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Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III cover

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III

Chapter 53: VI.
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About This Book

A set of novellas presents compact portraits of individuals and households in Austrian settings, probing how private desires collide with public reputation. Episodes range from a fastidious, appearance-obsessed young officer whose sense of honor governs his conduct, to tales that examine Jewish experience, enigmatic female figures, urban childhood, and life at a provincial castle. The narratives combine psychological insight with social detail, showing how vanity, melancholy, concealed pasts, and class expectations shape choices and fates. Repeated themes include the tension between love and duty, the ripple effects of secrets, and the small contingencies that determine personal outcomes.

Sie wußte nicht, was sie erwidern sollte, und fühlte nur, wie ihr eine heiße Glut ins Antlitz stieg.

„Ja,“ fuhr er fort, seine Stimme zu schmeichelndem Flüstern dämpfend, „ja, schöne Chatelaine, ich habe nicht bloß gestern und heute — ich habe stets an Sie gedacht, seit ich Sie zum erstenmal gesehen. Und schon damals hab’ ich erkannt, daß wir uns finden würden.“

Sie rang nach Atem. Da war es ja, da hatte er ausgesprochen, was sie geahnt, was sie gefürchtet! Und sie — o Gott! — sie stand da, ratlos, hilflos — und fand kein Wort der Entgegnung, der Zurechtweisung. Was konnte — was mußte er von ihr denken?

„Und nicht wahr?“ setzte er hinzu, „wir haben uns gefunden — werden uns wiederfinden —“

Er hatte bei diesen Worten mit seiner nervigen, aber feinen Hand, an der ein kostbarer Siegelring glänzte, ihre bebenden Finger erfaßt und einen Arm um ihren Leib gelegt. Sie wollte sich ihm entziehen, ihn zurückstoßen — aber sie vermochte es nicht. Ihre Kniee wankten, die Sinne drohten ihr zu vergehen.

„O, du liebst mich!“ lispelte er, indem er versuchte, ihren bleichen, abgewandten Mund zu küssen, „nicht wahr, du liebst mich?“ Und da sie verzweiflungsvoll widerstrebte, fuhr er fort: „Kommen Sie, lassen Sie uns hier bleiben an diesem trauten, verschwiegenen Ort!“ Er suchte sie mit Gewalt nach der Ruhebank zu lenken. „Hier stört uns niemand — —“

Diese Worte brachten sie zur Besinnung. Denn wie ein Blitz hatte sie dabei der Gedanke an ihren Gatten durchzuckt. Wenn er mittlerweile in den Park gekommen wäre — und sie nun suchte!

Sie machte eine gewaltsame Anstrengung, sich aus den Armen des Grafen loszumachen, der seine Lippen in ihr Haar gepreßt hatte; aber er umklammerte sie nur um so fester. Als er jedoch in ihren Zügen den Ausdruck der entsetzlichen Angst gewahrte, mit welcher sie von dem Hügel fortstrebte, fragte er betroffen: „Warum wollen Sie fliehen? — Wohin wollen Sie, Klothilde?“

Sie deutete in kraftloser Verstörung nach dem Tirolerhause hinunter.

„Dorthin?! Warum?“

„Ich erwarte —“ Mehr konnte sie nicht hervorbringen.

„Wen? Wen erwarten Sie?“ drängte er, ohne sie völlig loszulassen. Und da sie nicht mehr antwortete, setzte er hinzu: „Ihren Gatten?“

Sie ließ bejahend das Haupt sinken.

Nun gab er sie langsam frei. „Das ist freilich fatal“, sagte er mit unterdrücktem Ärger. „Er darf uns nicht beisammen finden. Am allerwenigsten hier. Aber ich komme morgen — komme jeden Tag wieder. Um dieselbe Stunde —“

Sie hörte ihn nicht mehr. Sie strich mit beiden Händen über ihr losgegangenes Haar und taumelte die Höhe hinunter.

Er aber blieb eine Weile aufrecht stehen und blickte verdrossen in die Gegend hinaus. Dann schüttelte er den Kopf und entfernte sich mit vorsichtigen Schritten.

VI.

Als jetzt Klothilde, ohne zu wissen wie, bei dem Tirolerhause angelangt war, sank sie auf die Bank neben der Tür und blickte starr und ausdruckslos vor sich hin. Was war denn vorgegangen?! Sie mußte sich erst darauf besinnen — und nun schlug sie, laut aufstöhnend, die Hände vor das Antlitz. „Mein Gott! Mein Gott!“ Was sie geahnt, wovor sie gezittert, war eingetroffen. Eingetroffen in dem Augenblick, wo sie sich bereits gerettet und geborgen glaubte! Vollzogen hatte es sich plötzlich, ohne Widerstand von ihrer Seite! Willenlos hatte sie in den Armen des Grafen gelegen — und nur mehr eines Haares Breite hatte sie von dem Abgrund getrennt, in den sie als Ehebrecherin unrettbar versunken wäre! Und war sie es denn eigentlich nicht schon? Ein anderer, als ihr Gatte, hatte sie verlangend an sich gezogen, hatte sie — sie schauderte auf — du genannt, hatte mit brennenden Lippen ihrem Scheitel ein Mal aufgedrückt. Wie sollte sie jetzt dem Freiherrn entgegentreten — entweiht, gebrandmarkt! Und nicht der begehrliche Mann mit den dunklen Augen war an dem allen schuld — nein, nur sie, sie ganz allein in ihrer entsetzlichen Schwäche und Hilflosigkeit! Jede andere Frau an ihrer Stelle und unter solchen Umständen würde den Versucher abgewiesen — ihn wenigstens zum Scheine zurückgestoßen haben! Und sie — sie hatte nicht einmal ein Wort der Zurechtweisung, geschweige denn ein gebieterisches der Abwehr gefunden. Und wenn er morgen wieder an sie herantrat, fehlte ihr gewiß wieder die Kraft! O, was für ein Weib war sie!? Welch ein verächtliches Geschöpf! Welch unerhört feige, erbärmliche Natur! Nicht wert, daß sie die Sonne beschien, deren goldige Lichter vor ihr auf der Wiese glänzten und funkelten!

Sie sprang auf und eilte in die Zimmer empor. Dort schloß sie rasch die nach dem äußeren Gang offene Tür, schloß alle Fensterläden. Nun war es dunkel um sie her; nur die Gegenstände, deren Anblick sie noch vor einer Stunde so glücklich gemacht, dämmerten in gespenstischen Umrissen auf. Auch das konnte sie nicht ertragen; sie sank auf den harten Sitz an der Wand und schloß die Augen. Nun war es finster und still wie im Grabe. O, läge sie darin!

Aber wurden jetzt nicht von unten herauf Tritte vernehmbar? Klangen sie nicht schon auf der Treppe? Das war ihr Gatte! Ihr Herz stand still — und doch nicht so still, wie sie es gewünscht hätte.

Der Freiherr hatte leicht an der Klinke gedrückt und fragte mit halber Stimme durch die Spalte herein: „Bist du hier, Klothilde?“

Sie regte sich nicht.

Nun hatte er die Tür ganz geöffnet und sah bei dem Lichtschein, der von draußen hineinfiel, wie sie lang ausgestreckt dasaß, totenbleich, mit zurückgesunkenem Haupte.

„Klothilde!“ rief er, erschrocken auf sie zueilend. „Was ist dir? Mein Gott, was ist geschehen —?“

Sie gab noch immer keinen Laut von sich.

Er befühlte ihre Stirn, faßte ihre kalte, leblose Hand. „Klothilde,“ wiederholte er, aufs äußerste beängstigt, „was ist dir?“

„Frage mich nicht“, erwiderte sie jetzt dumpf.

„Was soll das heißen?“ drängte er, indem er sich an ihrer Seite niederließ. „Sprich, rede — ich bitte dich!“

Sie schlug die Augen auf und starrte, ohne ihn anzusehen, wie ins Leere. „Ich bin verloren“, sagte sie.

„Verloren?!“ rief er aus. „Verloren —“ wiederholte er tonlos, während plötzlich eine entsetzliche, unfaßbare Vermutung in ihm aufdämmerte.

„Ja“, sagte sie.

Ihm war es, als läge er im Fieber und habe ein entsetzliches Traumgesicht. Aber nein: es war ja Wirklichkeit — etwas Entsetzliches mußte vorgefallen sein. Was immer auch: vor allem Klarheit, vollständige Gewißheit! Er sagte daher sanft: „Laß diese rätselhaften Aussprüche, Klothilde. Sage mir, was geschehen ist. Hörst du, Klothilde? Vertrau’ es mir an — mir, deinem Gatten, der dich liebt — so unsäglich liebt —“

Bei dem Ton dieser Stimme, bei der Berührung seiner Hand, die jetzt mit aufmunterndem Kosen über ihre Schläfe und Wange strich, überkam sie ein so gewaltiges Weh, daß ihr die Brust zerspringen wollte. Endlich brach sie in einen Strom von Tränen aus.

Er ließ sie weinen. Dann brachte er seinen Mund dicht an ihr Ohr und sagte weich und flüsternd: „Ich will dir zu Hilfe kommen. Sage mir: hängt dein verzweifelter Zustand mit — mit dem —“

Er vollendete nicht; denn ein rasches Aufschluchzen Klothildens sprach deutlich genug.

