I.
An diesem Morgen des fünfzehnten November traf ich ihn beim „Fürsten Sserjosha“. Ich war es auch gewesen, der ihn und den Fürsten wieder zusammengeführt hatte; aber ganz abgesehen von mir, hatten sie ja genug Berührungspunkte (alle diese früheren Geschichten im Auslande usw.). Außerdem hatte der Fürst ihm sein Wort gegeben, von der Erbschaft wenigstens ein Drittel an ihn abzutreten, was mindestens zwanzigtausend Rubel ausgemacht hätte. Ich weiß noch, mich wunderte es damals sehr, daß er nur ein Drittel und nicht die ganze Hälfte abtreten wollte; aber ich schwieg. Dieses Versprechen hatte der Fürst ganz aus eigenem Antriebe gegeben; Werssiloff hatte ihn mit keiner Silbe dazu veranlaßt, hatte nie auch nur ein Wort darüber fallen lassen; der Fürst war selbst damit hervorgetreten, Werssiloff aber hatte nur schweigend zugehört und auch nachher kein einziges Mal etwas darüber geäußert oder erwähnt, hatte auch mit keiner Miene gezeigt, daß er sich dieses Versprechens überhaupt erinnerte. Ich will hier gleich bemerken, daß der Fürst von Werssiloff in der ersten Zeit ganz bezaubert war, besonders von seinen Reden, die ihn geradezu begeisterten, und in dem Sinne hatte er sich auch mir gegenüber oftmals geäußert. Wenn wir beide allein waren, hatte er manchmal ganz verzweifelt über sich ausgerufen, er sei „so ungebildet, so unwissend, und auf einem so falschen Wege ...!“ Oh, damals waren wir noch so befreundet ...! Auch Werssiloff gegenüber bemühte ich mich immer, nur die guten Seiten des Fürsten hervorzuheben, und ich verteidigte oder leugnete sogar seine Fehler, obgleich ich sie selbst sah; aber Werssiloff schwieg dazu oder lächelte.
„Nun ja, mag er auch seine Fehler haben, aber jedenfalls hat er ebenso viele Vorzüge, wie er Fehler hat!“ rief ich einmal, als ich mit Werssiloff allein war.
„Gott, wie du ihm schmeichelst,“ lachte er.
„Wieso? Inwiefern schmeichle ich ihm?“ Ich verstand ihn zuerst nicht.
„Ebenso viele Vorzüge! Herrgott, da müssen doch seine Gebeine Reliquien werden, wenn er ebenso viele Vorzüge wie Fehler hat!“
Aber natürlich, das war kein Urteil. Und überhaupt schien er es damals gewissermaßen vermeiden zu wollen, von dem Fürsten zu sprechen, wie überhaupt von allem Gegenwärtigen und Dringenden; aber vom Fürsten besonders. Ich hatte schon damals den Verdacht, daß er beim Fürsten auch ohne mich vorsprach, und daß sie besondere Beziehungen hatten, aber ich ließ das zu. Ich wurde auch darüber nicht eifersüchtig, daß er mit ihm gleichsam ernster sprach als mit mir, sagen wir, positiver, und weniger Spott beimischte: ich war damals so glücklich, daß mir das sogar gefiel. Und ich entschuldigte es noch damit, daß der Fürst ja ein wenig beschränkt war und deshalb es nicht liebte, wenn man sich ungenau ausdrückte, und manche Feinheiten verstand er sogar überhaupt nicht. Aber siehe da, in der letzten Zeit hatte er angefangen, sich gewissermaßen zu emanzipieren. Seine Gefühle Werssiloff gegenüber begannen sich sogar zu verändern, was der feinfühlige Werssiloff natürlich sofort merkte. Ich muß noch erwähnen, daß der Fürst in derselben Zeit auch sein Verhalten zu mir änderte und sogar recht merklich; es waren nur gewisse tote Formen von unserer anfänglich fast glühenden Freundschaft übriggeblieben. Aber ich fuhr doch fort, nach wie vor zu ihm zu gehen. Übrigens, wie hätte ich nicht mehr zu ihm gehen sollen, nachdem ich nun einmal in alles das mit hineingezogen worden war! Oh, wie unschlau ich damals war! Und kann denn wirklich nur eine einzige Herzensdummheit einen Menschen zu einer solchen Einfalt und Erniedrigung führen? Ich nahm Geld von ihm und dachte, das hätte nichts auf sich, das müßte so sein. Übrigens, nein: ich wußte auch damals schon, daß es so nicht sein mußte, aber – ich dachte einfach nicht darüber nach. Nicht des Geldes wegen ging ich zu ihm, obschon ich das Geld furchtbar nötig hatte. Ich wußte, daß ich nicht des Geldes wegen ging, aber ich begriff, daß ich jeden Tag bei ihm erschien und mir Geld holte. Aber ich war im Strudel, und abgesehen von alledem, war etwas, – sang etwas ganz anderes in meiner Seele!
Als ich an jenem Morgen eintrat, ungefähr um elf Uhr, fand ich Werssiloff bei ihm und hörte noch, wie er gerade einen längeren Satz zu Ende sprach; der Fürst hörte zu und schritt im Zimmer auf und ab; Werssiloff saß. Der Fürst schien etwas erregt zu sein. Werssiloff regte ihn fast immer auf. Der Fürst war ein überaus empfänglicher Mensch, war es sogar bis zu einer Naivität, die mich in manchen Fällen veranlaßte, auf ihn herabzusehen. Aber ich wiederhole, in den letzten Tagen war in ihm ein gewisser boshafter Hohn zum Ausdruck gekommen. Er blieb stehen, als er mich erblickte, und in seinem Gesicht verzog sich etwas. Ich wußte im geheimen, wie ich mir diesen Schatten an diesem Morgen zu erklären hatte, aber ich hatte doch nicht erwartet, daß sein Gesicht sich in solchem Maße verändern werde. Es war mir bekannt, daß er eine Menge Unannehmlichkeiten hatte, aber das Abscheuliche war, daß ich nur den zehnten Teil dieser Unannehmlichkeiten kannte, – alles übrige war für mich damals ein Geheimnis, von dem ich nicht das mindeste ahnte. Das war um so abscheulicher und um so dümmer, als ich ihn oft großartig zu trösten versuchte, ihm Ratschläge gab und sogar hochmütig lächelte über seine Schwäche, „wegen solcher Lappalien“ außer sich zu geraten. Er aber schwieg dazu, und es ist unmöglich, daß er mich in den Augenblicken nicht furchtbar gehaßt hat; ich befand mich in einer gar zu falschen Stellung ihm gegenüber, hatte aber selbst nicht einmal eine Ahnung davon. Oh, ich rufe Gott zum Zeugen an, daß ich von der Hauptsache wirklich keine Ahnung hatte!
