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Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 54: III.
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About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Neuntes Kapitel.

I.

Ich eilte nach Hause und – sonderbar – ich war sehr zufrieden mit mir. Natürlich spricht man nicht so mit Frauen, und noch dazu mit solchen Frauen, oder nein: mit einer solchen Frau; denn Tatjana Pawlowna zählte für mich nicht mit. Vielleicht darf man einer Frau von dieser Art niemals ins Gesicht sagen, daß man auf ihre Intrigen einfach pfeift, ich aber hatte es gesagt und war gerade damit sehr zufrieden. Abgesehen von allem anderen, war ich wenigstens überzeugt, daß ich mit diesem Ton alles Lächerliche, das in meiner Situation lag, ausgelöscht hatte. Aber ich hatte keine Zeit, mich lange bei diesen Gedanken aufzuhalten: Krafft beschäftigte mich mehr als alles andere. Nicht, daß der Gedanke an ihn mich so furchtbar gequält hätte, aber immerhin war ich aufs tiefste erschüttert, war es sogar in solchem Maße, daß selbst die allgemein menschliche Empfindung einer gewissen Genugtuung bei fremdem Unglück – ich meine, wenn jemand sich ein Bein bricht oder seine Ehre einbüßt oder ein geliebtes Wesen verliert oder etwas Ähnliches ihm widerfährt –, daß sogar diese Empfindung einer niedrigen Genugtuung einer ganz anderen und vollständig ungeteilten Empfindung Platz gemacht hatte, und zwar dem Leid: einem Bedauern des Toten. Das heißt, ob es gerade ein Bedauern war, das weiß ich nicht, aber jedenfalls war es ein überaus starkes und gutes Gefühl. Und damit war ich gleichfalls zufrieden. Es ist erstaunlich, wie viele nebensächliche Gedanken in einem auftauchen können, gerade wenn man durch irgendeine furchtbare Nachricht ganz erschüttert ist, die, wie man eigentlich meinen sollte, alle anderen Gefühle ersticken und alle nebensächlichen Gedanken verscheuchen müßte, besonders die kleinlichen – aber gerade diese sind dann die zudringlichsten. Ich erinnere mich noch, wie allmählich ein ziemlich fühlbares nervöses Zittern meinen Körper ergriff und mehrere Minuten andauerte und sich sogar in der ganzen Zeit fortsetzte, während der ich zu Hause war und die Sache mit Werssiloff erledigte.

Diese Erledigung fand unter seltsamen und außergewöhnlichen Umständen statt. Ich habe bereits erwähnt, daß wir in einem besonderen Hause auf dem Hof wohnten, und unsere Wohnung trug die Nummer dreizehn. Noch bevor ich auf den Hof trat, hörte ich in der Nähe eine weibliche Stimme laut, ungeduldig und gereizt fragen: „Wo ist hier die Wohnung Nummer dreizehn?“ Ich bemerkte eine Frauengestalt, die die Tür eines kleinen Ladens gleich neben der Pforte geöffnet hatte; aber man schien ihr nichts zu antworten, oder vielleicht sagte man ihr sogar eine Ungezogenheit, und sie stieg empört und böse die kleine Ladentreppe wieder herunter. „Wo ist denn hier der Hausknecht?“ rief sie erregt und stampfte vor Ungeduld mit dem Fuß auf. Ich hatte diese Stimme sofort wiedererkannt.

„Ich gehe in die Wohnung Nummer dreizehn,“ sagte ich, auf sie zutretend, „wen suchen Sie?“

„Ich suche hier schon eine ganze Stunde den Hausknecht, ich habe alle gefragt, bin alle Treppen hinaufgestiegen.“

„Die Wohnung ist auf dem Hof. Erkennen Sie mich nicht wieder?“

Sie hatte mich schon erkannt.

„Sie suchen Werssiloff, Sie haben mit ihm abzurechnen, und ich auch,“ fuhr ich fort. „Ich bin gekommen, um für immer Abschied zu nehmen. Gehen wir.“

„Sie sind sein Sohn?“

„Das hat damit nichts zu tun. Übrigens, allerdings, ich bin sein Sohn, obgleich ich Dolgoruki heiße, ich bin ein Unehelicher. Dieser Herr hat eine Menge unehelicher Kinder. Wenn Gewissen und Ehre es verlangen, verläßt selbst der leibliche Sohn das Elternhaus. Das steht schon in der Bibel. Außerdem ist ihm jetzt eine Erbschaft zugefallen, ich will sie aber nicht mit ihm teilen, und so gehe ich, um von meiner Hände Arbeit zu leben. Wenn es nötig ist, opfert ein hochherziger Mensch sogar sein Leben. Krafft hat sich erschossen, Krafft! – und einzig um einer Idee willen! Können Sie sich das vorstellen, er war noch ein junger Mann und berechtigte zu großen Hoffnungen ... Hier, bitte hier! Wir wohnen in einem besonderen Haus. Schon die Bibel spricht davon, daß die Kinder ihre Väter verlassen und ihr eigenes Nest begründen ... Wenn die Idee einen treibt ... wenn man eine Idee hat! Die Idee ist die Hauptsache, die Idee ist alles ...“

So und ähnlich sprach ich die ganze Zeit zu ihr, während wir zu unserer Wohnung schritten. Der Leser wird wohl bemerken, daß ich mich nicht gerade schone, und wo es nötig ist, mich selbst an den Pranger stelle: ich will lernen, die Wahrheit zu sagen. Werssiloff war zu Hause. Ich trat ein, ohne den Mantel abzulegen; sie gleichfalls. Sie war furchtbar ärmlich gekleidet: über einem dunklen Kleidchen hing irgendein Zeugstück, das einen Kragen oder eine Mantille vorstellen sollte, und auf dem Kopf hatte sie ein altes, abgenutztes Matrosenhütchen, das ihr sehr schlecht zu Gesicht stand. Als wir eintraten, saß meine Mutter mit einer Handarbeit auf ihrem gewohnten Platz, und meine Schwester trat aus ihrem Zimmer, um zu sehen, wer da käme, und blieb in der Tür stehen. Werssiloff tat wie gewöhnlich nichts; als wir eintraten, erhob er sich und sah mich mit einem strengen, fragenden Blick an.

„Ich habe hiermit nichts zu schaffen,“ beeilte ich mich zu versichern und stellte mich abseits am Fenster auf. „Ich traf diese Dame soeben unten an der Hofpforte; sie suchte Sie, und niemand konnte ihr den Weg hierher zeigen. Ich aber bin jetzt in einer eigenen Angelegenheit gekommen, die zu erklären ich nach der Dame das Vergnügen haben werde ...“

Werssiloff fuhr aber trotzdem fort, mich neugierig anzusehen.

„Erlauben Sie,“ begann das junge Mädchen ungeduldig.

Werssiloff wandte sich ihr zu.

„Ich habe lange darüber nachgedacht, aus welchem Grunde es Ihnen eingefallen sein könnte, dieses Geld gestern bei mir zu lassen ... Ich ... mit einem Wort ... Da, nehmen Sie Ihr Geld!“ rief sie wieder empört, außer sich, wie ich sie schon schreien gehört hatte, und sie schleuderte das Päckchen Banknoten auf den Tisch. „Ich habe Ihre Wohnung im Adreßbureau aufsuchen müssen, sonst hätte ich es Ihnen früher zurückgebracht. Hören Sie, Sie!“ wandte sie sich plötzlich an meine Mutter, die auf einmal erbleichte; „ich will Sie nicht kränken, Sie sehen ehrlich aus, und vielleicht ist das sogar Ihre Tochter. Ich weiß nicht, ob Sie seine Frau sind oder wer sonst, aber Sie sollen es erfahren, daß dieser Herr Zeitungsanzeigen ausschneidet, solche, in denen Gouvernanten und Lehrerinnen für ihr letztes Geld Stunden suchen, und dann geht er zu diesen Unglücklichen und sucht sie ehrlos zu machen, indem er sie mit Geld ins Unglück zieht. Ich verstehe nicht, wie ich gestern das Geld von ihm annehmen konnte, – er sah so ehrlich aus! ... Schweigen Sie, kein Wort! Sie sind ein Lump, mein Herr! Und selbst wenn Sie mit ehrlicher Absicht gekommen sein sollten, so will ich doch Ihr Almosen nicht. Kein Wort! Schweigen Sie! Oh, wie mich das freut, daß ich Sie jetzt vor Ihren Frauen habe entlarven können! Seien Sie verflucht!“

Sie lief schnell hinaus, nur auf der Schwelle blieb sie noch eine Sekunde lang stehen und rief noch höhnisch zurück: „Sie sollen ja, sagt man, eine Erbschaft gemacht haben!“ Und sie verschwand wie ein Schatten. Ich erinnere nochmals daran: sie war außer sich, sie glich einer Rasenden. Werssiloff war tief bestürzt: er stand wie in Gedanken versunken und als überlege er: auf einmal wandte er sich hastig zu mir.

