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Seeteufel: Abenteuer aus meinem Leben cover

Seeteufel: Abenteuer aus meinem Leben

Chapter 17: Dritter Teil.
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About This Book

A first-person account follows a seafarer from youthful apprenticeship through worldwide voyages and naval service, charting advancement to command, wartime cruising under sail, blockade-running and prize-taking, and the loss of a vessel leading to island survival. The narrative details an arduous open-boat passage, imprisonment and escape, and the daily routines, camaraderie, and moral codes that shape life at sea. Chapters combine episodic adventure, procedural reflections on seamanship and discipline, and portraits of shipmates, supplemented by numerous illustrations and crew lists.

»T X B«

Noch einmal nachgeblättert! Ich hole Atem, einen kurzen Zug. Dann:

»Fortsätte reisen!«

Die Erlösung! Es ist, als wenn alles stehen bleibt im Körper ... ein unbeschreibliches Gefühl, wie die Freude einströmt und die Aufregung aus dem Körper wegdrückt, zwei Faktoren, die mit so krassem Gegensatz gegeneinander toben. Man fühlte förmlich, daß das Herz zwei Klappen hat. Nun runter, wo die Jungs sind, wo Kircheiß mit seinen Leuten brave Wache ging, schnell, damit sie aufgefrischt werden, und daß keine Zündschnur wieder anbrennt.

»Leute, gerettet, Reise fortsetzen

Wie drückten sich die Hände! Sie mußten sich meistern, sie durften noch nicht herauf, damit nicht durch eine Unvorsichtigkeit alles wieder aufs Spiel gesetzt wurde. Da ging der Kreuzer an uns vorbei, keine Gläser, keine Kanonen mehr auf uns gerichtet. Da, wieder ein Signal, geheißt in der Gaffel, das Signal, das jeder Seemann dem andern wünscht; da brauchten wir kein Signalbuch mehr, das Signal: »Glückliche Reise«. Konnten wir mehr verlangen vom Feind, wie »Glückliche Reise«? Wir dippten unsere norwegische Flagge dreimal so recht vertrauenbestätigend, und dann ging von uns das Signal auf »Danke«.

Der Kreuzer kam außer Sicht. Meine Jungs, die ihn noch einmal sehen wollten, kamen herauf und schauten sich durch die Bullaugen den Feind an.

»John Bull, wat hest du di verkeken! Du hest den Richtigen ›Glückliche Reis‹ wünscht, di könn wi bruken.«

Ein Glückwünschen! Jeder drückt seine Hand fest in die des andern: »Glückliche Reise, Kapitän!«

»Jungs, jetzt lat uns Wihnachten fiern! Jetzt hevt wi de Berechtigung.«

Ich stelle es ihnen frei: »Feiern wir auf ›Irma‹ oder unter deutscher Flagge auf ›Seeadler‹, in Maske oder in kaiserlicher Uniform?«

»Unter der Flagge, op Seeodler, wüllt wi fiern!«

»... Unter der Flagge, auf ›Seeadler‹, wollen wir feiern!«

»Jungs, wißt ihr, was dann noch zu tun ist vorher? Die ganze Deckladung über Bord zu werfen.«

Sie waren ja müde, aber wie die Heinzelmännchen gingen sie an die Arbeit; die Laschings werden gesprengt und die Deckladung fliegt über Bord. In drei Stunden war das Deck rein, an dem wir acht Tage gebaut hatten. Unser Geschütz wurde aufgestellt, ein Probeschuß abgefeuert, ob de »olle Kanon« auch ging.

Meine Aufgabe war es inzwischen, den Weihnachtsbaum, den wir aus der Heimat mitgenommen hatten, zu schmücken. Wenn je ein Weihnachtsbaum aufgeputzt worden ist mit Liebe und aller Herzlichkeit, so tat ich es da für meine Jungs. Liebesgaben aus der Heimat hatten wir die Menge. Da wurde aufgebaut! Und als ich fertig bin, wird gemeldet: »Die Flagge weht, die Kanone steht, S. M. S. ›Seeadler‹ ist klar.« Schmuck in blauen Uniformen wurde Weihnachten gefeiert. Dicht gedrängt saßen wir im Salon, in dem engen Raum; es war kaum Platz, man setzte sich auf den Tisch, damit man ja mit allen Jungs zusammensitzen konnte. Die Bilder, die da nun nicht mehr hingehörten, wurden von der Wand genommen und diejenigen aufgemacht, die hingehörten. Um unsern Schutzengel kam ein Weihnachtskranz und ein zweiter um unsern obersten Kriegsherrn. Nun ruhten aller Gedanken daheim bei den Angehörigen aus. Keiner von ihnen wußte, wo wir waren. Jede Meile brachte uns weiter weg, umringt von Feinden, keine Hilfe von der Heimat konnte uns mehr kommen. Aber, wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg, und wir wollten dem deutschen Namen Ehre machen und den Feinden zeigen, was deutsch ist, wenn wir auch nur eine kleine Schar von 64 waren.

Und dann kam der Tag nach Weihnachten, an dem uns der Wind nach Süden brachte. ...

Welche Vorkehrungen hätten wir gehabt, für den Fall, daß das Schiff als verdächtig gegolten hätte? Wir waren darauf vorbereitet, denn wir kannten die Art und Weise, wie die Engländer verdächtige Fahrzeuge handhaben. Der englische Kreuzer würde uns ein Prisenkommando an Bord geschickt haben, unter dessen Befehl ich das Schiff nach dem Untersuchungshafen hätte navigieren sollen. Um in diesem Falle das Schiff möglichst ohne Blutvergießen dem Prisenkommando wieder abzunehmen, hatte Dr. Claußen von der Tecklenborgwerft folgende Vorbereitungen vorgesehen.

Der Salon sollte aus dem Schiffskörper ausgeschnitten und fahrstuhlartig in einer hydraulischen Presse aufgehängt werden. Sein Fußboden war unter Deck diagonal durch eiserne Träger unterstützt, damit er Halt hätte. War das Schiff in Feindeshand, so würden die feindlichen Offiziere und die Besatzung in diesem Salon wohnen. An Deck wären sechs oder sieben Engländer zur Bewachung meiner Zivilbesatzung.