Und nun, da er die Gewißheit hatte, um was es sich handelte, begann er zu forschen, allmählich, mit äußerster Vorsicht und Zartheit. Aus den leisen, kaum andeutenden Fragen, die er an sie richtete, aus halben Worten, unterdrückten Gebärden, krampfhaftem Weinen erfuhr er, was sich zugetragen — und atmete auf.

„Armes Kind!“ sagte er nach einer Pause, „armes Kind! — Und weiß ich jetzt alles?“ setzte er leise hinzu.

Sie bejahte mit stummem Senken des Hauptes.

„Nun dann,“ fuhr er fort, die Hand auf ihren Scheitel legend, „dann sei ruhig. Denn es wird alles wieder gut werden.“

Sie fuhr mit halbem Leibe empor und blickte ihn mit schreckhaftem Erstaunen an. „Das ist nicht möglich“, sagte sie tonlos.

„Warum nicht? Liebst du ihn denn?“

„Nein!“ rief sie, die Arme vorstreckend. „Es war nur Schwäche — entsetzliche Schwäche.“

„Nun,“ erwiderte er, indem er sie jetzt mit sanfter Gewalt an sich zog, „wenn du ihn nicht liebst, wenn du fühlst, daß deine Zuneigung für mich die gleiche geblieben ist, dann ist ja auch alles wie früher.“

Sie sah ihn ausdruckslos an. „Es kann nicht wie früher sein. Denn du mußt mich jetzt verachten, aufs tiefste verachten.“

„Verachten?“ sagte er innig. „Nein, ich verachte dich nicht, ich liebe dich! Und daher ist es auch jetzt meine Pflicht, dich dir selber zurückzugeben.“ Er war bei diesen Worten aufgestanden und schritt, ernst vor sich hinblickend, in dem dämmerigen Raume auf und nieder.

Sie folgte ihm mit den Augen. Es war, als habe ein Hoffnungsstrahl in ihrem verstörten Antlitz aufgeleuchtet. Plötzlich aber fragte sie zitternd: „Was willst du tun?“

„Das ist meine Sache“, entgegnete er fest.

Sie sprang auf. Ein fürchterlicher Gedanke hatte sie durchzuckt. Es war offenbar: er trug sich mit einer Herausforderung an den Grafen! So pflegen ja die Männer mit der Ehre ihrer Frauen die eigene wieder herzustellen! Mein Gott! Er wollte mit seinem Leben für sie einstehen — für sie, die sich des Lebens nicht mehr wert fühlte!

„Nein,“ rief sie, „das darfst du nicht! Du darfst es nicht!“

Er sah sie befremdet an; denn er verstand nicht gleich, was sie sagen wollte. Erst der Ausdruck namenloser Angst, mit dem sie ihm jetzt flehend die Arme entgegenstreckte, brachte ihn darauf.

„Besorge nichts“, entgegnete er mit ruhigem Lächeln. „Ich kämpfte nicht mit solchen Waffen. — Aber fasse dich jetzt, Klothilde. Es ist hohe Zeit — wir müssen nach dem Schlosse zurück. In solchem Zustande darf dich niemand sehen.“

Sie fühlte, daß er recht habe und daß sie ihm schuldig sei, äußere Haltung zu bewahren. Instinktiv trat sie vor einen kleinen Spiegel, der an der Wand hing, ordnete ihre Haare, benetzte ihre verweinten Augen aus einem Glase, das halb mit Wasser gefüllt neben der Staffelei stand, und frischte ihr Antlitz auf.

Er war auf sie zugetreten. „Sei guten Mutes, Klothilde“, sagte er, indem er ihr den Arm bot. „Es wird bald alles wie ein böser Traum hinter uns liegen.“

Sie versuchte ein schwaches Lächeln; dann gingen sie.

VII.

Der Freiherr erschien heute allein zu Tisch. „Die Baronin ist unwohl“, bedeutete er dem Kammerdiener. Dieser schaffte sofort das aufgelegte zweite Gedeck beiseite, ohne sich irgendwelche Gedanken zu machen; denn es war ihm bekannt, daß die Herrin, wenn auch selten, dann aber um so heftiger an Migräne leide und sich in solchem Falle stets gänzlich zurückziehe.

Mit der äußeren Ruhe eines Weltmannes, der im Leben jede Art von Selbstbeherrschung erlernt und geübt hatte, nahm der Freiherr das Diner ein, wenn auch flüchtiger als sonst, was ja nicht auffallen konnte, da er ohne Gesellschaft speiste. Er atmete aber befreit auf, als endlich der Kammerdiener das Kaffeebrett mit der kleinen chinesischen Tasse und dem silbernen Kännchen vor ihm niedersetzte und hierauf verschwand. Nun konnte er sich, in den Stuhl zurückgelehnt, vollständig seinen Gedanken überlassen.

Was sich da zugetragen, hatte ihn nicht ganz unerwartet getroffen. Ein Vorgefühl davon hatte auf ihm mit dumpfem Drucke gelegen seit jenem Tage, an welchem er die Zuschrift des Gemeindevorstehers erhalten. Aber nach Art erfahrener Naturen wollte er nicht vorschnell an ungewiß drohende Dinge rühren, um nicht etwa ihren Gang zu beschleunigen; er vermied es später sogar, seine Gemahlin zu beobachten, auf daß er durch verfrühte Wahrnehmungen nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werde. Da sich aber nun alles, immer noch überraschend genug, vollzogen hatte, erkannte er auch sofort sehr deutlich, wie klar und einfach die Sache lag — und Klothilde allein war es, die er dabei unmittelbar ins Auge faßte. Er selbst kam ja gar nicht in Betracht; er war ein alter Mann, den nur getroffen hatte, was ihn früher oder später einmal treffen mußte — und Graf Poiga-Reuhoff war eben ein gewohnheitsmäßiger Roué, gegen welchen er für seine Person nicht einmal Gereiztheit empfand, den er nur mit Hinblick auf den Seelenzustand Klothildens haßte. „Armes Weib!“ flüsterte er vor sich hin. „Welche Zukunft steht ihr bevor!“ Aber nicht die Zukunft galt es jetzt zu bedenken, nur die Gegenwart. Und über diese mußte sie unter allen Umständen hinweggebracht werden!

Als jetzt der Kammerdiener wieder eintrat, sagte er: „Ich möchte heute dem Herrn Rittmeister einen Besuch machen, da ich ihn das erste Mal nicht angetroffen und bloß eine Karte zurückgelassen habe. Erkundigen Sie sich, ob er zu Hause ist. Lassen Sie aber nichts von meiner Absicht verlauten; vielleicht besinne ich mich noch anders.“

Er erhielt bald die Meldung, der Graf befinde sich in seiner Wohnung. Nachdem er noch eine Weile sitzen geblieben, begab er sich auf sein Zimmer, um eine Änderung in seinem Anzuge vorzunehmen. Dann griff er nach seinem Hute und schritt langsam die Treppe hinunter.

Es schlug eben vier Uhr, als er quer über den Hof dem Amtshause zuschritt. Auf einer der Stallbänke sah er den Reitknecht des Grafen sitzen, träg hingelümmelt neben dem Wachtmeister, mit welchem er in einer Unterhaltung begriffen schien. Sobald der Wachtmeister des Schloßherrn ansichtig wurde, erhob er sich und salutierte; der Reitknecht aber, ein bartloser, in der Art solcher Leute hochmütiger Bursche, zögerte sichtlich; erst als der Freiherr gerade auf ihn zutrat, erhob er sich rasch und brachte den Stummel einer Virginiazigarre, den er mehr kaute als rauchte, aus dem Munde.

Der Freiherr sagte, er wünsche den Grafen zu sprechen; wie er gehört habe, sei dieser zu Hause.

„Ja,“ erwiderte der Bursche in schwer verständlichem Deutsch; „aber er schläft. Ich habe jedoch den Befehl, ihn um vier Uhr zu wecken. Es ist jetzt gerade Zeit,“ fuhr er mit einem Blick nach der Schloßuhr fort, „und ich werde den Herrn Baron anmelden.“

„Tun Sie das,“ versetzte der Freiherr, „ich werde einstweilen hier warten.“ Und er schlug die Richtung nach dem Rondell in der Mitte des Hofes ein, wo er den kleinen Teich zu umschreiten begann.

Es dauerte ziemlich lange, bis der andere mit der Nachricht zurückkam, der Herr Graf lasse bitten, einstweilen oben Platz zu nehmen, er werde gleich erscheinen.

Der Freiherr folgte nun dem Reitknechte, der offenbar auch die Verrichtungen eines Dieners besorgte, in das Eintrittszimmer, wo es ziemlich wüst aussah. Auf einem niederen Schranke gewahrte man, neben einer Anzahl von Gerten und Reitstöcken, die Mütze und die Handschuhe des Grafen; zwei Säbel, ein schwerer und ein leichter, lehnten in einer Ecke, und auf dem Tische vor dem Sofa lag bei den Resten eines Frühstücks, die jetzt der Bursche rasch entfernte, ein zur Hälfte gerauchter Tschibuk. Obgleich ein Fenster offen stand, war doch ein scharfer Geruch von türkischem Tabak im Gemach verbreitet, der sich dem Freiherrn, welcher selbst nicht rauchte, höchst unangenehm aufdrängte. Durch die geschlossene Tür des Nebenzimmers herein klang das zornige, ab und zu herrisch beschwichtigte Gekläff eines Hundes, der den Fremden witterte; dazwischen Schritte und Geräusche, welche verrieten, daß der Graf eben im raschen Ankleiden begriffen war.