Er streckte mir jedoch höflich die Hand entgegen. Werssiloff nickte mir zu, ohne sich unterbrechen zu lassen. Ich warf mich auf den Diwan. – Was war das überhaupt für ein Ton, den ich mir erlaubte, was waren das für Manieren! Seine Bekannten behandelte ich, als wären sie meine Bekannten ... Oh, wenn es doch eine Möglichkeit gäbe, alles das jetzt von neuem zu machen, wie anders würde ich mich jetzt zu benehmen verstehen!
Noch zwei Worte, damit ich es später nicht zu erwähnen vergesse: der Fürst wohnte damals immer noch in derselben Wohnung, die jetzt fast ganz von ihm eingenommen wurde; die Stolbejeff, der die Wohnung gehörte, hatte nur einen Monat in Petersburg verbracht und war dann wieder irgendwohin gereist.
II.
Sie sprachen über den Adel. Ich muß vorausschicken, daß diese Idee den Fürsten manchmal sehr aufregte, trotz seiner ganzen anscheinend fortschrittlichen Gesinnung. Ja, ich vermute sogar, daß vieles Schlechte in seinem Leben durch diese Idee veranlaßt oder ausschließlich um ihretwillen von ihm begangen worden war: da er so viel auf seine Fürstlichkeit gab, hatte er in seinem ganzen Leben aus falschem Stolz mit dem Gelde um sich geworfen und sich auf diese Weise, da er ja ganz arm war, in Schulden gestürzt. Werssiloff hatte ihm schon mehrmals zu verstehen gegeben, daß der Adel nicht darin liege, und hatte gleichzeitig versucht, ihm eine höhere Auffassung vom Adel nahezulegen; doch der Fürst schien es schließlich übelzunehmen, daß man ihn belehren wollte. Offenbar hatte ihr Gespräch auch an diesem Morgen davon gehandelt, aber den Anfang hatte ich nun versäumt. Werssiloffs Worte schienen mir zunächst sehr reaktionär, später aber söhnte er mich wieder aus.
„Das Wort Ehre – bedeutet Pflicht,“ sagte er (ich gebe nur den Sinn seiner Rede wieder, – seine Worte aber nur soweit ich mich ihrer erinnere).
„Wenn in einem Staat ein bevorzugter Stand herrscht, so ist das Land stark. Der bevorzugte Stand hat immer seinen bestimmten Ehrbegriff und seine bestimmte Beobachtung der Ehrgesetze, die meinetwegen auch unrichtig sein kann, aber sie dient doch fast immer als Bindemittel und macht das Land stark; sittlich ist sie von großem Nutzen, doch noch mehr ist sie es politisch ... Aber die Sklaven leiden darunter, das heißt alle, die nicht zum bevorzugten Stande gehören. Damit sie nicht leiden, versucht man die Rechte auszugleichen. Das hat man bei uns auch getan, und das ist sehr schön. Nur hat bisher, wie die Erfahrung lehrt, überall (das heißt, natürlich nur in Europa) die Ausgleichung der Rechte ein gewisses Sinken des Ehrgefühls zur Folge gehabt und folglich auch des Pflichtgefühls. Der Egoismus ist an die Stelle der früheren zusammenhaltenden Idee getreten, und alles ist zu persönlicher Freiheit auseinandergefallen. Die Freigewordenen, die ohne vereinenden, festigenden Gedanken blieben, haben nun jede höhere, ideelle Verbindung mit der Zeit in solchem Maße eingebüßt, daß sie zu guter Letzt sogar die von ihnen erlangte persönliche Freiheit gemeinsam zu verteidigen aufgehört haben. Aber der russische Adelstyp hat dem europäischen niemals geglichen. Unser Adel könnte selbst jetzt, nach Verlust seiner Vorrechte, der höchste Stand bleiben, als Hüter der Ehre, des Lichts, der Wissenschaft und der höheren Idee, und, was die Hauptsache ist, ohne sich als besondere Kaste abzuschließen, was der Tod der Idee wäre. Im Gegenteil, die Tür zu diesem Stande steht bei uns schon lange offen, jetzt aber dürfte es an der Zeit sein, sie endgültig und vollends aufzumachen. Möge jede große Tat der Ehre, der Wissenschaft, des Mutes bei uns einem jeden das Recht geben, sich den Menschen des höheren Standes anzuschließen. Auf diese Weise würde sich der höhere Stand ganz von selbst in eine Versammlung der Besten verwandeln, und zwar im buchstäblichen und wahren Sinne, und nicht im früheren Sinne einer privilegierten Kaste. In dieser neuen, oder sagen wir richtiger erneuerten Gestalt könnte sich der Stand erhalten.“
Der Fürst verzog den Mund zu einem halb höhnischen Lächeln, das seine Zähne sehen ließ.
„Was wird denn das noch für ein Adel sein? Sie projektieren ja da irgendeine Freimaurerloge, nicht aber einen Adel.“
Ich erwähne nochmals: der Fürst war furchtbar ungebildet. Ich nahm vor Ärger über ihn auf meinem Diwan eine andere Stellung ein, obschon ich Werssiloff nicht ganz beistimmte. Werssiloff begriff nur zu gut, daß der Fürst sich getroffen fühlte und – ihm die Zähne zeigte.