Wenn nun der britische Kreuzer außer Sicht war, dann wäre Alarm gegeben worden, um das Schiff wieder in unsere Hand zu bringen. In einem Waschraum war ein kleines Schränkchen, worin meine Uniform mit Orden und Ehrenzeichen hing. Ich hätte meinen Zivilmantel darübergezogen und an Deck laut das Stichwort gerufen: »Mars fallen, durchholen.« Im selben Augenblick sollte die Freiwache (unsere »norwegische« Besatzung) in die Takelage gehen zu den geheimnisvollen Türen, wo ihre Waffen und Uniformen hingen. Die Mannschaft unter Deck erhält durch ein leichtes Klingelzeichen Bescheid. Dann wäre durch das einfache Drücken auf einen Knopf der Salon in die Tiefe gesaust, mit Sofa, Tisch und Stühlen, und drunten wären die englischen Offiziere plötzlich fünfzehn Mann gegenüber gesessen, die sie mit aufgepflanztem Bajonett, Gewehr angelegt, empfangen hätten. Im gleichen Augenblick ging die deutsche Kriegsflagge hoch, die in einem Sack eingenäht war. Oben auf Deck wären meine Leute unter Trommelklang aus allen Räumen hervorgetreten, die Gewehre auf die britische Wache angelegt. Ein Maschinengewehr stand vorn, auch oben im Mast eines. Was hätten die Armen machen wollen? Es wäre glimpflich abgegangen.

Dieser Claußensche Plan war glänzend, aber es war doch gut, daß die Verschleierungsrolle gelang, denn infolge der verfrühten Abfahrt der »Maletta« war diese »Saloneinrichtung« nicht mehr ganz fertig geworden.


Zwölftes Kapitel.
Kaperfahrt.

Wir gingen gen Süden und steuerten mit vollen Segeln ohne Motor auf Madeira zu. Der Motor hatte trotz unserem tüchtigen Personal viele Pannen. Da ein Segelschiff durch den Druck der Segel stets nach einer Seite überliegt, wurden die Kolbenringe des Kompressors stark einseitig abgenutzt, und die Gebrauchsfähigkeit des Motors wurde besonders dadurch sehr herabgesetzt, daß das uns mitgegebene Schmieröl bereits schon einmal gebraucht war. Im Vaterlande war das Schmieröl, wie so vieles andere knapp geworden, und da unser Unternehmen nur bei wenigen, wie Kapt. z. S. Graßhoff und Toussaint, Vertrauen fand, und fast von jedermann sonst als ein verlorenes angesehen wurde, so wollte man nicht viel an uns wenden. So liefen wir meist mit ausgekuppeltem Motor.

Jetzt durfte man den Salon und alle Kammern wohnlich herrichten, die schönen Teppiche, Bilder, Sessel wurden ans Licht gebracht. Was hatte die Werft brav vorgesorgt; alles hatten wir an Bord bis zu Meyers Konversationslexikon, das uns besonders wertvoll war, denn es sagte uns jeden Fisch und war Schiedsrichter in den gelehrten Streitfragen, die menschlicher Fürwitz bei so langem Bordleben aufwirft. An Deck und in den Räumen wurde überall gemalt, das Teakholz außen gescheuert, damit man sich wieder auf einem deutschen Kriegsschiff fühlte. Das Schmuddelige wurde hinausgebracht und das Schöne, Saubere, Glänzende, das mußte heran. Jetzt fühlte man sich, wenn die »Plumböm«, so nannten wir die Masten, sich unter den Segeln bogen. Alles war froh und frei und ohne Sorgen auf unserem Schiff. Wir hatten Weisung, nur Segelschiffe anzugreifen. Segler gegen Dampfer, das geht doch nicht! Vielleicht war auch dies der Grund, weshalb man uns so schlechte Armierung mitgegeben hatte. Von unseren zwei Kanonen konnte natürlich immer nur eine in Aktion gegen den Feind treten; mit einer Kanone konnte man kein Trommelfeuer machen. Über das Wenige, was wir hatten, wollten wir aber vollkommen Herr sein. Die Geschützmannschaft exerzierte aus eigener Lust an der Sache und war so eingeschult, daß kein Schiff eine bessere hatte. Durch Drill und Präzision waren wir ein nicht zu verachtender Gegner. Unsere Armierung war und blieb freilich schwach, und strategische Regeln und normale Kriegskunst zur See konnten ein Segelschiff nicht zu erfolgreichem Krieg befähigen, so daß das geringe Vertrauen in unsere noch nie erprobte Sache am Ende nicht so unbegreiflich war. Aber wir verließen uns auf Treue, Willen und deutschen Geist, der, wenn er frisch ist, allen über ist. Dazu die Kriegslist. Bluff und Schneid sollten unsere eigentliche, aber unsichtbare Armierung sein.

Wir hatten zwei Ausguckposten. Eine Ausgucktonne mit einem bequemen Sitz darin befand sich hoch oben im Mast. Nur ein Mann, der gemütlich und geschützt sitzt, paßt auch gut auf. Zweitens saß im Vormast einer von den Unteroffizieren. Derjenige, der zuerst ein Schiff meldete, bekam eine Flasche Champagner. So war da stets ein Wettgucken, denn einer gönnte dem andern die Meldung nicht. Überall arbeiteten die Augen umher, jeder hatte das Bedürfnis, die Pulle Schum zu sehen.

Es erwies sich, daß wir ein vorzügliches seemännisches Personal an Bord hatten, biedere Leute, denen keine seemännische Arbeit zu viel war und die Hand anlegen konnten, wo es galt.

In der Höhe der Straße von Gibraltar wurde am 11. Januar ein Dampfer an Backbord gemeldet. Das Jungfernschiff! Welche Aufregung. Einen Dampfer sollten wir doch nicht angreifen. Ja, man kann vieles versprechen, aber wenn vom Schiffsjungen bis zum Kommandanten ein frischer Geist weht, dann hält man es nicht.

Wir heißen das Signal: »Bitte um Chronometerzeit!«

Ein Segelschiff ist meist knapp mit Uhrzeit, wenn es lange von Land fern war.

Wir zeigten uns zunächst als Norweger; der Zivilmantel, der immer im Kartenhaus hing, wurde angezogen. Der Teil der Besatzung, der Waffen trug, lag hinter der Reeling an Deck.

