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Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente cover

Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente

Chapter 37: Ein Prolog. 1796.
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About This Book

A mixed-volume of fairy tales, dramatic poems, and fragments framed by prologues and direct addresses invites readers into a nostalgic, medieval-inflected imagination. One long narrative unfolds in a series of old-Frankish scenes that move from courtly splendor to violent rupture, exile, prolonged warfare, secret births, and eventual reconciliation. Other pieces reinterpret mythic and folkloric material, present lyrical dramatic sketches, and excerpt medieval heroic verse. Throughout, the writing privileges memory and childhood reverie, contrasts romantic chivalry with uncanny or supernatural motifs, and reflects on art, poetic creation, and the reconstruction of older narrative forms.

Mein schönes Fräulein, mein theure Freundin,

Sogleich eilt Albrecht her in Eure Arme,

Drum zürnet nicht, vergönnt ihm noch Erholung.

Hedwig.

O Gott! wie hab’ ich diesen Augenblick gewünscht, —

Seht nur, ich kam fast ungeschmückt, mir war

Jedweder Augenblick, der unsre Trennung

Vermehrte, wie ein Tod, — und nun, — er liebt mich nicht,

Er hat mich wohl vergessen. —

Ulrich.

Keine Thränen

Geliebtes Kind, macht nicht die schönen Augen

Mit Weinen roth, — er wird sogleich sich finden,

Ihm war nicht wohl, nun sitzt im Hof er drunten

Im Schatten jener Linde, schaut sich um,

Erinnert sich der alten guten Zeit

Und sammelt sein Gemüth.

Hedwig.

So laßt uns ihm

Entgegen eilen, daß ich dort ihn frage,

Daß ich ihm nur in seine Augen schaue,

Dann ist ja alles gut.

Ulrich.

Hier kommt er selbst.

Er geht ab. Albrecht tritt ein und sinkt stumm in die Arme der Hedwig. Pause.

Hedwig.

Du weinst?

Albrecht.

O laß mich, laß mich, Süße, Dir

Zu Füßen hin in Thränen, Seufzern rinnen,

Es bricht mein Herz, — o zu gewaltsam, — Gott! —

Hedwig.

Wie ist Dir?

Albrecht.

Gut und wohl; — da sind wir wieder,

Stehn wieder auf der alten Stelle! sieh doch

Die alten Sessel da, — die Bank im Fenster,

Von wo wir oft das Thal hinab geschaut, —

Ha! noch der Einschnitt auf dem runden Tische,

Die eingeschlungnen Namen Hedwig, Albrecht, —

Gewiß, mein Herz, ich weiß nicht was ich sage, —

Mir geht das Zimmer rund, — auch Du weinst, Hedwig?

Hedwig.

Ach, alles ist noch so, und Du, mein Albrecht, —

Ach lieber Gott, was soll der Mensch doch wünschen —

Ja, dieser Augenblick, er stand seit Jahren

Verklärt vor meiner Seele wie ein Himmel,

Da fliegst Du wie ein Engel her vom Himmel,

Nahmst mich in Deinen Arm, in mir der Himmel —

Und nun, — wie dunkle Schwermuth, Angst und Furcht,

Welch Todesbangen zuckt durch meine Seele —

Ah, sieh, da hast Du noch den lieben Ring

An deinem Finger, hier die kleine goldne Kette,

Die ich an jenem Abend Dir geschenkt,

Als Du einmal so traurig warst, so fremd, —

Ha! weißt Du noch? — Ach, liebster, liebster Albrecht!

Kennst Du mich denn, liebst Du mich denn, wie sonst?

Albrecht.

So senk’ Dich denn mit aller Zärtlichkeit

In dieses kranke Herz, so blühe denn

In allen tiefen Schmerzen in mir auf,

Du Liebste, Einz’ge, — lange war ich weg,

Nun bin ich da, nun wollen wir nicht weinen.

Hat denn Dein Mund das Küssen nicht verlernt?

