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Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 82: I.
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About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Fünftes Kapitel.

I.

Ich kam etwas zu spät, aber sie hatten sich noch nicht zu Tisch gesetzt und warteten auf mich. Wie ich sah, hatte man noch einige besondere Gerichte hinzugefügt, vermutlich deshalb, weil ich selten bei ihnen aß: Sardinen als Vorspeise usw. Aber zu meiner Verwunderung und zu meinem Bedauern sahen die Meinigen alle gleichsam sorgenvoll und verstimmt aus: Lisa lächelte kaum, als sie mich erblickte, und Mama war sichtlich beunruhigt; Werssiloff lächelte zwar, aber ich sah ihm an, daß er sich dazu zwingen mußte. „Sollten sie sich etwa verzankt haben?“ dachte ich flüchtig. Übrigens ging zu Anfang alles gut: Werssiloff runzelte nur wegen der Suppe mit Klößchen die Stirn und schnitt ein Gesicht, als Srasy gereicht wurden.

„Ich brauche nur zu sagen, daß ich irgendeine Speise nicht vertrage, dann steht sie unfehlbar am nächsten Tage auf dem Tisch,“ sagte er unwillkürlich geärgert.

„Aber was soll man sich denn ausdenken, Andrei Petrowitsch? Es fällt einem doch wirklich nichts Neues ein,“ sagte meine Mutter zaghaft.

„Deine Mutter ist das gerade Gegenteil von einigen unserer Zeitungen, bei denen alles gut ist, was neu ist,“ versuchte Werssiloff etwas humoristisch und freundschaftlich zu scherzen, aber es mißlang ihm, und er erschreckte meine Mutter nur noch mehr, die von diesem Vergleich mit den Zeitungen natürlich nichts begriff und verständnislos von einem zum anderen sah.

Da kam Tatjana Pawlowna; sie sagte, sie hätte schon gegessen, und setzte sich neben Mama auf den Diwan.

Mir war es nicht gelungen, die Geneigtheit dieser Dame zu erwerben; ja, sie verhielt sich jetzt noch feindlicher gegen mich und fiel schließlich wegen jeder Kleinigkeit über mich her. Besonders in der letzten Zeit hatte sich ihre Unzufriedenheit mit mir sehr gesteigert: meine stutzerhafte Kleidung konnte sie einfach nicht sehen, und wie Lisa mir erzählte, war sie beinahe in Ohnmacht gefallen, als es einmal zur Sprache kam, daß ich mir den Schlitten hielt. Kurz, ich hatte in der letzten Zeit Begegnungen mit ihr nach Möglichkeit zu vermeiden gesucht. Damals, nach Werssiloffs Verzicht auf die Erbschaft, vor zwei Monaten, war ich schleunigst zu ihr gegangen, um mit ihr über Werssiloffs Handlungsweise zu sprechen, hatte aber bei ihr nicht das geringste Verständnis gefunden: sie war sogar sehr erbittert gewesen; denn es gefiel ihr gar nicht, daß alles und nicht nur die Hälfte zurückgegeben worden war; mich aber hatte sie auf einmal sogar scharf angefahren:

„Und du bildest dir jetzt wohl ein, er hätte das Geld zurückgegeben und zum Duell gefordert, einzig um deine Meinung über sich zu verbessern!“

Und sie hatte es auch wirklich fast erraten: im geheimen hatte ich tatsächlich etwas Ähnliches gedacht.

Als sie jetzt eintrat, fühlte ich sofort, daß sie mich unbedingt wieder angreifen würde; ja, ich war bis zu einem gewissen Grade sogar überzeugt, daß sie eigentlich nur zu dem Zweck gekommen war, und deshalb benahm ich mich auf einmal recht ungezwungen und flott; und das kostete mich auch nicht die geringste Anstrengung, da ich mich nach dem letzten Erlebnis immer noch in strahlend freudiger Stimmung befand. Ich möchte hier ein für allemal bemerken, daß Flottheit in meinem ganzen Leben nicht zu mir gepaßt hat, das heißt, sie paßt nun einmal nicht zu meinem Gesicht und hat mir bisher auch immer nur Schande gebracht. So geschah es auch jetzt: im Augenblick legte ich mich selbst hinein. Da es mir zufällig auffiel, daß Lisa so wortkarg war, bemerkte ich plötzlich, rein aus Leichtsinn, ohne jede böse Absicht und überhaupt ganz unbedacht:

„Alle Jubeljahre einmal esse ich hier bei euch, und da mußt du, Lisa, ausgerechnet heute so trübselig sein!“

„Ich habe Kopfschmerzen,“ erwiderte Lisa.

„Ach, mein Gott, so hört doch nur!“ fuhr Tatjana Pawlowna sogleich auf, „darf sie denn nicht auch einmal Kopfschmerzen haben? Bloß weil der hochverehrte Arkadi Makarowitsch zum Essen herüberzukommen geruht hat, muß sie gleich tanzen und ihn amüsieren!“

„Sie sind wahrhaftig das Unglück meines Lebens, Tatjana Pawlowna! Nie wieder werde ich herkommen, wenn Sie hier sind!“ Ich schlug in ehrlichem Ärger mit der Hand auf den Tisch; Mama fuhr zusammen, und Werssiloff sah mich sonderbar an. Da lachte ich auf und entschuldigte mich.

„Tatjana Pawlowna, ich nehme mein Wort zurück,“ wandte ich mich an sie und fuhr immer noch fort, den Flotten zu spielen.

„Nein, nein,“ wehrte sie kurz ab, „es ist mir viel schmeichelhafter, dein Unglück zu sein, als umgekehrt, sei versichert!“

„Mein Lieber, die kleinen Unglücksfälle des Lebens muß man übersehen können,“ meinte Werssiloff lächelnd, „ohne Unglück lohnt es sich nicht zu leben.“

„Wissen Sie, Sie sind mitunter schrecklich konservativ,“ rief ich und lachte nervös.

„Mein Freund, das ist nebensächlich.“

„Nein, nicht nebensächlich! Warum sagen Sie einem Esel nicht die Wahrheit, wenn er ein Esel ist?“

„Sprichst du nicht gar von dir selbst? Erstens will ich keines Menschen Richter sein und kann’s auch nicht.“

„Warum wollen Sie nicht, und warum können Sie nicht?“

„Teils aus Faulheit, teils aus Widerwillen. Eine kluge Frau hat mir einmal gesagt, ich hätte kein Recht, über andere zu richten, weil ich ‚nicht zu leiden verstünde‘; um Richter über andere werden zu können, müsse man sich das Recht zum Richten durch Leid erst verdienen. Ein wenig hochtrabend, aber in der Anwendung auf mich vielleicht doch richtig, so daß ich mich sogar bereitwilligst diesem Urteil unterwarf.“

„Hat Ihnen das wirklich Tatjana Pawlowna gesagt?“ fragte ich überrascht.

„Woher weißt du das?“ Werssiloff sah mich mit einiger Verwunderung an.

„Ich habe es aus Tatjana Pawlownas Gesicht erraten: es zuckte in ihm etwas, als Sie das sagten.“

Ich hatte es wirklich ganz zufällig erraten. Später stellte sich heraus, daß Tatjana Pawlowna diese Worte am Abend vorher in einem hitzigen Gespräch zu Werssiloff gesagt hatte. Und überhaupt, das sei nochmals gesagt, warf ich mich ihnen mit meiner Freude und meiner Mitteilsamkeit sehr zur unrechten Zeit an den Hals: jeder von ihnen hatte sein Leid, und keines davon war leicht.