Der Dampfer kam auf uns zu, zeigte das Verstanden-Signal, den Antwortwimpel. Er kam von luvwärts, da konnten wir nicht hin. Ist es ein Engländer? Er hat keinen Namen. Dann ist es aber sicher einer, denn die sind namenlos geworden im Krieg! Auch der Bau sah nach England aus.

Er kommt näher heran und will dem alten verschlafenen Norweger die erbetene Chronometerzeit geben. »Wollen wir ihn angreifen?« frage ich die Mannschaft, die sich durch die Speigatten den Feind anguckt. »Jo, sicher, wi gripen em, he is ’n Engländer.« »Klar Schiff zum Gefecht!« Die Trommel rührt an, die Pforte fällt herunter, denn das Geschütz stand so, daß ein Teil der Reeling heruntergeklappt werden konnte. Kriegsflagge hoch, Signal herunter, und dann: Schuß vor den Bug! Endlich der erste Schuß auf den Feind.

Was ist denn das? Er reagiert gar nicht, heißt aber die englische Flagge. Noch ein Schuß, bumssssss ... da auf einmal dreht er ab. Halloh, jetzt will er ausreißen. Noch ein Schuß über den Schornstein hinweg, dann noch einen über den Bug, und nun dreht er bei. Ehe wir’s uns versehen, hatte er sein Boot zu Wasser, und Kapitän Chewn von der »Gladys Royal«, der mit 5000 Tonnen Kohle von Cardiff nach Buenos Aires unterwegs war, kam herüber, was eigentlich unsere Aufgabe war.

»... Ehe wir’s uns versahen, hatte er sein Boot zu Wasser.«

Der alte, schneeweiße Mann bittet mich: »Lassen Sie doch mein altes Schiff, ich fahre nach einem neutralen Hafen, ich habe Frau und Kinder daheim.«

»Glauben Sie, Mister Chewn, daß ein deutsches Schiff, das hier gefunden würde, Schonung erführe?«, fragte ich ihn.

Es erklärte sich jetzt, warum er auf den ersten Schuß nicht reagiert hatte. Er war der Meinung gewesen, wir schössen mit einem Böller, um nach altmodischer Art Uhrvergleich zu machen. Deswegen hatte er die britische Flagge geheißt; diese und nicht der Böllerschuß sollte die Uhrzeit angeben, wenn sie wieder herabgeholt würde. Beim zweiten Schuß hatte sein Koch eine Granate einschlagen sehen und ein U-Boot gemeldet, daher die Flucht. Erst beim dritten Schuß hatten sie unser Mündungsfeuer gesehen und dann auch die Kriegsflagge beachtet. »By Jove, that’s the best catch I ever saw.« (Beim Himmel, das ist die beste Falle, die ich je sah.«)

Ich schickte den Kapitän wieder an Bord seines Schiffes. Dann wurde von ihm, seinen Leuten und unserer Prisenbesatzung unter Leutnant Pries alles Wünschenswerte zusammengepackt und herübergeholt, insbesondere der feine Proviant, den ich ja für unsere neuen Gäste brauchte. Dann wurden die 26 Engländer und Farbigen bei uns einlogiert; der Dampfer, der unserem »Admiralsschiff« Seeadler im Kielwasser gefolgt war, rasch noch photographiert. Der war ja mehr wert, als der ganze »Seeadler«, und unsere Fahrt begann sich zu lohnen. Als der Abend heraufdunkelte, wurde die Sprengbombe angelegt, denn wir mußten damit rechnen, daß Kreuzer in der Nähe wären.

Unsere erste Prise verläßt die Oberfläche.

Nach zehn Minuten ging der Bug unter Wasser. Das Heck trotzte eine ziemliche Weile. Wie es noch herausschaut, nähert sich ein Dampfer, den wir nach seinen Seitenlichtern für einen neutralen hielten, der »Unfallstelle«. Es war ein Zeitraum höchster Spannung. Aber gerade noch zur rechten Zeit gibt es eine zweite Explosion, der Luftdruck reißt das Heck auseinander, eine Wasserfontäne springt auf, das Schiff verschwindet in der Tiefe und steuert seinen letzten Kurs. Eine Menge Hölzer und Bretter zeigt die Versenkstelle an, und wir fahren als harmloses Segelschiff weiter und wissen von nichts. Neutrale oder für neutral zu haltende Schiffe bedeuten für uns eine große Ungelegenheit. Hielten wir sie an und untersuchten sie, dann konnten sie uns nachher, nachdem wir sie freigegeben hatten, verraten; denn unsere Stärke bestand ja vor allem darin, daß der Feind keine Ahnung von einem Segelschiff als Hilfskreuzer hatte.

Mister Chewn war sehr erstaunt, daß ihm eine so nette Kajüte vorgesetzt wurde, noch mehr aber darüber, daß er darin der erste war. »Only me?«, fragte er recht unglücklich. Wir versprachen ihm, möglichst bald für Gesellschaft zu sorgen. Bootsmann Dreyer freute sich am meisten, Feinde an Bord zu haben; endlich waren Arbeitshände genug da, um das Zwischendeck und die große Mannschaftsküche einzurichten.

Leider ein Neutraler!

Wir vermuteten in einer »guten« Gegend zu sein und steuerten weiter auf Madeira zu. Am nächsten Mittag wurde ein Dampfer gesichtet, der quer zu unserem Kurse fuhr. Auf unsere Signale reagiert er nicht. Der Motor wird klar gemacht, die Schraube eingekuppelt. Wir fahren auf den Dampfer zu, bis unsere Kurse sich beinahe kreuzen. Ausweichen konnten wir nicht mehr, nur das Schiff durchdrehen und im Winde schießen lassen. Wir werden dazu gezwungen, da der Dampfer seinerseits nichts veranlaßte, um einen Zusammenstoß zu vermeiden, obwohl nach dem Straßenrecht auf See ein Dampfer jedem Segelschiff ausweichen muß. Wir erkennen in ihm einen Engländer; er passiert dicht bei 300 Meter Entfernung. Alle Segel werden aufgegeit, Kriegsflagge geheißt und sofort geschossen. Er geht mit äußerster Kraft weiter. Wieder ein Schuß. Er dreht sein Schiff in den Wind, weil er ganz richtig glaubt, ein Segelschiff kann gegen den Wind nicht folgen. Wir fangen an rücksichtslos zu schießen, um zu treffen, sehen auch wiederholt Einschläge am Schiff, bis endlich ein Treffer an Deck einschlägt. Man sieht die Menschen an Bord hin- und herlaufen, hört die Dampfpfeife heulen. Die Schraube stoppt. Wir fahren näher, und weil der Kapitän das Leben seiner Mannschaft so kalt gefährdet hatte, setzten wir kein Boot aus, sondern ließen sie zur Strafe selbst herüberkommen.