Wie diese Thrän’ aufgeht im hellen Auge

Mit Lächeln ringend, glänzend schwillt, und hängt

Wie ein Demant, nun fällt, nun fällt sie nieder,

Entrinnt dem Käfig dieser schönen Wimper,

Und so im Kuß verlösch ich Deinen Seufzer

Der ihr will folgen, wie ein Vögelein

Das andre sucht in freier Luft.

Hedwig.

Mein Albrecht!

Albrecht.

Wer kennt der Sehnenden

Thränenden

Freudvollen Schmerz?

Ein bangender Scherz

Spielt Freiheit ringend,

In Seufzern klingend

Durch’s bebende Herz.

Ich kann mich nicht fassen,

Mich dünket verlassen,

Verstoßen zu sein;

Nur Lieb’ hat empfunden,

Wie innig verbunden

Die Wonnen und Wunden

Im sel’gen Verein.

Hedwig.

Das war Dein erstes Lied, das Du mir sangst.

Ulrich tritt ein mit dem Kaplan Johannes.

Ulrich.

Der Herr Kaplan sucht Euch im ganzen Hause.

Johannes.

Da seid ihr wieder, lieber gnäd’ger Herr!

Der alte Graf wird auch sogleich erscheinen,

Euch Willkomm sagen; Euch ist ja bekannt,

Wie ernst und finster, und wie menschenscheu

Er immer der Gesellschaft sich entzieht,

Und diese Schwermuth hat noch zugenommen,

Und ganz vorzüglich jetzt seit wen’gen Tagen. —

Doch wie ist Euch? Mich dünkt, Ihr seid verändert,

Ihr glüht, Euch ist doch wohl?

Albrecht.

Ich bin gesund.

Du alter theurer Pfleger meiner Jugend,

Doch diese Hitze, — ja der Tag ist heiß, —

Wo ist denn Wolf? Lebt noch der alte Knecht?

Johannes.

Wolf! Wolf! Euch ruft der gnäd’ge Junker Albrecht.

Wolf kommt.

Albrecht.

Mir ist so heiß, bring’ schnell etwas zur Labung.

Wolf geht.

Johannes.

Da kommt der Graf.

Graf Erhard tritt ein.

Erhard.

Laßt Euch umarmen, seid mir hoch begrüßt.

Albrecht.

Mein theurer Vater, nehmt mich gern zum Sohn.

Wolf kommt zurück.

Wolf.

Hier Wasser aus dem kühlen Felsenbronn.

Albrecht

setzt an, wirft den Becher weg.

Nein, Wasser kühlt nicht diesen heißen Durst,

Gieb Wein mir, goldnen, glutherfüllten Wein,

Mich schaut aus dem krystallnen kalten Naß

Ein wildes Auge an mit Feuerblick.

Wolf.

Wie Ihr befehlt.

Johannes.

Ein Fieber plagt Euch, Ritter.

Erhard.

Die wilde Jugend, wie wir alle waren.

Trompeten.

Wolf.

Da hält der Zug des Herzogs vor der Burg.

Erhard.

Kommt ihm entgegen, unserm gnäd’gen Herrn.

Alle gehn ab.

Ulrich,

der zurück geblieben ist.

Sie ist es. Wie das bange Herz mir klopft.

Sie steigt vom Pferde, nickt mit liebem Gruß

Den Freunden zu; die hohen Federn schwanken

Vom Huth ihr nieder über goldne Locken,

Den edlen Leib deckt herrliches Gewand,

Weit nach folgt dienend ihres Kleides Saum

In Lieb’ um ihren schönen Fuß zu wallen.

Was zögr’ ich noch? Ich geh’ ihr rasch entgegen,

Und wenn ein sanfter Blick mich dann bemerkt

Und freundlich unterscheidet, bin ich selig.

Geht ab.

Hedwig und Albrecht kommen zurück.

Hedwig.

