Doch plötzlich und ganz unerwartet begann er zu lachen, lautlos, lange, belustigt. Schließlich setzte er seinen Hut auf, und mit schnell verändertem und schon wieder finsterem Gesicht bemerkte er, die Stirn runzelnd:

„Und die Wirtin müßte man instruieren ... man muß sie aus der Wohnung jagen, – unbedingt, und so schnell als möglich, sonst werden sie hier noch ... Sie werden sehen! Behalten Sie meine Worte, Sie werden schon sehen! I, Teufel!“ fluchte er plötzlich wieder erheitert. „Sie werden doch noch auf Grischa warten?“

„Nein, ich warte nicht mehr,“ sagte ich entschlossen.

„Na, egal ...“

Und ohne noch einen Ton hinzuzufügen, wandte er sich um, ging hinaus und stieg die Treppe hinunter. Der Wirtin, die augenscheinlich auf eine Erklärung oder Neuigkeit wartete, schenkte er nicht einmal einen Blick. Ich nahm gleichfalls meinen Hut, bat die Wirtin, Wassin zu melden, daß ich, Dolgoruki, auf ihn gewartet hätte und lief die Treppe hinunter.

III.

Ich hatte nur Zeit verloren. Als ich auf der Straße war, machte ich mich sofort auf die Wohnungssuche; aber ich war zerstreut, ging mehrere Stunden lang durch die Straßen, sah mir wohl fünf oder sechs möblierte Zimmer an, doch bin ich überzeugt, daß ich an zwanzig anderen vorübergegangen bin, ohne sie zu bemerken. Ich hätte mir nie gedacht, daß es so schwer sein könnte, eine Wohnung zu finden, und das vergrößerte meinen Ärger beträchtlich. Alle Zimmer waren wie das von Wassin bewohnte, sogar bedeutend schlechter, und die Miete riesig hoch, das heißt, im Vergleich zu meiner Berechnung. Ich hatte mir eigentlich nur einen Winkel gedacht, so groß, daß man sich gerade nur einmal umdrehen konnte in ihm, und als ich das äußerte, gab man mir mit Verachtung zu verstehen, dann müßte ich „Winkelvermieter“ aufsuchen und nicht zu ihnen kommen. Außerdem waren überall noch viele andere sonderbare Zimmermieter, neben denen ich mich, allein schon wegen ihres Äußeren, niemals hätte einleben können – sogar zugezahlt hätte ich, um nicht neben ihnen wohnen zu müssen. Da waren so sonderbare Herren ohne Röcke, nur in Westen und Hemdsärmeln, mit zerzausten Bärten und freien Manieren, und die sehr neugierig zu sein schienen. In einem unglaublich kleinen Zimmerchen saßen ihrer ganze zehn beim Kartenspiel mit Bier, und nebenan sollte ich mieten. An anderen Stellen gab ich selbst auf die Fragen der Zimmervermieter so unüberlegte Antworten, daß man mich verwundert ansah, und in einer Wohnung kam es geradezu zu einem Skandal. Übrigens, wozu alle diese Nichtigkeiten beschreiben; ich wollte ja nur sagen, daß ich schrecklich müde wurde und schließlich, als es schon zu dämmern begann, in einer Garküche irgend etwas aß. Ich hatte mich jetzt endgültig entschlossen, sogleich hinzugehen und den Brief, der sich auf die Erbschaft bezog, Werssiloff selbst zu übergeben (ohne alle Erklärungen), ferner aus meinem Giebelzimmer meinen Koffer und meine Reisetasche zu nehmen und für die Nacht meinetwegen in ein Gasthaus zu gehen. Ich erinnerte mich, daß es am Ende des Obuchoffprospektes, am Triumphtor, Herbergen gab, wo man sogar ein ganzes Zimmer für dreißig Kopeken bekommen konnte; für diese eine Nacht wollte ich noch soviel opfern, nur um nicht mehr bei Werssiloff zu übernachten. Doch wie ich nun schon am Technologischen Institut vorüberging, kam es mir auf einmal in den Sinn, bei Tatjana Pawlowna, die dort gegenüber dem Institut wohnte, vorzusprechen. Der eigentliche Vorwand, sie aufzusuchen, war für mich dieser Brief wegen der Erbschaft, aber mein unbezwingbares Verlangen, mit ihr zusammenzukommen, hatte natürlich andere Gründe, die ich übrigens auch jetzt noch nicht ganz zu erklären vermag: es saß da so ein Wirrwarr in meinem Kopf, von einem „Säugling, den er heimlich aufziehen läßt“, von „Ausnahmen, die zur allgemeinen Regel werden“ ... War es nun, daß ich mit einem Menschen darüber sprechen oder vor ihr wichtigtun oder mit jemandem handgemein werden oder womöglich weinen wollte – ich weiß es nicht, und jedenfalls stieg ich zu Tatjana Pawlowna hinauf. Ich war schon früher bei ihr gewesen, aber nur ein einziges Mal, kurz nach meiner Ankunft aus Moskau, und zwar mit einem Auftrag von meiner Mutter; ich weiß noch, nachdem ich ihn ausgerichtet hatte, war ich sogleich wieder fortgegangen, sogar ohne mich gesetzt zu haben, wozu sie mich, nebenbei bemerkt, auch nicht einmal aufgefordert hatte.

