»Nehmt den Gescheitesten am Ort,« sagte der Fremde.
»Das hab ich allweil auch gesagt; bin ganz der Meinung des Herrn,« schwindelte der Wirt. »Aber wer ist der Gescheiteste? Keiner will ein Dummer, jeder ein Kluger sein, und keiner läßt den andern mehr gelten als er selbst ist.« »So nehmt den, der am besten mit der Feder und der Rede Bescheid weiß; nicht so viel hat, daß er sich mehr dünkt als die Andern. Einen, der alle im Dorf kennt, weiß, wie’s jedem zu Sinn ist und bei den Kleinen und Großen wohl angeschrieben ist. Weiset ihn auch an, aufzuschreiben, wie es um Euer Geld steht und ob Ihr für die Landsknechte unseres Herrn Kaisers eine tüchtige Ladung Goldgulden schicken könnt. Denn der Türke steht vor dem Lande, und wenn er herkommt, bleibt nichts niet- und nagelfest. Er brennt Euch die Häuser über den Köpfen weg. Also richtet Euch ein: in zwei Tagen komme ich und hole mir Bescheid.«
Dabei zahlte er und verließ das Wirtshaus, wo die Bauern dasaßen, als hätte sie einer vor den Kopf geschlagen, vor sich hinstierten und kein Wort zu sagen wußten.
Der Fremde hatte seine Kutsche bestiegen und war fortgefahren, hinaus in eine einsame Jagdhütte, die ihm der Schweinehirte beschrieben und die einst einem hohen Herrn als Landaufenthalt gedient hatte. Jetzt lag sie einsam und verlassen, und nur manchmal stellte ein Fuhrmann seinen Wagen unter, wenn die Nacht ihn auf der Fahrt überraschte, oder wenn er das Geld im Wirtshaus sparen wollte. Die Bauern aber wunderten sich, wo der fremde Herr mit einmal hingekommen war und gingen am andern Morgen mit verstörten Gesichtern umher. Hatten sie bisher Zwist miteinander gehabt, weil jeder von ihnen Schultheiß sein wollte, so wichen sie jetzt einander aus, weil jeder sich fürchtete, der andere wolle ihm zureden, das Amt zu übernehmen, und keiner die Schrift an den Kaiser aufsetzen konnte.
Heimlich aber schlichen sie auf Umwegen zu dem Schweinehirten und baten ihn um Gotteswillen, doch für dieses Mal Schultheiß zu spielen und ihnen zulieb das Amt anzutreten. »Tut’s, Simmel,« sagte der Waldsepp. »Habt ein Einsehen. Was kann Euch denn geschehen?« »Meint Ihr?« rief des Simmels Weib. »Mein Mann dürfte leichter hängen als Ihr? Wenn er jetzt dem Kaiser alles schreibt, wie’s hier zugegangen ist im Dorf und wie Ihr gehaust habt, vermeint Ihr, der wird ihn strafen? Weit gefehlt! Euch geht’s an den Kopf und so könnt Ihr es gleich auf Euch nehmen und wieder Schultheiß spielen.« »Weib, schweigt still und laßt Euren Mann reden,« entfuhr es dem Sepp. »Simmel, überlegt nicht lang. Auf Geld soll es uns nicht ankommen.«
Während dessen ging ein Handwerksbursche von Haus zu Haus, bat um einen Zehrpfennig und erzählte dabei, wie er weit herkomme und ob sie schon gehört hätten, daß der Türke nahe sei, senge und brenne und alles mitnähme. Hab und Gut, die Ochsen aus dem Stall und die Kleider aus der Truhe. Und da die Männer alle auf dem Felde schafften und nur das Weibervolk daheim war, so entstand bald am Brunnen ein Schwatzen und Wehklagen. Die Weiber liefen zueinander, jammerten und schrien und dann rannten sie heim und packten, was sie erreichen konnten, um es mitzunehmen, wenn der Türke käme. Da trug eine die Mulde voll Brot, das sie vom Bäcker geholt hatte und das noch dampfte, denn sie wollte nicht warten, bis es gar war, sondern hatte es gleich aus dem Backofen gerissen und war damit fortgelaufen. Eine andere trug heulend ein mächtiges Bündel Stroh auf dem Rücken, darin hatte sie ihr Kindchen gebunden, daß es im Walde weich liege. Ein Drittes schleppte keuchend eine leere Waschbütte herbei, wußte selbst nicht wozu, und eine Alte hatte eine Gans fest unter den Arm gepackt und zerrte in einem Netz Hühner und Enten mit. Es war ein Durcheinander, ein Heulen und Schreien, ein Laufen und Rennen. Betten flogen aus dem Fenster und unten auf der Gasse stürzten sich die Buben darauf und schleiften sie durch Pfützen und Moor über Stock und Stein. Der alte Küster humpelte in die Kirche, faßte den Glockenstrick und schwang ihn mit aller Macht, daß die alte Glocke, die schon einen Sprung hatte, jammervoll hinausklang auf die Felder, und die Kinder liefen hin und her, schwenkten ihre Stäbe und schrieen: »Der Türk! der Türk!« Und wäre er wirklich dagewesen, so hätte es nicht können schlimmer zugehen, denn die Furcht machte mehr Not und Unruh als der Krieg und der Feind.