Endlich öffnete sich die Tür, durch deren Spalt sofort ein gelber, affenartiger Pintscher laut aufbellend dem Freiherrn entgegenschoß; auf einen drohenden Ruf seines Herrn kroch er unter das Sofa, wo er leise nachknurrte.

„Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, Exzellenz,“ sagte der Graf, indem er den erst halb eingeknöpften Uniformrock vollends schloß, „ich muß sehr um Entschuldigung bitten, daß ich Sie so lange habe warten lassen, aber ich war auf Ihren Besuch durchaus nicht vorbereitet — —.“ Seine Bewegungen waren hastig, unsicher und ließen Verlegenheit erkennen.

„Vielmehr muß ich Sie, Herr Graf, um Verzeihung bitten, daß ich zu so wenig geeigneter Stunde bei Ihnen erschienen bin —.“

„O, das hat gar nichts zu sagen“, unterbrach ihn der andere, während sich nun beide setzten. „Wir machen jetzt größere Übungen, die einigermaßen ermüdend sind — und da habe ich eine Stunde geschlafen —.“

„Nun, es war immerhin eine Störung — aber ich habe Ihnen eine dringende Mitteilung zu machen.“

„Eine dringende Mitteilung? Welcher Art, wenn ich fragen darf?“

„Dürfte ich mir vielleicht erlauben, jenes Fenster zu schließen?“ sagte der Freiherr nach einer kurzen Pause, indem er Miene machte, sich zu erheben.

„O, sehr gern!“ rief der Graf und sprang zuvorkommend auf. „Exzellenz fürchten wahrscheinlich die Zugluft?“

„Nein. Ich fürchte nur, daß meine Mitteilung Erörterungen nach sich ziehen könnte, welche besser im Hofe nicht gehört werden.“

Der Graf zuckte zusammen. Er konnte kaum mehr im Zweifel sein, um was es sich handeln würde; jetzt aber hatte er auch sofort die vollständigste Fassung gewonnen. „Exzellenz treffen sehr seltsame Vorkehrungen“, sagte er kurz.

„Sie dürften vielleicht nötig sein. Ich möchte Sie sogar bitten, im Vorhause nachzusehen, ob nicht jemand —“

Der Graf blitzte ihn mit seinen dunklen Augen zornig an. „Was soll das heißen? Ich bin von keinen Spionen umgeben und bitte Sie, zur Sache zu kommen.“

„Wie es Ihnen beliebt. Ich für meine Person pflege niemals sehr laut zu sprechen — und eigentlich handelt es sich ja nur um eine Bitte, die ich Ihnen vortragen werde. Wenn Sie ihr Gewährung schenken, so entfällt jede weitere Verhandlung von selbst.“

„Und was wäre das für eine Bitte?“ fragte der Graf, der sich wieder gesetzt hatte und nun die Arme über der Brust verschränkte.

„Daß Sie diese Behausung sobald, wie nur irgend möglich, verlassen möchten.“

„Herr Baron!“

„Bleiben Sie ruhig, Herr Graf“, sagte der Freiherr sanft. „Betrachten Sie es wirklich nur als Bitte.“ Es klang in der Tat ein flehender Ton durch diese Worte.

Der andere blickte mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin. „Und aus welcher Veranlassung richten Sie diese Bitte an mich?“

„Aus Rücksicht für meine Frau.“

Eine dunkle Röte schoß in das Antlitz des Grafen. „Sie hat Ihnen gesagt?“ — fragte er halb verwundert, halb wegwerfend.

„Ja, sie hat es mir gesagt.“

„Nun also!“ versetzte der Graf nach kurzem Schweigen, indem er hochmütig den Kopf zurückbog. „Wenn Sie nicht gekommen sind, Rechenschaft von mir zu fordern, dann ist auch alles weitere höchst gleichgültig. Denn Sie begreifen doch, daß Ihre Frau Gemahlin fortan vor mir sicher ist — ganz sicher!“

Diese Worte trafen den Freiherrn wie Peitschenhiebe, aber er zuckte nicht einmal mit den Wimpern. „Das begreife ich sehr wohl“, sagte er ruhig. „So einfach jedoch liegen die Dinge nicht. Was da vorgefallen, hat meine Frau derart angegriffen, daß eine dauernde Seelenstörung zu befürchten ist.“

„Die Baronin scheint sehr schwache Nerven zu haben!“ rief der Graf höhnisch.

„Ohne Zweifel. Und deshalb sehen Sie auch ein, daß ich unter keiner Bedingung von Ihnen Genugtuung fordern darf. Ich habe vielmehr, was meine Person anbetrifft, gar kein Gewicht auf die Sache zu legen und nur zu trachten, daß meine Frau sich beruhige. Sie muß vergessen lernen — und dazu ist vor allem notwendig, daß Sie nicht mehr hier sind.“

„Eine höchst eigentümliche Auffassung!“

„Gewiß, diese Auffassung ist keine alltägliche. Aber wie Sie auch darüber denken mögen, eines werden Sie nach reiflicher Erwägung klar erkennen: daß Ihnen unter allen Umständen die Pflicht erwächst, das Geschehene möglichst ungeschehen zu machen.“

Der Graf war nachdenklich geworden. Die ruhig ernste, ergreifende Sprache des Freiherrn verfehlte offenbar nicht, Eindruck zu machen. Aber bald gewann seine Natur wieder die Oberhand.

„Nein! Nein!“ rief er, sich ungestüm vom Sessel erhebend. „Ich kann mich nicht so ohne weiteres fortweisen lassen!“

„Sie werden nicht fortgewiesen. Es ist Ihr freier Entschluß, eine Änderung herbeizuführen.“

„Aber wie soll ich es anstellen?“ rief der Bedrängte ärgerlich mit dem Fuße stampfend. „Kann ich denn so Knall und Fall — —? Was würde man unten — im Kreise der Kameraden dazu sagen? Es würde Aufsehen erregen — ja man könnte sogar mutmaßen —“

„Um Mutmaßungen kümmere ich mich nicht.“

„Und jedenfalls würde man einen anderen Offizier heraufsenden. Sie kämen da vielleicht nur aus dem Regen in die Traufe!“

Der Freiherr bewegte sich auf dem Sofa, aber er sagte mit eisiger Ruhe: „Das fürchte ich nicht. Wiederholungen ereignen sich nicht so rasch nacheinander.“

Der Graf sah ihn halb erstaunt, halb verächtlich an und erwiderte nichts mehr. Denn plötzlich wurden schwere, wuchtige Tritte vernehmbar, die unter Sporengeklirr die Treppe heraufkamen.

„Es ist jemand von meinen Leuten“, sagte er jetzt. Und da nun schon mit schüchterner Plumpheit an der Tür geklopft wurde: „Herein!“

Ein stattlicher Unteroffizier trat ins Zimmer, den Helm auf dem Kopfe, die Diensttasche umgehängt. Er nahm Stellung und salutierte automatisch. Dann zog er ein großes versiegeltes Schreiben hervor und überreichte es seinem Vorgesetzten, der es erbrach. Während des Lesens nahmen die Züge des Grafen einen eigentümlichen Ausdruck an.

„Es ist gut. Sagen Sie meinem Wachtmeister, daß er die Leute zum Befehl antreten lassen soll.“ Als er mit dem Freiherrn wieder allein war, wandte er sich an diesen. „Der Zufall ist Ihnen günstig, Herr Baron. Wissen Sie, was dieses Blatt enthält? Den Marschbefehl. Wir müssen sofort zur ungarischen Armee stoßen. Morgen mit dem frühesten verlassen wir das Schloß.“

Ohne ein Zeichen der Überraschung oder der Befriedigung erhob sich der Freiherr und sagte mit einer Verbeugung: „Dann ist unsere Unterredung zu Ende. Wäre das Blatt gestern eingetroffen, so wäre sie nicht notwendig geworden.“

Kaum hatte er sich zum Abgehen gewendet, als auch schon der Hund unter dem Sofa hervorschoß und sich mit wütendem Gebell an seine Fersen heftete. Ein Fußtritt seines Herrn ließ ihn schmerzlich aufheulen. „Verdammte Bestie!“ rief der Graf mit unterdrückter Stimme, während das Tier winselnd in einen Winkel flüchtete. Allein geblieben, schritt er mit sichtlich unangenehmen Gedanken und Empfindungen im Zimmer auf und nieder. „Ach was!“ sagte er endlich, schnippte mit den Fingern und schnallte seinen Säbel um.

