Sie erwiderte nichts und hatte offenbar die letzten Worte nur mehr mit halbem Ohr vernommen. Dann rief sie plötzlich: „Da kommt er!“
Draußen war heftig an der Klingel gerissen worden, und durch die Küche, wo sich schon früher die Anwesenheit einer Magd bemerkbar gemacht hatte, trat jetzt Röber ein. Er mußte seine hohe Gestalt unter der Tür um so mehr bücken, als er den Hut auf dem Kopfe behielt. Erst in der Mitte des Zimmers nahm er ihn zögernd ab, wobei sein Blick überrascht und befremdet auf mich gerichtet blieb.
„Der Herr Doktor hat uns einen angenehmen Besuch mitgebracht, Leo,“ sagte Elsa, und der Ton ihrer Stimme hatte dabei etwas flehend Unsicheres, „einen berühmten Schriftsteller. Vielleicht kennst du den Herrn vom Sehen.“
Er blickte mich unverwandt an und sagte, ohne eine Miene zu verziehen, mit einer leichten Verbeugung: „Habe nicht die Ehre“. Hierauf machte er eine halbe Wendung und fuhr, nach uns zurück sprechend, fort: „Die Herren werden schon entschuldigen. Ich bin seit heute morgen auf den Beinen und muß mir’s bequem machen.“ Er war bei diesen Worten auf eine Seitentür zugeschritten, öffnete sie und verschwand in einem kleinen Zimmer, das offenbar als Schlafgemach benützt wurde.
„Er ist wirklich sehr in Anspruch genommen“, bestätigte Elsa, die ihm, wie ihn bedauernd, nachgeblickt hatte. Dann begab sie sich mit einer kurzen Entschuldigung in die Küche, um, wie sie sagte, nach dem Tee zu sehen.
Ich spürte nun großes Verlangen, fortzugehen und sah meinen Begleiter fragend an. Dieser aber schien durchaus nicht gewillt, das Feld zu räumen; er lehnte sich vielmehr mit einer Art verbissenen Trotzes in den Stuhl zurück und streckte die Beine von sich.
Jetzt trat auch schon die Hausfrau wieder ein, in jeder Hand eine kalte Schüssel tragend. Die Magd folgte mit allerlei Zubehör. Dann wurde der kochende Teekessel gebracht; später folgte ein großer, mit Bier gefüllter Glaskrug.
Inzwischen war Röber gleichfalls zum Vorschein gekommen. Er hatte sich in einen langen, abgetragenen Schlafrock gehüllt, der Spuren früherer Eleganz aufwies; an den Füßen trug er bequeme Hausschuhe.
„Die Herren werden es nicht übel nehmen,“ begann er in herablassendem Tone, als verzeihe er uns, daß wir möglicherweise an seiner Bekleidung Anstoß nehmen könnten, „die Herren werden es nicht übel nehmen, daß ich so vor ihnen erscheine. Allein wie gesagt, ich fühle mich überangestrengt — und zudem leide ich schon einige Zeit an den Füßen.“
„Ach ja!“ fiel Elsa ein. „Und es will auch gar nicht besser werden. Hast du heute vielleicht wieder stärkere Schmerzen?“ forschte sie ängstlich.
„Nun, nicht gerade das. — Aber,“ fuhr er mit einer Wendung nach dem Tische fort, „ich sehe, es ist alles bereit. Die Herren sind unsere Gäste?“
„Gewiß werden sie uns das Vergnügen machen“, sagte Elsa einladend.
Was konnte ich tun? Um irgend eine stichhaltige Ausrede zu ersinnen, war es zu spät und somit der günstige Augenblick, mich zu entfernen, versäumt; ich mußte mich also mit an den Tisch setzen.
Elsa machte mit zuvorkommender Aufmerksamkeit die Wirtin, während Röber, einem sichtlichen Bedürfnisse folgend, sehr ungezwungen den Schüsseln zu Leibe ging. Erst jetzt konnte ich ihn mit voller Aufmerksamkeit betrachten. Auch in seinem Äußeren zeigte sich eine große Veränderung. War Elsa in den letzten Jahren körperlich verfallen, so hatte er hingegen verhältnismäßig zugenommen. Aber es war nicht die blühende Überfülle der Gesundheit und Kraft, sondern jene blasse und weichliche Aufgedunsenheit, welche so vielen Menschen anhaftet, die ein unregelmäßiges und dabei sorgenvolles Leben führen. Dies konnte man besonders in seinem Gesichte wahrnehmen, dessen Züge derart verquollen waren, daß die früher so ungemein schönen dunkelgrauen Augen kaum mehr zur Geltung gelangten. Er rasierte das Kinn nicht, sondern trug einen sehr kurz gehaltenen Vollbart, der ihm übel ließ und in welchem sich schon zahlreiche Silberfäden bemerkbar machten; auch zeigte sich über der Stirn stark zunehmende Kahlheit. Der ganze Mann sah in der Tat sehr verkommen aus.
Eben jetzt langte er eine Kartoffel auf seinen Teller und während er die noch leicht dampfende in vier Teile zerlegte und verkühlen ließ, eröffnete er, sichtlich in behaglicherer Stimmung, das Gespräch.
„Sie wollen also,“ begann er, sich gleichsam an uns beide wendend, mit ironischer Verziehung der Mundwinkel, „Sie wollen also meine El—sa—“ er sprach den Namen mit satirisch übertriebener Betonung aus — „à tout prix zur Dichterin machen?“
„Machen?“ rief Frauenlob mit scharfer Stimme. Er schien nur auf einen Angriff gewartet zu haben, und seine kleinen, grünlichen Augen blitzten kampflustig. „Machen? Wie sollte man das anstellen, wenn es nicht schon wäre?“
„Ich weiß,“ erwiderte der andere vornehm, indem er ein Kartoffelstück aufnahm: „poeta nascitur. Aber man kann auch jemanden in etwas heineinreden.“
„Was hätte man davon?“ entgegnete Frauenlob, geringschätzig das Haupt zurückwerfend.
„Ganz richtig, was hätte man davon? Wenn auch Elsa Begabung besitzt — woran ich übrigens gar nicht zweifeln will — so bleibt doch das Ganze eine höchst unnütze Sache.“
„Aber man kann doch damit verdienen, Leo“, warf Elsa schüchtern ein.
Röber lachte laut auf. „Verdienen? Mit der Schriftstellerei? Ha! Ha!“
„Erlauben Sie,“ schrie Frauenlob heftig, während ich dem Mann im stillen nicht unrecht gab, „das ist eine Behauptung, die nur beweist, wie sehr Sie in Ihren Anschauungen zurück sind. Es ist ja wahr, früher einmal mußten selbst die größten Geister darben; heutzutage jedoch kann man mit der Feder sehr viel erwerben.“
„Als Journalist vielleicht. Übrigens ist das viel oder wenig Ansichtssache. Wenn ich Summen in Betracht ziehen soll, so müssen es Hunderttausende sein.“
„Sie geben es nicht billig!“ lachte Frauenlob mit giftigem Hohne. Er hatte im Eifer eben das dritte Glas Bier hinuntergestürzt, und sein knochiges, breites Gesicht, das stets ungesund gerötet war, begann bläulich zu leuchten.
„Das ist meine Sache“, erwiderte Röber mit ruhigem Stolz, und zum ersten Male glänzten seine Augen wieder hell und groß auf. „Die Herren Poeten pflegen beständig von ihren Idealen zu sprechen; auch andere Leute haben welche. Das meine ist ein sehr großes Vermögen, ein Ideal, das so ziemlich jedes andere in sich schließt.“
„Aber auch um so mehr Ideal bleibt!“ rief der Gegner bissig.
„Je nach Umständen. Das kann Ihnen schon die große Anzahl bedeutender Kapitalisten zeigen, die es in der Welt gibt. — A propos, Lisi,“ fuhr er mit einem Blick auf die Hausfrau fort, „ich habe heute gute Nachrichten mitgebracht. Die Sache in Bulgarien scheint endlich in Fluß kommen zu wollen.“
„Wirklich! Wirklich!“ rief sie, überrascht und vor Freude errötend, aus der peinlichen Verlegenheit heraus, die sie bei diesem Wortwechsel begreiflicherweise überkommen hatte. „Wirklich?“ wiederholte sie jetzt, wie von einem unwillkürlichen Zweifel ergriffen, etwas kleinlaut und gedehnt.
Er hatte sich inzwischen den Mund gewischt und, ohne uns zum Rauchen aufzufordern, eine Zigarette angezündet.
„Ja, wirklich, mein Kind. Gut Ding braucht eben Weile, und ich begreife, daß es dir schon etwas zu lange dauert. Aber es sei dir vergeben. Und wenn alles so kommt, wie ich hoffe, dann kannst du zu deinem Vergnügen blaustrümpeln.“
„Es dürfte wohl beim Strümpfestopfen sein Bewenden haben“, sagte Frauenlob mit unerbittlicher Grobheit.
„Immer eine nützlichere Beschäftigung als Romane schreiben. Übrigens verspüre ich keine Lust, mich in eine weitere Behandlung dieses Gegenstandes einzulassen. Die Herren sind ja auch nicht zu mir, sondern zur — Dichterin gekommen. Ich darf die literarischen Konferenzen nicht länger stören.“ Er erhob sich mit gemachtem Gähnen, trat schwerfällig auf Elsa zu und küßte sie flüchtig auf die Stirn. „Gute Nacht, mein Kind.“
„Du willst dich wirklich schon zurückziehen?“ fragte sie. Man sah ihr die innere Ratlosigkeit an, in der sie sich befand.