Ja, nun kenn’ ich Dich wieder, nun erst bist Du

Der alte, ja, das sind die treuen Augen,

Das stille Lächeln um den kind’schen Mund:

So lieb’ ich Dich, so solltest Du mir bleiben,

Nicht klug, nicht fremd, — nicht — ach, ich schwatze so,

Nun hab’ ich zu Dir so wie sonst Vertraun, —

Nicht wie Du warst solltest Du jemals sein.

Albrecht.

Nur wie ein Fieber hat es mich befallen,

Und so verlassen. Liebes, holdes Mägdlein,

Dein bin ich doch in jeglichem Gedanken,

Ja jeder Puls in mir klingt Dir nur Liebe.

Wie war ich so verlassen ohne Dich,

Wie ist mir wohl, wenn ich Dein Auge sehe.

Hedwig.

Der Vater ist seitdem recht schlimm geworden.

Albrecht.

Es ist die alte Krankheit, die ihn drückt,

Er meint es immer gut mit Dir und mir.

Doch müssen wir nicht zur Gesellschaft wieder?

Hedwig.

Ich schäme mich vor dieser hohen Frau,

Der Herzogin, sie ist so schön, so groß,

Sie sieht so mächtig drein und so verständig,

Ich werde roth, wenn ich mit ihr muß sprechen.

Ja, Albrecht, schon vorher fiel es mir ein,

So eine solltest Du zur Frau Dir nehmen,

Ich armes Kind bin Dir nicht schön genug.

Albrecht.

Du liebes Herz, mit Dir nur bin ich glücklich,

Denn Deines Wesens holde Lieblichkeit

Ist mehr als jener Herrlichkeit und Pracht.

Herzbold kommt mit dem Kinde.

Herzbold.

Nur herein, nur herein hier, Du kleines Unkraut, hier ist die Herrschaft. Gott grüß Euch, gnädiger Herr, und meine schöne, junge, schmucke Gräfin; hier bring’ ich Euch das Neuste vom Jahr, das ich draußen im Walde, wie eine Erdbeere, aufgelesen habe.

Hedwig.

Was will das Kind?

Herzbold.

Bei Euch bleiben, vor der Hand Euer eigen werden. Es ist eine arme verlassene Waise aus dem Gebirge.

Hedwig.

Komm zu mir, kleines Mädchen.

Kind.

Willst Du mich hegen,

Mütterlich pflegen,

Wird meinetwegen

Des Himmels Segen

Dir allerwegen

An’s Herz sich legen.

Hedwig.

Ein hübscher Spruch. — Sieh, mein Albrecht, wie schön, wie klug, — ich nehme sie an, als mir vom Himmel gegeben.

Kind.

Ach Du liebes Fräulein! Du bist so schön, und dabei auch so gut.

Albrecht.

Wie heißest Du?

Kind.

Sie nannten mich Adelfriede.

Hedwig.

Herzbold, führe die Kleine in meine Kammer. — Komm, mein Albrecht, in den Saal zu dem Herzog, der Vater schmählt sonst. Beide ab.

Herzbold.

Siehst Du, kleine böse Sieben, nun hast Du Dein Glück gemacht, wenn Du hübsch artig und folgsam bist.

Kind.

Sorge Du nur für Dich selbst. Sie gehn ab.

Graf Erhard tritt ein.

Zu eng ist mir mein Haus; die stummen Wände

Stehn mir wie Schwätzer da. — Du dunkles Nest,

So muß aus dir ein Sammelplatz von Thoren

Auf deine alten Tage werden, Lachen

Und Neckerei, Gesang in dir sich tummeln?

Und diese Fremden! Möcht’ ich doch, — he Wolf!

Wolf kommt.

Erhard.

Sind sind im Saale?

Wolf.

Ja.

Erhard.

Nun, ich muß hin.

Nur diese sieben Tage, dann begrüß’ ich

Die alte liebe Einsamkeit von neuem.

Ab.

Wolf.