*                    *
*

Währenddessen hatte Klothilde auf dem Ruhebett ihres durch geschlossene Jalousien verdüsterten Zimmers gelegen. „Ich muß dich nun für einige Zeit dir selbst überlassen“, hatte der Freiherr zu ihr gesagt, als er sich zu Tisch hinunter begab. „Vielleicht ist es dir erwünscht. Ängstige dich nicht, es wird alles gut werden.“

Aber kaum allein, empfand sie sofort wieder aufs tiefste, daß es nie und nimmer gut werden könne. Einen Augenblick zwar hatte sie bei den milden, zärtlichen Tröstungen ihres Gatten aufgeatmet; einen Augenblick war das Leben, sonnenhell wie früher, aus der dunklen Nacht der Verzweiflung, die sie umgab, aufgetaucht — jetzt aber versank es wieder. Sie fühlte, daß etwas in ihr gebrochen und vernichtet war, das nicht wieder hergestellt werden konnte. Ja, die klare Ruhe, der heitere Frieden ihrer Seele war verloren — verloren für immer. Was frommte es, daß ihr Gatte entschuldigte und verzieh, was sie sich selbst niemals würde verzeihen können? Der heutige Tag ließ sich in ihrem Gedächtnisse nicht auslöschen. Seit jeher hatte sie nur in ganz reiner Lebensluft zu atmen vermocht; die leiseste Trübung drohte sie zu ersticken. Schon von klein auf war sie so gewesen. Ein geringes Versehen, das sie sich zu schulden kommen ließ, ein noch so sanfter Tadel ihres Vaters — die Mutter hatte sie schon sehr früh durch den Tod verloren — oder von seiten ihrer Lehrer erfüllte sie mit solchen Gewissensbissen und Selbstvorwürfen, daß sie oft wochenlang aus kindlichem Gram und Kummer nicht herauskam. Mit welch ängstlicher Scheu war sie als Mädchen und später als Frau allem aus dem Wege gegangen, was sie in Gefahr und Versuchung hätte bringen können; eine innere Stimme sagte ihr, daß ihr die Kraft des Widerstandes fehle. Daher galt sie auch in der Gesellschaft für geistig beschränkt, und trotz ihrer Schönheit trat niemand näher an sie heran; denn ihre hilflose Zurückhaltung flößte weit eher Mitleid als Interesse ein. Darum liebte sie so die Stille und Zurückgezogenheit; da konnte sie ihr Wesen frei und furchtlos entfalten, da konnte sie gedeihen; — Verwickelungen und Konflikten, das fühlte sie, war sie nicht gewachsen — sie brachten ihr den Tod ...

Sie schauerte. Wie kalt war es im Zimmer trotz des heißen Sommertages! Sie breitete eine leichte Decke über sich und schloß die Augen. Und wie sie jetzt so dalag, überkam sie ein eigentümlicher Zustand. Es wurde ihr so weh zumute — und doch wieder so wohl. Gerade wie beim Beginn einer schweren Krankheit, wo die Welt in vagen Umrissen zu verdämmern beginnt — wo alles Nahe in immer weitere Ferne gerückt wird. Nur manchmal durchzuckte ein namenloser Schmerz ihre Brust. Denn da dachte sie ihres edlen Gatten, der glücklichen Jahre, die sie mit ihm verlebt hatte — dachte an den schönen stillen Park, an das Tirolerhaus — an ihre Landschaft — ihre geliebten Bücher ...

Sie zog die Decke höher hinauf. Ein seltsamer, dumpfer Druck, den sie schon in den letzten Tagen hin und wieder empfunden hatte, lastete jetzt schwer auf ihrer Stirn, und indem sie die Augen schloß, versank sie in einen lähmenden Halbschlaf, der sie mit verworrenen Traumgesichten umgaukelte. Es war nichts Ungeheuerliches, nichts eigentlich Beängstigendes. Die verschiedenartigsten Gestalten tauchten auf und verschwanden wieder oder gingen eine in die andere über. Sie sah ihren Vater, sah ihre Mutter, von der sie sich sonst kein recht deutliches Bild mehr machen konnte; sie sah sich selbst als ganz kleines Mädchen mit einem Geburtstagsstrauß in der Hand; ihren Gatten als ganz jungen Mann in einem grünen Frack mit gelben Knöpfen, wie er auf einer von Daffinger gemalten Miniatur dargestellt war; sah den Grafen auf einem Feuer sprühenden Pferde, ihr Kammermädchen mit dem Aussehen einer alten Magd in ihrem elterlichen Hause — einen langen Zug von Reitern auf schwarzen, seltsam beflorten Rossen ...

Jetzt schrak sie auf. Ihr Gatte, der über sie gebeugt stand, hatte sie sanft auf die Stirn geküßt. „Du hast geschlummert?“ fragte er leise.

„Ja — es scheint“, erwiderte sie, während ihr neuerdings die ganze Wucht ihres Elends fühlbar wurde.

Und nun teilte er ihr mit, was sich zugetragen. Er hatte gehofft, sie würde dabei immer leichter, immer freier aufatmen. Aber sie hauchte nur tonlos: „Mein Gott! Mein Gott! Dieser eine Tag!“

„Ja,“ sagte er erschüttert und zugleich beruhigend, „es ist traurig, daß alles menschliche Glück und Unglück zuletzt meistens nur von solchen Schickungen abhängt. Doch tröste dich: es ist jetzt alles vorbei.“

Sie ergriff die Hand, die er ihr reichte; aber das Herz lag ihr wie Eis in der Brust.

VIII.

Am folgenden Nachmittag saß der Freiherr am Schreibtisch und richtete folgenden Brief an Frau Charlotte Nespern in Wien:

„Ich schreibe Ihnen in größter Beängstigung, liebe Tante Lotti! Meine teure Klothilde, die sich schon gestern unwohl gefühlt, ist heute in den frühen Morgenstunden von einem Schüttelfroste befallen worden, in welchem ich sofort den Vorboten einer ernstlichen Erkrankung vermutete. Dennoch unterließ ich es, auf ihre Einsprache hin, nach einem Arzt zu schicken, denn der Anfall ging vorüber, und nur eine gewisse Abspannung war zurückgeblieben, die Klothilde bewog, im Bette zu bleiben, wo sie auch späterhin in einen, wie es schien, ruhigen und erquickenden Schlaf verfiel. Aber gegen Mittag erwachte sie unter erneuten Fiebererscheinungen — und nun zögerte ich keinen Augenblick, nach dem Doktor zu senden, der aber, wie das schon zu gehen pflegt, nicht anzutreffen war, da er sich zu einem Kranken außerhalb der Ortschaft begeben hatte. Es konnte nur der Auftrag hinterlassen werden, daß er nach seiner Rückkunft sogleich im Schlosse erscheine. Bis jetzt (vier Uhr) ist er noch nicht da — und ich fange bereits an, die Minuten zu zählen; denn das Fieber ist im Zunehmen begriffen, und die geliebte Kranke, obgleich sie nicht darüber klagt, scheint an den quälendsten Kopfschmerzen zu leiden. In dieser verzweifelten Gemütslage schließe ich meinen Brief mit der innigen Bitte, wenn es Ihnen die Umstände nicht ganz und gar unmöglich machen, so eilen Sie hierher und stehen in voraussichtlich schwerer Zeit bei Ihrer Sie zärtlich liebenden Nichte und Ihrem treu ergebenen

Günthersheim.“

Der Freiherr hatte das Schreiben hastig fertiggestellt und dann durch einen Diener eilends zur Post bringen lassen. Es gab damals noch keine Telegraphenverbindungen, auch keine Eisenbahnen, die von den Hauptlinien abzweigten, und so mußten wenigstens vier Tage verstreichen, eh’ die sehnlich Herbeigewünschte eintreffen konnte. Der besorgte Gatte begann den Zustand der völligen Verlassenheit, in welchem er sich jetzt mit der Kranken befand, aufs tiefste zu empfinden.

Nunmehr aber wurde das Erscheinen des Arztes gemeldet. Der Freiherr ging ihm rasch entgegen und führte ihn in das Zimmer, wo Klothilde lag, das Antlitz erhitzt, die Stirn mit einem kühlenden Umschlag bedeckt.

Der Doktor, ein hoher Fünfziger mit stark gerötetem pockennarbigen Gesicht, trat auf seinen Stock gestützt — denn er hatte ein lahmes Bein — mit einer plumpen Verbeugung an das Bett und betrachtete sie aufmerksam. Dann entfernte er den kalten Bausch und befühlte die Stirn. „Diese Umschläge nützen nichts — Eis! Eis!“ Er setzte sich auf einen Stuhl und prüfte den Puls der Kranken, an die er einige kurze Fragen richtete.

„Hm“ — machte er nach einer Pause. „Ich werde eine Kleinigkeit verschreiben.“ Damit erhob er sich und hinkte schwerfällig aus dem Zimmer.

Der Freiherr war ihm gefolgt und fragte jetzt ängstlich: „Nun, lieber Doktor — nun?“

„Cerebrales Fieber“, erwiderte dieser trocken, indem er sich nach Schreibzeug umsah.

„Ich bringe Ihnen sogleich das Nötige. — Aber sagen Sie: halten Sie den Zustand für sehr gefährlich?“

„Es kann eine Gehirnentzündung werden. Hat die Frau Baronin in letzter Zeit eine Aufregung durchgemacht?“

Trotz seiner Selbstbeherrschung und obgleich er auf die Frage vorbereitet gewesen, fühlte der Freiherr, wie er errötete. „Sie hat sich allerdings einen Vorfall sehr zu Herzen genommen, aber —“

„Hm, ja. Kinderlose Frauen in solchem Alter und —“ er warf einen eigentümlichen Blick auf den Freiherrn. „Übrigens wer weiß, wie die Dinge zusammenhängen. Exzellenz haben ja hier oben auch Einquartierung gehabt? Nicht wahr?“

Der Freiherr konnte eine Gebärde der Betroffenheit nicht unterdrücken. „Ja, gewiß —“

„Nun also. Ich kann Ihnen nur sagen, daß seit einigen Tagen im Orte Typhusfälle vorkommen. Vielleicht haben die Dragoner etwas eingeschleppt und nun als Andenken zurückgelassen.“

Um seine Erregung zu verbergen, trat der Freiherr ins Nebenzimmer und brachte ein kleines zierliches Tintenfaß samt Feder und Papier herein.