„Ich weiß nicht, in welchem Sinne Sie das von der Freimaurerei gesagt haben,“ erwiderte er; „doch übrigens, wenn selbst ein russischer Fürst sich von einer solchen Idee lossagt, so ist selbstredend ihre Zeit noch nicht gekommen. Die Idee der Ehre und der Aufklärung als Bekenntnis eines jeden, der in diesen Stand eintreten will, der niemals abgeschlossen und beständig erneuert wird – ist natürlich eine Utopie, aber weshalb denn eine Unmöglichkeit? Wenn dieser Gedanke auch nur in wenigen Köpfen lebt, so ist er doch noch nicht ausgelöscht, so brennt und leuchtet er noch, und sei es auch nur wie ein feuriger Punkt in der Finsternis.“
„Sie gebrauchen immer Worte wie: ‚der große Gedanke‘, ‚die zusammenhaltende Idee‘, und ähnliche. Ich würde gern wissen, was Sie darunter verstehen, zum Beispiel unter dem ‚großen Gedanken‘?“
„Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen darauf antworten soll, mein lieber Fürst,“ erwiderte Werssiloff mit feinem Lächeln. „Das beste ist wohl, ich gestehe Ihnen, daß ich selbst nichts darauf zu antworten weiß. Der große Gedanke – das ist meistens ein Gefühl, das manchmal gar zu lange unausgesprochen bleibt und noch immer nicht seinen Ausdruck findet. Ich weiß nur, daß es immer dasjenige gewesen ist, woraus das lebendige Leben zu strömen pflegt, ich meine nicht das intellektuelle und nicht das erdichtete, sondern im Gegenteil, das wirkliche, niemals langweilige und heitere Leben; so ist denn die höhere Idee, der es entströmt, entschieden unentbehrlich, – zum allgemeinen Ärger, versteht sich.“
„Warum zum Ärger?“
„Weil mit Ideen zu leben, langweilig ist, ohne Ideen dagegen immer heiter.“
Der Fürst schluckte die Pille.
„Und was ist denn dieses lebendige Leben Ihrer Meinung nach?“ (Er ärgerte sich sichtlich.)
„Auch das weiß ich nicht, Fürst; ich weiß nur, daß es etwas unglaublich Einfaches sein muß, das Alltäglichste und Unverborgenste, etwas Tagtägliches und Allstündliches, etwas dermaßen Gewöhnliches, daß wir einfach nicht glauben können, dieses Einfache könnte es sein, und deshalb gehen wir schon so viele Jahrtausende an ihm vorüber, ohne es zu bemerken und zu erkennen.“
„Ich wollte nur sagen, daß Ihre Idee vom Adel gleichzeitig eine Verneinung des Adels ist,“ sagte der Fürst.
„Nun, wenn Sie es denn durchaus wollen, so – hat es einen Adel bei uns vielleicht niemals gegeben.“
„Was Sie da sagen ist alles sehr dunkel und unklar. Ich denke, wenn man schon spricht, muß man seinen Gedanken auch erklären ...“
Der Fürst runzelte die Stirn und blickte flüchtig nach der Kaminuhr. Werssiloff erhob sich und nahm seinen Hut.
„Erklären!“ sagte er, „nein, lieber nicht; und überdies ist es meine Leidenschaft – zu sprechen, ohne zu erklären. In der Tat, so ist es. Und dann noch eine Eigenheit: Geschieht es einmal, daß ich einen Gedanken, an den ich selbst glaube, zu erklären anfange, so ist es bisher immer geschehen, daß ich zum Schluß der Erklärung an das Erklärte selbst zu glauben aufhöre; dem fürchte ich mich auch heute auszusetzen. Auf Wiedersehen, teurer Fürst; bei Ihnen rede ich immer unverzeihlich viel.“
Er ging hinaus; der Fürst gab ihm höflich das Geleit, ich aber fühlte mich gekränkt.
„Warum schauen Sie denn so finster drein?“ fuhr er mich plötzlich geradezu an und ging, ohne mich anzusehen, zu seinem Schreibtisch.
„Wenn ich finster dreinschaue,“ begann ich mit einem Zittern in der Stimme, „so tue ich es deshalb, weil ich finde, daß Ihr Ton mir und sogar Werssiloff gegenüber sich so sonderbar verändert hat, weshalb ich ... Allerdings, Werssiloff begann vielleicht etwas zu reaktionär, aber dann hat er das doch wieder gutgemacht und ... in seinen Worten lag ein tiefer Sinn, aber Sie haben das vielleicht gar nicht verstanden und ...“
„Ich will einfach nicht, daß man sich unterfängt, mich zu belehren, und mich für einen Schuljungen hält!“ schnitt er mir fast wütend das Wort ab.
„Fürst, solche Ausdrücke ...“
„Keine Theaterposen – wenn ich bitten darf. Ich weiß, daß das, was ich tue, eine Gemeinheit ist, daß ich ein Verschwender bin, ein Spieler, vielleicht ein Dieb ... ja, ein Dieb; denn ich verspiele das Geld meiner Familie, aber ich wünsche nicht, daß andere sich als meine Richter vor mich hinsetzen. Das will ich nicht, und das lasse ich nicht zu. Ich bin mein eigener Richter. Und wozu diese Zweideutigkeiten? Wenn er mir etwas sagen wollte, so hätte er es einfach und geradezu aussprechen sollen, nicht aber so einen nebligen Unsinn prophezeien. Aber, um mir das zu sagen, muß man das Recht dazu haben, muß man selbst anständig sein ...“
„Erstens habe ich den Anfang Ihrer Unterhaltung nicht gehört und weiß daher nicht, wovon Sie gesprochen haben; zweitens aber, inwiefern ist denn Werssiloff nicht anständig? – Gestatten Sie, daß ich Sie das frage.“
„Genug davon, ich bitte Sie, genug davon. Sie baten mich gestern um dreihundert Rubel, – hier sind sie ...“ Er legte das Geld vor mir auf den Tisch, setzte sich selbst in seinen Lehnstuhl, lehnte sich nervös zurück und schlug ein Bein über das andere. Ich blieb verwirrt stehen.