„Du kennst sie überhaupt nicht?“

„Ich habe vorhin zufällig gesehen und gehört, wie sie auf dem Korridor bei Wassin außer sich geriet, schrie und Sie verfluchte; gesprochen aber habe ich dort nicht mit ihr und weiß auch sonst nichts, und jetzt traf ich sie hier unten vor der Hofpforte. Das wird wohl dieselbe Lehrerin sein, von der Sie gestern sprachen, die Unterricht ‚auch in der Arithmetik‘ erteilt?“

„Ja, dieselbe. Einmal im Leben wollte ich etwas Gutes tun, und ... Doch übrigens, was hast du?“

„Hier, diesen Brief,“ erwiderte ich kurz. „Eine Erklärung halte ich für überflüssig: er kommt von Krafft, der ihn vom verstorbenen Andronikoff erhalten hat. Aus dem Inhalt werden Sie alles ersehen. Ich füge nur hinzu, daß jetzt kein Mensch auf der ganzen Welt von diesem Brief etwas weiß, außer mir; denn Krafft, der mir diesen Brief gestern übergab, hat sich gleich nach meinem Fortgehen erschossen.“

Während ich das atemlos und eilig sagte, nahm er den Brief, hielt ihn unschlüssig in der linken Hand und beobachtete mich aufmerksam. Als ich den Selbstmord Kraffts erwähnte, sah ich ihn scharf an, um zu sehen, welchen Eindruck diese Nachricht auf ihn machte. Und was sah ich? – sie machte überhaupt keinen Eindruck auf ihn: nicht einmal seine Augenbrauen zuckten! Als er bemerkte, daß ich innehielt, zog er seine Lorgnette hervor, die ihn nie verließ und an einem schwarzen Bande hing, hielt den Brief näher zum Licht, sah nach der Unterschrift und begann ihn aufmerksam zu lesen. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr diese hochmütige Gefühllosigkeit mich verletzte. Er mußte Krafft sehr gut gekannt haben, und es war doch wirklich keine so gewöhnliche Nachricht! Und schließlich war es nur natürlich, daß ich mit ihr gern einen großen Eindruck gemacht hätte. Ich wartete vielleicht noch eine halbe Minute, aber da der Brief, wie ich wußte, lang war, wandte ich mich um und ging hinaus. Mein Koffer war schon längst gepackt, es blieben mir nur noch ein paar Sachen zu einem Bündel zusammenzuschnüren. Ich dachte an meine Mutter, und daß ich nun so fortgegangen war, ohne an sie auch nur heranzutreten. Nach zehn Minuten, als ich schon ganz fertig war und gerade fortgehen wollte, um mir eine Droschke zu holen, trat meine Schwester in mein Zimmer.

„Hier, Mama schickt dir deine sechzig Rubel und läßt dich nochmals bitten, ihr zu verzeihen, daß sie Andrei Petrowitsch davon gesagt hat. Und dann noch zwanzig Rubel. Du hast gestern fünfzig Rubel für deinen Unterhalt gegeben; aber Mama sagt, mehr als dreißig könne man von dir auf keinen Fall nehmen; denn mehr ist für dich nicht ausgegeben worden, und den Rest von zwanzig Rubeln schickt sie dir zurück.“

„Nun gut, und besten Dank, wenn es sich wirklich so verhält. Leb wohl, Lisa, ich fahre jetzt!“

„Wohin fährst du jetzt?“

„Vorläufig in eine Herberge, nur um nicht in diesem Hause zu übernachten. Sage Mama, daß ich sie liebe.“

„Sie weiß es. Und sie weiß, daß du auch Andrei Petrowitsch liebst. Schämst du dich nicht, daß du diese Unglückliche hergeführt hast!“

„Ich schwöre dir, ich habe sie nicht hergeführt, – ich traf sie hier vor der Hofpforte!“

„Nein, du hast sie hergeführt.“

„Ich versichere dir ...“

„Denke nach, frage dich ehrlich, und du wirst einsehen, daß du sie dazu veranlaßt hast.“

„Ich war nur sehr froh, daß Werssiloff beschämt wurde. Stell dir vor, er hat von Lydia Achmakoff ein Kind, einen Säugling ... übrigens, wozu sage ich dir das.“

„Er? Ein kleines Kind? Aber das ist doch nicht sein Kind! Wo hast du diese Unwahrheit gehört?“

„Ach, was weißt du davon.“

„Ich soll nichts davon wissen? Aber ich habe doch in Luga dieses Kind selbst gepflegt! Höre, Bruder: ich sehe schon längst, daß du überhaupt noch nichts weißt, und dabei beleidigst du Andrei Petrowitsch, und ... Mama gleichfalls.“

„Wenn er recht hat, so bin ich im Unrecht, und das wäre alles, euch aber liebe ich deshalb nicht weniger. Warum bist du so rot geworden, Schwester? So, und jetzt wirst du noch röter! Nun gut, aber trotzdem werde ich diesen Fürstenbengel für die Ohrfeige, die er Werssiloff in Ems gegeben hat, zum Duell fordern. Und wenn Werssiloff in der Geschichte mit der Achmakoff untadelig war, dann erst recht.“

„Bruder, besinne dich, was fällt dir ein!“

„Gut, daß der Prozeß jetzt beendet ist ... Da sieh, jetzt bist du auf einmal ganz bleich geworden.“

„Ach, aber der Fürst wird sich ja mit dir gar nicht duellieren,“ sagte Lisa, noch im Schreck mit einem bleichen Lächeln.

„Dann werde ich ihn öffentlich beleidigen! ... Was hast du nur, Lisa?“

Sie war so erbleicht, daß sie nicht mehr stehen konnte und auf den Diwan sank.

„Lisa!“ hörten wir unten die Mutter rufen.

Sie nahm sich zusammen und erhob sich; sie lächelte mir freundlich zu.

„Bruder, laß diese Dummheiten, oder warte so lange, bis du manches erfahren hast; du weißt noch so schrecklich wenig.“

„Ich werde es nicht vergessen, Lisa, daß du erbleicht bist, als du hörtest, daß ich mich duellieren werde.“

„Ja, ja, vergiß auch das nicht!“ rief sie lächelnd mir noch einmal zum Abschied zu und verließ mich.

Ich holte mir eine Droschke und schaffte mit Hilfe des Kutschers meine Sachen aus der Wohnung. Niemand zeigte sich oder hielt mich zurück. Ich ging nicht zum Abschied zu meiner Mutter, um nicht Werssiloff zu begegnen. Als ich schon in der Droschke saß, kam mir auf einmal ein Gedanke:

„Zur Ssemjonoffbrücke, an die Fontanka,“ befahl ich dem Kutscher und fuhr wieder zu Wassin.

II.

Es war mir plötzlich eingefallen, daß Wassin von Kraffts Selbstmord doch bestimmt schon unterrichtet sein mußte und vielleicht sogar hundertmal mehr erfahren hatte als ich; und so war es auch. Wassin erklärte sich sogleich bereit, mir alles Nähere mitzuteilen, was er denn auch tat, übrigens ohne große Erregung. Ich schloß daraus, daß er wohl sehr abgespannt wäre, und so verhielt es sich, wie sich herausstellte, tatsächlich. Schon früh am Morgen hatte man ihn benachrichtigt, und er war dann selbst hingegangen. Krafft hatte sich mit dem Revolver erschossen (mit demselben, den ich früher schon erwähnt habe), gegen Abend, als es schon dunkelte, was aus seinen Aufzeichnungen hervorging. Den letzten Satz hat er kurz vor dem Schuß geschrieben: er bemerkt, daß er fast in vollkommener Dunkelheit schreibe und das Geschriebene selbst kaum sehen könne; die Kerze aber wolle er nicht anzünden, weil sonst nachher leicht ein Brand entstehen könne. „Und sie jetzt noch anzünden, um sie vor dem Schuß wieder auszulöschen, ganz wie mein Leben, das will ich nicht“ – hatte er fast auf der letzten Zeile noch seltsam hinzugefügt. Diese Aufzeichnungen vor dem Tode waren von ihm einen Tag vorher angefangen worden, gleich nach seiner Rückkehr nach Petersburg und noch vor seinem Besuch bei Dergatschoff; nachdem ich von ihm fortgegangen war, hatte er in jeder Viertelstunde etwas geschrieben und die letzten drei oder vier Bemerkungen nach jeden fünf Minuten. Ich sprach meine Verwunderung darüber aus, daß Wassin von diesen Aufzeichnungen (man hatte sie ihm zu lesen gegeben) keine Abschrift gemacht hatte, was er doch um so mehr hätte tun können, als das Ganze, wie er mir sagte, nicht mehr als ein Bogen mit zumeist nur kurzen Bemerkungen gewesen war. „Wenn Sie doch wenigstens die letzte Seite abgeschrieben hätten!“ äußerte ich mit Bedauern. Wassin erwiderte darauf mit einem Lächeln, er habe es auch so behalten, und überdies wären die Bemerkungen ohne jedes System, wären einfach Bemerkungen über alles mögliche gewesen, was einem so in den Sinn kommt. Ich wollte ihm schon auseinandersetzen, daß gerade solche Gedanken in diesem Fall, also kurz vor dem Selbstmorde, wertvoll zu erfahren wären, unterließ es aber und bat ihn nur, mir wenigstens das zu sagen, was er vom Gelesenen behalten hatte, und er besann sich denn auch auf ein paar Aussprüche, wie zum Beispiel auf einen, den Krafft eine Stunde vor dem Schuß geschrieben hatte: daß „ihn fröstele“, daß er, „um sich zu erwärmen, einen Schluck Wein habe trinken wollen, aber der Gedanke, daß das einen größeren Bluterguß verursachen könnte, habe ihn davon abgehalten“. – „Und alles ungefähr von dieser Art,“ schloß Wassin seinen Bericht.

„Und das nennen Sie belanglos!“ rief ich aus.

„Wann hätte ich das so genannt? Ich habe nur keine Abschrift gemacht. Aber wenn es auch nicht belanglos ist, so ist dieses Tagebuch doch etwas ziemlich Alltägliches oder besser gesagt, etwas ganz Natürliches, nämlich so, wie es in diesem Fall anders nicht hätte sein können ...“

„Aber es sind doch die letzten Gedanken, die letzten Gedanken!“

„Die letzten Gedanken sind bisweilen ungeheuer nichtssagend. In genau so einem Tagebuch beklagt sich ein ähnlicher Selbstmörder darüber, daß in einer so bedeutungsvollen Stunde ihm auch nicht ein einziger ‚höherer Gedanke‘ komme, sondern lauter kleinliche und leere Gedanken ihn heimsuchten.“

„Und das, daß ihn fröstele, auch das soll ein leerer Gedanke sein?“

„Das heißt, meinen Sie buchstäblich das Frösteln und den Bluterguß? Es ist doch eine bekannte Tatsache, daß sehr viele von denen, die fähig sind, an ihren bevorstehenden Tod zu denken, gleichviel, ob es ein freiwilliger ist oder nicht, sehr häufig um das schöne Aussehen ihrer Leiche besorgt sind. So wird wohl auch Krafft bei dem Gedanken an einen reichlichen Bluterguß ein gewisses Unbehagen empfunden haben.“

„Ich weiß nicht, ob das eine bekannte Tatsache ist, ... und wie das überhaupt ist,“ stotterte ich, „aber ich wundere mich, daß Sie das so natürlich finden, und doch – wie lange ist es denn her, daß Krafft unter uns saß, mit uns sprach, sich ereiferte? Sollte er Ihnen denn wirklich nicht einmal leid tun?“

„Oh, selbstverständlich tut er mir leid, aber das ist doch etwas ganz anderes. Jedenfalls hat Krafft seinen Tod selbst als logische Folgerung hingestellt. Es erweist sich, daß alles, was gestern bei Dergatschoff über ihn gesagt wurde, sehr richtig war: er hat ein dickes Heft hinterlassen, und das ist voll von gelehrten Schlüssen darüber, daß die Russen – eine zweitrangige Menschenrasse seien, Schlüsse auf Grund der Phrenologie, der Kraniologie und sogar der Mathematik, und daß es sich folglich für einen Russen überhaupt nicht zu leben lohne. Vielleicht ist hierbei das am meisten Charakteristische, daß man daraus jeden beliebigen logischen Schluß ziehen kann; daß man sich aber infolge des Schlusses erschießt, das kommt natürlich nicht immer vor.“

„Wenigstens muß man seinem Charakter Anerkennung zollen.“

„Vielleicht, und dann nicht nur diesem,“ bemerkte Wassin ausweichend, so daß es mir nicht klar war, ob er damit eine Dummheit oder eine Schwäche der Vernunft meinte. Mich reizte das alles sehr.

