WeRead Powered by ReaderPub
Sämtliche Werke 7-8 cover

Sämtliche Werke 7-8

Chapter 87: II.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A young man develops an all-consuming personal principle that drives his desire for solitary power and frames his moral thought. He fixes on wealth as a subtle instrument to secure the inward consciousness of strength, imagining possession and eventual renunciation of riches as proof of superiority. The narrative follows his youthful intellectual pride, social rebellion, and emotional immaturity, portraying how theoretical ideas collide with concrete actions and how self-love, ambition, and tentative turns toward religious and ethical reflection shape his search for identity.

Sechstes Kapitel.

I.

Selbstverständlich hinfahren!“ entschied ich, während ich nach Hause eilte, „und zwar sofort hinfahren! Wahrscheinlich werde ich sie ganz allein antreffen, aber auch wenn sie nicht allein sein sollte, gleichviel, man kann sie herausbitten lassen ... Sie wird mich empfangen; sie wird sich wundern, aber empfangen wird sie mich trotzdem! Doch wenn sie nicht will? So werde ich darauf bestehen, werde ihr sagen lassen, daß es dringend nötig ist. Sie wird denken, es handle sich um das Dokument, und schon deshalb wird sie mich empfangen. Und dann werde ich von ihr selbst erfahren, wie das mit dieser Tatjana Pawlowna gewesen ist! Und dann ... Ja, und was dann? Wenn ich ihr unrecht getan habe, so werde ich es tausendfach gutzumachen suchen; wenn ich aber im Recht bin, und sie schuldig ist, dann – dann ist ja sowieso alles aus! Was habe ich zu verspielen? Nichts! Also hinfahren! hinfahren!“

Und doch fuhr ich nicht hin; das werde ich niemals vergessen und werde immer mit Stolz daran zurückdenken. Kein Mensch wird davon erfahren, das wird mit mir begraben werden; aber es genügt, wenn ich selbst weiß, daß ich in diesem Augenblick zu einer solchen Haltung fähig war!

„Es ist eine Versuchung, aber ich lasse sie nicht an mich heran,“ sagte ich mir endlich, nachdem ich mich auf mich selbst besonnen hatte. „Man hat mich mit einer Tatsache erschrecken, durch eine Tatsache überzeugen wollen, ich aber lasse mich auch von einer Tatsache nicht überzeugen und gebe meinen Glauben an ihre Schuldlosigkeit nicht auf! Wozu jetzt hinfahren? Wessen mich noch vergewissern? Wie kann ich von ihr verlangen, daß sie an mich auch so hätte glauben sollen, wie ich an sie glaube? – daß sie mein ‚heißes Temperament‘ nicht hätte fürchten sollen? Nur deshalb hat sie doch Tatjana Pawlowna zu ihrer Sicherheit in der Nähe behalten! Ich habe ja ein solches Vertrauen von ihr noch gar nicht verdient. Mag sie, mag sie auch nicht wissen, daß ich ihr volles Vertrauen verdiene, daß ich allen ‚Versuchungen‘ gewachsen bin und nichts von alledem glaube, was man ihr Schlechtes nachsagt, – dafür weiß ich es, ich, und achte mich deswegen. Ich achte meine eigenen Gefühle. O ja, sie hat es zugelassen, daß ich das alles in Tatjana Pawlownas Gegenwart aussprach, sie wußte, daß Tatjana Pawlowna dort saß und uns belauschte (denn man hört ja doch jedes Wort, wenn man dort sitzt), sie wußte, daß sie dort über mich lachte, – das ist gewiß fürchterlich, oh, fürchterlich ist das! Aber ... aber wenn es für sie anders gar nicht möglich war? Was hätte sie denn in ihrer Lage tun sollen? Und wie darf ich sie deswegen anklagen? Auch ich habe sie doch heute betrogen – in der Sache mit Krafft und dem Brief –, weil es eben nicht anders ging ... so habe ich sie ganz gegen meinen Willen und unvorhergesehenerweise belügen müssen. Mein Gott!“ rief ich plötzlich, mich auf einmal besinnend, und ich errötete heiß vor peinigender Scham, „und ich selbst, was habe ich soeben selbst getan! – Habe ich sie nicht genau so an eine dritte Person verraten, indem ich Werssiloff alles erzählte? Übrigens, nein, was rede ich! Da ist doch ein Unterschied. Es war ja jetzt nur von dem Dokument die Rede, ich habe Werssiloff doch eigentlich nur von dem Dokument erzählt; denn ich hatte ja nichts anderes zu erzählen und konnte auch nichts zu erzählen haben. Habe ich nicht gleich vorausgeschickt und ihm als erstes gesagt, daß zwischen uns ‚nichts, nichts, gar nichts geschehen ist‘? Er ist doch ein Mensch, der alles versteht ...! Hm! Aber was für einen Haß er gegen diese Frau in seinem Herzen trägt, selbst heute noch! Was für ein Drama mag sich damals zwischen ihnen abgespielt haben ...? und aus welchem Grunde? Natürlich aus Eigenliebe! Werssiloff ist und kann ja auch zu gar keinem anderen Gefühl fähig sein, außer zu grenzenloser Eigenliebe!

Dieser letzte Gedanke kam mir damals ganz plötzlich, doch ich beachtete ihn nicht einmal. Das waren die Gedanken, die mir so durch den Kopf gingen, und die sich ganz von selbst einer aus dem anderen ergaben. Dabei war ich vor mir ganz aufrichtig: ich machte mir nichts vor, ich betrog mich nicht. Und wenn ich damals auf etwas nicht verfiel, so geschah das nicht aus Jesuitismus, sondern weil mir die Einsicht fehlte.