„Ich weiß nicht ...“ murmelte ich, „ich habe Sie wohl gebeten ... und ich habe das Geld augenblicklich zwar sehr nötig, aber im Hinblick auf diesen Ton ...“
„Lassen Sie den Ton. Wenn ich mich etwa scharf ausgedrückt habe, so entschuldigen Sie mich. Ich versichere Ihnen, ich habe an anderes zu denken. Hören Sie mich an: Ich habe einen Brief aus Moskau erhalten; mein Bruder Ssascha, der kleine Junge, Sie wissen, ist vor vier Tagen gestorben. Mein Vater ist, wie Sie gleichfalls wissen, nun schon seit zwei Jahren gelähmt, und jetzt geht es ihm, wie man mir schreibt, viel schlechter, er kann überhaupt nicht mehr sprechen und erkennt keinen mehr. Sie haben sich dort alle so über die Erbschaft gefreut und wollen ihn nun gern ins Ausland bringen; der Arzt aber schreibt mir, daß er kaum noch zwei Wochen leben könne. So bleiben von uns nur noch meine Mutter, meine Schwester und ich, also eigentlich so gut wie nur ich ... Nun, sagen wir, ich, ich allein ... Diese Erbschaft ... diese Erbschaft – oh, vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte nichts bekommen! Aber was ich Ihnen eigentlich sagen wollte: ich habe von dieser Erbschaft mindestens zwanzigtausend Rubel Andrei Petrowitsch versprochen ... Und dabei ... können Sie sich denken, diese Formalitäten halten alle so auf, ich habe da noch nichts machen können. Ich bin sogar ... das heißt, wir ... das heißt, mein Vater ist sogar noch nicht einmal offiziell bestätigt, er hat den Besitz noch nicht angetreten. Und dabei habe ich in diesen letzten drei Wochen soviel Geld verloren, und dieser Schuft Stebelkoff nimmt solche Prozente ... Ich habe Ihnen jetzt fast mein letztes Geld gegeben ...“
„Oh, Fürst, wenn es so ist ...“
„Ich sage es nicht deshalb, nicht deshalb. Stebelkoff wird mir heute sicher welches bringen, und das wird für den Augenblick reichen, aber der Teufel werde aus ihm klug, aus diesem Stebelkoff! Ich habe ihn beschworen, mir zehntausend zu verschaffen, damit ich wenigstens Werssiloff zehntausend abgeben kann. Mein Versprechen, ihm ein Drittel abzutreten, quält mich, foltert mich! Ich habe mein Wort gegeben und muß es halten. Und ich schwöre Ihnen, ich brenne darauf, mich wenigstens nach dieser Seite hin von meinen Verpflichtungen befreien zu können. Sie sind schwer, niederdrückend, unerträglich! Diese mich bedrückende Verbindung ... Ich kann Andrei Petrowitsch nicht ansehen, weil ich ihm nicht offen in die Augen sehen kann ... weshalb mißbraucht er das?“
„Was mißbraucht er, Fürst?“ Ich blieb erstaunt vor ihm stehen. „Hat er denn jemals Ihnen gegenüber auch nur eine Andeutung gemacht?“
„O nein, und ich weiß das zu würdigen, aber ich selbst mache mir Andeutungen. Und schließlich, ich werde immer tiefer und tiefer hineingezogen ... Dieser Stebelkoff ...“
„Hören Sie, Fürst, beruhigen Sie sich doch, ich bitte Sie; ich sehe schon, je mehr Sie reden, um so mehr regen Sie sich auf, und dabei ist vielleicht das alles doch nur Einbildung. Ich habe mich ja auch hineinziehen lassen und unverzeihlich, niederträchtig! – aber ich weiß doch, daß es nur vorübergehendes Unglück ist ... und wenn ich nur eine gewisse Summe zurückgewinne, dann ... Sagen Sie, mit diesen dreihundert schulde ich Ihnen jetzt zweitausendfünfhundert Rubel, nicht wahr?“
„Ich habe sie von Ihnen, denke ich, noch nie zurückverlangt,“ sagte der Fürst plötzlich mit einem höhnischen Lächeln, das wieder seine Zähne sehen ließ.
„Sie sagen, zehntausend brauchten Sie für Werssiloff. Wenn ich von Ihnen jetzt borge, so tue ich das selbstverständlich auf Rechnung der Werssiloffschen Zwanzigtausend; anders lasse ich es nicht zu. Aber ... aber ich werde es Ihnen ja bestimmt schon vorher selbst wiedergeben ... Oder denken Sie womöglich, Werssiloff käme zu Ihnen des Geldes wegen?“
„Mir wäre es leichter, wenn er des Geldes wegen käme,“ sagte der Fürst rätselhaft.
„Sie sprachen von einer Sie ‚bedrückenden Verbindung‘ ... Wenn Sie damit Ihren Verkehr mit Werssiloff und mir meinten, so ist das, bei Gott, eine Beleidigung. Und dann, Sie sagen: Warum ist er nicht selbst so, wie er andere zu sein lehrt – das ist doch Ihre Logik! Aber erstens ist das nicht Logik, erlauben Sie schon, daß ich Ihnen das sage; denn selbst wenn er auch nicht so wäre, könnte er doch nicht anders, als die Wahrheit verkünden ... Und schließlich, was ist das für ein Wort, ‚verkünden‘? Sie sagen, er sei ein ‚Prophet‘. Sagen Sie, haben Sie ihn in Deutschland einen ‚Weiberprophet‘ genannt?“
„Nein, nicht ich.“
„Stebelkoff sagte mir, Sie hätten es getan.“
„Dann hat er gelogen. Ich bin kein Meister im Erfinden von Spitznamen. Aber wenn jemand Ehre predigt, so muß er selbst ehrenhaft sein – das ist meine Logik, und wenn sie falsch ist, so ist mir das gleichgültig. Ich will, daß es so sei, und es muß so sein. Und keiner, keiner darf es wagen, in mein Haus zu kommen, um mich zu verurteilen und mich für einen dummen Jungen zu halten! Genug, hören Sie auf!“ rief er heftig und winkte mir ungeduldig mit der Hand ab, damit ich nicht mehr spräche ...
„Ah, endlich!“
Die Tür hatte sich geöffnet und Stebelkoff erschien.
III.
Der war nun unverändert der alte: ebenso stutzerhaft gekleidet, ebenso selbstzufrieden, sah einem ebenso albern in die Augen, bildete sich ebenso ein, daß er jeden überliste, und war überhaupt sehr eingenommen von sich. Nur sein Blick war diesmal beim Eintreten etwas anders: es lag in ihm gleichsam eine Vorsicht und ein eigentümliches Spähen, als hätte er aus unseren Gesichtern etwas erraten wollen. Aber er beruhigte sich sofort, und das selbstbewußte Lächeln erschien wieder auf seinen Lippen, jenes unverschämt nachsichtige Lächeln, das mir so unsäglich widerlich war.