„Gewiß, ich bin müde und schläfrig. Recht gute Nacht, meine Herren!“ Er verbeugte sich dabei nur vor mir und schritt nach dem Nebenzimmer; Elsa folgte ihm bis zur Tür.
Ich hatte genug, stand auf und suchte nach meinem Hute; Frauenlob, an seinem Ingrimm würgend, blieb sitzen.
„Sie wollen schon fort?“ fragte Elsa, zurückkehrend und in einem Tone, der bewies, welche Erleichterung ihr dies wäre.
„Allerdings“, entgegnete ich, nach der Uhr sehend. „Die Stunde ist vorgerückt, und Sie wissen, ich habe einen weiten Weg. Sie bleiben noch?“ wandte ich mich bedeutsam an meinen Begleiter.
Dieser sah unschlüssig vor sich hin, dann sprang er auf.
„Ich wollte allerdings noch einiges Wichtige mit Frau Elsa verhandeln, allein in solcher Stimmung — — In der Tat, gnädige Frau,“ — er trat vor sie hin — „es bedarf des ganzen Umfanges meiner Verehrung und Bewunderung für Sie — —“
„Ach mein Gott, lieber Doktor,“ unterbrach sie ihn, „Sie sollten Röber doch schon ein wenig kennen. Er ist nun einmal so — er hat den Kopf voller Sorgen, die ihn übellaunig machen — und da — — Allerdings hat er sich heute unverantwortlich benommen. Und ich muß doppelt bedauern — Ihretwegen —“ Sie sah mich dabei ausdrucksvoll und gleichsam um Nachsicht flehend an. „Was werden Sie von uns denken?“
„Besorgen Sie nichts, gnädige Frau“, erwiderte ich. „Ich bin nicht so leicht verletzt. Vielmehr habe ich Sie recht sehr um Verzeihung zu bitten. Denn gewiß war es mein so ganz unvorbereiteter Besuch, zu dem ich mich nie und nimmer hätte entschließen sollen, was zur unliebsamen Verstimmung dieses Abends wenigstens beigetragen hat.“
„O, glauben Sie das nicht“, sagte sie hastig. Dann, sich Frauenlobs besinnend, fuhr sie einlenkend fort: „Wie immer auch, überzeugt können Sie sein, daß es mir sehr angenehm war, Sie kennen gelernt — oder besser gesagt, wiedergesehen zu haben. Und ich würde Sie jedenfalls bitten, Ihren lieben Besuch zu erneuern, wenn ich das unter solchen Umständen noch wagen dürfte.“
„Je nun, man wird ja im Leben immer wieder zusammengeführt. Für heute nehmen Sie die Versicherung, daß ich, was mich selbst betrifft, den verunglückten Abend keineswegs bedauere.“
Ich drückte die Hand, die sie mir reichte. Dann geleitete sie uns in die Küche, wo sie die Magd weckte, die auf einem Stuhle eingeschlafen war und sich jetzt anschickte, uns durch den dunklen Flur nach dem bereits gesperrten Haustor zu leuchten.
„Ich komme morgen Nachmittag,“ sagte Frauenlob im Fortgehen; „hoffentlich finde ich Sie allein.“
Sie erwiderte nichts und rief uns nur mit gedämpfter Stimme „Gute Nacht“ nach.
Kaum auf die Gasse getreten, rief mein Begleiter, in welchem es noch immer zu kochen schien: „Der Unverschämte! Und Sie, mein Bester, haben mich mit keinem Worte unterstützt!“
„Was hätte ich sagen sollen? Ich begreife auch gar nicht, wie Sie sich so ereifern konnten. Dem Manne sind eben die neuen Beziehungen seiner Frau — oder Geliebten unangenehm. Er hat sich im ganzen doch nur wie ein Eifersüchtiger benommen.“
„Eifersüchtig? Er liebt sie gar nicht. Seine Eitelkeit ist verletzt, weil er sich mit einem Mal von einer Frau geistig überragt sieht, die er bis jetzt nur als eine willfährige Magd betrachtet hatte.“
„Möglich. Übrigens scheint er mir geistig durchaus nicht so tief stehend.“
„Ach was! Ein Hohlkopf ist er, der obendrein an Größenwahn leidet. Haben Sie gehört, wie er mit den Hunderttausenden herumwarf?“
„Je nun, er scheint sich mit weitgehenden geschäftlichen Spekulationen zu befassen. Und da wäre es ja in unserer Zeit des raschen Gelderwerbes immerhin denkbar, daß ihm irgend eine Kombination glückt.“
„Sagen Sie lieber irgend ein Schwindel. Der Mensch besitzt alle Anlagen, um früher oder später mit dem Strafgerichte Bekanntschaft zu machen.“
„Auch das ist nicht ausgeschlossen. Es walten hier überhaupt Verhältnisse ob, in welche man sich am besten gar nicht einmischt. Auch Sie, denk’ ich, sollten sich zurückziehen.“
„Zurückziehen? Ich? Nachdem ich schon so weit vorgedrungen? Nein, da kennen Sie mich schlecht, Verehrter! Dieser Frau müssen die Augen geöffnet, sie selbst auf die Bahn gebracht werden, die sie zu schreiten berufen ist. Ich interessiere mich sehr für sie — und zwar, wie ich Ihnen ganz offen bekennen will, nicht bloß für die Schriftstellerin.“
„Wenn das der Fall ist, dann stehen Ihre Aussichten nicht sehr günstig. Denn wenn Sie vielleicht auch recht haben, daß er sie nicht liebt: sie liebt ihn gewiß leidenschaftlich.“
„Nun ja! Das mag sein!“ rief er, ärgerlich über die Wahrheit, die mein Ausspruch enthielt. „Aber das kann sich auch ändern. Die Hauptsache ist, daß sie erkennt, an welchen Mann sie sich da gekettet hat. Daher muß man ihr eine literarische Stellung schaffen; ist ihr Ehrgeiz einmal geweckt, dann ergibt sich alles weitere von selbst.“
„Je nun, Sie sind Herr Ihrer Beschlüsse.“
Wir waren inzwischen auf der Freiung angelangt, wo die erleuchtete Uhr der Schottenkirche eine halbe Stunde vor Mitternacht wies.
„Werden Sie noch auf einen Tramwaywagen stoßen?“ fragte er kühl und offenbar verletzt durch meine zweifelhafte Zustimmung.
„Ich denke wohl, daß es noch nicht zu spät wäre. Aber ich ziehe es jedenfalls vor, zu Fuß zu gehen. Die Nacht ist hell und angenehm.“
„Nun, dann leben Sie wohl! Ich kehre um.“
Wir verabschiedeten uns ziemlich gemessen voneinander; dann trat ich beim Schein des Halbmondes, an welchem, querüber, ein regungsloser dunkler Wolkenstreif stand, den Heimweg an.
VI.
Der „Roman einer Frau“ war in der Tat erschienen. Frauenlob hatte dafür einen jungen, aufstrebenden Buchhändler gewonnen, der in pikanten Verlagsartikeln sein Heil zu finden hoffte und auch ein verhältnismäßig nicht unbedeutendes Honorar zahlte. Der Erfolg entsprach allerdings nicht ganz den ausschweifenden Erwartungen der beiden Herren; aber es war immerhin ein Erfolg, der fast ganz mit meinen Voraussetzungen zusammentraf. Von der maßgebenden Kritik anfänglich gar nicht beachtet, fand das Buch doch den Weg in das lesende Publikum und wurde vornehmlich von Frauen, die in offenkundiger oder verheimlichter Mißehe lebten, mit einer Art persönlicher Anteilnahme gepriesen. Infolgedessen drang es denn allmählich auch in literarische Kreise; man prüfte, fand, was ich gefunden, und hielt mit mehr oder minder einschränkender Anerkennung nicht zurück. So kam es, daß der Name der Verfasserin ein mehrfach genannter wurde, sie selbst aber hier und dort als interessante Erscheinung auf der Bildfläche der Öffentlichkeit auftauchte. Wie weit dies alles in ihr bisheriges Leben verändernd eingriff, blieb mir unbekannt. Denn in meinen eigenen Verhältnissen war inzwischen ein Umschwung eingetreten, welcher, seit längerem vorbereitet, mich zu dem Entschlusse bestimmt hatte, Wien zu verlassen und einen anderen Aufenthaltsort zu wählen; ich war abgereist, ohne Elsa Röber wieder gesehen zu haben. Frauenlob, der mich seit jenem Abend auffallend vernachlässigt hatte, war beim Abschiede sehr kühl und wortkarg, indem er das schweigende Selbstbewußtsein eines Mannes hervorkehrte, der in stolzer Zurückhaltung bloß die Tatsachen für sich sprechen läßt.
Ich würde also in meiner Abgeschiedenheit aller dieser Ereignisse und Zusammenhänge immer weniger gedacht haben, wenn mich nicht jetzt ab und zu die Zeitungen daran gemahnt hätten. Ich stieß auf Notizen über Elsa Röber, auf literarische, sowie auf solche, welche bloß Persönliches enthielten. So wurde sie auch in einer Schilderung des glänzenden Festes, das während des Karnevals in den Atelierräumen eines berühmten Malers stattgefunden, unter den Damen genannt, welche durch blendende Erscheinung und prachtvolles Kostüm besonders aufgefallen waren.
