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Schuß in's Geschäft (Der Fall Otto Eißler)

Chapter 4: III. DYNASTIE EISSLER.
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The text portrays a devastated postwar city transformed by rapid speculation, profiteering, and social dislocation. It traces how sudden fortunes rise and fall amid currency collapse and fevered stock markets, while political crises and fears of revolutionary upheaval invite foreign intervention and fragile coalitions. Observers note a reassertion of traditional industrial and landowning elites even as nouveau riche entrepreneurs and Americanized business practices reshape commerce; financial maneuvering, corporate intrigue, and social anxieties about expropriation and moral decay figure prominently in a society seeking stability after violent disruption.

III. DYNASTIE EISSLER.

Urwald in Bosnien. Schluchten klaffen, Berge bäumen sich, Gewässer zischen von eisenfarbenen Felsen nieder, und überall nistet, wuchert, drängt sich Gehölz. Heldenliedergegend, Wild-West des Balkan, kaum erforschtes Tibet Europas, das hier beginnt und am Griechenmeere in Saloniki endet. Land des großen Zaren Dušan, Land des südslavischen Siegfried, Marko Kraljevics, Land des serbischen Kaiserreiches und des türkischen Herrenvolkes nach dem Abendrot am Kossowo polje, am Amselfeld. Und Land zuletzt, aus dem der Anlaß des gräßlichsten Krieges mit zwei Schüssen an der Lateinerbrücke in Sarajevo aufblitzte. Stolzester Hengst in der Hürde der Alten Welt. Der Muselmann hat ihn nie ganz gebändigt, der Kroate nicht und nicht der serbische Bruder; der Venetianer langte wenig über seine dalmatinische Küste herein, und selbst der großmächtige Herr Ungar stieß hier auf Widerstand. Aber Geld und Gewinnsucht scheuen nichts, und wie die Republik von San Marco vor einem halben Jahrtausend Dalmatiens Waldgebirge in eine heute noch erschütternde Steinwüste wandelte, so rückt man auch hier seit Jahrzehnten den scheinbar unerschöpflichen Forsten an den grünen Leib. Um ihre Ränder beißen sich Häuflein Menschen fest; kleine saubere Häuschen quellen aus dem Boden, ein Klondyke des Holzes, blanke Maschinen funkeln. Das knirscht, kracht, splittert und sägt den ganzen Tag durch, nagt sich furchtlos ein in die verfitzte Wildnis, über der die Geier nun wie graue Zeichen des Waldsterbens kreisen, und zieht seinen vorgesehenen Borkengang. Hinter sich läßt es Scheiterhaufen von rauchenden Meilern und riesige Schichten von Baumleichen, die kleine Lokomotiven auf schmalspurigen Gleisen flink nach den Umschlagstellen befördern, wo die großen Eisenbahnen die Tore zur Welt aufreißen.