Ich wußte schon längst, daß er den Fürsten furchtbar quälte. Er war schon ein- oder zweimal während meiner Anwesenheit zum Fürsten gekommen. Ich ... ich hatte in diesem letzten Monat auch schon einmal mit ihm zu tun gehabt, aber diesmal wunderte ich mich ein wenig – aus einem besonderen Grunde – über sein Erscheinen beim Fürsten.
„Warten Sie!“ sagte der Fürst zu ihm und begann, ohne ihn überhaupt zu begrüßen, und indem er uns den Rücken zuwandte, aus seinem Schreibtisch Papiere und Rechnungen herauszunehmen. Was mich betrifft, so fühlte ich mich durch die letzten Worte des Fürsten entschieden beleidigt; seine Anspielung auf Werssiloffs Unehrenhaftigkeit war so deutlich gewesen (und so unbegreiflich), daß ich die Sache nicht ohne radikale Erklärung auf sich beruhen lassen konnte. Aber in Stebelkoffs Gegenwart war ein Zur-Rede-Stellen nicht möglich. Ich warf mich wieder in meine Diwanecke und schlug ein Buch auf, das auf dem Tisch lag.
„Was! Bjelinski, zweiter Teil! Das ist doch! – Sie wollen sich wohl bilden?“ rief ich dem Fürsten zu, aber es klang, glaube ich, recht gezwungen.
Er war sehr beschäftigt und beeilte sich sichtlich, aber auf meine Worte hin drehte er sich plötzlich nach mir um:
„Ich bitte Sie, lassen Sie das Buch liegen,“ sagte er scharf.
Das ging nun doch schon über die Grenze! – und das noch dazu in Stebelkoffs Gegenwart! Und Stebelkoff mußte natürlich gleich schlau und boshaft schmunzeln, und dazu deutete er mir heimlich mit dem Kopf und einem zwinkernden Auge auf den Fürsten. Ich kehrte diesem Dummkopf den Rücken.
„Ärgern Sie sich nicht, Fürst; ich trete Sie der Hauptperson ab und ziehe mich vorläufig zurück ...“
Ich hatte beschlossen, mich harmlos ungezwungen zu geben.
„Wie, was? – ich soll die Hauptperson sein?“ griff Stebelkoff sofort lebhaft auf und wies vergnügt mit dem Finger auf sich selbst.
„Ja, gerade Sie; Sie allein sind die Hauptperson, wie überhaupt der erste Mann in allem, und das wissen Sie ja selbst ganz genau!“
„Tja, nein, erlauben Sie mal! In der Welt gibt es immer noch einen zweiten Mann. Und dieser zweite Mann – der bin ich! Also der zweite. Es gibt einen ersten Mann, und es gibt einen zweiten Mann. Der erste Mann tut, und der zweite Mann nimmt. Folglich ist der zweite Mann der erste Mann, und der erste Mann ist der zweite Mann. Ist es so oder nicht?“
„Möglich, daß es so ist, nur verstehe ich Sie wie gewöhnlich nicht ganz.“
„Erlauben Sie! In Frankreich war die Revolution, und alle wurden geköpft. Da kam Napoleon und steckte alles ein. Die Revolution, das war sozusagen der erste Mann, und Napoleon war der zweite Mann. Tja, aber zum Schluß, da war die Sache umgekehrt, wie es sich erwies: da war Napoleon der erste Mann und die Revolution der zweite Mann. Ist es so oder nicht?“
Nebenbei bemerkt: daß er mir gerade mit der Französischen Revolution als Beispiel kam, darin erblickte ich wieder eine von seinen kleinen schlauen Anspielungen, die mich diesmal sehr amüsierte. Da er nun einmal irgendwie erfahren hatte, daß ich bei Dergatschoff gewesen war, so nahm er ohne weiteres an, ich sei Revolutionär, und verblieb in diesem Glauben, und jedesmal, wenn er mit mir zusammentraf, hielt er es für notwendig, von etwas Derartigem zu sprechen.
„Kommen Sie,“ sagte der Fürst.
Sie gingen zusammen ins Nebenzimmer. Ich blieb allein zurück und beschloß nun endgültig, die dreihundert Rubel dem Fürsten zurückzugeben, sobald Stebelkoff ihn verlassen hätte. Ich hatte dieses Geld furchtbar nötig, aber ich war trotzdem entschlossen, es nicht anzunehmen.
Im Nebenzimmer war es etwa zehn Minuten lang ganz still, auf einmal aber fingen sie laut zu sprechen an. Sie sprachen erregt und beide zugleich, und plötzlich schrie der Fürst Stebelkoff an, wie in maßloser Gereiztheit oder womöglich in wahrer Wut. Er konnte manchmal sehr heftig sein, und sogar ich hatte ihm schon manches verzeihen müssen. In dem Augenblick kam der Diener, um einen Besuch anzumelden; ich wies ihn ins Nebenzimmer, und kaum war er dort eingetreten, da wurde es still. Der Fürst trat schnell und mit besorgtem Gesichtsausdruck, aber doch lächelnd, aus dem Zimmer, der Diener verschwand, und nach einer halben Minute erschien der Besuch.
