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Schuß in's Geschäft (Der Fall Otto Eißler)

Chapter 7: VI. MONODRAMA DER TAT.
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About This Book

The text portrays a devastated postwar city transformed by rapid speculation, profiteering, and social dislocation. It traces how sudden fortunes rise and fall amid currency collapse and fevered stock markets, while political crises and fears of revolutionary upheaval invite foreign intervention and fragile coalitions. Observers note a reassertion of traditional industrial and landowning elites even as nouveau riche entrepreneurs and Americanized business practices reshape commerce; financial maneuvering, corporate intrigue, and social anxieties about expropriation and moral decay figure prominently in a society seeking stability after violent disruption.

VI. MONODRAMA DER TAT.

Im „Herzoghof“ des seit Römertagen gesuchten Kurortes Baden bei Wien, – „Aquae thermae“ nannten es die Pensionisten der pannonischen Legionen, die in seinen Schwefelquellen Heilung erhofften, – haust Otto Eißler. Das Gebäude, so benannt nach den fröhlichen Babenberger Herzögen, den vorhabsburgischen Herrschern von Österreich, die gerne hier verweilten, stellt eine passende Unterkunft für Leute dar, die in der sommerüber von Fremden wimmelnden Stadt keinen überflüssigen Kontakt wünschen und dabei eine gewisse vornehme Behaglichkeit nicht entbehren wollen. Der Misanthrop aus der Holzdynastie verlegte darum frühzeitig sein Hauptquartier an dieses stille Refugium, von dem aus er den Krieg gegen seinen Vetter führt, zuletzt 1923 in einer bereits an Irrsinn grenzenden Erregung, je sicherer die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen zu erwarten schien. Freundin und Kinder umgeben ihn mit liebereichster Pflege; dennoch muß der Arzt zu dem von schwersten Nervenkrisen Erschütterten gerufen werden, stellt seelische Störungen fest, deren Behandlung strengste Ruhe und Abgeschlossenheit von der Außenwelt als erstes Gebot erforderte. Davon will der Unglückliche nichts wissen, streitet mit punischer Tapferkeit für seine steigend getrübteren Aussichten, klingelt nachts Anwälte und Notare aus dem Schlaf, um dauernd das Gleiche zu erfahren: Daß er für sich nahezu nichts zu hoffen habe. Allenfalls den mitgeschädigten Schwestern würde man im Wiener Erzhause Kompensationen zubilligen, – ihm: Nicht die winzigste!

Es ist August, der Monat der Verbrechen aus Leidenschaft. Seine weiße Glut vergiftet die Hirne, heizt die Herzen bis zur Explosion. Achtete eindringlicheres Verfahren, als das der gegenwärtigen Themis auf die Verknüpfung von Gewalttat und Gezeiten, es gelangte zu verblüffenden Erkenntnissen: Winter, Intellektualverbrechen; Affekthandlungen im Sommer; Selbstmorde und Revolutionen in den Brunftzeiten Frühling und Herbst. Durch die verschlafene Empirestadt, über der es von Hitze brütet, jagt ein rasendes Menschentier: Otto Eißler, trächtig von seinem Schicksal. Klarheit hat er jetzt durch den Rechtsfreund. Eine Tagsatzung soll in seiner Sache noch stattfinden, nutzlos wird sie vergehen. Nichts mehr nützt! So wird er berufen; immer wieder berufen. Hartnäckig wie ein Bauer, der um einen Grenzstein streitet. Wohin führt das am Ende? Und er, Otto Eißler, hat selber beigetragen, daß es so weit gekommen ist! „Dummer Kerl!“ hört er zischeln um sich; nein, niemand ist da, nur die leeren flimmernden Straßen, – aber der Vetter soll das ja gesagt haben von ihm, der Vetter Robert, der in Wien hockt, breit, gewaltig, unangreifbar. Er, der Reiche, kann ja warten, bis der andere sich zugrunde prozessiert hat; fünfzehntausend Schweizer Franken tauchen bald in Expensen auf; dann fällt die Angelegenheit in nichts zusammen, weil Otto ein Bettler geworden ist. Was aber nachher? Die Frau! Die Kinder! Unmöglich ist es, unmöglich! Im kühlen Waffenladen kommt der Heißgelaufene zu sich. Ein Entschluß beginnt. Alle Gerichte bleiben wehrlos in Sache des Rechtes. Und auch Gott schweigt; er ist ihm nicht wohlgefällig, – niemandem ist er wohlgefällig, er, der Häßliche, von Kind auf Gestoßene. „Gewiß Herr Müller! Mauserpistole samt Patronen. Ja ...“ Ob er mit dem Browning vom Februar zufrieden gewesen sei? – „O, freilich!“ Den Browning trägt er doch stets im Sacke, entsichert und wohlgeladen, – umlagert von Feinden, wie er ist. Aber davon erzählt er nichts. Etwas glättet sich in ihm, wie er die kalte Waffe am Schafte hält und mit dem Abzug spielt. Und nun läßt er sich Munition geben, als gälte es, ein neues Fort Chabrol zu armieren. Es ist der dreiundzwanzigste August.