„Nein, das verstehe ich nicht,“ sagte ich, „das ist alles so abstrakt; und überhaupt ist das ein Zug von Ihnen: Sie lieben es furchtbar, abstrakt zu sprechen, Andrei Petrowitsch; das ist ein egoistischer Zug: abstrakt zu sprechen lieben nur Egoisten.“

„Nicht dumm gesagt, aber dränge dich nicht auf.“

„Nein, erlauben Sie mal,“ fuhr ich fort, ihnen auf den Leib zu rücken, „was heißt das: ‚das Recht zum Richten sich durch Leid verdienen‘? Wer ehrlich ist, der kann auch Richter sein – das ist meine Meinung.“

„In dem Fall wirst du wohl nicht viele Richter zusammenbringen.“

„Einen kenne ich schon.“

„Wer ist denn das?“

„Er sitzt hier und spricht mit mir.“

Werssiloff lächelte sonderbar, beugte sich zu meinem Ohr, und, indem er mich an der Schulter faßte, flüsterte er mir zu: „Der belügt dich in allem.“

Bis heute verstehe ich noch nicht, was er damals im Sinn hatte, doch offenbar war er in dem Augenblick innerlich sehr erregt (infolge einer besonderen Nachricht, wie ich mir später überlegte). Aber dieses Wort: „Der belügt dich in allem“ war so unerwartet und so ernst gesagt und mit einem so sonderbaren, gar nicht scherzhaften Ausdruck, daß ich unwillkürlich nervös zusammenzuckte, beinahe erschrak und ihn entsetzt ansah; aber schon besann sich Werssiloff und lachte auf.

„Ach nun, Gott sei Dank!“ sagte Mama, die es erschreckt hatte, daß er mir etwas ins Ohr gesagt, „ich, ich dachte schon, weiß Gott ... Du, Arkascha, sei uns nicht böse; kluge Leute wirst du überall finden, aber wer würde dich wohl liebhaben, wenn wir nicht da wären?“

„Das ist eben das Unsittliche an der verwandtschaftlichen Liebe, Mama, daß sie unverdiente Liebe ist. Liebe muß man verdienen.“

„Ach, bis du sie dir erst verdienst, das wird lange dauern, hier aber wirst du schon so und umsonst geliebt.“

Da mußten alle lachen.

„Nun, Mama, Sie hatten vielleicht gar nicht die Absicht, zu schießen, aber den Vogel haben Sie doch getroffen!“ rief ich, gleichfalls lachend.

„Und du hast dir wohl eingebildet, daß du Liebe schon wirklich irgendwie verdient hättest?“ fiel Tatjana Pawlowna wieder über mich her. „Sie lieben dich hier nicht nur ohne dein Verdienst, sie lieben dich sogar trotz ihres Ekels vor dir!“

„Ach nein, so ist es doch nicht!“ rief ich lustig. „Wissen Sie vielleicht, wer mir heute gesagt hat, daß er mich liebt?“

„Gesagt, indem man sich über dich lustig machte!“ fiel mir Tatjana Pawlowna sofort erbost und geradezu verblüffend schlagfertig ins Wort, ganz, als hätte sie gerade auf diese Bemerkung von mir nur gewartet. „Jeder anständige Mensch, und besonders jede Frau, muß ja allein schon vor deinem seelischen Schmutz Ekel empfinden. Du hast einen Scheitel auf dem Kopf und die feinste Wäsche an, und deinen Anzug hat ein französischer Schneider gearbeitet, aber dabei ist das alles doch nur Schmutz! Wer ist es, der deine Kleider bezahlt, dich ernährt, dir Geld gibt, um Roulette zu spielen? Besinne dich, von wem du das Geld anzunehmen dich nicht schämst!“

Mama wurde vor Scham so rot, wie ich sie noch nie erröten gesehen hatte. In mir krampfte sich alles zusammen.

„Wenn ich verschwende, so verschwende ich mein eigenes Geld und bin keinem Rechenschaft schuldig,“ versuchte ich das Gespräch kurz abzubrechen, wurde aber doch feuerrot.

„Dein eigenes? Seit wann dein eigenes?“

„Wenn nicht meines, so ist es doch Andrei Petrowitschs Geld. Er wird es mir nicht abschlagen ... Ich habe es vom Fürsten genommen, à conto[42] des Geldes, das er Andrei Petrowitsch schuldet ...“

„Mein Freund,“ sagte plötzlich Werssiloff in sehr bestimmtem Ton, „von seinem Gelde gehört mir keine Kopeke.“

Dieser Satz war nur zu bedeutungsvoll. Ich blieb stumm vor Überraschung. Oh, wenn ich jetzt an meine damalige paradoxe und sorglose Stimmung denke, so sage ich mir, daß ich mich in dem Augenblick sicherlich durch einen „edlen“ Impuls oder mit einem schlagfertigen Wort oder sonstwie herausgerissen hätte, aber da sah ich auf einmal in Lisas finsterem Gesicht einen bösen, anklagenden Ausdruck, einen ungerechten Vorwurf, fast Spott, und da war’s, als ritte mich der Teufel:

„Und Sie, mein Fräulein,“ wandte ich mich plötzlich an sie, „Sie scheinen ja neuerdings sehr oft Darja Onissimowna in der Wohnung des Fürsten zu besuchen? Vielleicht ist es Ihnen gefällig, ihm diese dreihundert Rubel zu übergeben, da Sie mich dieses Geldes wegen heute schon so geschunden haben!“

Ich zog die Dreihundert hervor und hielt sie ihr hin. Wird man es mir glauben, daß ich diese dummen Worte ganz unbedacht sagte, das heißt, ohne die geringste Anspielung auf irgend etwas. Und das war ja auch ganz natürlich; denn ich hatte doch damals noch keine Ahnung davon, worauf diese Worte eine Anspielung hätten sein können. Ich hatte eigentlich nur den Wunsch gehabt, sie ein wenig zu sticheln, und zwar mit einer verhältnismäßig ganz harmlosen Bemerkung, die ungefähr soviel sagen sollte, wie: „Wenn Sie, mein Fräulein, sich um Dinge kümmern, die Sie nichts angehen, würde es Ihnen dann nicht auch gefällig sein, mit diesem Fürsten zusammenzukommen, mit dem jungen Kavalier und Petersburger Leutnant, und ihm dieses Geld selbst einzuhändigen, da Sie sich ja so gern in die Angelegenheiten junger Männer einmischen!“ Aber wie groß war meine Bestürzung, als plötzlich meine Mutter aufstand und mir mit dem Finger drohend erregt zurief:

„Untersteh dich nicht, untersteh dich nicht!“

So etwas hätte ich von ihr nie im Leben erwartet! Ich sprang auf, nicht vor Schreck, sondern wie vor Schmerz, gleichsam mit einer qualvollen Wunde im Herzen, weil ich plötzlich erriet, daß etwas Schweres geschehen war. Aber meine Mutter hielt es nicht lange aus: sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und verließ schnell das Zimmer. Lisa ging ihr nach, ohne auch nur einen Blick auf mich zu werfen. Tatjana Pawlowna sah mich wohl eine halbe Minute lang schweigend an:

„Solltest du wirklich dich jetzt herauslügen können?“ rief sie schließlich rätselhaft und sah mich mit größter Verwunderung an, doch wartete sie meine Antwort nicht ab und eilte ihnen nach. Werssiloff erhob sich mit feindseligem, fast bösem Gesicht und nahm vom Ecktisch seinen Hut.

