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Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 58: I.
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About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Zehntes Kapitel.

I.

Ich erwachte erst gegen halb elf und traute lange meinen Augen nicht: auf dem Diwan, auf dem ich am Abend eingeschlafen war, saß meine Mutter und neben ihr – die unglückliche Mutter der Selbstmörderin. Sie saßen und hatten sich die Hände gegeben und sprachen flüsternd, wahrscheinlich, um mich nicht zu wecken, und beide weinten sie. Ich stand auf vom Bett und eilte auf meine Mutter zu, um sie zu küssen. Ihr ganzes Gesicht erstrahlte nur so, und sie küßte mich und bekreuzte mich dreimal mit der rechten Hand. Noch bevor wir ein Wort sagen konnten, ging die Tür auf, und ins Zimmer traten Werssiloff und Wassin. Meine Mutter erhob sich sogleich und führte die arme Frau mit sich fort. Wassin reichte mir die Hand, Werssiloff aber sagte kein Wort zu mir und setzte sich in einen Lehnstuhl. Er und Mama waren wohl schon seit einiger Zeit hier. Sein Gesicht sah finster und besorgt aus.

„Am meisten bedauere ich,“ begann er langsam, zu Wassin gewandt, offenbar ihr Gespräch fortsetzend, „daß ich keine Zeit gehabt habe, das alles noch gestern abend zu ordnen, so hätte ich dieses ganze schreckliche Unglück verhütet. Und eigentlich hatte ich sogar Zeit: es war noch nicht acht. Als sie von uns fortlief, wollte ich ihr auf dem Fuß hierher folgen, um sie umzustimmen, aber diese unvorhergesehene und unaufschiebbare Sache, die ich übrigens sehr gut bis heute hätte aufschieben können ... ja sogar auf eine ganze Woche, – diese ärgerliche Sache hat alles verhindert und verdorben. Daß auch alles so zusammentreffen mußte!“

„Vielleicht wäre es Ihnen auch nicht mehr gelungen, sie umzustimmen,“ bemerkte Wassin wie nebenbei, „hier hatte sich, glaube ich, ohnehin schon zu viel Brennstoff angesammelt.“

„Nein, es wäre mir doch gelungen, es wäre mir bestimmt gelungen! Und mir kam auch schon der Gedanke, Ssofja Andrejewna zu schicken. Einen Augenblick dachte ich daran, aber nur einen Augenblick. Gerade Ssofja Andrejewna hätte sie am besten beruhigen und überzeugen können, und die Arme wäre am Leben geblieben. Nein, nie wieder werde ich mich mit ... ‚guten Taten‘ vordrängen ... Habe es im ganzen nur einmal im Leben versucht! Und ich glaubte sogar, ich gehörte noch zur jungen Generation und verstände noch die Jugend von heute. Aber unsere Generation ist ja schon alt geworden, fast noch bevor sie reif wurde. Apropos, es gibt jetzt tatsächlich unendlich viele Zeitgenossen, die sich aus alter Gewohnheit immer noch zur jungen Generation rechnen, weil sie noch gestern zu ihr gehörten, und dabei merken sie gar nicht, daß sie ihre Rolle schon ausgespielt haben.“

„Hier in diesem Fall war es nur ein Mißverständnis, das ist doch ganz klar,“ bemerkte Wassin vernünftig. „Die Mutter der Toten sagt doch selbst, daß ihre Tochter nach der rohen Beleidigung im öffentlichen Hause nicht mehr bei voller Vernunft gewesen sei. Und dann die ganze Sachlage hier und die erste Beleidigung durch den Kaufmann ... das hätte alles genau so auch in früherer Zeit vorkommen können und charakterisiert meiner Meinung nach durchaus nicht nur die heutige Jugend.“

„Etwas ungeduldig ist sie schon, die Jugend von heute, abgesehen natürlich von ihrem geringen Verständnis für die Wirklichkeit, das allerdings jeder Jugend abgeht, aber der heutigen fehlt es gewissermaßen besonders ... Sagen Sie, was hat Herr Stebelkoff hier zusammengeschwatzt?“

„Herr Stebelkoff ist an allem schuld,“ mischte ich mich plötzlich ins Gespräch. „Wenn er nicht dazwischengekommen wäre, wäre nichts geschehen. Er hat einfach Öl ins Feuer gegossen.“

Werssiloff ließ mich zu Ende sprechen, sah mich aber nicht an. Wassin runzelte die Stirn.

„Ich mache mir auch noch etwas anderes zum Vorwurf,“ fuhr Werssiloff fort, wieder in seiner langsamen Sprechweise. „Ich glaube, ich habe mir damals im Gespräch mit ihr eine gewisse Heiterkeit erlaubt, einen gewissen oberflächlichen, halb scherzhaften Ton – kurz, ich bin nicht genügend schroff, trocken und finster gewesen, – drei Eigenschaften, die, wie mir scheint, von der heutigen Jugend gleichfalls sehr hoch geschätzt werden. Mit einem Wort, ich gab ihr Veranlassung, mich für einen fahrenden Seladon zu halten.“

„Ganz im Gegenteil,“ mischte ich mich wieder lebhaft ein, „ihre Mutter sagte ausdrücklich, Sie hätten einen vorzüglichen Eindruck gemacht, und gerade durch Ihren Ernst, ja sogar durch Ihre Strenge und Ihre Aufrichtigkeit, – das sind ihre eigenen Worte. Die Verstorbene hat noch selbst nach Ihrem Fortgehen in diesem Sinne von Ihnen gesprochen und Ihr Verhalten gerühmt.“

„J–ja?“ fragte Werssiloff lässig und warf endlich einen flüchtigen Blick auf mich. „Nehmen Sie diesen Zettel an sich, er dürfte als Beweisstück notwendig sein,“ sagte er und reichte Wassin ein kleines Stückchen Papier. Der nahm es, doch da er bemerkte, daß ich neugierig hinsah, reichte er es mir zum Durchlesen. Es war ein Zettel, auf dem zwei ungleichmäßige Zeilen mit einem Bleistift gekritzelt waren, vielleicht in der Dunkelheit:

„Mamachen, Sie Liebe, verzeihen Sie mir, daß ich mein Lebensdebüt abgebrochen habe. Ihre Sie betrübende Olä.“

„Das wurde erst heute morgen gefunden,“ bemerkte Wassin zur Erklärung.

„Was für ein sonderbarer Abschiedsgruß!“ rief ich verwundert aus.

„Inwiefern sonderbar?“ fragte Wassin.

„Wie kann man nur in einem solchen Augenblick in humoristischen Ausdrücken schreiben?“

Wassin sah mich fragend an.

„Und dazu noch was für ein sonderbarer Humor,“ fuhr ich fort, „das ist ja ein Gymnasiastenausdruck, wie er unter Schulkameraden üblich ist ... Wie kann man sich nur in einem solchen Augenblick in solch einem Schreiben an seine unglückliche Mutter so ausdrücken, – und sie hat ihre Mutter doch augenscheinlich geliebt – ‚daß ich mein Lebensdebüt abgebrochen habe‘!“

„Ja, warum kann man denn nicht so schreiben?“ fragte Wassin, der noch immer nicht verstand.