Es war das ein sehr wichtiger Gast, ein Herr mit Achselschnüren und anderen bedeutsamen militärischen Abzeichen, dabei erst etwa dreißig Jahre alt. Er war von vornehmem und gewissermaßen strengem Äußeren. Ich muß bemerken, daß Fürst Sserjosha, d. h. Fürst Ssergei Petrowitsch, von der höchsten Petersburger Gesellschaft doch immer noch nicht ganz aufgenommen worden war, trotz seines lebhaften Wunsches, von ihr aufgenommen zu werden (von diesem Wunsch wußte ich), und deshalb mußte dieser Besuch für ihn von besonderer Wichtigkeit sein. Ich wußte auch, daß es ihm erst kurz zuvor und nach großen Bemühungen seinerseits gelungen war, die Bekanntschaft mit diesem Aristokraten anzuknüpfen; er machte ihm nun seinen Gegenbesuch, doch zum Unglück des Fürsten kam er zu einer sehr ungelegenen Zeit. Ich sah, mit was für einer Qual und mit welch einem gleichsam verlorenen Blick der Fürst sich einen Moment nach Stebelkoff umsah; aber Stebelkoff hielt den Blick aus, als wäre er der anständigste Mensch, und er dachte nicht daran, sich unbemerkt zurückzuziehen, sondern setzte sich frech und wohlgemut auf den Diwan und begann mit der Hand seine Haare aufzuwühlen, wahrscheinlich zum Zeichen seiner Unabhängigkeit. Ja, er setzte sogar eine gewisse wichtige Miene auf, – mit einem Wort, er war entschieden unmöglich. Was mich betrifft, so verstand ich natürlich auch damals schon, mich zu benehmen, und hätte selbstverständlich keinen durch die Bekanntschaft mit mir kompromittiert; aber wie groß war meine Verwunderung, als ich denselben verlorenen, hilflosen und bösen Blick des Fürsten auch mich streifen sah: er schämte sich also nicht nur Stebelkoffs, sondern auch meiner, und stellte mich somit auf ein und dieselbe Stufe mit Stebelkoff. Dieser Gedanke empörte mich; ich setzte mich deshalb noch ungenierter auf meinen Diwan und blätterte in meinem Buch mit einer Miene, als gingen sie mich überhaupt nichts an. Stebelkoff dagegen machte große Augen, beugte sich vor und hörte ihrem Gespräch aufmerksam zu, wahrscheinlich im Glauben, das wäre höflich und liebenswürdig zugleich. Der Besuch warf ab und zu einen Blick auf Stebelkoff; und auf mich übrigens auch.
Sie sprachen von Familienneuigkeiten; dieser Herr hatte einmal die Mutter des Fürsten gekannt, die aus einer alten vornehmen Familie stammte. Soviel ich beurteilen konnte, war dieser Herr, trotz der Freundlichkeit und scheinbaren Offenherzigkeit seines Tones, sehr pedantisch und von sich in solchem Maße eingenommen, daß er mit seiner Visite wohl jedem Sterblichen eine große Ehre zu erweisen wähnte. Wäre der Fürst allein gewesen, das heißt, ohne uns, so hätte er sich, davon bin ich überzeugt, viel sicherer und gewandter gezeigt; so aber sprach eine gewisse Unsicherheit und Nervosität aus seinem Lächeln, das vielleicht etwas zu liebenswürdig war, und außerdem war er von einer sonderbaren Zerstreutheit.
Sie saßen noch keine fünf Minuten, als der Diener wieder einen Besuch meldete, und wie zum Verhängnis war es wieder ein kompromittierender Bekannter des Fürsten. Diesen kannte ich gut, d. h. ich hatte schon viel von ihm gehört, ich selbst aber war ihm völlig unbekannt. Es war das ein noch sehr junger Mann, übrigens doch schon dreiundzwanzigjährig, vorzüglich angezogen, aus guter Familie und ein sehr hübscher Junge, aber leider – gehörte er zur schlechten Gesellschaft. Vor einem Jahr war er noch Offizier in einem der vornehmsten Gardekavallerie-Regimenter gewesen, hatte aber dann aus zwingenden Gründen seinen Abschied nehmen müssen, und diese Gründe waren allen bekannt. Seine Verwandten mußten sogar in den Zeitungen bekanntmachen, daß sie für seine Schulden nicht hafteten, er aber führte sein Verschwenderleben unbehindert fort, verschaffte sich Geld zu zehn Prozent monatlich, spielte fürchterlich, wo er nur spielen konnte, und ruinierte sich für eine bekannte kleine Französin.
Vor einer Woche hatte er wieder Glück gehabt und an einem einzigen Abend an die zwölftausend Rubel gewonnen, so war er jetzt wieder obenauf. Mit dem Fürsten stand er auf freundschaftlichem Fuß: sie spielten oft gemeinschaftlich; aber der Fürst zuckte zusammen, als er ihn erblickte, ich sah das von meinem Platze aus. Dieser junge Mann benahm sich überall so, als wäre er bei sich zu Hause, sprach laut und lustig, sprach alles aus, was ihm in den Kopf kam, genierte sich nie und wäre natürlich auch im Traum nicht darauf verfallen, daß unser Fürst sich vor dem hohen Gast seiner übrigen Bekannten schämte.
Er trat ein, unterbrach ihre Unterhaltung und begann sogleich, noch bevor er sich gesetzt hatte, von dem gestrigen Spielabend zu erzählen.
„Sie waren, glaub ich, gleichfalls da,“ wandte er sich schon nach dem dritten Satz an den würdevollen Besuch, den er augenscheinlich für einen Herrn aus ihrem Spielerkreise hielt, aber er bemerkte sofort seinen Irrtum und rief: „Ach, entschuldigen Sie, ich hielt Sie im Augenblick für einen der Herren von gestern!“
„Alexei Wladimirowitsch Darsan, – Ippolit Alexandrowitsch Naschtschokin,“ beeilte sich der Fürst vorzustellen. Diesen jungen Mann konnte man immerhin vorstellen: er entstammte einer bekannten, vornehmen Familie; uns aber hatte er nicht vorgestellt, und wir saßen immer noch auf unseren Plätzen und rührten uns nicht. Ich wollte nicht einmal den Kopf zu ihnen wenden; Stebelkoff aber hatte seit dem Erscheinen des jungen Mannes fröhlich zu lächeln und zu schmunzeln angefangen und sah ganz danach aus, als wollte er sich nun gleichfalls am Gespräch beteiligen. Mich begann das alles schließlich zu amüsieren.
„Ich habe Sie im vorigen Jahr oft bei der Gräfin Werigin gesehen,“ sagte Darsan.
„Ja, ich entsinne mich Ihrer, aber Sie waren damals, wenn ich mich nicht sehr irre, Offizier,“ erwiderte Naschtschokin freundlich.
„Ja, ich war Offizier, aber dank ... Ah, da ist ja Stebelkoff? Wie kommt denn der hierher? Ja, schauen Sie mal, eben dank diesen gerissenen Leutchen bin ich nicht mehr Offizier,“ – und er wies ungeniert und lachend auf Stebelkoff.
Stebelkoff lachte sogleich mit und sogar sehr vergnügt – er schien den Hinweis auf sich für eine Liebenswürdigkeit zu halten. Der Fürst wurde rot und wandte sich schnell mit irgendeiner Frage an Naschtschokin; Darsan trat zu Stebelkoff und begann mit ihm sehr lebhaft, aber doch flüsternd zu sprechen.