Ich klingelte; ihre Köchin öffnete mir sogleich und ließ mich schweigend eintreten. Diese Nebensächlichkeiten muß ich hier erwähnen; denn sonst würde man vielleicht nicht verstehen, wie es zu diesem verrückten Zusammentreffen kommen konnte, das einen so ungeheuren Einfluß auf alles Folgende haben sollte. Zunächst ein paar Worte über diese Köchin. Das war eine Finnländerin mit einer aufgestülpten Nase, eine böse Person, die, wie ich vermute, ihre Herrin Tatjana Pawlowna regelrecht haßte, während diese sich nicht von ihr trennen konnte und mit einer Leidenschaft an ihr hing, wie sonst alte Jungfern an alten feuchtnasigen Möpsen oder ewig schlafenden Katzen zu hängen pflegen. Die Finnländerin war entweder wütend und infolgedessen frech, oder sie schmollte nach einem Streit und sprach dann wochenlang keine Silbe, um auf diese Weise ihre Herrin zu bestrafen. Vermutlich hatte sie damals wieder so einen Schweigetag; denn auf meine Frage, ob das gnädige Fräulein zu Hause sei, antwortete sie mir keinen Ton und kehrte schweigend in ihre Küche zurück. Selbstverständlich nahm ich nun ohne weiteres an, Tatjana Pawlowna wäre zu Hause, und ich begab mich ins Zimmer; es war aber niemand da, und ich blieb stehen in der Erwartung, sie werde gleich aus dem Schlafzimmer heraustreten; wie hätte denn sonst die Köchin mich eintreten lassen können? Ich setzte mich nicht und wartete wohl zwei oder drei Minuten; es war schon stark dämmerig, und Tatjana Pawlownas dunkle kleine Wohnung machte durch den überall hängenden Kattun einen noch beengenderen Eindruck auf mich. Zur Erklärung meiner späteren Zwangslage muß ich auch über diese schändliche Wohnung noch ein paar Worte sagen. Tatjana Pawlowna hätte sich mit ihrem eigensinnigen und herrschsüchtigen Charakter und ihren alten gutsherrschaftlichen Angewohnheiten niemals als Aftermieterin in einem möblierten Zimmer einleben können, und deshalb hatte sie diese Parodie auf eine Wohnung gemietet, nur um allein und von keinem abhängig als ihr eigener Herr zu leben. Diese zwei Zimmerchen waren buchstäblich wie zwei kleine Kanarienvogelbauer, eins ans andere gedrückt, eins kleiner als das andere, dazu im dritten Stock, und die Fenster gingen auf den Hof hinaus. Wenn man eintrat, kam man zunächst in einen schmalen kleinen Korridor von ungefähr einem Meter Breite; links davon waren die erwähnten Kanarienvogelbauer, und geradeaus, am Ende des Korridors, war die Tür zur winzigen Küche. Die