„Mir scheint, du bist gar nicht so dumm, sondern nur ahnungslos,“ sagte er undeutlich, mit halbem Spott. „Wenn sie kommen, so sage ihnen, daß sie mit der Torte nicht auf mich warten sollen: ich gehe ein wenig an die Luft.“

Ich blieb allein; zunächst fand ich alles nur sonderbar, dann kränkend, und schließlich wurde es mir ganz klar, daß ich der Schuldige war. Allerdings wußte ich nicht genau, was ich denn nun verbrochen haben konnte, aber ich hatte doch ein gewisses Schuldgefühl. Ich saß am Fenster und wartete. Nach ungefähr zehn Minuten nahm ich gleichfalls meinen Hut und ging nach oben, in mein ehemaliges Giebelstübchen. Ich wußte, daß sie dort waren, das heißt Mama und Lisa, und daß Tatjana Pawlowna sie schon verlassen hatte. Und so fand ich sie auch beide oben im Stübchen auf meinem Diwan sitzend und flüsternd. Als ich erschien, verstummten sie sogleich. Zu meinem Erstaunen waren sie mir gar nicht böse; meine Mutter wenigstens lächelte mir zu.

„Mama, ich möchte um Verzeihung bitten ...“ begann ich.

„Schon gut, schon gut, tut ja nichts,“ unterbrach mich meine Mutter, „wenn ihr euch nur immer liebhabt und nicht zankt, so wird euch Gott auch schon Glück geben.“

„Er wird mich niemals wissentlich kränken, Mama, glauben Sie mir!“ sagte Lisa überzeugt und mit aufrichtigem Gefühl.

„Wenn nicht diese Tatjana Pawlowna dagewesen wäre, so wäre auch nichts geschehen,“ rief ich geärgert. „So ein schändliches Weibsbild!“

„Sehen Sie, Mama? Hören Sie?“ fragte Lisa, indem sie auf mich wies.

„Ich werde euch folgendes sagen,“ erklärte ich auf einmal, „wenn in der Welt etwas schlecht ist, so bin ich allein dieses Schlechte, alles übrige ist einfach wundervoll!“

„Arkascha, sei nicht böse, Lieber, aber wirklich, wenn du aufhören wolltest ...“

„Zu spielen? Ja, ich werde aufhören, Mama: heute gehe ich zum letztenmal hin, das ist doch selbstverständlich, nachdem Andrei Petrowitsch erklärt hat, daß er beim Fürsten keine Kopeke zugute habe. Sie glauben mir nicht, wie sehr ich mich schäme ... Übrigens muß ich mit ihm noch Rücksprache nehmen ... Mama, Liebe, das vorige Mal habe ich hier ... ein häßliches Wort gesagt ... Mamachen, das war nicht ernst gemeint: es ist mein aufrichtiger Wunsch, zu glauben, damals aber lästerte ich nur so; ich liebe Christus sehr ...“

Es war das letztemal zwischen uns zu einem Gespräch über dieses Thema gekommen, und meine Äußerungen hatten meine Mutter sehr betrübt und erregt. Als sie jetzt meine Entschuldigung hörte, lächelte sie mir zu wie einem kleinen Kinde:

„Christus verzeiht alles, Arkascha, verzeiht auch deine Lästerung. Christus ist aller Vater, Christus bedarf nichts und wird noch in der tiefsten Finsternis leuchten ...“

Ich verabschiedete mich von ihnen und ging. Ich dachte über die Möglichkeit nach, heute noch Werssiloff zu sehen; ich mußte mit ihm unbedingt sprechen, vorhin aber war das nicht möglich gewesen. Ich vermutete stark, daß er in meiner Wohnung wartete! Ich ging zu Fuß: es war warm gewesen, jetzt begann es leicht zu frieren und es war sehr angenehm zu gehen.

II.

Ich wohnte in der Nähe der Wosnessenskibrücke in einem großen Miethaus, aber im Hofgebäude. Als ich durch das Hoftor trat, stieß ich auf Werssiloff, der aus meiner Wohnung kam.

„Ich bin auf meinem Spaziergang nach alter Gewohnheit bis zu deiner Wohnung gegangen, habe sogar eine Weile bei Pjotr Ippolitowitsch auf dich gewartet, aber es wurde mir zu langweilig. Sie zanken sich dort ewig bei dir, und heute hat sich die kranke Frau sogar ins Bett gelegt und weint. So bin ich denn wieder gegangen.“

Ich weiß nicht, weshalb ich mich auf einmal über ihn ärgerte.

„Sie scheinen ja überhaupt nur zu mir zu gehen und außer mir und Pjotr Ippolitowitsch in ganz Petersburg keinen Menschen zu kennen?“

„Mein Freund ... das ist ja so gleichgültig.“

„Wohin denn jetzt? Gehen wir doch zu mir.“

„Nein, noch einmal gehe ich nicht zu dir. Wenn du willst, können wir einen Spaziergang machen, der Abend ist herrlich.“

„Wenn Sie mit mir nicht von Ihren abstrakten Betrachtungen gesprochen hätten, sondern menschlich, wenn Sie mir zum Beispiel nur ein Wort gesagt hätten über dieses verwünschte Spiel, so wäre ich vielleicht nicht wie ein Esel in alles das hineingeraten,“ sagte ich auf einmal.

„Du bereust also? Das ist gut,“ erwiderte er seltsam durch die Zähne. „Ich habe vorausgesehen, daß das Spiel bei dir nicht zur Hauptsache werden kann, sondern nur eine zeit–wei–lige Verirrung ist ... Du hast recht, mein Freund, das Spiel ist eine Schweinerei, und hinzu kommt noch, daß man verlieren kann.“

„Und sogar fremdes Geld.“

„Hast du denn auch fremdes Geld verloren?“

„Das Geld gehörte Ihnen. Ich nahm es vom Fürsten auf Ihr Guthaben hin. Das war natürlich eine furchtbare Unverschämtheit und Dummheit von mir ... mit Ihrem Gelde wie mit eigenem umzugehen, aber ich wollte immer das Verlorene zurückgewinnen.“

„Ich möchte dich nochmals darauf aufmerksam machen, mein Lieber, daß mir von seinem Gelde nichts gehört. Ich weiß, daß der junge Mann selbst in Geldverlegenheit ist, und ich rechne überhaupt nicht auf irgendwelches Geld von ihm, trotz seines ganzen Versprechens.“

„Ja, aber, wenn es so ist, dann ist ja meine Lage doppelt so schlimm ... sie ist einfach lächerlich! Und aus welchem Grunde hat er mir dann das Geld geliehen, und mit welchem Recht habe ich es überhaupt angenommen?“

„Das zu beurteilen ist nun wohl deine Sache ... Aber wüßtest du nicht doch irgendeinen Grund, der vielleicht ein Anlaß für dich gewesen wäre, von ihm das Geld anzunehmen, was meinst du?“

„Außer unserer Freundschaft ...“

„Ja, noch außer der Freundschaft? Gibt es nicht doch irgend etwas, auf Grund dessen es dir möglich erschienen wäre, das Geld von ihm anzunehmen? Nun, sagen wir, aus irgendwelchen besonderen Erwägungen?“

„Aus welchen Erwägungen? Ich verstehe nicht.“

„Nun, um so besser, daß du es nicht verstehst, und ich kann dir offen sagen, mein Freund, daß ich immer davon überzeugt gewesen bin. Brisons là, mon cher,[43] und versuch einmal, das Spielen aufzugeben.“