„Wenn ich mich nicht irre, sind Sie im Auslande mit Katerina Nikolajewna Achmakoff sehr gut bekannt gewesen?“ fragte Naschtschokin den Fürsten.
„Oh, ja, ich habe sie gekannt ...“
„Es scheint, daß es bald eine Neuigkeit geben wird. Man spricht davon, daß sie den Baron Bjoring heiraten werde.“
„Ja, das ist wahr!“ rief Darsan herüber.
„Sie ... wissen das genau?“ fragte der Fürst Naschtschokin mit sichtlicher Erregung, und in seiner Frage lag gespannte Erwartung.
„Ich habe so gehört; aber ich glaube, es wird schon allgemein davon gesprochen; genau weiß ich es allerdings nicht.“
„Oh, doch, das steht fest!“ sagte Darsan und trat wieder zu ihnen. „Dubassoff sagte es mir gestern; er ist immer der erste, der solche Neuigkeiten weiß. Aber auch Sie, Fürst, müßten das eigentlich schon wissen.“
Naschtschokin ließ Darsan zu Ende sprechen und wandte sich dann wieder an den Fürsten:
„Sie hat sich in der letzten Zeit selten in der Gesellschaft sehen lassen.“
„Im letzten Monat war ihr Vater krank,“ bemerkte der Fürst eigentümlich trocken.
„Aber sie ist doch, glaub ich, eine Dame mit Erlebnissen?“ platzte Darsan unbedacht heraus.
Ich hob den Kopf und richtete mich auf.
„Ich habe die Ehre, Katerina Nikolajewna persönlich zu kennen und halte es für meine Pflicht, zu versichern, daß alle skandalösen Gerüchte nichts als Lüge und schändlicher Klatsch sind ... und von denen erfunden, die ... ihr den Hof gemacht, jedoch nichts erreicht haben.“
Nachdem ich so dumm abgebrochen hatte, sah ich sie alle mit glühendem Gesicht und gerade aufgerichtet immer noch an. Alle hatten sich nach mir umgewandt – da begann Stebelkoff zu kichern, und auch der anfangs verdutzte Darsan lächelte auf einmal.
„Arkadi Makarowitsch Dolgoruki,“ stellte der Fürst mich vor.
„Ach, glauben Sie mir, Fürst,“ wandte sich Darsan unbefangen und gutmütig an mich, „das war ja gar nicht meine Meinung; wenn es solche Gerüchte gibt, so habe nicht ich sie verbreitet.“
„Oh, ich sagte es ja auch gar nicht zu Ihnen!“ versetzte ich schnell, aber schon lachte Stebelkoff unverzeihlich, und zwar, wie sich später herausstellte, nur darüber, daß Darsan mich für einen Fürsten Dolgoruki gehalten hatte. Mein verwünschter Name mußte mir auch hier wieder alles verpfuschen! Selbst jetzt erröte ich noch bei dem Gedanken, daß ich damals, natürlich aus Schamgefühl, den dummen Irrtum nicht aufzuklären wagte und ihm nicht sagte, daß ich einfach Dolgoruki hieße. Ich habe das damals zum erstenmal in meinem Leben unterlassen. Darsan sah verwundert bald mich, bald den lachenden Stebelkoff an.
„Ach, richtig! Wer war denn dieses hübsche Mädel, dem ich vorhin auf Ihrer Treppe begegnet bin, schlank, blond?“ fragte er auf einmal den Fürsten.
„Wirklich, ich weiß nicht ... wie soll ich es wissen ...“ Der Fürst war plötzlich rot geworden.
„Wer denn sonst?“ lachte Darsan.
„Übrigens, das ... das könnte ...“ begann der Fürst eigentümlich unsicher und stockend.
„Das ... Tja, das war doch sein Schwesterchen, eben Lisaweta Makarowna!“ sagte plötzlich Stebelkoff, mit dem Finger auf mich weisend. „Ich bin ihr ja vorhin auch begegnet ...“
„Ach, ja, in der Tat!“ fiel ihm der Fürst ins Wort, und sein Gesicht sah plötzlich ernst und streng aus. „Das wird allerdings Lisaweta Makarowna gewesen sein. Sie ist sehr befreundet mit Anna Fjodorowna Stolbejeff, bei der ich hier wohne. Wahrscheinlich hat sie heute Darja Onissimowna besucht, der Anna Fjodorowna für die Zeit ihrer Abwesenheit die ganze Führung des Haushalts anvertraut hat ...“
Und so war es auch. Diese Darja Onissimowna war die Mutter der armen Olä und war von Tatjana Pawlowna schließlich bei der Stolbejeff untergebracht worden. Ich wußte, daß Lisa die Stolbejeff früher besucht hatte und nun auch manchmal bei der armen Darja Onissimowna gewesen war, die wir alle sehr liebgewonnen hatten; aber in diesem unseligen Augenblick, nach dieser übrigens sehr sachlichen Erklärung des Fürsten und diesem dummen Ausfall Stebelkoffs, oder vielleicht auch nur deshalb, weil man mich mit dem Titel „Fürst“ angeredet hatte – oder war es vielleicht alles zusammen –, kurz, ich wurde auf einmal feuerrot. Zum Glück erhob sich gerade Naschtschokin, um aufzubrechen; er reichte auch Darsan die Hand. In dem Augenblick, wo Stebelkoff und ich allein blieben – Darsan stand mit dem Rücken zu uns in der Tür – begann Stebelkoff mir sofort lebhaft zuzuzwinkern und mit dem Kopf auf Darsan zu weisen; ich zeigte Stebelkoff die Faust.
Eine Minute später brach auch Darsan auf, nachdem er mit dem Fürsten noch die Verabredung getroffen hatte, am nächsten Tage an einem bestimmten Ort zusammenzutreffen – natürlich in einem Lokal, wo gespielt wurde. Beim Hinausgehen rief er noch Stebelkoff irgend etwas zu und machte vor mir eine leichte Verbeugung. Kaum war er hinausgegangen, da sprang Stebelkoff auf, blieb mitten im Zimmer stehen und hob den Finger vor sich in die Höhe:
„Dieses Knäblein hat in der vorigen Woche folgenden Streich gespielt: hat einen Wechsel gegeben, einen Wechsel mit gefälschter Unterschrift, hat den Namen Awerianoff selbst geschrieben! Und der Wechsel existiert nun noch in dieser Form und ist noch nicht eingelöst! Kriminalsache! Achttausend Rubel!“
„Und dieser Wechsel ist bestimmt in Ihren Händen!“ Ich sah ihn mit wilder Wut an.