„Humor ist hierin so gut wie überhaupt nicht enthalten,“ bemerkte schließlich Werssiloff. „Dieser Ausdruck ist hier natürlich nicht angebracht, paßt gar nicht zu dem Ton, und könnte allerdings einem Gymnasiastenjargon entnommen sein oder einem burschikosen Kameradschaftston, wie du sagst, oder vielleicht einem Feuilleton; jedenfalls aber hat die Verstorbene ihn hier auf diesem schrecklichen Zettel ganz naiv und ernsthaft gebraucht.“

„Das ist nicht möglich, sie hat das Gymnasium beendet und das Schlußexamen mit der Silbernen Medaille bestanden.“

„Die Silberne Medaille spielt in diesem Fall gar keine Rolle. Heutigentags beenden viele so das Gymnasium.“

„Das geht wieder auf die heutige Jugend,“ sagte Wassin lächelnd.

„Keineswegs,“ widersprach ihm Werssiloff, der sich erhob und seinen Hut nahm, „wenn die jetzige junge Generation nicht so literarisch ist, so hat sie dafür zweifellos ... andere Vorzüge,“ fügte er mit ungewöhnlichem Ernst hinzu. „Außerdem sind ‚viele‘ nicht ‚alle‘, und Ihnen zum Beispiel habe ich geringe literarische Bildung doch wahrlich nicht vorgeworfen, Sie aber sind ja gleichfalls ein junger Mensch.“

„Aber Wassin hat ja auch nichts Schlechtes im ‚Lebensdebüt‘ gefunden!“ konnte ich mich nicht enthalten, zu bemerken.

Werssiloff reichte Wassin schweigend die Hand; der griff nach seiner Mütze, um mit ihm zusammen fortzugehen, und rief mir noch zu: „Auf Wiedersehen!“ Werssiloff ging aus dem Zimmer, ohne mich zu beachten. Ich hatte auch keine Zeit zu verlieren: ich mußte mir unbedingt ein Zimmer suchen, – jetzt war das sogar nötiger als je! Mama war nicht mehr bei der Wirtin, die war fortgegangen und hatte die unglückliche Nachbarin mitgenommen. Ich fühlte mich seltsam munter, als ich auf die Straße trat ... Eine gewisse ganz neue und große Empfindung erwachte in meiner Seele. Und dazu kam nun noch, daß mir alles, wie vorherbestimmt, sofort gelang: ich fand ungemein schnell das Richtige, ein Zimmer, wie es mir gerade zusagte; doch davon später, zunächst will ich das Wichtige zu Ende erzählen.

Es war erst etwas nach eins, als ich zurückkehrte, um meinen Koffer abzuholen, und ich traf Wassin zu Hause. Als er mich erblickte, rief er mir froh und herzlich entgegen:

„Ach, das freut mich, daß Sie kommen und mich noch antreffen, ich wollte soeben wieder fortgehen! Ich kann Ihnen etwas mitteilen, was Sie wohl sehr interessieren wird.“

„Glaub’ ich ohne weiteres!“ rief ich.

„Bah! Wie mutig Sie aussehen. Sagen Sie, wußten Sie nichts von einem gewissen Brief, der von Krafft aufbewahrt worden ist, und den Werssiloff gestern erhalten hat, und der sich gerade auf die ihm zugefallene Erbschaft bezieht? In diesem Brief äußert der Erblasser seinen Willen in einem Sinne, der dem Ergebnis der gestrigen Gerichtsentscheidung gerade entgegengesetzt ist. Dieser Brief ist aber schon vor langer Zeit geschrieben. Kurzum, ich weiß nicht genau, was dieser Brief enthält, aber wissen Sie nichts Näheres?“

„Allerdings! Krafft hat mich doch vorgestern nur deshalb zu sich geführt, von ... jenen Herrschaften da, Sie wissen schon, um mir diesen Brief zu übergeben, und ich übergab ihn gestern Werssiloff.“

„Ja? So dachte ich es mir. Stellen Sie sich vor, die Sache, von der Werssiloff hier vorhin sprach, – daß sie ihn gestern abend verhindert habe, herzukommen und dieses junge Mädchen umzustimmen, – diese Sache war gerade durch diesen Brief dazwischengekommen. Werssiloff hat sich nämlich sofort nach Empfang dieses Briefes, also noch gestern abend, zum Rechtsanwalt der Fürsten Ssokolski begeben, ihm diesen Brief eingehändigt und auf die ganze von ihm gewonnene Erbschaft verzichtet. Jetzt ist dieser Verzicht schon in der vorschriftsmäßigen rechtsgültigen Form abgefaßt. Werssiloff schenkt nicht die Erbschaft, sondern erkennt in diesem Akt das alleinige Anrecht der Fürsten auf die Erbschaft an.“

Ich stand wie erstarrt, aber ich war entzückt. In Wahrheit war ich ja vollkommen überzeugt gewesen, daß Werssiloff den Brief vernichten würde, ja nicht nur das! – Ich war sogar – obschon ich zu Krafft gesagt hatte, daß eine solche Handlungsweise niedrig wäre, und obgleich ich mir im Wirtshause dasselbe wiederholt hatte, und daß ich „zu einem reinen Menschen gekommen wäre, nicht aber zu diesem“ – so war ich doch trotz allem im tiefsten Seelengrunde der Meinung gewesen, daß man anders überhaupt nicht handeln könnte, als den lästigen Brief einfach aus der Welt schaffen. Das heißt, ich hatte das für die normalste Tat gehalten. Und wenn ich dann nachher Werssiloff auch beschuldigt hätte, so hätte ich das doch nur in einer bestimmten Absicht getan, eben um den Schein, das heißt, um meine moralische Überlegenheit ihm gegenüber zu bewahren. Doch als ich jetzt von Werssiloffs Handlungsweise hörte, geriet ich in vollständiges, aufrichtiges Entzücken, und mit Reue und Scham verurteilte ich meinen Zynismus und meine Gleichgültigkeit der Tugend gegenüber und stellte Werssiloff im Augenblick unendlich hoch über mich; fast wäre ich Wassin um den Hals gefallen.

„Was für ein Mensch! Was für ein Mensch! Wer hätte an seiner Stelle das getan?“ rief ich wie berauscht.

„Ich stimme Ihnen bei, sehr viele würden das nicht getan haben ... und seine Handlungsweise ist zweifellos eine höchst uneigennützige ...“

„Aber? ... Sprechen Sie es aus, Wassin, Sie haben noch ein Aber?“

„Ja, natürlich, es ist auch ein Aber dabei. Werssiloffs Handlungsweise ist meines Erachtens ein wenig übereilt und nicht so ganz geradsinnig,“ meinte Wassin lächelnd.

