Gleich nach Dmitrij Fedorowitsch stürzten auch Grigorij und Ssmerdjäkoff in den Saal. Sie waren es gewesen, die sich ihm im Vorzimmer entgegengestellt hatten, um ihn nicht hereinzulassen (infolge der ausdrücklichen Anweisung Fedor Pawlowitschs, die dieser schon vor etlichen Tagen gegeben hatte). Grigorij benutzte es, daß Dmitrij Fedorowitsch unschlüssig stehen blieb, um sich im Saale umzublicken, und lief zu der Tür, die dem Eingange gegenüber lag, und die zu den anderen Zimmern, dem Kabinett und dem Schlafzimmer Fedor Pawlowitschs führte: er schloß beide Türflügel und stellte sich dann mit ausgebreiteten Armen davor, als ob er bereit gewesen wäre, diesen Eingang bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Als Dmitrij Fedorowitsch das bemerkte, stieß er einen heiseren, kurzen Schrei aus und stürzte sich auf Grigorij.
„Also dort ist sie! Dort hat man sie versteckt! Fort, Schuft!“
Er wollte Grigorij fortreißen, doch der stieß ihn zurück. Außer sich vor Jähzorn, holte Dmitrij Fedorowitsch weit aus und schlug den alten Diener mit aller Kraft aufs Haupt. Grigorij brach zusammen und fiel zu Boden, Dmitrij Fedorowitsch aber, der über ihn hinwegsprang, stieß die Tür auf und stürzte in die anderen Zimmer. Ssmerdjäkoff blieb im Saal zurück, war bleich und zitterte, und hielt sich ganz fern in einer Ecke.
„Sie ist hier!“ schrie Dmitrij Fedorowitsch. „Ich habe selbst gesehen, wie sie um die Hausecke bog, nur konnte ich sie nicht einholen. Wo ist sie? Wo ist sie?“
Dieser Schrei: „Sie ist hier!“ machte einen unglaublichen Eindruck auf Fedor Pawlowitsch. Die ganze Angst und der höllische Schrecken verließen ihn mit einemmal.
„Halt ihn, halt ihn!“ gröhlte er und jagte Dmitrij Fedorowitsch nach.
Grigorij hatte sich inzwischen erhoben, doch schien er noch nicht recht zu sich zu kommen. Iwan Fedorowitsch und Aljoscha liefen eilig ihrem Vater nach. Da hörte man im dritten Zimmer etwas fallen und klirrend zerschlagen: es war eine große Vase (keine von den teueren), die auf einem hohen Marmorsockel stand, und die Dmitrij Fedorowitsch beim Vorüberlaufen umgeworfen hatte.
„Pack ihn!“ schrie der Alte heiser. „Zu Hilfe! Polizei!“
Doch Iwan Fedorowitsch und Aljoscha holten schon den Alten ein und brachten ihn mit Gewalt in den Saal zurück.
„Wozu laufen Sie ihm nach! Damit er Sie unfehlbar erschlägt!“ rief Iwan Fedorowitsch zornig seinem Vater zu.
„Wanjetschka, Ljoschetschka, sie soll hier sein, hier, Gruschenka! Er sagt, er habe sie selbst gesehen, habe gesehen, wie sie hergelaufen ist ...“
Er verschluckte sich. Er hatte diesmal Gruschenka gar nicht erwartet, und nun machte ihn die plötzliche Nachricht, daß sie gekommen sei, ganz verrückt. Er zitterte am ganzen Körper und schien völlig von Sinnen zu sein.
„Sie haben es doch selbst gesehen, daß sie nicht gekommen ist!“ rief Iwan Fedorowitsch ärgerlich.
„Aber vielleicht doch durch jenen Eingang?“
„Aber jener Eingang ist doch verschlossen, und der Schlüssel steckt, soviel ich weiß, in Ihrer eigenen Tasche ...“
Da erschien Dmitrij Fedorowitsch wieder im Saale. Er hatte natürlich jenen Eingang verschlossen gefunden, und der Schlüssel befand sich tatsächlich in Fedor Pawlowitschs Tasche. Die Fenster aller Zimmer waren gleichfalls geschlossen: folglich konnte Gruschenka unmöglich hinausgegangen sein.
