I.
Ich nahm das Geld, weil ich ihn liebte. Wer mir das nicht glauben will, dem kann ich sagen, daß ich wenigstens in dem Augenblick, als ich dieses Geld von ihm nahm, fest überzeugt war, daß ich mir, wenn ich nur wollte, auch aus einer anderen Quelle und mit Leichtigkeit Geld verschaffen könnte. Und folglich hatte ich das Geld nicht genommen, weil mich die Not dazu zwang, sondern um ihn nicht zu kränken. Ja, leider, so dachte ich damals! Aber ich fühlte mich doch sehr bedrückt, als ich ihn verließ: die außerordentliche Veränderung in seinem Verhalten zu mir an diesem Vormittag hatte mich zu sehr überrascht. Einen solchen Ton hatte er sich mir gegenüber noch nie erlaubt, und sein Verhalten zu Werssiloff war ja schon eine richtige Auflehnung gewesen. Stebelkoff hatte ihn natürlich mit irgend etwas geärgert, aber das hatte ja schon vor Stebelkoffs Erscheinen angefangen. Und wie gesagt, eine Veränderung in seinem Verhalten zu mir war schon die ganzen letzten Tage zu bemerken gewesen, aber doch nicht so, doch nicht in dem Maße – und das war das Auffallende.
Vielleicht hatte ihn auch die dumme Nachricht von diesem Flügeladjutanten Baron Bjoring aufgebracht ... Mich hatte sie ja gleichfalls aufgeregt, aber ... Das war es eben, daß ich damals etwas ganz anderes im Sinn und strahlend vor Augen hatte, weshalb ich so vieles leichtsinnig außeracht ließ: ich beeilte mich förmlich, es außeracht zu lassen, zu übersehen, ich verscheuchte alles Dunkle und wandte mich immer nur diesem einen vor mir Strahlenden zu ...
Es war noch nicht ein Uhr. Vom Fürsten fuhr ich mit meinem Schlitten – wird man es mir glauben, zu wem? – geradeswegs zu Stebelkoff! Dieser Stebelkoff hatte mich vorhin nicht so sehr durch sein Erscheinen beim Fürsten in Erstaunen versetzt (da der Fürst auf das von ihm versprochene Geld gewartet hatte), als dadurch, daß er zwar nach seiner dummen Angewohnheit mir zugeblinzelt, jedoch mit keiner Miene darauf angespielt hatte, was zwischen uns einzig einer Erklärung bedurfte. Ich hatte nämlich am Abend vorher durch die Stadtpost einen Brief von ihm erhalten, der für mich ziemlich rätselhaft war: er bat mich, gerade heute gegen zwei Uhr bei ihm vorzusprechen, er hätte mir „Dinge mitzuteilen, die ich wohl nicht erwartete“. Und nun hatte er beim Fürsten mit keiner Miene angedeutet, daß er von seinem Brief an mich etwas wußte. Was mochten das für Geheimnisse sein, die es zwischen Stebelkoff und mir überhaupt geben konnte? Schon dieser Gedanke an sich war lächerlich; aber nach allem, was sich da zugetragen hatte, war ich nun auf der Fahrt zu ihm sogar ein wenig aufgeregt. Ich hatte mich allerdings schon einmal an ihn gewandt, als ich dringend Geld brauchte – das war vor etwa zwei Wochen gewesen –, und er wollte es mir auch geben, aber es war doch nicht dazu gekommen, und ich selbst hatte auf das Geld verzichtet: er hatte gleich wieder etwas Unverständliches zu schwatzen angefangen, und da war in mir der Verdacht aufgestiegen, daß er mir etwas vorschlagen, mir besondere Bedingungen stellen wollte; da ich ihn aber jedesmal, wenn ich mit ihm beim Fürsten zusammengekommen war, sehr von oben herab behandelt hatte, so hatte ich stolz jeden Gedanken an besondere Bedingungen zurückgewiesen und war fortgegangen, obschon er mir noch bis zur Haustür nachgelaufen war. Das Geld hatte ich mir dann vom Fürsten geborgt.
Stebelkoffs Wohnung lag ganz abgesondert, er lebte völlig für sich und wohnte wie ein wohlhabender Mann: es waren vier schöne Zimmer mit guten Möbeln, dazu hatte er männliche und weibliche Bedienung und noch eine Wirtschafterin, die übrigens eine ziemlich bejahrte Person war. Zornig trat ich bei ihm ein.
„Hören Sie mal, mein Bester,“ begann ich schon in der Tür, „was hat, erstens mal, dieser Brief an mich zu bedeuten? Ich verbitte mir Briefe von Ihnen an meine Adresse. Und warum haben Sie mir nicht vorhin beim Fürsten erklärt, was Sie von mir wollen? Sie konnten doch dort mit mir sprechen!“
„Aber warum haben Sie denn dort gleichfalls geschwiegen und nicht selbst gefragt?“ Ein höchst selbstzufriedenes Lächeln zog seinen Mund in die Breite.
„Weil nicht ich Sie brauche, sondern Sie mich!“ rief ich und war auf einmal wütend.
„Aber warum sind Sie dann zu mir gekommen, wenn es so ist?“ Er hopste fast auf seinem Stuhl vor lauter Vergnügen. Ich drehte mich sofort um und wollte gehen, aber er hielt mich an der Schulter fest.
„Nein, nein, ich hab’ ja nur gescherzt. Die Sache ist wichtig. Sie werden sehen!“
Ich setzte mich. Ich muß gestehen, ich war doch neugierig geworden. Wir saßen an seinem großen Schreibtisch einander gegenüber. Er lächelte verschmitzt und wollte schon wieder seinen Finger in die Höhe heben.
„Bitte, diesmal ohne Ihre Schlauheiten und Fingerturnerei, und vor allen Dingen lassen Sie Ihre Allegorien beiseite und sprechen Sie sachlich, sonst gehe ich sofort!“ rief ich wieder wütend.
„Sie ... sind stolz!“ sagte er mit einem gewissen dummen Vorwurf, indem er sich in seinem Lehnstuhl zu mir vorbeugte und alle seine Falten auf der Stirn in die Höhe zog.