Es war die »Lundy Island«, ein schöner großer Dampfer, offenkundig auf der Heimreise, denn die Deckmalerei war schon überall fertig.

Die Ruderkette des Dampfers war von der Granate getroffen, er gehorchte dem Steuer nicht mehr. Schon nach dem ersten Schuß war der schneidige Kapitän gezwungen gewesen, selbst ans Ruder zu gehen, weil alles davonlief. Nachdem dann alle seine Leute planlos ihre Boote zu Wasser gelassen hatten, war er allein an Bord zurückgeblieben und lief mit seiner Handtasche auf der Brücke hin und her.

Die feindliche Mannschaft ruderte so schlecht, daß wir Erbarmen fühlten und schließlich ein eigenes Boot aussetzten.

Im letzten Boot kommt der Kapitän an, ich lasse ihn nach Achterdeck bitten und halte ihm seinen Leichtsinn vor. Weshalb er sich nur so benommen hätte?

In diesem Augenblick kommt unser Schiffsarzt, Dr. Pietsch, der schon auf »Möwe« eine Kaperfahrt mitgemacht hatte.

Die beiden stutzen und sehen sich an.

»Hallo, Kapitän!«

»Hallo, Doktor!«

Kapitän Barton hatte schon einmal durch die »Möwe« sein Schiff verloren und befand sich nun wieder auf seiner ersten Ausfahrt nach der Freilassung von der »Möwe.« Er hatte sich eingebildet, wir würden ihn hängen, weil er bei seiner ersten Gefangennahme einen Revers unterschrieben hatte, sich nicht mehr im Kriege zu betätigen. Aus diesem Grund hatte er alles daran gesetzt, zu entkommen. Er fühlte sich erleichtert, als ich ihm sagte, der Revers bezöge sich nur auf kriegerische Handlungen, auf einem Dampfer könnte er ruhig fahren. Sein tapferes Verhalten fand überall Anerkennung.

»... Er fühlte sich erleichtert.«
Kapitän Barton, zum zweitenmal »Kaptein ohn’ Schip«.

Die »Lundy Island« hatte 4500 Tonnen Zucker aus Madagaskar. Da sehr rauhes Wetter war, wurde das Schiff nicht durch Sprengbomben, sondern durch Granatfeuer versenkt. Wer sich außer uns am meisten über den Gästezuwachs freute, war Kapitän Chewn. Auch die Mannschaften fanden Bekannte untereinander. Wir hatten nun schon verschiedene Rassen an Bord, Weiße, Schwarze und Malayen. Die Leute äußerten weit weniger Kummer über die versenkten Schiffe als vermutlich die französische Regierung empfand, für welche der Zucker bestimmt gewesen war.

Eines Morgens tauchte im Nordostpassat ein Schiff mit vollen Segeln auf und kam schnell näher. Wir erkannten eine große Bark, die, wie sie uns sah, stolz die Trikolore heißte, und das Signal: »Was gibt es Neues vom Krieg?« Wir steuern dicht heran, heißen Kriegsflagge und das Signal: »Drehen Sie bei.« Er gehorcht sofort. Das Prisenboot setzt hinüber; nachdem die feindliche Besatzung all ihr Hab und Gut gepackt, wird sie zu uns herübergenommen.

Man muß den Franzosen kennen: Es ist ihm stets besonders schmerzlich, sein Schiff zu verlassen, mit dem ihn eine besondere Heimatsliebe verbindet. Kein französischer Matrose fährt auf einem fremden Schiff und kein Nichtfranzose auf einem französischen, während bei den anderen Nationen die Schiffsmannschaft bunt durcheinander geht. Auch hat der Franzose ein anderes Seemannsgesetz; das Desertieren ist bei ihm ein außerordentlich schweres Vergehen, während es auf manchem anderen Schiff höchstens mit zwanzig Mark gebüßt wird.

»Charles Gounod« steuert ihren letzten Kurs.

Es war die »Charles Gounod«, die mit Mais von Durban kam. Ich habe ein sehr bescheidenes Musikverständnis, aber mein Lieblingslied ist Gounods »Liebchen komm’ mit in das duftige Grün«. Nun muß ich also gerade meinen Lieblingskomponisten versenken! Der Kapitän imponierte mir außerordentlich, nicht nur durch seine hohe Bildung, sondern vor allem durch die Aufrichtigkeit, mit welcher er zu verstehen gab, daß er unser Feind sei. Er verhielt sich peinlich korrekt, respektvoll gegen den Feind, aber vermied den leisesten Hauch einer Annäherung.

Der letzte Augenblick über Wasser.

Es erfolgte nun die Übernahme des Proviantes. Viel Rotwein und drei große fette Schweine wurden herübergebracht. »Piperle« war wieder der erste mit im Boot gewesen. Sobald ein Schiff in Sicht kam, wich er nicht von der Stelle, wo das Boot ins Wasser gelassen wurde. Kläffend raste er dann an Bord des gekaperten Schiffes umher, ob nicht ein Kollege zu finden wäre. Piperle war ein Original von Tier, der Liebling von Freund und Feind an Bord. Es war ein Hund, der nie das Gefühl hatte, »das ist mein Herr«, sondern »alle sind meine Freunde«. Er kannte jeden einzelnen. Morgens war sein erster Weg durch das Schiff, um jeden zu begrüßen und wieder von jedem begrüßt zu werden. Selbst an die Uhrzeiten hatte er sich gewöhnt. Besonders, wenn Proviantausgabe ist, wird er nie fehlen, um mit dem Proviantmeister in den Proviantraum zu gehen, wo allerlei Leckerbissen für ihn abfallen. Von hier hat er’s bereits wieder eilig, dem »Schnäuzchen« guten Tag zu sagen; trotzdem sie ihn immer, sowie er die Kajüte betritt, als neidischer Teckel anknurrt, bleibt er stets der alte, brave, entgegenkommende Kerl. Lange hält er sich nicht auf; eine kurze Visitenkartenabgabe an die Portiere, zum Zeichen, daß er da war, und er verschwindet wieder, ob sich nicht mittlerweile an Deck etwas ereignet hat, wo er dabei sein muß. Da steht er dann, hier und dort mal über Bord und mit der Nase in der Luft schnüffelnd, ob er nicht auch einmal ein Schiff entdecken und melden kann.