„Nicht geradsinnig?“

„Ja. Es liegt darin gleichsam so ein gewisses ‚Piedestal‘. Wenigstens hätte man dasselbe tun können, ohne sich selbst so ungeheuer zu benachteiligen. Immerhin hätte Werssiloff, wenn nicht die Hälfte, so doch einen Teil der Erbschaft behalten können, sogar bei einer noch so feinfühligen Auffassung der Sache; um so mehr, als der Brief als Dokument keine entscheidende Bedeutung hat, und der Prozeß von ihm schon gewonnen ist. Dieser Ansicht ist auch der Advokat der Gegenpartei; ich habe soeben mit ihm gesprochen. Die Handlungsweise wäre deshalb nicht weniger schön gewesen, aber einzig, weil ihn gelüstete seinen Stolz zu befriedigen, ist es anders geschehen. Vor allem hat Herr Werssiloff sich hinreißen lassen und – hat sich unnötigerweise übereilt, denn er sagte doch vorhin selbst, daß er es womöglich auf eine ganze Woche hätte hinausschieben können ...“

„Wissen Sie was, Wassin? Ich kann nicht anders, als Ihnen beistimmen, aber ... mir ist es so doch lieber, so gefällt es mir besser!“

„Übrigens, das ist eine Geschmackssache. Sie selbst haben mich herausgefordert, meine Ansicht zu äußern, sonst hätte ich geschwiegen.“

„Ja, selbst wenn da auch ein ‚Piedestal‘ ist, selbst dann ist es so besser,“ fuhr ich fort, „ein Piedestal ist ja ein Piedestal, aber an sich ist es doch eine sehr wertvolle Sache. Dieses ‚Piedestal‘ ist doch immer das ‚Ideal‘, und schwerlich dürfte es besser sein, daß dieses in mancher heutigen Menschenseele nicht mehr vorhanden ist: mag ihm sogar eine kleine Verschrobenheit anhaften, wenn es nur da ist! Und bestimmt denken Sie auch so, Wassin, mein Teurer, mein lieber Wassin, mein guter, bester Wassin! Na ja, ich weiß, ich bin natürlich aus dem Konzept gefallen, aber Sie, Sie verstehen mich doch! Dafür sind Sie Wassin, und – na, jedenfalls umarme und küsse ich Sie, Wassin!“

„Vor Freude?“

„Vor übergroßer Freude; denn dieser Mensch ‚war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und hat sich wieder gefunden!‘ Wassin, ich bin ein nichtsnutziger Bengel und bin Ihrer nicht wert. Und gerade deshalb gestehe ich, daß ich in manchen Augenblicken ein ganz anderer bin, viel höher und tiefer. Ich habe Sie dafür, daß ich Sie vorgestern so ins Gesicht gelobt habe (und das tat ich, weil man mich erniedrigt und beschämt hatte) – dafür habe ich Sie diese ganzen zwei Tage lang gehaßt! Ich gab mir noch am selben Tage das Wort, niemals zu Ihnen zu gehen, und gestern vormittag kam ich nur aus Bosheit zu Ihnen, verstehen Sie, nur aus Bosheit! Ich saß hier allein auf dem Stuhl und kritisierte Ihr Zimmer und Sie und jedes Ihrer Bücher und Ihre Wirtin, und wollte Sie erniedrigen und spottete über Sie.“

„Aber so was braucht man doch nicht zu sagen ...“

„Gestern abend schloß ich aus einer Ihrer Bemerkungen, daß Sie die Frauen nicht verständen, und ich war froh, daß ich diesen Fehler an Ihnen entdecken konnte. Und vorhin, als Sie das Wort ‚Lebensdebüt‘ ganz richtig fanden, hat mich das wieder furchtbar gefreut, und alles das nur deshalb, weil ich damals solch ein Lobhudler gewesen war.“

„Aber das ist doch nur zu verständlich!“ rief endlich Wassin (er fuhr immer noch fort, zu lächeln und schien sich nicht im geringsten über mich zu wundern). „Das ist doch immer so, und fast bei allen Menschen, und ist sogar das erste, was geschieht; nur gesteht das kein Mensch ein, und das braucht man ja auch gar nicht einzugestehen; denn das vergeht, und jedenfalls entsteht nichts daraus.“

„Sollte das wirklich bei allen Menschen so sein? Sind alle so? Und Sie sind, während Sie das sagen, sogar ganz ruhig? Aber mit einer solchen Anschauung kann man doch nicht leben!“

„Und Ihre Anschauung ist wohl:

‚Teurer, als uns erhöhender Trug,

Ist mir die Finsternis niederer Wahrheit!‘?“

„Aber das ist doch richtig!“ rief ich, „in diesen zwei Versen liegt ja ein heiliges Axiom!“

„Ich weiß nicht; ich will mir darüber kein Urteil erlauben, ob diese zwei Verse das Richtige sagen oder nicht. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit, wie das ja immer der Fall ist, irgendwo in der Mitte: das heißt, in einem Fall ist es heilige Wahrheit, im anderen aber – Lüge. Eines nur weiß ich genau: daß diese Frage noch lange einer der wichtigsten strittigen Punkte unter den Menschen sein wird. Doch abgesehen davon, scheint mir, daß Sie jetzt Lust zum Tanzen haben. Na, nur los: Bewegung ist gesund! – Mir aber hat man gerade heute so viel Arbeit aufgepackt ... und da ist es nun über der Unterhaltung mit Ihnen schon so spät geworden ...“

„Ich gehe schon, gehe schon, packe mich sofort! Nur noch ein Wort,“ rief ich und hatte schon meinen Koffer erfaßt, „wenn ich mich Ihnen jetzt wieder ‚an den Hals geworfen‘ habe, so habe ich das einzig deshalb getan, weil Sie, als ich eintrat, mit so aufrichtiger Freude diese Neuigkeit mir mitteilten und sich darüber ‚freuten‘, daß ich Sie noch zu Hause antraf, und das alles nach meiner Bemerkung am Morgen bezüglich des ‚Debüts‘; mit dieser aufrichtigen Freude haben Sie mein ‚junges Herz‘ im Nu wieder Ihnen zugewandt. Na, aber jetzt adieu, leben Sie wohl, ich werde mich bemühen, möglichst lange Sie nicht wieder zu besuchen, und ich weiß, daß Ihnen das höchst angenehm sein wird, was ich schon Ihren Augen ansehe, und uns beiden wird das noch zum Vorteil gereichen ...“

Während das so aus mir hervorsprudelte und mir fast der Atem ausging vor fröhlich sich überstürzendem Geplauder, schleppte ich meinen Koffer aus dem Zimmer und begab mich dann mit ihm nach meiner neuen Wohnung. Vor allem gefiel mir furchtbar, daß Werssiloff am Morgen so ersichtlich böse auf mich gewesen war, daß er mich nicht einmal hatte ansehen, noch mit mir sprechen wollen. Als ich meinen Koffer in meinem neuen Zimmer abgestellt hatte, eilte ich sogleich zu meinem alten Fürsten. Ich muß gestehen, in diesen zwei Tagen war es mir ohne ihn sogar ein wenig schwer geworden. Und zudem mußte er von Werssiloffs Tat doch sicherlich schon gehört haben.

II.

Ich hatte es ja gewußt, daß er sich über mein Kommen furchtbar freuen würde, und, mein Ehrenwort, ich wäre an diesem Tage auch ohne den Fall Werssiloff zu ihm gegangen. Mich hatte in diesen zwei Tagen nur der Gedanke geschreckt, daß ich vielleicht irgendwie Katerina Nikolajewna begegnen könnte; jetzt aber fürchtete ich mich vor nichts mehr.

Er umarmte mich vor Freude.

„Was sagen Sie zu Werssiloff! Haben Sie es schon gehört?“ war das erste, womit ich herausplatzte.