„Anders geht es mit Ihnen nicht.“
„Sie ... haben heute vom Fürsten Geld genommen, dreihundert Rubel; ich habe auch Geld. Mein Geld ist besser.“
„Woher wissen Sie, daß der Fürst mir Geld geliehen hat?“ fragte ich maßlos verwundert, „sollte er es Ihnen wirklich selbst gesagt haben?“
„Er selbst hat es mir gesagt; regen Sie sich nicht auf, es war nur so, nur beiläufig, es entschlüpfte ihm unbedachterweise, da von Geld die Rede war, nicht mit Absicht. Er hat es mir gesagt. Aber Sie hätten es von ihm nicht zu nehmen brauchen. Ist es so oder nicht?“
„Aber Sie erpressen ja, wie ich gehört habe, unmenschliche Prozente.“
„Ich habe einen Mont de piété, ich erpresse nichts. Ich helfe nur Freunden, anderen gebe ich nichts. Für die anderen ist der Mont de piété da ...“
Dieser sein Mont de piété war eine ganz gewöhnliche Pfandleihe, aber nicht auf seinen Namen; sie befand sich auch in einer anderen Wohnung, und das Geschäft blühte.
„Aber Freunden gebe ich große Summen.“
„Wie, ist denn der Fürst auch so ein Freund von Ihnen?“
„Das ... ist er; aber ... er redet Unsinn. Und er darf nicht Unsinn reden.“
„Ist er denn so in Ihren Händen? Schuldet er Ihnen viel?“
„Er ... schuldet mir viel.“
„Er wird Ihnen alles bezahlen; er hat die Erbschaft ...“
„Das – ist nicht seine Erbschaft. Er ist mir Geld schuldig und ist mir noch anderes schuldig. Die Erbschaft langt nicht. Ich gebe Ihnen ohne Prozente.“
„Gleichfalls als Ihrem ‚Freunde‘? Womit habe ich denn das verdient?“ fragte ich auflachend.
„Sie werden es noch verdienen.“
Wieder beugte er sich mit dem ganzen Oberkörper zu mir vor und hob den Finger.
„Stebelkoff! Ohne Finger, sonst gehe ich!“
„Hören Sie ... er könnte doch Anna Andrejewna Werssiloff heiraten!“ Und er kniff sein linkes Auge teuflisch listig zusammen.
„Wissen Sie, Stebelkoff, Ihre Geschichten nehmen einen dermaßen skandalösen Charakter an ... Wie dürfen Sie es wagen, den Namen Anna Andrejewnas überhaupt auszusprechen?“
„Ärgern Sie sich nicht.“
„Es kostet mich wirklich Überwindung, Sie anzuhören, und ich tue es nur, weil ich hier eine Machenschaft wittere und wissen will ... Aber mir kann auch die Geduld reißen, Stebelkoff!“
„Ärgern Sie sich nicht, und seien Sie nicht so stolz. Haben Sie nur ein wenig Geduld, und hören Sie mich an. Dann können Sie wieder stolz sein. Das mit Anna Andrejewna wissen Sie doch? Daß der Fürst sie heiraten könnte ... das wissen Sie doch?“
„Ich habe natürlich davon gehört und weiß alles; aber ich habe mit dem Fürsten niemals darüber gesprochen. Ich weiß nur, daß diese Idee vom alten Fürsten Ssokolski stammt, der jetzt krank ist; aber ich habe niemals darüber gesprochen und habe damit auch nichts zu schaffen. Ich sage Ihnen das alles einzig zur Erklärung der Sachlage ... Und nun gestatten Sie die Frage, erstens: wozu Sie denn eigentlich davon mit mir zu sprechen angefangen haben? Und zweitens: hat denn der Fürst wirklich mit Ihnen über diese Dinge gesprochen?“
„Nicht er mit mir; er will mit mir nicht darüber sprechen, aber ich spreche mit ihm, und er will mich bloß nicht anhören. Vorhin bei ihm, da schrie er mich ja deshalb an.“
„Das fehlte noch, daß er es nicht getan hätte! Ich kann ihm nur zustimmen.“
„Der Alte, der alte Fürst Ssokolski, wird Anna Andrejewna eine große Mitgift geben; sie hat’s verstanden, ihm zu gefallen. Dann wird mir der Bräutigam, der junge Fürst Ssokolski, mein ganzes Geld wiedergeben. Wird mir auch die andere Schuld, außer der Geldschuld, wiedergeben. Das wird er sicher! Jetzt aber hat er nichts, wovon er es mir zurückzahlen könnte.“
„Aber was soll ich denn, wozu brauchen Sie denn mich dabei?“
„Zu der Hauptsache! Sie sind bekannt, Sie sind dort überall bekannt. Sie können alles erfahren.“
„Zum Teufel ... was erfahren?“
„Ob der Fürst will, ob Anna Andrejewna will, ob der alte Fürst will! Das müßten Sie alles genau erfahren.“
„Und Sie unterstehen sich, mir vorzuschlagen, Ihr Spion zu sein, und das – für Geld!“ Empört sprang ich auf.
„Seien Sie nicht so stolz, seien Sie nicht so stolz! Warten Sie nur noch ein wenig mit dem Stolzsein, nur noch fünf Minuten!“
Er zwang mich wieder zum Sitzen. Meiner Empörung und meinen Ausrufen maß er offenbar nicht die geringste Bedeutung bei; aber ich beschloß, ihn zu Ende anzuhören.
„Ich muß es bald erfahren, so bald als möglich, und muß es genau wissen; denn ... denn vielleicht wird es bald zu spät sein. Haben Sie nicht bemerkt, wie unangenehm ihm die Neuigkeit war, die der Offizier von dem Baron und der verwitweten Achmakoff, der Katerina Nikolajewna, erzählte?“
Entschieden erniedrigte ich mich dadurch, daß ich ihn anhörte, aber meine Neugier war so groß, daß ich mich nicht loszureißen vermochte.
„Hören Sie ... Sie nichtsnutziger Mensch!“ sagte ich entschlossen. „Wenn ich noch hier sitze und Sie anhöre und Sie sogar von diesen mir nahestehenden Menschen sprechen lasse ... und Ihnen sogar noch antworte, so geschieht das keineswegs deshalb, weil ich Ihnen etwa das Recht dazu zugestehe. Ich sehe einfach, daß es sich hier um eine Gemeinheit handelt ... Und dann, was für Hoffnungen kann der Fürst auf Katerina Nikolajewna haben?“
„Gar keine, aber er ärgert sich.“
„Das ist nicht wahr!“
„Er ärgert sich. Er hat da schon verspielt, hat ein Paroli verloren. Jetzt ist ihm nur noch Anna Andrejewna geblieben. Ich gebe Ihnen zweitausend Rubel ... ohne Wechsel und ohne Zinsen.“
Nachdem er das gesagt hatte, lehnte er sich entschlossen und wichtig zurück und sah mich mit aufgerissenen Augen an. Ich riß auch meine Augen auf und sah ihn an.
