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Schläfst du Mutter?; Ruth. Novellen cover

Schläfst du Mutter?; Ruth. Novellen

Chapter 9: Ruth
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About This Book

The volume gathers two novellas. The first traces a nine-year-old boy who slips away from town into a pine forest, where idle philosophizing and vivid fantasies—of armies, sea rovers and imperial power—give way to a sleep that unfolds into uncanny dream-sequences of horseshoeing, burial and a faltering return toward home. The second follows a disaffected student whose monotonous, pleasure-seeking life yields moments of remorse and brittle resolutions amid petty humiliations. Both pieces probe inward consciousness, contrasting imaginative escape with the stubborn pull of social habit and the uneasy desire for moral or personal transformation.

Ruth

Abgespannt und unbeweglich saß Formes, der Student in seiner Kammer und starrte mit verglasten Blicken zu Boden. Ein Leben der Eintönigkeit und der Demütigungen, wie er es führte, ein Leben des Nichtsthuns und der Jagd nach schalen Genüssen hat freilich seine Augenblicke der Zerknirschung, in denen man jene guten Vorsätze faßt, welche später zertrümmert und zerschellt sich wiederfinden, gleichwie die Fetzen eines vom Packeis zerrissenen Kahnes. Lange Zeit saß der hagere Student so, dem schmerzlichen Anschauen eines leeren Daseins hingegeben, und der Regen fiel vom Himmel und benetzte die Scheiben und klatschte auf den Pflastersteinen der Gasse mit seltsamer Geschwätzigkeit, und nebenan lärmten die Kinder und eines sang ein Lied und das andere knallte mit einer Peitsche und ein drittes blies in ein Trompetchen, so daß es schrill und durchdringend in alle Ecken des Hauses scholl. Die Bälge verbittern mir auch noch das Leben, dachte Formes und blickte finster in den grauen Himmel hinein. Wie traurig, daß die Mutter auf die Verpflegung fremder Kinder angewiesen ist. Und wie kläglich ist der Gewinn daraus! Meist waren es Bauernkinder aus den umliegenden Ortschaften, die in der Stadt die Schule besuchten und nur am Sonnabend zu ihren Eltern gingen, um den Feiertag zu Hause zuzubringen. Und als die Dämmerung hereinbrach, erhob sich Formes, froh, von seinen Grübeleien abgelenkt zu sein, und betrat das Zimmer, wo die sechs Kinder wie sechs Vögelchen in heiterem und lautem Spiel umhertollten. Sie haschten einander mit Jauchzen und Händeklatschen; ihre Augen leuchteten und ihre Wangen waren frisch gerötet. Eine düster brennende Lampe stand auf dem Tisch; um die Lampe herum lagen in krausem Wirrsal Schiefertafeln und Fibeln und Griffel, und die kleinen, braunen Rechenbüchelchen von Heuner.

In dem Augenblick, wo Formes den Raum betrat, wurde es mäuschenstill unter dem kleinen Völkchen. Jedes der Kinder blieb an seinem Platz wie angewurzelt stehen und jedes schaute zu Boden, – so, als ob es genascht hätte und dabei ertappt worden wäre. Manche blinzelten scheu von unten herauf an dem »Mann« empor, und zwei lächelten sich sogar verstohlen zu.

Mit den Händen in den Hosentaschen blieb Formes an der Thüre stehen und versuchte, kindlich unbefangen zu lächeln. Aber er fühlte selbst, wie schlecht ihm das gelang, und aus Ärger darüber, wohl auch aus Ärger, daß er sich bei Kindern mit einem Lächeln einschmeicheln wollte, klapperte er heftig mit den Schlüsseln in seiner Tasche. Und er forderte die Kleinen mit rauher Stimme auf, weiter zu spielen, und dazu nickte er jovial und zwinkerte mit den Augen. Die Kinder begannen sich wieder zu bewegen; sie gingen umher, plauderten miteinander, aber es lastete gleichsam wie ein Druck auf ihren Herzen. Kein frohes Spiel wollte sich mehr gestalten, und Formes gewahrte mit einem Zorn, der ihn selbst betroffen machte, wie sie immer stiller und scheuer wurden, wie sie sich schließlich um den Tisch gruppierten, um mit etwas trotziger und herausfordernder Geschäftigkeit ihre Schulaufgaben zu vollenden. Formes runzelte die Stirn und blies den Atem durch die gespitzten Lippen. Er fühlte sich überflüssig und beschämt und wußte durchaus nicht weshalb. Er errötete (wie lange schon war er nicht mehr errötet!), und auch hiervon wurde ihm der Grund nicht klar. Er versuchte, kindlich mit den Kindern zu reden, aber was er sagte, war nur kindisch, so daß die vier Mädchen leise darüber kicherten und sich viel verständiger dünkten als er.