Vom Felde her aber eilten auf das Geläut die Männer herbei mit Sicheln und Sensen, mit Dreschflegeln und Äxten und rotteten sich unter der Linde zusammen. Gerade kamen die Großbauern von der Beratung beim Schweinehirten zurück, blieben stehen und nahmen erstaunt wahr, wie das Volk unter der Linde stand und schrie und tobte. »Ihr kommt uns gerade recht,« rief ein junger Bursche mit funkelnden Augen. »Jetzt gebt Eure Goldgulden heraus für des Kaisers Soldaten. Der Türk kommt.« »Geld raus! Geld raus!« schrien einige und hielten die Sensen hoch. Die Weiber heulten und kreischten. »Der Türk! der Türk!« und vermeinten schon, ihn vor sich zu sehen. »Gebt Ruhe!« klang es laut über den Platz. Der Schweinehirt war auf eine Bank gestiegen, die vor dem Wirtshaus stand. »Gebt Ruhe! Schämt Ihr Euch nicht, so wüst zu tun? Was wollt Ihr eigentlich? Sprecht und sagt deutlich, was Ihr begehrt!«
»Einen andern Schultheiß!« riefen einige. »Einen andern Schultheiß,« stimmten die andern zu, und die Großbauern schrien: »Da habt Ihr den Rechten. Der Schweinehirte soll es für dieses Mal sein.« »Wir wollen, daß die Armen auch einmal an die Reihe kommen,« ließ sich der Waldsepp vernehmen. »Wählt den Simmel!«
Der wollte Einwendungen machen und heruntersteigen; aber starke Arme hielten ihn auf der Bank fest, und Arm und Reich schrie: »Du mußt! Du mußt!«
Da sah der Simmel um sich, winkte, daß es plötzlich stille ward und sagte ruhig: »Also Männer. Ihr wollt, daß ich Schultheiß werde und Recht hier zu sagen habe. So schwört mir vorerst, daß alles geschieht, wie ich es verlange.«
»Wir schwören!« klang es einstimmig, und die Großbauern schrien es am lautesten. Mit dem Schweinehirten wollten sie schon fertig werden. Der mußte doch tun, was sie wollten, wenn er nur erst die Schrift an den Kaiser aufgesetzt hatte.
»So bestimme ich,« rief der neue Schultheiß, »daß jeder Großbauer hundert Goldgulden an die Gemeindekasse zahlt!« »Hoho!« schrie der Büchsenmichel wie besessen. »Die Wahl gilt nicht.« »Wohl gilt’s!« riefen die Kleinbauern und hielten die Sensen hoch. »Wohl gilt’s!« rief der Simmel mit starker Stimme. »Habt es ja selbst so gewollt. Geht heim und holt das Geld auf der Stelle und einige von Euch gehen mit.«
Da blieb den Bauern nichts übrig, als zähneknirschend umzukehren und das Geld zu holen, und bald häufte sich ein Goldberg auf dem Holztisch vor dem Wirtshaus. Der Wirt mußte einen Sack herbeibringen; in den wurde das Gold gefüllt und dann mit Wachs und Siegel fest verschlossen. »Haben die Großen zahlen müssen, so kommen jetzt auch die Kleinen an die Reihe,« rief der neue Schultheiß. »Kleinbauern! Ihr habt jeder eine Fuhre Bauholz zu fahren für ein neues Schulhaus, und Ihr Häusler,« wandte er sich an diese, »müßt jeder zwei Tage im Monat daran arbeiten. Denn das gibt’s nicht bei uns,« setzte er hinzu, »daß einer annimmt und nichts dafür tut. Ist die Schule doch für alle Kinder im Dorf ohne Unterschied. Und wer etwas annimmt, ohne etwas dafür wieder zu geben, der leidet an Seele und Leib Schaden; denn er meint, er müsse nur das Maul auftun, und die gebratenen Tauben fliegen ihm dann hinein. Er verlernt das Arbeiten und das Wollen und weiß nicht, daß er sich selbst helfen kann.« »Recht hat er,« schrie der Waldsepp, der sich freute, daß die reichen Bauern nicht alles allein zahlen mußten, sondern daß die andern auch den neuen Herrn im Dorf zu spüren hatten.