„So,“ sagte der Doktor, nachdem er rasch ein Rezept geschrieben, „das ist alles, was ich tun kann. Im übrigen: fortgesetzte Eisumschläge, kühlende Getränke. Unter allen Umständen aber möchte ich Ihnen raten, noch einen Arzt zu Rate zu ziehen. Ich übernehme in solchen Fällen nicht gern allein die Verantwortung. Denn ich gelte, obgleich ich mein Diplom in der Tasche habe“ — er schlug dabei an die Hüfte — „in den Augen vieler Leute doch nur als Landbader. Eine Kapazität aus Prag — oder gar aus Wien hierher zu bescheiden, ist es freilich zu spät.“

„Zu spät!“ rief der Freiherr angstvoll.

„Ja; denn die Krisis pflegt oft sehr rasch einzutreten.“

„Aber eine günstige Wendung ist doch möglich?“

„Möglich, ja. Schicken Sie daher gleich einen Wagen nach Trautenau — zu Doktor Lederer. Ein Schüler Oppolzers. Er ist zwar ein sonderbarer Heiliger und wird sich spreizen — schließlich aber kommen. Allerdings kann er vor zwölf Stunden kaum da sein“, fügte der Doktor nachdenklich hinzu.

„Sie beängstigen mich aufs äußerste!“

„Na! Na! Verlieren Exzellenz den Kopf nicht. Eines muß ich Ihnen noch sagen, damit Sie nicht etwa allzu sehr erschrecken: es werden voraussichtlich schon heute Delirien eintreten. Jedenfalls komme ich abends wieder. Guten Tag!“

Mit dieser gedankenlos gesprochenen Grußformel, die ihm bei jedesmaligem Kommen und Gehen zur Gewohnheit geworden, entfernte er sich und überließ den Freiherrn einer stummen Verzweiflung.

„Mein Gott! Mein Gott! Sollte es schon soweit — und keine Rettung mehr sein?“ flüsterte endlich der qualvoll Bedrückte und begab sich mit leisen Schritten in das Krankenzimmer zurück. Er beugte sich über Klothilde, die in unruhigem Schlummer zu liegen schien, und faßte leicht ihre Hand. Bei dieser Berührung schlug sie die Augen auf und sah ihn wie fremd an. Dann aber lächelte sie, und er fühlte, wie sich ihre Finger zu sanftem Drucke schlossen.

„Wie fühlst du dich?“ fragte er.

„O, nicht schlechter“, erwiderte sie mit matter Stimme. „Nur müde, sehr müde — ich möchte in einemfort schlafen.“

„Nun, schlafe, mein Kind, schlafe“, sagte der Freiherr zärtlich. „Aber wir werden Eisumschläge machen müssen.“

„Das wird mir wohl tun“, hauchte Klothilde, während sie schon die Lider geschlossen hatte.

Inzwischen war Eis gebracht worden und der Freiherr traf selbst die ersten Anstalten. Dann überließ er dem Kammermädchen die weitere Sorge, um jetzt die Absendung des Wagens nach Trautenau veranlassen zu können. Er tat es, wie er sich selbst eingestand, ohne tröstliche Erwartung. Denn mit jener ahnungsvoll düsteren Voraussicht, welche reifen und vielgeprüften Menschen eigen ist, zweifelte er bereits an einem glücklichen Ausgange. „Ich baue auf Ihre Umsicht,“ sprach er zu dem Kammerdiener, den er mit der Botschaft an den Arzt betraute, „und weiß, daß Sie nichts verabsäumen werden.“

Dann kehrte er zu der Kranken zurück, hieß das Mädchen einstweilen sich entfernen und nahm dicht an dem Bette Platz. Klothilde schlummerte. Aber sie bewegte Kopf und Arme hin und her; ihre weißen Finger schienen von dem blauen Atlas der Bettdecke Flocken auflesen zu wollen.

Langsam, bleischwer zogen die Stunden vorüber, während draußen die Sonne tiefer und tiefer sank und ihr letztes rötliches Gold durch die Spalten der Jalousien schimmern ließ.

Was war das plötzlich? Klothilde hatte die Lippen bewegt und unverständliche Worte gemurmelt. Er glaubte, sie gälten ihm, und neigte sein Haupt tief zu dem ihren hinab. Aber sie bemerkte es offenbar nicht.

„Willst du etwas, Klothilde?“ fragte er leise.

Keine Antwort; nur erneutes, stärkeres Gemurmel — unverständliche Worte.

Sein Herz erstarrte. Die beginnenden Delirien! sprach es in ihm.

Immer unruhiger wurde die Kranke; sie warf ächzend und stöhnend den Kopf hin und her, und schien dabei mit unsichtbaren Personen zu sprechen.

Wenn er nur verstehen könnte! Und jetzt waren ihm auch einige Worte deutlich ins Ohr gedrungen. Es waren französische Worte! Sie hatten sich beide im gegenseitigen Verkehr dieser Sprache nur selten bedient; ja Klothilde hegte eine Art Abneigung dagegen, denn sie hatte sie in ihrer Jugend äußerst schwer und mühsam erlernt und später nur sehr unvollkommen beherrscht. Und jetzt — in ihrer Krankheit — in der Bewußtlosigkeit ihres Geistes griff sie danach!

Le cheval! Le cheval!“ stieß sie jetzt, furchtbar aufschreiend, hervor und richtete sich mit halbem Leibe auf. Plötzlich aber sank sie wieder zurück, streckte sich lang aus und verblieb regungslos.

Der Freiherr nahm dies alles wahr im ungewissen Dunkel des Gemaches. „Klothilde!“ rief er entsetzt. „Klothilde!“

Sie blieb stumm.

„Mein Gott!“ ächzte der Freiherr. „Wenn nur Doktor —“

Aber der trat auch eben jetzt, so leise wie es ihm möglich war, durch die Tür, von dem ängstlich blickenden Mädchen gefolgt, welches das Licht einer Kerze mit vorgehaltener Hand dämpfte.

„O, Doktor, sehen Sie nur ...“

Dieser nahm dem Mädchen das Licht ab und ließ den vollen Schein auf Klothilde fallen. Sie lag noch immer ganz starr; ihr schönes Antlitz war verzerrt, die Mundwinkel herabgezogen.

„Mein Gott, Doktor, was ist das?“

Dieser schien selbst erschrocken; er hatte diesen Anblick offenbar nicht erwartet. „Trismus — Trismus“, sagte er endlich. „Ist Senfmehl im Hause? Rasch!“

Das Mädchen eilte fort.

Aber schon trat etwas ein, das den Freiherrn erschaudern machte. Ein plötzliches Schüttern ging durch den Körper seiner Frau; die Augen öffneten sich weit, die Finger krampften sich zusammen und mit zischenden Atemstößen schnellte die Kranke wiederholt im Bette empor.

„Konvulsivischer Anfall!“ rief der Doktor. „Ein so akuter Verlauf ist mir in meiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen. Sobald einige Beruhigung eintritt, werde ich sofort einen Veneneinschnitt applizieren. — Aber jetzt, Exzellenz, ist es Zeit, daß Sie nach dem Geistlichen schicken.“

Der Freiherr zuckte zusammen. Daran hatte er gar nicht gedacht. Dem Geiste seiner Zeit gemäß war er kein Ungläubiger; auf religiöse Gebräuche und Feierlichkeiten jedoch hatte er, sowie seine Gemahlin, die ihre stille Andacht am liebsten in der kleinen, im Erdgeschoß gelegenen Schloßkapelle verrichtete, seit jeher nur wenig Gewicht gelegt. Jetzt aber sollte Klothilde mit den Sterbesakramenten versehen werden, und die tiefernste Bedeutung des Augenblickes fiel ihm erschütternd auf die Seele.

Es traf sich, daß der Ortspfarrer, der durch einen Diener in Kenntnis gesetzt wurde, seit einigen Tagen selbst unwohl war und daher seinen Kooperator entsenden mußte; dieser erschien auch in kurzer Zeit.

Der Freiherr war ihm die Treppe hinunter entgegengegangen und befand sich einem ganz jungen Geistlichen gegenüber, der erst vor kurzem aus dem Alumnat getreten sein konnte. Eine schmächtige, hoch aufgeschossene Gestalt mit blonden Haaren und einem zarten, fast mädchenhaften Gesicht, das Befangenheit und Verlegenheit ausdrückte. Als ihm jetzt der Freiherr mit zitternder Stimme auseinandersetzte, wie so ganz unvorhergesehen und rasch der traurige Fall eingetreten — und daß die Kranke bewußtlos sei, erwiderte er, hoch errötend: „O, ich verstehe — ich verstehe — ich werde die heilige Handlung so rasch wie möglich vornehmen.“

Die Augen zu Boden gesenkt, betrat er das matt erhellte Zimmer und erhob den Blick erst, als er dicht vor der Kranken stand, bei welcher der Doktor inzwischen eine leichte Blutentziehung angewendet hatte. Mit bebender Stimme und bebender Hand nahm er, während die anderen in dem Hintergrunde des Zimmers knieten, die Zeremonie der letzten Ölung vor; er wagte dabei kaum das regungslose, bleiche junge Weib anzusehen, und es glich einer Flucht, als er nach einem kurzen Gebet das Zimmer verließ.