„Sie tragen Anzüge von einem Schneider aus der Großen Millionnajastraße; Geld braucht man, Geld, und mein Geld ist besser als seines. Ich gebe Ihnen mehr als zweitausend ...“
„Aber wofür? Wofür denn, zum Teufel?“
Ich stampfte mit dem Fuß auf. Er beugte sich wieder vor zu mir und sagte mit besonderer Betonung:
„Damit Sie nicht stören.“
„Ich kümmere mich sowieso nicht darum,“ rief ich.
„Ich weiß, daß Sie schweigen; das ist gut.“
„Ihr Gutheißen können Sie für sich behalten, ich brauche es nicht. Ich würde diese Verbindung selbst sehr wünschen, aber ich halte das nicht für meine Sache, und mich da hineinzumischen, wäre nicht anständig.“
„Sehen Sie, sehen Sie, tja, das ist es ja: nicht anständig!“ Er erhob den Finger zum Zeichen der Bedeutsamkeit des Wortes.
„Was – sehen Sie? Was soll ich da sehen?“
„Tja, das wäre unanständig ... Hehe!“ Er begann zu lachen. „Ich verstehe, verstehe, das wäre von Ihnen unanständig, aber ... werden Sie auch nicht stören?“ Er zwinkerte mir wieder zu.
Aber in diesem Zuzwinkern lag etwas so maßlos Freches, sogar Spöttisches, Niedriges! Es war, als hätte er in mir irgendeine Niedrigkeit vorausgesetzt und auf eben diese Niedrigkeit gerechnet ... Das war klar; aber ich konnte auf keine Weise erraten, um was es sich dabei handelte.
„Anna Andrejewna ist – doch auch Ihre Schwester,“ sagte er schließlich eindringlich.
„Ich verbiete Ihnen, davon zu sprechen! Und überhaupt dürfen Sie es nicht wagen, Anna Andrejewna zu nennen!“
„Tun Sie nicht so stolz, gedulden Sie sich noch eine Minute! Also hören Sie: er wird das Geld bekommen und alle sicherstellen,“ sagte er mit besonderer Betonung. „Sie folgen? Ich sage: alle – verstehen Sie? – alle!“
„So glauben Sie, ich würde dann Geld von ihm nehmen?“
„Jetzt nehmen Sie es doch?“
„Ich nehme mein eigenes.“
„Wieso Ihr eigenes?“
„Dieses Geld ... gehört Werssiloff; er schuldet Werssiloff zwanzigtausend.“
„So doch nur Werssiloff und nicht Ihnen.“
„Werssiloff ist mein Vater.“
„Nein, Sie heißen Dolgoruki und nicht Werssiloff.“
„Das bleibt sich gleich!“ – So glaubte ich damals die Sache wirklich noch erklären und rechtfertigen zu können! Ich wußte, daß es sich nicht gleichblieb; denn so dumm war ich schließlich doch nicht, aber ich dachte wiederum aus „Taktgefühl“ so.
„Genug!“ rief ich. „Ich werde aus Ihrem Gefasel überhaupt nicht klug. Und wie haben Sie mich wegen solchen leeren Geschwätzes noch extra herzubitten gewagt?“
„Ja, wie ... verstehen Sie denn wirklich nicht? Sie ..., verstellen Sie sich bloß, oder?“ fragte Stebelkoff langsam und sah mich durchdringend mit einem seltsam ungläubigen Lächeln an.
„Bei Gott, ich verstehe kein Wort!“
„Ich sage Ihnen: er wird alle sicherstellen, alle, wenn Sie nur nicht dazwischenfahren und ihm abraten ...“
„Sie müssen wahrhaftig übergeschnappt sein! Was reiten Sie denn ewig auf diesen ‚allen‘ herum? Meinen Sie etwa Werssiloff, daß er den sicherstellen soll?“
„Sie sind nicht der einzige, und Werssiloff ist nicht der einzige ... da sind auch noch andere. Und Anna Andrejewna ist ebenso Ihre Schwester wie ... Lisaweta Makarowna!“
Ich sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Auf einmal sah ich in seinem widerlichen Blick einen Ausdruck wie von Mitleid mit mir:
„Sie verstehen also nicht, so ist es auch besser! Das ist gut, sehr gut, daß Sie nicht verstehen. Das ist lobenswert ... wenn Sie wirklich nicht verstehen.“
Jetzt wurde ich aber wütend.
„Hol’ Sie der Teufel mit Ihrem Gefasel, Sie übergeschnappter Mensch!“ fuhr ich auf und griff nach meinem Hut.
„Das ist kein Gefasel! Wie ist’s? Wissen Sie, Sie werden wiederkommen.“
„Nein,“ schnitt ich ab, schon in der Tür.
„Sie werden kommen, und dann – dann gibt es eine andere Unterredung. Dann kommt die Hauptunterredung. Zweitausend, vergessen Sie das nicht!“
II.
Er hatte einen so schmutzigen und verworrenen Eindruck auf mich gemacht, daß ich, als ich aus seiner Wohnung trat, mir sogar Mühe gab, nicht mehr an ihn zu denken und einfach ausspie. Der Gedanke, daß der Fürst mit ihm von mir und von diesem Gelde hatte sprechen können, stach mich plötzlich wie eine Nadel. „Ich werde gewinnen und es ihm heute noch zurückgeben,“ sagte ich mir entschlossen.