Da gewahrte er in einer Ecke, dicht an die bunte Gardine geschmiegt, ein Kind, das ihm gänzlich fremd war. Und er war bestürzt durch den Anblick, der sich ihm bot. Ein bleiches Gesichtchen sah in süßen Ovallinien aus einer Flut glänzend schwarzer Haare hervor. Die gelbliche Blässe dieses Antlitzes war so fremdartig, und die großen, dunkelen Augen, die wie Sterne aus der finsteren Ecke herüberleuchteten, waren von so seltner Glut erfüllt, daß Formes hinüberstarrte wie auf eine Erscheinung. Das Kind rührte sich nicht. Es hatte die Blicke unverwandt auf den langen, hageren Menschen gerichtet, voll Furcht und zugleich voll Wildheit. Und die Nasenflügel zitterten leicht, und die kleinen schmalen Händchen klammerten sich fest an die Gardine und hinter diesem Bild voll Zauber lugte die matte Nacht herein, durchzittert und durchwogt von letzten Dämmerlichtern. Formes fragte sich beklommen, wo das Mädchen herkomme, denn er hatte es noch nicht gesehen unter den übrigen. Aber unter den Blicken des Kindes verwirrten sich seine Gedanken. Sein Herz öffnete sich plötzlich einer Bitterkeit, die ihm ganz neu war, und die ihn auf sein vergangenes Leben schauen ließ, wie auf eine einzige durchschlemmte Nacht. Eine brennende Sehnsucht nach Frieden und friedlicher Arbeit erfüllte ihn plötzlich und ein sonnenvolles Land öffnete sich plötzlich seiner Seele, und ein Haus stand davor mit weißgetünchten Mauern und grünen Fensterläden und ein Park, an dessen Wegen die Bäume wie Brautpaare standen und sich die Äste reichten. Doch dies währte kaum länger, als man braucht, es zu erzählen. Er wollte hingehen, um das Mädchen anzureden, aber siehe, seine Glieder waren wie gelähmt. Er wagte es nicht, das Kind anzureden. Darüber war er sich völlig klar, daß er zu feig war, den furchtsamen und doch unbefangenen, durchbohrenden Blicken des seltsamen Geschöpfes stand zu halten, und er ging, – er flüchtete aus dem Zimmer. Draußen fragte er die Schwester nach dem Neuankömmling. »Aus der werden wir auch nicht klug,« erwiderte Cenci etwas hastig. »Das Kind spricht nicht, es lacht nicht, es spielt nicht, wenn sie alle spielen. Seine Mutter ist ein armes, armes Mädchen, das sich kümmerlich mit Nähen fristet. Kaum ein paar Pfennige kann sie für das Wurm zahlen.«