Zu Hause macht er Bilanz über sich und das Seine. Man hat sich vorzusehen für alle Fälle. Wogegen? Ach, das wird sich schon weisen. Das geschieht doch nicht so einfach aus einem selbst, das packt einem von draußen und findet statt. So heißt es auch immer „fand statt“. Also darum jede Schuld berichtigt, selbst die kleinste! In einer Woche ist er in Ordnung damit. Keine Rückstände! Alles soll sauber liegen hinter ihm. Ja, da ist noch seine Schwester Ida, Witwe nach Exzellenz von Molnar, ungarischen Staatssekretär. Immer war die gut zu ihm; sie sollte man unbedingt aufsuchen, – der armen Frau daheim, den Kindern, kann man nichts zumuten, – die Schwester ist ein kluger starker Mensch, und so einer muß zur Stelle sein für die Seinen, wenn – ja, irgend etwas geschieht, – und wäre es das eigene Leben, das man wegwirft – um den Frieden, – um den endlichen Frieden, nach dreißig Jahren Unrast, Verfolgung, Bitterkeit. Und vorher zwanzig Jahre einsamer Jugend, lichtloser Kindheit ... „Sorge Dich um die Meinen,“ bittet er die Schwester und noch allerlei Verworrenes, das der tödlich Erschrockenen kaum zum Bewußtsein kommt; da ist er auch schon fort.