Der Freiherr war ihm nachgeeilt und ergriff draußen dankend seine Hand: „Gott schütze Sie!“ murmelte der Priester, hastig abwehrend, und entfernte sich mit dem Meßner, der jetzt im Hofe sein Glöckchen erklingen ließ.

Als der Freiherr zurückkehrte, fand er den Doktor am Bett, trübselig das Haupt gesenkt. Beide blickten nun schweigend auf Klothilde, aus deren schönem Antlitz die Verzerrung verschwunden war. Aber sie hatte die Augen geschlossen und atmete hastig und stoßweise.

„Doktor!?“ flehte leise der Freiherr.

Der andere schüttelte mutlos den Kopf. „Collapsus!“ sagte er leise.

„So muß ich mich auf das äußerste gefaßt machen?“

„Ich glaube. Was geschehen konnte, ist geschehen. Es wäre jetzt an der Natur, sich selbst zu helfen. Jedenfalls bleibe ich hier. Ich darf mich wohl ein wenig da drinnen auf das Sofa hinstrecken?“ Mit diesen Worten zog er sich in das anstoßende Zimmer zurück.

Der Freiherr jedoch kniete am Bett nieder. Bis zu dieser Minute war sein Auge trocken geblieben. Der furchtbare Krampf seines Innern hatte keine Lösung finden können. Jetzt aber machte er sich in Tränen Luft. Zuerst drängten sie sich einzeln, tropfenweise, zwischen den Wimpern hervor, aber immer strömender, immer heißer weinte sie der gebrochene Mann auf die geliebte Hand nieder, die er umfaßt hielt ...

„Doktor! Doktor!“

Dieser fuhr, aus dem kurzen Schlafe, in den er verfallen war, von dem Freiherrn wachgerüttelt, empor.

„Ein neuer Anfall! Ein neuer Anfall!“

„So, so,“ sagte der Doktor, sich etwas mühsam zurechtfindend, und folgte in das Krankenzimmer.

Der Anfall war heftig, aber kurz. Klothilde lag wieder ruhig da; sie schien jedoch kaum mehr zu atmen.

Und nun geschah etwas, das nur diejenigen kennen, welche an Sterbebetten gestanden haben.

Klothilde öffnete mit einemmal die Augen und richtete sich mit halbem Leibe empor. Ausdruckslos blickte sie um sich; dann kehrte sie ihr Antlitz langsam dem Gatten zu. Sah sie ihn? Sah sie ihn nicht? Wer konnte es sagen? Unverwandt, aber verglast blieben ihre Augen auf ihn gerichtet. Plötzlich lächelte sie; dann fiel sie in die Kissen zurück, seufzte tief auf — und ihr Kinn sank zur Brust hinab.

Der Freiherr von Günthersheim beugte sich über die Leiche.

IX.

Wie er den Rest der Nacht und den Morgen durchlebt, wie er den eingetroffenen zweiten Arzt empfangen, darüber konnte er später sich selbst keine Rechenschaft ablegen. Mit jener an Gedankenlosigkeit grenzenden Apathie des Schmerzes traf er und hieß er die Anstalten treffen, welche nunmehr zum Begräbnis notwendig erschienen. Er wurde dabei von dem wackeren Doktor unterstützt, der offenbar Mitleid mit dem vereinsamten Manne hatte; auch der Ortsvorsteher fand sich ein, um das Beileid der Gemeinde auszusprechen und sich dem Freiherrn zur Verfügung zu stellen. Und wie denn die Frauen bei ähnlichen Anlässen stets bemüht sind, eine warme und werktätige Teilnahme zu bezeigen, so hatten einige angesehene Einwohnerinnen nicht ermangelt, der weiblichen Dienerschaft, welche sichtlich den Kopf verloren hatte, bei den letzten Diensten, die der toten Herrin zu erweisen waren, an die Hand zu gehen.

Und so war auch die Stunde gekommen, wo Klothilde im Salon aufgebahrt lag, von hochragenden Wachslichtern umflackert. Man hatte sie in schwarze Seide gekleidet, ihr einen Kranz aus weißen Rosen um die Stirn und ein kleines goldenes Kruzifix in die gefalteten Hände gelegt. Der Freiherr war im Innersten gegen solche Zurschaustellung gewesen, aber er konnte und durfte sie den Menschen nicht entziehen, die jetzt voll scheuer Neugierde in Scharen heraufkamen, die schöne tote Schloßfrau zu bewundern und zu betrauern. Und währenddessen saß er im anstoßenden Gemach allein, ganz allein. Er hörte die vorsichtig gedämpften Schritte der Ab- und Zugehenden, hörte stilles Geflüster und unterdrücktes Weinen. Er aber konnte nicht weinen; wäre Tante Lotti hier gewesen, so wären mit ihren auch seine Tränen geflossen. Sie allein war es, die er entbehrte — aber sie konnte ja im besten Falle erst übermorgen eintreffen. Und so blieb sein heißes Auge trocken, blieb es die endlos lange Nacht hindurch, während welcher zwei arme Frauen an der Leiche beteten, blieb es, als er den letzten Kuß auf die Stirn seines Weibes drückte. Nur wie im Traum nahm er wahr, daß man jetzt den Sargdeckel über ihr schloß; wie im Traum sah er den Pfarrer mit zwei Kaplänen in weißen Chorhemden und goldgestickten Stolen eintreten, hörte die monotonen Gebete, die halb gesungenen, halb gesprochenen Responsorien, atmete den betäubenden Duft, der qualmend aus dem geschwungenen Weihrauchfasse drang. Und jetzt wurde der Sarg gehoben und fortgetragen. Hinter ihm folgten die Priester, hinter den Priestern er selbst. Dann die schwarzgekleidete Dienerschaft und endlich die Honoratioren des Ortes, die mit ihren Frauen dicht gedrängt den Sarg umstanden hatten. Und so ging es in langsamem Zuge die Avenue hinunter, hinunter durch den heißen, leuchtenden Sommertag, hinunter zur Ortskirche, wo die Tote bis auf weiteres in einem zum Schloßbesitz gehörenden Gruftgewölbe beigesetzt wurde. Erst als er sich wieder — ein Wagen, der nachgefahren war, hatte ihn zurückgebracht — allein im Schlosse befand, erwachte er. Und da brach auch sein Jammer hervor und erfüllte die einsamen Gemächer mit stöhnender Wehklage.

*                    *
*

Tante Lotti war gekommen. Er hatte sie stumm in seine Arme geschlossen und dann ein leise abwehrendes Zeichen mit der Hand gemacht. Daraus hatte sie entnommen, daß er nicht gefragt sein wollte — und sie fragte nicht. Wozu auch? Daß Klothilde gestorben war, das wußte sie, und sie fand sich in diese Tatsache, wie sich starke und vielgeprüfte Naturen in das Unabänderliche zu finden wissen. War sie doch nicht außer sich geraten, als man ihr den Sohn sterbend ins Haus gebracht. Sie hatte nicht, wie andere Mütter an ihrer Stelle getan haben würden, mit Gott und der Weltordnung gehadert, nicht die teuflische „Kamarilla“ und die entmenschte „Soldateska“ verflucht: nein, der Jüngling hatte sich im blauen Legionärrock, die Flinte auf der Schulter, zu voraussichtlichem Kampfe aufgemacht — konnte sie es wundernehmen, daß er mit durchschossener Brust vor ihr lag? Freilich, daß ihre Nichte in der vollsten Blüte des Lebens so plötzlich dahingerafft worden war, entzog sich jeder Voraussetzung. Aber wie viele Menschen erkranken und sterben nicht auf der weiten Erde? Auch die junge Frau hatte dieses Los getroffen. Tief schmerzlich für den armen Gatten; schmerzlich auch für sie, die auf das Kind des Bruders all die segnende Liebe übertragen wollte, welche sie dem eigenen nicht mehr weihen konnte. Als kluge und erfahrene Frau hatte sie gefühlt, wie notwendig gerade Klothilden, deren Ehe kinderlos geblieben, eine mütterliche Freundin sein mußte — um so notwendiger, je mehr ihr Gatte in den Jahren vorschritt. Aber sie hatte auch sofort das Bewußtsein, nunmehr für diesen leben und sorgen zu müssen. Sie war auf seinen Brief über Hals und Kopf von Wien abgereist und hatte dort manches höchst Wichtige unerledigt zurückgelassen. Dennoch wollte sie jetzt fürs erste hierbleiben und abwarten, bis sich der Trostlose einigermaßen gefaßt haben würde.