Formes nahm Hut und Mantel. Erst als er die einsame Straße entlang ging, verlor sich langsam die drückende Wehmut in seinem Herzen. Aber am folgenden Tage suchte er den Anblick des Kindes zu vermeiden, wo es möglich war. Er schalt sich thöricht, er machte sich mit Heftigkeit und Erbitterung vor sich selbst lächerlich, aber er gedachte mit Schrecken an die Reihe jener nagenden Gefühle, die das erste Erblicken des blassen Mädchens in ihm hervorgerufen hatte. Einmal jedoch, spät war es am Abend, stand das Kind im Flur, eben als er sich zum Ausgehen rüstete. Es war barfüßig und mit einem dünnen, weißen, Kattunschlafröckchen angethan und schaute mit unverwandten Blicken in den Sternenhimmel, der über den Schneedächern, über den Schneefeldern, über den Gärten und über den Wäldern lag, wie eine schwarzblaue Glasglocke, die an vielen, vielen Punkten durchlöchert ist, so daß man das goldene Feuer durchblitzen sieht, welches im Himmel brennt. Da faßte Formes den Entschluß, das Kind anzureden. Er that es mit Widerwillen und mit Überwindung, aber ihm war, als könne er sich dadurch loskaufen von der fremden, eindringlichen, beängstigenden Macht, welche dies Kind auf ihn ausübte.

»Wie heißt du denn?« fragte er, zu dem Mädchen tretend, und sah mit einem seltsamen Gemisch von Geringschätzung und Scham auf dessen ruhig zum Nacken strömendes Haupthaar.

»Ruth heiße ich,« erwiderte die Kleine mit einer vornehmen Biegung des Köpfchens. »Ruth« wiederholte sie scheu, als könne man ihren Namen nicht gleich aufs erste Mal verstehen. Dann sah sie ihm wieder mit jenem vollen, bangen Blick in die Augen, der ihn zwang, sich abzuwenden. Wenn nur jenes Grübeln von mir ginge, dachte Formes. Und von neuem kam das Bild: blaßwangig mit feuchten, schweren Augen, in denen der suchende Blick lag und von Verlassenheit und Freudlosigkeit redete. Es war, wie wenn Stimmen des Himmels sprächen; es war auch, wie wenn in tiefer Nacht, gleich nachdem der Sturm sich zur Ruhe gelegt hat, eine sanfte und gleichmäßige Musik aus geheimnisvollen Räumen fließt und sie wogt und schwindet, während das Herz klopft und die Lippen ein verlangendes Wort murmeln. Und wir können wähnen, daß auf unserm Haupt eine goldene Krone säße und langsam hinschmölze vor den Strahlen des Glücks und der Erwartung. Und ein fremder Stolz umgiebt die Wangen und den Mund. Und die Nacht ist so reich, und die Sterne wandeln so vorsichtig dahin, um die Sehnsucht nicht geringer werden zu lassen. Und in den Flammen des Ofens steigen feurige Paläste auf und lassen uns wünschen: so möcht’ ich wohnen.

Alles dies empfand Formes und noch mehr.

In der nächsten Nacht ereignete es sich, daß er durch den leisen Druck einer Kinderhand aus dem Schlafe geweckt wurde. Ruth stand an seinem Bett. Wie das Kind zu dieser tiefen Nachtstunde hereingefunden, blieb ihm verborgen. In wenigen Sekunden war all seine Schlaftrunkenheit verscheucht, und mit Schrecken und Staunen betrachtete er das Kind in dem ungewissen Dämmerlicht der halbhellen Winternacht.

»Du mußt uns helfen; willst du?« flüsterte Ruth ganz leise und schauerte zusammen. »Schau, die Mutter weint oft die ganze Nacht, wenn sie glaubt, daß ich schlafe. Weißt du, warum sie weint? Nicht? Dann mußt du hingehen und mußt sie fragen.«

Formes fühlte etwas zerfließen in seinem Herzen und er preßte die Lippen zusammen. »Du frierst ja, Kind,« sagte er mit rauher Stimme, nahm das Mädchen und zog es in sein Bett.

»Bist du auch brav? Betest du auch?« fragte Ruth, als sie zufrieden das Köpfchen in den Kissen zurecht gelegt hatte.

»Nein.«

»Nein? Wirklich? Niemals betest du?«

»Doch – bisweilen –«

»Und warum hast du denn so einen langen Bart? Wie häßlich das ist, der kratzt ja, den mußt du dir wegthun lassen. Willst du? O, was bist du für ein schwarzer, schwarzer Mann, – du!«

Und sie bedeckte das Gesicht mit den Händen. Formes lachte.