„Sie haben gestern selbst von Gefühlen gesprochen, Wassin.“

„Ich verneine sie auch jetzt nicht; aber angesichts der vollbrachten Tat erscheint in ihr etwas so grob fehlerhaft, daß ein strenger Blick auf die Sache unwillkürlich selbst das Mitleid irgendwie verdrängt.“

„Wissen Sie was: ich habe es schon vorhin aus Ihren Augen erraten, daß Sie Krafft tadeln würden, und um diesen Tadel nicht zu hören, nahm ich mir vor, Sie nicht nach Ihrer Meinung zu fragen. Aber Sie haben sie von selbst ausgesprochen, und jetzt bin ich gegen meinen Willen gezwungen, Ihnen recht zu geben; aber dabei bin ich doch unzufrieden mit Ihnen! Es tut mir leid um Krafft.“

„Wir sind etwas weit abgekommen ...“

„Ja, allerdings,“ unterbrach ich ihn, „aber es bleibt uns doch wenigstens der eine Trost, den in solchen Fällen die am Leben gebliebenen Richter immer ruhig so für sich sagen können: ‚Da hat sich nun ein Mensch erschossen, der gewiß Mitleid und Nachsicht verdient, aber schließlich sind wir doch am Leben geblieben, und folglich ist zu großer Trauer eigentlich kein Grund vorhanden.‘“

„Ja, versteht sich, wenn man von diesem Standpunkt aus ... Ach so, Sie haben das, glaube ich, nur aus Ironie gesagt! Aber es ist sehr richtig. Ich trinke um diese Zeit immer meinen Tee und werde ihn gleich bestellen, – Sie werden mir doch wohl Gesellschaft leisten.“

Er ging hinaus, und im Vorübergehen maß er mit den Augen meinen Koffer und mein Bündel.

Ich hatte allerdings etwas recht Boshaftes sagen wollen, um Krafft zu rächen, und ich hatte es gesagt so gut ich es verstand; merkwürdig war aber, daß er meinen Ausspruch, daß solche Menschen wie wir doch am Leben geblieben sind, im ersten Augenblick für Ernst genommen hatte. Aber wie dem auch sein mochte, immerhin hatte er in allem mehr recht als ich, sogar was die Gefühle betraf. Ich gestand mir das ohne jedes Mißvergnügen ein, fühlte aber sehr deutlich, daß ich ihn nicht liebte.

Als man den Tee gebracht hatte, sagte ich ihm, daß ich ihn für diese eine Nacht um seine Gastfreundschaft bäte, aber wenn es nicht ginge, daß ich hier übernachtete, so sollte er es mir unumwunden sagen, dann würde ich eben in eine Herberge gehen. Darauf setzte ich ihm in aller Kürze meine Gründe auseinander und sagte ihm geradezu und einfach, daß ich mich mit Werssiloff endgültig überworfen hätte; die Einzelheiten überging ich. Wassin hörte mich aufmerksam an, jedoch ohne sich im geringsten zu wundern oder aufzuregen. Überhaupt antwortete er nur auf meine Fragen, aber er tat es bereitwillig und ließ es auch an Ausführlichkeit nicht fehlen. Von dem Brief aber, mit dem ich am Vormittag zu ihm gekommen war, um ihn um Rat zu fragen, schwieg ich ganz und sagte nur, ich hätte ihm einen Besuch machen wollen. Da ich Werssiloff mein Wort gegeben hatte, daß jetzt außer mir niemand von diesem Brief etwas wüßte, glaubte ich nicht mehr das Recht zu haben, von diesem Brief jemandem, wem es auch sei, etwas zu sagen. Und aus irgendeinem Grunde widerstand es mir auf einmal sehr, Wassin von manchem Mitteilung zu machen. Von manchen Dingen, aber nicht von allen; so erzählte ich ihm von den Szenen auf dem Korridor und im Nebenzimmer bei seinen Nachbarinnen, und wie sich dann noch die letzte Szene in der Wohnung Werssiloffs abgespielt hatte, und es gelang mir, ihn zu interessieren: er hörte sehr aufmerksam zu, besonders als ich von Stebelkoff erzählte. Wie Stebelkoff mich über Dergatschoff hatte ausfragen wollen, mußte ich ihm zweimal erzählen, und er wurde sogar ganz nachdenklich; zum Schluß lachte er übrigens einmal kurz auf. In diesem Augenblick schien es mir plötzlich, daß Wassin durch nichts und niemand jemals in eine für ihn schwierige Situation gebracht werden könnte; und ich weiß noch, der erste Gedanke daran kam mir in einer für Wassin äußerst schmeichelhaften Form.

„Überhaupt konnte ich vieles von dem, was Herr Stebelkoff mir sagte, nicht ganz verstehen,“ schloß ich meinen Bericht, „er hat eine etwas irreführende Ausdrucksweise ... und es ist irgend so was Leichtsinniges in ihm ...“

Wassin machte sogleich ein ernstes Gesicht.

„Ihm fehlt allerdings die Gabe des Wortes, aber er hat schon über manches auf den ersten Blick sehr richtige Bemerkungen gemacht, und überhaupt sind Leute, wie er, mehr Männer der Tat, mehr Geschäftsleute, als Männer des abstrakten Denkens; unter diesem Gesichtswinkel muß man sie denn auch betrachten und beurteilen ...“

Das sagte er genau so, wie ich es mir von ihm gedacht hatte.

„Er hat übrigens bei Ihren Nachbarinnen arg geschürt, Gott weiß, womit es noch hätte enden können.“

Von diesen Nachbarinnen wußte Wassin mir nur zu berichten, daß sie erst seit etwa drei Wochen in diesem Zimmer wohnten und irgendwoher aus der Provinz gekommen waren; ihr Zimmer sei das kleinste und wie aus allem zu ersehen wäre, müßten sie sehr arm sein; jetzt säßen sie hier und warteten auf irgend etwas. Er wußte nicht, daß die Junge in den Zeitungen Beschäftigung als Lehrerin gesucht hatte, hatte aber von Werssiloffs Besuch bei ihnen schon gehört; Werssiloff war während seiner Abwesenheit dagewesen, aber die Wirtin hatte ihm davon erzählt. Die Nachbarinnen lebten, wie er sagte, geradezu ängstlich zurückgezogen und schienen sogar vor der Wirtin Angst zu haben. In den letzten Tagen war auch ihm schließlich aufgefallen, daß bei ihnen vielleicht nicht alles stimmte, aber zu solchen Szenen, wie ich sie an diesem Tage miterlebt hatte, war es in seiner Anwesenheit noch nie gekommen. Dieses Gespräch über die Nachbarinnen erwähne ich wegen des Folgenden. Im Nebenzimmer herrschte währenddessen Totenstille. Mit besonderem Interesse vernahm Wassin, daß Stebelkoff es für unbedingt notwendig gehalten hatte, mit der Wirtin wegen der Nachbarinnen zu sprechen, und daß er zweimal gesagt hatte: „Sie werden es schon sehen, denken Sie an meine Worte!“

„Und Sie werden auch wirklich sehen, daß ihm das nicht grundlos in den Kopf gekommen ist,“ sagte Wassin. „In solchen Sachen hat er einen erstaunlich scharfen Blick.“

„Ja, wie, muß man denn Ihrer Meinung nach der Wirtin raten, die Frauen aus dem Hause zu jagen?“

„Nein, ich meinte das nicht in dem Sinne, sondern man müsse achtgeben, daß bei ihnen nicht irgendeine Geschichte passiert ... Übrigens, alle solche Geschichten pflegen, ob nun so oder so, doch immer auf eine Weise zu enden ... Sprechen wir nicht davon.“

Was Werssiloffs Besuch bei den Nachbarinnen betraf, weigerte er sich mit aller Entschiedenheit, irgendein Urteil darüber auszusprechen.

„Alles ist möglich; der Mensch hat plötzlich Geld in der Tasche gefühlt ... Übrigens, es ist aber auch wahrscheinlich, daß er einfach Arme beschenkt hat; das – würde seiner Tradition entsprechen und dem, was man sich von ihm erzählt, und vielleicht auch seinen Neigungen.“

Ich erzählte, was Stebelkoff von einem „Säugling“ geschwätzt hatte.

„In diesem Fall irrt sich Stebelkoff ganz und gar,“ sagte Wassin, als ich zu Ende erzählt hatte, mit besonderem Ernst und Nachdruck (und das merkte ich mir). „Stebelkoff,“ fuhr er fort, „verläßt sich zuweilen gar zu sehr auf seine praktische gesunde Vernunft und macht deshalb seine Folgerung entsprechend seiner Logik, die oft allerdings recht scharfsinnig ist; indessen kann die Wirklichkeit ein viel phantastischeres und ungewöhnlicheres Kolorit haben, je nachdem von welcher Art die handelnden Personen sind. So ist es auch in diesem Fall: er kennt die Sache nur zum Teil und hat nun logisch den Schluß gezogen, daß es Werssiloffs Kind sei; und doch ist es nicht Werssiloffs Kind.“

Ich drang mit Bitten in ihn und erfuhr zu meiner großen Verwunderung: das Kind stammte vom Fürsten Ssergei Ssokolski. Lydia Achmakoff hatte manchmal, ob nun infolge ihrer Krankheit oder einfach aus phantastischer Charakteranlage, wie eine Wahnsinnige gehandelt. So hatte sie sich noch vor ihrer Schwärmerei für Werssiloff in den Fürsten verliebt, und der Fürst hatte „kein Bedenken getragen, ihre Liebe anzunehmen“, wie Wassin sich ausdrückte. Das Verhältnis dauerte nur allerkürzeste Zeit: es war zwischen ihnen sehr bald zum Zerwürfnis gekommen, und Lydia hatte den Fürsten von sich gestoßen, „worüber dieser, glaube ich, sehr froh war,“ sagte Wassin.