Ich langte in ungeheuer belebter Gemütsverfassung in meiner Wohnung an, wußte jedoch selbst nicht, warum ich mich in einer so frohen Stimmung befand, obschon alles unklar in mir war. Aber ich getraute mich nicht, meine Gefühle näher zu untersuchen und gab mir die größte Mühe, an anderes zu denken. Ich ging sogleich zu meiner Wirtin; zwischen ihr und ihrem Mann hatte es tatsächlich einen großen Streit gegeben. Sie war eine hochgradig schwindsüchtige kleine Beamtenfrau, im Grunde vielleicht ein gutmütiger Mensch, aber wie alle Schwindsüchtigen sehr launenhaft. Ich begann sofort Frieden zu stiften, ging zu Tscherwjäkoff, – so hieß der andere Zimmermieter, der grobe pockennarbige Schafskopf und selbstgefällige Bankbeamte, den ich nicht ausstehen konnte, mit dem ich mich aber sonst ganz gut stand, weil ich die Schwäche hatte, mich oft mit ihm zusammen über Pjotr Ippolitowitsch lustig zu machen. Ich redete ihm zu, doch nicht auszuziehen, aber ich glaube, er hätte sich sowieso gar nicht dazu entschlossen. Es endete damit, daß es mir gelang, die Wirtin vollkommen zu beruhigen und ihr außerdem noch das Kopfkissen wunderbar zurechtzulegen. „Pjotr Ippolitowitsch hat das niemals so gut verstanden,“ sagte sie schadenfroh. Darauf begab ich mich mit ihren Senfpflastern in die Küche und bereitete ihr eigenhändig zwei Pflaster. Der arme Pjotr Ippolitowitsch konnte mir bei alledem nur neidisch zusehen: ich erlaubte ihm nicht einmal, auch nur mit dem Finger ein Pflaster anzurühren, und ward für meine Mühe denn auch buchstäblich mit Tränen der Dankbarkeit von ihr belohnt. Aber auf einmal, ich erinnere mich dessen noch genau, wurde mir alles so zuwider, und ich wurde mir bewußt, daß ich gar nicht aus Güte der Kranken geholfen hatte, sondern aus einem ganz anderen Grunde.

Ich wartete mit nervöser Ungeduld auf meinen Schlitten: an diesem Abend wollte ich noch zum letztenmal mein Glück versuchen ... doch ganz abgesehen davon, empfand ich ein schreckliches Bedürfnis zu spielen: es war eine unerträgliche Stimmung. Wenn ich diesen Wunsch nicht gehabt hätte, so hätte ich es nicht ausgehalten und wäre zu ihr gefahren. Der Schlitten mußte bald kommen, aber plötzlich öffnete sich die Tür, und ein ganz unerwarteter Besuch trat ein: Darja Onissimowna. Ich runzelte die Stirn und wunderte mich. Sie kannte meine Wohnung; denn sie war im Auftrage meiner Mutter schon einmal bei mir gewesen. Ich bat sie, Platz zu nehmen und sah sie fragend an. Sie sagte kein Wort, sah mir nur in die Augen und lächelte bedrückt.

„Sie kommen wohl von Lisa?“ fiel es mir plötzlich ein, sie zu fragen.

„Nein, ich komme nur so.“

Ich teilte ihr mit, daß ich gleich fortzufahren beabsichtigte, doch sie antwortete mir, daß sie ja „nur so“ zu mir gekommen sei und sofort wieder gehen werde. Ich weiß nicht, warum sie mir auf einmal leidtat. Ich muß hier bemerken, daß sie von uns allen, von Mama, und besonders von Tatjana Pawlowna, viel Anteilnahme erfahren hatte; aber seit sie bei der Stolbejeff untergebracht war, hatten wir sie fast vergessen, mit Ausnahme vielleicht von Lisa, die sie von Zeit zu Zeit besuchte. Zum Teil lag das wohl an ihr selbst; denn sie besaß die Eigenschaft, sich abzusondern und zurückzuziehen, trotz all ihrer Unterwürfigkeit und ihres schüchtern schmeichelnden Lächelns. Mir persönlich gefiel dieses Lächeln nicht; ich glaubte, daß sie ihr Gesicht immer gleichsam zurechtlegte; ja, ich hatte ihr schon im Herzen den Vorwurf gemacht, daß sie ihrer Olä eigentlich gar nicht sonderlich nachtrauerte. Diesmal aber tat sie mir, ich weiß nicht warum, wirklich leid.

Und siehe da, plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, beugte sie sich vor, senkte den Kopf tief herab, umfaßte mich mit ihren Armen und stützte ihr Gesicht auf meine Knie. Sie ergriff meine Hand, doch nicht, wie ich glaubte, um sie zu küssen, sondern sie drückte sie nur an ihre Augen; und auf einmal brach sie in heiße Tränen aus. Sie erzitterte vor Schluchzen, doch weinte sie lautlos. Mein Herz krampfte sich zusammen, obschon ich mich gleichzeitig ärgerte. Doch sie umschlang mich voll Zutrauen, ohne meinen Ärger zu fürchten, und trotzdem sie mich vorher so ängstlich und unterwürfig angelächelt hatte. Ich bat sie, sich doch zu beruhigen.

„Liebling, ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Sobald die Dämmerung kommt, kann ich es nicht mehr aushalten. Die Dämmerung zieht mich jedesmal auf die Straße, in die Dunkelheit. Und immer wegen der einen Vorstellung. Ich denke dann so bei mir, wenn ich ... wenn ich ... hinausgehe, werde ich sie plötzlich auf der Straße treffen. Und so gehe ich, und mir scheint, ich sehe sie schon. Ich weiß ja, es gehen da ganz andere Leute, aber ich gehe ihnen nach, absichtlich immer nur hinter ihnen, und denke so bei mir: Da, diese da ... ist die nicht ganz wie meine Olä? Und so denk ich und denk ich. Und zuletzt werde ich ganz dumm und taumele nur noch irgendwie weiter ... mir wird ganz übel. Wie eine Betrunkene taumele ich und stoße die Leute an, manche schimpfen. Ich behalte schon alles für mich und gehe zu keinem hin. Denn wohin ich auch gehe, es wird mir nur schlechter. Und jetzt bin ich hier an Ihrem Haus vorbeigekommen, und da dachte ich so bei mir: ‚Ich will doch zu ihm gehen, er ist der beste von allen, und er ist auch damals dabeigewesen.‘ Mein Lieber, verzeihen Sie mir unnützem Menschen, – ich werde ja gleich wieder gehen, ich gehe schon ...“

Sie erhob sich plötzlich und beeilte sich sehr, fortzukommen. Ich ging mit ihr. Als wir hinaustraten, kam mein Schlitten gerade vorgefahren; ich setzte sie hinein und brachte sie nach Haus, in die Wohnung der Stolbejeff.