„Hätten Sie mir das doch früher gesagt! Und auch jetzt sagen Sie es nur so wie beiläufig!“

„Wenn ich dir das früher gesagt hätte, so hätten wir uns nur verzankt, und du hättest mich an den Abenden nicht mehr so gern bei dir empfangen. Und merke dir, mein Lieber, daß alle diese belehrenden guten Ratschläge im voraus – nur ein sich Eindrängen in ein fremdes Gewissen sind, und das noch auf fremde Kosten. Ich habe mich genug in fremde Gewissen eingedrängt und zu guter Letzt nur Nasenstüber und Spott geerntet. Übrigens sind die Nasenstüber und der Spott natürlich gleichgültig, aber die Hauptsache ist, daß man auf diese Weise nichts erreicht: niemand wird auf dich hören ... und alle werden dich bald nicht mehr mögen.“

„Es freut mich, daß Sie mit mir endlich einmal nicht von Abstraktem zu sprechen anfangen. Ich will Sie auch etwas fragen, schon lange wollte ich das, aber es war mir immer nicht möglich, mit der Frage herauszurücken. Gut, daß wir jetzt auf der Straße sind. Erinnern Sie sich noch jenes Abends zu Hause, des letzten Abends, vor zwei Monaten, wie wir da in meinem Giebelstübchen saßen und ich Sie über Makar Iwanowitsch ausfragte und über Mama, – erinnern Sie sich noch, wie ungeniert ich damals mit Ihnen sprach? Wie konnten Sie es zulassen, daß so ein Grünschnabel in solchen Ausdrücken von seiner Mutter sprach? Sie aber, Sie ließen keine Silbe darüber fallen, sogar im Gegenteil, Sie gaben sich gleichfalls möglichst frei, und damit erlaubten Sie mir noch mehr Freiheiten.“

„Mein Freund, du weißt nicht, wie es mich freut, das von dir zu hören ... gerade diese Gefühle ... Ja, ich erinnere mich dieses Abends noch sehr genau: ich wartete damals in der Tat darauf, Schamröte in dein Gesicht steigen zu sehen; und wenn ich selbst auf deinen Ton einging, ja, dich noch herausforderte, so geschah das meinerseits vielleicht nur zu dem Zweck, um dich bis an die Grenze zu führen ...“

„Und haben mich dabei nur irregeführt und den reinen Quell in meiner Seele nur noch mehr getrübt! Ja, ich bin ein trauriger Halbwüchsling und weiß oft selbst nicht, was gut und was böse ist. Hätten Sie mir damals nur ein wenig, wenn auch nur andeutungsweise, den Weg gewiesen, so hätte ich mich schon zurechtgefunden und hätte den richtigen Weg betreten. Sie aber haben mich damals nur erbost.“

Cher enfant, ich habe immer geahnt, daß wir zwei, ob nun so oder so, jedenfalls einmal zusammenkommen würden: diese ‚Schamröte‘ ist dir doch jetzt von selbst ins Gesicht gestiegen, ohne meine Anleitung, und das ist, glaube mir, für dich selbst besser ... Du hast, mein Lieber, in der letzten Zeit viel gewonnen ... sollte das wirklich auf deinen Verkehr mit diesem Fürstlein zurückzuführen sein?“

„Loben Sie mich nicht, das mag ich nicht. Erwecken Sie in meinem Herzen nicht den quälenden Verdacht, daß Sie mich aus Jesuitismus loben, zum Schaden der Wahrheit, nur um mir mehr zu gefallen. In der letzten Zeit aber ... sehen Sie ... ich habe viel mit Damen verkehrt. Ich bin zum Beispiel von Anna Andrejewna sehr freundlich aufgenommen worden, wissen Sie das schon?“

„Ich weiß es von ihr selbst, mein Freund. Ja, sie ist sehr nett und klug. Mais brisons là, mon cher.[44] Ich bin heute in einer ganz sonderbar widerwärtigen Stimmung – ist es nun Melancholie oder was? Es muß wohl von der Verdauung herrühren. Nun, was geschah denn noch zu Hause? Nichts weiter? Du hast dich dort natürlich versöhnt, und zum Schluß gab es Umarmungen. Cela va sans dire.[45] Manchmal macht es mich geradezu traurig, zu ihnen zurückzukehren, auch wenn das Spazierengehen einem noch so widerlich wird. In der Tat, ich mache im Regen oft noch einen überflüssigen Umweg, nur um die Rückkehr in dieses Heim nach Möglichkeit hinauszuschieben ... Die Langeweile, die Langeweile, o Gott!“

„Mama ...“

„Deine Mutter – ist das vollkommenste und herrlichste Wesen, mais[46] ... Mit einem Wort, ich bin ihrer wohl nicht wert. Übrigens, was ist ihnen heute eigentlich widerfahren? In den letzten Tagen sind sie alle ohne Ausnahme so ... Ich bemühe mich zwar, so etwas zu ignorieren, aber heute muß ihnen doch etwas begegnet sein ... Ist dir denn nichts aufgefallen?“

„Ich weiß von nichts, und ich hätte auch nichts bemerkt, wenn nicht diese verwünschte Tatjana Pawlowna dazwischengekommen wäre, die selbstverständlich immer wie ein Hackenbeißer einen anfallen muß! Sie haben recht: da muß irgend etwas geschehen sein. Vorhin traf ich Lisa bei Anna Andrejewna, und auch dort war sie schon so eigentümlich ... ich wunderte mich noch über sie. Sie wissen doch, daß Anna Andrejewna mit ihr verkehrt?“

„Ich weiß es, mein Freund. Aber ... wann warst du denn heute bei Anna Andrejewna, ich meine, um wieviel Uhr? Ich möchte das aus einem bestimmten Grunde wissen.“

„Von zwei bis drei. Und können Sie sich denken, als ich sie verließ, kam der Fürst zu ihr ...“

Und ich erzählte ihm meinen ganzen Besuch bis in alle Einzelheiten. Er hörte alles schweigend an; zu der Möglichkeit, daß der Fürst ihr vielleicht einen Heiratsantrag hatte machen wollen, äußerte er kein Wort, und zu meinem begeisterten Lob Anna Andrejewnas bemerkte er nur beiläufig, „ja, sie kann sehr liebenswürdig sein“.

„Ich habe sie heute auch sehr überrascht, indem ich ihr die letzte frischgebackene Neuigkeit aus der Gesellschaft mitteilte: daß Katerina Nikolajewna Achmakoff den Baron Bjoring heiraten wird,“ sagte ich auf einmal, als hätte sich irgend etwas plötzlich in mir losgerissen.

„Ja? Nun, dieselbe ‚Neuigkeit‘ hat sie mir heute schon am Morgen erzählt, vor zwölf, also schon viel früher, als du sie damit überraschen konntest.“

„Was sagen Sie?“ Verdutzt blieb ich stehen. „Aber woher hat sie denn das erfahren können? Übrigens, was fällt mir ein! Selbstverständlich hat sie das schon früher als ich erfahren können, aber denken Sie sich: sie hat doch meine Mitteilung wie eine überraschende Neuigkeit angehört ...! Übrigens ... übrigens, was verlange ich denn? Es lebe die Weitherzigkeit! Muß man nicht weitherzig alle Charaktere zulassen, ist’s nicht so? Ich, zum Beispiel, hätte sofort alles ausgeplaudert, sie aber hat es wie in eine Schnupftabaksdose eingeschlossen ... Aber wenn auch, wenn auch, nichtsdestoweniger ist sie ein herrliches Geschöpf und ein prachtvoller Charakter!“

„Oh, zweifellos, ein jeder nach seiner Art! Und was das Originellste ist: diese prachtvollen Charaktere verstehen einen mitunter auf eine ganz eigenartige Weise zu überraschen; stelle dir vor: Anna Andrejewna verblüffte mich heute auf einmal mit der Frage, ob ich Katerina Nikolajewna Achmakoff liebe oder nicht?“

„Was für eine verrückte, undenkbare Frage!“ rief ich, wieder ganz verdutzt. Im Moment flimmerte es sogar vor meinen Augen. Noch niemals hatte ich mit ihm von diesem Thema zu sprechen gewagt, und da begann er nun selbst ...