„Sie war ein sehr eigenartiges Mädchen,“ fuhr er fort, „und mitunter vielleicht nicht ganz zurechnungsfähig. Jedenfalls hatte der Fürst, als er nach Paris abreiste, keine Ahnung davon, in welchem Zustande er sein Opfer zurückließ, ja, er hat das sogar bis zum Schluß, bis zu seiner Rückkehr, nicht gewußt.“ – Werssiloff, der inzwischen der Freund der jungen Dame geworden war, hatte ihr nun die Heirat mit ihm angeboten, eben wegen des erwähnten Umstandes (von dem, wie es scheint, auch ihre Eltern fast bis zuletzt nichts geahnt haben). Das in ihn verliebte junge Mädchen war bezaubert durch ihn und sah in dem Antrag Werssiloffs, nach Wassins Äußerung, „nicht nur die Selbstaufopferung seinerseits“, die sie übrigens auch zu schätzen wußte. „Übrigens, natürlich, er wird schon verstanden haben, die Sache richtig zu machen,“ meinte Wassin. Das Kind (ein Mädchen) war einen Monat oder sechs Wochen zu früh zur Welt gekommen und irgendwo in Deutschland zum Aufziehen untergebracht worden; später aber hatte Werssiloff das Kind nach Rußland bringen lassen, und jetzt war es vielleicht sogar in Petersburg.

„Und die Phosphorstreichhölzer?“ fragte ich.

„Davon weiß ich nichts,“ schloß Wassin. „Lydia Achmakoff starb zwei Wochen nach der Geburt des Kindes: was da geschehen ist, weiß ich nicht. Der Fürst, der damals gerade aus Paris zurückgekehrt war, erfuhr nur, daß sie ein Kind zur Welt gebracht hatte, und da hat er, wie es scheint, zuerst nicht glauben wollen, daß es von ihm wäre ... Überhaupt wird diese Geschichte von allen Seiten so geheim gehalten, sogar jetzt noch.“

„Aber was ist das für ein Mensch, dieser Fürst!“ rief ich empört. „Was ist das für ein Verhalten zu einem kranken Mädchen!“

„Sie war damals noch nicht so krank ... Außerdem hat sie ihn ja selbst von sich gestoßen ... Allerdings hat er seinen Abschied vielleicht etwas zu bereitwillig angenommen.“

„Sie verteidigen noch einen solchen Schurken?“

„Nein, ich nenne ihn nur nicht einen Schurken. Hierbei ist noch vieles andere mit im Spiel, außer wirklicher Schurkerei. Überhaupt war das ein ziemlich alltäglicher Fall.“

„Sagen Sie, Wassin, Sie waren mit ihm doch gut bekannt? Ich würde mich gern auf Ihr Urteil verlassen, gerade jetzt und wegen eines Umstandes, der mich nicht wenig angeht.“

Aber hierauf antwortete mir Wassin merklich zurückhaltend. Den Fürsten kannte er, aber unter welchen Umständen er seine Bekanntschaft gemacht hatte – verschwieg er, und offenbar mit Absicht. Er meinte nur, der Fürst verdiene wegen seines Charakters eine gewisse Nachsicht. „Er hat viele gute Eigenschaften, und es ist in ihm ehrliches Wollen ... und er ist auch sehr eindrucksfähig, aber er hat weder genügend gesunde Vernunft, noch wirkliche Willenskraft, um seine Wünsche zu beherrschen. Eigentlich ist er ganz ungebildet; eine Menge von Ideen und Erscheinungen sind für ihn nicht faßbar, indessen sind es gerade diese, die ihn faszinieren. Und dann behauptet er, was er für seine Überzeugung hält, und wird Ihnen aufdringlich beweisen wollen, daß er recht habe, zum Beispiel so: ‚Ich bin ein Fürst und stamme von Rjurik ab; aber warum soll ich nicht Schustergeselle werden, wenn ich mir mein Brot verdienen muß und zu keinem anderen Erwerb fähig bin? Auf meinem Schild wird stehen: „Schuster Fürst Soundso“ – und es wird sogar vornehm sein.‘ Und er wird es nicht nur sagen, er geht hin und tut es auch wirklich, – das ist die Hauptsache,“ fügte Wassin hinzu. „Indessen handelt es sich hierbei nicht um Überzeugungskraft, sondern einzig um leichtsinnigste Eindrucksfähigkeit. Dafür stellt sich dann später unfehlbar die Reue ein, und dann verfällt er immer in irgendein entgegengesetztes Extrem; und darin besteht sein ganzes Leben. In unserer Zeit sind viele auf diese Art in Ungelegenheiten geraten,“ bemerkte Wassin, „eben dadurch, daß sie in unserer Zeit geboren sind.“

Ich wurde unwillkürlich nachdenklich.

„Ist es wahr, daß er von seinem Regiment gezwungen worden ist, den Dienst zu quittieren?“ erkundigte ich mich.

„Ich weiß nicht, inwieweit er dazu gezwungen worden ist, aber er hat das Regiment allerdings wegen Unannehmlichkeiten verlassen. Ist es Ihnen bekannt, daß er im vorigen Herbst, als er schon den Abschied erhalten hatte, zwei oder drei Monate in Luga verbracht hat?“

„Ich ... ich weiß, daß Sie damals in Luga waren.“

„Ja, eine Zeitlang auch ich. Der Fürst war auch mit Lisaweta Makarowna bekannt.“

„Ja? Das wußte ich nicht. Ich muß gestehen, ich habe mit meiner Schwester noch so wenig gesprochen ... Aber wie, – ist er denn im Hause meiner Mutter empfangen worden?“ fragte ich bestürzt.

„O nein; er war ja nur entfernt bekannt, durch ein drittes Haus.“

„Ja, richtig, was war es doch, was meine Schwester mir von diesem Kinde sagte? War denn auch dieses Kind in Luga?“

„Eine Zeitlang.“

„Und wo ist es jetzt?“

„Unbedingt in Petersburg.“

„Nein, nie im Leben werde ich glauben,“ rief ich maßlos aufgebracht, „daß meine Mutter an dieser Geschichte mit der Lydia auch nur im geringsten beteiligt gewesen ist!“

„Die Rolle Werssiloffs in dieser ganzen Geschichte hat, wenn man von allen diesen Intrigen absieht, die zu erklären ich nicht versuchen will, eigentlich nichts besonders Tadelnswertes,“ bemerkte Wassin mit einem nachsichtigen Lächeln. Ich glaube, es wurde ihm schwer, mit mir zu sprechen, aber er ließ es sich nicht merken.

„Nie, nie werde ich es glauben, daß eine Frau ihren Mann einer anderen Frau abtreten könnte!“ rief ich wieder erregt, „niemals werde ich das glauben! ... Ich schwöre Ihnen, meine Mutter kann in dieser Geschichte nie und nimmer eine Rolle gespielt haben!“

„Allein, es scheint doch, daß sie nicht widersprochen hat?“

„Ich hätte an ihrer Stelle schon aus Stolz nicht widersprochen!“

„Ich, meinerseits, muß es vollständig ablehnen, über eine solche Sache zu urteilen,“ äußerte sich Wassin dazu.

Es war wirklich möglich, daß Wassin, trotz all seinem unstreitigen Verstande, von den Frauen vielleicht überhaupt nichts verstand, so daß ein ganzer Kreis von Ideen und Erscheinungen für ihn fremd blieb. Ich verstummte. Wassin war zeitweilig in einer Aktiengesellschaft angestellt, und ich wußte, daß er gewöhnlich noch Arbeit nach Hause mitnahm. Auf meine beharrlichen Fragen gestand er endlich, daß er auch jetzt eine Arbeit hatte – irgendwelche Rechnungen zu prüfen –, und ich bat ihn dringend, sich durch mich nicht davon abhalten zu lassen. Das war ihm, glaube ich, sehr angenehm; aber noch bevor er sich an die Arbeit setzte, machte er für mich auf dem Diwan ein Nachtlager zurecht. Zuerst wollte er mir sein Bett abtreten, doch als ich darauf nicht einging, war er, glaube ich, auch damit sehr zufrieden. Von der Wirtin verschaffte er sich ein Kissen und eine Decke. Wassin war ungemein artig und freundlich, aber es war mir doch gewissermaßen peinlich, zu sehen, wie er sich so um meinetwillen bemühte. Es war mir viel angenehmer zumute gewesen, als ich einmal, etwa drei Wochen vorher, bei Jefim auf der Petersburger Seite zufällig übernachtet hatte. Auch er hatte ein Lager für mich bereitet, gleichfalls auf einem Diwan in seinem Zimmer, – und zwar heimlich, damit die Tante nichts davon hörte, denn er fürchtete, sie könnte böse werden, wenn sie erführe, daß seine Freunde bei ihm übernachteten. Wir hatten während des Herrichtens nicht wenig gelacht: das Bettlaken wurde durch ein Hemd ersetzt, und das fehlende Kissen durch einen zusammengelegten Mantel. Ich weiß noch, als das Werk beendet war, schlug Jefim mit liebevollem Stolz auf die Sprungfedern der Polsterung, schnippte vor Vergnügen mit den Fingern und sagte:

Vous dormirez comme un petit roi![32]

Und seine dumme Lustigkeit und dazu diese französische Phrase, die zu ihm paßte wie ein Sattel auf eine Kuh, waren so komisch gewesen, daß ich mich damals bei diesem närrischen Kauz mit Vergnügen und ganz vorzüglich ausgeschlafen hatte. Bei Wassin dagegen war ich erst froh, als er endlich, mit dem Rücken zu mir, an seiner Arbeit saß. Ich streckte mich auf dem Diwan aus und dachte, während ich auf seinen Rücken sah, lange und über vieles nach.