Da erhielt ich im Frühling von Frauenlob ganz unvermutet ein Buch zugesendet. Er war, wie sich zeigte, wieder einmal „schöpferisch“ tätig gewesen und hatte unter sehr verlockendem Titel einen Band Erzählungen herausgegeben, welche in der Tat bewiesen, daß es ihm weit weniger an Talent, als an Geschmack und innerer Reife gebrach. Eine dieser Erzählungen, und zwar die längste von allen, konnte sogar als gelungen bezeichnet werden, und ich war froh, ihm dies in warmen Worten mitteilen zu können. Mich bei dieser Gelegenheit nach Elsa zu erkundigen, unterließ ich nach einiger Überlegung, es gewissermaßen ihm selbst anheimstellend, ob er mir in dieser Hinsicht Nachricht geben wolle oder nicht. Ich empfing von ihm auch sofort ein längeres Schreiben, welches nebst seinem Danke für meine Anerkennung folgendes enthielt:
„Und nach Elsa Röber fragen Sie nicht? Das ist mir ein Beweis, daß Sie sich um diese Frau gar nicht mehr kümmern. Dennoch dürfte es Sie interessieren, zu erfahren, daß ich meine Beziehungen zu ihr abgebrochen habe. Und zwar vollständig und für immer. Denn sie ist infolge ihres literarischen Debüts mit Kreisen in Berührung gekommen, die mir durchaus nicht zusagen. Überdies hat sich merkwürdigerweise der Ausspruch, den Sie, wie Sie sich noch erinnern werden, einst über Röber getan, insofern bewahrheitet, als es diesem wirklich gelungen ist, die an jenem denkwürdigen Abend aufs Tapet gebrachte Angelegenheit in Fluß zu bringen. Er vermittelt jetzt, so heißt es, bedeutende Exporte nach allen Balkanländern, und Sie begreifen, daß er sich bereits auf den kleinen Krösus hinausspielt. Die enge Stadtwohnung ist aufgegeben, eine weitläufige in einem vornehmen Neubau bezogen worden. Kleine Diners finden dort statt, sowie größere Abendgesellschaften, an welchen neben einigen fragwürdigen Geschäftsexistenzen auch gewisse Schmarotzer teilnehmen, die den Ruhm der Hausfrau in die Welt posaunen. Dieses alles würde übrigens noch hingehen, wenn nicht auch sie angefangen hätte, sich (wie lächerlich!) auf die große und vornehme Dame hinauszuspielen — und sogar mir, dem sie in schlimmer und schlimmster Zeit ihren Erfolg (der ja auch ein pekuniärer war!) zu danken hatte, mit Herablassung und Geringschätzung zu begegnen. Da ich aber keineswegs der Mann bin, solches zu dulden, so habe ich ihr, nachdem sie mich einmal über eine Stunde hatte antichambrieren lassen, meine Meinung rund heraus gesagt und sie ihrem Schicksal überlassen. Dieses wird kein sehr freundliches sein; denn Leuten wie Röber gegenüber bleibt das Sprichwort aufrecht: Wie gewonnen, so zerronnen. Übrigens kann mir alles weitere um so gleichgültiger sein, als ich selbst neue Wege einzuschlagen gedenke. Hören und staunen Sie: auch ich verlasse Wien. Allerdings nicht, um mich, gleich Ihnen, in beschauliche Einsamkeit zurückzuziehen. Ich will mich vielmehr aus unseren stagnierenden, absterbenden Zuständen heraus so recht ins Volle und Aufstrebende stürzen — kurz: ich will trachten, in der Hauptstadt des Deutschen Reiches Boden zu gewinnen. Für einen Österreicher keine leichte Aufgabe, werden Sie sagen. Gewiß. Aber ich schrecke vor Schwierigkeiten nicht zurück. Man hat in Berlin einen sehr bezeichnenden Ausdruck erfunden: das Epitheton „schneidig“. Nun, einige „Schneidigkeit“ werden Sie mir, wie Sie mich kennen, wohl zugestehen müssen — und daraufhin will ich es wagen. Jedenfalls werde ich diesen Sommer daran setzen, die dortigen literarischen Verhältnisse eingehend zu studieren — und mich überhaupt umzutun. Gelingt es mir nicht, feste Anknüpfungspunkte zu finden — dann erübrigt mir freilich nichts anderes, als wieder zur alten Wiener Tretmühle zurückzukehren. Unter allen Umständen aber erhalten Sie aus der deutschen Metropole Nachricht von Ihrem usw.“
So also standen nunmehr die Dinge, deren Entwicklung ich bald wieder aus den Augen verlor. Denn immer seltener wurde jetzt in den Blättern, die mir zu Gesichte kamen, Elsa Röber erwähnt; es ließ sich erkennen, daß man über sie, die ihrem ersten kein zweites Werk hatte folgen lassen, bereits wieder zur Tagesordnung übergegangen war. Nur einmal noch, nach ziemlich geraumer Zeit, stieß mir eine Notiz auf: Frau Elsa Röber habe zur Errichtung eines Kinderasyls eine sehr namhafte Summe beigesteuert. Ich stutzte. Wollte sie vielleicht mit dieser Spende Gewissensregungen beschwichtigen und an fremden Kindern gutmachen, was sie einst an den eigenen verbrochen? Fast schien es mir so. Es konnte indessen auch bloße soziale Eitelkeit sein, was sie antrieb, als öffentliche Wohltäterin zu glänzen. Eines aber war damit bewiesen: daß sich Röber noch immer im Stadium des „Gewinnens“ befand.
Was Frauenlob betraf, so hatte er mir zwar von Berlin aus voll stolzer Zuversicht und weitgehender Erwartungen geschrieben, auch später unter Kreuzband ein paar Artikel zugesendet, die in dortigen Blättern erschienen waren; fernere Resultate jedoch ließen auf sich warten.
VII.
Ein Jahr später führten mich die Verhältnisse auf kurze Zeit wieder nach Wien. Es war im Frühsommer, und die helle Stadt schimmerte in vollem Blütenschmuck ihrer öffentlichen Anlagen. Dennoch hatten viele meiner Bekannten sich bereits aufs Land begeben. Einer von ihnen stellte mir in seiner verlassen stehenden Wohnung ein Zimmer zur Verfügung, welches ich eigentlich nur zum Schlafen benützte. Ich empfing niemanden, ging ziemlich unbeachtet meinen Geschäften nach und gab mich nebenher im stillen den Genüssen hin, welche Wien und seine nächste Umgebung in dieser schönen Jahreszeit darbieten.
So hatte ich mich auch an einem strahlenden Sonntagsmorgen zu einer Fahrt nach Schönbrunn entschlossen. Ich wollte da draußen, etwa im Jägerhause, frühstücken und hierauf wieder einmal den herrlichen Park nach allen Richtungen durchstreifen, wollte mich später auf eine Bank niederlassen, die sonnigen, rasenumsäumten Blumenbeete des Parterres, die weißen Marmorgruppen in den Nischen der Laubwände, das freundliche Schloß mit seinen grünen Jalousien vor Augen — und mich dabei in längst vergangene Zeiten, in alte teuere Erinnerungen zurückträumen ......
Das führte ich denn auch alles aus — und darüber war es Mittag geworden. Ich dachte nun bei „Dommayer“ zu essen, nachmittags aber bei Verwandten vorzusprechen, die in Penzig wohnten, und welche ich seit einer Reihe von Jahren nicht mehr aufgesucht hatte.
Während ich mich jetzt dem nach Hietzing führenden Ausgang des noch ziemlich menschenleeren Parkes näherte, kamen mir in der breiten Doppelallee zwei hohe, vornehm aussehende Frauengestalten entgegen. Die eine von ihnen schien mir sehr bekannt; unwillkürlich blickte ich sie forschend an — und sah, nun schon ganz in der Nähe, daß ich Elsa Röber vor mir hatte.
Auch sie war, wie ich bemerken konnte, auf mich aufmerksam geworden, und ungeheuchelte Freude des Wiedersehens malte sich jetzt in ihren Zügen.
„Ah, Sie sind in Wien!“ rief sie, stehenbleibend und mir die Hand entgegenstreckend, die ich mit einiger Verlegenheit ergriff. „Seit wann sind Sie denn hier? — Aber ich muß Sie bekannt machen“, fuhr sie mit einem Blick auf ihre Begleiterin fort, die mich stolz und zurückhaltend betrachtete. „Meine Freundin Frau von Ramberg — Herr —.“
Ich hatte inzwischen herausgefunden, daß mir auch diese Dame, welche eine Art Männerhut und einen leichten Halbschleier trug, nicht ganz fremd war; denn sie gehörte zu jenen Erscheinungen, mit welchen mich die weitläufigen gesellschaftlichen Beziehungen, die ich in früherer Zeit noch unterhielt, hier und dort flüchtig zusammengeführt. Sie war die Frau eines Konsulatsbeamten und mit diesem ziemlich weit in der Welt herumgekommen; seit sie aber von ihm getrennt lebte, hatte sie Wien zu ihrem ständigen Aufenthaltsorte gewählt, wo sie eine rege gemeinnützige Wirksamkeit zu entfalten suchte. Sie beschäftigte sich viel mit der Frauenfrage, war Mitglied mehrerer weiblichen Vereine; ja sie hatte sogar an der Klinik eines berühmten Chirurgen einen Pflegerinnenkurs durchgemacht, dessen Frucht eine kleine Broschüre über diesen Gegenstand war. Sie galt für geistig sehr bedeutend, aber auch für hochmütig und ränkesüchtig; die Männer behandelte sie mit kühler Herablassung und schloß sich mit Vorliebe an Frauen an.
Sie erwiderte nunmehr meine Verbeugung mit einem gemessenen Kopfnicken.
„Und bleiben Sie jetzt hier?“ fragte Elsa weiter.