Cher enfant, du mein lieber Freund, das ist so erhaben, das ist so edel, – en un mot,[33] sogar auf Kilian“ (so hieß der Beamte unten) „hat es einen erschütternden Eindruck gemacht! Es ist unvernünftig von ihm, aber es ist glänzend, ist ein Meisterstück, ist eine Heldentat! Das Ideal muß man schätzen!“

„Nicht wahr? Nicht wahr? Darin stimmen wir zwei immer überein.“

„Du mein Lieber, wir zwei stimmen nicht nur darin, sondern in allem überein. Wo warst du so lange? Ich wollte unbedingt selbst zu dir fahren, aber ich wußte nicht, wo ich dich suchen sollte ... denn bei Werssiloff vorsprechen konnte ich doch nicht ... Obgleich jetzt, nach alledem ... Weißt du, mein Freund: gerade mit diesen Zügen hat er, wie mir scheint, die Frauen besiegt, gerade mit diesen Zügen, das steht außer Frage ...“

„Apropos, um es nicht zu vergessen, ich habe es mir speziell für Sie gemerkt. Gestern hat ein nichtswürdiger Narr, der in meiner Gegenwart auf Werssiloff schimpfte, unter anderem von ihm gesagt, er sei ein ‚Weiberprophet‘. Wie finden Sie den Ausdruck, gerade den Ausdruck? Ich merkte ihn mir für Sie ...“

„Ein ‚Weiberprophet‘! Mais ... c’est charmant![34] Haha! Aber das paßt doch so zu ihm, das heißt, ich wollte sagen, es paßt gar nicht – pfui ...! Aber es ist so treffend ... das heißt, es ist durchaus nicht treffend, aber ...“

„Tut nichts, tut nichts, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, betrachten Sie es nur als Bonmot.“

„Als Bonmot ist es prachtvoll, und, weißt du, es hat einen ungeheuer tiefen Sinn ... Die Idee ist ganz richtig! Das heißt, wirst du es mir glauben ... Ich werde dir ein ganz kleines Geheimnis mitteilen. Hast du dir damals hier diese kleine Olympia gemerkt? Wirst du’s glauben, ihr tut das Herz ein wenig weh vor Liebe zu Andrei Petrowitsch, und das sogar in solchem Maße, daß sie, wie mir scheint, gewisse Absichten ...“

„Absichten! Hat sie nicht Lust, das hier kennen zu lernen?“ rief ich unwillig und zeigte meine Faust.

Mon cher, sprich nicht so laut, das ist alles so, wie es ist, und du hast meinetwegen recht von deinem Standpunkt aus. Apropos, mein Freund, was geschah mit dir eigentlich das vorige Mal nach Katerina Nikolajewnas Erscheinen? Du schwanktest ... ich dachte, du fielest um, und wollte schon zu dir eilen, um dich zu stützen?“

„Sprechen wir jetzt nicht davon. Ich ... ich war einfach verwirrt, aus einem bestimmten Grunde ...“

„Du bist auch jetzt wieder rot geworden.“

„Und Sie müssen das natürlich gleich breittreten. Sie wissen doch, daß sie mit Werssiloff verfeindet ist ... na, und so alles das; und so war ich denn einfach erregt, – ach, lassen wir das jetzt, reden wir darüber nächstens einmal!“

„Gut, gut, lassen wir das, lassen wir das, ich bin ja selbst froh, von alledem nicht sprechen zu müssen ... Wie dem auch sei, ich habe ihr großes Unrecht getan, ich habe dir sogar, erinnerst du dich, noch über sie vorgeklagt ... Vergiß das, mein Freund; sie wird gleichfalls ihre Meinung über dich ändern, das fühle ich schon voraus, verlaß dich drauf ... Ah, da ist ja der Fürst Sserjosha!“

Ins Kabinett trat ein junger und hübscher Offizier. Ich sah ihn begierig an, ich hatte ihn noch nie gesehen. Das heißt, ich sage ‚hübsch‘, wie das alle von ihm sagten, aber in diesem jungen und hübschen Gesicht lag etwas, was nicht ganz anziehend war. Ich erwähne das hier als ersten Eindruck, den ich im ersten Augenblick von ihm empfing, und den ich dann die ganze Zeit nicht mehr habe vergessen können. Er war mager, prachtvoll gewachsen, dunkelblond, hatte ein frisches, aber doch etwas gelbliches Gesicht und einen entschlossenen Blick. Seine schönen dunklen Augen blickten etwas streng und hart, auch wenn er ganz gelassen war. Aber gerade sein entschlossener Blick stieß ab, und zwar, weil man aus irgendeinem Grunde das Gefühl hatte, daß diese Entschlossenheit ihm gar zu billig zu stehen komme. Übrigens, ich verstehe das nicht auszudrücken ... Freilich, der strenge Ausdruck seines Gesichts konnte sehr schnell wechseln und sich plötzlich in einen erstaunlich freundlichen, bescheidenen und zärtlichen verwandeln, und dabei geschah die Verwandlung ersichtlich mit aller Aufrichtigkeit und Echtheit. Diese seine Aufrichtigkeit wirkte ungemein anziehend. Und ich erwähne noch einen Zug: trotz aller Freundlichkeit und Aufrichtigkeit wurde dieses Gesicht niemals fröhlich, nicht einmal wenn der Fürst aus vollem Herzen lachte, – selbst dann fühlte man gleichsam, daß eine wirkliche, helle, leichte Fröhlichkeit niemals in seinem Herzen war ... Übrigens ist es außerordentlich schwer, einen Menschen so zu beschreiben. Das verstehe ich gar nicht. Der alte Fürst beeilte sich sofort, nach seiner dummen Angewohnheit, uns bekanntzumachen.

„Dies ist mein junger Freund Arkadi Andrejewitsch (wieder sagte er Andrejewitsch!) Dolgoruki.“

Der junge Fürst wandte sich mir sofort mit doppelt höflichem Gesichtsausdruck zu; man sah aber, daß mein Name ihm völlig unbekannt war.

„Es ist ... ein Verwandter Andrei Petrowitschs,“ raunte ihm mein abscheulicher Fürst zu. (Wie sie einen mitunter ärgern können, diese alten Herren mit ihren Angewohnheiten!) Der junge Fürst erriet nun sofort, wer ich war.

„Ach! Ich habe schon früher von Ihnen gehört ...“ sagte er schnell. „Ich hatte das außerordentliche Vergnügen, im vorigen Jahr in Luga Ihr Fräulein Schwester Lisaweta Makarowna kennen zu lernen ... Auch sie hat mir von Ihnen erzählt ...“

Ich wunderte mich: aus seinem Gesicht strahlte entschieden aufrichtige Freude.

„Erlauben Sie, Fürst,“ sagte ich stockend, während ich meine beiden Hände auf den Rücken legte, „ich muß Ihnen offen sagen, – und es freut mich, daß ich das im Beisein unseres lieben Fürsten sagen kann, – daß ich zwar eine Begegnung mit Ihnen sogar gewünscht habe, und noch kürzlich, gestern noch, aber zu einem ganz anderen Zweck. Ich sage Ihnen das ganz offen, wie sehr Sie sich darüber auch wundern mögen. Kurz, ich wollte Sie fordern wegen der Beleidigung, die Sie Werssiloff vor anderthalb Jahren in Ems zugefügt haben. Und obschon Sie meine Forderung vielleicht gar nicht angenommen hätten, da ich ja noch ein halber Gymnasiast und ein noch nicht volljähriger Jüngling bin, so hätte ich Sie dennoch gefordert, gleichviel wie Sie das aufgefaßt oder sich dazu verhalten hätten ... und ich gestehe, ich habe auch jetzt noch dieselbe Absicht.“

Der alte Fürst äußerte später, es sei mir gelungen, das alles ganz vorzüglich zu sagen.

Im Gesicht des jungen Fürsten drückte sich aufrichtige Betrübnis aus.