Aber so dumm Stebelkoff und so verworren seine Rede auch war, ich hatte in ihm doch den ausgesprochen gemeinen Menschen in seinem ganzen Glanze erkannt und sofort erraten, daß er, was die Hauptsache war, an einer Intrige spann. Nur hatte ich damals keine Zeit, gleichviel welchen Intrigen nachzuspüren, und das war auch der Hauptgrund meiner damaligen unglaublichen Blindheit! Unruhig sah ich auf meine Uhr, aber es war noch nicht zwei; also konnte ich noch einen Besuch machen; denn sonst wäre ich bis drei Uhr vor Aufregung umgekommen. So fuhr ich denn zu Anna Andrejewna Werssiloff, meiner Halbschwester. Mit ihr war ich schon längst gut bekannt geworden, und zwar bei meinem alten Fürsten während seines Krankseins. Ich hatte ihn nun schon drei oder vier Tage nicht gesehen, und das quälte ein wenig mein Gewissen; aber eben Anna Andrejewna hatte mich bei ihm vertreten: der alte Fürst hing schon sehr an ihr, ja, seine Zuneigung zu ihr war so groß, daß er sie mir gegenüber sogar seinen Schutzengel genannt hatte. Übrigens ging der Plan, sie mit dem jungen Fürsten Ssergei Petrowitsch Ssokolski zu verheiraten, tatsächlich von meinem lieben alten Herrn aus, und er hatte ihn mir schon mehr als einmal mitgeteilt, natürlich immer als Geheimnis. Gelegentlich hatte ich das auch Werssiloff erzählt, da es mir nicht entgangen war, daß ihn von allen die nächste Gegenwart betreffenden Dingen, gegen die er so gleichgültig war, nur das eigentümlich zu interessieren schien, was ich ihm von meinen Begegnungen mit Anna Andrejewna mitteilte. Als Antwort hatte Werssiloff damals nur kurz und wie beiläufig so was gemurmelt, daß Anna Andrejewna doch zu klug sei, um in einer so delikaten Sache des Rates anderer zu bedürfen. Selbstverständlich hatte Stebelkoff recht, wenn er annahm, daß der alte Fürst ihr, wenn sie heiratete, eine Mitgift geben würde, aber wie durfte er es wagen, auf ihre Mitgift zu rechnen? Fürst Sserjosha hatte ihm vorhin nachgerufen, er fürchte sich nicht vor ihm: sollte ihm Stebelkoff im Nebenzimmer da nicht wirklich von Anna Andrejewna gesprochen haben? Da konnte ich mir denken, daß auch ich an seiner Stelle empört gewesen wäre.
Anna Andrejewna hatte ich in der letzten Zeit sogar ziemlich oft besucht. Aber jedesmal war mir dabei etwas Merkwürdiges aufgefallen: sie hatte immer selbst bestimmt, wann ich zu ihr kommen sollte, und selbstverständlich erwartete sie mich, aber wenn ich dann erschien, tat sie immer ganz überrascht, als wäre ich ganz unerwartet gekommen; dieser Zug an ihr war mir zwar als sonderbar aufgefallen, aber ich war ihr dennoch zugetan. Sie lebte bei der alten Frau Fanariotoff, ihrer Großmutter, natürlich als deren Pflegetochter (Werssiloff kümmerte sich ja nicht um seine Kinder und sorgte auch nicht für ihren Unterhalt), aber sie spielte im Hause ihrer Pflegemutter keineswegs die Rolle, in der sonst mittellose Pflegetöchter im Hause vornehmer Damen geschildert werden, wie zum Beispiel in Puschkins „Piquedame“ die arme Pflegetochter der tyrannischen alten Gräfin. Anna Andrejewna erinnerte eher selbst an diese alte Gräfin. Sie lebte in diesem Hause ganz für sich, freilich im selben Stockwerk und in derselben Wohnung wie die Fanariotoffs, aber doch in zwei ganz abgesonderten Zimmern, so daß ich zum Beispiel beim Kommen und Gehen noch nie einem von den Fanariotoffs begegnet war. Sie konnte bei sich empfangen, wen sie wollte und ihre Zeit ganz nach eigenem Belieben verbringen. Allerdings war sie ja auch schon dreiundzwanzig. Im letzten Jahr hatte sie in der Gesellschaft so gut wie nichts mehr mitgemacht, obschon ihre Großmutter mit Ausgaben für sie gar nicht geizte, da sie, wie ich schon damals gehört hatte, ihre Enkelin sehr liebte. Mir aber hatte gerade das an Anna Andrejewna von Anfang an gefallen, daß ich sie immer in so schlichten Kleidern sah und immer bei einer Beschäftigung antraf, sei es mit einem Buch oder mit einer Handarbeit. Ihr Äußeres hatte etwas Klösterliches, fast Nonnenhaftes, und auch das gefiel mir. Sie war nicht sehr gesprächig, aber was sie sprach, hatte immer eine gewisse Bedeutung, und sie verstand vorzüglich, anderen zuzuhören, was ich niemals verstanden habe. Wenn ich ihr sagte, daß sie mich sehr an Werssiloff erinnerte, obgleich sie keinen einzigen gemeinsamen Zug hatten, wurde sie immer ein wenig rot. Sie errötete überhaupt oft und immer sehr schnell, aber es war meist nur ein ganz leises Erröten, und diese Eigentümlichkeit ihres Gesichts war mir bald sehr lieb geworden. Wenn ich mit ihr sprach, nannte ich Werssiloff nie mit dem Familiennamen, sondern stets „Andrei Petrowitsch“, und das war ganz von selbst so gekommen. Ich hatte es sogar sehr gut gemerkt, daß man sich bei den Fanariotoffs Werssiloffs etwas zu schämen schien; übrigens hatte ich das einzig aus Anna Andrejewnas Verhalten geschlossen, und eigentlich weiß ich auch nicht, ob man das mit dem Wort „sich schämen“ ausdrücken kann; aber etwas Ähnliches mochte es immerhin sein. Ich hatte bei ihr manchmal auch vom Fürsten Ssergei Petrowitsch zu sprechen angefangen, und sie hatte mir immer sehr aufmerksam zugehört, ja, wie mir schien, hatten diese Mitteilungen sie sogar sehr interessiert; aber es war immer irgendwie ganz von selbst so gekommen, daß ich sie aus eigenem Antriebe erzählte, ohne von ihr aufgefordert zu werden. Sie fragte einen nie aus. Von der Möglichkeit einer Heirat zwischen ihnen hatte ich niemals zu sprechen gewagt, obschon ich es oftmals gewollt hatte, denn zum Teil gefiel mir dieses Projekt sogar ganz gut. Aber in ihrem Zimmer wagte ich von sehr vielem nicht mehr zu sprechen, und doch fühlte ich mich sehr wohl in ihrem Zimmer. Unter anderem gefiel mir an ihr auch sehr, daß sie so gebildet war und viel gelesen hatte, sogar wissenschaftliche Bücher; sie hatte viel mehr gelesen als ich.
Das erstemal hatte sie selbst mich aufgefordert, sie zu besuchen. Auch damals schon begriff ich, daß sie vielleicht darauf rechnete, manches durch mich zu erfahren. Oh, damals konnten viele vieles durch mich erfahren, und sie verstanden es großartig, mich auszuhorchen! „Aber was tut das,“ dachte ich, „schließlich empfängt sie mich bei sich doch nicht nur deshalb.“ Mit einem Wort, es freute mich noch, daß ich ihr nützlich sein konnte, und ... und wenn ich bei ihr war, hatte ich immer die Empfindung, daß es meine Schwester war, die hier neben mir saß, obgleich ich mit ihr noch kein einziges Mal über unsere Verwandtschaft gesprochen hatte – mit keinem Wort, nicht einmal mit einer Andeutung war zwischen uns davon die Rede gewesen, ganz als hätte eine solche Verwandtschaft überhaupt nicht bestanden. Wenn ich bei ihr saß, erschien es mir einfach undenkbar, davon zu sprechen, und wirklich, wenn ich sie so ansah, kam mir manchmal sogar der unsinnige Gedanke in den Kopf: daß sie von unserer Verwandtschaft vielleicht überhaupt nichts wußte; – denn so war ihre Haltung mir gegenüber.