Unser Kurs führte uns zunächst nach unserem Piratenrevier, das sich auf 5 Grad nördlich vom Äquator und 30 Grad westlicher Länge befand. Es war insofern hier unser günstigstes Gebiet, als alle Segelschiffe, die aus dem Südostpassat kommen und nach Norden steuern, die Gegend dieser Längen- und Breitengrade schneiden müssen. Da hier ein steter gleichmäßiger Passat weht, kein schlechtes Wetter vorkommt und die Luft weithin sichtig ist, so hatten wir die Möglichkeit, von unseren hohen Masten 30 Seemeilen nach jeder Seite zu übersehen.

Auch ein Kapitän, der sich gerade auf der Hochzeitsreise befand, lief dem gemütlich zwinkernden Seeteufel in die Arme. Wir sahen einen Dreimastschoner und glaubten zunächst, es sei ein Amerikaner, weil die Yankees diesen Schonertyp bevorzugen. Es konnte möglicherweise aber auch ein kanadischer Schoner sein. Da wir uns damals noch nicht mit Amerika im Krieg befanden, hielten wir es für richtig, um unerkannt zu bleiben, ihn nicht anzugreifen, sondern heißten nur die norwegische Flagge, um ihn zu veranlassen, auch die seinige zu zeigen. Der Kapitän auf dem Schoner antwortete nicht mit derselben Höflichkeit, sondern mochte bei sich denken: »Was geht mich der Norweger an?« Wir holten die Flagge zum Gruß herunter und heißten sie wieder auf. Seine junge Frau, die das sah, warf ihrem Manne vor, daß er doch reichlich unhöflich sei, und forderte ihn auf, wenigstens seine Flagge zu zeigen. Wir selbst dachten schon bei uns: »Laß den Flegel laufen,« da ruft plötzlich der Ausguck: »Das ist kein Amerikaner, die englische Flagge geht hoch!« Hart Steuerbord! Er war ziemlich weit ab. Kriegsflagge hoch, Schuß vorn Bug! Es erfolgt nichts: noch einen Schuß! Der Schoner dreht bei. Es war der kanadische Schoner »Percé«.

Der Kapitän hatte anfangs geglaubt, als die Granate auf 500 bis 600 Meter vor ihm einschlug, es sei ein Walfisch, und hatte deshalb keine Notiz genommen. Durch unsere Gläser erkennen wir, daß ein weibliches Wesen sehr nervös an Deck hin- und herläuft. Das Prisenboot wird ausgesetzt, und unser höflicher Prisenoffizier, der es außerordentlich versteht, durch sein korrektes Verhalten, seine riesige, imposante Erscheinung und sein ruhiges Wesen aufgeregte Gemüter zu beruhigen, tröstet ritterlich die junge Frau. Obwohl wir anfangs nicht sehr angenehm berührt waren, bei unserm rauhen Handwerk zartes Geschlecht an Bord zu bekommen, so hat uns doch diese junge Frau mit ihrem sonnigen Wesen manche Abwechslung gebracht. Sie wurde auch sehr verwöhnt und genoß jede Bequemlichkeit, und sie selbst war in keiner Weise verzagt, sondern betrachtete auch dieses Flitterwochenereignis vom sportlichen Standpunkt. Den »Percé« zu versenken, war schwierig, da er Klippfisch geladen hatte; wir schossen ihn leck und ließen ihn treiben; er muß dann durch Vollsaugen mit Wasser schließlich weggesunken sein.

»... Schiff auf Schiff wurde so versenkt.«

Schiff auf Schiff wurde so versenkt, viele tausend Tonnen lagen bereits auf dem Meeresboden, als der Ausguck eines Morgens wieder einmal »Dampfer achteraus« ruft. Man erkennt ein großes Schiff, das mit äußerster Kraft das Meer durchfurcht. Wir bleiben zunächst Segelschiff und bitten wie üblich um Chronometerzeit. Der Dampfer reagiert nicht darauf, er denkt sich erst, »laßt diesen Windjammer anderswo seine Uhrzeit herholen«. Aber wir hatten andere Mittel, unser Rauchapparat tritt in Tätigkeit. Schwarze Rauchwolken mit rotem Magnesiumfeuer steigen aus dem Schiff, so daß es den Eindruck erweckt: »Das Schiff brennt.« Der Dampfer reagiert, er kommt auf uns zu, wir vermindern den Rauch. Vorbereitung zu »Klar Schiff«, d. h. 30 meiner Jungs liegen mit Gewehren hinter der Bordwand, so daß sie von außen nicht zu sehen sind. Vier weitere stehen in Zivil an Deck. »Jeanette, mak di kloar!« In weißem Kleid und blonder Perücke, die hell in der Tropensonne leuchtet, wandelt sie an Deck. Oben, 50 Meter hoch auf der obersten Rahe, im Vor-, Groß- und Kreuzmast stehen diejenigen meiner Jungs, welche die kräftigste Stimme im Leibe hatten, ein Megaphon, ein weittönendes Sprachrohr zur Hand. Wir verhielten uns zunächst als neutrales Schiff, um den Dampfer nahe herankommen zu lassen, und auch festzustellen, ob es nicht unter Umständen ein feindlicher Hilfskreuzer wäre. Die alte Kanone war maskiert durch den Schweinestall.

»... Wir verhielten uns noch als neutrales Schiff.«

Als der Dampfer quer ab ist, ruft der dicke Kapitän ganz nah herüber: »Was ist los mit euch?«

Keine Antwort. Wir drehen den Rauchaugust zu.

Die Offiziere und Mannschaften werfen Stielaugen auf die schöne Frau des Segelschiffskapitäns und denken bei sich: »Der hat einen feinen Geschmack.« Der Dampfer liegt günstig und dicht heran. Jetzt ist der Moment ihn zu fangen.