Es sind mächtige Herren, die hinter dieser namenlosen Arbeit sitzen, und auf den Börsen brausender Städte schreien Papiere, die den Fleiß tausend gering bedankter Hände anpreisen, und irgendwo, in Biarritz oder Ostende oder Capri erholt sich einer, von ihnen getragen, oder haust zeitentrückt als stiller Teilhaber und Villenfürst inmitten schöner alter Gemälde, auf denen Menschen friedlich in heiligen Hainen wandeln oder hängt kostbare Bernsteinketten, goldfarben wie die Harztränen der Tannen um einen kühlen nackten Frauenleib oder sitzt rastlos in einer Kontorhölle der Metropole, umknattert von Schreibmaschinen, umschrillt von Telephonen, umquirlt von Menschen, wie eine Spinne im Netz, die jeden Faden prüft. Er ist der Typus seiner Zeit, der Parforcemensch am Schreibtisch. Stärkster wird er von allen, weil er sich zum Regulator der Kraft macht, die ihn umströmt; er vertausendfacht sie durch die eherne Zwinge, in die er sie nimmt. Er hieße über dem großen Wasser Rockefeller, Morgan, Ford oder mit sonst einem Stahl-, Holz- oder Ölkönigsnamen. Er heißt in unserem Falle Robert Josef Eißler, thront als Chef einer hundertjährigen weltumspannenden Holzindustrie in Wien und arbeitet, arbeitet wie ein Besessener ohne sich je auch nur den kleinsten Genuß zu gönnen, arbeitet um der Arbeit willen, die ihn ganz verschlungen hat, arbeitet zu Hause, auf der Bahn, im Auto; nichts bleibt so abseitig, das er nicht wahrnimmt, nichts so vollendet, dem er nicht mißtraut, er ist nur mehr rechnendes Gehirn, schreibende Hand, Mund, der befiehlt. Unter der Peitsche seiner Augen leistet jeder das Äußerste; bis in die entferntesten Länder spüren sie diesen Blick, in Blockhäusern, auf Sägewerken, durch Urwaldgrün hindurch, wo immer sein Name zu Werk wird. Und das wird er in mächtigstem Ausmaß. Da ist allein die bosnische Satrapie, die er mit dem Münchner Ortlieb führt, von Vorkriegsjahren her, und unversehrt sich im verlornen Land erhalten hat. Von den mehreren hunderttausend Hektaren werden jährlich an die tausend geschlagen und einhundertfünfzig Kilometer Schienennetz seiner Privatbahn, auf der zwanzig Lokomotiven unter Dampf stehen, vermitteln den Verkehr der Menschen und Waren in seinem Reich. Über dreitausend Arbeiter roden, fällen, schlichten dort die Wirrnis des Krywayatales, des Zepugebietes, Namen wie aus dem afrikanischen Dschungel. Und das alles bedeutet erst eine Provinz seines Königreiches, die ihn auf Jahrzehnte mit unversieglichen Rohstoffen versorgt; in Kroatien besitzt seine Dynastie ein Gut, in Österreich hat seine Gründung, die Holzbank, in dem durch Minister Dr. Schürff zur Parlamentsdebatte gemachten Reichraminger Holzabstockungsvertrag der jungen Republik ihren Einfluß spüren lassen, in Ungarn herrscht die Firma als „Eissler es testvere“, dort wie in Bosnien seit Friedenszeit, wo einst der Finanzminister Kallay seiner Abmachungen mit dem geschäftstüchtigen Hause wegen im magyarischen Abgeordnetenhaus manche Unannehmlichkeiten erfuhr. „Eissler i fratti“ nennt sich die rumänische Kolonie, „J. Eissler bratri“ heißt sie in der Tschechoslovakei. Und das lediglich als zentraler Kommandoraum des ganzen Kraftwerkes tätige Wiener Stammgeschäft führt den Titel „J. Eißler und Brüder“. Aber von den mitgenannten Brüdern ist in der zweiten von Robert Eißler geleiteten Generation nichts zu verspüren; was immer da beteiligt war, verschwand allmählich vor dem despotischen Chef, der das Geschäft trotz Krieg und Niederlage wieder zu der europäischen Geltung gebracht hatte, die es vorher besaß. In viele Friedensmillionen steigerte er das Vermögen, sicherte seine Betriebe durch geschickte Staatsverträge wie ein Monarch, wußte sich siegreich gegen gewaltige Konkurrenten auf dem Weltmarkt zu behaupten, indem er sie verdrängte oder durch Bündnisse entwaffnete. Seiner robusten Energie war es nicht gegeben, sich an gefälligen Dingen zu freuen, an Büchern, an Bildern, an Schauspielen; aller Trieb seiner Rasse nach äußerer Tätigkeit nach dem, was Peter Altenberg „die hundertperzentige Verzinsung des Lebens“ nannte, blieb in ihm am stärksten gehäuft und angespannt. Um sich fand er selten Widerstand; ruhige Menschen, durchtränkt von der etwas müden Kultur jüdischen Patriziates bis zur Schrullenhaftigkeit, bildeten seine Verwandtschaft. Doktor Hermann Eißler, einer von ihnen, schuf sich eine Gemäldegalerie von internationalem Ansehen, darin besonders die Franzosen des neunzehnten Jahrhunderts von Delacroix und Gericault an glänzend vertreten sind; Gottfried, ein anderer – kürzlich verstorben – nannte eine der schönsten Erstdruckbibliotheken und eine der besten Wiener Miniaturensammlungen sein eigen. Gewiß, auch sie hatten sich alle wahrhaft gerackert, nur waren sie nie so sehr der Despotie ihrer Arbeit verfallen, daß sie in ihrem Tagwerk ausschließlich Zweck und Ziel ihres Daseins sahen. Doch Robert Eißler kannte nur dieses. Er war rauh wie Esau, aber ein Esau, der auf seiner Erstgeburt bei Acker und Herden bestand und hinweggestampft wäre über Jakob und Abraham. Dem Märchenhelden Wilhelm Hauffs glich er, dem Kohlenbrenner Peter Munk mit dem kalten Herzen. Der barsche, finstere Mann, der mit seinen Untergebenen im Feldwebelton verkehrte, sie vor sich stramm stehen ließ und ähnliche militärische Bräuche trieb, hatte dem Moloch des Geschäftes sein Leben hingeopfert in des Wortes blutigster Wahrheit. Ihm schien es dabei vielleicht nicht so sehr um Gewinn zu tun, wie um das Würfelspiel der Macht, darin erhöhter Glanz der Dynastie zum Preise stand. Dazu wäre ihm nichts zu groß oder zu gering gewesen, dazu gewann er sich – der Hergang ist noch später zu erörtern – sechshunderttausend Goldkronen Mitgift, die ihm als Geschäftseinlage binnen Jahresfrist von seiner Bewerbung an zur Bedingung gestellt worden waren, um als öffentlicher Gesellschafter sich einzukaufen, und wie er sich der Protokollierung seines Namens wegen verehelichte, so geschah auch nachträglich kein Schritt, den nicht das Kontor gebot. In die Kasteiung mit Arbeit flüchtete er gewissermaßen vor sich selbst, wohl aus dem Gefühle, bei einem einzigen Augenblick Ruhe müßte ihn die Rasanz des eigenen Motors in Stücke reißen. „Der Staat bin ich!“ konnte er auch schließlich von seinem Reiche behaupten, denn alles um sich hatte er schachmatt gesetzt, zur Ohnmacht verurteilt. Seine Vettern ließen sich von ihm abholzen wie die Bäume des Krywayatales; sie, die in einem Winkel ihrer Seelen doch noch zu dem alten besinnlichen Wien zählten, wichen auch widerspruchslos seiner Keilerwut nach Arbeit, begnügten sich als Firmenvorstände ohne größeren Einfluß, erfrischten sich im übrigen bei ihren Bildern, Statuen und anderen Liebhabereien in einer sanfteren Welt, in die das Ächzen der sterbenden Wälder nicht mehr herüberdrang.

Nur bei Zweien von ihnen galt es Kampf bis aufs Messer: Es waren Onkel und Vetter des allmächtigen Seniorchefs, Vater und Sohn, beide Phantasten in ihrer Art, die hier an einen Tatsachenmenschen gerieten, – sie hießen Heinrich und Otto Eißler.