Und der Freiherr faßte sich auch allmählich. Das heißt, es wurde ihm nach und nach vollkommen klar und deutlich, was sich eigentlich zugetragen hatte. Sein geliebtes Weib war ihm weggestorben, einer Gehirnentzündung erlegen. Also einer Krankheit. Was aber hatte die Krankheit hervorgerufen? Aller Wahrscheinlichkeit nach jene Begegnung im Parke mit dem Grafen Poiga. Der also war ihr Mörder! Doch nein! Was hatte er denn getan? Nicht mehr und nicht weniger, als was jeder andere an seiner Stelle — was vielleicht der Freiherr selbst in seinen jüngeren Jahren — einer schönen Frau mit einem alternden Gatten gegenüber getan haben würde. Konnte der Graf die Folgen voraussehen — ja auch nur ahnen? Nein. Denn keine andere Frau hätte sich dieses Abenteuer so zu Herzen genommen. Er jedoch, ihr Gatte, hätte sie kennen und es wissen sollen. Und so war es auch seine Pflicht gewesen, sie vor solchen Fährlichkeiten zu bewahren, zu schützen. Aber die Schuld lag noch viel tiefer. Er hatte als Fünfzigjähriger ein junges Mädchen geheiratet, hatte ein aufblühendes Leben an sein verwelkendes gefesselt. Und doch — das Mädchen hatte ihn geliebt! Es hatte als Weib zehn Jahre lang mit inniger Neigung an ihm gehangen! Dennoch durfte er damals nicht um sie werben. Denn als reifer, überlegter Mann mußte er voraussehen, daß die Natur im Laufe der Zeit gegen diesen Bund Protest einlegen würde. Und er gestand sich jetzt, daß ihn solche Bedenken auch wirklich stark beunruhigt hatten, aber von seiner Selbstsucht, von seinem Verlangen nach dem köstlichen Besitz waren sie zum Schweigen gebracht worden. Ja, es war ein Verbrechen, daß er um sie geworben! Was aber wäre geschehen, wenn er es nicht getan? Sie würde einen anderen geheiratet haben. Sie wäre jetzt noch eine glückliche Gattin — vielleicht eine glückliche Mutter. Bei diesem Gedanken krampfte sich sein Herz zusammen. Worin jedoch lag die Bürgschaft, daß es sich, bei all den Zufälligkeiten, die das menschliche Wohl bedingen, bei all den Gefahren, die es bedrohen, wirklich so verhalten würde? Wer konnte behaupten, daß Klothilde unter anderen Verhältnissen glücklicher — ja auch nur so lange glücklich gewesen wäre, wie sie es mit ihm war. Hätte sie nicht schon in ihrem ersten Wochenbett sterben können? Er atmete freier auf. Ja, ein Menschenschicksal läßt sich in all seinen Möglichkeiten nicht berechnen, und wenn er an dem seines geliebten Weibes Schuld trug, so büßte er es jetzt durch ein vereinsamtes, qualvolles Dasein, dem der erlösende Tod — er fühlte es im Tiefsten seiner Seele — nicht so bald nahen würde ...

Dennoch ging er jetzt daran, alle notwendigen letztwilligen Anordnungen so rasch zu treffen, als sollte er morgen sterben. Fürs erste hinsichtlich seines Vermögens. Er war kein reicher Mann; ja ohne den bedeutenden Ruhegehalt, den er vom Staate bezog, hätte er sich sehr einschränken müssen. Die Ersparnisse welche die Günthersheim vor ihm zurückgelegt, waren von seinem Vater zum Ankauf des Gutes verwendet worden, das, weil man es nicht in eigener Verwaltung haben konnte oder mochte, nur geringe Erträgnisse abwarf. Er selbst hatte es bloß als Sommeraufenthalt geschätzt — und das Schloß sollte einst der Witwensitz seiner teuren Klothilde werden; denn daß er vor ihr zu Grabe gehen würde, unterlag keinem Zweifel. Nun war es freilich anders gekommen. Aber was sollte jetzt mit dem Gute geschehen? Es lebten zwar noch Anverwandte des Freiherrn, aber keiner, den er für würdig erachtete, daß er ihm den Besitz vererbe. Sie sollten alle, je nach ihren persönlichen Verhältnissen, durch Legate oder Jahresrenten befriedigt und versorgt werden — auch jene, die es nicht um ihn verdient hatten. Das Gut selbst aber, samt allen darauf haftenden Lasten und mit dem ausdrücklichen, in schmerzlicher Pietät für die Verblichene wurzelnden Vorbehalt: daß das Schloß auf die Dauer von fünfundzwanzig Jahren nicht als Wohnsitz benützt werden dürfe, sollte nach seinem Tode der Ortsgemeinde zufallen. Damit waren dieser die Mittel an die Hand gegeben, durch größere industrielle Unternehmungen und Errichtung gedeihlicher öffentlicher Anstalten den Marktflecken — wie es das ehrgeizige Streben der Einwohnerschaft war — im Laufe der Zeit zum Range einer Stadt zu erheben.

Nachdem der Freiherr diese Schenkung urkundlich besiegelt hatte, zog er die letzte Ruhestätte der Verewigten in Erwägung. Für jetzt war sie, wie es die Umstände erheischten, in die entlegene Gruft gebracht worden. Dort aber, bei den fremden Toten, durfte sie nicht bleiben. Ganz in seiner Nähe sollte sie ruhen, an dem Orte, den sie im Leben so sehr geliebt. Der Gedanke, ihr an der Stelle des Tirolerhauses ein kleines Mausoleum zu errichten, beschäftigte ihn. Aber ein solches Grabmal erschien ihm doch zu gesucht, zu aufdringlich — und so wendete er sich an das Landeskonsistorium mit dem Ersuchen, die Leiche seiner Gemahlin in der Schloßkapelle beisetzen zu dürfen, woselbst sie bis zu seinem eigenen Ableben zu verbleiben hätte. Dann aber sollten beide Leichen nach Wien überführt und dort auf dem Sankt Marxer Friedhofe in der Grabstätte seiner Eltern und Großeltern zur ewigen Ruhe bestattet werden.

Über diesen Entschlüssen und Anordnungen war allmählich der Herbst ins Land gezogen. Die Tage wurden kürzer und kürzer; Schwärme von Nebelkrähen hockten in den Wipfeln des Parkes, dessen Pfade sich mit abfallendem Laube bedeckten. Und die Novemberstürme fingen an, um das Schloß zu brausen, wo der Freiherr einsam hauste. Und doch nicht ganz einsam. Tante Lotti hatte inzwischen ihre Angelegenheiten in Wien geordnet und war zu ihm zurückgekehrt. Der harrenden Teilnahme dieser Vielgeprüften erschloß er endlich den ganzen Umfang, die ganze Bedeutung seines Schmerzes. Sie begriff — und verstand zu trösten. An ihrer Seite betrat er zum ersten Male wieder Klothildens Gemächer, die er bis jetzt, den überwältigenden Eindruck fürchtend, gemieden hatte. Und nun wurden ihm auch die verlassenen Räume mit all den Reliquien eines für immer dahingegangenen Daseins zu einem teuren Besitze, bei dem er jetzt öfter und öfter verweilte, in Erinnerung versunken und von sanfter Wehmut durchschauert.

Und als es nun wieder allmählich Frühling wurde, die weiße Schneedecke, die sich ringsum ausgebreitet hatte, wegschmolz — und in dem ergrünenden Rasen des Parkes Veilchen und Primeln zum Vorscheine kamen, da schlug der Freiherr eines Tages den Weg nach dem Tirolerhause ein. Mit zitternder Hand öffnete er Türen und Fenster und ließ die warme, sonnige Luft in die stillen, leicht nach Moder duftenden Räume dringen. Da befand sich alles noch an derselben Stelle, wie damals! Die Landschaft an der Staffelei — die Bücher, eines davon aufgeschlagen. Und dort stand auch das Glas, in welches Klothilde den Zipfel ihres Tuches getaucht hatte, um die Tränenspuren im Antlitz zu verwischen! Er verhüllte das seine mit den Händen. „Mein Gott! Mein Gott!“ Die Erinnerung an jene entsetzliche Stunde überfiel ihn mit ganzer Macht ...

Er wankte die Stufen hinab und ließ sich auf die Bank nieder, wo sie so gerne gesessen hatte. Vor ihm lag die Wiese in neuer Triebkraft; über ihm, in den schlanken Birkenzweigen, wiegte sich mit zartem Gezwitscher eine Meise; ein erster hellgelber Falter flatterte dicht an ihm vorüber. Befreiende Wehmut überkam ihn nach und nach; es war ihm, als säße Klothilde mit ihrem breitrandigen Strohhute an seiner Seite — und legte, wie sie es gewohnt war, ihre Hand in die seine .......

Und nun weilte er fast täglich dort. Schon blühte in sanften Farben der Akelei, den man auf Wunsch der Schloßfrau, die ihn so sehr liebte, gepflanzt hatte, und der so reich und üppig gedieh, daß im Mai alle Rasenhänge davon überdeckt waren. Und dann kam die Zeit der Rosen, die Zeit der Nelken — und endlich die der Georginen und Astern ...

So zog Jahr um Jahr dahin, und der Freiherr selbst begann ein Pflanzenleben zu führen — das stille Pflanzenleben des Alters. Seine Denkwürdigkeiten, die er begonnen hatte, waren fürs erste liegen geblieben. Als er sie später wieder aufnehmen wollte, erschienen ihm diese Aufzeichnungen nicht mehr wichtig genug, da sich inzwischen im Staate eine Neugestaltung der Dinge anzubahnen schien, wie sie einst seinem Geiste vorgeschwebt hatte. So ließ er denn die Papiere ruhen und begnügte sich mit dem Bewußtsein seines früheren Wollens. —

Als seit dem Tode Klothildens fast ein Dezennium verstrichen war, fühlte sich der Freiherr eines Abends unwohl. Es war in der ersten Frühlingszeit, die ihn wieder in den Park zu dem Tirolerhause geführt hatte. Er mochte sich während der Stunden, die er dort zubrachte, erkältet haben, der herbeigerufene Arzt stellte eine Lungenentzündung fest. Die Krankheit ging jedoch in normalem Verlaufe vorüber, und im Mai konnte sich Günthersheim, wenngleich noch sehr geschwächt, doch als genesen betrachten.