„Sie haben mich nur nicht aussprechen lassen,“ sagte er eindringlich. „Wenn ich mich mit herzlicher Freude an Sie gewandt habe, so geschah das von mir aus infolge meiner gegenwärtigen, meiner jetzigen Gefühle für Andrei Petrowitsch. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht gleich alle inzwischen hinzugekommenen Momente erklären kann, aber ich versichere Sie bei meiner Ehre, daß ich meine unselige Tat in Ems schon längst aufs tiefste bereue. Als ich mich jetzt nach Petersburg aufmachte, hatte ich schon beschlossen, Andrei Petrowitsch jede überhaupt mögliche Genugtuung zu geben, ich meine, ihn direkt und buchstäblich um Entschuldigung zu bitten, und das in eben der Form, die er selbst bestimmt. Diese Veränderung meiner Auffassung haben höhere und mächtigere Einflüsse verursacht. Daß wir gerade einen Prozeß führten, konnte auf meinen Entschluß nicht den geringsten Einfluß haben. Doch seine gestrige Handlung mir gegenüber hat mich, ich muß sagen, bis in die Seele erschüttert, und sogar jetzt noch, werden Sie es mir glauben, bin ich – wie noch nicht zu mir gekommen. Und da muß ich Ihnen nun mitteilen, und deshalb bin ich auch zum Fürsten gekommen, um ihm von diesem außergewöhnlichen Umstand Mitteilung zu machen: vor drei Stunden, also gerade während der Zeit, als er mit unserem Anwalt die Sache gesetzmäßig erledigte, erschien bei mir ein Bevollmächtigter Andrei Petrowitschs und überbrachte mir seine Forderung ... eine formelle Forderung wegen des Vorfalls in Ems ...“

„Er hat Sie gefordert?“ rief ich und fühlte, wie meine Augen aufblitzten und das Blut mir heiß ins Gesicht schoß.

„Ja, er hat mich gefordert. Ich nahm die Forderung selbstverständlich an, beschloß aber, noch bevor das Duell ausgetragen wird, einen Brief an ihn zu schreiben, in dem ich meine jetzige Ansicht über mein damaliges Vorgehen erklären und meine ganze Reue wegen dieses entsetzlichen Irrtums aussprechen wollte ... denn es war nur ein Irrtum, ein unseliger, verhängnisvoller Irrtum! Ich muß bemerken, daß meine Stellung im Regiment ein solches Vorgehen meinerseits zu einem Wagnis machte: durch einen solchen Brief vor dem Austrag fordert man die öffentliche Meinung heraus ... Sie verstehen? Aber nichtsdestoweniger entschloß ich mich, bloß kam ich nicht dazu, den Brief abzusenden; denn etwa eine Stunde nach der Forderung erhielt ich von ihm ein Schreiben, in dem er mich wegen der Beunruhigung um Entschuldigung bittet: ich möchte die Forderung vergessen! Und er fügt hinzu, er bereue seine ‚vorübergehende Anwandlung von Kleinmut und Selbstsucht‘ – das sind seine eigenen Worte. So hat er mir nun den Schritt mit dem Brief unendlich erleichtert. Ich habe den Brief noch nicht abgesandt, bin aber gerade deswegen hergekommen, um mit dem Fürsten über etwas Diesbezügliches zu sprechen ... Und glauben Sie mir, ich habe unter meinen Gewissensbissen mehr gelitten, als vielleicht sonst jemand ... Genügen Ihnen diese Erklärungen wenigstens vorläufig, Arkadi Makarowitsch? Werden Sie mir die Ehre erweisen, meiner Aufrichtigkeit vollen Glauben zu schenken?“

Ich war vollständig besiegt; ich sah in ihm eine Offenherzigkeit, an deren Echtheit nicht zu zweifeln war, und die ich von ihm am allerwenigsten erwartet hätte. Überhaupt hatte ich nichts Ähnliches erwartet. Ich murmelte irgend etwas zur Antwort und streckte ihm plötzlich meine Hände entgegen: er schüttelte sie freudig mit beiden Händen. Darauf führte er den alten Fürsten ins Nebenzimmer und sprach dort einige Minuten mit ihm. „Wenn Sie mir ein besonderes Vergnügen bereiten wollen,“ wandte er sich laut und kurz an mich, als er aus dem Schlafgemach des alten Fürsten wieder heraustrat, „so fahren Sie mit mir jetzt gleich zu mir, und ich zeige Ihnen den Brief, den ich Andrei Petrowitsch sende, und gleichzeitig seinen Brief an mich.“

Ich willigte mit Vergnügen ein. Mein alter Fürst wurde bei unserem Aufbruch sehr geschäftig und rief mich auch noch auf einen Augenblick in sein Schlafgemach.

Mon ami, wie froh ich bin, wie froh ich bin ... Wir reden noch darüber, über alles, aber später. Jetzt jedoch, sieh, ich habe hier zwei Briefe in meinem Portefeuille: der eine ist hinzubringen, und da ist noch persönliche Rücksprache zu nehmen, und der andere ist an die Bank – und dort ist dasselbe zu tun ...“

Und damit händigte er mir zwei angeblich wichtige Schreiben ein und tat, als erfordere der Auftrag große Mühe und Aufmerksamkeit. Ich hatte nur hinzufahren und persönlich zu übergeben, zu quittieren usw.

„Ach, Sie Schlauberger!“ rief ich lachend und nahm die Briefe, „ich bin überzeugt, das ist alles nichts von Bedeutung, und was da Mühe machen soll, möchte ich auch gern wissen, – aber Sie haben sich diesen Auftrag einzig für mich ausgedacht, um mich glauben zu machen, ich hätte hier was zu tun und bekäme das Geld nicht umsonst!“

Mon enfant,[35] ich schwöre dir, du irrst dich: das sind zwei überaus wichtige und unaufschiebbare Sachen ... Cher enfant!“ rief er auf einmal, unendlich gerührt, „du mein lieber Junge!“ (Er legte mir beide Hände aufs Haupt.) „Ich segne dich und dein Los ... seien wir immer so reinen Herzens, wie du es heute warst ... seien wir gut und schön, soviel wir nur irgend können ... laß uns alles Schöne lieben ... in allen seinen verschiedenartigen Formen ... Und – enfin ... enfin rendons grâce ... et je te bénis!“[36]

Er sprach nicht zu Ende und begann zu schluchzen über meinem Haupte. Ich muß gestehen, auch mir waren die Tränen nahe; wenigstens umarmte ich meinen Sonderling herzlich und mit Freuden. Wir küßten uns aufrichtig.

III.

Der Fürst Sserjosha (das heißt, der junge Fürst Ssergei Petrowitsch Ssokolski, – ich werde ihn nur Ssergei Petrowitsch nennen) brachte mich in einem eleganten Gefährt nach seiner Wohnung, und das erste war, daß ich mich über die Pracht seiner Wohnung wunderte. Nicht Pracht im üblichen Sinne, aber die Wohnung war wie bei den „allerersten Leuten“, mit hohen, großen, hellen Räumen (ich sah zwei von ihnen, die Türen zu den anderen waren geschlossen), und die Möbel – allerdings nicht in Gott weiß was für einem Versailles- oder Renaissancestil, aber es waren doch schöne, komfortable, reiche Möbel in Menge, und im ganzen eine Einrichtung auf großem Fuß, mit schönen Teppichen, geschnitzter Holztäfelung und Statuen. Und doch wurde allgemein davon gesprochen, daß sie so gut wie Bettler seien, fast nichts mehr besäßen. Ich hatte freilich einmal flüchtig die Bemerkung gehört, daß dieser Fürst überall den Leuten Sand in die Augen gestreut habe, – sowohl hier wie in Moskau, im Regiment und in Paris – daß er sogar ein Spieler sei und Schulden habe. Ich hatte einen verknüllten Rock an, an dem zum Überfluß noch Federstäubchen waren, da ich angekleidet auf Wassins Bett gelegen hatte, und mein Hemd trug ich schon den vierten Tag. Der Rock war übrigens noch nicht so schlecht, aber hier beim Fürsten fiel mir wieder das Angebot Werssiloffs ein, bei seinem Schneider mir Kleider machen zu lassen.