Der alte Griesgram ist doch nie zufrieden. —

Bin ich’s denn aber? Nein, die Knechtschaft hier,

Das sauertöpfsche Leben, all der Zeter,

Muß bald in helle Lust ausschlagen, ja,

Ich halt’s nicht aus; dann will ich jubeln, schrein,

Die alte Haut vor Lust und Wonne schütteln.

Geht ab.

Prolog zur Magelone.
1803.

Die Nacht.

Absteigen muß ich jetzt von meinem Thron,

Des heil’gen Lichtes Ankunft ahnd’ ich schon,

Die goldne Heerde merkt die Abschiedsstunde

Und kehret heim vom dunkeln Thalesgrunde;

Die Schatten zittern, die mein Leben fühlen,

Die Morgenröthe will mit Wolken spielen,

All’ meine Kinder wollen mich verlassen,

Hülflos, erschreckt, weiß ich mich nicht zu fassen;

Verfolgt, durchbohrt vom scharfen Strahl, dem glühenden,

Sink’ ich betäubt und stürze mit den fliehenden.

Die Träume.

Mutter! Die Kinder, die schwebenden,

In Aengsten erbebenden

Nimm sie mit dir! —

Weh! wohin fliehen? —

Was uns deckte, wiegte, bewehrte, entziehen

Die glühenden, blühenden Lichter uns hier.

So enteilt, so flieht zu den dunkelsten Gestaden,

Die unterird’schen Brunnen zu trinken, zu baden

Im Geriesel tiefer Quellen — — wohin entrückt sind wir? —

Die Wolken.

Uns kommt in süßen Grüßen ein stilles Leben,

Wir wachen und fließen in Küssen zusammen,

Da schießen liebende Flammen

Und zieh’n uns fort, dem heil’gen Strahl uns hinzugeben.

Der Jüngling erwacht.

Ich war gefangen! Wer hat mich befreiet

Und aufgelöst des Hauptes düstre Binde?

Mein Geist, mein Muth war mit sich selbst entzweiet,

Angst, Trübsal, Furcht nahmen zu ihrem Kinde

Das bange Herz, zu fremder Noth geweihet;

Es floh das wüste Heer im Morgenwinde,

Ein Hauch hat Traum und dunkle Nacht verzehret,

Und mein Gemüth im Morgenlicht verkläret.

Die Sonne.

Ich will zu meinem hohen Thron aufsteigen:

Morgenroth, Diener, leg’ die güldnen Decken,

Zum Fußtritt durch die lichtazurnen Strecken,

Ruf durch den weiten Raum ein heil’ges Schweigen:

Schön will ich mich den Unterthanen zeigen,

Wald, Berg, Thal, Fluß mit meinem Glanz bedecken,

Das Luftgefieder schnell zum Gruß erwecken,

Der Pracht soll Niedres sich und Hohes neigen.

Die Vögel singen, Wasser rauschen, hallen

Gebirg’ und Wald, mein Auge dringt zum Dunkeln;

Geblendet, trunken, kommt mir Dank von allen:

Ein kühler Thau soll ihre Inbrunst lindern;

Wie Wald, Strom, Thal und Berg von Pracht erfunkeln,

Blüht doch mein Bild nur in den Blumenkindern!

Die Wasser.

Wie grün neigt sich das Gras in unsre Wellen,

Wie lieblich schaut die Blum’ in unsre Fluth,

Vom Himmel will sich Duft zu uns gesellen,

Glanz dringt und Luft in unser kühles Blut,

Wir fühlen in uns Lieb’ und Leben quellen;

O wie uns wohl der blaue Himmel thut!

Wir gehn wie Gedanken, wie süßes Gefühl, die enteilenden;

Uns drängen die Schwestern vorüber den Ufern, den weilenden.

Denn ach! Du Ufergrün, du Blumenroth, du Scheinen

Vom lieben Licht, das grüßend uns umfängt,

Ihr möchtet euch so gern mit uns vereinen,

Wie ihr euch tief in unser Auge drängt,

Ihr spiegelt euch in Thränen, die wir weinen,

Hört Schluchzen, das sich in die Rede mengt;

Nur Bildniß, Erinnrung, in lieben Gedanken, sehnsüchtigen,

Begleitet uns still, die vertriebenen Wandrer, die flüchtigen.