„Womit begründete sie denn ihre Frage?“

„Mit nichts, mein Freund; die Schnupftabaksdose schloß sich gleich darauf nur noch fester, und was das Auffallendste ist: sie hat mich das gefragt, obgleich ich niemals auch nur die Möglichkeit ähnlicher Gespräche zwischen ihr und mir zugelassen habe, und sie gleichfalls ... Übrigens, du sagst ja, daß du sie kennst, folglich kannst du dir denken, wie eine solche Frage zu ihr paßt ... oder weißt du vielleicht etwas zur Erklärung hierfür?“

„Ich bin ebenso überrascht wie Sie. Vielleicht war es Neugier von ihr oder nur ein Scherz?“

„Oh, im Gegenteil, es war die ernsteste Frage, und eigentlich nicht nur eine Frage, sondern einfach eine sehr kategorische Anfrage, und zwar eine aus einem ganz bestimmten Grunde und offenbar zu einem außergewöhnlichen Zweck. Wirst du nicht bald wieder bei ihr vorsprechen? Könntest du nicht Näheres erfahren? Ich würde dich sogar darum bitten; denn, sieh mal ...“

„Aber auch nur die Möglichkeit, erstens mal, nur die Möglichkeit, anzunehmen, daß Sie Katerina Nikolajewna lieben könnten! Verzeihen Sie, aber ich kann es noch immer nicht fassen. Niemals, niemals habe ich mir erlaubt, über dieses oder ein ähnliches Thema mit Ihnen zu sprechen ...“

„Und das war sehr vernünftig von dir, mein Lieber.“

„Ihre früheren Intrigen und Ihre Beziehungen – dieses Thema ist zwischen uns, versteht sich, kein passendes Gespräch, und es wäre taktlos von mir, davon überhaupt anzufangen; aber gerade in der letzten Zeit, in den letzten Tagen, habe ich mehrmals innerlich ausgerufen: Ach, wenn Sie diese Frau doch wenigstens irgend einmal geliebt hätten, wenigstens einen Augenblick! – Oh, dann hätten Sie sie niemals so falsch beurteilt, hätten nie einen solchen Fehler begehen können in Ihrem Urteil über sie! Wie es geendet hat, das weiß ich: ich weiß von Ihrer gegenseitigen Feindschaft und Ihrem gegenseitigen Abscheu, ich weiß, ich habe davon gehört, habe alles gehört, schon in Moskau habe ich davon gehört. Aber daraus geht doch als erstes nur zu klar und deutlich die Tatsache der gegenseitigen Abneigung, der erbitterten Feindschaft, also des Gegenteils der Liebe hervor, und da fragt nun Anna Andrejewna: ‚Lieben Sie sie?‘ Sollte sie denn wirklich so schlecht unterrichtet sein? Das ist doch nicht zu glauben! Sie hat nur gescherzt, ich versichere Sie, sie hat wirklich nur gescherzt!“

„Aber, mein Lieber, mich deucht,“ – in seiner Stimme klang plötzlich etwas Nervöses und Inniges, zum Herzen Dringendes, was bei ihm nur furchtbar selten vorkam – „mich deucht, du sprichst ja selbst etwas gar zu leidenschaftlich von dieser Sache. Du sagtest vorhin, daß du mit Damen verkehrst ... natürlich, so dich auszufragen, ist mir gewissermaßen ... gerade über dieses Thema, wie du sagtest ... Aber steht nicht auch ‚diese Frau‘ auf der Liste deiner neuen Bekannten?“

„Diese Frau ...“ meine Stimme zitterte plötzlich, „hören Sie, Andrei Petrowitsch, hören Sie: diese Frau ist das, was Sie heute beim Fürsten vom ‚lebendigen Leben‘ sagten, – erinnern Sie sich? Sie sagten, dieses lebendige Leben ist etwas so Ungekünsteltes und Einfaches, etwas, was so klar und offen einen ansieht, daß man gerade wegen dieser Klarheit und Offenheit nicht glauben kann, daß dieses wirklich dasselbe sei, was wir unser ganzes Leben lang mit solcher Sehnsucht suchen ... Nun, sehen Sie, und mit einem solchen Blick ist Ihnen eine Frau begegnet, das Ideal einer Frau, Sie aber haben in diesem Ideal, in dieser Vollkommenheit nur ‚alle Laster‘ zu sehen geglaubt! Da haben Sie’s!“

Der Leser kann daraus wohl ersehen, in welch einem Rausch ich mich befand.

„‚Alle Laster‘! Oho! Diesen Ausspruch kenne ich!“ rief Werssiloff. „Aber wenn es schon so weit gekommen ist, daß man dir diesen Ausspruch mitgeteilt hat, kann man dir dann nicht schon zu etwas gratulieren? Das verrät ja eine solche Intimität zwischen euch, daß man dich noch loben muß wegen deiner Anständigkeit und Verschwiegenheit, zu der nur selten ein junger Mann in solchem Falle fähig ist ...“

In seiner Stimme vibrierte ein liebes, freundschaftliches, zärtliches Lachen ... etwas Ermunterndes, Liebes lag in seinen Worten und auch in seinem hellen Gesicht, soviel ich in der Dunkelheit erkennen konnte. Er war erstaunlich belebt. Ich erstrahlte unwillkürlich.

„Anständigkeit, Verschwiegenheit! O nein, nein!“ rief ich errötend und drückte gleichzeitig krampfhaft seine Hand, die ich auf einmal, ich weiß nicht wie, erfaßt hatte und nicht mehr losließ. „Nein, unter keinen Umständen ...! Mit einem Wort, mir ist zu nichts zu gratulieren, und es kann da auch niemals, niemals etwas geschehen,“ sprach ich atemlos weiter und schwebte schon gleichsam in der Luft, und ich hatte solche Lust, zu fliegen, und es war mir so angenehm, daß ich flog. „Wissen Sie ... mag es denn einmal sein, nur ein einziges kleines Mal! Sehen Sie, mein liebster, herrlicher Papa, – Sie erlauben mir doch, Sie Papa zu nennen – sehen Sie, von seinen Beziehungen zu einer Frau darf man nicht nur nicht als Sohn mit dem Vater, sondern überhaupt mit keinem Dritten sprechen, selbst wenn diese Beziehungen noch so rein sind! Ja, je reiner sie sind, um so mehr muß man das Schweigen hüten! Anders wäre es ekelhaft, wäre roh, kurz, ein Dritter ist unmöglich! Aber wenn nichts, nichts geschehen ist, nicht das geringste, dann darf man doch sprechen, dann darf man doch?“

„Je nachdem, wie das eigene Herz entscheidet.“

„Warten Sie, zunächst eine unbescheidene, eine sehr unbescheidene Frage: Sie haben in Ihrem Leben doch auch Frauen gekannt, Sie haben doch Verhältnisse gehabt ...? Ich spreche nur im allgemeinen, im allgemeinen, ich meine keine Einzelfälle!“ rief ich errötend und rang nach Atem vor Begeisterung.