II.

In der letzten Zeit gab ich dem Spielzirkel des Herrn Serschtschikoff den Vorzug vor allen. Bis dahin hatte ich drei andere Zirkel besucht, immer zusammen mit dem Fürsten, der mich dort eingeführt hatte. In einem dieser Zirkel wurde nur ein kniffliches Hasardspiel gespielt, und zwar mit sehr hohen Einsätzen. Aber dort gefiel es mir nicht: ich sah, daß man da viel Geld haben mußte, und außerdem versammelten sich dort gar zu arrogante Leute und die bekannte goldene Jugend der hohen Aristokratie. Gerade das aber gefiel dem Fürsten; denn er liebte nicht nur das Spiel, sondern liebte es auch, mit solchen hochgeborenen Tollköpfen zu verkehren. Ich hatte übrigens bemerkt, daß er sich, wenn er auch mit mir zusammen hinging, im Laufe des Abends doch möglichst von mir zu entfernen pflegte, und mich mit keinem aus „seinen Kreisen“ bekannt machte. Allerdings benahm ich mich auch wie ein Wilder, und oft geschah es, daß ich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf mich lenkte. Am Spieltisch kam ich wohl manchmal mit dem einen oder anderen ins Gespräch, doch als ich mal in denselben Räumen eines dieser „Herrchen“, mit dem ich am Abend vorher gesprochen und gelacht, und dem ich sogar mit Glück zu zwei bestimmten Karten geraten hatte, am anderen Tage begrüßen wollte, schien er mich einfach überhaupt nicht wiederzuerkennen. Ja, schlimmer noch: er sah mich mit gemachter Verwunderung an und schritt lächelnd an mir vorüber. Deshalb ging ich denn auch nicht mehr hin und besuchte seitdem mit Leidenschaft eine Kloake – anders kann ich diese Spielhölle nicht benennen. Es war das eigentlich ein ziemlich unbedeutender Roulettezirkel in der Wohnung einer Kokotte, die jedoch selbst niemals im Saal erschien. Dort herrschte ein sehr freier Ton, obgleich der Zirkel von Offizieren und reichen Kaufleuten besucht wurde, und es ging alles sehr schmierig zu, was übrigens manche gerade anzog. Außerdem hatte ich dort häufig Glück im Spiel. Aber auch diesen Zirkel verließ ich nach einer sehr widerwärtigen Geschichte, die dort einmal mitten im Spiel angefangen und mit einer richtigen Prügelei zwischen zwei Spielern geendet hatte. Und seitdem besuchte ich den Zirkel Serschtschikoffs, in den mich übrigens gleichfalls der Fürst eingeführt hatte. Serschtschikoff war Rittmeister außer Diensten. Der Ton in seinem Zirkel war sehr erträglich: militärisch, peinlich in der Beobachtung alles dessen, was mit Ehrbegriffen zu tun hatte, kurz und sachlich. Witzbolde und Trinker wurden nicht geduldet. Außerdem spielte man da nicht zum Spaß! Es wurde dort nur Roulette gespielt. Vor diesem Abend des fünfzehnten November war ich erst zweimal dagewesen, doch Serschtschikoff kannte mich, glaube ich, schon dem Ansehen nach; aber Bekannte hatte ich dort gar keine. Auch der Fürst und Darsan erschienen an diesem Abend erst um Mitternacht – sie kamen aus dem Zirkel jener aristokratischen Galgenstricke, den ich nicht mehr besuchte, und so war ich denn an diesem Abend ein Unbekannter unter Unbekannten.