»So ist des Kaisers Meinung!« klang es plötzlich. Der Junker im braunen Wams war herzugetreten. Da flogen die Kappen vom Kopf, und die Sensen und Sicheln sanken herunter.
»Werd’s dem Kaiser berichten, wie Ihr Ordnung und Recht im Dorfe geschaffen habt,« sagte er mit fester Stimme. »Eine große Freude wird es dem Herrn gewähren; denn nur wo Recht und Zucht herrscht, kann ein Land gedeihen.« »Herr,« bat der Simmel, »wollt Ihr nicht das Geld für des Kaisers Heer gleich mitnehmen?« »Nein, nein,« wehrte der Junker. »Wenn’s an der Zeit ist, wird es der Kaiser schon holen lassen. Einstweilen verwendet davon für Eure Gemeinde und tut damit, was not ist. Laßt Eure Kinder tüchtig lernen. Erzieht sie zu rechtschaffenen, aufrechten Männern und haltet alles so, daß Ihr vor des Kaisers Kanzler mit Ehren bestehen könnt.«
»So bitten wir Euch, Herr, etwas als Geschenk von uns anzunehmen, als Wegzehrung. Denn wäret Ihr nicht gekommen, so läg unser Dorf noch im Argen, und Ordnung und Zucht hätten nie Einkehr gehalten. Jetzt versprech ich Euch: Anders soll es werden und alle Vierteljahr werd ich dem Kaiser in einer Schrift Kunde geben, wie es bei uns zugeht.«
Damit reckte sich der Simmel hoch und sah herausfordernd um sich, und man konnte zum ersten Male sehen, was für ein hoch gewachsener Mann er eigentlich war, und wie hell seine Augen leuchteten. Denn bis dahin war er immer gebückt gegangen, als drücke ihn seine Niedrigkeit und Armut, und als müßten seine Augen den Erdboden suchen, anstatt in die Sonne zu sehen. Jetzt schaute er die Menge an, als wollte er sagen: »Ich bin Schultheiß, hütet Euch wohl.« Und die Bauern duckten die Köpfe. Der Schweinehirt machte ihnen Sorge. Mit dem war nicht gut anbinden, das merkten sie jetzt und bereuten im Stillen ihre Angst, die sie geheißen hatte, ihn zu wählen. Fiel ihnen aber der Türke und des Kaisers Kanzler ein, dann lief es ihnen kalt über den Rücken. Dann schon lieber den Simmel zum Schulzen.
»Hoher Herr!« bat jetzt der Schultheiß eindringlich. »Weiset unsre Gabe nicht zurück. Ihr habt sie redlich verdient. Wenn Ihr nicht bei uns eingekehrt wäret, hätt’ es in unserm Dorf noch lange bös ausgesehen. Und nicht, weil Ihr des Kaisers Bote seid, sondern weil Ihr ein Herz für alle habt und für das Recht eintretet, wollen wir Euch erkenntlich sein.«
Da nahm der fremde Junker etliche Goldstücke an, bestieg seinen Wagen und fuhr davon. Der Schweinehirte aber blieb Schultheiß und das Dorf gedieh unter seiner Hand.
Die Königswahl
Jetzt will ich aber sehen, seßhaft zu werden, dachte Schlupps. Das ist kein Leben, immer in der Welt herumzufahren und von allen Menschen scheel angesehen zu werden als Müßiggänger und Tagedieb und nichts zu tun zu haben, als seinen Spott mit ihnen zu treiben. Doch was beginnen?