anderthalb Kubikfaden Luft, die ein Mensch für zwölf Stunden braucht, waren in diesen zwei Zimmerchen vielleicht noch enthalten, mehr aber wohl kaum. Sie waren schändlich niedrig, und was das dümmste war, – alles, Fenster, Türen, Möbel, alles war mit Kattun behangen und bezogen, allerdings mit sehr schönem französischem Kattun; und durch die Festons über Fenstern und Türen, die das Zimmer zum Teil noch dunkler machten, gemahnte es fast an das Innere eines Reisewagens. In dem ersten Zimmer, wo ich wartete, konnte man sich noch umdrehen, obgleich es mit Möbeln vollgepackt war, und übrigens mit gar nicht so schlechten Möbeln: da gab es verschiedene Tischchen mit eingelegter Arbeit und Bronzebeschlägen, eigentümliche Schatullen und einen eleganten und sogar kostbaren Toilettentisch. Aber das folgende Zimmerchen, aus dem sie, nach meiner Annahme, jeden Augenblick heraustreten mußte, ihr Schlafzimmer, das vom ersten Zimmer durch einen Vorhang ganz abgeschlossen war, bestand, wie ich später sah, tatsächlich nur aus einem Bett. Alle diese Einzelheiten sind notwendig, damit man die Dummheit, die ich beging, begreifen könne. Also ich wartete und zweifelte an nichts, als plötzlich im Korridor die Türschelle ertönte. Ich hörte, wie die Köchin mit langsamen Schritten, ohne sich zu beeilen, über den Korridor ging und jemand genau so wie mich vorhin, schweigend eintreten ließ. Die Eintretenden waren zwei Damen, die beide laut sprachen, und wie groß war meine Verwunderung, als ich die Stimme Tatjana Pawlownas erkannte, und die andere – die andere war die Stimme gerade jener Frau, der zu begegnen ich am allerwenigsten vorbereitet war, und das noch dazu unter diesen Umständen! Ein Irrtum war ausgeschlossen: ich erkannte sie sofort, diese klangvolle, metallische Stimme, die ich erst vor einem Tage gehört hatte, freilich nur drei Minuten lang, aber ihr Klang war in meiner Seele geblieben. Ja, es war die „Frau von gestern“! Was sollte ich tun? Ich stelle diese Frage nicht an den Leser, sondern vergegenwärtige mir nur den damaligen Augenblick, aber ich bin auch jetzt nicht imstande, zu erklären, wie es kam, daß ich plötzlich hinter den Vorhang stürzte und mich in Tatjana Pawlownas Schlafzimmer befand. Kurz, ich versteckte mich und war kaum in Sicherheit, als sie schon eintraten. Warum ich ihnen nicht entgegenging und mich versteckte – das weiß ich nicht; es geschah alles ganz wie von selbst und ohne jede Überlegung.