Die Blumen.

Wer je mit Wollust schaute

In seinem goldnen Strahl

Den hohen Himmelssaal,

Und seinem Licht vertraute;

Wer in der tiefen Nacht

Die goldnen Lichter fühlte,

Mit Augen sehnend zielte

Nach ihrer Liebes-Macht;

Gern Mond und Sonne dann,

Die Stern’ all im Gemüth

Verklärt als Liebe sieht:

Der schau’ uns Blumen an.

Wir sind nicht hoch, nicht ferne,

Tief, wie ein liebend Herz,

Sich regt ein heitrer Schmerz

Beim Anblick unsrer Sterne.

Der Wald.

Als der Frühling gekommen,

Die Erde die Wärme empfunden,

Die Luft durch Strahlen geläutert,

Ist des Himmels Dunkel erheitert,

Das Eis von den Wassern entschwunden,

Sind grüne Pflanzen entglommen:

Da haben meine Kinder

Sich wiederum besonnen,

Und ihren Schmuck nicht minder

Wie Blumen rings gewonnen;

Es sprangen tausend Bronnen

Mit grünen Strahlen empor,

Da wuchsen die dunkeln Schatten,

Die kühle liebliche Nacht

Aus dürren Zweigen hervor,

Da schwebten über den Matten

Die Dämm’rung, die Düfte, die Klänge,

Die grünenden Betten der Liebesgesänge;

Sie hat der Frühling in rauschender Pracht,

Ein tönend Gezelt,

Mit lieber Hand wieder aufgestellt.

Der Jüngling.

O Wald, was sagst du, welch ein süßes Blicken

Von Blumen will mein Leben in sich ziehen?

Wasser, steht still, mir dünkt, es will entfliehen

Ein Wort in eurem Strom, mich zu beglücken.

Sonne, du willst mir Licht hernieder schicken,

Die Farben, die in Blumen sterbend blühen,

Glanz, der im Grün erlöschend nur kann glühen, —

Wozu Gesang, Strom, Licht und Blumenpflücken?

Wie tiefe Nächte dehnt es sich im Innern,

Wie Morgenroth will es die Nacht verschlingen,

Wie milder Abend fließen müde Scheine.

Uneinig trennt sich alles im Vereine:

Wie alle Kräfte zur Besinnung ringen

Kann ich nicht, was ich bin, mich selbst erinnern.

Die Sonne.

Empor zum reinen Himmelslicht, dem blauen,

Sieh’ auf und fühl’ in dir des Segens Fülle,

Durch dunkle Nacht blitz’ auf ein kühner Wille,

Dann wirst des Herzens Reichthum du vertrauen!

Die Wasser.

Dann senken sich durch die verklärten Auen

Die milden Wogen, fließen durch die Stille;

Ahndend, was kühl in deinem Geiste quille,

Wirst du dich süß im klaren Spiegel schauen.

Die Blumen.

Dann regt ein süßer Trieb sich liebetrunken,

Wasser und Licht sie wollen sich begatten,

Es spielen vor dir Farb’ und Freude schwebend.

Der Wald.

Angst, Zweifel, Furcht ist in die Nacht versunken,

Friede, Vertrauen wächst auf in dichten Schatten,

Süßer Gesang erfrischt das Laub froh bebend.

Der Jüngling.

Vernehm’ ich nicht die allgewalt’gen Schwingen,

Die der Natur erhabner Geist bewegt,

Und wie er Berg, Wald, Luft und Ströme schlägt,

Die Harf’ im dunkeln Heiligthum erklingen?

Aus Wollustdämmrung will ein Bild sich ringen,

Das in der tiefsten Brust mein Geist gehegt,

Und wie es Haupt und Glieder wachsend regt,

Muß es in Schmerz und Lust zum Tag hindringen.

