In einem der vielen Seitengänge, die sich von der Nanking Road in die dahinter liegenden Häuserblöcke bohren, hat seit Jahren ein Verkäufer von verzuckerten Erdnüssen seinen Stand aufgeschlagen. Die hohe Gestalt, die braunrote Gesichtsfarbe und die starkknochigen Finger, mit denen er die gezuckerten Früchte in senffarbenes Papier wickelt, oder mit denen er ab und zu eine überdauerte Winterfliege mit dem Federwedel verjagt, deuten daraufhin, dass er nicht ein eingeborener Schanghaier ist, sondern von einem andern Teil des Reiches in die Weltstadt zog. Der Erdnussverkäufer stammt aus Schantung; er gehört zu meinen Freunden, wie Alles, was von dort kommt. Eines Tages machte er mir einen Besuch und überreichte mir seine knabenfusslange, knallrote Visitenkarte, darauf in schwarzer Tuschschrift zu lesen stand: Wang Tung hai. Seit dem Besuch, den ich in seiner Wohnung in der Peking Road erwidert hatte, wurden wir Freunde, ein für das Studium soziologischer Verhältnisse in China wichtiger Umstand. Ich sprach über Dieses und Jenes mit ihm. So fragte ich ihn gelegentlich auch wie er sich in der Weltstadt Schanghai durchschlüge. Da erzählte er mir, dass er an regenfreien Tagen im Durchschnitt sechs chinesische Pfund gezuckerte Erdnüsse verkaufe. Er bezieht die Erdnüsse von einem Zwischenhändler, der sie wieder vom Produzenten in Kiangsu kauft. Die sechs Pfund Erdnüsse kosten ihm, einschliesslich Zuckerung und Einschlagpapier, zwanzig Zent. Der Tagesverdienst beträgt nach dem Verkauf der sechs Pfund fünfundvierzig Zent oder zwölfeinhalb Dollar im Monat. Wenn es regnet, bleibt er zu Hause und trommelt mit den Fingern an die vom Staub erblindeten Fensterscheiben; denn an Regentagen ist der Verdienst so gering, dass er lieber ganz darauf verzichtet. Als durchschnittlichen Monatsgewinn rechnet Freund Wang zehn Dollar; er hat aber in ganz besonders guten Zeiten schon fünfzehn Dollar verdient. Davon bestreitet er die Kosten für seine mit zweieinhalb Dollar im Haushalt veranschlagte Wohnung und sein mit Schantunger Leibgerichten gewürztes Essen, das die Summe von sechs Dollar nicht überschreiten darf. Der Mehrverdienst der guten Monate muss über die schlechten hinweghelfen. Und die machen fast die Hälfte des Jahres aus. Besonders graut es Freund Wang vor der „toten Saison“, die die Sommermonate umfasst. Denn zu dieser Zeit sind die gezuckerten Erdnüsse am Wenigsten schmackhaft. Deshalb klappt Wang beim Beginn der heissen Zeit den Verkaufstisch zusammen, isst des Morgens den Rest der ihm verbliebenen Zuckernüsse zum Frühstück und besucht ein halbes Jahr lang die Stadtkundschaft eines Getreidegeschäftes. Das bringt noch weniger ein, als der Erdnussverkauf, hält aber den wackern Schantunger so lange in der Weltstadt über Wasser, bis wieder die Zeit anbricht, wo er seine gezuckerte Ware verkaufen und, je nachdem, mit den harten Fingern auf den Fensterscheiben trommeln kann, gegen die der unerbittliche, geschäftsstörende Herbstregen schlägt.
About This Book
A collection of essays and sketches offers vivid, observant portraits of everyday life in a major Chinese port city during a period of rapid social change, recording street scenes, public celebrations, shops, performers, and domestic customs. The writer contrasts traditional practices with newly adopted Western fashions, political symbols, and commercial habits, noting how modernizing impulses reshape manners, dress, and entertainment while provoking reflections on cultural loss and adaptation. Arranged as short, impressionistic pieces, the work blends reportage and personal reflection to trace social moods, urban characters, and the tensions between continuity and reform.