Ein Handwerk ausüben war nicht nach seinem Sinn. Das Schulmeistern noch einmal anzufangen lockte ihn nicht. Als Ritter umher zu ziehen, Bauern und ungerechte Richter züchtigen, hätte ihm am besten gestanden. Schließlich hoffte er auf den Zufall, der immer der Freund der Herumwandernden war und ihn gewiß an die rechte Stelle führen würde. Und sein Glaube sollte nicht trügen. Eines Tages kam er in eine Gegend, die ihm bekannt vorkam und die er seines Wissens noch nie gesehen. Schwarze Fahnen waren in Abständen in den Boden gesteckt. »Was bedeutet das?« fragte Schlupps einen Mann, der langsamen Schrittes die Straße daher kam. »Unser guter König ist tot,« sagte der. »Schon seit Wochen suchen wir einen neuen. Aber schwer ist der zu finden.« – »Hat Euer König denn keinen Sohn?« »Ach nein, Herr, nur eine Tochter. Wer König werden will, muß die freien. Es waren schon genug Prinzen da: schöne und häßliche, reiche und arme, dicke und dünne. Aber keiner konnte König werden, denn er wußte das Wort nicht.«
»Was für ein Wort?« fragte Schlupps erstaunt. »Seht Ihr, Ihr wißt es auch nicht!« rief der Mann. »Da habt Ihr’s, wie sollen es die fremden Prinzen wissen?« Mehr konnte Schlupps nicht aus ihm herausbringen, so viel er auch frug. »Ja, das Königsein, das Königsein,« sagte der Mann. »Ist nicht so einfach, nicht so einfach. Bin froh, daß ich es nicht sein muß, nicht sein muß.« Damit bückte er sich zu seinem Acker nieder und fing an, Erdäpfel auszugraben, so dicke und große, wie Schlupps sie noch nie gesehen. »Mein Nachbar hat noch dickere,« meinte er, als er die verwunderten Blicke des Fremden gewahrte. »Da kommt er. Töffel, weise dem Herrn deine Feldfrüchte,« rief er dem Nachbarn zu. Der grüßte: »Jo, jo, dick. Sehr dick!« »Wieso erreicht Ihr, daß sie so werden?« fragte Schlupps wißbegierig. Der Angeredete lachte blöde. »Wachsen in der Erde.« »Natürlich,« gab Schlupps ärgerlich zur Antwort. »Das seh ich. Was tut Ihr dazu, daß sie so dick werden?« »Weiß nicht. Warte, bis sie dick sind,« war die Antwort.
Schlupps ließ die Beiden stehen und fuhr weiter. An einem Wirtshause machte er Halt, stellte seinen Wagen ein und beschloß, die Gegend zu Fuß zu durchwandern. Überall sah er schwarze Fahnen aufgestellt. Auf sein Befragen erzählte ihm der Wirt, was es mit dem Königswerden auf sich habe.
Jeder, der Herrscher im Lande sein wollte, mußte ein bestimmtes Wort aussprechen, das immer nur der König kannte und auf dem Totenbette seinem Kanzler anvertraute. Der hatte darüber zu wachen, daß der Thronbewerber das richtige Wort sage. Habe bis zum vierzigsten Tage nach dem Tode des Königs niemand das Wort gesprochen, so bleibe das Land ohne König und es gäbe ein furchtbares Unglück. Denn der König müsse nicht nur herrschen, sondern auch die neuen Menschen vom Lebensbaume abschütteln, der im Schloßgarten stände. Sobald im Lande zwei Menschen gestorben sind, geht der König an den Baum, rüttelt ihn und zwei Kinder springen herunter, die gleich genau so aussehen wie die Erwachsenen. Jetzt sei der gute König schon achtunddreißig Tage tot. Die Prinzessin harre des Gemahls, und noch habe sich keiner gefunden, trotzdem viele Prinzen da waren und Worte in allen Sprachen geredet hätten.
Die Sache kam Schlupps sonderbar vor. Er ergriff seinen Wanderstab und frug noch, ehe er weiterschritt: »Wie heißt Euer Land, Herr Wirt?«
»Das Land derer, die nicht alle werden,« war die Antwort.
»Die nicht alle werden,« murmelte Schlupps und wanderte los. An einer Straßenbiegung sah er einen Mann stehen, der hielt mit seinem Rößlein an einem leeren Brunnentrog; aber kein Wasser floß aus dem ausgehöhlten Baumstamm, in dem das Rohr lag. »Was ist hier, guter Freund?« rief Schlupps ihm zu, als er sah, wie das Pferd mit der Zunge gierig im leeren Becken nach Wasser suchte. »Es fließt nicht,« klang es zurück. »Laßt mich sehen; bin eine Art von Brunnenmeister.« Schlupps beugte sich nieder. »Ei, da steckt ja ein Stein im Rohr, müßt den herausmachen.« Der andere schüttelte den Kopf. »Das haben gewiß des Nachbars unnütze Buben getan. Ich zieh ihn nicht heraus.«
»Aber Euer Pferd verdurstet indessen,« sagte der neue Brunnenmeister. »Will es Euch in Ordnung bringen.«
»Nein! Nein,« beharrte der Bauer. »Wer es hineingetan hat, soll es wieder herausziehen.« Das Pferd schnappte und wendete kläglich den Kopf nach seinem Herrn. »Laßt mich Euch helfen, es ist ja nur eine Kleinigkeit,« bat Schlupps eindringlich; denn er hatte Mitleid mit der armen Kreatur.
