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Schuß in's Geschäft (Der Fall Otto Eißler) cover

Schuß in's Geschäft (Der Fall Otto Eißler)

Chapter 11: X. EPILOG.
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About This Book

The text portrays a devastated postwar city transformed by rapid speculation, profiteering, and social dislocation. It traces how sudden fortunes rise and fall amid currency collapse and fevered stock markets, while political crises and fears of revolutionary upheaval invite foreign intervention and fragile coalitions. Observers note a reassertion of traditional industrial and landowning elites even as nouveau riche entrepreneurs and Americanized business practices reshape commerce; financial maneuvering, corporate intrigue, and social anxieties about expropriation and moral decay figure prominently in a society seeking stability after violent disruption.

X. EPILOG.

Am Abend dieser Urteilsfällung über eine Tragödie des Geldes geschahen Zeichen. Der große gelbe Pan war tot! Der Schrei vom Sterben des Hugo Stinnes gellte durch die Straßen.

Zugleich bebte und heulte es auf dem Schottenring. Die Börse bäumte sich in Krämpfen über den mißglückten Frankenfeldzug. Verhaftungen und Selbstmorde lösten einander ab.

Die Spannung, die die Verhandlung gefedert hatte, erschlaffte davor. Man fand nicht rechte Muse, ein Urteil zu überdenken vor der größeren Götterdämmerung, darin wieder ein goldener Hort in den Fluten versank.

Was war auch das Fazit aus Tat und Gericht? – Ob Otto Eißler, der fünfzigjährige, sein Dezennium Haft unversehrt überstehen würde, ob er vorher in einer Heilanstalt oder auf einem Friedhofe ersehnte Rast erführe, – ein Abgeschiedener ist er schon heute für diese Welt, um die er so verzweifelt gekämpft hat bis zum Verbrechen. Sein Los nahm nun scheinbar doch die Kurve zur großen Verwirrung hinüber, die die Psychiater leugneten. In der Strafanstalt Stein an der Donau, derselben, aus der die Revolution einst Friedrich Adler befreit hatte, spürte sich Otto Eißler vorerst tief erlöst. Die Ruhe, die er nach der Tat gezeigt, dem Psychiater anstößig, dem Psychologen leicht erklärlich, folgte ihm auch dorthin. Fühlte er sich ja endlich entladen von dem Verhängnis seiner Tat, die wie ein keimendes Leben in ihm gewachsen war und nun mit ihrem Ausbruche sein Innerstes gereinigt hatte. Bald aber schatteten die alten Ängste wieder um ihn, Stimmen hörte er vor seiner Zelle tuscheln, er argwöhnte Komplotte und Attentate gegen die Seinen, wähnte die Kinder in Not, die Gefährtin verfolgt von den Feinden, deren Rache noch immer nicht gesättigt sei, – und schrie Hilfe herbei, – schrie, bis man ihn in Einzelhaft steckte, schrie darin fort, – so daß man ihn schließlich nach Wien zur Beobachtung überwies. Um ihn von dort wieder ergebnislos zurückzusenden. Als einen, der ja wirklich nicht irre war nach ärztlichem Ermessen, eher ein irre Gewordener an der Menschheit. Kein Geisteskranker, doch krank am Geiste, noch nicht umnachtet, aber in Nebel geraten. Dem lindere Strafe oder Freispruch vielleicht noch einen anderen Freispruch bedeutet hätte, Freispruch von seinen Gesichten, denen er nun wehrlos überliefert ist.

Wen mußte man auch vor diesem ohnehin rettungslos in sich Verkerkerten schützen? Durch zehn Jahre äußeren Kerker? Die Tat, die, – ob elementar oder nicht, – aus dem sozialen Gefühle verletzten Rechtes erfolgt war, ließ sie je Wiederholung durch ihren Urheber befürchten? An wem? In einem Wiener Vororte stieß weniges später ein roher Bursche einen seiner friedlichen Wehrlosigkeit allgemein als „Waserl“ bezeichneten älteren Mann nach vorhergegangenen und bezeugten Drohungen das Messer tötlich in die Brust; er erhält zwei Jahre, dann wird er wieder auf seine Mitmenschen losgelassen. Und hier –? Eißler war kein Verbrecher im strengen Sinne, keiner, vor dem sich das Leben durch seine dauernde Versperrung hüten mußte, vielmehr vollgültig das, was der Titel dieser ganzen Sammlung vereinigt: Ein Außenseiter der Gesellschaft. Und auch hierin wieder „cum grano salis“. An der Gesellschaft hatte er sich versündigt, nicht an der Gemeinschaft. Vor ihrer großen und letzten Instanz wird er nicht als der Schuldige befunden, noch jener Andere, jener Gewaltige des Kapitales, der hingestreckt worden war von ihm, weil sie einander ihre Macht beweisen wollten. Nicht der Mann, der sich vermaß, mit sechs Schüssen der Gerechtigkeit Gottes zu dienen, nicht der von ihm Gefällte, der ein freudloser Knecht seiner Bestimmung zeitlebens geblieben war. Das Geld – war hier Tat und Untat. Wie es Urheber aller Kriege und Greuel unter der heiligen Einmaligkeit unseres Lebens ist. Geld – war es, das den Hingemeuchelten zu seinem Kampf gestachelt hatte, den er mit seinem Blute zahlen sollte, Geld, das den Rächer blendete vor seinem eigentlichen Feind und seine Hand gegen ein armes, gleich ihm von seiner Sucht gehetztes Menschenkind erheben ließ. Die Richter griffen und begriffen bloß das Nächste: Einen Mörder, der ebenso zu Boden lag wie der Gemordete.

Frei blieb – das Geld. Und weiter wandert es, von Blut zu Blut, von Geist zu Geist, von Macht zu Macht. Weiter kuppelt es Verwandtenehen, daß sein Sakrament nicht der Familie entgleite, weiter zeugt es dort Lebensschwache, Gezeichnete an Körper und Hirn, weiter spaltet es Geschwister und Liebende, weiter verführt es Freundschaft, Treue, Bereitschaft für alle Menschen zu Lüge, Haß und Verrat an der höheren Sache um seines treulosen Metalles willen. Zur Wissenschaft ist es geworden, zum höllischen Homunculus aus Unzucht zwischen Mensch und Ding. Und auch dieser Prozeß, der darum ging, wird in seiner Art ein Stundenschlag im Mitternachtzeichen einer Weltordnung, die solcher Wissenschaft eifrigster Adept gewesen. Einer Weltordnung, der das apokalyptische Chaos eines Jüngsten Tages folgen kann, wenn sich die Menschheit nicht bald auf eine neue reinere Form der Gemeinschaft besinnt und sie sich zu einem Gesetze macht, dem es dann nicht mehr auferlegt werden braucht, über Fälle wie diesen zu richten.