III.
Ich trat in ihr Zimmer und traf Lisa bei ihr an. Das überraschte mich so, daß ich ganz betroffen war. Ich wußte, daß sie sich früher schon gesehen hatten, und das war bei jenem bewußten „Säugling“ geschehen. Von diesem phantastischen Einfall der stolzen und schamhaften Anna Andrejewna, dieses Kind des jungen Fürsten Ssokolski und der Lydia Achmakoff sehen zu wollen, und ihrer Begegnung dort mit Lisa werde ich vielleicht später bei Gelegenheit erzählen; aber ich hatte doch nicht erwartet, daß Anna Andrejewna jemals Lisa zu sich einladen würde. Das überraschte mich angenehm. Natürlich ließ ich mir nichts anmerken, begrüßte Anna Andrejewna, drückte Lisa heiß die Hand und setzte mich neben sie hin. Sie waren mit einer ernsten Sache beschäftigt: auf dem Tisch und auf ihren Knien lag ein teures Gesellschaftskleid Anna Andrejewnas, das leider schon alt war, das heißt, ein Kleid, das sie schon dreimal angehabt hatte, und das sie nun irgendwie ändern wollte. Lisa aber war eine große „Meisterin“ in solchen Sachen und hatte viel Geschmack, und so fand denn jetzt eine feierliche Beratung der „klugen Frauen“ statt. Mir fiel Werssiloff ein, und ich mußte lachen; aber ich war ja auch so schon in strahlender Stimmung.
„Sie sind heute recht lustig, das ist sehr angenehm,“ sagte Anna Andrejewna, und wie gewöhnlich sprach sie jedes Wort gedehnt und vornehm aus. Sie hatte eine tiefe, wohltönende Altstimme, sprach immer ruhig und nicht laut und hielt dann gewöhnlich ihre langen Wimpern gesenkt, während ein kaum merkliches Lächeln über ihr bleiches Antlitz huschte.
„Lisa weiß, wie unangenehm ich sein kann, wenn ich nicht lustig bin,“ erwiderte ich heiter.
„Vielleicht weiß auch Anna Andrejewna etwas davon,“ neckte Lisa schelmisch. Die Liebe! Wenn ich auch nur geahnt hätte, was damals in ihrer Seele vorging!
„Was tun Sie jetzt?“ fragte mich Anna Andrejewna. (Ich muß bemerken, daß sie selbst mich gebeten hatte, sie an diesem Tage zu besuchen.)
„Ich sitze jetzt hier und frage mich: Warum ist es mir immer angenehmer, Sie bei einem Buch anzutreffen als bei einer Handarbeit? Nein, wirklich, so eine Handarbeit paßt nicht zu Ihnen. In der Beziehung stimme ich ganz mit Andrei Petrowitsch überein.“
„Haben Sie sich noch immer nicht entschlossen, die Universität zu besuchen?“
„Ich bin Ihnen zu dankbar, daß Sie unsere Gespräche nicht vergessen: das beweist mir, daß Sie mitunter auch an mich denken, aber ... wegen der Universität habe ich noch keinen Vorsatz gefaßt, und außerdem habe ich meine besonderen Absichten.“
„Das heißt: er hat ein besonderes Geheimnis,“ bemerkte Lisa.
„Laß die Scherze, Lisa. Ein kluger Mensch hat mir vor ein paar Tagen gesagt, daß wir in unserer ganzen progressiven Bewegung der letzten zwanzig Jahre vor allem bewiesen hätten, daß wir schauerlich ungebildet sind. Das war natürlich auch von unseren Studierten gesagt.“
„Ach, das ist bestimmt ein Ausspruch von Papa. Du zitierst furchtbar oft seine Aussprüche,“ bemerkte Lisa.
„Lisa, du sagst das wirklich so, als trautest du mir überhaupt keinen eigenen Verstand zu!“
„In unserer heutigen Zeit kann es nur von Nutzen sein, wenn man auf die Worte kluger Menschen achtet und sie behält,“ trat Anna Andrejewna ein wenig für mich ein.
„Sehr richtig, Anna Andrejewna,“ stimmte ich ihr eifrig bei. „Wer über die gegenwärtige Phase Rußlands nicht nachdenkt, ist kein Staatsbürger! Ich betrachte Rußland vielleicht von einem sonderbaren Standpunkte aus: Wir haben das Tatarenjoch ertragen und dann die zweihundertjährige Sklaverei der Leibeigenschaft, und das, versteht sich, nur deshalb, weil das eine wie das andere nach unserem Geschmack war. Jetzt ist uns die Freiheit gegeben, und wir müssen die Freiheit ertragen: werden wir auch das verstehen? Wird es sich erweisen, daß auch die Freiheit zu ertragen, nach unserem Geschmack ist? Das ist die Frage!“
Lisa warf einen schnellen Blick auf Anna Andrejewna, und die schlug sogleich die Augen nieder und begann neben sich irgend etwas zu suchen; ich sah, daß Lisa sich krampfhaft zusammennahm, aber auf einmal trafen sich doch unsere Blicke, und da brach sie plötzlich in Lachen aus; ich fuhr auf:
„Lisa, du bist wirklich unbegreiflich!“
„Verzeih mir!“ sagte sie hastig und war schon wieder ernst, ja, fast sogar traurig. „Weiß Gott, was ich heute im Kopf habe ...“
Und es war, als zitterten Tränen in ihrer Stimme. Da schämte ich mich auf einmal: ich nahm ihre Hand und küßte sie von Herzen.
„Sie sind sehr gut,“ bemerkte Anna Andrejewna weich, als sie sah, daß ich Lisa die Hand küßte.