„Keineswegs. Ich bin nur auf ganz kurze Zeit gekommen — gleichsam inkognito —“
„Das ist schade. Ich begreife übrigens, daß man es vorzieht, auf dem Lande zu leben. Die Ruhe ist so wohltuend. Auch wir wollen jetzt beständig in Hietzing wohnen, wo wir eine Villa gekauft haben. Wußten Sie vielleicht davon?“
„Nein.“
„Weil Sie sich auch gar nicht um so alte Bekannte kümmern! Aber kommen Sie doch ein wenig mit uns. Man hat mir Bewegung verordnet, und da laufe ich denn die Alleen hier ab.“
Ich konnte nicht umhin, mich anzuschließen und fand mich allmählich in die so unvermutete Situation. Hatte ich doch kaum mehr der Frau gedacht, die jetzt neben mir herschritt! Sie war schlank geblieben und sah bei näherer Betrachtung etwas gealtert aus; vor allem hatte ihr Teint und der Schmelz der Zähne bedeutend gelitten. Aber ihre Züge waren feiner, vergeistigter geworden, und ein schwermütiger, schmerzlicher Zug um Augen und Mund verschönte sie eigentümlich. Ein Morgenkleid aus rot gemustertem Foulard und ein großer weißer Spitzenhut vollendeten ihre tadellose Erscheinung. Ja, sie war in Haltung und Miene, in Wort und Gebärde wahrhaftig eine „Dame“ geworden. Der Wiener Dialekt, der ihr eigentlich niemals stark angehaftet und welchen sie im Verkehr mit Röber, der ein sehr reines Deutsch sprach, schon früher so ziemlich abgestreift hatte, war jetzt bis auf einige leichte und gemütliche Anklänge aus ihrer Rede verschwunden. Was nicht das Geld bewirkt! So dacht’ ich im stillen, während ich das kostbare Parfüm einatmete, das in einem feinen Hauche von ihr ausging.
„Wissen Sie,“ begann sie nach einigen schweigend zurückgelegten Schritten, „daß ich Ihnen schon schreiben wollte?“
„Mir? Gewiß in einer literarischen Angelegenheit?“
„O keineswegs!“ erwiderte sie rasch mit leichtem Erröten, „Sie erinnern sich doch — ich sagte Ihnen ja, daß ich eigentlich keinen Beruf zur Schriftstellerin in mir fühle.“
„Man muß es ihr glauben, da sie es behauptet“, warf Frau von Ramberg, halb zu mir gewendet, mit ihrer etwas dünnen und knöchernen Stimme ein. „Sie hat aber trotzdem einen neuen Roman zu schreiben begonnen.“
„Nun ja; ich bin jetzt wieder oft allein — und da muß ich doch die Zeit mit irgend etwas hinbringen. Aber es ist nur für mich; Sie wissen ja, es macht denen, die mir am nächsten stehen, keine Freude.“
„Daran würde ich mich in der Tat nicht kehren“, sagte die andere scharf.
„Ach lassen Sie das jetzt, liebe Euphemie“, erwiderte Elsa mit einem bittenden Blick. Und dann zu mir: „Aber sagen Sie doch, wohin wollten Sie eben? Was haben Sie für heute vor?“
„Ich wollte zu Dommayer —“
„Zu Dommayer? Essen Sie doch lieber mit uns!“
„Wie könnt ich — —“
„O ich verstehe. Sie haben noch jenen unseligen Abend im Gedächtnisse. Aber Sie werden heute alles anders finden — und auch ein paar Freunde von uns — eine ganz kleine Gesellschaft —“
„Die ich nicht kenne.“
„Der Architekt K.... und der Musiker H... werden Ihnen doch nicht fremd sein?“ sagte die Ramberg spitz, indem sie in die Luft sah.
„Und der junge Maler R... gewiß auch nicht“, setzte Elsa dringend hinzu. „Er tritt jetzt ganz in die Fußtapfen Lenbachs und Fritz Kaulbachs. — Und was den Hausherrn betrifft, so hatte er sich damals absichtlich so schroff benommen — und es auch gleich darauf bereut — Ihretwegen. Nur der Doktor war ihm äußerst verhaßt — und wie ich jetzt zugeben muß, nicht mit Unrecht.“
„Nun —“
„Ich weiß, was Sie sagen wollen. Er hat sich mit dem Roman sehr bemüht — hat mir, ich geb’ es gerne zu, in böser Zeit einen großen Dienst erwiesen. Und ich wäre ihm auch gewiß dankbar gewesen — aber er wollte sich sofort bezahlt machen.“
Sie erhob das Haupt und blickte wegwerfend zur Seite.
„Von wem ist die Rede?“ fragte Frau von Ramberg.
„Ach von —“ Elsa nannte den Namen.
„Das ist aber doch ein höchst geistvoller Mensch“, sagte die andere sehr bestimmt. „Wie ich höre, lebt er jetzt in Berlin?“
„Ich glaube“, warf ich leicht hin, da ich nicht recht wußte, was ich erwidern sollte.
„Also nicht wahr, Sie kommen?“ wandte sich jetzt Elsa wieder an mich. „Um drei Uhr. Hetzendorferstraße.“ Sie fügte die Nummer bei.
Aber ich trug durchaus kein Verlangen, dort zu speisen, und brachte meinen beabsichtigten Besuch in Penzig vor.
„Ach, den können Sie ja inzwischen abtun!“
„Nun ja, aber —“
„Kein aber! Bitte, kommen Sie! Ich hätte Ihnen so manches zu sagen —“
„Ich kann ja nach Tisch erscheinen.“
„Sie würden uns vielleicht nicht antreffen; denn wir fahren wahrscheinlich nach Tisch aus.“
„Nun, wenn dieser Herr gar so viele Umstände macht —“ sagte Frau von Ramberg und zog die Schultern in die Höhe.
„Nein, nein! Ich habe ihn nun einmal und lasse ihn nicht wieder los. Wer weiß, ob ich ihn sonst jemals wieder sehe, da er ja nicht hier bleibt — und auch ich schon in den nächsten Tagen abreise. — An die See — oder ins Gebirge“, setzte sie mit leiserer Stimme, zu mir gewendet, hinzu. „Ich bin sehr leidend — meine Nerven sind zerrüttet —“
Ich blickte sie an. In der Tat: der schmerzliche Zug in ihrem Antlitz trat jetzt schärfer hervor, und ihr Blick hatte etwas Erloschenes.
„Nun denn,“ sagte ich, unwillkürlich nachgebend, „ich werde erscheinen.“
„Schön!“ rief sie. „Und nun machen Sie Ihren Besuch!“
Ich verabschiedete mich von den Frauen und begab mich über den schwankenden Kettensteg nach Penzig. Dort traf ich, wie dies meistens in ähnlichen Fällen zu geschehen pflegt, niemanden von der Familie, die ich wieder sehen wollte, zu Hause. Man hatte vereint für den ganzen Tag einen weiteren Ausflug unternommen.
VIII.
So begab ich mich denn doch zu Dommayer und blieb dort bis hart an drei Uhr sitzen. Endlich betrat ich die Hetzendorfer Straße und dachte beim Anblick der neuen schimmernden Villen an die unscheinbare Reihe schlichter, kleiner Landhäuser, welche in früherer Zeit hier gestanden.
An Ort und Stelle angelangt, wurde ich von einem Livreediener in einen großen, ebenerdigen Salon geführt, wo der Hausherr mit sechs männlichen Gästen bereits anwesend war. Ich sah, daß Röber bei meinem Erscheinen leicht errötete, und er konnte seine Verlegenheit nicht ganz bemeistern, während er mir mit ausgesuchter Höflichkeit entgegenschritt.
„Elsa hat mir gesagt, daß wir heute das Vergnügen haben würden, Sie zu empfangen; ich freue mich außerordentlich. Die Damen werden wohl gleich erscheinen; darf ich Sie einstweilen mit diesen Herren bekannt machen?“
Der Architekt, ein behäbiger, jovialer Lebemann und infolge des feinen Kunstsinnes, den er als Hersteller geschmackvoller Interieurs bewährte, in den vornehmsten Kreisen gesucht und beliebt, war schon auf mich zugekommen und schüttelte mir die Hand, während der Musiker H..., ein ergrauter Apostel Richard Wagners, sich mit einem apathischen Kopfnicken begnügte. Der Maler, schlank und blond, der mir bloß dem Namen nach bekannt war, verneigte sich mit verbindlicher Schüchternheit wie ein junges Mädchen.
Ganz unbekannt waren mir: Herr Malinsky, Geschäftsfreund Röbers; eine hagere Gestalt mit fast kahl geschorenem Haupte, aber endlos nach rechts und links abstehendem Backenbarte. Sein Antlitz war schlaff und durchfurcht, sein Blick matt und doch durchdringend wie der eines Croupiers. Dann ein schmächtiger Jüngling mit nachlässiger, vornüber gebeugter Haltung, dünner Habichtsnase, ein rundes Stück Glas ins rechte Auge geklemmt. Er wurde mir als Baron Conimor vorgestellt und bemühte sich, verständnisinnig zu lächeln, als ihm mein Name genannt wurde. Dabei sah man ihm die Zuversicht an, daß der Nimbus kolossalen Reichtums, der den seinen umstrahlte, keineswegs verfehlen würde, die richtige Wirkung zu tun. Ganz zuletzt tauchte, gewissermaßen wie aus einem Versteck, ein kleiner dicker Mann mit Säbelbeinen, ungeheuerer Stirn und wulstigen Lippen über dem verschwindend kurzen Kinn auf: der Direktor des neuen Kinderasyles. Er verneigte sich linkisch und sah in seinem zwar ganz neuen, aber sehr schlecht sitzenden schwarzen Anzuge zwischen den in geschmackvolle Sommertracht gekleideten Anwesenden wie ein Leichenbitter aus. Den vornehmsten Eindruck machte Röber. Er war wieder ganz die stramme, tadellose Erscheinung von früher. Sein Scheitel war freilich gelichtet geblieben; aber dieser Mangel ließ die Stirn freier und schöner hervortreten, wie denn überhaupt seine Züge, wie sich nun zeigte, mit den Jahren an Bedeutung gewonnen hatten. „Was nicht das Geld vollbringt!“ dachte ich wieder still bei mir.