»Klar Schiff zum Gefecht.« Kriegsflagge und Kommandozeichen gehen hoch, der rotweiße Freibeuter wird geheißt. Wir waren das einzige Schiff des Weltkrieges, das unter Piratenwimpel fuhr. Es ist dies ein meterlanger, roter, schmaler Wimpel, der am Ende einen weißen Totenkopf führt. Fürchterlich! Jeanette reißt die Druckknöpfe ihres Kleides auf, steht im Nu als blauer Junge da und winkt mit der Perücke.

Ein Entsetzen! Auf dem Dampfer ruft alles »Germans, Germans.« Die Heizer aus dem Heizraum und die Maschinisten aus dem Maschinenraum stürzen an Deck, alles rennt an die Rettungsboote, es entsteht ein Wirrwarr, denn wer hätte geahnt, daß dieser harmlose Segler ein Hilfskreuzer sei? Da plötzlich fällt ein Schuß. Unsere alte Kanone schießt und trifft die drahtlose Station; der Dampfer ist nicht mehr in der Lage, Notsignale zu geben. Der Kapitän arbeitet am Maschinentelegraph hin und her, um mit äußerster Kraft vorauszugehen, aber vergeblich, das Maschinenpersonal ist an Deck. Zu bewundern ist doch der Kapitän, der mit gewaltiger Kommandostimme seine Befehle durchdrückt. Wir sehen Leute nach hinten laufen und vermuten, daß es Geschützmannschaften sind, welche die Geschütze klar machen wollen. Die Gelegenheit durfte man ihnen nicht geben. Im selben Augenblick brüllen aus dem Mast drei kräftige Stimmen durchs Megaphon diesen Bullen von Dampfer an, daß der Schall wie ein lautes Echo zurückprallt:

»Klar bei Torpedos!!«

Vielstimmig ruft es zurück vom Dampfer »No torpedos, no torpedos!«, und jeder fühlt, daß im nächsten Moment drei Torpedos in den Schiffsbauch gejagt werden. Alles, was weiß an Bord ist, wird geschwenkt, Tischtücher, Handtücher, und der Koch wedelt mit seiner weißen Schürze.

»Bleibt so liegen, sonst bekommt ihr Torpedos!«

Keiner muckste mehr, und schnell war unser Boot mit Prisenoffizier und 15 Mann zu Wasser und ruderte nach dem Dampfer. Nun war er in unserer Gewalt. Der Offizier und die Mannschaften werden herüber geholt. Welch ein herrliches Schiff! Die eleganten Saloneinrichtungen, die wunderbaren Teppiche, die Klubsessel, alles rüber auf den Piraten. Ein Steinway-Flügel, ein Harmonium, warum sollten die Instrumente versenkt werden, da sie doch in unserer Abgeschlossenheit Freund und Feind erquicken konnten? Hatten wir nicht an Bord unter der Mannschaft einen der besten Violinspieler Bayerns?

Eine Prise als Übungsscheibe.

Als wir die Landungspapiere nachsahen, fanden wir, daß der Dampfer eine Ladung von vielen Millionen beherbergte, unter anderm auch 2000 Kisten Champagner »Veuve Cliquot«, 500 Kisten Kognak »Meukow«. »An die Arbeit!« Auch dieser Riese wurde durch Sprengbombe versenkt und er steuerte seinen letzten Kurs rückwärts, den Bug aus dem Wasser in die Tiefe. Der Kapitän, der mittlerweile sich umgesehen hatte, tritt auf mich zu und fragt: »Kommandant, ist das alles, was Sie an Bord haben, die alte Kanone?«

»Jawohl!«

»Wo sind Ihre Torpedos?«

»Torpedos? Wir haben keine Torpedos, für euch genügten Lufttorpedos, die wir mit der Stimme rüberschießen.«

»No Torpedos?«

Sein Gesicht war zu rot, um blaß zu werden, es wurde blau, und seine Augen schauen mich entsetzt an: »By Jove, Commander, don’t report that, please.« (Melden Sie das, bitte, nicht.)

Weiter ging es nach Süden.

Es ist eine wundervolle Tropennacht. Die lustige Piratenschar sitzt infolge der herrlichen Beute froh zusammen. Vorn alles bei Sekt, hinten alles bei Sekt. Die Sternlein blinken uns an. Der Mond, das olle Gesicht, schmunzelt uns zufrieden zu, die Wellen murmeln um den Bug. Voll stehen die Segel. Mittschiffs spielt die Kapelle auf Cello, Violine, Harmonium und Steinway-Flügel das Lied »Ach, lieber Südwind blas«, während uns der Südwind anhaucht. Obwohl wir umringt sind von Feinden, ist die Natur um uns so versöhnt. Die Gefangenen stehen vor Ehrfurcht still, als von den Planken des Piratenschiffes die wunderbaren Melodien aufsteigen. Dazu um sie die zauberhafte Stimmung der Tropennacht. Hier hören sie die Instrumente, die bei ihnen nur zur Zierde standen, wie sie von Künstlerhand gerührt werden. Wir genossen die Nacht, denn wir wußten nicht, was uns die nächsten Tage bringen würden, ob wir nicht dann schon ein paar tausend Meter tiefer lägen, denn unsere Verteidigungswaffen waren so gering. Wir waren guter Dinge, denn unser Gewissen war frei. Zwar ist der Mensch dazu auf der Welt, andern wohlzutun, und wir raubten Schiffe. Wir waren Piraten gegen die Nationen, mit denen das Vaterland in schwerem Kampfe lag. Welch menschlicher Krieg aber war es, den wir führten, verglichen mit dem Hungerkrieg der Engländer gegen unsere Frauen und Kinder daheim! In diesem rauhen Zeitalter hielten wir die deutsche Ehre rein. Aus dieser frohen Daseinsstimmung werden wir plötzlich herausgerissen, als der Ausguck ruft: »Licht an Steuerbord«.

