EINBANDENTWURF
GEORG SALTER
BERLIN
Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin
Das Wien der Nachkriegszeit ist verwandelt wie nie in seiner tausendjährigen Geschichte. Die Stadt, die neben der Welt gelebt hat, – selbst ihre Rothschilds waren noch Träumer, – die Stadt der Sonderlinge, Eigenbrödler, Sammler, die Stadt der verraunzten Genies, der unausgenutzten Talente, die Stadt der Kammermusik und der Barockpaläste, in der vor alldem wundervollen Toten kein Lebender atmen kann, die ewige „Kaiserstadt“, weil sie, eine Seltenheit unter den alten großen Städten Deutschlands, nie zur selbstherrlichen Verwaltung, nie zur freien Reichsstadt gelangt war, – sie wird nun jäh überschwemmt von Abenteurern, Glücksrittern, Condottieris des Geldes. Mühelose Schlachten, gefördert durch die österreichische Lässigkeit der Verwaltung, sichern Riesengewinnste, jähe Rückschläge zerstäuben sie wieder. Namen tauchen aus Dunkelheit in goldenes Licht, Namen stürzen aus Glanz in die Nacht. Es geht zu wie im Grunde überall nach dem Kriege; nur das Tempo wird viel phantastischer genommen, die Kämpfe sind erregender und wilder. Da ist einer, der kommt von einer Winkelbank, ein anderer rettet sich aus einem Schiffbruch, ein dritter ersteht bei der Demobilisierung Milliardenwerte mit Verträgen, die später vergeblich angefochten werden, ein vierter, einst ein kleiner Händler, ist im Kriege schon fett geworden an elendem Material, das er der Heeresverwaltung für ihr wehrloses Schlachtvieh aufzuschwatzen verstand, ein fünfter stellt ein Riesenwerk der Kriegszeit auf „Friedensbetrieb“ um; der Steckbrief kommt zu spät, – sie alle verschmähen dabei auch nicht das winzigste Geschäft: Dem Tüchtigsten im Raffen freie Bahn! Indessen rückt die Währung reißend zurück, geschwächt und verlassen von denen, die sie zu stützen berufen gewesen wären. Im gleichen Maße schwillt die Börse an, hetzen die Papiere zu Fieberkursen empor. Plünderungen durchklirren die Stadt; Pogromdrohungen gellen wider die von Bankinstituten überwucherten Nobelstraßen. Aber bei solchen Auswüchsen eifert jede Rasse, jede Konfession, jeder Stand, um den traurigen Vorrang; der Bauer noch tränkt seine Säue mit der Milch, die er dem Städter verweigert, so ihren Preis zu treiben. Dabei zerwühlen schwerste politische Krisen den Staat, an dessen Grenzen drei Mächte bereit zum Einmarsch lauern, wenn die Verzweiflung zu kommunistischen Evangelien greifen sollte. Die grüne und die rote Internationale, die vorwiegend agrarische christlich-soziale Volkspartei und die Sozialdemokraten verwalten in einer fort und fort mühsam gekleisterten Koalition die hungernde Republik, die im Westen und im Osten, in dem von Ungarn trotz Friedensvertrages bestrittenen Burgenland und in dem nach der Schweiz strebenden Vorarlberg verdächtige Abbröckelungstendenzen zeigt. Da geht – nach einer wütenden Philippika des sozialistischen Abgeordneten Karl Leuthner – das grünrote Bündnis in Fetzen, die Regierung Seipel’s beginnt, der den europäischen Mächten mit Auflösung Österreichs droht, – das bedeutet: Krieg zwischen Italien, Jugoslavien, Ungarn, Tschechoslovakei, um eine Beute, die schließlich doch bei Deutschland landen wird, wohin die Alpenbevölkerung in leidenschaftlichen Proklamationen drängt. Der kluge Prälat, mit Haltung und Diplomatie einer tausendjährigen kirchlichen Zucht gesegnet, verrechnet sich nicht. Die Angst aller leidend