„Denken Sie sich, ich habe, dank einer Selbstmörderin, diese ganze Nacht angekleidet geschlafen,“ bemerkte ich aus einer gewissen inneren Zerstreutheit heraus, und da er sogleich Interesse zeigte, so erzählte ich ihm kurz den ganzen Fall. Aber sein Brief schien ihn doch mehr zu beschäftigen. Und mich beunruhigte hauptsächlich, daß er nicht nur nicht gelächelt, sondern nicht einmal den Schimmer eines Gedankens an ein Lächeln gezeigt hatte, als ich vorhin so ohne weiteres mit meiner Absicht, ihn zu fordern, herausgerückt war. Wenn ich auch verstanden hatte, ihn zum Ernstsein zu zwingen, so war das doch merkwürdig von einem Menschen dieser Art. Wir setzten uns mitten im Raum einander gegenüber, an seinen riesigen Schreibtisch, und er gab mir den fertigen, schon ins reine geschriebenen Brief an Werssiloff zur Durchsicht. Dieses Dokument enthielt fast dasselbe, was er mir schon bei meinem Fürsten gesagt hatte; es war ersichtlich mit Leidenschaft geschrieben. Ich wußte freilich noch nicht, wie ich diese seine augenscheinliche Offenherzigkeit und seine Bereitwilligkeit zu allem Guten eigentlich beurteilen sollte, aber ich ließ mich schon besiegen; denn, im Grunde genommen – warum sollte ich ihm nicht glauben? Was er als Mensch auch sein und was man von ihm auch sagen mochte, er konnte doch trotz allem gute Neigungen haben. Ich las auch Werssiloffs Brief an ihn – nur sieben Zeilen – die Zurücknahme der Forderung. Obschon er in diesem Brief tatsächlich von „Kleinmut“ und „Selbstsucht“ geschrieben hatte, so sprach doch aus dem Ganzen ein gewisser Hochmut ... oder richtiger, in seiner ganzen Handlungsweise lag eine gewisse Geringschätzung. Ich sprach das aber nicht aus.

„Wie fassen Sie diesen Verzicht auf das Duell eigentlich auf?“ fragte ich. „Sie glauben doch wohl nicht, daß er den Mut verloren hat?“

„Selbstverständlich nicht,“ sagte der Fürst lächelnd, aber es war ein sehr ernstes Lächeln, und überhaupt wurde der Ausdruck seines Gesichts immer sorgenvoller. „Ich weiß zu genau, daß dieser Mensch mutig ist. Hier, in diesem Fall ist es natürlich ein Ausdruck seiner besonderen Auffassung ... seiner persönlichen Ideenrichtung.“

„Zweifellos ist es das!“ fiel ich ihm lebhaft ins Wort. „Ein gewisser Herr Wassin sagt, in seiner Handlungsweise mit dem Brief des Erblassers und in dem Verzicht auf die Erbschaft sei ein gewisses Verlangen, sich auf ein ‚Piedestal‘ zu stellen ... Meiner Ansicht nach tut man so etwas nicht fürs Publikum, sondern die Tat entspricht etwas dem Wesen des Menschen zugrunde Liegendem, dem Innersten dieses Menschen.“

„Ich kenne Herrn Wassin sehr gut,“ bemerkte der Fürst.

„Ach, ja, Sie müssen ihn ja in Luga gesehen haben.“

Wir sahen uns plötzlich an, und ich weiß noch, ich wurde, glaube ich, etwas rot. Wenigstens brach er das Gespräch sofort ab. Ich dagegen hätte sehr gern weitergesprochen. Der Gedanke an eine Begegnung, die ich tags zuvor gehabt hatte, lockte mich, etliche Fragen an ihn zu richten, nur wußte ich nicht, wie ich anfangen sollte. Und überhaupt war ich gewissermaßen schlecht aufgelegt. Mich frappierte auch seine erstaunliche Wohlerzogenheit und Höflichkeit, die Ungezwungenheit seiner Manieren, – mit einem Wort, diese ganze glänzende Politur ihres Tones, die diese Menschen fast schon in der Wiege annehmen. In seinem Russisch geschriebenen Brief aber fand ich zwei äußerst grobe grammatikalische Fehler. Übrigens: bei solchen Begegnungen erniedrige ich mich nicht etwa, sondern werde übertrieben schroff, was bisweilen vielleicht auch unangebracht ist. Aber in diesem Fall trug dazu auch noch der Gedanke bei, daß mein Rock nicht gebürstet war, und so überschritt ich erst recht die Grenze und rückte mit fast familiären Fragen heraus. Es war mir nicht entgangen, daß der Fürst mich hin und wieder sehr aufmerksam musterte.

„Sagen Sie, Fürst,“ platzte ich plötzlich mit der Frage heraus, „finden Sie es in Ihrem Inneren nicht lächerlich, daß ich, der ich noch so ein ‚Milchbart‘ bin, Sie zum Zweikampf fordern wollte, und das noch wegen einer einem Fremden zugefügten Beleidigung?“

„Durch die Beleidigung des Vaters kann man sehr wohl sich selbst beleidigt fühlen. Nein, ich finde es nicht lächerlich.“

„Mir aber scheint es, daß so etwas furchtbar lächerlich sein muß ... von manchem Gesichtspunkt aus ... das heißt, versteht sich, nicht von meinem aus. Um so mehr, als ich Dolgoruki heiße und nicht Werssiloff. Wenn Sie mir aber nicht die Wahrheit sagen, vielleicht um die Sache zu beschönigen aus glatter gesellschaftlicher Höflichkeit, so sagen Sie mir wohl auch in allem übrigen nicht die Wahrheit und betrügen mich?“

„Nein, ich finde es nicht lächerlich,“ wiederholte er ungeheuer ernst. „Sie können doch das Blut Ihres Vaters nicht – nicht in sich fühlen ...? Sie sind aber noch zu jung; denn ... ich weiß nicht ... ich glaube, wer noch nicht volljährig ist, darf sich noch nicht duellieren, oder man darf seine Forderung nicht annehmen ... so ist die Regel ... Aber vielleicht gibt es hier schließlich nur einen einzigen ernsten Einwand: wenn Sie ohne Wissen des Beleidigten, wegen dessen Beleidigung Sie sich schlagen wollen, den Beleidiger fordern, so äußern Sie damit gleichsam eine gewisse persönliche Nichtachtung des Betreffenden Ihrerseits, ist es nicht so?“

Unser Gespräch wurde von einem Diener unterbrochen, der eintrat und etwas melden zu wollen schien. Wie der Fürst ihn erblickte, stand er sofort auf – er hatte ihn wohl die ganze Zeit schon erwartet – und ging schnell auf ihn zu, so daß der Diener die Meldung nur halblaut machte, und ich natürlich nichts davon hören konnte.