Halloh! ein Licht! Weg die Trinkgläser, das Augenglas in die Hand! Tatsächlich, man sieht in dem hell erleuchteten Mondhorizont einen stolzen Dreimaster. Hart Steuerbord! Wir drehen auf ihn zu. Wir selbst können nicht erkannt werden, da wir an der dunklen Seite des Horizontes sind. Durch Lichtsignal fordern wir auf:

»Drehen Sie bei, großer deutscher Kreuzer.«

Wir warten auf die Dinge, die da kommen sollen. Plötzlich hören wir ein Rucksen und aus der Dunkelheit kommt ein Boot, von dem eine Stimme ruft:

»Halloh, Kapitän, ich glaubte einen Hunnenkreuzer vor mir zu haben und sehe jetzt einen Kameraden, einen Mitsegler. Warum habt ihr mir einen solchen Schreck eingejagt? Ihr wollt mir wohl was vom Krieg erzählen?«

»Natürlich, kommen Sie rauf, wir haben viele Neuigkeiten!«

Unsere weißen Uniformjacken ziehen wir aus, damit dem Kapitän nicht die Abzeichen auffallen, und begrüßen ihn in Hemdsärmeln. Der Kapitän kommt die Treppe herauf, begrüßt uns und sagt: »Ich bin Franzose.«

»Oh, großartig! Was macht Frankreich?«

»Es geht ihm gut. Ravi de vous voir.«

Wir laden ihn zu einer Flasche Sekt ein, die er begeistert annimmt. Er hat Appetit auf alles, denn er ist auf der Heimreise. Als wir die Treppe hinuntersteigen, schlägt er mich auf den Rücken mit den Worten:

»Kapitän, Ihr seid doch ein gräßlicher Kerl, daß Ihr mich so zum Narren gehalten habt. Aber mir ist jetzt zumute, als wenn mir ein Felsblock vom Herzen gefallen wäre.«

»Na,« denk ich, »laß ihn dir mal nicht doppelt schwer zurückfallen,« denn nur noch eine Wand trennte ihn ja von dem Raum, wo ihm alles offenbar würde.

Er tritt in die Tür der Kajüte und prallt vor Schreck zurück, als er Hindenburgs Bild an der Wand sieht; er knickt in sich zusammen und ruft stöhnend aus: »Des Allemands!«

Man muntert ihn auf, indem man sagt:

»Mensch, sei kein Frosch, du bist doch nicht der einzige, der sein Schiff verliert in diesem Kriege. Wissen wir, ob wir morgen noch schwimmen?«

Darauf erwidert er:

»Nein, daß ich mein Schiff verliere, geht mir nicht so nah wie die Vorwürfe, die ich mir zu machen habe. Ich komme von Valparaiso und habe dort mit zweien meiner Landsleute zusammengelegen, die mich gewarnt haben auszulaufen, ohne die Antwort auf ihre Telegramme abgewartet zu haben, worin ihnen mitgeteilt werden sollte, ob sie besondere Kurse wegen der Hilfskreuzer- und U-Bootsgefahr steuern sollten. Statt dessen hielt ich es für richtiger, den günstigen Wind auszunutzen, um schnelle Reise zu machen. Und was ist nun mein Erfolg? Ich bin in Ihre Arme gelaufen, bin Ihr Gefangener. Wenn meine Kameraden nach Hause zurückkehren und mein Reeder davon erfährt, daß ich ihren Rat nicht befolgt habe, werde ich nie wieder ein Schiff bekommen. Das ist es, worunter ich leide.«

Auf meine Frage, mit welchen Schiffen er denn da zusammengelegen hätte, antwortet er:

»Mit der ›Antonin‹.«

»Mit der ›Antonin‹? Mit dem Kapitän Lecoque?«

»Jawohl!«

»... Mit der ›Antonin‹?!«

»Und mit welchem Schiff noch?«

»Mit der ›Larochefoucauld‹.«

»Mit der ›Larochefoucauld‹?«

»Jawohl.«

»Ordonnanz, bringen Sie mal Kapitän 5 und 9 rauf!«

Indessen bietet man dem Kapitän den versprochenen Champagner an, welchen er aber jetzt verweigert.

Es klopft.

»Herein!«

»Voilà, der Kapitän von der ›Antonin‹ und hier der Kapitän von der ›Larochefoucauld‹. Sie sind bereits seit zehn und drei Tagen an Bord.« Begeistert greift der Kapitän der ›Dupleix‹ jetzt nach dem Sektglas, prostet seinen Kameraden zu und mit herzlichem Händedrücken bekunden sie die Freude ihres Wiedersehens. Es ist schwer zu sagen, was größer war, diese Freude oder die angenehme Überraschung, daß die Kapitäne, deren Rat ihm auf dem Magen lag, dasselbe Schicksal getroffen hatte, wie ihn selbst. Freilich hatten die französischen Pulverfabriken über 10 000 Tonnen Chilesalpeter eingebüßt, als toute la France sich auf deutschen Planken wiederfand.

Eines Sonntags morgens taucht eine große englische Viermastbark auf, die zuerst ein Wettlaufen mit uns versucht, dann aber, als wir mit dem Motor nachhalfen und zu ihrem Erstaunen immer näher kamen, auf Befragen auch ihren Namen signalisiert:

»Pinmore.«

»Pinmore?« — —

Das Schiff, auf welchem ich als Leichtmatrose gefahren habe?! Im Augenblick, als ich dies hörte, ging es mir so nahe, daß ich zu meinem Offizier nichts äußern konnte. Dann dachte ich: Es hilft nichts, das Schiff muß versenkt werden. Es war für uns überhaupt immer ein Stich durchs Herz, ein Segelschiff zu versenken. Die Poesie des Meeres! Jeder Segler, der untergeht, kommt ja nicht wieder, da keine mehr gebaut werden.

Eindreiviertel Jahr Erinnerung arbeitet sich durch meinen Geist hindurch in diesem seltsamen Augenblick. Das Schiff drehte bei, das Prisenboot ging an Bord, das Schiff wurde ausgepackt, die Leute kamen an Bord und der Kapitän, Mister Mullen, betrat den »Seeadler« mit gutem Humor: »Wir haben Pech, ihr habt Glück!« Er war ein alter, unerschrockener Seemann und wurde die gute Laune für unseren ganzen Kapitänsverein. Als alle die »Pinmore« verlassen hatten, ließ ich mich hinüberfahren und das Boot wieder absetzen.

»... Eindreiviertel Jahr Erinnerung arbeitet sich durch meinen Geist hindurch.«

Meine Leute staunten: Was will der Kommandant dort allein an Bord?