Wenn ich einen Leser hätte, und der Betreffende hätte alles das, was ich von meinen Erlebnissen bisher erzählt habe, schon gelesen, so brauchte ich ihm jetzt wohl nicht mehr zu erklären, daß ich für keine einzige Art von gesellschaftlichem Verkehr geschaffen bin. Ich verstehe überhaupt nicht mich in Gesellschaft zu benehmen. Wenn ich irgendwo hinkomme, wo viele Menschen sind, so fühle ich sofort, wie alle Blicke mich beunruhigen. Ich winde mich förmlich unter diesen Blicken, auch im Theater und in ähnlichen Versammlungen, und vor allem natürlich in Privatgesellschaften. In all diesen Spielsälen und Zirkeln habe ich mir entschieden keine gesellschaftliche Haltung anzueignen verstanden: bald sitze ich da und mache mir Vorwürfe wegen meiner übertriebenen Höflichkeit und Weichheit, bald raffe ich mich plötzlich auf und begehe irgendeine Dummheit. Und doch verstehen selbst die größten Nichtsnutze, die im Vergleich zu mir einfach Dummköpfe sind, sich überall mit vorzüglicher Haltung zu bewegen. Das war es, was mich am meisten kränkte, und war der Grund, weshalb ich meine Kaltblütigkeit immer mehr verlor. Ich sage es offen: nicht nur jetzt, sondern schon damals wurde mir diese ganze Gesellschaft und das ganze Spiel, ja selbst das Gewinnen, wenn ich aufrichtig sein soll, – zum Ekel, zur Qual. Einfach – zur Qual. Ich empfand allerdings einen ungeheuren Genuß dabei, aber für diesen Genuß mußte ich diese ganze Qual in den Kauf nehmen. Alle diese Leute, das Spiel und ich selbst erschienen mir gemein und schmutzig. „Sobald ich gewonnen habe, spucke ich auf das alles!“ sagte ich mir jedesmal, wenn ich nach durchspielter Nacht in meiner Wohnung bei Morgengrauen zu Bett ging. Und was nun das Gewinnen an sich betrifft, so ist vor allem das eine zu bedenken: daß ich Geld überhaupt nicht mag. Das heißt, ich will nicht die alten Gemeinplätze wiederholen, die bei solchen Erklärungen üblich sind: daß ich nur aus Liebe zum Spiel, aus Leidenschaft, also nur wegen der Aufregung und um des Wagnisses willen, und nicht aus pekuniären Gründen gespielt hätte. Ich hatte das Geld schrecklich nötig, und obschon dieser Spielerweg nicht zu meiner Idee paßte, so hatte ich doch beschlossen, es auf ihm wenigstens zur Probe zu versuchen. Dabei verwirrte mich aber ein schwerwiegender Gedanke: „Du hast dich doch schon überzeugt, daß du ein Millionär werden kannst, daß du den dazu erforderlichen Charakter besitzt, du hast doch diese Charakterprobe bestanden; so bestehe sie doch auch hier; sollte man denn zum Roulette wirklich mehr Charakter brauchen als zur Ausführung deiner Idee?“ Das war es, was ich mir immer wieder sagte. Ich halte bis heute an der Überzeugung fest, daß man beim Hasardspiel, wenn man nur seine vollkommene Ruhe zu bewahren vermag – und damit die ganze Schärfe seines Verstandes und seiner Berechnung –, daß man dann die Unschlauheit des blinden Zufalls besiegen und im Spiel gewinnen muß. Und da ich an dieser Überzeugung festhielt, so regte es mich um so mehr auf, als ich sah, wie mein Charakter immer wieder versagte und ich mich wie ein ganz kleiner Junge fortreißen ließ: „Ich, der ich dem Hunger gewachsen gewesen bin, ich sollte nun plötzlich dieser Dummheit nicht gewachsen sein!“ Das reizte mich fürchterlich. Dazu kam nun noch das Bewußtsein, daß ich, wie gering und lächerlich ich auch erscheinen mochte, doch diesen Schatz an Kraft in mir trug, der sie einmal alle zwingen würde, ihre Meinung über mich zu ändern, daß dieses Bewußtsein schon seit meinen Kinderjahren die einzige Quelle meines Lebens, mein Licht, mein Stolz, meine Waffe und mein Trost gewesen war; sonst hätte ich mir vielleicht schon als Knabe das Leben genommen! Und wie sollte ich darum nicht gegen mich selbst erbittert sein, als ich nun sah, in was für ein klägliches Geschöpf ich mich am Spieltisch verwandelte? Das war auch der Grund, warum ich vom Spiel nicht lassen konnte, – das ist mir jetzt ganz klar. Doch außer diesen Sorgen quälte mich noch kleinliche Eigenliebe: daß ich im Spiel verlor, erniedrigte mich auch vor anderen, vor dem Fürsten, vor Werssiloff, obgleich dieser es nicht der Mühe für wert hielt, ein Wort darüber zu verlieren, nicht einmal Tatjana Pawlowna gegenüber – so schien es mir, so empfand ich es wenigstens. Und nun zum Schluß noch ein Geständnis: dieses Leben hatte mich schon verdorben; es fiel mir bereits schwer, auf ein Mittagessen von sieben Gängen im Restaurant zu verzichten, auf meinen Schlitten, auf das englische Herrengeschäft, auf die Meinung meines französischen Coiffeurs, kurz, auf diesen ganzen Luxus. Ich war mir dessen schon damals bewußt, doch ich wollte mir darüber keine Gedanken machen; jetzt freilich, wo ich das niederschreibe, erröte ich vor mir selbst.

III.

Ich trat ein und kam in einen Haufen unbekannter Menschen, ließ mich an der Ecke des Tisches nieder und setzte nur kleine Beträge. So saß ich zwei Stunden, ohne mich zu rühren. In diesen zwei Stunden war das Spiel flau und unbelebt. Ich ließ außergewöhnliche Chancen vorbeigehen, und gab mir Mühe, mich nicht zu erhitzen, sondern durch Kaltblütigkeit und Sicherheit zu gewinnen. Das Ergebnis war, daß ich in diesen zwei Stunden schließlich weder verloren noch gewonnen hatte: von dreihundert Rubeln hatte ich im ganzen vielleicht zehn bis fünfzehn Rubel verspielt. Dieser klägliche Erfolg ärgerte mich, und außerdem war noch eine widerwärtige Geschichte dazwischengekommen. Ich wußte, daß man in diesen Spielzirkeln häufig Diebe trifft, das heißt, nicht Diebe von der Straße, sondern Diebe unter den Spielern selbst. Ich bin zum Beispiel überzeugt, daß der bekannte Spieler Aferdoff ein Dieb ist; er spielt sogar eine Rolle in Petersburg, und ich habe ihn noch vor kurzem in seinem Ponygespann fahren sehen, aber er ist doch ein Dieb und hat mich bestohlen! Auf diese Geschichte werde ich später zurückkommen; an dem Abend gab es erst nur ein Vorspiel dazu. Ich saß, wie gesagt, zwei Stunden an der Ecke des Tisches, und links neben mir saß die ganze Zeit ein schäbiger kleiner Stutzer, wenn ich nicht irre, ein Jüdchen; übrigens ist er irgendwo angestellt, außerdem schriftstellert er und wird sogar gedruckt. Im letzten Augenblick gewann ich ganz unerwartet noch zwanzig Rubel. Zwei rote Scheine lagen vor mir auf dem Tisch, und plötzlich sehe ich, wie dieses Jüdchen die Hand ausstreckt und ruhig den einen der beiden Scheine nimmt. Ich protestierte natürlich, er aber erklärte mir mit der unverschämtesten Sicherheit und ohne die Stimme zu erheben, daß es sein Gewinn sei, er hätte soeben gleichfalls gesetzt und gewonnen; und damit kehrte er mir den Rücken, als hätte er nicht die Absicht, das Gespräch mit mir fortzusetzen. Zum Unglück war ich in dem Augenblick in einer sonderbaren Stimmung: ich hatte gerade einen vorzüglichen Einfall gehabt, war im Begriff gewesen, aufzustehen, und da ich keine Lust hatte, mit dem Judenjüngling zu streiten, so schenkte ich ihm einfach den Roten. Übrigens wäre es auch schwierig gewesen, diesem frechen Diebe gegenüber noch mein Recht zu behaupten; denn ich hatte den Augenblick schon verpaßt: das Spiel begann bereits von neuem. Damit hatte ich nun einen sehr großen Fehler begangen, dessen Folgen sich später zeigen sollten: drei bis vier Spieler neben uns hatten unseren Wortwechsel gehört, und als sie sahen, daß ich so leicht nachgab, hielten sie wahrscheinlich mich für einen solchen Dieb. Es war gerade zwölf Uhr. Ich ging in das Nebenzimmer, dachte nach, legte mir meinen neuen Plan zurecht und kehrte wieder zurück. Beim Bankhalter wechselte ich mein Papiergeld in Halbimperiale um. Ich hatte nun ungefähr vierzig Halbimperiale in Gold. Ich teilte sie in zehn Häufchen ein und beschloß, zehnmal hintereinander auf Zero zu setzen, jedesmal vier Halbimperiale. „Gewinne ich, so ist das mein Glück, verliere ich, – um so besser; dann werde ich nie mehr spielen.“ Ich muß hier bemerken, daß in den ganzen zwei Stunden Zero noch kein einziges Mal herausgekommen war, weshalb niemand mehr auf Zero zu setzen wagte.