„Nun ja, man hat seine Sünden gehabt.“

„Also hören Sie, dann erklären Sie mir einen Fall, da Sie doch der Erfahrenere sind: plötzlich sagt Ihnen eine Dame, von der Sie sich gerade verabschieden, gleichsam beiläufig, und indem sie selbst zur Seite sieht: ‚Morgen werde ich um drei Uhr da und da sein ...‘ nun, sagen wir, bei Tatjana Pawlowna,“ platzte ich heraus, und nun riß es mich unwiderstehlich fort. Mein Herz klopfte gewaltig und drohte, nach jedem Schlage stehenzubleiben; ich mußte sogar im Sprechen innehalten vor Herzklopfen. Er aber war, das sah ich, ganz Ohr. „Und nun, am nächsten Tage, bin ich um drei Uhr bei Tatjana Pawlowna, gehe hinauf und denke so bei mir: wenn die Köchin mir aufmacht – Sie kennen doch ihre Köchin? –, so frage ich sie ganz einfach: ‚Ist Tatjana Pawlowna zu Hause?‘ Und wenn die Köchin mir dann sagt, daß Tatjana Pawlowna nicht zu Hause ist, aber eine Dame sitze da und warte auf sie, – was muß ich dann daraus schließen, sagen Sie mir das, wenn Sie ... Mit einem Wort, wenn Sie ...“

„Ganz einfach, daß man dich zu einem Rendezvous bestellt hat. Also dann war es doch das? Und das war heute? Ja?“

„O nein, nein, nein, gar nichts, gar nichts war heute! Es war, aber es war nicht das; wenn auch ein Rendezvous, so doch nicht zu dem Zweck, das schicke ich gleich voraus, um nicht ein Schuft zu sein, es war was, aber ...“

„Mein Freund, das fängt ja an so interessant zu werden, daß ich den Vorschlag machen möchte ...“

„Hab’ früher selber Unbemittelten gegeben, mal ’nen Fünfundzwanziger, mal ’nen Zehner für ’n Schnäpschen. Wie wär’s, wenn Sie nun auch mal mit ’n paar Kopeken ’nem armen Leutnant unter die Arme greifen wollten? – Bitt’ schön, bin mal Leutnant gewesen.“

Eine hohe Gestalt vertrat uns den Weg, und vielleicht war der Bittsteller wirklich ein verkommener ehemaliger Leutnant. Merkwürdigerweise war er aber für sein Gewerbe eigentlich sehr gut gekleidet, und doch hielt er die Hand hin, um ein Almosen zu empfangen.

III.

Diesen dummen Zwischenfall mit dem erbärmlichen ‚Leutnant‘ will ich nicht unerwähnt lassen, da ich mir Werssiloff heute nicht anders vorstellen kann, als mit allen geringfügigsten Einzelheiten jener für mich so verhängnisvollen Stunde. Ja, der ‚verhängnisvollen‘, ich aber ahnte das nicht einmal!

„Wenn Sie, mein Herr, uns nicht sofort aus dem Wege gehen, so werde ich die Polizei rufen,“ sagte Werssiloff plötzlich empört und mit lauter Stimme, indem er vor dem „Leutnant“ stehen blieb. Ich hätte niemals gedacht, daß dieser Philosoph so in Zorn geraten könnte, und das noch aus einem so geringen Anlaß. Doch darf man nicht vergessen, daß unser Gespräch an einer Stelle unterbrochen wurde, die sein ganzes Interesse erregte, was er noch selbst verraten hatte.

„So haben Sie wirklich nicht einmal ’nen Fünfer bei sich?“ gröhlte grob der „Leutnant“. „Heutzutage hat ja wahrhaftig keine Kanaille mehr ’nen Fünfer in der Tasche! Knoten! Gauner! Selber im Biberpelz, aber aus einem lump’gen Fünfer wird eine Staatsfrage gemacht!“

„Schutzmann!“ rief Werssiloff.

Er brauchte nicht einmal laut zu rufen: in nächster Nähe an der Straßenecke stand ein Schutzmann, der das Geschimpf des „Leutnants“ gehört hatte.

„Ich ersuche Sie, Zeuge dieses Vorfalles zu sein, und Sie ersuche ich, sich auf die Polizeiwache begeben zu wollen,“ sagte Werssiloff.

„Äh, zum ... Na, mir soll’s egal sein, beweisen können Sie ja doch nichts! Vor allem keinen eigenen Verstand!“

„Lassen Sie ihn nicht laufen, Schutzmann, und begleiten Sie uns,“ sagte Werssiloff herrisch.

„Was, wollen Sie denn wirklich auf die Wache? Ach, zum Teufel mit ihm, mit diesem ganzen Kerl!“ flüsterte ich ihm zu.

„Unbedingt, mein Lieber. Diese Zuchtlosigkeit auf unseren Straßen fängt nachgerade an, einem bis zum Ekel widerlich zu werden, und wenn ein jeder seine Pflicht täte, so hätten alle den Vorteil davon. C’est comique, mais c’est ce que nous ferons.[47]

Wir gingen; die ersten hundert Schritte war der „Leutnant“ sehr empört, renommierte großartig und zeigte sich sehr mutig; er versicherte, „das gehe nicht“, wegen eines „einz’gen Fünfers“, usw., usw. Aber schließlich begann er halblaut mit dem Schutzmann zu unterhandeln. Der Schutzmann, der ein vernünftiger Mensch und ein Feind von Straßenunruhen zu sein schien, war offenbar auf seiner Seite, aber doch nur in einem gewissen Sinne. Auf die Anfrage des „Leutnants“ brummte er halblaut zur Antwort, jetzt wäre schon nichts mehr zu machen, „jetzt ist es schon mal herausgekommen“, „aber wenn Sie, beispielsweise, sich entschuldigen wollten, und wenn der Herr die Entschuldigung annehmen würde, ja dann vielleicht ...“

„Na, hö–hören Sie, sehr geehrter Herr, na, wohin gehen wir denn jetzt? Ich frage Sie: wohin streben wir, und was soll hierbei wohl geistreich sein?“ polterte der „Leutnant“ los. „Wenn ein durch seine Mißerfolge unglücklicher Mann seine Entschuldigung zu machen bereit ist ... wenn Sie schließlich unbedingt seine Selbsterniedrigung wünschen ... Zum Teufel, wir sind doch nicht im Salon, sondern auf der Straße! Für die Straße genügt doch wohl diese Entschuldigung ...“

Werssiloff blieb stehen, und plötzlich lachte er laut auf, so daß ich schon dachte, er hätte diese ganze Geschichte nur um der Ablenkung willen und als Ulk angefangen, aber das war es nicht.