„Halt ihn!“ schrie sofort Fedor Pawlowitsch kreischend auf, als er Dmitrij wieder erblickte. „Er hat dort bei mir im Schlafzimmer Geld gestohlen!“
Und im Augenblick hatte er sich von Iwan losgerissen, um sich wieder auf Dmitrij Fedorowitsch zu stürzen. Der erhob aber seine Hände und packte plötzlich den Alten an den beiden letzten Haarbüscheln, die ihm noch an den Schläfen geblieben waren, riß ihn kräftig zur Seite und schleuderte ihn dann aus aller Kraft zu Boden, worauf er dann dem Liegenden noch zwei-, dreimal mit dem Stiefelabsatz ins Gesicht schlug. Der Alte stöhnte ächzend. Doch schon bändigte Iwan Fedorowitsch seinen älteren Bruder, obgleich er längst nicht so stark war wie dieser und riß ihn fort vom Vater. Aljoscha half ihm dabei noch mit seiner kleinen Kraft, indem er den Bruder von vorne umklammerte.
„Mitjä, Wahnsinniger, du hast ihn ja totgeschlagen!“ rief Iwan.
„Das hat er auch verdient!“ schrie atemlos Dmitrij. „Wenn ich ihn aber noch nicht totgeschlagen habe, so werde ich ihn noch totschlagen. Werdet ihn nicht davor bewahren können!“
„Dmitrij, geh sofort hinaus!“ rief Aljoscha gebieterisch.
„Alexei! Sag du mir, dir allein werde ich glauben: War sie hier, oder war sie nicht hier? Ich habe selbst gesehen, wie sie am Zaun aus der Querstraße hierher einbog. Ich rief sie an, und da lief sie fort ...“
„Ich schwör es dir, daß sie nicht hier war, es hat sie hier überhaupt niemand erwartet!“
„Aber ich hab sie doch selbst gesehen ... Dann muß sie wohl ... Ich werde sofort erfahren, wo sie ist ... Leb wohl, Alexei! Dem Äsop jetzt von Geld kein Wort, zu Katerina Iwanowna aber unverzüglich, und sage unbedingt: ‚Er schickt seinen Abschiedsgruß! Gerade Abschiedsgruß, und seinen ergebensten Diener!‘ Beschreibe ihr die Szene!“
Inzwischen hatten Iwan und Grigorij den Alten aufgehoben und in einen Lehnstuhl gesetzt. Sein Gesicht war blutig, doch war er noch bei Besinnung und fing gierig die Schreie Dmitrijs auf. Er glaubte immer noch, daß Gruschenka sich irgendwo im Hause versteckt habe. Dmitrij Fedorowitsch warf noch einmal beim Fortgehen einen haßerfüllten Blick auf ihn.
„Ich bereue dein Blut nicht!“ rief er ihm zu, „hüte dich, Alter, und vergiß das nicht, denn auch ich werde etwas nicht vergessen! Verfluche dich, und sage mich von dir auf ewig los ...“
Damit verließ er das Zimmer.
„Sie ist hier, sie ist bestimmt hier! Ssmerdjäkoff, Ssmerdjäkoff,“ krächzte kaum hörbar der Alte und winkte mit dem Zeigefinger Ssmerdjäkoff zu sich heran.
„Sie ist nicht hier, begreifen Sie es doch, Sie verrückter Alter,“ schrie ihn plötzlich wutbebend Iwan Fedorowitsch an. „So, jetzt wird er auch noch ohnmächtig! Wasser, ein Handtuch! Schlaf nicht, Ssmerdjäkoff!“
Erschrocken lief Ssmerdjäkoff nach dem Wasser. Fedor Pawlowitsch wurde schließlich ins Schlafzimmer gebracht, ausgekleidet und ins Bett gelegt; dann bekam er noch eine kalte Kompresse auf den Kopf, der mit einem Handtuch umbunden wurde. Ganz schwach vom Kognak, von der starken Erregung und schließlich von den Schlägen, schloß er, sowie er das Kissen berührte, die Augen und schlief wahrscheinlich sofort ein. Iwan Fedorowitsch und Aljoscha kehrten wieder in den Saal zurück. Ssmerdjäkoff trug die Scherben der zerschlagenen Vase hinaus, Grigorij aber stand in finsterem Schweigen am Tisch.
„Solltest nicht auch du dich lieber ins Bett legen und ein nasses Handtuch um den Kopf wickeln?“ wandte sich Aljoscha an Grigorij. „Tu’s nur, wir werden hier bei ihm bleiben; Dmitrij hat dich so unvorsichtig geschlagen ... gerade auf den Kopf.“
„Er hat mich geschlagen!“ sagte Grigorij finster und deutlich vor sich hin.
„Er hat auch den Vater geschlagen, nicht nur dich!“ bemerkte mit etwas spöttisch verzogenen Lippen Iwan Fedorowitsch.
„Ich habe ihn eigenhändig gebadet ... Er aber hat mich geschlagen!“ wiederholte Grigorij.
„Weiß der Teufel, wenn ich ihn nicht fortgezogen hätte, würde er ihn ja womöglich noch totgeschlagen haben. Wieviel brauchte es denn, um ihn totzuschlagen?“ raunte Iwan Fedorowitsch Aljoscha zu.