„Entschuldigen Sie mich, bitte,“ wandte sich der Fürst nach mir um, „in einer Minute bin ich wieder da.“

Und damit ging er hinaus. Ich blieb allein zurück, ging auf und ab und dachte nach. Sonderbar, er gefiel mir, und gleichzeitig gefiel er mir gar nicht. Es war in ihm irgend so etwas, was ich selbst nicht zu benennen gewußt hätte, aber jedenfalls war es etwas Abstoßendes. „Wenn er wirklich nicht über mich lacht, so muß er allerdings sehr offenherzig sein; aber wenn er über mich lachte, so ... würde ich ihn vielleicht für klüger halten ...“ ging es mir etwas seltsam durch den Kopf.

Ich trat an den Tisch und las noch einmal seinen Brief an Werssiloff. Die Gedanken beschäftigten mich so, daß ich die Zeit ganz vergaß, und als ich wieder zu mir kam, da bemerkte ich plötzlich, daß die ‚eine Minute‘ des Fürsten sich schon zweifellos zu einer Viertelstunde ausgedehnt hatte. Das regte mich ein wenig auf; ich ging noch einmal hin und her, schließlich nahm ich meinen Hut und beschloß, hinauszugehen, und falls mir jemand begegnete, den Fürsten rufen zu lassen, und wenn er käme, mich einfach zu verabschieden unter dem Vorwande, daß ich zu tun hätte und nicht länger warten könne. Ich dachte, das wäre das richtigste; denn mich quälte ein wenig der Gedanke, daß er mich, indem er mich solange allein ließ, etwas nachlässig behandelte. Der Raum hatte nur zwei Türen, beide waren geschlossen und befanden sich in derselben Wand. Da ich vergessen hatte, durch welche Tür wir eingetreten waren, vielleicht aber auch aus Zerstreutheit, öffnete ich die falsche Tür und sah auf einmal in einem schmalen, langen Zimmer, auf einem Diwan sitzend, – meine Schwester Lisa. Außer ihr war niemand im Raum, und sie wartete wohl auf jemand. Aber noch hatte ich keine Zeit, mich zu wundern, als ich auf einmal die Stimme des Fürsten hörte, der laut hinter der anderen Tür mit jemand sprach und ins Kabinett zurückkehrte. Ich schloß schnell meine Tür, und der eintretende Fürst merkte nichts. Ich erinnere mich, er begann sich zu entschuldigen und sprach von einer Anna Fjodorowna ... Ich war aber so verwirrt und betroffen durch das Gesehene, daß ich fast nichts verstand und nur irgendwie hervorstotterte, daß ich unbedingt nach Hause müsse, und ich verließ entschlossen und schnell das Zimmer. Der wohlerzogene Fürst wird mein Benehmen wohl sehr merkwürdig gefunden haben. Er begleitete mich sogar bis ins Vorzimmer und sprach die ganze Zeit, ich aber antwortete nichts und sah ihn nicht einmal an.

IV.

Als ich auf die Straße trat, bog ich nach links und ging weiter, ohne zu denken, wohin. Meine Gedanken waren alle wie zerrissen und verstreut. Ich ging langsam, und ich glaube, ich war schon ein gutes Stück gegangen, wohl über fünfhundert Schritt, als ich plötzlich einen leichten Schlag auf meiner Schulter fühlte. Ich sah mich um und erblickte Lisa: sie hatte mich eingeholt und mit dem Sonnenschirm leicht auf die Schulter geschlagen. Etwas ungeheuer Lustiges und zugleich auch etwas Schelmisches lag in ihrem strahlenden Blick.

„Nein, bin ich froh, daß du nach dieser Seite gegangen bist, sonst hätte ich dich heute nicht mehr erreicht!“ Sie war vom schnellen Gehen etwas außer Atem.

„Wie du außer Atem bist.“

„Ich bin so schnell gegangen, fast gelaufen, um dich einzuholen.“

„Lisa, das warst doch du, die ich vorhin gesehen habe?“

„Wo?“

„Beim Fürsten ... beim Fürsten Ssokolski ...“

„Nein, das war nicht ich, nein, mich hast du nicht gesehen ...“

Ich schwieg; so gingen wir etwa zehn Schritt. Plötzlich fing Lisa furchtbar zu lachen an.

„Ich, ach, natürlich war ich es, ich, ich! Hör mal, du hast mich doch selbst gesehen, hast mir in die Augen gesehen und ich dir, wie kannst du nun noch fragen, ob ich es war? Nein, das ist mir mal ein Charakter! Und weißt du, ich wollte furchtbar lachen, als du mir dort in die Augen sahst; denn du sahst furchtbar komisch aus!“ Und sie lachte unbändig. Ich fühlte, wie sofort mein ganzer Kummer aus meinem Herzen schwand.

„Aber wie, sag doch, wie bist du denn hingekommen?“

„Ich war bei Anna Fjodorowna.“

„Bei was für einer Anna Fjodorowna?“

„Bei der Stolbejeff. Als wir in Luga waren, saß ich ganze Tage bei ihr, sie hat auch Mama bei sich empfangen und ist sogar selbst zu uns gekommen. Sonst aber hat sie dort fast mit keinem Menschen verkehrt. Mit Andrei Petrowitsch ist sie entfernt verwandt, und auch mit den Fürsten Ssokolski ist sie verwandt; sie ist, wenn ich mich nicht irre, eine Großtante des Fürsten.“

„So wohnt sie beim Fürsten?“

„Nein, der Fürst wohnt bei ihr.“

„Aber wessen Wohnung ist denn das?“

„Natürlich ihre Wohnung. Sie hat diese Wohnung schon seit einem ganzen Jahr. Der Fürst ist ja erst vor kurzem angekommen und bei ihr abgestiegen. Und auch sie ist erst seit vier Tagen in Petersburg.“

„Nun denn ... weißt du was, Lisa, hol’ sie der Henker, ihre Wohnung und sie selbst ...“

„Nein, sie ist ein prächtiger Mensch ...“

„Na, meinetwegen, das kann sie ja sein, aber wir sind selbst prächtige Menschen! Sieh, was das für ein Tag ist, sieh, wie schön es ist! Und was du heute für eine Schönheit bist, Lisa! Aber weißt du, du bist doch noch ein richtiges Kind.“

„Arkadi, sag, jenes junge Mädchen von gestern ...“

„Ach, sie tut mir so leid, Lisa, ach Gott, so schrecklich leid!“

„Ja, wie ist das traurig! Was war das für ein Los! Weißt du, es ist sogar sündhaft, daß wir hier so fröhlich gehen, während ihre Seele jetzt irgendwo in der Finsternis schwebt, irgendwo in einer bodenlosen Finsternis, mit ihrer Sünde und mit dem Unrecht, das man ihr angetan. Arkadi, wer ist an ihrer Sünde schuld? Wie ist das grauenvoll! Denkst du auch jemals an diese Finsternis? Ach, wie ich den Tod fürchte, und wie sündhaft das ist! Ich liebe die Dunkelheit nicht, da ist doch solch eine Sonne ein ganz anderes Ding! Mama sagt, es sei Sünde, sich zu fürchten ... Arkadi, sag, kennst du Mama gut?“

„Noch wenig, Lisa, nur wenig.“

„Wenn du wüßtest, was für ein Wesen sie ist! Du mußt Sie kennen lernen! Man muß sie erst ganz besonders und in ihrer Art verstehen lernen ...“