Mittlerweile hatte sich gegen das mit Frankreich verbündete Italien der Krieg vorbereitet, dessen rasche und folgenschwere Ereignisse der Freiherr, wie so viele Einsichtige, mit ahnungsvollen Befürchtungen verfolgte. Als er eines Vormittags in seinem Zimmer die Zeitungsberichte über die Schlacht bei Magenta las, fand er unter den gefallenen Offizieren einen Oberst Graf Poiga-Reuhoff verzeichnet. In diesem Augenblick entsank das Blatt seiner Hand.

Als nach einiger Zeit der Kammerdiener eintrat, sah er seinen Herrn mit gesenktem Haupte auf dem Sofa sitzen und glaubte, er schlafe. Sich leise nähernd, erkannte er, daß er tot war. Eine Lungenlähmung war plötzlich eingetreten.

X.

Die beiden Särge waren nach Wien gebracht worden. Auch Tante Lotti hatte sich dorthin begeben und laut testamentarischer Vollmacht mit sich genommen, was von intimerem Werte war; alles übrige wurde an Arme und Bedürftige verteilt, so daß nur, was gewissermaßen niet- und nagelfest war, im Schlosse zurückblieb. Dieses selbst aber wurde nunmehr an allen seinen Eingängen versperrt und die Schlüssel dem Gemeindevorstand überantwortet, der seinerseits einen verläßlichen Mann als Aufseher anstellte. Mit seiner Familie im Amtshause untergebracht, hatte dieser darüber zu wachen, daß nichts in Verfall gerate; wie denn auch zweimal des Jahres alle Räumlichkeiten geöffnet wurden, um die notwendige Lüftung und Reinigung vorzunehmen.

Inzwischen war die neue Aera wirklich angebrochen, und eine fröhliche Wahlbewegung ging durch das Land. Lang erhoffte Einrichtungen, erlösende Gesetze machten sich geltend, aber mit ihnen auch tiefere nationale Spaltungen, die fast in allen Teilen der Monarchie zutage traten. Es war ein freierer, aber auch unruhigerer Geist in die Zeit gekommen, deren Hauch von nun an das stille Schloß umwehte, während die Mauern allmählich eine düstere Färbung annahmen und auf den unbetretenen Gängen der Avenue sich langhalmiger Graswuchs entwickelte.

Plötzlich wurde es von feindlichen Truppen überschwemmt. Denn der Krieg des Jahres 1866 hatte sich in die Nähe gezogen, und die Kanonen donnerten in der Runde. Man hatte das weitläufige Gebäude einem preußischen General erschließen müssen, der dort sein Heerlager aufschlug.

Auch das ging vorüber, und es wurde wieder still auf der einsamen Höhe. Unten aber regte sich aufs neue der Gewerbefleiß friedlicher Hände — und der Marktflecken dehnte sich weiter und weiter aus. Ein stattliches Schulhaus, ein neues Rathaus in gotischem Rohbau erhoben sich — und als nun gar auf frisch gelegten Schienen die erste Lokomotive vorüberdampfte, da war auch das Ziel erreicht — und der Ort zum Range einer Stadt erhoben worden. Und schließlich waren auch die fünfundzwanzig Jahre abgelaufen, welche dem Schlosse neue Bewohner ferne gehalten hatten.

Mit demselben Tage aber, an dem diese Frist ihr Ende erreichte, waren auch schon ganze Scharen von Handwerkern erschienen, welche nunmehr daran gingen, das verlassene Gebäude nach jeder Richtung hin im modernsten Geschmacke aufzufrischen und einzurichten. Denn einer der bedeutendsten Industriellen des Landes, der sich im Laufe der Jahre ein erstaunliches Vermögen erworben, war bei einer Geschäftsreise von diesem, gewissermaßen in der Luft schwebenden Herrensitze in Kenntnis gesetzt worden und hatte sofort hinsichtlich des Erwerbes in der ganzen früheren Gutsausdehnung ein glänzendes Angebot getan. Die Väter der jungen Stadt gingen umso rascher auf den Verkauf ein, als damit alle weiteren Sorgen und Mühen der Verwaltung entfielen und das Gemeindevermögen um ein beträchtliches, zur Stunde flüssiges Kapital wuchs. Und so hielt denn, nachdem im Schlosse die zahlreichen, vordem sehr einfach gehaltenen Gemächer durchweg mit neuen Parkettböden, mit goldgemusterten Tapeten, mit Samt, Seide, Spitzen und stilvollen Möbeln ausgestattet, die Vorhalle und die Treppen mit Nischen und Statuen, mit kostbaren Teppichen und exotischen Gewächsen ausgeschmückt waren, an einem dunklen Septemberabend der neue Besitzer seinen Einzug — und zwar bei elektrischem Licht, dessen weißes Fanal die Avenue weithin erhellte.

Selbstverständlich waren auch bedeutende Eingriffe in den Park geschehen. War doch dieser im Laufe der Jahre mit seinem Unterholz derart ins Laub geschossen, daß eine förmliche Durchforstung Platz greifen mußte. Dabei fielen auch alle vermorschten Eremitagen, Tempelchen, Brückchen und Ruhebänke, die samt und sonders aus Birkenästen hergestellt waren; nur das Tirolerhaus an der großen Wiese hatte man als wunderliches Denk- und Wahrzeichen einer engbrüstigen und geschmacklosen Vergangenheit unberührt gelassen. Auch konnte man dort immerhin vor einem plötzlich niedergehenden Regen Schutz finden oder auch an kühlen Herbsttagen das Gouter einnehmen. Als man aber das letztere wirklich einmal ausführte, da zeigte sich, daß die Räumlichkeiten für die höchst zahlreiche Familie des neuen Schloßherrn samt allen Hofmeistern, Gouvernanten und Bonnen doch viel zu klein und unbequem waren. Die Damen konnten keinen rechten Platz zum Sitzen finden — und die Herren stießen mit den Hüten an die Decke. Öffnete man die Fenster, so drang empfindliche Zugluft herein, schloß man sie, so waren die Zimmerchen — denn auch die Damen rauchten Zigaretten — alsbald mit unerträglichem Tabaksqualm angefüllt. Und welche Bruthitze mochte in der schönen Jahreszeit hier innen herrschen! Man mied also das Haus im nächsten Sommer vollständig; nur die englische Gouvernante, eine ältliche Miß mit messingblonden Haarwickeln, suchte es je zuweilen an Sonntagen auf, um von keinem Menschen gestört in der Bibel lesen zu können. Und als im darauffolgenden Winter das Unerhörte geschah, verwegene Strolche nächtlicherweile einbrachen und alles Bewegliche wegschleppten, da kam man auch sofort zu dem Entschlusse, den alten „Kasten“ dem Erdboden gleich zu machen und an seiner Stelle ein geräumiges, den Anforderungen modernen Komforts entsprechendes Sommerhaus zu errichten. Wirklich entstand auch, wie hervorgezaubert, in kürzester Zeit ein ganz stattliches Gebäude im Schweizerstil, von dessen breiter, luftiger Terrasse man bequem auf einen weit abgesteckten Lawn Tennis-Platz niederblicken konnte, der einen guten Teil der Wiese einnahm. Dort bewegen sich, wenn — was häufig geschieht — das Schloß zahlreiche Gäste beherbergt, anmutig jugendliche Gestalten in vollem Eifer des körperbiegenden Spieles. Die Herren in Jockeimützen und farbigen Wollenhemden, die Damen, hochgeschürzt, in grell bunter Tracht — alle aber in gelben, mit Gummi besohlten, absatzlosen Schuhen. Und während unten bei fröhlichen Scherzen und schallendem Gelächter die Bälle hin und her oder über das Gitternetz fliegen, weilt oben auf der Terrasse eine Schar gesetzterer Männer und Frauen in anregendem Geplauder. Da wird alles berührt, alles gelobt oder getadelt, begriffen oder mißverstanden, was der Tag bringt: die neuesten Verordnungen der Regierung und die neuesten Moden; die Schwankungen der Kurse und die Differenzen zwischen diesem oder jenem Theaterdirektor und dieser oder jener Schauspielerin; die letzte sensationelle Ehescheidung, das letzte siegreiche Rennpferd, der Sozialismus, der Hypnotismus und die Erzeugnisse der naturalistischen Schule. So regt und betätigt sich geräuschvoll an dem Orte, wo Klothilde in tiefer Stille an der schwermütigen Glut Lenaus sich entzückte, an ihrer idealen Landschaft pinselte — und im Übergefühl der Schuld zusammenbrach, ein neues, bestimmteres, zuversichtliches Geschlecht mit anderen Empfindungen und Anschauungen, mit anderen Zielen und Hoffnungen — daher auch mit anderen Schicksalen. Aber auch dieses Geschlecht wird dereinst zu den vergangenen zählen — und wieder ein neues ausblicken nach den ungewissen, ewig wechselnden Fernen der Zukunft.

Druck von Hesse & Becker in Leipzig.