„Gott behüte davor!“ sagte Aljoscha.
„Warum soll er denn davor behüten,“ fuhr Iwan mit boshaft verzogenem Gesicht in demselben Geflüster fort. „Das eine Geschmeiß wird das andere Geschmeiß verschlingen, und damit geschieht ihnen beiden recht!“
Aljoscha fuhr zusammen.
„Ich werde selbstverständlich einen Totschlag nicht zulassen, wie ich ihn auch heute verhindert habe. Bleib du hier, Aljoscha, ich werde hinausgehen, mein Kopf schmerzt.“
Aljoscha ging ins Schlafzimmer zum Vater und saß an seinem Bett hinter dem Schirm ungefähr eine ganze Stunde. Plötzlich öffnete der Alte die Augen und blickte lange schweigend Aljoscha an; er schien sich des Vorgefallenen zu erinnern und nachzudenken. Mit einemmal aber drückte sich eine ganz ungewöhnliche Erregung in seinem Gesichte aus.
„Aljoscha,“ flüsterte er ängstlich, „wo ist Iwan?“
„Auf dem Hof, er klagte über Kopfschmerzen. Er bewacht uns.“
„Gib mir den kleinen Spiegel, sieh, dort steht er!“
Aljoscha gab ihm einen kleinen, dreiteiligen Spiegel, der auf der Kommode stand. Der Alte warf einen neugierigen Blick hinein und betrachtete sich dann aufmerksam: Die Nase war ziemlich stark geschwollen, und auf der Stirn war über der linken Augenbraue ein großer, blutunterlaufener Fleck.
„Was sagt Iwan? Aljoscha, mein Lieber, du mein einziger Sohn, weißt du, ich fürchte mich vor Iwan, ich fürchte Iwan mehr als Dmitrij. Nur dich allein fürchte ich nicht!“
„Sie brauchen sich auch vor Iwan nicht zu fürchten, Iwan ärgert sich nur, aber er wird Sie verteidigen und beschützen.“
„Aljoscha, aber er? Wollte zu Gruschenka laufen! Mein Engel, sag mir die Wahrheit; war Gruschenka vorhin hier, oder war sie nicht hier?“
„Niemand hat sie hier gesehen. Das war nur ein Selbstbetrug von ihm; sie ist überhaupt nicht hier gewesen!“
„Aber Mitjä will sie doch heiraten, denk nur, heiraten!“
„Sie wird ihn nicht nehmen.“
„Wird nicht, wird nicht, wird nicht, wird bestimmt nicht, um keinen Preis! ...“ rief der Alte freudig belebt immer wieder, als ob man ihm nichts Angenehmeres hätte sagen können. In der Begeisterung ergriff er Aljoschas Hand und preßte sie krampfhaft an sein Herz. In seinen Augen erglänzten sogar Tränen. „Das Heiligenbild, weißt du, dieses von der Mutter Gottes, von dem ich vorhin erzählte, nimm du lieber an dich, nimm es mit, wohin du willst. Und ich erlaube dir auch, wieder ins Kloster zurückzugehen ... ich scherzte ja nur, sei nicht bös. Mein Kopf schmerzt, Aljoscha ... Ljoscha, beruhige du mein Herz, sei ein Engel, sag die Wahrheit!“
„Sie fragen noch immer, ob sie hier war oder nicht?“ fragte Aljoscha traurig.
„Nein, nein, nein, ich glaube dir, nur höre: Geh selbst zu Gruschenka, oder versuch sie sonst irgendwie zu sehen; frag sie schnell, so schnell als möglich, errat es selbst mit deinen Augen: Zu wem will sie, zu mir oder zu ihm? Wie? Was? Kannst du’s, oder kannst du’s nicht?“
„Wenn ich sie sehen sollte, werde ich sie fragen,“ sagte Aljoscha halblaut und ein wenig verwirrt.