III.

Und ich hatte wahrlich auch Stoff zum Nachdenken. In mir war Unklarheit und Unruhe und doch keine greifbare, zwingende Veranlassung dazu; einzelne Empfindungen traten sehr deutlich hervor, aber keine einzige von ihnen riß mich ganz mit sich fort, da ihrer so viele waren. Alles tauchte nur flüchtig auf, ohne Zusammenhang und Reihenfolge, und ich hatte auch selbst gar keine Lust, bei irgend etwas zu verweilen oder Ordnung in die Reihenfolge zu bringen. Sogar der Gedanke an Krafft trat unmerklich zurück und – immer mehr in den Hintergrund. Am meisten beschäftigte und erregte mich meine eigene Lage: daß ich nun schon mit ihnen „gebrochen“ hatte, daß mein Koffer bei mir war, und ich nicht mehr zu Hause schlief, und jetzt bereits das Neue begonnen hatte, ganz als hätte ich mit allen meinen Absichten und Vorbereitungen bisher nur im Scherz gespielt, und als hätte erst jetzt, und vor allem ganz plötzlich und unerwartet, die „Umsetzung in die Tat, in die ernste Wirklichkeit“ begonnen. Aber diese Vorstellung gab mir Mut, und so unklar und unruhig ich mich innerlich aus vielen Gründen auch fühlte, sie machte mich sogar heiter. Aber ... aber es waren da auch noch andere Empfindungen; und eine von diesen wollte sich aus allen anderen ganz besonders hervordrängen und sich meiner Seele bemächtigen. Und sonderbar, auch diese Empfindung ermunterte mich: sie rief mich gleichsam zu etwas ungemein Lustigem. Und doch hatte sie mit einer Angst angefangen: ich fürchtete, und schon lange, schon seit dem Augenblick des Geschehens, daß ich in der Hitze und Überrumpelung der Achmakoff zuviel von dem Dokument gesagt hatte. „Ja, ich habe zuviel gesagt,“ dachte ich, „und nun werden sie womöglich etwas erraten ... fatal! Natürlich werden sie mir keine Ruhe mehr lassen, wenn sie Verdacht geschöpft haben, aber ... meinetwegen! Übrigens, sie werden mich nicht einmal finden – ich verstecke mich, ganz einfach! Was aber dann, wenn sie wirklich anfangen mich zu verfolgen ...“ Und ich begann mich bis in alle Einzelheiten und mit wachsendem Vergnügen zu erinnern, wie ich vor Katerina Nikolajewna gestanden hatte, und wie ihre furchtlosen, nur maßlos verwunderten Augen mich unverwandt angesehen hatten. Und auch als ich hinausgegangen war, hatte ich sie in derselben Verwunderung zurückgelassen, erinnerte ich mich. „Ihre Augen sind aber doch nicht ganz dunkel ... nur die Wimpern sind ganz schwarz, deshalb erscheinen auch die Augen so dunkel ...“

Und auf einmal, ich weiß noch, wurde mir die Erinnerung unendlich widerlich ... und ärgerlich und ekelhaft wurden mir sowohl die beiden Frauen wie ich mir selbst. Ich warf mir da irgend etwas vor und bemühte mich, an anderes zu denken. „Warum ist in mir nicht die geringste Empörung über Werssiloff wegen der Geschichte mit der Nachbarin?“ ging es mir plötzlich durch den Sinn. Ich war natürlich fest überzeugt, daß er ein Liebeserlebnis gesucht und sie nur deshalb aufgesucht hatte, aber das empörte mich eigentlich gar nicht. Es schien mir sogar, daß man ihn sich überhaupt nicht anders denken könne, und wenn es mich auch freute, daß er bloßgestellt worden war, so verurteilte ich ihn doch nicht. Das war nicht wichtig für mich; wichtig war aber für mich, daß er mich so böse angesehen hatte, als ich mit dieser Nachbarin eingetreten war, daß er mich so angesehen hatte wie noch nie zuvor. „Also endlich hat auch er mich ernst genommen!“ dachte ich mit stockendem Herzschlag. Oh, wenn ich ihn nicht so geliebt hätte, sein Haß hätte mich nicht so gefreut!

Endlich kam der Schlaf über mich, und ich schlief fest ein. Ich sah nur noch wie im Traum, halb schon schlafend, wie Wassin nach Beendigung seiner Arbeit alles ordentlich forträumte und, nach einem prüfenden Blick auf meinen Diwan, sich auszukleiden begann und das Licht löschte. Es war nach Mitternacht.

IV.

Fast genau zwei Stunden später fuhr ich wirr aus dem Schlaf auf und kam, auf meinem Sofa sitzend, erschrocken zu mir. Hinter der Tür, im Zimmer der Nachbarinnen, ertönten schreckliche Schreie, dazwischen verzweifeltes Weinen und Heulen. Unsere Zimmertür stand offen, und auf dem Korridor, der schon erhellt war, schrien und liefen Leute. Ich wollte schon Wassin anrufen, erriet aber, daß er nicht mehr im Bett war. Ich wußte nicht, wo die Streichholzschachtel lag, so tastete ich nach meinen Sachen und begann mich in der Dunkelheit schnell anzukleiden. Im Nebenzimmer waren die Wirtin und wohl auch die anderen Zimmermieter schon zusammengelaufen. Übrigens war es nur eine Stimme, die so schrie und weinte, eben die der älteren Nachbarin, während die junge Stimme, die ich am Tage gehört und nur zu gut behalten hatte, – gänzlich schwieg; ich erinnere mich noch, daß mir dies gleich als merkwürdig auffiel. Ich hatte noch nicht Zeit gehabt, mich ganz anzuziehen, als Wassin eilig eintrat; im Nu fand er mit gewohnter Hand die Streichhölzer und machte Licht im Zimmer. Er hatte über seiner Wäsche nur seinen Schlafrock an, die Füße staken in Pantoffeln, und er machte sich sogleich ans Ankleiden.

„Was ist geschehen?“ fragte ich ihn bestürzt.

„Eine höchst unangenehme und widerwärtige Sache!“ versetzte er fast wütend. „Diese junge Nachbarin, von der Sie mir erzählten, hat sich in ihrem Zimmer erhängt.“

Ich schrie auf. Ich vermag gar nicht wiederzugeben, was ich empfand! Wir eilten auf den Korridor hinaus. Ich muß gestehen, ich wagte nicht, in ihr Zimmer einzutreten, und so sah ich die Unglückliche erst später, als man sie schon aus der Schlinge genommen hatte, und auch dann, aufrichtig gesagt, nur aus einiger Entfernung, wie sie da lag, mit einem Laken zugedeckt, unter dem nur die zwei schmalen Sohlen ihrer Schuhe hervorsahen. So habe ich ihr denn aus irgendeinem Grunde überhaupt nicht ins Gesicht gesehen. Ihre Mutter war in einer furchtbaren Verfassung; die Wirtin, die übrigens gar nicht so sehr erschrocken zu sein schien, war bei ihr. Desgleichen waren alle übrigen Mieter zugegen und drängten sich da herum. Es waren nicht viele: ein älterer Seemann, der immer sehr brummig war und zu befehlen liebte, sich jetzt aber ganz still verhielt, und ein altes Ehepaar aus dem Tulaschen, ganz ehrenwerte Leute aus dem Beamtenstande. Ich will den Verlauf dieser Nacht, alle diese Laufereien und später auch die offiziellen Besuche, nicht weiter beschreiben; bis zum Morgengrauen zitterte ich buchstäblich die ganze Zeit und hielt es für meine Pflicht, mich nicht hinzulegen, obgleich ich nichts zu tun hatte und auch nichts tat. Eigentlich sahen alle sehr munter aus, ja sogar irgendwie besonders aufgeweckt. Wassin fuhr irgendwohin. Die Wirtin zeigte sich als ganz achtbare Frau, jedenfalls war sie besser, als ich erwartet hatte. Ich erklärte ihr (und das rechne ich mir zur Ehre an), daß man die Mutter jetzt nicht bei der Leiche der Tochter so allein lassen könne, und daß sie die Arme wenigstens bis zum nächsten Tage in ihrem Zimmer bei sich aufnehmen müsse. Sie war dazu gleich bereit, und wie sehr sich die Mutter auch wehrte und sich schluchzend weigerte, die Leiche zu verlassen, zu guter Letzt gelang es doch, sie zur Wirtin hinüberzuführen, die sogleich ihr Teemaschinchen aufstellen ließ. Hierauf zogen sich auch die übrigen in ihre Zimmer zurück und schlossen die Türen, ich aber wollte mich um keinen Preis hinlegen und saß noch lange bei der Wirtin, die sogar froh war über die Gegenwart eines dritten Menschen, der außerdem noch manches auf den Vorfall Bezügliche mitteilen konnte. Der Tee kam uns sehr zustatten, und überhaupt ist die Teemaschine eine der allernotwendigsten Sachen im russischen Leben, besonders bei Katastrophen und Unglücksfällen, namentlich, wenn es plötzliche, schreckliche und ganz außergewöhnliche sind. Selbst diese verzweifelte Mutter trank schließlich zwei Täßchen, natürlich erst nach langem Zureden unsererseits und Versuchen, sie womöglich dazu zu zwingen. Und doch muß ich aufrichtig sagen, daß ich noch nie einen so grausamen und unmittelbaren Schmerz gesehen habe wie damals bei dieser Unglücklichen. Nach den ersten Ausbrüchen der Verzweiflung und Hysterie, begann sie zu sprechen; sie hatte offenbar das Bedürfnis, zu sprechen, und ich hörte ihr gierig zu. Es gibt Unglückliche, besonders unter den Frauen, die man in solchen Fällen unbedingt so viel als möglich sprechen lassen muß. Gibt es doch tatsächlich Menschen, die vom Kummer schon so zermürbt sind, die ihr ganzes Leben lang gelitten, die schon so viel und Ungeheuerliches erduldet haben, und beständig um kleinlicher Dinge willen, daß sie durch nichts mehr erschüttert werden können, auch nicht durch plötzliche Katastrophen, und die sogar am Sarge des geliebtesten Wesens keine einzige der so hart erworbenen Regeln ihres dienstfertigen Umgangs mit Menschen vergessen. Und ich verurteile sie nicht: hier ist es nicht niedrige Selbstsucht, nicht Gefühlsroheit; in diesen Herzen findet sich vielleicht mehr Gold als in denen der anscheinend edelsten Heldinnen, aber die Gewohnheit der langen Erniedrigung, der Selbsterhaltungstrieb, die langjährige Einschüchterung und Niedergedrücktheit erweisen sich schließlich als stärker. Darin hatte die arme Selbstmörderin ihrer Mutter nicht geglichen. Übrigens war in ihren Gesichtszügen, wenn ich mich nicht irre, doch eine Ähnlichkeit vorhanden, obgleich die Verstorbene entschieden gut aussah. Die Mutter war noch keine sehr alte Frau, erst gegen fünfzig, und ebenso blond wie die Tochter, aber ihre Augen und Wangen waren eingefallen und ihre Zähne ungleichmäßig, groß und gelb. Ja, eigentlich war alles an ihr gelblich; die Haut ihres Gesichts und ihrer Hände erinnerte an Pergament; ihr dunkles billiges Kleid hatte vor Alter auch schon einen braungelben Farbton, und den Nagel ihres Zeigefingers der rechten Hand hatte sie, ich weiß nicht weshalb, sorgfältig und sauber mit gelbem Wachs beklebt.