Ich setzte stehend, schweigend, mit gerunzelter Stirn und zusammengebissenen Zähnen. Nach meinem dritten Satz rief Serschtschikoff laut: „Zero!“ – an diesem Abend zum erstenmal. Mir wurden vierzig Halbimperiale in Gold auf den Tisch gezählt. Ich hatte nun von meinen zehn zurechtgelegten Einsätzen noch sieben, und ich setzte weiter, aber schon begann sich alles im Kreise um mich zu drehen und zu tanzen.

„Kommen Sie hierher!“ rief ich über den ganzen Tisch hin einem Spieler zu, der vorhin neben mir gesessen hatte, einem Herrn im Frack, mit grauem Schnurrbart und kupferrotem Gesicht, der mit unbeschreiblicher Geduld schon seit einigen Stunden kleine Summen setzte und Einsatz um Einsatz verlor. „Kommen Sie hierher! Hier ist Glück!“

„Meinen Sie mich?“ fragte vom anderen Ende des Tisches der alte Schnauzbart mit drohender Verwunderung.

„Ja, Sie! Dort verspielen Sie ja alles bis aufs Hemd!“

„Das ist nicht Ihre Sache, und ich bitte Sie, mich gefälligst in Ruhe zu lassen!“

Doch ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Mir gegenüber an der anderen Seite des Tisches saß ein älterer Offizier. Er sah meinen Goldhaufen an und bemerkte halblaut zu seinem Nachbar:

„Sonderbar, Zero. Nein, auf Zero zu setzen könnte ich mich nicht entschließen.“

„Entschließen Sie sich nur, Herr Oberst!“ rief ich ihm zu und setzte von neuem auf Zero.

„Ich bitte Sie, auch mich in Ruhe zu lassen und Ihre Ratschläge für sich zu behalten,“ schnitt er mir scharf das Wort ab. „Sie sind hier auffallend laut,“ fügte er noch hinzu.

„Ich gebe Ihnen ja nur einen guten Rat. Wetten wir, daß jetzt wieder Zero kommt? Hier – zehn Goldstücke! Wollen Sie wetten?“

Und ich schob ihm zehn Halbimperiale hin.

„Auf zehn Goldstücke wetten? Meinetwegen,“ sagte er trocken und streng. „Ich wette mit Ihnen, daß diesmal nicht Zero kommt.“

„Zehn Louisdor, Oberst.“

„Was soll das heißen, Louisdor?“

„Ich meine zehn Halbimperiale, Oberst, oder, wenn das besser klingt, zehn Louisdor.“

„Dann sagen Sie Halbimperiale und lassen Sie Ihre Scherze.“

Ich hoffte selbstverständlich nicht, die Wette zu gewinnen: sechsunddreißig Chancen gab es gegen eine, daß Zero nicht herauskam; ich wettete aber, um mich wichtig zu machen, um die Aufmerksamkeit aller auf mich zu lenken. Ich fühlte nur zu sehr, daß alle mich hier aus irgendeinem Grunde nicht mochten, und daß man mich dies mit besonderem Vergnügen fühlen ließ. Die Roulette drehte sich, und – wie groß war das allgemeine Erstaunen, als wieder Zero herauskam! Man schrie fast auf! Von dem Augenblick an war ich dem Rausch des Gewinners verfallen. Wieder wurden mir hundertundvierzig Halbimperiale vorgezählt. Serschtschikoff fragte mich, ob ich nicht einen Teil in Banknoten ausgezahlt haben wollte, und ich murmelte darauf etwas vollkommen Unverständliches, da ich buchstäblich nicht mehr ruhig und sachlich sprechen konnte. Mir schwindelte, und ich empfand ein Schwächegefühl in den Knien. Ich fühlte plötzlich, daß ich jetzt alles wagen würde; am liebsten hätte ich noch jemandem eine Wette angeboten oder einige tausend Rubel auf einmal gesetzt. Mechanisch scharrte ich mit der Hand die Banknoten und das Gold zusammen, konnte mich aber nicht dazu aufraffen, das Geld zu zählen. In diesem Augenblick bemerkte ich hinter mir den Fürsten und Darsan: sie waren soeben aus ihrem Hasardzirkel gekommen und hatten, wie ich später erfuhr, ihr ganzes Geld verspielt.