„Ich entschuldige Sie vollkommen, mein Herr ‚Leutnant‘, und ich bin überzeugt, daß Sie kolossal befähigt sind. Halten Sie sich so auch im Salon, – bald wird dieser Ton ja auch in den Salon passen, vorläufig aber nehmen Sie hier die zwei Zwanziger, für Schnaps und Imbiß. Entschuldigen Sie, Schutzmann, die Belästigung, ich würde mich auch für Ihre Mühe erkenntlich zeigen, aber Sie sehen jetzt so stolz aus ... Mein Lieber,“ wandte er sich an mich, „hier in der Nähe ist ein Lokal, eigentlich eine entsetzliche Kloake, aber man kann dort Tee trinken, und ich wollte dir den Vorschlag machen, hinzugehen ... hier gleich, gehen wir.“

Ich wiederhole, ich hatte ihn noch nie in einer solchen inneren Erregung gesehen, obschon sein Gesicht heiter war und strahlte; es war mir aber aufgefallen, daß seine Hände, als er aus dem Portemonnaie das Geld für den „Leutnant“ herausnehmen wollte, so bebten, daß er schließlich mich bat, das Geld zu nehmen und dem „Leutnant“ zu geben; ich kann das nicht vergessen.

Er führte mich in eine kleine Kellerwirtschaft am Kanal. Nur wenige Gäste waren da. Ein kleiner, verstimmter, heiserer Musikautomat erklang, es roch nach fettigen Servietten; wir setzten uns in eine Ecke.

„Du weißt es vielleicht nicht? Ich liebe es zuweilen, aus Langerweile, aus schrecklicher seelischer Langweile ... in solche Kloaken hineinzugehen. Diese ganze Einrichtung hier, diese mäckernde Arie aus der ‚Lucia‘, diese Kellner in ihrer fast schon unanständigen russischen Tracht, dieser Tabakqualm, diese Schreie aus dem Billardzimmer – das ist alles dermaßen gemein und prosaisch, daß es fast an das Phantastische grenzt. Nun, wie war es denn, Lieber? Dieser Marsjünger hat uns, glaub’ ich, an der interessantesten Stelle unterbrochen ... Ah, da ist schon unser Tee; ich liebe es, hier Tee zu trinken ... Kannst du dir denken, Pjotr Ippolitowitsch, dein Wirt, begann dort seinem anderen Zimmermieter, dem Pockennarbigen, zu versichern, daß vom englischen Parlament im vorigen Jahrhundert eine Kommission von Juristen eingesetzt worden sei, um den ganzen Prozeß Christi vor dem Hohen Priester und Pilatus zu revidieren, einzig zu dem Zweck, um zu sehen, wie der Prozeß nach unseren Gesetzen verlaufen wäre, und deshalb hätte man alles mit aller Gewissenhaftigkeit und Feierlichkeit, mit Staatsanwälten und Rechtsanwälten und allem, was dazu gehört, in Szene gesetzt ... nun, und die Geschworenen hätten sich doch gezwungen gesehen, ihn schuldig zu sprechen ... Jedenfalls eine Geschichte zum Verwundern! Dieser bornierte Zimmermieter begann aber zu streiten, ärgerte sich fürchterlich und erklärte mit großem Krach, daß er am nächsten Tage ausziehen werde ... Die Wirtin begann zu weinen, weil sie die Miete verlöre ... Mais passons.[48] In diesen Wirtschaften gibt es zuweilen Nachtigallen. Kennst du die alte Moskauer Anekdote à la Pjotr Ippolitowitsch? In einer Moskauer Wirtschaft singt wundervoll eine Nachtigall; ein Kaufmann kommt herein, einer vom Typ ‚Steh mir nicht im Wege‘. Er hört die Nachtigall, fragt: ‚Was kostet der Vogel?‘ – ‚Hundert Rubel.‘ – ‚Braten und auftragen!‘ Man briet die Nachtigall und setzte sie ihm vor. ‚Schneid mir davon für zehn Kopeken ab.‘ – Ich erzählte das einmal deinem Pjotr Ippolitowitsch, aber er glaubte es mir nicht und war sogar sehr ungehalten.“

Er erzählte noch vieles. Ich gebe diese kleinen Geschichten als Beispiele wieder. Sobald ich nur den Mund auftat, unterbrach er mich sofort und begann wieder irgend etwas zu erzählen, irgend so einen eigentümlichen Unsinn, der gar nicht zur Sache gehörte, und dabei sprach er lebhaft und lustig; er lachte über Gott weiß was alles und lachte seltsam in sich hinein, was ich an ihm noch nie gesehen hatte. In einem Zuge trank er sein Glas Tee aus und bestellte ein neues. Jetzt weiß ich, wie das zu erklären war: er glich damals einem Menschen, der einen für ihn teuren, interessanten, lange und heiß ersehnten Brief erhalten hat und nun vor sich hinlegt und absichtlich nicht öffnet, sondern erst lange befühlt, das Kuvert betrachtet, den Poststempel, dann noch ins andere Zimmer geht, verschiedene Anordnungen trifft, kurz, der den spannenden Augenblick hinausschiebt – da er weiß, daß er ihm doch nicht entgeht –, um den Genuß noch mehr auszukosten.

Natürlich erzählte ich ihm alles, alles von Anfang an, und erzählte vielleicht eine ganze Stunde. Und wie hätte es auch anders sein können: schon vorher, die ganze Zeit schon hatte ich den Drang gehabt, zu erzählen. Ich begann mit unserer ersten Begegnung, damals beim alten Fürsten, gleich nach ihrer Ankunft aus Moskau; dann erzählte ich, wie das alles nach und nach so gekommen war. Ich überging nichts, und ich hätte auch nichts übergehen können: er selbst erinnerte mich an alles und erriet alles, er soufflierte mir förmlich. Bisweilen schien es mir, daß etwas Phantastisches vor sich gehe, daß er dort irgendwo unsichtbar gesessen oder hinter einer Tür gestanden haben müsse, jedesmal, so oft ich in diesen zwei Monaten bei ihr gewesen war: er wußte im voraus jede meiner Bewegungen und jedes meiner Gefühle. Ich empfand eine unfaßbare Lust bei dieser Beichte vor ihm; denn ich sah in ihm eine so zarte Weichheit, eine so tiefe psychologische Feinheit, eine so erstaunliche Fähigkeit, schon aus einer halben Silbe alles zu erraten. Er hörte zart zu wie eine Frau. Vor allem verstand er es so zu machen, daß ich mich überhaupt nicht schämte; manchmal fiel er mir ins Wort, und ich mußte bei einem Nebenumstande verweilen; oft unterbrach er mich, um nervös zu wiederholen: „Vergiß nicht die Details, die Hauptsache ist, vergiß nicht die Details: je kleiner ein Zug ist, um so wichtiger kann er mitunter sein.“ Und so unterbrach er mich mehrere Male. Oh, versteht sich, ich erzählte anfangs sehr selbstbewußt und sprach sehr von oben herab über sie, aber bald siegte doch die Wahrheit. Ich erzählte ihm aufrichtig, daß ich am liebsten die Stelle des Fußbodens geküßt hätte – wo ihr Fuß gestanden hatte. Am schönsten, am wunderbarsten war, daß er ohne weiteres verstand, wie man unter der Angst wegen des Dokuments leiden und dabei doch das reine und untadelige Wesen sein konnte, als das ich sie heute vor mir gesehen hatte. Er verstand auch vollkommen die Bezeichnung „Student“. Aber als ich mich schon dem Ende näherte, bemerkte ich, daß durch sein gütiges Lächeln von Zeit zu Zeit eine auffallende Ungeduld, etwas Zerstreutes und Kaltes in seinem Blick aufblitzte. Als ich auf das bewußte „Dokument“ zu sprechen kam, dachte ich bei mir: „Soll ich ihm die Wahrheit sagen oder soll ich nicht?“ – und ich sagte sie ihm nicht, trotz meiner ganzen Begeisterung. Das verzeichne ich hier zur Erinnerung für mein ganzes Leben. Ich erklärte ihm die Sache ebenso, wie ich sie ihr erklärt hatte: daß der Brief von Krafft zerrissen und verbrannt worden wäre. In seine Augen trat ein Brennen, eine sonderbare Falte erschien flüchtig auf seiner Stirn und gab seinem Gesicht etwas Finsteres.