Die Erzählung der armen Frau war zum Teil zusammenhanglos. Ich werde sie wiedergeben, wie ich sie selbst verstanden und soweit ich ihre Worte behalten habe.

V.

Aus Moskau waren sie gekommen. Sie war schon lange Witwe, „aber doch Hofrätin“, wie sie sagte; ihr Mann hatte sein Beamtengehalt gehabt und fast nichts hinterlassen, „außer einer Pension von zweihundert Rubeln. Aber was sind zweihundert Rubel?“ Immerhin hatte sie ihre Tochter erziehen und das Gymnasium beenden lassen können ... „Und wie sie gelernt hat, wie gut sie gelernt hat! – sogar die Silberne Medaille hat sie nach dem Schlußexamen bekommen ...“ (Hier begann sie natürlich wieder zu weinen.) Ihr verstorbener Mann hatte früher einmal an einen hiesigen, Petersburger, Kaufmann ein Kapital von viertausend Rubeln verloren. Da erfuhren sie, daß dieser Kaufmann inzwischen reich geworden war, – „und ich habe Dokumente, ich begann mich zu erkundigen, und da sagte man mir, ich solle einen Prozeß anstrengen, ich würde bestimmt alles wieder bekommen ... Und so fragte ich denn bei ihm an, und der Kaufmann schien darauf einzugehen; aber man riet uns doch, selbst herzureisen. Und so machten wir uns denn auf die Reise. Vor einem Monat trafen wir hier ein. Aber was haben wir denn für Mittel? So nahmen wir dieses Zimmerchen, weil es das kleinste von allen ist und in einem anständigen Hause, das sahen wir doch gleich, und darum war es uns am meisten zu tun. Wir sind doch unerfahrene Frauen, ein jeder kann uns beleidigen. Nun, Ihnen bezahlten wir für einen Monat voraus, hier etwas Geld und dort etwas Geld, für dies und für das, Petersburg ist doch so teuer, unser Kaufmann aber denkt nicht daran, uns etwas auszuzahlen: ‚Kenne Sie nicht und weiß von nichts,‘ sagt er. Mein Dokument ist aber nicht ganz so, wie es sein müßte, das sehe ich ja auch selbst ein. Und da riet man mir denn: Gehen Sie doch zu unserem berühmten Rechtsanwalt; der ist sogar Professor gewesen, ist nicht so ein gewöhnlicher Advokat, sondern sozusagen ein bedeutender Jurist, damit er mir dann schon wirklich sagt, was ich nun tun soll. So nahm ich denn meine letzten fünfzehn Rubel und trug sie zu ihm hin; er ließ mich denn auch zu sich hereinbitten, hörte mich aber nicht einmal drei Minuten lang an: ‚Ich sehe schon,‘ sagt er, ‚ich weiß schon,‘ sagt er, ‚wenn der Kaufmann will,‘ sagt er, ‚dann wird er es zurückgeben, wenn er aber nicht will, dann nicht,‘ sagt er, ‚und wenn Sie einen Prozeß anstrengen, können Sie noch die Kosten tragen. Am besten ist, Sie legen es gütlich bei.‘ Und er scherzte noch mit einem Bibelspruch: ‚Seien Sie willfärtig mit Ihrem Widersacher, dieweil Sie noch auf dem Wege sind,‘ sagt er, ‚denn sonst kommt man nicht von dannen heraus, bis daß man den letzten Heller bezahlt hat,‘ – und damit geleitet er mich hinaus und lacht noch. Da waren sie nun, meine fünfzehn Rubel! Ich komme zurück zu meiner Olä, wir sitzen uns gegenüber, da begann ich denn zu weinen. Sie weint nicht; sitzt so stolz, ist unwillig. Und immer ist sie so gewesen, von Kindheit an, schon als ganz kleines Mädchen, niemals hat sie geklagt, niemals geweint, sie sitzt nur und sieht so streng aus, daß mir ganz bange wird, sie anzusehen. Und werden Sie es mir glauben: ich habe doch Angst vor ihr gehabt, wirklich, hab’ schon lange Angst vor ihr gehabt, und schon oft habe ich weinen wollen, hab’ es aber nicht gewagt, wenn sie dabei war. So ging ich denn zum letztenmal zum Kaufmann, weinte mich bei ihm aus: ‚Schon gut,‘ sagt er, hört mich nicht einmal an. Und dabei waren wir, das muß ich Ihnen nun schon gestehen, wir waren, da wir doch nicht darauf gerechnet hatten, solange hierbleiben zu müssen, so waren wir denn schon lange ohne Geld. Da mußte ich denn nach und nach von unseren Kleidern dies und jenes forttragen: was wir versetzten, davon lebten wir denn. Alle unsere Sachen hatten wir schon versetzt, bis sie schließlich ihre letzte Wäsche zusammensuchte und mir abgab; nun hielt ich es nicht mehr aus und fing bitterlich zu weinen an. Da stampfte sie mit dem Fuß auf, sprang auf und lief selbst zum Kaufmann. Er ist Witwer; er sprach mit ihr: ‚Kommen Sie übermorgen,‘ sagt er, ‚um fünf; vielleicht sage ich Ihnen dann etwas.‘ Sie kam ganz froh zurück: ‚Übermorgen wird er mir Bescheid geben,‘ sagt sie. Nun, auch ich war froh, aber ins Herz kroch mir dabei doch so was Kaltes: was wird das nun sein? denk’ ich so bei mir, aber sie zu fragen wag’ ich doch nicht. Übermorgen, hatte er gesagt, sollte sie zu ihm kommen, aber wie sie dann von ihm zurückkehrte, war sie ganz bleich und zitterte am ganzen Körper und warf sich aufs Bett – da erriet ich alles und wagte nichts mehr zu fragen. Was glauben Sie wohl, er hatte ihr fünfzehn Rubel angeboten, dieser Räuber, und gesagt: ‚Und wenn ich volle Unschuld finde, geb’ ich vierzig Rubel und noch was drüber.‘ Und hatte ihr das so ins Gesicht gesagt, hatte sich nicht geschämt, das so zu sagen! Da war sie auf ihn losgestürzt, erzählte sie mir, aber er hatte sie zurückgestoßen und sich im Nebenzimmer sogar vor ihr eingeschlossen. Und dabei hatten wir, ich schwöre es Ihnen, nichts mehr zu essen. So brachten wir unsere letzte warme Jacke hin, sie war mit Hasenfell gefüttert, und verkauften sie, und dann ging sie und machte in der Zeitung bekannt, daß sie in allen Fächern unterrichtet, auch in der Arithmetik. ‚Wenigstens dreißig Kopeken wird man mir doch zahlen,‘ sagte sie zu mir. Aber zu guter Letzt, Mütterchen, hat sie mich wirklich in Schrecken versetzt: kein Wort hat sie mit mir gesprochen, stundenlang sitzt sie am Fenster und starrt auf das Dach des Hauses gegenüber, bis sie plötzlich auffährt: ‚Meinetwegen Wäsche waschen, meinetwegen Erde graben!‘ oder so was ruft sie aus und stampft mit dem Fuß. Und mit keiner Menschenseele sind wir hier bekannt, kennen keinen, an den wir uns wenden, den wir um Rat fragen könnten. Was wird nun aus uns werden? denk’ ich. Aber mit ihr darüber zu reden, wag’ ich schon gar nicht. Einmal schlief sie ein bißchen am Tage, und wie sie erwachte, die Augen aufschlug, sah sie mich an: ich saß auf dem Koffer und sah sie gleichfalls an: da stand sie schweigend auf, kam zu mir, schlang fest, so fest, ihre Arme um mich, und da erst konnten wir uns beide nicht mehr beherrschen und brachen in Tränen aus, und so saßen wir denn und weinten und ließen uns nicht aus den Armen. Zum erstenmal in ihrem Leben war sie so. Und während wir noch so beieinander sitzen, kommt Ihre Nastassja herein und sagt: ‚Da ist eine Dame, die sich nach Ihnen erkundigt und Sie sprechen will.‘ Das war erst vor vier Tagen. Die Dame kommt herein: wir sehen, sie ist so schön angezogen, spricht zwar Russisch, hat aber so eine deutsche Aussprache: ‚Sie haben in der Zeitung bekanntgemacht, daß Sie Stunden geben,‘ sagt sie. Da waren wir so froh, baten sie, doch Platz zu nehmen, und sie lachte so freundlich: ‚Nicht zu mir,‘ sagt sie, ‚aber meine Nichte hat kleine Kinder; wenn es Ihnen recht ist, bemühen Sie sich vielleicht zu uns, dann können wir alles besprechen.‘ Sie gab uns ihre Adresse, bei der Wosnessenskibrücke wohnte sie, im Hause Nummer soundso, und auch die Wohnungsnummer nannte sie. Dann ging sie. Oletschka wollte keine Zeit verlieren, ging noch am selben Tage hin – nach zwei Stunden kam sie zurück, außer sich, weint und schlägt um sich wie in Krämpfen. Später erzählte sie mir: ‚Ich fragte den Hausknecht nach der Wohnung,‘ sagte sie, ‚die und die Nummer. Der sah mich,‘ sagte sie, ‚so merkwürdig an: „Was wollen Sie denn dort in dieser Wohnung?“‘ hat er sie so eigentümlich gefragt, daß sie schon gleich hätte Verdacht schöpfen können. Sie aber war ja schon immer so stolz und ungeduldig, solche Fragen und Unhöflichkeiten hat sie nie ertragen. ‚Dort hinauf,‘ sagt schließlich der Hofknecht und weist mit dem Finger nach der Treppe, und dann hat er sich umgedreht und ist in seine Kammer gegangen. Und können Sie sich denken: sie geht hinein, erkundigt sich – da kommen schon von allen Seiten Frauenzimmer herbeigelaufen! ‚Bitte, treten Sie näher, bitte hier, bitte sehr!‘ – lauter Frauenzimmer, und sie lachen, umringen sie, und alle sind geschminkt und aufgeputzt und schamlos, spielen auf dem Klavier, ziehen sie mit – ‚ich wollte fort,‘ sagte sie, ‚wollte hinauslaufen, aber sie hielten mich fest.‘ Da hatte schreckliche Angst sie erfaßt, und die Knie hatten ihr gezittert, aber man ließ sie einfach nicht fort, man beredete sie, man war so freundlich, Portweinflaschen werden entkorkt, es wird eingeschenkt, angeboten, genötigt. Da war sie denn aufgesprungen und hatte geschrien, so laut sie konnte: ‚Lassen Sie mich, lassen Sie mich!‘ und da war sie zur Tür gestürzt, die Tür wird aber von ihnen zugehalten, sie aber schreit und ruft um Hilfe; da springt plötzlich die herzu, die bei uns gewesen war, und schlägt meiner Olä zweimal ins Gesicht und stößt sie zur Tür hinaus. ‚Du bist es nicht wert, du altes Fell, in einem feinen Hause zu sein!‘ schreit sie ihr zu, und eine andere schreit ihr noch auf die Treppe nach: ‚Du bist selbst zu uns gekommen, um dich uns aufzudrängen, weil du nichts zu fressen hast, wir aber hätten eine solche Fratze überhaupt nicht beachtet!‘ Diese ganze Nacht war sie wie im Fieber, sie phantasierte sogar im Schlaf, und am nächsten Morgen brannten ihre Augen, sie stand auf, ging umher, – ‚der Polizei anzeigen,‘ sagt sie, ‚ich bringe sie vor den Richter, vors Gericht!‘ Ich schweige, denke so bei mir: und was gewinnst du dadurch, womit beweist du? Sie aber geht immer noch ruhelos umher, ringt die Hände, die Tränen rollen ihr über die Wangen, aber die Lippen hat sie zusammengepreßt, unbeweglich. Und ihr ganzes Gesicht war von Stund’ an verfinstert, und so blieb es auch bis zum Ende. Am dritten Tage wurde ihr leichter, sie schwieg, als hätte sie sich beruhigt. Und gerade an dem Tage, gegen vier Uhr nachmittags, suchte uns Herr Werssiloff auf.