„Ah, Darsan,“ rief ich ihm zu, „hier ist Glück! Setzen Sie auf Zero!“

„Kann nicht, hab’ alles verspielt,“ antwortete er trocken. Der Fürst tat einfach, als bemerke und kenne er mich nicht.

„Hier ist doch Geld!“ rief ich und zeigte auf meinen Goldhaufen. „Wieviel brauchen Sie?“

„Zum Teufel!“ rief Darsan wütend und wurde feuerrot. „Ich habe Sie, glaub ich, nicht um Ihr Geld gebeten!“

„Sie werden gerufen,“ sagte neben mir Serschtschikoff und zog mich am Ärmel.

Ich war von dem Oberst, der in der Wette mit mir zehn Halbimperiale verloren hatte, schon einigemal und fast grob angerufen worden.

„Nehmen Sie es gefälligst!“ rief er ganz rot vor Zorn. „Ich bin nicht verpflichtet, auf Sie zu warten, bis Sie das Geld eingesteckt haben ... Sonst sagen Sie nachher, Sie hätten es nicht bekommen. Hier ist die Summe. Zählen Sie nach.“

„Ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen, Oberst, ich glaube Ihnen auch so, ohne nachzuzählen; ich bitte Sie nur, mich nicht so anzuschreien und sich nicht so zu ärgern,“ sagte ich und strich das Häufchen Gold mit der Hand zusammen.

„Mein Herr, bleiben Sie mir gefälligst mit Ihrer Familiarität vom Halse!“ schnauzte mich der Oberst scharf an. „Ich habe mit Ihnen noch nicht Schweine gehütet!“

„Sonderbar, daß man solche Menschen überhaupt zuläßt! – Wer ist das eigentlich ...? Irgendein Jüngling,“ hörte ich halblaut sprechen.

Aber ich achtete nicht darauf, ich setzte blindlings weiter, jedoch nicht mehr auf Zero. Ich setzte einen ganzen Packen regenbogenfarbener Scheine auf die ersten achtzehn Nummern.

„Fahren wir, Darsan,“ hörte ich hinter mir die Stimme des Fürsten.

„Sie fahren nach Haus?“ fragte ich, indem ich mich schnell nach ihnen umwandte. „Warten Sie auf mich, wir fahren zusammen, ich mache hier Schluß!“

Mein Einsatz gewann; das brachte mir wieder eine große Summe.

„Basta!“ rief ich und begann mit zitternden Händen das Gold in meinen Taschen unterzubringen, ohne es zu zählen. Die Haufen von Banknoten knitterte ich mit den Fingern irgendwie zusammen, um sie in meine Seitentasche zu stecken. Plötzlich legte sich die dicke beringte Hand Aferdoffs, der unmittelbar neben mir saß und auch hohe Einsätze gemacht hatte, auf drei meiner regenbogenfarbenen Hundertrubelscheine und deckte sie zu.

„Erlauben Sie, die gehören nicht Ihnen,“ sagte er ernst, langsam und deutlich, doch mit weicher Stimme.

Und damit begann jenes Vorspiel, das ein paar Tage später solche Folgen nach sich ziehen sollte. Heute kann ich bei meiner Ehre schwören, daß diese drei Banknoten mir gehörten, damals aber wollte es mein Unglück, daß ich zwar glaubte, sie gehörten mir, aber leider nicht ganz fest davon überzeugt war: ein leiser Zweifel war doch noch in mir, und für einen anständigen Menschen bedeutet das alles. Und ich bin ein anständiger Mensch. Auch wußte ich damals noch nicht, daß Aferdoff ein Dieb war; ich kannte nicht einmal seinen Namen, und in dem Augenblick konnte ich wirklich glauben, daß ich mich getäuscht hätte, und diese drei Banknoten nicht zu denen gehörten, die mir soeben ausgezahlt worden waren. Ich hatte mein in Haufen liegendes Geld nicht gezählt und nur so mit den Händen zusammengescharrt. Vor Aferdoff aber hatte die ganze Zeit gleichfalls Geld gelegen, gerade neben dem meinen, nur mit dem Unterschied, daß sein Geld geordnet und gezählt war. Doch Aferdoff war hier bekannt, man hielt ihn für reich und benahm sich ihm gegenüber mit Ehrerbietung: das beeinflußte nun auch mein Verhalten, und ich protestierte wieder nicht. Es war ein großer Fehler von mir! Die größte Schweinerei aber bestand darin, daß ich von Spiel und Gewinn so berauscht war.

„Es tut mir sehr leid, daß ich das nicht genau weiß, aber es scheint mir durchaus mein Geld zu sein,“ sagte ich, und meine Lippen zitterten vor Unwillen. Diese Worte riefen sofort allgemeines Murren hervor.

„Um so etwas zu behaupten, muß man es ganz genau wissen, Sie aber sagen ja selbst, daß Sie es nicht genau wissen,“ bemerkte Aferdoff in unerträglich herablassendem Ton.

„Wer ist das eigentlich? Wie darf er sich so etwas erlauben?“ hörte man rufen.

„Das passiert ihm nicht zum erstenmal; vorhin hatte er mit Rechberg auch so eine Geschichte wegen eines Zehnrubelscheins,“ ließ sich eine gemeine Stimme neben mir vernehmen.

„Schon gut, schon gut!“ rief ich, „ich sage ja nichts, nehmen Sie sie nur! Fürst ... wo sind denn der Fürst und Darsan geblieben? Sind sie fortgegangen? Meine Herren, haben Sie nicht gesehen, wohin der Fürst und Darsan gegangen sind?“ Und nachdem es mir endlich gelungen war, mein ganzes Geld in meinen Taschen unterzubringen – ein paar Goldstücke behielt ich noch in der Hand –, eilte ich Darsan und dem Fürsten nach. Der Leser dürfte daraus wohl ersehen, daß ich mich nicht schone und in diesem Augenblick mit jeder häßlichen Einzelheit selbst zeichne, damit man verstehe, was daraus folgte.