»Gelt, du läßt deinen Bart ein wenig schneiden? Dann hab’ ich dich gern. Und versprich mir auch, daß du der Mutter helfen willst. Du weißt doch wo sie wohnt? Also paß auf: nämlich in der Bauerngasse im dritten Stock.«

»Warum hab’ ich denn keinen Vater wie die anderen Kinder?« fragte die kleine Ruth nach langem Stillschweigen. Und als Formes nicht antwortete, weil wieder jene beengende und heiße Wehmut über ihn hereinbrach, flüsterte sie weiter: »Sie fragen mich immer alle, wie heißt denn dein Vater?... aber ich weiß nicht, ich weiß gar nicht. Das ist doch dumm, gelt? Was ist er denn nur? Vielleicht hat er mich nicht lieb, du? Sag doch.«

»Ja, ich weiß auch nicht,« erwiderte Formes, und er fand es gar schwer, Worte zu finden für das Kind.

Und nach langem Nachdenken begann das Mädchen hastig, als dürfe es diese Frage nicht vergessen. »Du, was ist weiter, Amerika oder die Welt?«

Der große Student konnte nicht darauf antworten. Es war eine fremde Sprache, die er vernahm. Ungewohnter Gefühle voll, schaute er in die dunkle Nacht hinein, die lautlos auf der Erde lag und die sich unermeßlich hinzudehnen schien über alle Länder und über alle Sterne. Er hörte wohl, wie das Kind weiter plauderte, und nicht zur Ruhe darüber kommen konnte, wo der liebe Gott wohne und ob er Flügel habe wie die Engel und ob das Paradies schöner sei wie der Stadtgarten hinter der Burg, aber er fühlte sich arm dieser kindlichen Welt gegenüber und er sah immer nur auf die Häusermauern hinaus, den Kopf auf den Arm gestützt. Er sah gleichsam die Stille draußen schleichen, wie sie mit wehenden Tüchern alle Dinge umwand, und er sah den dunklen Schlaf mit müßigem Schritt durch die Gassen schleichen. Endlich warf er auch seine Körner in die Augen der kleinen Ruth, während Formes bis zum Anbruch des Tages wach blieb.

Am folgenden Nachmittag ließ er sich die Hälfte des Bartes abnehmen und ging dann in die Bauerngasse, nachdem ihm Cenci auch die Nummer des Hauses angegeben hatte. Er vermochte sich zwar durchaus nicht vorzustellen, wie er helfen könnte; denn Geld besaß er nicht. Aber er ging von einer fremden Macht befehligt, und ein wunderbares Vertrauen zu dieser Macht erfüllte ihn.

Als er die drei überaus steilen Treppen erklommen und eine zerbrechliche Thür geöffnet hatte, sah er ein junges, schmächtiges Weib beim Fenster sitzen, das sich bei seinem Eintritt erhob. Aber sie sah ihn kaum, als sie laut aufschrie, und es war, als ob sie seinen Namen suchte. Er zitterte. Das junge Weib blickte ihn lange Zeit an, mit Lippen, die gleichsam durstig waren, zu reden, aber sie brachte nicht eine Silbe hervor. Formes fühlte, daß er kalt wurde an Händen und Füßen. Nur unvollkommen konnte er denken, und er sah das Gesicht dieser Frau, wie es jünger war und schöner; er sah es wie sie heraufstieg aus den Nebeln vergangener Jahre mit all der jugendlichen Anmut des Weibes, das eben die Schwelle der Kindheit verläßt. Nur flüchtige Tage waren es gewesen, Tage der Leidenschaft und lange, lange hatte Formes selbst den Namen des Mädchens vergessen, das sich ihm so hingegeben: ohne Frage, was die Zukunft bringen möge und ob der Mann mit strenger Faust den Zügel des tollen Renners Leben zu halten verstünde. Und das Voneinandergehen kam still und natürlich, wie bei zweien, die sich nun entbehren können, nachdem sie gemeinsam das Mahl der Freude genossen haben. Und das eine versank in Not und das andere versank in Not und auf Flügelfüßen enteilte die Zeit, leer an Glück und berstend von gespenstigen Schicksalen. Sie ist an meinem Herzen gelegen und Ruth ist mein Kind, dachte Formes und eine solche süße Befriedigung floß in seine Brust, daß sich seine Augen mit hellen Thränen füllten. Wie der Mondschein im Herbst an den Fenstern zittert, so durchirrte eine scheue Glut sein ganzes Wesen und warf einen zauberischen Schein auf den Weg, der vor ihm lag. Er wußte nicht, was er zu dem jungen Weib sagte, er sah nur, daß es ihr plötzlich klar geworden, wohin sie ihr Kind gebracht, sah, wie sich ihr Gesicht in Angst, Abscheu und Reue verzog, und da wandte er sich zum Gehen. Nicht, als ob er zu verstockt gewesen wäre, ihr die Hand zur Versöhnung zu reichen, aber er erachtete dies nicht für wesentlich; ganz Anderes erfüllte ihn nun und das Kind, das er gewonnen, wollte er schnell beglücken mit allem Glück der Liebe. Darum war er gegangen.