Ich muß wohl offen sagen: ich kann noch immer nicht verstehen, wie das kam, daß meine Olä, die doch schon so mißtrauisch geworden war, damals gleich nach seinem ersten Wort ihn anzuhören begann! Was uns beide am meisten und von vornherein für ihn einnahm, das war, daß er so ernst, ja sogar streng aussah; und er sprach so ruhig, so sachlich, und dabei ist er so höflich, – was sage ich, höflich, – geradezu ehrerbietig ist er, und dabei nicht eine Spur von einem Sicheinschmeichelnwollen. Man sieht sofort, dieser Mensch ist mit reinen Gedanken gekommen. Er sagte: ‚Ich habe Ihre Anzeige in der Zeitung gelesen, Sie haben sie aber,‘ sagt er, ‚nicht ganz richtig abgefaßt, und der Fehler könnte leicht zu einem falschen Urteil über Sie verleiten.‘ Und er fing an, ihr das zu erklären, aber ich muß sagen, ich habe nicht alles ganz verstanden – von der Arithmetik sagte er da etwas. Nur sehe ich, meine Olä wird plötzlich ganz rot und ist wieder wie neubelebt, hört ihn aufmerksam an, spricht mit ihm so bereitwillig (und er muß doch auch ein sehr kluger Mensch sein!), und was höre ich: sie bedankt sich bei ihm sogar. Er fragte sie nach allem so sachlich und gewissenhaft, und man merkte gleich, daß er lange in Moskau gelebt hatte, und es erwies sich, daß er die Direktrice des ersten Mädchengymnasiums persönlich kannte. ‚Stunden,‘ sagt er, ‚werde ich Ihnen bestimmt verschaffen, denn ich bin hier mit vielen bekannt und kann auch viele einflußreiche Persönlichkeiten darum bitten, und falls Sie eine dauernde Stellung wünschen, so könnte man auch das im Auge behalten ... vorläufig aber – verzeihen Sie,‘ sagt er, ‚wenn ich eine offene Frage an Sie richte: Könnte ich Ihnen nicht jetzt gleich irgendeinen Dienst erweisen? Betrachten Sie es so,‘ sagt er, ‚daß nicht ich Ihnen einen Gefallen erweise, sondern Sie mir damit ein Vergnügen bereiten, wenn Sie es zulassen, daß ich Ihnen in irgendeiner Form meine Hilfe anbieten darf. Fassen Sie es meinetwegen als Darlehen auf,‘ sagt er, ‚und sobald Sie eine Stellung erhalten haben, können Sie das ja in kürzester Zeit mit mir verrechnen. Sollte ich jemals in eine ähnliche Lage geraten, während Sie wohlhabend sind, so würde ich mich, glauben Sie mir bei meiner Ehre, wegen einer solchen Hilfe ohne weiteres an Sie wenden, würde auch meine Frau und Tochter in solchem Fall zu Ihnen schicken ...‘ oder so ungefähr drückte er sich aus, ich habe nicht alle seine Worte behalten, ich weiß nur, daß mir Tränen in die Augen traten, denn ich sah, daß auch bei meiner Olä die Lippen bebten vor Dankbarkeit: ‚Wenn ich es annehme,‘ antwortete sie, ‚so tue ich das nur, weil ich Vertrauen habe zu einem ehrlichen und humanen Menschen, der mein Vater sein könnte ...‘ Und so hübsch sagte sie ihm das, so zurückhaltend und vornehm, so – ‚einem humanen Menschen,‘ sagte sie. Er erhob sich sofort. ‚Unbedingt,‘ sagte er, ‚unbedingt werde ich Ihnen Privatstunden und auch eine Anstellung verschaffen: ich werde unverzüglich das Nötige tun, denn Ihre Zeugnisse genügen ja vollkommen ...‘ Ich vergaß vorhin zu sagen, daß er sich gleich als erstes alle ihre Zeugnisse vom Gymnasium hatte zeigen lassen und sie durchgesehen hatte, und dann hatte er sie noch selbst in verschiedenen Fächern examiniert ... Olä sagte noch später zu mir: ‚Mamachen, er hat mich doch in allen Fächern examiniert, und wie klug er ist, Mamachen,‘ sagt sie, ‚ich habe noch niemals mit einem so klugen und gebildeten Menschen gesprochen ...‘ Und sie strahlt nur so. Das Geld – es waren sechzig Rubel – lag noch auf dem Tisch. ‚Legen Sie es fort, Mamachen,‘ sagt sie, ‚wenn ich meine Anstellung habe, wird es unsere erste Pflicht sein, ihm das so bald als möglich zurückzugeben, wir werden ihm beweisen, daß wir anständig sind; und daß wir Takt haben, das hat er schon gesehen.‘ Dann schwieg sie wieder ein Weilchen, ich sehe, sie sinnt und atmet so tief. ‚Wissen Sie,‘ sagt sie plötzlich zu mir, ‚wissen Sie, Mamachen, wenn wir taktlos wären, so würden wir seine Hilfe vielleicht aus Stolz nicht angenommen haben; daß wir sie aber von ihm angenommen haben, gerade dadurch haben wir ihm unser Zartgefühl bewiesen, und daß wir ihm unser Vertrauen schenken, als einem ehrenwerten Manne mit schon ergrauendem Haar, nicht wahr?‘ Ich verstand sie nicht gleich und fragte: ‚Aber warum denn, Olä, warum soll man von einem edlen und reichen Menschen nicht eine Wohltat annehmen, wenn er außerdem noch ein Mensch mit einem guten Herzen ist?‘ Sie runzelte die Stirn. ‚Nein, Mamachen,‘ sagt sie, ‚das ist es nicht, nicht die Wohltat war nötig, sondern seine Menschlichkeit‘ sagt sie, ‚die ist hier das Wertvolle. Und das Geld, das hätten wir lieber gar nicht annehmen sollen, Mamachen: da er doch versprochen hat, mir eine Anstellung zu verschaffen, so ist auch das schon genug ... wenn wir es auch noch so nötig hätten.‘ – ‚Ach, Olä,‘ sag ich, ‚wir haben es doch wohl mehr als nur nötig, wie sollen wir denn ohne dem auskommen? – da mußten wir es doch schon annehmen,‘ sag ich, der Gedanke kam mir sogar spaßig vor, und ich lächelte noch über sie. Ich war so froh innerlich, aber nach einer Stunde sagt sie mir auf einmal: ‚Mamachen,‘ sagt sie, ‚warten Sie noch etwas, geben Sie das Geld noch nicht aus,‘ – und so bestimmt sagte sie es. ‚Warum nicht?‘ frage ich. – ‚Ich will es nicht!‘ sagt sie kurz, bricht ab und verstummt. Für den ganzen Abend blieb sie stumm; erst in der Nacht, so gegen zwei Uhr, wache ich auf und höre, Olä bewegt sich in ihrem Bett: ‚Sie schlafen nicht, Mamachen?‘ – ‚Nein,‘ sag ich, ‚ich schlafe nicht.‘ – ‚Wissen Sie,‘ sagt sie, ‚er hat mich doch beleidigen wollen!‘ – ‚Was fällt dir ein,‘ sag ich, ‚wie kommst du darauf?‘ – ‚Bestimmt hat er das gewollt,‘ sagt sie, ‚das ist ein gemeiner Mensch, nicht eine Kopeke dürfen Sie von seinem Gelde ausgeben!‘ sagt sie. Ich wollte ihr zureden, fing sogar in meinem Bett zu weinen an – sie drehte sich zur Wand: ‚Seien Sie still,‘ sagt sie, ‚lassen Sie mich schlafen!‘ Am Morgen sehe ich sie an, sie geht umher, aber sie ist gar nicht wiederzuerkennen, – und ich sage Ihnen, glauben Sie mir oder glauben Sie mir nicht, vor Gottes Gericht kann ich’s beschwören: sie war da nicht mehr ganz bei Sinnen! In derselben Stunde, wo man sie in diesem unanständigen Hause beleidigt hatte, war ihr Herz irre geworden ... und auch ihr Verstand. Ich sah sie an diesem Morgen an und wunderte mich über sie; mir wurde schon ganz angst und bange; und ich denke noch so bei mir: ich werde ihr heute lieber nicht widersprechen, mit keinem Wort. ‚Seine Adresse hat er uns also richtig nicht angegeben,‘ sagt sie. ‚Schäm dich, Olä,‘ sag ich, ‚das ist sündhaft von dir: du hast doch selbst gestern gehört, was er gesagt hat, hast ihn nachher noch selbst gelobt, warst selbst vor Dankbarkeit dem Weinen nahe ...‘ Kaum hatte ich das gesagt – da schrie sie auf, stampfte mit dem Fuß: ‚Sie sind eine Frau mit niedrigen Gefühlen,‘ sagt sie, ‚altmodisch sind Sie erzogen,‘ sagt sie, ‚Ihre Auffassungen stammen noch aus der Zeit der Leibeigenschaft ...!‘ und was sie da noch alles sagte, plötzlich nimmt sie ihren Hut, läuft hinaus, ich rufe sie noch zurück, will sie halten, – was ist mit ihr, denke ich, wohin will sie nun laufen? Sie aber lief aufs Adreßbureau, dort erfuhr sie, wo Herr Werssiloff wohnt, und kam zurück: ‚Heute noch,‘ sagt sie, ‚sofort bring ich ihm das Geld zurück und werfe es ihm ins Gesicht; er hat mich beleidigen wollen, ganz wie Ssafronoff (so heißt unser Kaufmann); nur hat Ssafronoff mich wie ein roher Bauer beleidigt, dieser aber wie ein hinterlistiger Jesuit!‘ Und da kommt und klopft noch zu unserem Unglück dieser Herr an die Tür. ‚Ich höre, es ist hier von Herrn Werssiloff die Rede,‘ sagt er, ‚da müssen Sie mich fragen, ich allein kann Ihnen alles sagen.‘ Wie sie das hört und den Namen Werssiloff, da klammert sie sich schon an ihn, wie außer sich ist sie, und spricht und spricht, daß ich sie nur ansehen und mich wundern kann: mit keinem hatte sie so gesprochen, so schweigsam war sie immer gewesen, und nun plötzlich ist sie so, mit diesem ganz fremden Menschen? Ihre Wangen glühen, ihre Augen blitzen ... Und da sagt er noch: ‚Sie haben vollkommen recht, gnädiges Fräulein. Werssiloff,‘ sagt er, ‚ist genau so einer wie die hiesigen Generäle, von denen die Zeitungen zu berichten wissen. So ein General wirft sich in Gala, steckt alle seine Orden an und besucht dann alle Gouvernanten, die durch die Zeitungen Stunden suchen, und so geht er und findet, was er sucht; und wenn er das nicht findet, dann sitzt er ein Weilchen, redet, verspricht Gott weiß was alles, und geht wieder, – nun, und hat sich doch wenigstens eine kleine Zerstreuung verschafft. Tja!‘ sagte er. Meine Olä lachte sogar, aber so böse klang es, dieser Herr aber, was sehe ich, erfaßt ihre Hand und scheint ihre Hand an sein Herz ziehen zu wollen: ‚Mein Fräulein,‘ sagt er, ‚auch ich habe mein eigenes Kapital und könnte es in jedem Augenblick einem schönen Mädchen anbieten, aber es ist besser,‘ sagt er, ‚ich küsse ihr zunächst nur das kleine Händchen ...‘ und er zieht, sehe ich, ihre Hand an die Lippen und will sie schon küssen. Wie aber Olä da aufsprang, und ich nun auch – und da haben wir beide ihn einfach hinausgejagt! Kurz vor Abend aber entriß Olä mir das Geld, lief fort und kam atemlos wieder. ‚Mamachen,‘ sagt sie, ‚ich habe mich an einem ehrlosen Menschen gerächt!‘ – ‚Ach, Olä, Olä,‘ sag ich, ‚jetzt ist vielleicht auch unser Glück dahin, einen edlen, wohltätigen Menschen hast du beleidigt!‘ Und ich mußte weinen vor Unwillen über sie, ich konnte nicht anders. Da fährt sie auf und schreit: ‚Ich will nicht,‘ schreit sie, ‚ich will nicht! Und wenn er auch der anständigste Mensch ist, ich will sein Almosen nicht! Und daß mich jemand bedauert oder bemitleidet, das ertrag ich nicht, das will ich nicht!‘ Als ich an diesem Abend zu Bett ging, dachte ich an nichts. Wie oft habe ich diesen großen Nagel in unserer Wand betrachtet, der dort von Ihrem Spiegel stecken geblieben ist, – aber niemals ist mir so was in den Sinn gekommen, ich bin überhaupt nicht darauf verfallen, weder gestern noch früher, niemals hab ich an so etwas auch nur gedacht, nicht mal befürchtet, und von Olä hätt ich so was schon ganz und gar nicht erwartet. Ich schlafe gewöhnlich sehr fest, ja ich schnarche sogar, das Blut dringt mir im Schlaf so zu Kopf, manchmal auch zu Herzen, und dann schreie ich auf im Schlaf, so daß Olä mich schon oft in der Nacht geweckt hat: ‚Wie fest Sie schlafen, Mamachen,‘ sagt sie, ‚man kann Sie ja gar nicht aufwecken, wenn es nötig ist.‘ – ‚Ach, Olä,‘ sag ich, ‚ich weiß ja, daß ich fest schlafe.‘ Und so fest muß ich denn auch an diesem Abend eingeschlafen sein, und darauf hat sie wohl nur gewartet, um dann leise aufzustehen, ohne befürchten zu müssen, daß ich aufwachte. Und dieser Riemen von unserem Koffer, so ein langer Riemen, der trieb sich schon den ganzen Monat im Zimmer herum, und noch am Morgen dachte ich: ‚Ach, den muß man doch endlich einmal weglegen, damit er nicht ewig so im Wege liegt.‘ Und den Stuhl hat sie dann wohl mit dem Fuß umgestoßen, und damit er keinen Lärm machte, hatte sie ihren Rock an der Seite untergebreitet. Und ich bin dann wohl erst lange, lange nachher, erst nach einer Stunde oder noch später, aufgewacht. ‚Olä!‘ ruf ich, ‚Olä!‘ – Und gleich ahnte ich etwas, wie ich sie rufe. War es nun, daß ich ihr Atmen von ihrem Bett her nicht mehr hörte, oder daß ich in der Dunkelheit doch vielleicht sah, daß ihr Bett leer war, – ich stand plötzlich auf und tappte mit der Hand: im Bett ist niemand, und das Kissen ist kalt. Da sank mir der Mut, ich stehe und rühre mich nicht vom Fleck, wie leblos, und im Kopf ist mir ganz schwindelig. ‚Sie ist wohl aus dem Zimmer gegangen,‘ denk ich, und ich mach einen Schritt, aber da seh ich, beim Bett, in der Ecke, neben der Tür – da ist so etwas, als stünde sie selbst dort. Ich stehe, schweige, sehe sie an, und es ist mir, als ob sie aus der Dunkelheit mich gleichfalls ansähe, ohne sich zu rühren ... ‚Aber warum ist sie denn,‘ denk ich, ‚auf den Stuhl gestiegen?‘ – ‚Olä,‘ flüstere ich ganz verzagt, ‚Olä, hörst du?‘ – Und da war’s mir auf einmal, als werde alles in mir erleuchtet, ich schritt, streckte beide Arme aus, gerade auf sie zu, umfaßte sie, sie aber, sie schaukelt in meinen Armen, ich greife zu, sie aber schaukelt – da begriff ich alles und will doch nichts begreifen ... Schreien will ich, aber es ist keine Stimme in mir ... Ach, dachte ich! Da fiel ich wie getroffen zu Boden und schrie ...“