Jetzt öffnete sich die Tür, und die beiden Damen traten ein. Aller Augen blickten ihnen entgegen und leuchteten, mit Ausnahme der grauen und kalten Röbers, in Bewunderung für die Hausfrau auf.
Elsa sah nun auch wirklich überraschend schön aus, und man kam hier wieder einmal zur Einsicht, welche Rolle die Ankleidekunst im Leben einer verblühenden Frau spielt. Eine knappe, spitzenverbrämte Robe von gelblicher Farbe, herzförmig ausgeschnitten und in der linken Achselgegend mit blassen Rosen geschmückt, zeigte ihren Wuchs in harmonischer Schlankheit; die eben in Mode gekommene schlichte und glatte Haartracht, mit dem kleinen englischen Knoten im Nacken, ließ sie um so jugendlicher erscheinen, als der krankhafte Gesichtsausdruck in diesem Augenblicke gänzlich verschwunden war. Erst jetzt bemerkte ich, daß die Haare einen starken Schimmer ins Rote aufwiesen, der offenbar künstlich hergestellt war, wie man denn überall die verhüllende, nachbessernde und verschönende Hand wahrnehmen und verfolgen konnte. Dennoch lag über der ganzen Gestalt eine köstliche aromatische Frische, an der man ebenso wenig zweifeln mochte, wie an der Echtheit der Brillant-Boutons, die an den rosigen Ohren der schönen Frau gleich großen Tautropfen funkelten.
Als gerader Gegensatz erschien Frau von Ramberg, obgleich auch sie sich in den Gemächern der Hausfrau mit etwas Reispulver angefrischt und den spärlichen Brauenwuchs über den wasserblauen Augen sorgfältig nachgedunkelt hatte. Ihr Gesicht erwies sich nun ohne Schleier als nicht unhübsch: kleine, gekniffene Züge, denen ein bedeutungsvoller Ausdruck aufgezwungen war. Sie trug das fahlblonde Haar rund abgeschnitten und zu einer kunstvollen Kräuselfülle aufgebauscht, was ihr im Verein mit der stolzen Kopfhaltung und einem schwarz geränderten Kneifer, den sie nunmehr, weiß Gott warum, auf die Stumpfnase gesetzt hatte, fast das Aussehen eines jungen Mannes verlieh; auch der hagere, eckige und von einem übertrieben einfachen Kleide bis an das Kinn hinauf umschlossene Leib stimmte dazu. So hatte denn die ganze Erscheinung etwas Zwiespältiges, das leicht ein Lächeln hätte hervorrufen können, aber der scharfe, böse Zug um die schmalen, blutlosen Lippen der Dame mahnte zur Vorsicht.
Elsa, ein prachtvolles Bukett von Rosen und Hyazinthen in der Rechten, bot mir mit einem Blick der Befriedigung rasch die Linke zu flüchtigem Drucke. „Schön, daß Sie Wort gehalten haben!“ Dann begrüßte sie die Gesamtheit der übrigen Herren mit einer anmutigen Kopfbewegung und trat auf den Direktor zu. Dieser sagte unter zahllosen Bücklingen, er habe seinen Sonntag benützt, um der großherzigen Gönnerin vor der Badereise noch Kunde von ihren lieben Schützlingen zu bringen. Der Herr Gemahl sei so liebenswürdig gewesen und habe ihn aufgefordert, beim Diner zu bleiben.
„Sehr willkommen“, erwiderte Elsa, deren Züge einen innig ernsten, fast andächtigen Ausdruck angenommen hatten. „Hoffentlich gedeihen die Kleinen und sind zufrieden. Wir wollen bei Tisch weiter davon sprechen.“ Dann wandte sie sich, wie mir schien, mit etwas gezwungener Liebenswürdigkeit an Conimor. „Und Ihnen, Baron Sigi, muß ich sehr danken für das wundervolle Bukett — sowie für die anderen Blumen, die Sie mir neuerdings haben senden lassen. Es ist sehr lieb von Ihnen — aber was wird Ihr Papa sagen, wenn Sie die Treibhäuser derart plündern? Nicht wahr, Leo?“ Sie blickte nach Röber; dieser aber zuckte bloß die Achseln.
„Ach was, Papa!“ lachte Conimor gedehnt. „Der tut’s ja selbst — wenn auch mehr im geheimen.“
„Das muß wahr sein“, warf der Architekt ein, der als gutmütiger Spottvogel bekannt war. „Conimor Vater und Sohn ersticken die Frauen Wiens mit Blumen.“
„Nur die schönen, wenn ich bitten darf“, versetzte der Baron, Elsa, indem er den Kopf leicht hin und her wiegte, mit den Augen verschlingend. „Übrigens — unsere Gärten vertragen es. Sie wissen doch, daß wir zur Vergrößerung der Anlagen in Nußdorf wieder einige Joch Terrain erworben haben?“
„Und einen Gartendirektor aus England“, warf der Maler ein.
„Ja — aber auch der leistet nichts Besonderes, nichts Außergewöhnliches. Rosen — und immer wieder nur Rosen. Das wird am Ende langweilig. Soll einer einmal eine ganz neue Blume erfinden!“
„Das dürfte freilich schwer halten“, sagte der Architekt. „Aber bringen Sie selbst einmal Abwechselung in den Gegenstand. Geben Sie statt der Rosen andere Gewächse, zum Beispiel Passifloren.“
Conimor öffnete ein wenig den Mund und sah in die Luft. „Passifloren?“
„Gewiß“, fuhr der andere fort. „Und da ließe sich vielleicht eine ganze neue Spielart zuwege bringen; die können Sie dann Passiflora Conimor nennen.“
„Passiflora Conimor“, wiederholte der Baron gedankenlos, denn er starrte wieder nach Elsa, die sich inzwischen von ihm entfernt hatte.
In diesem Augenblicke wurden die Türflügel des anstoßenden Speisezimmers geöffnet, und ein Diener in schwarzem Frack meldete, daß serviert sei.
Elsa schob leicht ihren Arm unter den meinen; Röber führte Frau von Ramberg, die mit dem Direktor ein Gespräch begonnen hatte, und wir ließen uns alle an dem Tische nieder, der mit kostbarer Einfachheit gedeckt war: schweres Linnen, schwere Kristallgläser, massives Silber. Keine Blumen (denn wie mir Elsa zuflüsterte, liebte Röber sie nicht auf der Tafel); nur eine alte getriebene Fruchtschüssel, in welcher, von großen Gartenerdbeeren umgeben, eine Ananas goldig erglänzte, hob sich farbig von dem funkelnden und schimmernden Weiß ab. Auch das Menu sprach für den Geschmack der Wirte: wenige Gänge, aber ausgesuchte, seltene Gerichte; Bordeaux und Champagner.
Elsa saß zwischen mir und dem Direktor. Dieser hatte gleich nach der Suppe seinen Bericht begonnen, den er, von teilnehmenden Fragen der Hausfrau des öfteren unterbrochen, mit einem salbungsvollen Sermon über den Segen der modernen Humanität schloß. Die Unterhaltung wurde nun allgemein. Conimor gab die neueste Turfanekdote zum besten. Man kannte sie aber schon und sie fand daher wenig Anklang. Die Künstler sprachen selbstverständlich von allerlei, das in ihr Fach schlug: der Maler von dem Bismarckbildnisse Lenbachs, der Architekt von einem verfallenen Schlößchen, das ein Graf X in Tirol gekauft habe und dessen Restaurierung demnächst in Angriff genommen werden sollte, der Musiker von der Aufführung des Parzival, die in Bayreuth bevorstand. Meine Tischnachbarin zur Linken, Frau von Ramberg, gab mir sehr eindringlich ihre Begeisterung für einen norwegischen Dichter zu hören, welcher eben damals mit seinen Dramen Aufsehen erregte, später aber durch Henrik Ibsen vollständig verdrängt wurde. Röber überwachte mit scharfen Blicken den Fortgang des Diners, während er mit dem neben ihm sitzenden Malinsky von Zeit zu Zeit einige vertrauliche Worte wechselte.
Nicht allzu lange dauerte es, so wurde die Tafel aufgehoben, und man begab sich, um den Kaffee zu nehmen, in den Salon, da einstimmig erklärt wurde, auf der Terrasse sei es noch zu heiß.
Nachdem der Direktor seine Tasse und ein Gläschen Chartreuse geleert hatte, bewegte er sich, eine der schweren Zigarren, die Röber seinen Gästen dargereicht, unangezündet zwischen den dicken Fingern, verlegen auf seinem Stuhle hin und her. Endlich erhob er sich und stammelte, man möge verzeihen, daß er sich leider entfernen müsse. Er habe eine Verabredung mit seiner Frau getroffen, die ihn in Schönbrunn erwarte.
Elsa reichte ihm sehr freundlich die Hand, die er untertänig an die wulstigen Lippen drückte. Wie schön, wie weiß war jetzt — ich hatte sie schon bei Tisch bewundert — diese Hand, an deren schlankem Goldfinger ein prachtvoller Saphir glänzte.
„Ich hoffe, vor meiner Abreise Ihre Zöglinge noch persönlich aufsuchen zu können; wenn nicht, so erhalten Sie jedenfalls das Bewußte zugesendet.“
Kaum war der Direktor, der sich in der Nähe der Tür noch einmal mit einem tiefen Knix umgewendet hatte, wobei er nach Weiberart an seine langen Rockschöße griff, verschwunden, als auch Röber sich erhob.