„Am meisten freut es mich, Lisa, daß ich dich heute fröhlich angetroffen habe,“ sagte ich. „Werden Sie es mir glauben, Anna Andrejewna: in den letzten Tagen ist sie mir immer mit einem so sonderbaren Blick begegnet, und in dem Blick schien immer so eine Frage zu liegen, wie ungefähr: ‚Hast du nicht irgend etwas erfahren? Ist alles noch gut abgegangen?‘ Wirklich, es war so etwas mit ihr.“
Anna Andrejewna hob langsam den Blick und sah sie scharf an, Lisa senkte den Kopf. Ich sah übrigens sehr gut, daß sie viel besser und näher miteinander bekannt waren, als ich bei meinem Eintritt vorhin vermutet hatte; dieser Gedanke war mir angenehm.
„Sie sagten soeben, ich sei gut; Sie glauben nicht, wie sehr ich mich bei Ihnen zum Besseren verändere, und wie angenehm es mir ist, bei Ihnen zu sein, Anna Andrejewna,“ sagte ich mit aufrichtigem Gefühl.
„Es freut mich sehr, daß Sie gerade jetzt so sprechen,“ entgegnete sie mir bedeutungsvoll. Ich muß bemerken, daß sie mit mir niemals von meinem Verschwenderleben und von dem Pfuhl, in den ich geraten war, gesprochen hatte, obgleich sie, wie ich wußte, nicht nur über alles schon unterrichtet war, sondern sogar noch selbst bei anderen sich unter der Hand nach allem erkundigt hatte. So war denn diese Entgegnung jetzt eine erste Andeutung ihrerseits, und – mein Herz wandte sich ihr noch mehr zu.
„Was macht unser Kranker?“ fragte ich.
„Oh, er fühlt sich viel besser: er geht schon herum, und gestern und heute ist er spazieren gefahren. Sind Sie denn heute noch nicht bei ihm gewesen? Er erwartet Sie sehr.“
„Ja, ich fühle mich schuldig, aber Sie ersetzen mich ja vollständig bei ihm; er ist mir untreu geworden und hat mich gegen Sie eingetauscht.“
Sie machte ein sehr ernstes Gesicht, – mein Scherz war auch wirklich recht trivial.
„Ich war heute beim Fürsten Ssergei Petrowitsch,“ stotterte ich, „und ich ... apropos, Lisa, du warst doch vorhin bei Darja Onissimowna?“
„Ja, ich war dort,“ sagte sie auffallend kurz und ohne den Kopf zu erheben. „Aber du gehst doch, denke ich, jeden Tag zum kranken Fürsten?“ fragte sie ganz unvermittelt und hastig, vielleicht nur, um etwas zu sagen.
„Ja, ich gehe allerdings zu ihm, nur komme ich nicht bei ihm an,“ versetzte ich lachend. „Ich trete ins Haus und biege nach links ab.“
„Der Fürst hat auch schon bemerkt, daß Sie sehr oft bei Katerina Nikolajewna vorsprechen. Er sprach noch gestern darüber und lachte,“ sagte Anna Andrejewna.
„Worüber? Worüber hat er gelacht?“
„Er scherzte nur wie gewöhnlich, Sie kennen ihn doch. Er sagte, im Gegenteil, daß eine junge und schöne Frau in einem jungen Mann von Ihrem Alter immer nur die Empfindung des Unwillens und Zornes hervorrufe ...“ Anna Andrejewna begann selbst zu lachen.
„Wirklich ... Nein, wissen Sie, diese Bemerkung ist sogar erstaunlich richtig!“ rief ich aus. „Bestimmt hat das nicht er gesagt, sondern Sie haben es ihm gesagt!“
„Wieso? Nein, das hat er gesagt.“
„Nun, aber wie, wenn diese schöne Frau dem jungen Mann ihre Aufmerksamkeit zuwendet, obwohl er noch gar nichts bedeutet, in der Ecke steht und sich ärgert, weil er noch kein ‚Erwachsener‘ ist, und sie ihn auf einmal der ganzen Schar der sie umgebenden Bewunderer vorzieht – was dann?“ fragte ich plötzlich herausfordernd und mit der kühnsten Miene.
Mein Herz begann zu klopfen.
„Dann wird es um dich auch auf der Stelle geschehen sein,“ sagte Lisa lachend.
„Um mich geschehen sein?“ rief ich. „Nein, um mich nicht. Ich glaube, das ist nicht richtig. Wenn eine Frau sich mir in den Weg stellt, so muß sie mir folgen. Mir stellt man sich nicht ungestraft in den Weg ...“
Lisa hat mir später gesagt, als wir einmal, lange nachher, auf diese Unterhaltung zu sprechen kamen, daß ich diesen Satz damals sehr sonderbar hervorgebracht hätte, sehr ernst und wie plötzlich in Gedanken versunken, dabei aber „so komisch, daß es ganz unmöglich war, ernst zu bleiben“. In der Tat fing auch Anna Andrejewna wieder zu lachen an.
„Lachen Sie nur, lachen Sie nur über mich!“ rief ich wie berauscht; denn dieses ganze Gespräch und die Richtung, in der es sich bewegte, gefielen mir ungemein. „Wenn Sie es tun, ist es für mich nur ein Vergnügen. Ich liebe Ihr Lachen, Anna Andrejewna! Sie haben einen eigenen Zug: Sie sind ernst, und plötzlich lachen Sie, so plötzlich, daß man es noch einen Augenblick vorher aus Ihrem Gesicht nicht erraten kann. Ich habe in Moskau eine Dame gekannt, nur dem Ansehen nach – ich beobachtete sie unbemerkt: sie war fast ebenso schön wie Sie, aber sie hatte nicht dieses Lachen, und dieses Gesicht, das sonst ebenso reizvoll war, hatte deshalb gar nichts Anziehendes; Ihr Gesicht dagegen ist ungeheuer anziehend ... eben durch diese Eigenschaft ... Das habe ich Ihnen schon lange einmal sagen wollen.“
Was ich da von der Dame, die „fast ebenso schön war wie sie“, gesagt hatte, war nur ein schlauer Schachzug von mir gewesen: ich tat bewußt ganz unbefangen, als wäre es eine unbeabsichtigte Bemerkung aus naheliegenden Gründen; denn ich wußte, daß ein unbedacht entschlüpftes Kompliment von einer Frau höher geschätzt wird als jede noch so fein gedrechselte Schmeichelei. Und wie sehr Anna Andrejewna auch errötete, ich wußte doch, daß meine Bemerkung ihr angenehm war. Die Moskauer Dame aber hatte ich mir einfach ausgedacht, nur um Anna Andrejewna unauffällig etwas Angenehmes sagen zu können und ihr eine Freude zu machen.
„Man könnte wirklich glauben,“ sagte sie mit einem gewinnenden Lächeln, „daß Sie sich in den letzten Tagen unter dem Einfluß irgendeiner schönen Frau befunden haben.“
Mir war, als flöge ich irgendwohin ... Ich hatte sogar Lust, ihnen etwas zu verraten ... aber ich bezwang mich.