Er fahrt nach Wien. Früher Morgen. Der letzte Augusttag brennt ab. Die elektrische Kleinbahn surrt grau durch das sommerträge Land. Ringsum Ebene, schattenlos. Erst westwärts in den schwarzblauen Bergen am Rande des Flachlandes strotzen wieder stämmige Waldbäume. Sie mögen sich hüten, daß nicht auch sie bald dem großen Vetter verfallen. Wie es ihm ergeht samt seinem Anspruch und allem, was daran hängt: Die Schwestern, die Gefährtin, die drei Kinder. Das Blut siedet ihm dick in die Schläfen, wenn er versucht, das zu Ende zu denken. Ihnen insgesamt wird noch das Mark ausgesogen durch den höchst unbrüderlichen Bruderssohn, der früher nicht rastet. Man will ihn aber jetzt stellen; von Angesicht zu Angesicht befragen will man ihn, zu letzten Male, ob er sich nicht doch vergleichen mag in zwölfter Stunde? Das muß man, ehe man jede Vernunft fahren läßt, die sich nur mühsam noch, von Wut umschäumt, hinter der glühenden Stirne aufrecht hält. Vielleicht sind die beiden Mitchefs zugegen; die könnten eingreifen, mildern; die haben sich ja nicht so verbissen in diese Menschenjagd. Da ist der Luegerplatz mit der Burg des Feindes, die er nun betritt. Wieder einmal. Denn erst vor wenigen Wochen war er hier, nachdem er zuvor lange heraufgestiert hat vom Rathausparke aus. „Wie eine Wachspuppe“ –, so berichtet einer, der ihn dabei ertappt. Und der Herr Robert würdigte ihn damals kaum einer Antwort und die Bucheinsicht wird ihm auch verweigert; gerade, daß sie ihm nicht schon die Türe weisen. Nein, – das tuen sie doch nicht; von den Angestellten keiner; die verstehen sich mit ihm, weil er freundlich zu ihnen ist, nicht so – wie der! Der Robert! Kommt er heute etwa nicht ins Kontor? Da erteilt der Kassierer Köhler Bescheid: Robert allein sei hier, – und geht eilig weg. Robert – allein –? Stille stemmt einem den Atem zurück, entsetzliche Stille. Gleicht das Chefzimmer nicht plötzlich einem gedämpften Raum, darin eine Leiche liegt? – Der Besuch lehnt sich an den Schreibtisch; den kennt er: Vierzig Jahre war sein Vater Heinrich daran verkettet gewesen, vierzig in Arbeit geknechtete Jahre, – mit einem Fußtritt als Dank zum Abschluß! Das verantwortet – Robert! Immer bleibt er so letzte Ursache jedwedes Unheiles, das ihn und die Seinen martert, er – in seiner unbeugsamen Härte! Auch im Hause hier mögen sie ihn sicherlich alle nicht. Man tuschelt mancherlei. Da ist der Jakob Singer, – den hat er einmal mit zerrissenen Schuhen stundenlang im Schnee warten lassen, und wie der vor ihm frostzitternd von einem Fuß auf den anderen tritt, schreit er ihn an: „Hund, kannst du nicht habt acht stehen?“ Und der Ernst, sein Cousin, der weiß, wie der Robert beim Militär die armen Soldaten angeblasen hat wegen dem Grüßen. Und solche Geschichten gibt’s genug von dem Robert, zum Beispiel die mit dem Vetter Otto, he? Mit ihm selbst? – Die Hände würgen in den Säcken des schlotternden Anzuges; sie spüren Kühle, Metall: Die Pistolen! Und da tritt auch der Vetter ein, scheinbar nicht eben erfreut über den Gast, den er vorfindet. Freilich, gerade heute, wo ihn der Kopf wohl von Wichtigerem summt, wo unter anderem die deutsche Mark von den rheinischen Kollegen abgefeilt endgültig ins Bodenlose saust, – da sind andere Sorgen am Ruder und andere Pläne. Und schon hält er auch das Telephon in der Hand und rasch zuvorkommend in des Wortes engster Bedeutung wirft er es hin zwischen zwei Geschäftsgesprächen: „Ich werde lieber sieben Jahre prozessieren, als dir die Rente bezahlen.“ Da wird alles rot, roter wogender Nebel, drinnen schwankt der Schreibtisch des alten Heinrich wie ein Schiff im Untergang. Wo klammert man sich fest, daß es einen nicht niederreißt, hinab zu den goldlüsternen Haifischen, die nun wieder Beute wittern, zahllose Beute? Die Kolben in den Taschen bäumen sich; man möchte sie zurückzwingen, aber nun halten sie einen fest, wachsen einem in die Fäuste, wühlen sich aufwärts, drängen ans Licht. Was sagt der drüben? – „Du kannst noch sieben Jahre Prozeß führen.“ Bis dahin hat man doch keine Faser am Leibe mehr, die einem gehört! Und jetzt weiter: „Von mir aus könnt ihr alle krepieren!“ Nein! Das nicht! Das muß Täuschung sein, sausen in den Ohren! Die Kolben rücken über den Rand der Säcke, – verlängerte Hände sind sie und ihre Läufe steile Finger, die auf den Menschen weisen, der dort ruhig sitzt und telephoniert. Ja hübsch ruhig, während ihm gegenüber sein Blutsverwandter an der gleichen Stelle zugrunde geht, wo man schon seinem Vater die Knochen gebrochen hat. Trotz des Rechtes, das hinter beiden stand, sie hatten recht, – bloß der andere war schlauer! – „Dummer Kerl!“ – Wer ruft so? – Der drüben? Der – am Telephon? Und hätte er es auch nicht ausgesprochen, – jede seiner Gesten, die ihn abstreifen, schreit es ihm zu, jeder seiner Blicke, der ihn anspuckt. Wahrhaftig, das ist kein Mensch mehr! Das ist das Geld selbst, das da vor einem thront, ungeheuer, unbarmherzig, angemästet mit allem Elend der Erde, vollgesoffen aus den Wunden ihrer Schlachten und dennoch unersättlich gierig nach Blut und Blut und Blut! Alles Bauch, wälderzermalmender, menschenkauender Bauch! Die Welt muß man erlösen von ihm – man muß – und los! – oh jauchzende Himmelfahrt der feuerblitzenden Hände – weiter – oh unfaßbare Befreiung im Donner der ersten krachenden Schüsse – weiter – oh überirdischer Rausch, der den Krampf eines Lebens entbindet, – weiter – da drüben taumelt einer, ächzt, speit rot – weiter – als Barrikade den Schreibtisch des Vaters, Opferblock, wo nun wieder geschlachtet wird, – weiter – Blut wäscht ihn rein, Blut sühnt – weiter – das krümmt sich dort auf, röchelt, sinkt ein, wie eine Marionette, der man die Drähte gekappt hat – weiter – Türen klaffen, Gesichter schreien und flattern durch Rauch, – man hört nichts mehr davon – man sieht nichts mehr, – man weiß nur eines: Man hat es dem Golde gegeben, man hat dem Golde in den Bauch geschossen, sechsmal –