„Nein, sie wird es dir nicht sagen,“ unterbrach ihn der Alte, „sie ist zu schlau dazu. Sie wird schließlich noch dich zu küssen anfangen und sagen, daß sie dich will. Sie ist eine Betrügerin, sie ist schamlos, nein, du darfst nicht zu ihr gehen, darfst nicht, hörst du!“
„Und es wäre auch wirklich nicht gut, Papa, wirklich nicht.“
„Wohin schickte er dich vorhin, rief dir noch zu: ‚Geh hin!‘ als er hinauslief?“
„Er schickte mich zu Katerina Iwanowna.“
„Nach Geld? Er will Geld haben?“
„Nein, nicht nach Geld.“
„Er hat kein Geld, keine Kopeke. Weißt du, Alexei, ich werde mich noch in dieser Nacht bedenken, du aber geh jetzt. Vielleicht triffst du auch sie ... Nur komme du morgen unbedingt wieder her, morgen früh, unbedingt. Ich werde dir morgen ein Wörtchen sagen; wirst du kommen?“
„Gut, ich werde kommen.“
„Wenn du aber kommst, dann mach so, als ob du von selbst kämest, um mich zu besuchen. Sag niemandem, daß ich dich gerufen habe, und Iwan sag kein Wort davon!“
„Gut.“
„Aber jetzt geh, mein Engel, vorhin tratst du für mich ein, werd es dir mein Lebtag nicht vergessen. Morgen aber werde ich dir etwas sagen ... nur muß ich noch etwas nachdenken.“
„Wie fühlen Sie sich denn jetzt?“
„Morgen, morgen steh ich auf, werde ganz gesund sein, ganz gesund, ganz gesund! ...“
Als Aljoscha über den Hof ging, fand er seinen Bruder Iwan auf der Bank an der Hoftür. Er saß und schrieb mit der Bleifeder etwas in sein Notizbuch. Aljoscha teilte ihm mit, daß der Vater aufgewacht und bei voller Besinnung sei und ihm erlaubt habe, zur Nacht wieder ins Kloster zurückzukehren.
„Aljoscha, es würde mir sehr lieb sein, dich morgen früh zu treffen,“ sagte, sich erhebend, Iwan ungemein freundlich – mit einer Liebenswürdigkeit, die Aljoscha ganz unerwartet kam.
„Ich werde morgen bei Chochlakoffs sein,“ sagte Aljoscha, „und vielleicht werde ich dann auch zu Katerina Iwanowna gehen, wenn ich sie jetzt nicht antreffen sollte ...“
„Und jetzt gehst du also zu Katerina Iwanowna? Um den ‚Abschiedsgruß‘ zu überbringen?“ fragte Iwan plötzlich lächelnd. Aljoscha wurde verlegen.
„Ich habe, glaube ich, alles aus seinen Worten, die er dir noch zurief, erraten – und noch aus einigen früheren Äußerungen ... Dmitrij hat dich bestimmt gebeten, zu ihr zu gehen und zu sagen, daß er ... nun ... nun ... mit einem Wort, seine ‚Reverenz‘ macht?“
„Wanjä! Womit wird diese ganze furchtbare Geschichte mit dem Vater und Dmitrij noch enden?“ fragte Aljoscha angstvoll seinen Bruder.
„Das läßt sich nicht voraussagen. Mit nichts vielleicht; die Geschichte wird verjähren. Dieses Frauenzimmer ist ein – Tier. Jedenfalls muß man den Alten im Hause bewachen und Dmitrij nicht ins Haus lassen.“
„Iwan, erlaube mir, noch etwas zu fragen: Hat denn wirklich jeder Mensch das Recht, wenn er auf die übrigen Menschen blickt, zu entscheiden, wer von ihnen es wert ist zu leben, und wer es nicht mehr wert ist?“
„Wozu hier die Frage nach der Würdigkeit hineinmischen? Diese Frage wird in den Herzen der Menschen meistens durchaus nicht auf Grund der Würdigkeit entschieden, sondern auf Grund ganz anderer, viel natürlicherer Dinge. Was aber das Recht betrifft – wer hat denn nicht das Recht, zu wünschen?“
„Doch nicht den Tod des anderen?“
„Und warum schließlich nicht auch den Tod? Und warum sich denn selbst belügen, wenn alle Menschen so leben und am Ende auch anders überhaupt nicht leben können. Fragst du das wegen meiner Worte: ‚Das eine Geschmeiß wird das andere verschlingen!‘ Erlaube dann, in solch einem Falle auch dich zu fragen: Hältst du auch mich wie Dmitrij für fähig, das Blut des Äsop zu vergießen, nun, sagen wir, ihn zu erschlagen, wie?“
„Was fällt dir ein, Iwan! Nicht mit einem einzigen Gedanken habe ich daran gedacht! Und auch Dmitrij halte ich nicht für fähig ...“
„Nun, auch dafür hab Dank,“ sagte Iwan lächelnd. „Wisse, daß ich ihn immer beschützen werde, doch meinen Wünschen lasse ich im gegebenen Falle die vollste Freiheit. Also auf Wiedersehen bis morgen. Verurteile und betrachte mich nicht als einen Verbrecher,“ fügte er mit einem Lächeln hinzu.
Sie drückten sich so fest die Hand, wie sie es vorher noch nie getan hatten. Aljoscha fühlte, daß sein Bruder sich als erster ihm einen Schritt näherte, und daß er das unbedingt mit einer bestimmten Absicht tat.