„Und doch ist es noch gar nicht lange her, daß Sie sich über Katerina Nikolajewna sogar sehr feindlich äußerten.“
„Wenn ich mich tatsächlich irgendwie schlecht über sie geäußert habe,“ sagte ich mit blitzenden Augen, „so war daran die ungeheuerliche Verleumdung schuld, daß sie Andrei Petrowitschs Feindin sei; und außer dieser noch die andere Verleumdung gegen ihn, daß er sie geliebt und ihr einen Heiratsantrag gemacht habe, und ähnlicher Unsinn. Diese Behauptung ist ebenso ungeheuerlich, wie die andere Verleumdung gegen sie, daß sie noch zu Lebzeiten ihres Mannes dem jungen Fürsten Ssergei Petrowitsch das Versprechen gegeben habe, ihn zu heiraten, wenn sie Witwe werde, und nun sagt man, sie habe ihr Wort nicht gehalten. Ich weiß aber aus erster Hand, daß alles dies nicht wahr ist, und das Ganze nur ein Scherz gewesen ist. Ich weiß das aus erster Hand. Sie hat dort einmal im Auslande, in einem übermütigen Augenblick, zum Fürsten allerdings gesagt – natürlich nur im Scherz: ‚Vielleicht in der Zukunft‘; aber das konnte doch nichts anderes sein als nur ein leichtfertiges Wort! Ich weiß genau, daß der Fürst einem solchen Versprechen nicht die geringste Bedeutung beilegen konnte, und er hat auch gar nicht die Absicht gehabt,“ fügte ich schnell hinzu, da mir plötzlich etwas eingefallen war. „Er hat, glaube ich, ganz andere Absichten,“ flocht ich noch schlau ein. „Vorhin erzählte Naschtschokin bei ihm, daß Katerina Nikolajewna den Baron Bjoring heiraten werde: glauben Sie mir, er hat bei dieser Neuigkeit die beste Haltung bewahrt, dessen kann ich Sie versichern.“
„Naschtschokin war bei ihm?“ fragte plötzlich Anna Andrejewna gespannt und augenscheinlich etwas verwundert.
„Ja, versteht sich; ich glaube, das ist einer von den anständigen ...“
„Und Naschtschokin hat mit ihm von dieser Heirat mit Bjoring gesprochen?“ fragte Anna Andrejewna auf einmal sehr interessiert.
„Nicht von der Heirat, aber so, nur von der Möglichkeit, von dem Gerücht; er sagte, in der Gesellschaft spräche man davon. Was mich betrifft, so bin ich überzeugt, daß es eine unsinnige Erfindung ist.“
Anna Andrejewna dachte nach und beugte sich über ihre Näharbeit.
„Ich habe den Fürsten Ssergei Petrowitsch sehr gern,“ fuhr ich voll Eifer fort. „Er hat ja natürlich seine Fehler, das läßt sich nicht bestreiten, und ich habe mit Ihnen darüber schon gesprochen; eben eine gewisse Einseitigkeit ... aber auch seine Fehler bezeugen nur seine anständige Gesinnung, das ist sicher. Heute zum Beispiel hätten wir uns wegen einer Meinungsverschiedenheit beinahe entzweit: er ist der Ansicht, daß einer, der von Anstand spricht, selbst anständig sein müsse, sonst wäre alles, was er sagt, Lüge. Nun, sagen Sie doch selbst, ist denn das logisch? Und dabei beweist das doch nur, was für hohe Anforderungen er im Herzen an das Ehr- und Pflichtgefühl jedes Menschen stellt, und an das Gerechtigkeitsgefühl, ist es nicht so ...? Ach, Herrgott, wieviel Uhr ist es denn?“ fuhr ich plötzlich auf, da mein Blick zufällig auf die Kaminuhr gefallen war.
„Zehn Minuten vor drei,“ sagte Anna Andrejewna ruhig nach einem Blick auf die Uhr. Während ich vom Fürsten gesprochen hatte, war sie ganz still gewesen und hatte mir mit gesenktem Blick und einem verschmitzten, doch lieben Lächeln zugehört: sie wußte, warum ich ihn so lobte. Lisa hatte den Kopf über ihre Arbeit gebeugt und sich nicht mehr in die Unterhaltung gemischt.
Ich sprang auf, als hätte ich mich verbrannt.
„Sie haben sich verspätet?“
„Ja ... nein ... übrigens ja, aber ich gehe gleich. Nur noch ein Wort, Anna Andrejewna,“ begann ich erregt, „ich kann nicht anders, ich muß es Ihnen heute sagen! Ich muß Ihnen gestehen, daß ich schon mehrmals Ihre Güte gesegnet habe und das Zartgefühl, mit dem Sie mich zu sich eingeladen haben ... Auf mich ist der Verkehr mit Ihnen von größtem Einfluß gewesen ... In Ihrem Zimmer werde ich gewissermaßen seelisch reiner, und ich verlasse Sie als ein besserer Mensch, als ich sonst bin ... Glauben Sie mir. Wenn ich bei Ihnen sitze, kann ich von Schlechtem nicht nur nicht sprechen, sondern kann nicht einmal schlechte Gedanken haben; sie verschwinden in Ihrer Gegenwart, und wenn mir hier zufällig etwas Häßliches einfällt, so schäme ich mich gleich, fühle mich befangen und erröte im Herzen. Und wissen Sie, es war mir ganz besonders angenehm, heute meine Schwester bei Ihnen anzutreffen ... das spricht von soviel herzlichem Entgegenkommen Ihrerseits ... und von einem so schönen Verhältnis ... Mit einem Wort, sie beweisen dadurch, wenn Sie mir schon das Eis zu brechen erlauben, so viel Geschwisterliebe, daß ich ...“
Während ich sprach, hatte sie sich von ihrem Platz erhoben und war immer mehr errötet; plötzlich aber schien sie zu erschrecken – gleichsam vor einer Grenze, die sie nicht überschreiten wollte, zurückzuschrecken – und sie unterbrach mich hastig:
„Glauben Sie mir, ich weiß Ihre Gefühle von ganzem Herzen zu schätzen ... Ich habe Sie auch ohne Worte verstanden ... Und ich habe schon lange ...“
Sie stockte verwirrt und drückte mir die Hand. Plötzlich zupfte mich Lisa heimlich am Ärmel. Ich verabschiedete mich und ging hinaus, aber schon im anderen Zimmer holte Lisa mich ein.