Das arme Weib aber raffte ein Tuch und ihren Mantel aus einer Ecke hervor und stürzte fort: ihr war, als sei Ruth in Gefahr und als müsse sie das Kind noch in dieser Stunde sehen und zurückbringen in ihr dürftiges Heim, damit es nicht verdorben werde durch den Blick des betrügerischen Mannes, dem sie sich einst berechnungslos ergeben hatte.

Formes wanderte weit hinaus in die Felder, wo es sehr einsam war. Ein bleiern schwerer Himmel hing droben und der niedere Flug der Raben trieb Staub aus den Äckern empor. Und hinten lag die Stadt ausgebreitet, und die roten Ziegeldächer schoben sich ineinander wie die Schuppen eines Reptils, und die Häuser stiegen an bis gegen die Burg hinauf, dem ehrwürdigen Heim heldenhafter Kaiser. Niemals hatte diesen hagern Studenten eine solche Fülle weicher und trauriger Empfindungen beherrscht. Bereit zur Hingebung an Gutes und Edles, sah er einen Weg in die Zukunft vor sich, den er wandeln wollte mit herber Entschlossenheit. Sich loslösen von den Genossen und allein den stillen Pfad zur Kraft wandeln, das beschloß er. Die lockere Weisheit des fatalistischen Beharrens verachten zu lernen und sich mit strenger Arbeit ein Bett zum guten Schlaf erkaufen, das Leben der Mühe wert zu leben machen, hingehen und hoffen und allen Kleingeist zerbrechen wie dürres Rohr, das war ein Ziel. Er fühlte, daß es gut würde, wenn er jetzt gehorchte und die beglückende Frohheit und Kampfwilligkeit nicht ungenutzt vergehen ließ. Und das alles hatte ein armes Kind vollbracht, das an ihn glaubte und dem er näher stand, als irgend ein Mann der Welt. Er sagte sich, daß etwas Herrliches und Erhabenes darin liegt, ein Wesen zu lieben, welches vom eigenen Fleische stammt, ein Wesen, das lachen kann und weinen kann und beten kann, und das Schönheit besitzt, die ihm zugeflossen reichlich und wundervoll, wie aus einem unsichtbaren Gnadenquell.

Er kehrte nach der Stadt zurück und hatte indes einen feinen, glücklichen Plan ersonnen. Er suchte einen jungen Freund auf und bat so ernst und eindringlich, wie er nie zuvor gethan, um ein Darlehn von zehn Mark. Im Besitz des Verlangten, betrat er einen großen Spielwarenbazar, wo er eine überaus prächtige Puppe kaufte. Sie hatte echtes Haar von aschblonder Färbung und besaß einen edlen, damenhaften Gesichtsausdruck. Es war eine Puppe, die Persönlichkeit besaß. Ihre Bewegungen waren weder eckig noch kreischten die Gelenke dabei, sondern sie hatte die einschmeichelnde Grazie einer Südländerin, und wenn sie »Mama« sagte, so klang das, wie wenn ein wirkliches Mädchen sagt: Ich liebe dich. Ihre Kleidung war so kostbar, daß ein tartarischer Chan vor ihr sich hätte schämen müssen. Mit diesem köstlichen Schatz also bepackt, wanderte Formes dem nördlichen Stadtteil zu. Sein Herz klopfte vor ungestümer Bewegung und zum erstenmal empfand er, darüber erstaunend, die Freude des Gebens.