Die Jungfrau tritt aus dem Walde.

Sie nah’t, von der die Blumen mir gesprochen,

In der des Lichtes Lieblichkeit erglänzt,

Aus deren Aug’ ein selig Dunkel blickt:

Nun ist mein Herz als Frühling aufgebrochen,

Und jeder Sinn ist dicht mit Wonn’ umkränzt,

Mein bist du, Himmel! denn ich bin entzückt.

Die Jungfrau.

Und Thränen, Liebster, wollen dich begrüßen,

Denn dieses Glück, das seine ros’ge Hand

Holdlächelnd beut, das leuchtend blickt mit süßem

Erröthen, ach! ist es wohl hergesandt

Mit Schmerz und Leid die flücht’ge Lust zu büßen,

Ist dieser Gruß zum Scheiden schon gewandt?

Vielleicht verharrt der Gast, sieht er die Demuth

Und wie Entzücken sich verklärt in Wehmuth.

Beide.

O heilige Thränen,

O süßer Schmerz!

Es bricht das Herz

In Glück und Lust,

Doch fühlt die Brust

Ein stilles Kranken,

Ein zitternd Sehnen,

Sich hin zu senken

In ew’ges Licht,

Das nicht Gedanken,

Entzücken nicht

Und Schmerzen denken.

Ein Prolog.
1796.

Scapin
als Vorredner an den Leser.

Scapin.

Willkommen! und verzeiht, daß ich Euch ennuyire,

Mich als ein Prologus im Prologus prostituire:

— Wie Scapin? — und du wagst es, ohn’ Erröthen,

Als Vorredner der Vorred’ aufzutreten?

Begreift, wenn man heut zu Tag ein Original sein soll —

Es ist so schwer — und drum wird man zuweilen toll,

Die meisten Leute nehmen’s auch für neu;

Ist’s ihnen recht, so ist’s ja einerlei.

Je toller drum man’s treibt, je origineller,

Man macht den Boden flugs zum Keller,

Und alle die vorübergehn, schrein:

Ein seltner Mensch! er scheint original zu sein,

Scheint’s doch wenn man’s Prolog zu manchen Werken liest,

Daß dem Prologen grad ein Prolog nöthig ist.

Drum kann, was ich jetzt thu, auch mit Vernunft bestehn,

Ich kann satisfaisirt also von dannen gehn.

Und untersucht ihr nur die Sach etwas genauer,

So seht ihr ein, daß auch vom Fürsten bis zum Bauer

Jedweder Vorred’ nur zu einer Vorred’ macht,

Und weder groß noch klein darüber lacht,

Denn der hat’s warlich schon im Leben weit gebracht,

Der in dem großen oder kleinen Staat

Sich nur dem wirklichen Prologe naht.

Ich wollt’ Euch also nur von Eurem eignen Leben

Durch mein Bemühn ’ne kleine Zeichnung geben,

Ihr seht, ich zwinge mich, moralisch recht zu sein,

Drum müßt Ihr unbesehn ’s Aesthetische verzeihn.

Hofft Ihr nun doch, statt kalter Küche Braten,

Statt den Prologs ein durchgeführtes Stück,

So ist Euch warlich nicht zu rathen,

Ich wasche meine Händ’ und zieh mich so zurück;

Doch glaubt nicht, daß ich dieserwegen meine

Daß ich illotis manibus erscheine,

Ihr müßt Euch nach der Poesie bequemen,

Metaphern nicht gleich ernstlich nehmen,

Sonst seht Ihr Schätze und es sind nur Scherben,

Ihr taugt gleich schlecht zum Lesen, Leben und Sterben.

Geht ab.

———

Ein dunkles Parterre, keine Lichter brennen, das Orchester ist noch leer, einige Herren und Damen sitzen auf den Bänken.

Peter und Michel kommen hereingestolpert und stoßen mit dem Kopfe an die Frisur des Herrn Polykarp.

Michel.

Verzeihen Sie, mir kömmt es dunkel vor.

Polykarp.