Der Fürst und Darsan gingen bereits die Treppe hinunter, ohne mein Rufen auch nur im geringsten zu beachten. Ich hätte sie beinahe eingeholt, doch hielt ich mich einen Augenblick beim Portier auf, um ihm, weiß der Teufel warum, die drei Goldstücke in die Hand zu drücken; er sah mich nur verwundert an und dankte mir nicht einmal. Aber das war mir gleichgültig – und wenn mein Kutscher dagewesen wäre, so hätte ich ihm sicher eine ganze Hand voll Gold gegeben; ja, ich glaube, ich wollte es auch schon tun, aber als ich auf die Vorfahrt hinaustrat, fiel mir ein, daß ich ihn vorhin fortgeschickt hatte. In dem Augenblick fuhr der Traber des Fürsten vor, und er stieg in den Schlitten.

„Ich fahre mit, Fürst, ich komme zu Ihnen!“ rief ich und schlug die Schlittendecke zurück, um gleichfalls einzusteigen; doch statt meiner sprang plötzlich Darsan in den Schlitten, und der Kutscher riß mir die Decke aus der Hand und deckte die Herren zu.

„Zum Teufel!“ schrie ich außer mir. Es war ja, als hätte ich wie ein Diener für Darsan die Decke gehalten!

„Nach Haus!“ rief der Fürst dem Kutscher zu.

„Halt!“ brüllte ich und klammerte mich an den Schlitten, doch das Pferd zog an, und ich fiel in den Schnee. Mir schien, daß sie beide lachten. Ich sprang auf und nahm den nächsten vorbeifahrenden Schlitten. Ich trieb den Kutscher zur größten Schnelligkeit an und jagte nach dem Hause des Fürsten.

IV.

Aber wie zum Trotz kam der Gaul kaum vom Fleck, obgleich ich dem Kutscher einen ganzen Rubel Trinkgeld versprach, und der Gaul von ihm für mindestens einen Rubel Peitschenhiebe bekam. Mein Herz drohte stillezustehen. Ich wollte dem Kutscher etwas sagen, aber ich konnte noch kein vernünftiges Wort hervorbringen. In diesem Zustande stürzte ich in das Zimmer des Fürsten, der kurz vor mir angekommen war. Er hatte Darsan nach Hause gebracht und war allein. Bleich und erregt schritt er im Kabinett auf und ab. Wie gesagt: er hatte furchtbar viel verloren. Er sah mich mit einer sonderbar zerstreuten Verwunderung an.

„Sind Sie schon wieder da?“ stieß er unmutig hervor, und sein Gesicht verfinsterte sich.

„Ja, – um mit Ihnen zu einem Ende zu kommen, mein Herr!“ sagte ich atemlos. „Wie konnten Sie sich unterstehen, sich so gegen mich zu benehmen?“

Er sah mich fragend an.

„Wenn Sie die Absicht hatten, mit Darsan zu fahren, so hätten Sie mir sagen sollen, daß Sie mit ihm fahren wollten. Sie aber gaben nur dem Kutscher den Befehl, und ich ...“

„Ach ja, Sie fielen, glaub ich, in den Schnee!“ Und er lachte mir ins Gesicht.

„Darauf antwortet man mit einer Forderung! Deshalb will ich mit Ihnen zuerst – abrechnen.“

Und ich holte mit zitternden Händen mein Geld hervor und legte es auf den Diwan, auf ein Marmortischchen, auf ein offenes Buch, legte es in Haufen hin, handvollweise, in Gold und Banknoten; einige Goldstücke rollten auf den Teppich.

„Ach richtig, Sie haben ja gewonnen. Deshalb! Das merkt man an Ihrem Ton!“

Noch nie hatte er so unverschämt zu mir gesprochen. Ich fühlte, wie ich erbleichte.

„Da ... ich weiß nicht, wieviel das ist ... man müßte es zählen. Ich schulde Ihnen an dreitausend ... oder wieviel ...? War es mehr oder weniger?“

„Ich habe Sie meines Wissens nicht ersucht, mir dieses Geld zurückzugeben.“

„Nein, es ist mein eigener Wunsch, und Sie wissen, warum. Hier, dieses Paket Banknoten enthält tausend Rubel,“ fuhr ich fort, und begann mit zitternden Fingern die Scheine zu zählen, gab es aber auf. „Einerlei, ich weiß ja doch, daß es tausend Rubel sind. Nun, diese Tausend behalte ich für mich, das übrige, diesen Haufen da, nehmen Sie, zur Begleichung meiner Schuld, das heißt, als Teil meiner Schuld: es müssen, denke ich, an zweitausend sein oder vielleicht auch mehr.“

„Aber ein Tausend behalten Sie doch für sich?“ bemerkte der Fürst mit höhnischem Lächeln.

„Brauchen Sie es denn? In dem Falle ... ich wollte ... ich dachte, Sie wünschten es nicht ... doch, wenn Sie es brauchen, so ...“

„Nein, ich brauche es nicht, behalten Sie’s nur!“ Er wandte mir mit Verachtung den Rücken und begann im Zimmer auf und ab zu schreiten. „Und der Teufel weiß, wie Sie überhaupt darauf kommen, mir das Geld zurückzugeben?“ Er drehte sich plötzlich wieder zu mir um und sah mich mit brutaler Herausforderung an.

„Ich gebe es Ihnen zurück, weil ich Sie zur Rechenschaft ziehen will!“ fuhr ich nun meinerseits wütend auf.

„Scheren Sie sich zum Teufel mit Ihren großartigen Worten und Gesten!“ schrie er mich plötzlich an und stampfte mit dem Fuß wie außer sich. „Ich wollte Sie beide schon lange hinauswerfen: Sie und Ihren Werssiloff!“

„Sie sind wohl wahnsinnig!“ rief ich; denn er sah wirklich danach aus.