Es war schon acht Uhr, als er zu Hause anlangte. Freilich waren die Kinder jetzt schon zu Bett gegangen, aber er wollte Ruth wieder wecken. Ohne der Schwester oder der Mutter zu begegnen, schlich er zum Schlafzimmer der Sieben. Er zündete eine Kerze an und bemerkte, daß seine Hände dabei zitterten. Dann suchte er die Bettchen ab; immer ungeduldiger ging er von einem zum andern, und er wußte nicht, wie ihm geschah, als er das Mädchen nicht fand. Es waren vier Betten und eins stand leer. In den andern lagen je zwei Kinder. Er suchte noch einmal, er leuchtete jedem der Schläfer ins Gesicht, aber die kleine Ruth fand er nicht. Da lächelte er plötzlich, und dieses Lächeln war kindlich und voll Heiterkeit. Während der Dauer dieses schönen Lächelns war er ein völlig anderer Mensch. Er ging mit der Kerze in der Hand in sein eigenes Zimmer; denn er war fest überzeugt, das Kind habe sich heimlich dort drüben eingenistet, um bei ihm bleiben zu können. Im Korridor jedoch traf ihn seine Schwester Cenci, die ihn etwas erstaunt ansah, als sie ihn mit dem Licht in der einen und dem Packet in der andern Hand erblickte. »Du, Hans,« sagte sie, als sie sich schon abgewandt hatte, »die kleine Ruth ist heute plötzlich geholt worden. Ihre Mutter war da und war sehr aufgeregt. Sie hat uns das Geld auf den Tisch geworfen und ist dann mit dem Kinde gegangen. – Was ist dir denn, Hans? Du bist ja so bleich?« Mit langsamem Kopfschütteln wandte sie sich ab und zum ersten Male fühlte sie sich durch irgend etwas dem Bruder nahe, obwohl ihr keineswegs der Grund davon klar wurde. Stets lag Finsternis und Sorge über diesem Haus und die Menschen darin waren froh, wenn sie mit ihrem Tag zu Ende waren und sich das bischen Schlaf ergattert hatten.

Formes stand noch geraume Zeit. Ein dumpfer Laut entwand sich seinen Lippen und mit heißem Ingrimm fühlte er, daß etwas Herrliches für ihn verloren gegangen sei in dieser Stunde. Dann ging er hinab auf die Straße und zertrümmerte die kostbare Puppe am Rinnstein. Damit zertrümmerte er auch das lockende Gebäude der süßen und hoffnungsvollen Träume. Schwer und grau zogen die Wolken der kommenden Jahre heran. Wie lichtlos war all dies Treiben, all dies Hangen zwischen Hoffnung und Verbitterung! Es geht einer einen blühenden Wiesenweg entlang und mühelos vermeint er das köstliche Dach seiner Heimat zu erreichen. Aber da öffnet sich plötzlich eine weite Schlucht vor seinem stockenden Fuß, und er kniet verzweifelt auf einen harten Fels nieder, und mit geringschätzigem Lächeln giebt er es auf, das Hoffen und das Warten.

Formes ging zum Thor und sah gegen den hellen Mond empor. Schwebte nicht unter den Himmeln ein Kind mit blassen Wangen und streckte die Arme nach ihm aus?

Druck von Hesse & Becker in Leipzig.

Verlag von Albert Langen, Paris, Leipzig, München.


Jakob Wassermann


Ein Liebesroman

Preis 2 Mark 50 Pf.