Schon gut, — mir brummt das ganze Ohr.

Peter.

Man muß doch auch ’mal in’s Theater gehn.

Michel.

Man sagt es wär’ hier viel zu sehn.

Polykarp.

Bis jetzt sind wir noch sehr im Trüben.

Melantus.

Ich wollt’ ich wär’ zu Haus’ geblieben.

Peter.

Doch hoff’ ich es soll besser kommen,

Sonst hätt’ ich kein Billet genommen.

Melantus.

Ich sitze hier nun schon so lange,

Ich glaube gar es wird mir bange,

Die Finsterniß macht viel Beschwerden,

Ich mein’ doch, es soll heller werden.

Michel.

Die Stimme ist mir so bekannt, —

Ei, guten Abend, Herr Melant.

Melantus.

Ihr Diener: wie ist’s Wohlergehn?

Michel.

Gottlob! man kann jetzt doch schon etwas sehn.

Melantus.

Belieben Sie nicht Platz zu nehmen?

Michel.

Wir werden uns nun schon bequemen.

Hier ist auch mein Vetter vom Land,

Von der Mutter her mit mir verwandt.

Melantus.

Freu’ mich, daß ich Sie kennen lerne.

Peter.

Gehorsamer Diener, ’s geschieht gar gerne. —

Sobald nur erst die Lichter scheinen,

Muß man hier gut sehn, sollt’ ich meinen.

Michel.

O schaun Sie, schaun Sie doch die vielen Leute!

Was für ein Stück giebt man denn heute?

Melantus.

Der Himmel weiß, ich darf es nicht entdecken,

Vielleicht: Irrthum an allen Ecken.

Polykarp.

Verdammt! da soll man nun hier sitzen

Und vor Erwartung frieren und schwitzen,

Möchte man doch nur den Kuchenjungen schicken,

So könnte man sich doch an irgend was erquicken.

Peter.

Wie einem nun die Augen helle werden!

Melantus.

So gehts mit allen Dingen auf Erden.

Michel.

Mich dünkt, Sie sprechen so betrübt;

Wo fehlt’s? wenn’s Ihnen zu sagen beliebt.

Melantus.

Ach, bester Mann, ich habe vielen Kummer,

Wir sitzen am Ende hier im Dunst,

Mir wird im Kopfe immer dummer,

Und glaube dabei nicht recht an eine Kunst.

Es kann wohl sein, daß wir vergebens harren,

Und, lieber Freund, dann sind wir rechte Narren.

Peter.

Ja wohl, das wär ein schlechter Spaß.

Michel.

Mit Ihr’r Erlaubniß, erklären Sie mir das.

Melantus.

Sehn Sie, wer kann uns dafür stehn,

Daß man hier wirklich wird was sehn?

Wir hoffen am Ende vergebens auf Lichter,

’s giebt vielleicht weder Direktor noch Dichter;

Wird man den Vorhang aufwärts rollen?

Michel.

Gevatter! das sind wunderliche Schrollen.

Peter.

Es fehlt nicht viel, ich gehe gleich hinaus,

Wir säßen ja gleichsam hier in einem Narrenhaus.

Michel.

Sie melankolen wohl zu Zeiten,

Daß Sie mit solchen Grillen streiten,

Denn bedenken Sie nur mit allen fünf Sinnen,

Was würden wir dabei gewinnen?

Nicht wahr? Sie wünschen was zu sehn,

Sonst würden Sie nach Hause gehn?

Woher käm Ihnen das Begehren

Wenn endlich keine Stücke wären?

Sie begreifen, daß ich philosophisch spreche,

Die Beweise nicht bloß vom Zaune breche,

Und darum sein Sie nur zufrieden,

’s wird uns gewiß ein schönes Stück beschieden.

Peter.

Ja das ist auch mein wahrer Glaube.

Sie sehn, weil ich mich manchmal schnaube,

Hat man Schnupftücher in der Welt,

Um einzukaufen dient das Geld;

Ich pflege immer so zu schließen:

’s giebt Schuhe, sie passen zu den Füßen;

Und folglich müssen auch Füße sein.