Der Andere sah ihn mißtrauisch an. »Was kümmert’s Euch?« brummte er. »Ist mein Pferd. Wer es hineingesteckt, soll es herausziehen. Ist Eures Amtes nicht.«
Er hielt die Hand fest auf die Mündung des Rohres gepreßt. Plötzlich wankte das Pferd, schlug um, streckte alle Viere steif von sich und lag steif und tot da.
»Ist meinem Nachbar recht geschehen. Sein Pferd wird auch so verdursten, wenn es an die Tränke kommt.« Damit zog der Bauer dem Vieh das Fell ab, warf es über die Schulter und wanderte langsam und gemütlich heim.
Schlupps sah ihm erstaunt nach. »Scheinen eigentümliche Leute hier zu Lande,« murmelte er und wanderte weiter. Er bog in eine Dorfgasse, da standen Maurer und bauten an einem Haus. Wenn sie einen Stein hergetragen hatten, stellten sie sich im Kreise auf, befühlten ihn, schoben ihn hin und her und putzten sich dann die Hände an der Schürze ab. Dann tauschten sie ihre Meinung darüber aus, wie der Stein den andern so ähnlich sehe, und endlich hoben sie ihn mit vieler Mühe und lautem Seufzen hoch und verschmierten die Fugen mit Lehm. Darauf ließen sie die Flasche kreisen und lobten einander für ihr fleißiges Tun. »Habt viel Zeit, Kameraden!« rief Schlupps. »Meint Ihr, Herr?« entgegnete der älteste Maurer. »Irrt Euch sehr. Bis heute sollte das Haus fertig sein. Seht nur wie wir vor Mühsalen schwitzen.« »Bis heute?« wunderte Schlupps sich. »Ist ja noch nicht das Kellergeschoß fertig.« »Seht Ihr, der Mann versteht’s,« rief der Maurer. »Habe ich nicht gleich gesagt, wir werden bis heute nicht fertig. Der Herr ist wohl auch Maurer?«
»Freilich, Baumeister bin ich. Hab’ schon manches Schloß hoch über den Wolken in den Lüften erbaut, dem kein Neider und kein Feind etwas anhaben konnte.«
»So, so, Baumeister ist der Herr. Ja, ja. Ei, ei, hätt’ ich nicht gedacht. Also Baumeister ist der Herr. Wirklich?« »Ich meine, wir hören auf,« sagte der Alte bedächtig, »fertig werden wir doch nicht. Da ist es gleich, ob wir jetzt ein Ende machen oder des Abends. Was meint Ihr?« Seine Gefährten stimmten ihm zu und legten die Schürze ab. Schlupps aber, den ihre Langsamkeit und Trägheit verdroß, sagte ernsthaft:
»Recht so, Gevatter. Es geht jetzt in eins hin, und der Neue wird Euch doch mit des Seilers Tochter verheiraten, so oder so.«
Die Handwerker stutzten und sahen den fremden Mann scheu von der Seite an.
»Ist denn schon ein neuer König da?« fragten sie angstvoll.
»Das wißt Ihr nicht?« staunte Schlupps. »Ei, das pfeifen ja die Spatzen vom Dache, wie das Wort gelautet hat, ›Arbeite, arbeite,‹ hat der Neue gesagt. Jetzt schickt er im Lande herum, und wenn er Leute trifft, die Maulaffen feil halten und die liebe Tageszeit vergeuden, als wäre sie eitel Luft, dann fackelt er nicht, und die hier zu viel still gestanden haben, dürfen in der frischen Luft am Galgen herumtanzen.«
»Wir arbeiten! Wir arbeiten!« schrien die Maurer, ergriffen Hammer und Kelle und schafften darauf los, daß die Mauern emporschossen.
Und als Schlupps im Weiterwandern sich noch einmal umschaute, erblickte er das Haus hoch über den Boden emporragend, und lachend zog er fort.
Immer weiter durchzog Schlupps das Land und wunderte sich über die Menschen, die darin lebten; denn hatte er schon der Torheiten viele angesehen, so dünkte ihm doch, daß hier die Narren üppiger gediehen denn anderswo, und einer den andern an Narrheit übertraf. Als er am zweiten Tage die Hauptstadt betrat, fand er auch dort alle Straßen und Häuser zum Zeichen der Trauer mit schwarzem Tuch bedeckt. Auf seine Fragen nach einer Herberge erhielt er nirgends Antwort. Die Leute liefen aufgeregt durcheinander, denn heute war der letzte Tag der Wahl und war bis dahin kein König gefunden, dann stand ihnen großes Unglück bevor. Einer flüsterte dem andern zu, daß wieder fremde Prinzen angekommen seien. Die Hoffnung auf einen Herrscher war ihnen noch nicht geschwunden.