Der Liebesroman von Jakob Wassermann »Melusine« ist ein schweres und trauriges Buch. Von der ersten Seite des Buches an fühlt man sich seltsam und unwiderstehlich festgehalten. Man ahnt bereits das Ende der Geschichte, wenn man den Anfang liest. Man merkt schon an dem Ton, an der Vortragsart des Verfassers, daß er uns Verhältnisse schildert, aus denen es kein Entrinnen giebt, bange, zerrüttete, trostlose Verhältnisse, in denen die Gefangenen nur stumm, eintönig, unaufhörlich weinen, ohne etwas ändern zu können an ihrem Geschick. Ein kindhaft scheues und schwermütiges weibliches Wesen mit großer Hingebung und einem bösen Geheimnis treibt in dem Buche ihr Spiel. Sie ist leidend, die rätselhafte, weltfremde Melusine, die, jung und elternlos, von ihrem Vormund verführt wurde und seitdem heimlich seine Geliebte ist. Sie haßt, verachtet ihn, sie hat schon unzähligemal mit ihm gebrochen, aber sie ist arm und hilflos und so muß sie sich von ihm brutalisieren lassen. In der Familienpension lernt sie einen jungen Studenten kennen, und ein leidenschaftliches Verhältnis entspinnt sich bald zwischen den beiden. Aber das Geheimnis liegt zwischen ihnen und dann die Armut. Mit Ekel vor der Liebe erfüllt, hat das Mädchen nicht den Mut, nicht die Kraft, der Lüge zu entrinnen, ihr Schicksal zu ändern. Und so entschwindet sie dem jungen Mann plötzlich und wie ihm, so auch dem Leser. Man vernimmt nichts mehr von ihr und es bedarf auch dessen nicht. Ihr Bild ist vollendet, ihr Wesen steht klar vor unserer Seele. Eine große Sehnsucht weht durch das Buch, das ganz in Moll klingt und das ein eigenartiges und dichterisches genannt werden darf.

(Frankfurter Zeitung, 29. VI. 96.)

Kleine Bibliothek Langen Bd. II.


Jeder Band M. 1.–

Kleine Bibliothek Langen Bd. III.


Jeder Band M. 1.–

Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf Grundlage der 1897 erschienenen Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

  • S. 12: von einer Summe iunerer Zweifel → innerer
  • S. 22: [Anführungszeichen ergänzt] jetzt bin ich wieder aufgewacht.«
  • S. 31: [Ellipse vervollständigt] an den Ohren gepackt!...
  • S. 41: Wenn man draußeu stand → draußen
  • S. 41: die Züge ihres Wesens anfgedrückt → aufgedrückt
  • S. 75: gerade wie wenn seine Angen → Augen
  • S. 76: [Ellipse vervollständigt] Sein Herz klopfte laut ...
  • S. 88: wie sie sich schießlich um den Tisch gruppierten → schließlich
  • S. 93: [Anführungszeichen ergänzt] heißt du denn?« fragte er
  • S. 94: ereignete es sich. daß er → sich, daß
  • S. 96: [Ellipse vervollständigt] wie heißt denn dein Vater?... aber
  • S. 101: ihr war. als sei Ruth → war, als
  • S. 101: dem ehwürdigen Heim → ehrwürdigen

Transcriber’s Notes: This ebook has been transcribed from the first print edition, published in 1897. The table below lists all corrections applied to the original text.

  • p. 12: von einer Summe iunerer Zweifel → innerer
  • p. 22: [added closing quotes] jetzt bin ich wieder aufgewacht.«
  • p. 31: [extended ellipsis] an den Ohren gepackt!...
  • p. 41: Wenn man draußeu stand → draußen
  • p. 41: die Züge ihres Wesens anfgedrückt → aufgedrückt
  • p. 75: gerade wie wenn seine Angen → Augen
  • p. 76: [extended ellipsis] Sein Herz klopfte laut ...
  • p. 88: wie sie sich schießlich um den Tisch gruppierten → schließlich
  • p. 93: [added closing quotes] heißt du denn?« fragte er
  • p. 94: ereignete es sich. daß er → sich, daß
  • p. 96: [extended ellipsis] wie heißt denn dein Vater?... aber
  • p. 101: ihr war. als sei Ruth → war, als
  • p. 101: dem ehwürdigen Heim → ehrwürdigen