IV.
„Lisa, warum hast du mich am Ärmel gezupft?“ fragte ich.
„Sie ist schlecht, sie ist schlau, sie ist es nicht wert ... Sie stellt sich mit dir nur so, um dich auszuhorchen,“ flüsterte sie mir schnell und haßerfüllt zu. Ich hatte ihr Gesicht noch nie so gesehen.
„Lisa, ich bitte dich, wie kommst du darauf? Sie ist ein so prächtiges Mädchen!“
„Nun, dann bin ich die Schlechte.“
„Lisa, was hast du nur?“
„Ich bin sehr schlecht. Sie ist vielleicht der beste Mensch, und ich bin der schlechteste. Genug, laß das. Höre: Mama läßt dich um etwas bitten, ‚was sie selbst nicht zu sagen wagt‘, so drückte sie sich aus. Arkadi, Liebster! Höre auf mit dem Spielen, Lieber, ich flehe dich an ... Mama auch ...“
„Lisa, ich weiß es ja selbst, aber ... ich weiß, es ist eine erbärmliche Schlappheit, aber ... das sind ja nur Kleinigkeiten und nichts weiter! Sieh mal, ich bin in Schulden geraten wie ein Esel, und jetzt will ich nur gewinnen, um aus den Schulden herauszukommen, und ich kann gewinnen; denn bisher habe ich ganz ohne Berechnung gespielt, einfach drauflos wie ein Esel, jetzt aber werde ich um jeden Rubel zittern ... Ich müßte nicht ich sein, wenn ich verlieren sollte! Ich spiele nicht aus Leidenschaft, das Spiel ist für mich nicht die Hauptsache, sondern nur eine vorübergehende Nebensache, ich versichere dir! Ich bin viel zu stark, um nicht aufhören zu können, sobald ich will. Habe ich das Geld zurückgegeben, so gehöre ich ganz und gar wieder euch, und sage Mama, daß ich euch dann nie mehr verlassen werde ...“
„Diese dreihundert Rubel vorhin, was haben die dich gekostet!“
„Woher weißt du ...?“ fragte ich zusammenzuckend.
„Darja Onissimowna hat vorhin alles gehört ...“
Da versetzte mir Lisa plötzlich erschrocken einen Stoß und zog mich hinter eine Portiere, und wir befanden uns in der sogenannten „Laterne“, einem kleinen runden Erkerzimmer, dessen Wände fast nur aus Fenstern bestanden. Noch bevor ich richtig zur Besinnung kam, hörte ich eine bekannte Stimme, Sporenklirren und einen bekannten Schritt.
„Fürst Sserjosha,“ flüsterte ich.
„Er ...“ flüsterte sie.
„Warum bist du denn so erschrocken?“
„Nur so; ich will ihm um keinen Preis hier begegnen ...“
„Tiens,[41] läuft er dir nicht am Ende nach?“ fragte ich lachend. „Dann würde ich ihm aber den Standpunkt klarlegen! Wohin willst du?“
„Aber hast du dich denn schon verabschiedet?“
„Ja; meine Pelzjacke ist im Vorzimmer ...“
Wir traten hinaus. Auf der Treppe kam mir plötzlich ein Gedanke:
„Weißt du, Lisa, er ist vielleicht gekommen, um ihr einen Heiratsantrag zu machen!“
„N–nein ... er wird ihr keinen Antrag machen ...“ sagte sie langsam und bestimmt, doch mit leiser Stimme.
„Du weißt nicht, Lisa, wir sind vorhin wohl aneinandergeraten – da man es dir doch schon gesagt hat, sollst du es meinetwegen wissen – aber, bei Gott, ich liebe ihn aufrichtig und wünsche ihm hier Erfolg ... Wir haben uns vorhin wieder ausgesöhnt. Wenn man glücklich ist, ist man so gut ... Sieh mal, er hat eine Menge guter Eigenschaften ... auch Menschlichkeit ... oder wenigstens gute Ansätze ... und in den Händen einer so charakterfesten und klugen Frau wie Anna Andrejewna würde sein Charakter sich ausgleichen, und er könnte glücklich werden. Schade, daß wir keine Zeit haben ... oder fahren wir ein Stück zusammen, ich könnte dir dann einiges mitteilen ...“
„Nein, fahre allein, ich habe einen anderen Weg. Kommst du zum Essen?“
„Ich komme, ich komme, wie ich versprochen habe. Höre, Lisa: ein gewisses Scheusal – kurz, ein ganz gemeines Subjekt, na, einfach ein gewisser Stebelkoff, wenn du ihn kennst, hat einen schrecklichen Einfluß auf seine Verhältnisse ... Wechsel und so was ... Na, mit einem Wort, er hat ihn ganz in der Hand und hat ihn so in die Enge getrieben, und der Fürst hat sich schon so vor ihm erniedrigen müssen, daß es einfach keinen anderen Ausweg mehr gibt – wenigstens können sie beide keinen anderen finden – als den einen: daß der Fürst Anna Andrejewna heiratet. So müßte man sie eigentlich warnen ... übrigens, nein, Unsinn, sie wird schon alles in Ordnung bringen. Aber was meinst du, wird sie ihm einen Korb geben?“
„Adieu, ich habe keine Zeit,“ brach Lisa das Gespräch kurz ab, und in ihrem mich flüchtig streifenden Blick sah ich plötzlich so viel Haß, daß ich erschrocken ausrief:
„Aber Lisa, Liebe, was hast du gegen mich?“
„Nicht gegen dich; gib nur das Spiel auf ...“
„Ach, wegen des Spiels, – ja, ich gebe es auf.“
„Du sagtest soeben: ‚wenn man glücklich ist‘, – so bist du wohl sehr glücklich heute?“
„Maßlos, Lisa, maßlos! Ach Gott, da ist es schon drei und sogar später ...! Leb wohl, Lisa! Lisotschka, Liebste, sag: kann man denn eine Frau auf sich warten lassen? Ist so was überhaupt möglich?“
„Meinst du bei einem Stelldichein?“ fragte sie, kaum lächelnd, es war ein seltsam totes, zitterndes Lächeln.
„Gib mir deine Hand, auf daß sie mir Glück bringe.“
„Glück? Meine Hand? Um keinen Preis geb’ ich sie dir!“
Und sie entfernte sich schnell. Und so ernst hatte sie das ausgerufen. Ich sprang in meinen Schlitten.
Ja, ja, eben dieses „Glück“ war ja damals die Hauptursache, weshalb ich wie ein blinder Maulwurf nichts außer mir selbst begriff und sah!