„Ich muß ebenfalls aufbrechen,“ sagte er, „und kann nur bedauern, die Gegenwart so angenehmer Gäste nicht länger genießen zu können.“
Man sah, wie Elsa erbleichend zusammenzuckte. „Wie?“ fragte sie mit gepreßter Stimme, „du willst fort? Du hast doch versprochen, den Abend hier zuzubringen — endlich einmal“, setzte sie leiser hinzu.
„Ja, ich habe es versprochen“, erwiderte er kalt. „Aber ich kann mein Versprechen nicht halten. Eine wichtige Angelegenheit zwingt mich, nach der Stadt zu fahren.“
„Heute? An einem Sonntag?“ fragte Frau von Ramberg spitz.
„Meine Angelegenheiten kennen keinen Sonntag, gnädige Frau.“ Dann wandte er sich zu Elsa. „Malinsky wird es dir bestätigen; er kommt mit mir.“
„Allerdings“, sagte dieser, indem er seine durchfurchte Stirn noch mehr in horizontale Falten legte. „Es geht nicht anders, Verehrte.“ Er erhob sich zum Abschied.
Elsa schien ihn gar nicht gehört zu haben.
„Geh’ nur, geh’!“ sagte sie, das Haupt zurückwerfend, heftig zu Röber. „Wir können auch ohne dich ausfahren.“
„Gewiß,“ erwiderte er mit einem harten Blicke; „du wirst mit Conimor fahren.“
„Nun, wenn du es durchaus willst —“ versetzte sie, nervös erbebend, und sah ihn mit weit geöffneten Augen an.
„Ja, ja!“ rief der Baron vergnügt, „wir fahren miteinander! Mein Fiaker hat heute ein ganz neues Zeug’l — famos!“
Elsa achtete nicht darauf. „Und wann kommst du zurück?“ fragte sie, schwer atmend.
„Das weiß ich nicht. Es dürfte spät werden, und da übernachte ich besser gleich in der Stadt.“
Nachdem er dies in eisigem Tone gesprochen hatte, verbeugte er sich nach rechts und links; dann trat er, wie sich besinnend, an mich heran und reichte mir mit einem Anfluge seines früheren Hochmutes die Hand. „Ich hoffe, Sie wohl noch ein andermal zu sehen.“
Als er sich mit Malinsky entfernt hatte, trat eine peinliche Stille ein. Man sah, in welcher Gemütsverfassung sich Elsa befand, und war in Verlegenheit, wie man darüber hinwegkommen sollte. Selbst der joviale Architekt wußte sich nicht zu helfen; er trommelte auf den Scheiben der Glastür, die auf die Terrasse führte, während Frau von Ramberg ihren sichtlichen Ärger hinter einem Zeitungsblatt verbarg, das sie zur Hand nahm. Der Maler aber näherte sich betrachtend den Bildern, die an den Wänden hingen; darunter auch eine arg verstrichene Farbenskizze von Makart, welche die Hausfrau in einem ungeheueren Rembrandthute vorstellte. Zuletzt vertiefte er sich sehr angelegentlich in einen ganz kleinen Pettenkofen, der in der Nähe eines Fensters angebracht war. Nur Conimor kam nicht aus dem Gleichgewichte. Er goß sich höchst munter ein zweites Glas Chartreuse ein und vertauschte seine Zigarre, die er in den Aschenbecher warf, mit einer zarten Papyros.
„Wie heiß es hier ist!“ rief Elsa plötzlich, indem sie ihren Fächer heftig auseinander schwirren ließ.
„Soll ich die Tür öffnen?“ fragte der Architekt.
„Bitte!“
Er tat es. Die Luft, die hereindrang, war allerdings noch von der Nachmittagssonne durchglüht; aber ihr würziger Hauch erquickte doch und verteilte sich wohltuend in dem rauchigen Raume.
Man atmete freier auf, und auch Elsa schien sich allmählich zu fassen.
„Lieber H...,“ sagte jetzt Frau von Ramberg herablassend zu dem Musiker, der inzwischen regungslos dagesessen hatte, „Sie haben bei Tisch von der neuesten Schöpfung Wagners gesprochen. Sie kennen sie gewiß schon — wenigstens zum Teil. Können Sie uns nichts daraus vorspielen?“
„Den Anfang, wenn Sie wollen“, erwiderte der Gefragte trocken.
„O ja! Wir bitten darum!“ rief Elsa aus ihren Gedanken heraus. „Nicht wahr?“ wendete sie sich fragend an mich; sie hatte sich offenbar erst jetzt wieder auf meine Anwesenheit besonnen.
Der Musiker erhob sich, trat an den Stutzflügel, der in der Nähe der Gartentür stand, und öffnete ihn, während alles Platz nahm.
Jetzt begann er zu spielen. In feierlichen, vibrierenden Schwingungen, sofort an die Eigenart ihres Urhebers mahnend, quollen die Töne auf.
Der Architekt, wie um gesammelter zuzuhören, schloß die Augen; der Maler drehte, etwas zerstreut, die Enden seines feinen blonden Schnurrbärtchens; Conimor, die Hände in den Hosentaschen, öffnete den Mund. Frau von Ramberg hatte sich neben Elsa gesetzt und lauschte mit zurückgeworfenem Haupte und übereinandergeschlagenen Beinen. Elsa blickte starr vor sich hin; von Zeit zu Zeit schien ein leichter Schauder durch ihren Körper zu gehen.
Das Spiel war zu Ende und tiefe Stille trat ein. Der Architekt fuhr empor; man merkte, daß er geschlummert hatte. Endlich sprach Frau von Ramberg: „Großartig! Erhaben!“
„Das eigentlichste Werk des Meisters, eine Offenbarung“, bekräftigte H.... barsch.
„Hm — ja“, sagte Conimor, indem er aufstand und näher trat. „Aber was Sie letzthin gespielt haben, hat mir noch viel besser gefallen. Sie wissen, das Stück da — aus Tristan und Isolde —“
„Isoldens Liebestod“, versetzte der Musiker kurz, ohne ihn anzusehen.
„Ach ja, Isoldens Liebestod!“ rief Elsa hastig. „Er ist wundervoll! Spielen Sie ihn doch!“
„Wird es Sie nicht zu sehr angreifen, meine Liebe?“ fragte die Ramberg mit gedämpfter Stimme. „Ich fürchte —“
„Ach nein, nein! Es tut nichts! Bitte, liebster H...!“
Dieser legte wieder die langen, vertrockneten Finger auf die Tasten, während sich Conimor auf ein kleines Tabouret niederließ, das zufällig ganz nahe hinter dem Fauteuil Elsas stand.
So trat denn neuerdings erwartungsvolles Schweigen ein, und bald darauf entwickelte sich aus glau ineinander zitternden Klangwellen heraus, in allmählichen, grausam wollüstigen, immer wieder in sich zurücksinkenden Steigerungen, der gewaltsamste Angriff auf die menschlichen Nerven, den die Tonkunst kennt. Die Wirkung war auch hier eine geradezu körperliche: Jeder fühlte sich in seiner Weise gepackt, überwältigt, gepeinigt, entzückt, aufgelöst. Selbst Frau von Ramberg konnte ihre Würde nicht behaupten; sie fing an, sich auf ihrem Sitze wie eine Schlange zu winden. Elsa lag weit zurückgelehnt in dem niederen Fauteuil, ohne zu merken, daß ihr Haar den Arm Conimors berührte, den dieser auf die Lehne gelegt hatte. Sie war bleich, und ein hastiges, gleichmäßiges Zucken erschütterte ihren Leib. Plötzlich stieß sie einen durchdringenden Schrei aus.
Alles sprang erschrocken auf; nur der Musiker blieb ruhig sitzen, die Finger auf den Tasten.
„Ich hab’ es ja gewußt!“ rief Frau von Ramberg, mehr erzürnt als besorgt, indem sie mit ihrer dürren Hand über die Stirn Elsas strich.
Diese sah aus wie eine Tote, ihr Blick war gebrochen. Dennoch erhob sie sich, mühsam nach Atem ringend, nahm den Arm der Dame und wankte, auf der andern Seite von Conimor unterstützt, aus dem Salon. Man hörte, wie sie draußen in ein krampfhaftes Weinen ausbrach.
„Schöne Bescherung!“ sagte der Architekt nach einer Pause. Dann sich zu H.... wendend: „Da haben Sie die Wirkungen der Wagnerschen Musik.“
„Was kann Wagner dafür, daß die Leute krank sind“, versetzte der andere phlegmatisch.
„Wie aber stünd’ es um ihn, wenn sie’s nicht wären?“
„Sie sind jedenfalls gesund“, sagte H...., indem er aufstand und ihm mit einen leichten Schlag auf den wohlgenährten Leib versetzte. Dann sah er nach der Uhr. „Schon sechs. Ich muß nach Lainz hinüber. Adieu.“ Er verbeugte sich nachlässig und ging.
„Alter Musikbär!“ brummte der Architekt und folgte dem Maler und mir über die Terrasse in den Garten, wo wir ziemlich einsilbig das blumige Rondell des Vorplatzes umschritten. Draußen, hart am Gitter, im Schatten überhängender Zweige stand der Fiaker Conimors; in der Tat ein sehr „fesches Zeug“, dessen Lenker, auf dem Kutschbock ausgestreckt, den Schlaf des Gerechten schlief.
Jetzt kam der Baron zurück und gesellte sich zu uns. Wir sahen ihn fragend an.
