Die Republik Österreich schien nach dem Kriege das ärmste Land der Alten Welt zu sein. Von Gebirgen verknöchert blieb es in dem wesentlichsten Existenzbedarf, in der Brotfrucht und in der Nahrung seiner Betriebe, in der Kohle, fast durchweg auf das Ausland angewiesen. Enorme Industrieanlagen, dem Maße des vormaligen Fünfzigmillionenstaates angepaßt, feierten nun aus Mangel an Rohstoffen. Der „Wasserkopf“ Wien, den die energische sozialdemokratische Gemeindeverwaltung mit allen Schrecken des Nachkriegszustandes übernehmen mußte, saß auf dem dünnen Leibchen eines Sechsmillionenvolkes des verstümmelten Bundeslandes. Die Nachfolgestaaten verschanzten sich hinter Zollwänden; das künstlich ausgetrennte Herz des alten Reiches drohte an der so gedrosselten Blutzufuhr völlig zu erlahmen. Und doch besaß es noch vier gewichtige Dinge, an deren Ausbeutung es nun mit brennender Energie gehen mußte, wollte es seine durch den Genfer Vertrag gestützte Daseinsberechtigung als autonomes Gemeinwesen erweisen. Das war das Salz, das es in Verwaltung nahm, das war die weiße Kohle seiner Wasserkräfte, die unter seiner Ägide oder Beteiligung private Gesellschaften in großen Überlandwerken konzentrierten, das war das Erz seiner Berge, wo reichsdeutsche und italienische Konzerne um das Schürfrecht warben, das war vor allem der begehrteste Ausfuhrposten, seine Wälder, die fast das ganze Reich überdeckten. Hier drängten sich die Abnehmer von Bedeutung; Italien, das forstarme, Frankreich mit Straßburg als Stapelplatz, Deutschland, das seine Reparationsleistungen zum Wiederaufbau teilweise von dem Brudervolke bezog; ja bis Holland und nach England hinüber wanderte das österreichische Edelholz. Aus zerkrachenden Forsten gediehen fürstliche Vermögen, zu denen der Grund noch im tiefsten Frieden gelegt worden war. Unermeßliche Gebiete standen damals zur Verfügung. In Bosnien, in der Herzegowina, in Kroatien, in Siebenbürgen, in Böhmen, in allen Alpenprovinzen. Höher als die Herren der Erze und der Wasser wuchsen so die Herren der Wälder, formten geradezu einen eigenen Menschenschlag. Denn wie das Individuum sich nach seiner Tätigkeit wandelt, so erhielten sie, deren Vorteil mit des Wortes wahrstem Sinne in der Erde wurzelte, etwas von gewaltigen Bauern, Bauern, die über tausende Knechte gebieten, Schnitter von Ackerprovinzen, auf denen die Ernte, die sie nicht gesät hatten, bereit stand, in keinen Halmen, sondern in den Stämmen starrer Bäume. In der ausgeplünderten hohlwangigen Nachkriegszeit fußen sie breit mit unentwertbaren Schätzen. Ihre Macht spottet aller Angriffe. Ja, sogar ihr Eigentum in den abgespaltenen Klötzen des alten Reiches ringen sie wieder ein; sie trotzen und listen es den neuen Herren dort ab in dieser oder jener verklausulierten Form. Der Steuerfiskus findet schwer zu ihnen. Die Erde hat sie ganz zu Bauern gemacht, zäh, schlau und karg wie Bauern sind. Und unbeugsam über das Ihre, unbeugsam, wenn es selbst der Blutnächste wäre, der seinen Teil zu fordern käme. Fast äußerlich verändern sie sich so; ob Christ, ob Jude, ob Landmann, ob Städter, gilt gleich; die Erde bleibt stärker in ihnen: Sie gehorchen der Erde.
About This Book
The text portrays a devastated postwar city transformed by rapid speculation, profiteering, and social dislocation. It traces how sudden fortunes rise and fall amid currency collapse and fevered stock markets, while political crises and fears of revolutionary upheaval invite foreign intervention and fragile coalitions. Observers note a reassertion of traditional industrial and landowning elites even as nouveau riche entrepreneurs and Americanized business practices reshape commerce; financial maneuvering, corporate intrigue, and social anxieties about expropriation and moral decay figure prominently in a society seeking stability after violent disruption.