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„Wassin,“ sagte ich am Morgen gegen sechs Uhr, „wenn Ihr Stebelkoff nicht dazwischen gekommen wäre, dann wäre das Unglück vielleicht gar nicht geschehen.“

„Wer kann das wissen. Wahrscheinlich wäre es dennoch geschehen. In diesem Fall kann man nicht so urteilen, hier war auch ohnedies schon alles reif ... Freilich, dieser Stebelkoff ist bisweilen ...“

Er sprach den Satz nicht zu Ende und runzelte die Stirn, wie über einen sehr unangenehmen Gedanken. Gegen sieben Uhr fuhr er wieder fort. Er hatte es übernommen, alle erforderlichen Schritte zu tun. Schließlich blieb ich ganz allein. Es war schon hell geworden. Im Kopf hatte ich ein leichtes Schwindelgefühl. Werssiloff stand mir vor Augen: die Erzählung dieser Mutter hatte ihn mir in einem ganz anderen Licht gezeigt. Um besser darüber nachdenken zu können, legte ich mich auf Wassins Bett, so wie ich war, angekleidet und in Stiefeln – nur auf einen Augenblick und ganz ohne die Absicht, zu schlafen –, und auf einmal war ich eingeschlafen, ich weiß selbst nicht, wie. Ich schlief gute vier Stunden; niemand weckte mich.