Und nun rasch die letzte Kugel durch den eigenen Schädel! Abschied im Zenith der Tat! Ihn soll keiner noch je angrinsen, keiner ihn verhöhnen, eine Millionenstadt hebt nun seinen Namen über alle Gischt ihrer täglichen Helden hinaus, – – aber schon dringen aus dem blassen Haupte drüben, um das sich Entsetzen und Grauen schart, ein paar furchtbar klarer Worte:

„Wie oft hat dieser dumme Kerl geschossen?“

„Dieser dumme Kerl –“ Das war es wieder und unleugbar laut! Also auch jetzt ist er für den dort noch nichts anderes, auch daß er ihm den Tod sechsfach ins Fleisch geimpft hat, zählt nicht. Der stirbt, ohne Kenntnis zu nehmen von seinem Mörder, stirbt voll verzweifelter Wut über einen blöden unsinnigen Zufall, der ihn mitten aus seinen Plänen und Werken reißt, – denn das ist ihm der Vetter samt seiner Tat: Ein Ziegelstein vom Dache! Ein Auto, das sich mit ihm überschlug! Stupide Tücke eines Dinges! Mehr nicht!

Der Mörder läßt die Arme baumeln wie schlaffe Peitschenschnüre. Mühelos entwindet man ihm die Waffen; ingrimmig stößt er etwas hervor, – „es ist nicht schade um den“ will ein Zeuge gehört haben, – und dann sagt eine Uniform:

„Im Namen des Gesetzes –“

Und neuerlich kommt drüben die Stimme des anderen. Aber dieses Mal ist sie leise und von einem fremden Klang. „Bauchschuß – ich sterbe, – Herr Doktor, – wie lange habe ich noch zu leben?“ und „– meine arme Frau, – meine Kinder –“ Die Maske der Macht gleitet nieder von dem Antlitz eines Menschen, der sich sterben weiß. Und dieses Antlitz ist ganz bleich, ganz rein, – wie das eines Genesenden von einem schweren qualvollen Leid.

Der Täter gewahrt das nicht mehr. Eine Entspannung lockert ihn. Ruhig läßt er sich abführen.

Er gewahrt auch das Größere nicht. Daß man im Leben stets nur einen Feind hat. Den man vergeblich vernichten würde, und wäre es durch tausend Leiber. Weil er sich im Nebenmenschen am Widerspruche zu dem Nachbarwesen immer neuerlich entzündet. Weil das Ich schuld trägt daran und seine schicksalshafte Gegensätzlichkeit zu einem ebenso bestimmt gearteten anderen Ich. Darum begegnet man ihm immer wieder. Erledigt ihn mit keiner Gewalt. Vielleicht nur durch klare wehrlose Güte, wenn sie ihn überzeugt: Mit Selbstaufopferung.

Robert Eißler wurde so sein Feind. Als Urgegner des Undeutbaren, des Unentschlossenen, des Wegelosen, des vom Gefühle Überschwemmten. Ein Ekstatiker seines Lebensbekenntnisses, das hier „Gold“ hieß. Aber auch andere Namen hätte führen können: Kampf, Herrschaft, Gott, Gesetz!

Wenige Stunden nach jenem Überfalle stirbt Robert Eißler. Die Kugeln haben sein Inneres fast zerfleischt: Zu sechzehn Wunden.

Und acht Monate später steht Otto Eißler in Wien vor der Apostelzahl der zwölf Geschworenen und ihrem Vorsitzenden, dem Gesetze in Menschengestalt.

Der Vorsitzende nennt sich: Hofrat Doktor Ramsauer.