Schlupps sah um sich, ob er denn keinen fände, der ihm Auskunft geben könne; da sah er durch ein niedrig gelegenes Fenster in ein Gemach, darin ein Mann saß. Der hatte einen mächtigen Federkiel hinter dem Ohr und einen Haufen Papier vor sich.
Er ging in das Haus und öffnete, da auf sein Klopfen niemand antwortete, die Zimmertür. »Verzeiht, Herr,« sagte er höflich, »wollte Euch bitten, einem Fremden den Weg zu einer Herberge zu weisen.«
»Habe keine Zeit,« gab der Mann zurück. »Seht Ihr nicht, daß ich die Papiere zu ordnen habe?« Damit holte er aus der Ecke einen Stoß Bogen, legte sie auf einen Haufen, sah sorgsam nach, daß nicht eine Ecke über die andere hinausragte, betrachtete den Haufen bedächtig von allen Seiten, nahm ihn dann wieder auseinander und schichtete ihn in einer anderen Ecke wieder auf.
Schlupps kam das Bemühen des Mannes gar sonderbar vor, so daß er sich einer Frage nicht enthalten konnte. »Was sind das für Papiere, guter Freund?« sprach er freundlich. »Weiß nicht,« war die mürrische Antwort. »Die sollte unser König haben. Ist aber gestorben und hat sie nicht mehr zu Händen bekommen; muß sie jetzt immer säuberlich glätten und falten; denn ich bin des Königs Bogenleger.«
»Aber wenn Ihr doch keinen König habt, nützt Euer Tun einstweilen nichts.« »Kümmert mich nicht,« antwortete der Schreiber. »Habe zu besorgen, was mir aufgetragen wird. Wenn ich fertig bin, fange ich wieder von vorne an. Sie haben mir gesagt, daß ich das Papier glatt hinlegen solle.«
Neugierig ergriff Schlupps einige Blätter, schlug sie auf und sah mit Staunen, daß sie leer waren. »Aber es steht ja nichts darin,« rief er und blätterte weiter.
»So, so, nichts darin?« sagte der Schreiber trocken. »Ei freilich, überzeugt Euch selbst. Solltet sie wohl nur dem König zu Händen legen, wenn er schreiben will.« »Weiß ich nicht,« murmelte der Andere, ergriff schnell die Blätter, die Schlupps auseinander gerissen hatte und suchte sie zu glätten.
»Wie heißt Ihr, Fremder?« forschte er. »Nennt mich der Neue,« sagte Schlupps. »Wißt, Neuer,« knurrte der Bogenleger, »Ihr gefallt mir nicht. Seid fürwitzig und ein unbequemer Geselle. Wäre besser, Ihr ließet mich ungestört bei meiner Arbeit. Geht lieber vor das Schloß, wo heute Königswahl ist und seht zu, ob wir einen Prinzen bekommen. Zeit wär’s.«
Schlupps verließ ihn und schloß sich der Menschenmenge an, die auf dem weiten Platz vor dem Schlosse flutete. Dicht gedrängt standen sie; aber kein unfreundliches Wort war zu hören, wenn auch manchmal das Gedränge arg war. Stumm harrten sie, und was Schlupps am meisten verwunderte, war, daß alle einander so ähnlich sahen, wie ein Ei dem andern, und man meinte, immer dasselbe Gesicht in einem tausendfältigen Spiegel zu sehen.
Jetzt ertönten Trompetenstöße. Aus dem Schlosse kam ein Zug stattlicher Ritter und Frauen geschritten. Sie scharten sich um den Thron, zu dem der Kanzler die Prinzessin feierlich geleitete. Die Königstochter hielt die Augen gesenkt; als sie aber einmal den Blick hob, bemerkte Schlupps, daß die Wunderschöne teilnahmslos und gleichgiltig in die Ferne sah, als habe sie keine Wahrnehmung von dem, was um sie geschehe.
»Prinzessin,« fragte der Kanzler laut, »seid Ihr gewillt, den zum Gatten zu nehmen, der das rechte Wort findet, wer es auch sei?« Sie neigte zustimmend das Haupt. »Ich tue, wie es Brauch ist,« sagte sie mit gleichmütiger Stimme. Dann stieg sie die Stufen des Thrones hinauf, setzte sich nieder und schaute träumenden Blickes auf die Volksmenge. Der Herold stieß in das Horn.