Wo Füße sind, da ist ein Bein;

Und so schließ ich nun immer weiter,

Am Ende find’ ich den ganzen Reiter

Und werde so mit jedem Tage gescheidter.

Sehn Sie, man sollte doch bedenken:

Warum säßen wir auf diesen Bänken?

Sie sind sogar mit Tuch beschlagen.

Den Vorhang sehn wir vor uns dort,

Er muß doch wozu sein und darum fahr’ ich fort

Meine Meinung deutlich vorzutragen,

Daß wenn wir nur geduldig hoffen,

Wird das Theater endlich offen.

Polykarp.

Gottlob! nun brauch ich nicht zu fluchen,

Da kömmt ja der erwünschte Kuchen.

Er kauft reichlich ein, setzt sich nieder und fängt an zu essen.

Anthenor.

Nachbarn! mit Erlaubniß, es thut mir leid,

Allein Ihr seid alle nicht recht gescheidt,

Ich will Euch zwar Eure Hoffnung nicht rauben,

Doch scheint mir alles nur Aberglauben.

Denn seht! ich schwör’s bei meinem Leben,

Es hat noch nie einen Direktor gegeben,

Wie sollte also ein Stück entstehn?

Die Idee, geb’ ich zu, ist recht schön;

Allein wer soll sie exekutiren?

Wir zahlen, so mein’ ich, unsre Gebühren

Und sitzen dann hier und dichten und trachten;

Und das ist schon für ein Stück zu achten.

Habt Ihr schon einen Direktor gekannt?

Peter.

Lieber Gott, Ihr wißt’s, ich komme vom Land.

Anthenor.

Könnt Ihr mir einen Direktor definiren?

Peter.

Ich glaube, der Mann will uns vexiren.

Anthenor.

Was ist also ein Direkteur?

Ihr denkt und rathet hin und her,

Verwirret Euch in die Kreuz und Quer,

Und daraus folgt denn mir am Ende —

Melantus.

O schließt nur ja nicht zu behende!

Anthenor.

Daß wenn man’s gründlich überlegt,

Sich dahinten kein Direktor rührt noch regt,

Daß hinter dem Vorhange nichts sich rührt,

Ein Stück wird vor dem Theater aufgeführt

Von uns, die wir als wahre Affen

Behaupten, alles sei nur geschaffen

Um zu einem künftigen Zwecke zu nutzen

Und darum verschleudern die Gegenwart.

Michel heimlich zu Peter.

Das ist ein Kerl von schlimmer Art,

Man sollte ihm die Nase putzen.

Peter.

Wie wenn man ihn mit Philosophie zu Boden legte,

Daß er sich weder rührte noch regte?

Michel.

Das hilft bei ihm nichts, er ist ein Block,

Aber ich habe hier einen tüchtigen Stock,

Damit möcht’ ich ihm eins versetzen,

Daß er die Zukunft lernte besser schätzen.

Peter.

Doch, wenn Sie keinen Direktor annehmen,

Wie können Sie sich denn bequemen

Hier zu sitzen in aller Welt?

Anthenor.

Weil’s mir draußen noch wen’ger gefällt.

Das Sitzen hier macht mir Vergnügen,

Ich betrachte die Menschen um mich her,

Und dieses amüsirt mich mehr

Als würde uns ein Stück angeführt,

Das nur die Leute ennuyirt.

Michel.

Hinterm Vorhang ein Licht! seht her!

Was gilt die Wette, der Direkteur

Arrangirt schon alles zum Stück

Und bald hebt sich der Vorhang.

Anthenor.

Nun, viel Glück!

Wenn’s so weit kommt, doch dann nur und nicht ehe

Glaub’ ich, daß etwas Aehnliches geschehe.

Ein Lampenputzer tritt auf mit einem Licht in der Hand.

Peter.

Der Direkteur!

Mehrere Stimmen.