„Sie haben mich fast zu Tode gequält mit Ihren großartigen Phrasen: jawohl, Phrasen, nichts als Phrasen! Über die Ehre zum Beispiel! Pfui Teufel! Schon lange wollte ich damit ein Ende machen! Ich freue mich, ich freue mich, daß endlich der Augenblick gekommen ist. Ich hielt mich für gebunden und schämte mich, daß ich Sie beide empfangen mußte ... Sie beide! Aber jetzt halte ich mich durch nichts mehr für gebunden, durch nichts, durch nichts, haben Sie verstanden?! Ihr Werssiloff hat mich aufgehetzt, die Achmakoff bloßzustellen. Und nach alledem wagen Sie noch, Sie und Werssiloff, mir von Ehre zu sprechen! Sie, die selbst ehrlos sind ... alle beide, alle beide! Haben Sie sich denn etwa geschämt, von mir Geld anzunehmen?“

Es wurde mir dunkel vor den Augen.

„Ich nahm es von Ihnen als Freund,“ begann ich furchtbar leise. „Sie haben es mir doch selbst angeboten, und ich glaubte an Ihre Zuneigung ...“

„Ich bin nicht ‚Freund‘ so eines Menschen wie Sie! Ich habe Ihnen Geld gegeben, aber doch nicht aus dem Grunde! Sie wissen ja selbst, warum ich es Ihnen gegeben habe ...“

„Ich habe es auf Werssiloffs Konto genommen; freilich, das war dumm von mir, aber ich ...“

„Sie konnten es nicht auf Werssiloffs Konto nehmen, ohne seine Erlaubnis, und ich hätte Ihnen sein Geld auch gar nicht ohne seine Erlaubnis geben dürfen ... Ich habe Ihnen mein Geld gegeben, und das wußten Sie; Sie wußten das und nahmen das Geld doch, und ich habe diese ganze verhaßte Komödie in meinem Hause ertragen müssen ...“

„Was soll ich gewußt haben? Welche Komödie? Wofür haben Sie mir denn das Geld gegeben?“

Pour vos beaux yeux, mon cousin![49] lachte er mir gerade ins Gesicht.

„Teufel!“ brüllte ich. „Nehmen Sie doch alles, hier! – Da ist auch dieses Tausend noch! So, jetzt sind wir quitt, und morgen ...“

Und ich schleuderte ihm das Paket mit den Hundertrubelscheinen zu, die ich für mich hatte zurückbehalten wollen. Das Paket traf seine Weste und fiel zu Boden. Er trat schnell mit drei großen Schritten schnurstracks und drohend an mich heran.

„Wagen Sie zu behaupten,“ sagte er in tierischer Wut, jede Silbe scharf hervorstoßend, „daß Sie den ganzen Monat das Geld von mir genommen hätten, ohne zu wissen, daß Ihre Schwester von mir schwanger ist?“

„Wie? Was!“ schrie ich auf, und plötzlich wurden mir die Füße so schwach, daß ich kraftlos auf den Diwan sank. Er selbst hat mir später gesagt, ich sei so weiß geworden wie ein Handtuch. Mein Verstand wurde irr. Ich weiß noch, wir sahen einander lange schweigend in die Augen, und ich sah, wie ein Schrecken auf einmal über sein Gesicht lief; er beugte sich plötzlich vor und faßte mich an den Schultern, um mich zu halten. Ich sehe noch heute sein erstarrtes Lächeln: es lag Mißtrauen in ihm und Verwunderung. Ja, er hatte nicht erwartet, daß seine Worte einen solchen Eindruck auf mich machen würden, da er von meiner Schuld fest überzeugt war.

Ich wurde ohnmächtig, aber nur für einen Augenblick; ich kam gleich wieder zu mir, richtete mich auf, sah ihn an und versuchte, meine Gedanken zu sammeln – und plötzlich offenbarte sich mir die ganze Furchtbarkeit der Wahrheit, und ich erwachte gleichsam aus einem langen Schlaf! Hätte man mir das früher gesagt und mich gefragt, was ich in dem Falle täte, ich hätte wahrscheinlich geantwortet, daß ich diesen Menschen in Stücke zerreißen würde. Doch es geschah etwas ganz anderes, ganz gegen meinen Willen: ich schlug auf einmal meine Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus. Ich weinte bitterlich. Das geschah so ganz von selbst. In dem jungen Menschen kam plötzlich das Kind zum Vorschein. Dieses kleine Kind beherrschte damals noch reichlich die Hälfte meiner Seele. Ich warf mich auf den Diwan und schluchzte. „Lisa! Lisa! Arme, unglückliche Lisa!“ Da glaubte mir der Fürst auf einmal alles.

„Mein Gott, wie habe ich Ihnen unrecht getan!“ rief er mit tiefem Schmerz. „Oh, wie niedrig habe ich von Ihnen gedacht in meinem Mißtrauen ... Können Sie mir verzeihen, Arkadi Makarowitsch!“

Ich sprang plötzlich auf, wollte ihm etwas sagen, trat auch auf ihn zu, brachte aber kein Wort hervor – und stürzte aus dem Zimmer, aus dem Hause. Ich weiß, daß ich zu Fuß heimging, aber ich erinnere mich nicht mehr, wie ich nach Hause kam. Ich warf mich auf mein Bett, grub mein Gesicht in das Kissen, und so verharrte ich in der Dunkelheit und grübelte, grübelte. In solchen Augenblicken denkt man nie vernünftig und folgerichtig. Mein Verstand und meine Phantasie waren wie abgerissene Fäden, und ich erinnere mich noch, daß mir Gott weiß was für ganz nebensächliche Dinge durch den Kopf gingen. Aber Kummer und Leid traten wieder mit Schmerz und dumpfem Weh in mein Bewußtsein, und ich rang die Hände und rief: „Lisa, Lisa!“ und brach wieder in Tränen aus. Ich weiß nicht mehr, wie ich einschlief, aber ich schlief fest und süß.