Hervor trat der erste Prinz. Es war ein dürres Männchen; die spärlichen Haare bedeckte eine hohe Mütze, an der bunte Bänder herunter hingen. Sein Kleid prangte in bunten Farben und seine spitzen Hackenschuhe erregten das Verwundern der Mädchen und Frauen. Er legte die rechte Hand auf die Brust, verneigte sich vor der Prinzessin, nickte grüßend zu dem Volke hinüber und sagte mit krähender Stimme: »Herr Kanzler! Ich bin ein Königssohn. So habe ich meinen Ministern Auftrag gegeben, das Wort für mich zu finden. So viel sie nachdachten, sie konnten es nicht ergründen. Da gab mir mein Hofnarr vor der Fahrt einen Zettel und riet mir, ihn erst hier, wenn ich vor der liebwerten Prinzessin stehe, zu öffnen. So gestattet, daß ich Euch das Wort künde.« Er faltete das Blättchen auseinander und las mit stockender Stimme:
Der Kanzler schüttelte das Haupt: »Es tut mir leid, Prinz. Doch das ist nicht das Rechte.«
Der Königssohn wurde blaß, drehte sich um und verließ eiligen Schrittes den Platz.
An seine Stelle trat ein hochgewachsener Mann, der Königssohn von Südland. Er neigte leicht das Haupt vor der Prinzessin, warf keinen Blick auf die Menge und sagte kurz und mit harter Stimme:
»Falsch, Herr Prinz!« rief der Kanzler, froh, den Hochmütigen nicht zum König krönen zu müssen. Wütend riß der das Schwert aus der Scheide und wollte sich auf den Kanzler stürzen, doch rasch hatten die Wachen sich seiner bemächtigt und führten ihn ab.
Jetzt trat der Dritte hinzu. Mit süßem Lächeln grüßte er die Prinzessin, die entsetzt auf ihn blickte, denn sein faltiges, gelbes Gesicht trug einen listigen, unheimlichen Ausdruck. Er drehte sich zu dem Volke, breitete die Arme aus, als wolle er es segnen und reichte dann dem Kanzler die Hand. »Wohl dem Lande, das einen solchen Wächter hat,« rief er. »Ihr seid der Mann, den ich mir zur Seite wünsche. Mit Euch gemeinsam wollte ich das Land regieren, daß es eine Lust ist. Das Wort, das Ihr sucht, ich habe es gefunden, und Ihr, Herr Kanzler, werdet mir bestätigen, daß es das Rechte ist. Reicht mir zum Zeichen Eurer Freundschaft die Rechte und vernehmt die Worte! Sie heißen:
Wiederum schüttelte der Kanzler den Kopf. Mit leisen Schritten glitt der Bewerber fort, ballte heimlich die Faust und warf einen giftigen Blick zu dem Throne hinüber. Der Kanzler seufzte auf und sprach mit müder Stimme: »Liebes Volk! Heute ist der letzte Tag der Königswahl. Schon neigt sich die Sonne dem Untergang zu, und kein König hat sich gefunden. Fürder werden wir nicht mehr heißen: das Volk derer, die nicht alle werden. Zu Ende geht es mit uns, und keiner ist da, der dem Unglück steuert. Kommt, Prinzessin, daß ich Euch in das Schloß geleite!«
»Halt! Halt!« klang eine helle Stimme über den Platz. Schlupps hatte sich durch die Menge gedrängt und stand neben dem Thron: »Laßt auch mich versuchen, ob ich das Wort finde.«
Aller Augen richteten sich auf den Mann, der furchtlos, den Kopf zurückgeworfen, mit freundlichem Gesicht um sich schaute. Die Prinzessin, die mit starren Augen vor sich hingesehen hatte, heftete erstaunt den Blick auf ihn, lächelte zum ersten Male, und Schlupps sah, wie holdselig und schön sie war.
»Laßt mich Euch erzählen von meinen Fahrten und Irrgängen, damit Ihr wißt, wer der Mann ist, der bei Euch das Königsein begehrt,« rief er, zum Volke gewendet. Im Stillen aber hoffte er, daß der Zufall, der ihm immer ein guter Freund gewesen, ihm helfen würde, die Prinzessin zu gewinnen, die er beim Sehen gleich in sein Herz geschlossen hatte.
Und Schlupps begann zu erzählen. Alles Volk hing gespannt an seinen Lippen. Wie anders klang seine Rede, als das, was die Prinzen vorher gesprochen. Wie fremd und doch wie bekannt, wie hoch und doch wie verständlich. Sie hätten ihm immerwährend lauschen mögen. Was hatte er alles erlebt und gesehen! Wie kannte er die Menschen in Hütte und Schloß; wie hatte er sie belauscht bei der Arbeit und bei Lustbarkeiten.