Fast im selben Augenblick, als ich hinter den Vorhang sprang und auf das Bett stieß, bemerkte ich auch die Tür, die aus diesem Schlafzimmer in die Küche führte und begriff, daß es somit noch einen Ausweg und eine Rettung gab und ich die Wohnung ganz verlassen konnte. Aber – o Entsetzen! – die Tür war verschlossen, und der Schlüssel stak nicht im Schloß. Verzweifelt sank ich aufs Bett; es kam mir auf einmal zu Bewußtsein, daß ich nun die Frauen belauschen würde, und schon aus den ersten Sätzen, ja sogar schon aus dem Ton der ersten Worte erriet ich, daß sie ein geheimnisvolles und bedenkliches Gespräch führten. Oh, natürlich, ein ehrlicher und vornehmer Mensch muß in solchem Fall aufstehen, hervortreten und laut sagen: „Ich bin hier, bitte einen Augenblick zu warten!“ – und, ungeachtet seiner lächerlichen Lage, vorüber- und hinausgehen. Ich aber stand nicht auf und ging nicht hinaus: ich hatte nicht den Mut dazu, erbärmlicherweise wagte ich es nicht zu tun.

„Aber liebste Katerina Nikolajewna, Sie betrüben mich wirklich!“ beschwor Tatjana Pawlowna. „So beruhigen Sie sich doch endlich ein für allemal, das paßt ja auch gar nicht zu Ihrem Charakter. Überall, wo Sie sind, ist Freude, und jetzt auf einmal ... Aber wenigstens mir, denke ich, werden Sie doch noch trauen, Sie wissen doch, wie sehr ich Ihnen ergeben bin. Ihnen doch wirklich nicht weniger als Andrei Petrowitsch, dem ich ewig ergeben sein werde, woraus ich vor keinem Menschen ein Geheimnis mache ... Nun, so glauben Sie mir doch, ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, dieses Dokument ist nicht bei ihm, und vielleicht hat es überhaupt niemand. Und solche Ränke zu schmieden, dazu ist er doch wahrhaftig nicht fähig! Es ist eine Sünde von Ihnen, ihn solcher Sachen auch nur zu verdächtigen. Sie haben sich beide diese Feindschaft nur selbst eingebrockt ...“

„Der Brief, dieses unselige Dokument, existiert unbedingt, und er ist zu allem fähig. Und gestern, wie ich eintrete, ist das erste, was ich sehe – ce petit espion,[31] den er dem Fürsten aufgedrängt hat!“

„Ach Unsinn, ce petit espion! Erstens ist er durchaus kein Spion; denn ich, ich selbst habe darauf bestanden, ihn zum Fürsten zu schicken, sonst wäre er in Moskau übergeschnappt oder verhungert, – so wurde es uns von dort aus gemeldet; aber vor allem ist dieser rohe Bengel einfach nur ein kleiner Narr, wie sollte der zu spionieren verstehen!“

„Ja, das wäre möglich, aber das hindert ihn vielleicht nicht, ein kleiner Schuft zu werden. Ich war gestern nur zu empört, sonst wäre ich gestorben vor Lachen: er erbleichte, stürzte vor, verbeugte sich, sprach Französisch – und in Moskau hatte mir Marja Iwanowna Wunderdinge von ihm erzählt, sie versicherte geradezu, er sei ein Genie. Daß aber dieser unselige Brief noch wohlbehalten existiert und sich irgendwo in den gefährlichsten Händen befindet – das habe ich aus dem Gesicht dieser Marja Iwanowna erraten.“

„Aber Liebste, mein Täubchen, Sie! Haben Sie mir denn nicht selbst gesagt, daß sie nichts hat!“

„Das ist es ja, daß sie ihn hat! Sie lügt ja nur, und Sie ahnen nicht, was das für eine geschickte Lügnerin ist! Vor meiner Reise nach Moskau konnte ich immer noch hoffen, daß vielleicht gar keine Papiere übriggeblieben seien, jetzt aber, jetzt ...“

„Ach, aber Liebste, im Gegenteil, diese Marja Iwanowna soll doch ein so gutes und vernünftiges Geschöpf sein, der Verstorbene hat sie von allen seinen Nichten am meisten geschätzt. Es ist ja wahr, ich selbst kenne sie nicht so genau, aber – ach, hätten Sie sie doch bestrickt, meine Schönheit! Was macht Ihnen denn das aus, das können Sie doch so leicht, ich bin doch schon eine alte Jungfer – und Sie wissen doch, wie ich in Sie verliebt bin, ich werde Sie gleich küssen! ... Ach, das wäre für Sie doch eine Kleinigkeit gewesen, diese Marja Iwanowna zu bestricken!“