Beteiligten erhält den gefährdeten Donaustaat; Wilsons problematischer Völkerbund tritt hier zum erstenmal groß in Funktion. Unter Verzicht auf den deutschen Anschluß, nach Bestallung einer scharfen Kontrollkommission bezieht Österreich Unterstützung. Die Krone wird bei einem Vierzehntausendstel ihres Friedenswertes gebremst; dem Kapital des Inlandes wie des Auslandes ist ruhiges Betätigungsfeld durch den Genfer Vertrag gesichert. Es schwebt nicht mehr in Gefahr sozialistischer oder sowjetistischer Gegenmaßnahmen, es kann also das Tempo mäßigen und sich zugleich seiner unbequemsten Mitläufer entledigen. Wie der Ararat aus der Sintflut tauchen aus den verebbenden Wässern der Spekulation wieder die Häupter des alten Reichtumes, die Herren der Schlöte, Schächte und Forste, die noch nahe mit der Arbeit verknüpft waren, aus der sich ihre Macht erhoben hatte. Die neue Generation der Plutokratie tat sich nun ungleich schwerer: sie hatte ja nie aus den Dingen selbst geschöpft, sondern aus der Spannung zwischen ihnen, sozusagen aus geladener Luft, die sie gewitzt als Kraftfeld auszubeuten und in Bewegung umzusetzen verstand; sie gewann allein am Kabeln und am Stecken von Geschäftskontakten. Und aus solchem Unsicherheitsgefühl heraus suchte sie den alten Reichtum nun in ihre Geschäfte zu verstricken oder sich an den seinen zu beteiligen, kurz, was von dem österreichischen Raffke scheinbar sicher blieb, – der grobe Nackenhieb traf ihn ja erst mit der Frankkatastrophe, – mühte sich, aufgenommen zu werden in den Gotha des früheren Großkapitales.
Diese Vorkriegsreichen waren ja wahrhaftig die Aristokratie jener Zeit geworden. Hinter dem blendenden Goldschaum, den die nachgeborenen Geldhelden schlugen, blieben sie fast unsichtbar. Nun, da er auf sein wahres Maß zerrann und sie wenig versehrt und gelassen hervortraten, erkannte man ihre Kraft, die den Zusammenhang mit ihren Quellen nie verloren hatte, sondern weiter an den unermeßlichen Schätzen der ihr dienstbaren Erde zehrte. Die Tradition begann als Faktor wieder aufzuleben, der internationale Einfluß eines Namens von Kredit und Bedeutung aus dem Frieden her eroberte sich neuerlich den einstigen Geltungsbezirk. Im alten Glanze fanden sie sich, diese Familien, darin Fleiß von Väter auf Söhne ungeschwächt weiterging, diese Industriegewaltigen mit den Adelsbriefen jahrelanger Arbeit, diese Finanzdynastien, zu denen Könige gekommen waren, – – wo blieb vor ihnen das Nichts von gestern, das nun jäh „Generaldirektor“ hieß, um morgen vielleicht wieder Nichts zu sein? Man zog es heran, insofern man es brauchte, man erhörte seine Zudringlichkeit, – um von ihm zu lernen. Denn man konnte ja selbst nicht mehr arbeiten wie vor dem Kriege. Die Amerikanisierung des öffentlichen Lebens im üblen Sinne ging schon zu weit. Die Methoden der neuen Zeit mußte man bei den Neuen erfahren; die Metaphysik nebuloser Tochtergründungen, der Aktienvermehrungen, der Steuerverschleierungen, der Geldtransfusion in andere Unternehmungen, die so unmerklich in den Kreislauf der Geber gerieten, besaß dort ihre gediegensten Lehrkanzeln. Wohl war der Krieg verloren, von dem sie, die einstigen Mitberater und Mitgenießer an der nun zersplitterten Monarchie, sich manches erhofft hatten, – aber schließlich fühlten sie sich sogar stärker als ein verlorener Krieg. Elan und Unbedenklichkeit der Jungen mußte man sich zu eigen machen und die durch nichts einzuschüchternde