Des Kanzlers Herz pochte. So hatte er sich den neuen König erträumt; aber noch kam das erlösende Wort nicht, und der Sonnenball stand glühend rot im Westen. Noch einige Minuten – und der Tag war vorüber – der Königsthron leer. Kaum hörte er, was der Fremde sprach. Sein Blick flog angstvoll zum Himmel, wo das Gewölk rosig zu erglühen begann. Seine Hände falteten sich und er flüsterte leise eine Bitte um ein Wunder.
Nur schwer vermochte er zu hören, wie Schlupps jetzt erzählte von den Maurern, die er getroffen, und wie vieles hierzulande anders werden müsse. Fast drohend richtete er sich auf und rief: »Ändern müßt Ihr Euch! Ändern!« »Ich denke – – –« Da schrie der Kanzler laut auf: »Das Wort! das Wort!« Er stürzte vor, ergriff Schlupps’ Hand und bat: »O, sprecht es noch einmal, Herr!«
»Ich denke!« wiederholte Schlupps laut, und das Volk brach in Jubelrufe aus und sprach die seltsamen Laute nach, die es noch nie gehört hatte, wie träumend, nicht wissend, was sie sagen sollten.
Schlupps wandte sich zu der Prinzessin, die ohnmächtig hingesunken war. Er neigte sich hernieder und küßte sie auf die Stirn.
Da schlug die Königstochter die Augen auf, sah ihn mit klaren Blicken an und sagte mit lauter, fester Stimme: »Dich will ich!« Das Volk aber schrie und tobte und wußte sich vor Freude nicht zu fassen. »Die Probe! die Probe!« drängten sie.
»Nur noch eine Prüfung steht Euch bevor, hoher Herr!« sagte der Kanzler. »Draußen im Schloßhof steht ein Lebensbaum. Versucht es, ob auf Euer Schütteln Menschen herabfallen!«
Feierlich geleitete er Schlupps zu dem Baume. »Faßt kräftig seinen Stamm,« riet er dem Fremden zu. Der lächelte, griff mit der Rechten in das Gezweig, schüttelte die Krone und herab sprangen zwei Kinder: ein Knabe und ein Mädchen. Doch, o Wunder! sie sahen nicht aus wie jene, die bisher heruntergefallen waren, sondern sie glichen auf ein Haar dem neuen König und der Prinzessin, und als sie jetzt an der Hand des Kanzlers heraustraten, um dem Volke gezeigt zu werden, da staunte dieses, mit wie klugen Blicken die Kleinen um sich sahen, und wie zierlich und anmutvoll sie sich bewegten. Feierlich traten Pagen hervor; auf sammtnem Kissen trugen sie eine Krone herbei. Die Prinzessin ergriff sie, um sie Schlupps auf das Haupt zu setzen. Doch zögernd wich der zurück. Sein Blick fiel auf die Menge, deren Blicke erwartungsvoll an ihm hingen. Die Krone dünkte ihm eine goldene Kette, die ihn an den Boden schließen wollte. Noch einmal tauchte in seiner Seele die Sehnsucht nach dem freien Umherziehen, dem Wandern von Ort zu Ort auf, und gern hätte er die neue Würde dahingegeben, um als fahrender Geselle sich herumtaumeln zu dürfen.
Die Prinzessin nickte ihm lächelnd zu. Sie verstand, was in ihm vorging. »Ich halte dich fest,« sagte sie ruhig. »Ich will!« Da erfaßte Schlupps mit der Linken ihre Hand, mit der Rechten drückte er den Reif auf sein Haupt und rief:
»So ergreife ich Besitz von Eurem Throne. Und meine erste Tat sei, Euch umzunennen. Nicht mehr sollt Ihr heißen ›Die nicht alle werden,‹ sondern: ›Die, so da kommen!‹«
So wurde er König und regiert noch bis zum heutigen Tage. Wollt Ihr wissen, wo? Ei, das verrät keiner! –
Ende
Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf Grundlage der bei Englert und Schlosser erschienenen Ausgabe erstellt. Grundsätzlich wurde die Originalschreibweise beibehalten. Einige offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Die Verwendung von Anführungszeichen wurde zur Verbesserung der Lesbarkeit vereinheitlicht. Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt.
Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the Englert und Schlosser edition. Generally the original spelling has been maintained. Some obvious printer’s errors have been corrected. Quotation has been unified for increased readability. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by Ä, Ö, Ü.