„Ich habe es ja versucht, liebe Tatjana Pawlowna, sie war auch ganz entzückt, aber sie ist doch gar zu schlau ... Nein, das ist schon ein ganzer Charakter, und ein besonderer noch dazu, ein Moskauer ... Und können Sie sich denken, sie hat mir doch geraten, mich hier an einen gewissen Krafft zu wenden, den ehemaligen Gehilfen und Mitarbeiter Andronikoffs: sie meinte, vielleicht wisse dieser etwas Näheres. Von diesem Herrn Krafft hatte ich schon eine gewisse Vorstellung, ich habe ihn früher einmal flüchtig gesehen, aber wie sie mir dieses von Krafft sagte, da erst kam ich endgültig zu der Überzeugung, daß sie nicht etwa bloß etwas weiß, sondern daß sie lügt und über alles ganz genau unterrichtet ist.“

„Aber weshalb denn, weshalb? Ja, es ist wahr, man könnte sich bei Krafft erkundigen. Dieser Deutsche ist kein Schwätzer und, ich erinnere mich, er ist sogar ein peinlich ehrlicher Mensch – nein, wirklich, man müßte ihn ausfragen! Bloß ist er jetzt, glaube ich, nicht in Petersburg ...“

„Ach, er ist doch schon gestern zurückgekehrt, und ich war ja soeben bei ihm! Deshalb bin ich doch in solcher Aufregung zu Ihnen gekommen – meine Hände und Füße zittern mir noch – weil ich Sie bitten wollte, mein Engel, da Sie doch alle Menschen kennen: könnte man nicht irgendwie Näheres über den Verbleib seiner Papiere erfahren; denn er wird doch bestimmt welche hinterlassen haben, aber in wessen Hände kommen die nun wieder? Womöglich in die gefährlichsten! Deshalb bin ich zu Ihnen geeilt, um Sie um Ihren Rat zu fragen.“

„Ja, aber von welchen Papieren reden Sie?“ fragte Tatjana Pawlowna etwas verwundert. „Sie sagen doch, daß Sie soeben selbst bei Krafft waren.“

„Ach gewiß, ich war bei ihm, gerade eben, aber er hat sich doch erschossen! Schon gestern abend!“

Ich sprang vom Bett auf. Ich hatte ruhig zuhören können, wie man mich einen Spion und Idiot nannte, und je weiter sie sprachen, um so unmöglicher war es mir erschienen, nun noch hervorzutreten. Das erschien mir ganz undenkbar! Mir war nichts anderes übriggeblieben als das eine – und das hatte ich denn auch im Herzen beschlossen: regungslos so lange zu sitzen, bis Tatjana Pawlowna ihren Gast hinausgeleitet hätte – (wenn sie nicht vorher zu meinem Unglück ins Schlafzimmer kam), und dann, sobald die Achmakoff fortgegangen war – dann mochte es zwischen Tatjana Pawlowna und mir meinetwegen zu einer Schlacht kommen! ... Aber wie ich nun plötzlich von Kraffts Selbstmord hörte, war ich unwillkürlich aufgesprungen – es hatte mich wie ein Krampf gepackt. Ohne zu denken, ohne zu überlegen, ohne mich zu fragen, was ich tat, schritt ich, hob ich den Vorhang und stand vor ihnen. Es war gerade noch hell genug, um mich zu erkennen, wie ich bleich und zitternd hervortrat ... Sie schrien beide auf. Wie hätten sie auch nicht aufschreien sollen!

„Krafft?“ stammelte ich und starrte die Achmakoff an. „Erschossen? Gestern? Bei Sonnenuntergang?“

„Wo warst du? Woher kommst du?“ kreischte Tatjana Pawlowna auf und krallte sich buchstäblich in meine Schulter. „Du hast spioniert? Du hast uns belauscht!“

„Was habe ich Ihnen gesagt! ...“ Katerina Nikolajewna erhob sich vom Sofa und wies auf mich.

Ich geriet außer mir.