Überzeugung von der letzten sakramentalen Unantastbarkeit des Geldes. Was immer von ihrem Eigentume in dem nun siegreichen Auslande lag, konnte, je umfangreicher es war, auf die Dauer um so weniger beschlagnahmt bleiben. Industrie und Großgrundbesitz sind die bevorrechtete Aristokratie aller konstitutionellen und demokratischen Systeme, wie es für die absoluten die Adelsstände waren, und so muß auch die internationale Solidarität einer kapitalistisch orientierten Weltordnung rein gesetzmäßig alle jene verletzenden Maßnahmen, wie etwa Enteignungen von kurzer Hand, möglichst vermeiden. So zwingt einer die Regierung eines siegreichen Erben des alten Kaiserreiches einen schon damals als höchst ungünstig befehdeten Vertrag zu übernehmen, indem er nach eingetretenen Schwierigkeiten seitens der neuen Herrscher in seinen dort liegenden Riesenbetrieben die Arbeit durch drei Jahre einfach einstellt. Tausende werden brotlos, Bahnen stocken, Not der Geschädigten pocht an das Parlament des Siegerstaates. Da schäumen sie, – aber zur Übernahme oder zur Ablösung fehlt das Geld und vor Expropriation scheut man zurück aus den genannten Gründen: Man vergleicht sich also, erkennt zähneknirschend das Bestandene an. Eine Gruppe Anderer verheert die Währung ihres Vaterlandes, um so in stündlich entwerteten Papieren ihre Goldschuld einzulösen. Ein dritter einigt sich mit seinem Konkurrenten im Feindesland, lange vor ihren beiderseitigen Regierungen, die dann den Konturen solcher Abkommen folgen müssen. Ein vierter lockt Strohmänner von drüben in die eigene Leitung, die unter ihren Ententeflaggen seinem Geschäfte den internationalen Freibrief sichern. Derlei Beispiele gibt es noch viele. Gegenstandslos bleibt der Ausgang von Kriegen für die Gewaltigen des Kapitales. Ihre Front lag ja nie an jenen in Blut und Dreck ersäuften Gräben. Und im Inlande hatten nur jene verloren, die ihr Vertrauen in die Habe des Staates oder der Einzelnen setzend es in irgendeiner Form belehnten, die Banknoten- und Bargeldsammler, die Kriegsanleiheinhaber, die Hypotheken- und Mündelgeldbezieher. Der in Liegenschaften jeglicher Art verankerte Besitz büßte dabei nichts ein, im Gegenteil: Die Verarmung der anderen schuf ihn oft schuldenfrei oder verringerte zumindest seine Belastung. Nach Revolution und Gegenrevolution ging die gelbe Flagge hoch. Der Aufruf „An Alle“, der 1917 vom Osten her Europa erschüttert hatte, wurde 1924 zur Devise einer Nacktrevue im Variété. Wie nach jeder Weltkatastrophe entwickelte sich auch nun ein Biedermeiertum, das jene wilden zehn Jahre einfach nicht wahr wissen wollte. Die Könige hatte es eingebüßt, nicht durch eigenen revolutionären Geist, sondern durch die Konsequenz der Ereignisse. So beugte es sich denn willig der neuen Diktatur, die über seinem Sichverschweigenwollen des Gewesenen hart und kalt emporstieg. Ein Typus Gewaltmenschen, von dem sachlichen Fanatismus Jener der Neuen Welt, eroberte sich die Vormacht in Europa. Nur wenige Unbekannte waren darunter, – sie hielten sich nicht lange, diese Reisläufer des neuen Kapitals, – der Kern bestand doch aus den früheren Magnaten der Industrie und des Bodens, aus Reedern, Kohlenfürsten, Hammerherren und den Holzriesen des Friedens. Sie waren es, die jetzt in den Kampf um den Cup des Lebens traten, der als Zeichen dieser vital-egoistischen Zeit vor allen ihren Äußerungen stand, vom Boxermatch bis zur Literatur.