„Ich weiß nichts“, sagte er, die Achseln zuckend. „Sie hat sich mit Frau von Ramberg auf ihr Zimmer begeben.“
Es dauerte nicht lange, so erschien diese auf der Terrasse und schritt uns, sichtlich erregt, mit wichtiger Miene entgegen.
„Die Frau des Hauses ist noch immer nicht wohl“, sagte sie.
„Doch nichts Gefährliches?“ forschte Conimor angelegentlich.
„Ich hoffe nicht. Jedenfalls aber kann sie sich heute nicht mehr zeigen. Die Herren wollen sich also in ihren weiteren Plänen für den Abend nicht stören lassen. Sie aber, Baron Sigi, fahren sofort nach der Stadt zu Doktor Breuer, auf daß er, wenn möglich, noch heute herauskommt.“
„Soll geschehen“, versetzte Conimor, näherte sich dem Gitter und rief den Kutscher an. Er mußte es noch zweimal tun, bis dieser emporschrak, schlaftrunken um sich blickte und, endlich die Sachlage begreifend, beim Tor der Villa vorfuhr.
„Und was tun wir?“ wandte sich der Architekt an den Maler.
Dieser blickte unschlüssig vor sich hin.
„Wenn die Herren wollen, nehme ich Sie mit“, sagte Conimor mit einer einladenden Armbewegung.
„Ja, haben wir denn alle drei Platz?“ fragte der umfangreiche Baukünstler mit einem Blick nach dem zierlichen Gefährt.
„Ach was, wir nehmen den Baron auf den Schoß!“ erklärte der Maler.
Die Herren stiegen ein.
Nachdem der Wagen fortgerollt war, sah mich Frau von Ramberg von der Seite an und fragte: „Sie kennen Elsa schon lange?“
„Allerdings — ziemlich lange.“
„Und auch, wie sie mir selbst gesagt hat, ihre früheren Verhältnisse. Da werden Sie sich wohl manches von dem erklären können, was Sie heute wahrgenommen.“ Sie erwartete, daß ich etwas darauf sagen würde. Da dies aber nicht geschah, fuhr sie fort: „Das ist die Folge, wenn man einem Manne alles opfert. Offen gestanden, habe ich Elsa, nachdem ich ihren Roman gelesen, für eine weitaus bedeutendere Frau gehalten. Sie ist doch nur eine beschränkte, weichmütige Wienernatur und brachte es nicht einmal dahin, daß Röber sie geheiratet hat. — Ich glaube, sie wollte Ihnen Eröffnungen machen und Ihren Rat erbitten“, setzte sie nach einer Pause hinzu, offenbar ärgerlich über mein andauerndes Schweigen, das ihr gewiß sehr einfältig erschien. „Aber da ist nicht zu raten und nicht zu helfen. Er liebt sie eben nicht mehr. Auch sonst ist die Arme sehr übel daran. Sie hat nämlich in letzter Zeit öfter derlei Anfälle, und die Ärzte verstehen ihren Zustand gar nicht, wenn sie ihr Bewegung verordnen. Ich halte das Ganze für den Beginn einer höchst traurigen Frauenkrankheit.“
Mit diesem kategorischen Ausspruch zog sie das Kinn zu kurzem Gruß an und entließ mich.
Ich aber trat in den lauen, dämmerigen Abend hinaus. Auf dem Hietzinger Platze wimmelte es von Menschen und Fuhrwerken aller Art, die bereits samt und sonders der Stadt zustrebten, während bei Dommayer lustige Musik erklang und immer neue Scharen von Besuchern den Schönbrunner Park verließen. Mitten in diesem bunten Gewoge schritt auch ich jetzt, meinen Gedanken nachhängend, dahin.
* *
*
Als ich mich im Laufe der nächsten Tage, meinen Besuch in Penzing erledigend, nach dem Befinden Elsas erkundigte, erhielt ich in der Villa den Bescheid, daß sie auf dringendes Anraten der Ärzte eine altbewährte Wasserheilanstalt aufgesucht habe.
IX.
Die Zeit meiner Abreise war herangerückt. Bevor ich meine Vaterstadt vielleicht auf lange wieder verließ, wollte ich noch eine stille Stunde der Gemäldegalerie im Belvedere weihen. Konnte es doch das letztemal sein, daß ich diese Kunstschätze an dem stimmungsvollen Orte sah, wo ich sie seit meiner Jugend zu betrachten und zu bewundern gewohnt war.
Die Ausführung dieses Vorhabens wurde durch mehrfache Umstände bis knapp vor dem Tage verzögert, den ich mir zur Reise festgesetzt hatte, und selbst da kam noch allerlei Störendes dazwischen, so daß es bereits zwei Uhr war, als ich mich, an den wohlbekannten Taxushecken und den steinernen Sphinxen vorübereilend, dem ehemaligen Sommerpalaste des Prinzen Eugen näherte. Das Wetter war dem Unternehmen nicht sehr günstig: ein düsterer, bedeckter Himmel, der sich hin und wieder aufhellte, um gleich wieder regendrohend sich zu verfinstern. So fehlte denn, als ich die weiten Säle betrat, der verklärende Sonnenschein, welcher, wenn auch in einzelnem zuweilen störend, die Gesamtheit der Bilder sofort dem Auge und Herzen näher bringt. Zudem waren unvermutet viele Besucher da; die Mehrzahl rote Bädeker in den Händen. Was mich aber am meisten störte, war die Unzahl von kopierenden Malern und Malerinnen. Sie saßen nur so in Reihen hintereinander, jeder und jede noch ein paar neugierige Zuseher im Rücken oder zur Seite. Ich konnte die richtige Stimmung nicht finden und ging zerstreuten Sinnes an den herrlichen Meisterwerken hin. Dieser leere, unbefriedigte Zustand wurde aber mit einem Mal zu einem grimmigen Mißbehagen, als ich im Rubenssaale mit einem Herrn zusammenstieß, dem ich, und besonders heute, lieber eine Meile weit aus dem Weg gegangen wäre. Es war ein sogenannter „Amateur“, ein sonst ganz unbeschäftigter, ziemlich wohlhabender Mann, der in allen Ateliers herumschnüffelte, auf jeder Auktion anzutreffen war und, wie sich von selbst versteht, eine kleine Privatgalerie samt einer wertvollen Antiquitätensammlung besaß. Sein selbstbewußtes Wesen, seine rechthaberischen, oft sehr schiefen Kunsturteile waren sprichwörtlich geworden, und die Maler behaupteten, er verstehe von Bildern so viel oder so wenig wie ein Schuhflicker. Das war nun freilich übertrieben; denn wiewohl er nach jeder Richtung hin Aussprüche tat, die von dünkelhafter Halbbildung strotzten, so konnte man doch nicht leugnen, daß er, wie alle solche Menschen, die Gabe besaß, an jeder Leistung sofort die schwachen Seiten herauszufinden. Und wie in der Kunst, so auch im Leben. Ein aufdringlicher Gesellschafter, wußte er sich in alle Kreise Eintritt zu verschaffen; man duldete ihn als eine Art notwendigen Übels und bespöttelte seine böse Zunge mehr, als man sie fürchtete, da er oft genug über ganz harmlose Persönlichkeiten die ungeheuerlichsten Dinge vorbrachte. Dennoch wußte er sehr genau, wo jeden einzelnen der Schuh drückte, und die verborgensten und verschwiegensten Verhältnisse waren für ihn nicht selten ein offenes Buch, in dem er mit Behagen las.
Ich wollte anfangs Miene machen, ihn nicht sofort zu erkennen, dann aber mich mit einer verbindlichen Gebärde schweigend an ihm vorbei drücken. Er jedoch tat sehr erfreut, faßte mich unter dem Arm, fragte mich, wie es mir gehe, wie lange ich schon in Wien sei — und so weiter. Meine neueste Dichtung habe er gelesen, sich aber leider mit dem Sujet nicht befreunden können; jedenfalls sollte ich mehr — viel mehr schreiben. Dann kam er auf die neuen Museen zu sprechen, welche er in der Hauptsache für ganz verfehlt erklärte — und schloß endlich damit, daß er hier Rafaels Madonna im Grünen en miniature kopieren lasse, und zwar von einem Aquarellisten, der in dieser Hinsicht eine ganz neue Methode erfunden habe. Er führte mich auch zu dem betreffenden Künstler, einem schon sehr bejahrten Herrn, der, eine eigentümlich konstruierte Brille auf der Nase, ruhig hinter seiner Tafel saß. Die fast vollendete Arbeit nahm sich in der Tat sehr schön und erfreulich aus; der Mäcen lobte sie auch, hielt jedoch mit wohlwollenden Ausstellungen keineswegs zurück. Ganz unerträglich jedoch benahm er sich einem jüngeren Maler gegenüber, welcher, wie sich herausstellte, Morettos Santa Justina im Auftrage des Münchener Grafen Schack kopierte. Nicht genug, daß er dicht hinter den emsig Arbeitenden trat und, bald das Original, bald die Kopie betrachtend, vor allen Anwesenden mißbilligend den Kopf schüttelte: er wies auch mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Fehler hin, welche seiner Meinung nach bei der Nachbildung begangen wurden, so daß der Künstler endlich sich unwillig halb erhob und den unberufenen Kritiker mit zornfunkelnden Augen herausfordernd ansah.
Ich hielt es nicht länger aus und wollte, mich empfehlend, die Galerie verlassen, die mir nun doch schon verleidet war.
„Warten Sie, ich gehe gleich mit Ihnen“, sagte er und hängte sich wieder an meinen Arm.