„Ich habe eine Bank, ich habe einen Mont de piété,[40] keinen Wechsel. Haben Sie schon gehört, was das ist, der Mont de piété in Paris? Das Brot und die Vorsehung der Armen! Tja! Wie gesagt, einen Mont de piété ...“
Der Fürst unterbrach ihn grob und zornig:
„Was wollen Sie hier noch? Was hatten Sie hier zu sitzen?“
„Tja ...“ Stebelkoffs Augen blinzelten, „aber das? Geht das denn nicht?“
„Nein, nein, nein!“ schrie ihn der Fürst an und stampfte mit dem Fuß. „Ich habe Ihnen doch gesagt ...!“
„Tja, nun, wenn es so ist ... dann ist es so. Dann ist es eben anders ...“
Er drehte sich hastig um und ging mit plötzlich gesenktem Kopf und krummem Rücken schnell hinaus. Als er schon in der Tür war, rief ihm der Fürst noch zornig nach:
„Und damit Sie es wissen, mein Herr, ich habe nicht die geringste Furcht vor Ihnen!“
Er war sehr gereizt, wollte sich setzen, warf aber einen Blick auf mich und setzte sich nicht. Sein Blick hatte gleichsam auch mir gesagt: „Und auch du, was hast du hier noch zu suchen?“
„Ich, Fürst ...“ wollte ich anfangen, aber er fiel mir ins Wort:
„Ich habe wirklich keine Zeit, Arkadi Makarowitsch, ich muß sogleich ausfahren.“
„Nur einen Augenblick, Fürst, es ist etwas für mich sehr Wichtiges; und vor allem, bitte, nehmen Sie Ihre dreihundert Rubel zurück.“
„Was soll das nun wieder bedeuten?“
Er war auf und ab gegangen, jetzt blieb er stehen.
„Das soll bedeuten, daß ich nach allem, was vorgefallen ist ... und was Sie von Werssiloff gesagt haben – daß er unehrenhaft wäre –, und schließlich Ihr Ton die ganze Zeit heute ... Mit einem Wort, ich kann es wirklich nicht annehmen.“
„Sie haben es aber doch schon einen ganzen Monat annehmen können.“
Er setzte sich plötzlich hin. Ich stand am Tisch und blätterte mit der einen Hand in dem Buch von Bjelinski, in der anderen hielt ich meinen Hut.
„Es waren andere Gefühle, Fürst ... Und schließlich, ich hätte es nie bis zu dieser Summe kommen lassen ... Aber dieses Spiel ... Mit einem Wort, ich kann nicht!“
„Sie haben sich heute einfach durch nichts Besonderes ausgezeichnet, und deshalb sind Sie wütend; ich möchte Sie bitten, das Buch liegen zu lassen.“
„Was heißt das: ‚sich durch nichts Großartiges ausgezeichnet‘? Und dann, Sie haben mich vor Ihren Gästen fast auf eine Stufe mit Stebelkoff gestellt.“
„Ah, das ist also des Rätsels Lösung!“ lächelte er gehässig. „Und außerdem wurden Sie verlegen, weil Darsan Sie für einen Fürsten hielt.“
Er lachte böse. Ich fuhr auf.
„Ich verstehe Sie nicht ... Ihren Fürstentitel würde ich auch umsonst nicht annehmen!“
„Ich kenne Ihren Charakter. Wie lächerlich Sie sich als Verteidiger der Achmakoff aufspielten ... Lassen Sie das Buch liegen!“
„Was soll denn das heißen?“ Auch ich wurde wütend.
„Lassen Sie das Buch liegen!“ brüllte er mich auf einmal an und richtete sich wild in seinem Sessel auf, fast wie im Begriff, sich auf mich zu stürzen.
„Das geht denn doch über alle Grenzen,“ sagte ich und ging schnell aus dem Zimmer. Aber noch hatte ich den Saal nicht ganz durchschritten, als er mich schon von der Tür seines Kabinetts zurückrief:
„Arkadi Makarowitsch, kommen Sie zurück! Kommen Sie zurück! Zu–rück, sage ich! Zum ...!“
Ich achtete nicht darauf und ging weiter. Da holte er mich mit schnellen Schritten ein, ergriff mich am Arm und zog mich zurück ins Kabinett. Ich widersetzte mich nicht.
„Nehmen Sie!“ sagte er, bleich vor Erregung, und hielt mir die dreihundert Rubel hin, die ich auf den Tisch gelegt hatte. „Sie müssen sie nehmen, unbedingt ... sonst sind wir ... Sie müssen! Unbedingt!“
„Fürst, wie kann ich denn?“
„Nun, ich werde Sie um Verzeihung bitten, wollen Sie? Also, verzeihen Sie mir ...!“
„Fürst, ich habe Sie immer geliebt, und wenn Sie mich auch ...“
„Ja, ich auch: nehmen Sie ...“
Ich nahm das Geld. Seine Lippen bebten.
„Ich verstehe ja, Fürst, daß dieser Schuft Sie in Wut versetzt hat ... aber ich nehme es nur dann, Fürst, wenn wir uns küssen, wie nach unseren früheren kleinen Zerwürfnissen ...“
Ich zitterte, als ich das sagte.
„Was für Zärtlichkeiten!“ murmelte der Fürst mit einem verwirrten Lächeln, beugte sich aber herab und küßte mich.
Ich fuhr zusammen: in seinem Gesicht sah ich, während er mich küßte, entschieden einen Ausdruck des Ekels.
„Hat er Ihnen wenigstens Geld gebracht?“ fragte ich.
„Ach, das ist egal.“
„Ich frage nur Ihretwegen, ich ...“
„Ja, ja, er hat mir welches gebracht ...“
„Fürst, wir waren Freunde ... und schließlich, Werssiloff ...“
„Ja, ja, schon gut!“
„Nein, hören Sie, ich weiß wirklich nicht, diese dreihundert ...“
Ich hielt sie in der Hand.
„Nehmen Sie sie, so nehmen Sie sie doch!“ drängte er und lächelte wieder, aber in seinem Lächeln war etwas Böses.
Ich nahm sie.