„Erinnerst du dich genau, mein Lieber, daß Krafft diesen Brief verbrannt hat? Täuschest du dich wirklich nicht?“

„Nein, ich täusche mich nicht,“ beteuerte ich.

„Die Sache ist nur die, daß dieser Brief für sie von gar zu großer Wichtigkeit ist, und wenn du ihn heute in der Hand hättest, so könntest du heute noch ...“ (Er sprach es aber nicht aus, was ich „könnte“). „Ja, wie, hast du ihn denn jetzt nicht bei dir?“

Ich zuckte innerlich zusammen, äußerlich aber ließ ich mir nichts merken, zuckte nicht einmal mit der Wimper; aber ich konnte es noch nicht fassen, daß ich wirklich diese Frage gehört hatte.

„Wie das, bei mir? Ob ich ihn jetzt bei mir habe? Aber wenn Krafft ihn doch damals verbrannt hat?“

„Wirklich?“ Er sah mich plötzlich an, mit brennendem, starrem Blick, mit einem Blick, den ich nie vergessen werde.

Übrigens lächelte er gleich darauf, aber seine ganze Güte, die ganze Weiblichkeit dieses Gesichtsausdrucks, mit dem er mir bis dahin zugehört hatte, waren auf einmal verschwunden. In seinem Ausdruck lag etwas Unbestimmtes und Verwirrtes; er wurde immer zerstreuter. Hätte er sich damals mehr in der Gewalt gehabt, so, wie er sich bis zu diesem Augenblick die ganze Zeit in der Gewalt gehabt hatte, so hätte er diese Frage wegen des Briefes bestimmt nicht gestellt; wenn er es aber tat, so geschah das wohl nur deshalb, weil er selbst so außer sich war. So erkläre ich mir das heute, damals aber begriff ich die Veränderung, die in ihm vorging, kaum oder wenigstens nicht so schnell; ich schwebte ja immer noch in Wonne, und in meiner Seele klang immer noch Musik. Mein Erlebnis war zu Ende erzählt; ich sah ihn an.

„Aber eines ist doch merkwürdig,“ sagte er auf einmal, als ich ihm schon alles bis zum letzten Komma erzählt hatte, „sogar sehr merkwürdig, mein Freund: du sagst, du hättest dort zwischen drei und vier mit ihr gesprochen, und Tatjana Pawlowna wäre nicht zu Haus gewesen?“

„Ich war dort von ungefähr acht Minuten nach drei bis halb fünf.“

„Nun, denk dir mal, ich war genau um halb vier bei Tatjana Pawlowna, es war auf die Minute halb vier, und ich sprach mit ihr in der Küche: ich gehe ja zu ihr oft über die näherliegende Hintertreppe hinauf.“

„Wie, Sie haben sie in der Küche getroffen?“ rief ich, unwillkürlich zurückfahrend vor Schreck.

„Ja, und sie erklärte mir, daß sie mich nicht empfangen könne; ich blieb vielleicht zwei Minuten; denn ich hatte bei ihr nur vorgesprochen, um sie zum Essen einzuladen.“

„Vielleicht war sie in dem Augenblick erst zurückgekehrt?“

„Das weiß ich nicht; übrigens nein, das ist ausgeschlossen: sie war in ihrem Morgenrock. Und die Uhr war genau halb vier.“

„Aber ... Hat Tatjana Pawlowna Ihnen nicht gesagt, daß ich da war?“

„Nein, sie hat mir nicht gesagt, daß du da warst ... Sonst hätte ich es schon gewußt und dich nicht hier danach gefragt.“

„Hören Sie, das ist furchtbar wichtig ...“

„Ja ... je nachdem, von welchem Standpunkt aus man es ansieht. Du bist sogar erbleicht, mein Lieber. Doch übrigens, was ist denn hierbei schließlich so wichtig?“

„Man hat sich über mich wie über einen dummen Jungen lustig gemacht!“

„Man hat einfach Angst gehabt vor deinem ‚heißen Temperament‘, wie sie sich selbst ausgedrückt hat – nun, und da ist Tatjana Pawlowna gebeten worden, zur Sicherheit zu Hause zu bleiben.“

„Aber, mein Gott, was ist denn das für ein abgekartetes Spiel gewesen! Hören Sie, dann hat sie mich doch das alles in Gegenwart einer dritten Person sagen lassen, in Gegenwart von Tatjana Pawlowna? – die hat ja dann alles gehört, was ich ihr vorhin gesagt habe! Aber das ... das ist ja schrecklich, sich auch nur vorzustellen!“

C’est selon, mon cher. Und überdies hast du ja selbst vorhin von Weitherzigkeit den Frauen gegenüber gesprochen und noch ausgerufen: ‚Es lebe die Weitherzigkeit, die alles zuläßt!‘“

„Wenn ich Othello wäre und Sie Jago, so hätten Sie nicht besser ... übrigens, ich lache! Von einem Othello kann ja hier gar nicht die Rede sein; denn die Verhältnisse sind ja ganz andere. Und wie sollte ich denn nicht lachen! Mag es doch so gewesen sein! Ich glaube dennoch an das, was unendlich hoch über mir steht, und gebe mein Ideal nicht auf ...! Wenn das ein Scherz von ihr war, so verzeihe ich ihr. Ein Scherz mit einem traurigen Jüngling – nun gut! Ich habe mich ja auch als nichts anderes gegeben. Aber der Student – der Student war doch und ist doch, trotz allem, trotz allem, in ihrem Herzen; – denn wenn er schon einmal in ihrem Herzen, in ihrer Seele war, so ist er es noch und wird es bleiben! Doch genug davon! Hören Sie, was meinen Sie: soll ich nicht lieber gleich zu ihr hinfahren, um die ganze Wahrheit zu erfahren?“

Ich sagte zwar: „Ich lache!“ aber mir standen doch Tränen in den Augen.

„Ja? Fahre nur, mein Freund, wenn du Lust hast.“

„Mir ist, als hätte ich damit meine Seele beschmutzt, daß ich Ihnen das alles erzählt habe. Seien Sie mir nicht böse, Liebster, aber über eine Frau, das sage ich nochmals, über eine Frau kann man einem Dritten nichts anvertrauen; der andere wird das doch nicht verstehen, was man ihm anvertraut. Selbst ein Engel würde das nicht verstehen! Wenn du die Frau achtest – suche dir keinen Vertrauten! Wenn du dich selbst achtest – suche dir keinen Vertrauten! Ich achte mich jetzt selbst nicht. Auf Wiedersehen; ich werde mir das nie verzeihen ...“

„Höre doch auf, Lieber, du übertreibst ja. Du sagst doch selbst, daß ‚nichts geschehen‘ sei.“

Wir traten hinaus auf die Straße am Kanal und nahmen Abschied.

„Wirst du mich denn wirklich nie mit kindlicher Liebe küssen, wie ein Sohn seinen Vater?“ fragte er auf einmal mit einem sonderbaren Beben in der Stimme.

Ich küßte ihn glühend.

„Mein lieber Junge ... Sei immer so reinen Herzens wie heute.“

Ich hatte ihn noch niemals geküßt, und nie hätte ich mir träumen lassen, daß er selbst diesen Wunsch haben könnte.