Er hatte unten einen Einspänner stehen und bot mir einen Platz an. Ich wollte ablehnen; aber er nötigte mich einzusteigen. „Fahren Sie wenigstens ein Stück Weges mit; warum wollen Sie denn die lange Heugasse zu Fuß zurücklegen?“
Als wir in dem engen Gefährt saßen, fragte er mich, wohin ich denn eigentlich wollte. Ich antwortete, daß ich jetzt essen gehen würde. Wohin? Er speise in der Stadt Frankfurt, ich solle mitkommen. Nein, das sei mir zu entlegen, ich wolle überhaupt nicht nach der Stadt. Wohin ich mich also begeben würde? Ich nannte ein in der Nähe befindliches Hotel, das mir gerade einfiel. „Hotel Viktoria? Schön, ich kann auch dort speisen und leiste Ihnen Gesellschaft.“ Er rief dem Kutscher zu, nach dem bezeichneten Orte zu fahren.
Da es inzwischen ein wenig geregnet hatte und sich der Tag überhaupt empfindlich kühl anließ, so vermieden wir, uns in den schönen Garten zu setzen, der das Hotel auszeichnet, und begaben uns in den Speisesaal, der, wie meistens um diese Stunde, ganz unbesucht war. Wir bestellten unser Essen, das ich meinerseits in der aufgezwungenen Gesellschaft mit verbissenem Ingrimm hinunterwürgte.
Man hatte uns schon den Kaffee gebracht, als plötzlich draußen im Garten ein auffallend vornehmes Paar erschien: ein Herr und eine Dame, in welch ersterem ich sofort Röber erkannte. Die beiden schienen unter sich uneins, ob sie im Freien bleiben oder den Saal aufsuchen sollten. Endlich gab die Dame kurzweg den Ausschlag, indem sie sich rasch an einem kleinen Tische niederließ, der, von einigen Oleanderstöcken umgeben, ziemlich geschützt in der Nähe der Saalfenster stand.
Mein Begleiter hatte die Ankömmlinge ebenfalls wahrgenommen und rief: „Oho! Wie kommen die daher? Gewiß nur, weil sie anderswo fürchten müßten, gesehen zu werden.“
„Kennen Sie die Leute?“ fragte ich hinausblickend. Wir saßen an der Rückwand des nicht sehr breiten Saales in einer Art Nische, wo man uns nicht leicht wahrnehmen konnte.
„Ob ich sie kenne!“ erwiderte er, sich behaglich zurücklehnend. „Das ist ja dieser Röber, der in letzter Zeit so viel Geld macht.“
„Ich glaube, ich bin einmal irgendwo flüchtig mit ihm zusammengetroffen. Und ist die Dame seine Frau?“
„Seine Geliebte. Die gewesene Frau eines Börsensensals, der sich ihretwegen erschossen hat. Eine Jüdin. Sie war einmal unvergleichlich schön, wie man noch jetzt bemerken kann.“
Ihre Schönheit war mir allerdings sofort aufgefallen, und gerade in diesem Augenblick zeigte sie mit einer Kopfwendung ihr ungemein interessantes Profil: edelste, orientalische Züge, fast blutlos bleich; aus dem kleinen weißen Kapotehütchen, das sie trug, drängte sich rückwärts, in kaum zu bändigender Fülle, ein Wust von glanzlosen dunkelschwarzen Haaren hervor.
„Eine höchst gefährliche Person“, fuhr mein Nachbar fort. „Herzlos, mit einem kalten, messerscharfen Verstande. Dabei bizarr, phantastisch, abenteuerlich. Eine unmögliche Zusammenstellung, werden Sie sagen — und doch ist es so.“
„Sie scheinen sehr genau unterrichtet zu sein.“
„Mein Gott, ich verkehre ja mit aller Welt und habe sie schon gekannt, da sie noch ein junges Mädchen war. Bereits damals zeigte sich, was sie werden würde: ein Irrlicht, das nicht zu haschen, ein Mühlstein, der nicht abzuschütteln ist. Sie hätte inzwischen schon einen Fürsten B... heiraten sollen, und nur durch die größten Geldopfer von seiten der Familie ist die Sache rückgängig geworden.“
„Sie besitzt also Vermögen?“
Er lachte laut auf. „Vermögen? Schulden! Denn es ist nicht anzunehmen, daß ihr neuer Verehrer diese vollständig gezahlt hat. Sie ist nämlich eine notorische Verschwenderin — und zwar in einer Art und Weise, die eigentlich schon ans Wahnwitzige streift. Das pflegt immer der Fall zu sein, wenn der semitische Geist einmal ins Gegenteil umschlägt. In ihrer Hand würden Millionen zerrinnen. Was sie jetzt Herrn Röber kosten mag, läßt sich gar nicht beurteilen.“
„Aber ist er denn selbst so ungewöhnlich reich,“ fragte ich, „daß er —“
„Reich! Er hat mit Lieferungen in die unteren Donauländer reichlichen Gewinn erzielt. Seit einiger Zeit operiert er mit einem gewissen Malinsky, einem wahren Gauner, an der Börse. Bis jetzt allerdings mit fabelhaftem Glücke. Wie lange es noch so fortgehen wird, ist die Frage. Er soll übrigens auch noch eine alte Geliebte in seiner Villa in Hietzing bei sich haben. Eine Art Schriftstellerin. — Wissen Sie davon nichts?“ fragte er plötzlich argwöhnisch.
„Nein“, erwiderte ich trocken und machte Anstalten, meine Zeche zu begleichen. Denn ich glaubte zu bemerken, daß man draußen, während zwei Kellner mit unterwürfiger Dienstbeflissenheit ein ausgesuchtes Diner zu servieren begannen, auf uns aufmerksam geworden war.
„Sie wollen schon gehen?“ fragte mein Begleiter.
„Ja; ich muß nach Hause. Ich habe noch allerlei zu ordnen und zu packen, denn ich reise morgen von hier ab.“
Ich hatte gefürchtet, er würde sich mir wieder anschließen, vielleicht gar in meiner Wohnung eine zweite Zigarre rauchen wollen. Aber er regte sich nicht und sah mich ganz gleichgültig an.
„So? Sie reisen morgen?“ sagte er gedehnt. „Nun, dann Gott befohlen! Ich bleibe noch ein wenig. Es macht mir Vergnügen, das Pärchen da draußen zu beobachten. Es sitzt sich hier wie in einer Loge.“
Wir reichten einander flüchtig die Hände, und ich entfernte mich, nachdem ich noch einen Blick auf Röber und seine neue Geliebte geworfen hatte, welche eben bemüht war, mit einem kurzen Messer, das sie in der beringten Hand hielt, eine Krebsschere zu öffnen.
Noch den ganzen Abend beschäftigte dieses unvermutete Zusammentreffen meine Gedanken, und als ich am nächsten Morgen, bei strömendem Regen, im Eisenbahnzuge durch die melancholischen Praterauen fuhr, da kam auch am Fuße des Kahlen- und Leopoldsberges für einen Augenblick der stattliche Vorort in Sicht, wo sich für die schöne Frau Stadler der Schicksalsknoten geschürzt hatte. „Wie wird es enden?“ dachte ich, während jetzt der Zug mit beschleunigtem Laufe und schrillem Pfeifen in die weite, trostlose Ebene hineindampfte.
* *
*
Es endete nur zu bald — und traurig. Was ich darüber zufällig und absichtlich in Erfahrung gebracht, kann hier in Kürze erzählt werden.
Das Glück war Röber nicht treu geblieben. Er verlor, verlor alles, was er gewonnen — und noch mehr. Aber er hatte, um sich aufrecht zu erhalten, in letzter Zeit auch nach anvertrauten Geldern gegriffen: drei namhafte Beträge waren sofort zu ersetzen, wofern er nicht den Gerichten verfallen wollte. Woher aber die nötige Summe nehmen? Elsa brachte sie zustande: sie ging — ob nun gezwungen, oder aus eigenem Antriebe — Conimor darum an. Und dieser erfüllte ihr Begehren. Er hatte gerade die Nacht zuvor im Wienerklub an einen hohen Aristokraten zweimal hunderttausend Gulden im Spiel verloren; was lag daran, wenn Papa noch ein Sümmchen darauf legte, das doch kaum zur Hälfte jenes Verlustes hinanreichte? Er konnte es ja wieder hereinbringen. Elsa erhielt also das Geld und gab es Röber. Dieser nahm es — und verschwand, ohne seine Verpflichtungen zu erfüllen. Mit ihm die neue Geliebte. Es mußte alles von langer Hand vorbereitet gewesen sein; denn sie waren spurlos entkommen. Wie man annahm, nach Amerika; und in der Tat liefen zwei Jahre später von dorther Briefe und Geldsendungen an die Verlusttragenden ein.
Was aber hätte die arme Verlassene damals tun sollen? Die Villa war mit Beschlag belegt worden; ihr selbst standen peinliche Vernehmungen — vielleicht noch Ärgeres bevor, da man anfänglich nicht umhin konnte, sie als die Mitwisserin jener sträflichen Vorgänge anzusehen. Sie nahm also zu dem Mittel ihre Zuflucht, das sie schon lange vorher zur Beschwichtigung körperlicher Schmerzen in Anwendung gebracht und welches sie jetzt rasch und mit einem Mal von allen Leiden befreien sollte. Sie vergiftete sich mit Morphin.
Und was würde Frauenlob gesagt haben, wenn er diesen vollwichtigen Triumph seiner Vorhersagungen noch erlebt hätte?! Aber er war vor Elsa zu Grabe gegangen. Ein Lungenübel, zu dem er seit jeher veranlagt gewesen, hatte sich in Berlin, wo er kümmerliche Tage fristete, rasch entwickelt und ihn dahingerafft, ehe ihm noch die viel gepriesene Heilkraft der Kochschen Lymphe eine trügerische Hoffnung hätte gewähren können.