„Aber auch dich habe ich ja bisher nicht gekannt und kenne dich jetzt doch ganz und gar. In einer Minute habe ich dich verstehen gelernt und begriffen. Du, Lisa, fürchtest zwar den Tod, aber du bist doch stolz, unerschrocken, mutig. Bist besser als ich, viel besser als ich! Ich liebe dich furchtbar, Lisa. Ach, Lisa! Mag, wenn es sein muß, der Tod kommen, aber bis dahin – leben, leben! Laß uns um jene Unglückliche trauern, aber das Leben laß uns dennoch segnen, nicht? Nicht? Ich habe eine ‚Idee‘, Lisa. Lisa, du weißt doch, daß Werssiloff die Erbschaft abgelehnt hat? Du kennst meine Seele nicht, Lisa, du weißt nicht, was dieser Mensch für mich bedeutet hat!“

„Wie sollte ich das nicht wissen, – alles weiß ich.“

„Alles weißt du? Nun ja, dafür bist du eben du! Du bist klug; du bist klüger als Wassin. Du und Mama – ihr habt durchdringende Augen, menschenfreundliche Augen, das heißt, ich meine den Blick, nicht die Augen, ich rede dummes Zeug ... Ich bin in vieler Hinsicht schlecht, Lisa.“

„Dich muß man nur an der Hand nehmen, und das ist alles!“

„Nimm mich, Lisa. Wie schön es heute ist, dich anzusehen. Ja, weißt du auch, daß du ganz entzückend aussiehst? Ich habe noch niemals deine Augen gesehen ... Erst jetzt zum erstenmal ... Wo hast du sie heute hergenommen, Lisa? Wo gekauft? Wieviel bezahlt? Lisa, ich habe noch nie einen Freund gehabt, ja, und ich betrachte diese Freundschaftsidee überhaupt als Unsinn; aber Freundschaft mit dir wäre kein Unsinn ... Willst du, so laß uns Freunde werden? Du verstehst, was ich sagen will ...?“

„Sehr gut sogar.“

„Und weißt du, ohne Abmachungen, ohne Kontrakt, – laß uns einfach Freunde sein!“

„Ja, einfach, ganz einfach, aber nur eine Abmachung: wenn wir uns irgendeinmal gegenseitig beschuldigen sollten, wenn wir einmal unzufrieden werden oder sogar böse und schlecht, ja, selbst wenn wir alles dieses vergessen sollten, – so wollen wir doch niemals den heutigen Tag und diese Stunde vergessen! Geben wir uns das Wort darauf! – Das Wort, daß wir immer dieses Tages gedenken werden, wo wir zwei so Hand in Hand gingen und lachten und uns so froh zumute war ... Ja? Ja?“

„Ja, Lisa, ja, und ich schwöre dir das. Aber weißt du, Lisa, mir ist, als hörte ich dich zum erstenmal ... Lisa, hast du viel gelesen?“

„Bis jetzt hast du noch nie danach gefragt! Erst gestern zum erstenmal, als ich mich versprach und mich wie Mama ausdrückte, geruhten Sie, das zu bemerken, mein hochgeehrter Herr und Philosoph.“

„Warum hast du denn nicht selbst mit mir zu sprechen angefangen, wenn ich so ein Dummkopf war?“

„Ich habe immer darauf gewartet, daß du klüger werden würdest. Ich habe Sie, mein Herr, von Anfang an durchschaut, und wie ich Sie, Arkadi Makarowitsch, durchschaut hatte, da dachte ich bei mir: ‚Er wird schon zu mir kommen, es wird ja bestimmt damit enden, daß er kommt,‘ – nun, und so nahm ich mir vor, diese Ehre Ihnen zu überlassen, als erster den Schritt zu tun. ‚Nein,‘ dachte ich, ‚mach du mir erst mal den Hof!‘“

„Ach, du Kokette! Na, Lisa, gestehe mal ehrlich: Hast du in diesem Monat über mich gelacht oder nicht?“

„Oh! – du bist so komisch, du bist furchtbar komisch, Arkadi! Und weißt du, vielleicht habe ich dich gerade deswegen am meisten geliebt in diesem Monat, – weil du solch ein Sonderling bist. Aber du bist in vielen Dingen auch ein häßlicher Sonderling – das sage ich dir, damit du mir nicht zu stolz wirst. Aber weißt du auch, wer noch über dich gelacht hat? Mama hat über dich gelacht, mit mir zusammen: ‚So ein drolliger Kauz,‘ flüsterte sie mir dann zu, ‚sieh nur, was für ein drolliger Kauz!‘ Du aber sitzt und denkst dabei, wir säßen und zitterten vor dir.“

„Lisa, wie denkst du über Werssiloff?“

„Ich halte sehr viel von ihm; aber weißt du, wir wollen jetzt lieber nicht über ihn sprechen. Heute brauchen wir nicht über ihn zu sprechen, nicht wahr?“

„Ja, du hast recht! Nein, du bist wirklich furchtbar klug, Lisa! Du bist unbedingt klüger als ich. Warte nur, Lisa, ich mache mit alledem ein Ende, und vielleicht sage ich dir dann etwas ...“

„Warum machst du nun ein so finsteres Gesicht?“

„Nein, ich mache kein finsteres Gesicht, Lisa, das war nur so ... Sieh, Lisa, ich spreche es lieber offen aus: das ist so eine meiner Eigenheiten, daß ich es nicht liebe, wenn man manches Empfindliche, was man so in der Seele hat, mit den Fingern anrührt ... oder sagen wir: wenn man gewisse Gefühle oft anderen aufdeckt oder sie hervorzieht, damit alle sie sehen, so ist das doch eine Schande, nicht wahr? Deshalb ziehe ich es vor, düster zu sein und zu schweigen. Du bist klug, du mußt das verstehen.“

„Nicht nur das, ich bin auch selbst so; ich habe dich in allem verstanden. Weißt du auch, daß auch Mama so ist?“

„Ach, Lisa! Wenn man nur länger auf Erden leben könnte! Wie? Was sagtest du?“

„Nein, ich habe nichts gesagt.“

„Du siehst mich an?“

„Ja, und auch du siehst mich an. Ich sehe dich an und liebe dich.“

Ich begleitete sie fast bis nach Hause und gab ihr meine Adresse. Beim Abschied küßte ich sie zum erstenmal im Leben.

V.

Und alles wäre gut gewesen, aber nur eines war schlecht: ein schwerer Gedanke wälzte sich in mir schon seit der Nacht und ging mir nicht aus dem Sinn. Es war das die Erinnerung, daß ich am Abend vorher, als ich vor unserer Hofpforte mit jener Unglücklichen zusammengetroffen war, ihr gesagt hatte, ich ginge aus dem Hause, verließe das Nest; denn von bösen Menschen müsse man fortgehen und sein eigenes Nest bauen, und Werssiloff hätte viele außereheliche Kinder. Solche Worte über den Vater vom leiblichen Sohn gesagt, hatten natürlich ihren ganzen Verdacht gegen Werssiloff bestätigt, auch den, daß sie von ihm beleidigt worden sei. Ich hatte Stebelkoff angeklagt, aber vielleicht war vor allen anderen ich derjenige gewesen, der Öl ins Feuer gegossen hatte. Dieser Gedanke war schrecklich und ist es noch heute ... Damals aber, an jenem Morgen, hatte er zwar schon angefangen, mich zu quälen, aber es schien mir doch noch alles Einbildung zu sein. „Ach, da hatte sich auch ohne mein Dazutun schon genug angesammelt und aufgehäuft,“ wiederholte ich mir immer wieder. „Ach, tut nichts, es wird schon vorübergehen! Ich werde mich bessern! Ich werde das irgendwie gutmachen ... durch irgendeine gute Tat ... Ich habe noch fünfzig Jahre vor mir!“

Aber der Gedanke quälte doch weiter.