„Blödsinn, Lüge!“ fiel ich ihr wütend ins Wort, „Sie haben mich soeben einen Spion genannt, o Gott! Lohnt es sich denn zu spionieren, ja lohnt es sich überhaupt, zu leben neben solchen wie Sie! Ein hochherziger Mensch endet durch Selbstmord, Krafft hat sich erschossen – wegen der Idee, wegen Hekuba ... Übrigens, was wissen Sie von Hekuba! ... Und hier – lebe nun einer mitten unter Ihren Intrigen und Lügen und bewege sich zwischen Ihren Minen und Fallgruben ... Ich habe genug davon!“

„Ohrfeigen Sie ihn! Ohrfeigen Sie ihn!“ schrie Tatjana Pawlowna, und da Katerina Nikolajewna mich zwar ansah, ohne einen Blick von mir zu wenden (ich erinnere mich noch jedes kleinsten Nebenumstandes), sich jedoch nicht von der Stelle rührte, so hätte Tatjana Pawlowna im nächsten Augenblick bestimmt selbst mir die Ohrfeige gegeben, weshalb ich unwillkürlich den Arm hob, um mein Gesicht zu schützen; aus dieser einen Bewegung aber schloß sie, daß ich selbst schlagen wollte.

„So, schlag nur, schlag nur!“ rief sie empört, „zeig’ nur, daß du von Geburt ein Knecht bist! Du bist ja stärker als Frauen, also genier’ dich nicht!“

„Jetzt hab’ ich aber genug von Ihren Verleumdungen, schweigen Sie!“ fuhr ich wütend auf. „Niemals habe ich meine Hand gegen eine Frau erhoben! Sie sind einfach schamlos, Tatjana Pawlowna! Ich weiß, Sie haben mich immer verachtet. Oh, mit den Menschen muß man umgehen, ohne sie zu achten! Sie lachen, Katerina Nikolajewna – wahrscheinlich über meine Gestalt. Ja, Gott hat mir keine solche Gestalt gegeben, wie Ihre Adjutanten sie haben. Und doch fühle ich mich vor Ihnen nicht erniedrigt, sondern im Gegenteil, erhoben ... oder gleichviel, wie man das ausdrücken muß. Ich weiß nur, daß es nicht meine Schuld war! Ich bin ganz ahnungslos hier eingetreten, Tatjana Pawlowna. An der ganzen Sache ist nur Ihre Köchin schuld, oder richtiger, Ihre Vorliebe für diese Person: warum hat sie mir auf meine Frage nichts geantwortet und mich hier eintreten lassen? Und nachher, das müssen Sie sich doch selbst sagen, so aus dem Schlafzimmer einer Frau herauszutreten, das – das erschien mir so monströs, daß ich mich entschloß, lieber Ihre Schmähungen hinzunehmen, als mich nun noch zu zeigen ... Sie lachen wieder, Katerina Nikolajewna?“

„Hinaus! Hinaus mit dir! pack’ dich von hier!“ schrie Tatjana Pawlowna, und sie wollte mich beinahe schon hinausstoßen. „Achten Sie nicht auf sein Geschwätz, Katerina Nikolajewna: ich sagte Ihnen ja, man hat uns doch schon von dort geschrieben, daß er verrückt ist!“

„Verrückt? Von dort geschrieben? Wer hätte das wohl tun können und woher? Gleichviel, es ist genug, Katerina Nikolajewna! Ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist, daß dieses Gespräch und was ich hier gehört habe, unter uns bleiben wird ... Es war nicht meine Schuld, daß ich Ihre Geheimnisse erfahren habe; um so weniger, als ich morgen meine Stellung bei Ihrem Vater aufgebe, so daß Sie wegen des Dokuments, das Sie suchen, beruhigt sein können!“

„Was heißt das? ... Von was für einem Dokument sprechen Sie?“ fragte Katerina Nikolajewna bestürzt, und sie erbleichte sogar, oder vielleicht schien es mir nur so. Ich begriff, daß ich schon zu viel gesagt hatte.

Ich ging schnell hinaus; ihre Blicke verfolgten mich stumm, und es lag in ihnen eine maßlose Verwunderung. Ja, ich hatte ihnen ein Rätsel aufgegeben ...