Zuerst ging ich in das Logis, wo meine Koje war. Da befand sich noch ein Kojenbrett, das ich selbst angebracht hatte. So manche Nacht hatte ich hier geschlafen, war manche Nacht dort herausgeschlüpft, wenn es hieß: Alle Mann an Deck. Ich schritt die Planken ab, wo ich so oft gegangen war. Es tat weh, das Knacken der Rahen zu hören, denn das Schiff lag herrenlos und rollte hin und her, da es nicht mehr im Steuer lag. Es war, als wenn mich alles von oben anrief: Was hast du mit uns vor? Wo bist du so lange gewesen? Wo sind die Leute? Was willst du hier?

Dann ging es in die Kajüte. Ich erinnerte mich einer netten kleinen Katze, die ich damals an Bord gehabt hatte und welche die Frau des Kapitäns sich einmal durch den Steward hatte bringen lassen. Ich war auf den Steward wütend geworden und drohte ihm, wenn er mir das Tier nicht wiederbrächte, würde ich dem Kapitän den Sachverhalt berichten. Der Steward tat nichts, und so machte ich mich auf den Weg zur Kajüte. Aber ich kam nicht weiter. Der Respekt vor dem Salon hielt mich zurück, als ich die Tür etwas geöffnet fand und gerade hineinsehen konnte. Ich fügte mich in das Geschehene und grollte dumpf dem Steward, dem ich die Schuld zuschob. Aber jener Blick in den Salon war mir in Erinnerung geblieben. Jetzt öffnete ich die Tür halb, um einen Blick hineinzuwerfen. Ich sah die bunten Decklichtfenster und sagte zu mir selbst: Jetzt darfst du hineingehen. Hast du damals in deinem Respekt geträumt, einmal die Macht zu haben, dies Schiff zu vernichten?

Dann ging ich auf das Halbdeck, die Pupp, stellte mich ans Ruder und fand halbverwischt meinen Namen wieder, den ich dort einstmals eingegraben hatte. Ich blickte auf den Kompaß, vor dem man manchmal stundenlang gestanden hatte. Dies Schiff hatte mich sicher getragen in Sturm und Wetter, und mein Dank war nun ... So zog die Erinnerung vorbei. Dann ließ ich mich wieder an Bord meines Kreuzers zurücksetzen und blieb in meiner Kajüte, während drüben die alte Heimat in den Wellen verschwand. ...

»... während die alte Heimat in den Wellen verschwand.«

Ich pflegte mir öfters die Zeit damit zu vertreiben, daß ich mit dem wachthabenden Offizier auf die Bramrahe des hinteren Mastes kletterte und mit Ausguck hielt. Wir hatten uns dort Sitzbacken vom Zimmermann anfertigen lassen und sahen mit guten Gläsern bewaffnet über das Meer hinweg. Eines Tages (es war nicht sehr sichtig) klarte es im Westen durch Zufall etwas auf und Pries glaubte ein Schiff zu sehen. Ich bemerkte nichts. Wir gaben aber dem Rudermann an, er sollte in dieser Richtung zusteuern. Als wir eine Viertelstunde gesegelt sind, zeigt sich wirklich eine große Bark. Wir halten darauf zu, kommen ihr von hinten auf und fahren dicht vorüber. Alle unsere Gefangenen sind an Deck und gucken mit der ganzen Spannung, womit man auf hoher See jedes vorüberkommende Stück Leben mustert. Drüben steht der Kapitän mit seiner Frau und schaut zu uns herüber. »Halloh, fragt er durchs Sprachrohr, wißt ihr etwas Neues vom Krieg?«

»Jawohl« antworten wir.

»Ich möchte doch rüberkommen zu einer Tasse Kaffee!« rief von drüben seine Stimme, worauf von uns geantwortet wurde, daß wir ihn selber zum Whisky einlüden.

Wie er das Farben- und Rassengemisch der vielen Gefangenen sah, fragte er, ob wir Kriegsfreiwillige von den Atlantischen Inseln zusammensuchten? Es war auch alles so fidel bei uns, die Musik spielte den Tipperary, alles winkte und schien zu rufen. Und noch einmal ruft er rüber: »Was gibt es Neues vom Krieg?«

»Wir werden es signalisieren« kam von uns die Antwort und wir heißen das Signal: I D (Drehen Sie bei oder ich schieße).

Der Kapitän und seine Frau sehen durch die Gläser, dann schlägt er das Signalbuch nach. Wie er hineingeblickt hat, kommt er schnell wieder mit dem Glas hoch und gewahrt jetzt die deutsche Kriegsflagge.

Er läßt das Glas fallen. »By Jesus Christ! Such a catch!«

Eine schöne Neuigkeit vom Krieg. Wir hatten die Geschützpforten bereits heruntergerissen, und die Mündung der Kanone schwankte hin und her. Die Frau, entsetzt, läuft in die Kajüte, der Rudersmann nimmt Reißaus und die vielen neugierigen Gesichter an Deck sind wie weggepustet. Nur der Kapitän wahrt seine Selbstbeherrschung, ließ sein Schiff beidrehen und machte alles andere von uns abhängig. In Erwartung, wieder neue Gäste zu bekommen, herrschte unter unseren Gefangenen große Freude. Besonders die kleine Frau von dem kanadischen Schoner freute sich, daß sie nun außer unserer Jeanette nicht mehr die einzige Frau an Bord sein sollte. Sie kleidete sich besonders nett, ein Bukett aus Kunstblumen aus der Kajüte, um das sie bat, wurde ihr gegeben. Wie überrascht war die Frau des neuen Kapitäns, als sie von einer Dame begrüßt wurde, die ihr einen Blumenstrauß überreichte, und wie angenehm berührt, eine solch lustige Gesellschaft vorzufinden.

Das Schiff hieß »British Yeoman«; sie kam von Amerika, hatte wundervolle Proviantausrüstung und sehr viel lebendes Viehzeug an Bord, Schweine, Hühner, ein Kaninchen und eine Taube. Diese hieß bei uns die Friedenstaube, war außerordentlich zahm und ist auch später bei uns geblieben. Zwischen Taube und Kaninchen bestand ein merkwürdiges Freundschaftsverhältnis. Die Taube ging nicht von dem Kaninchen weg, und wenn es sich einmal zu weit entfernte, trommelte sie es stets zurück, worauf es auch sofort gehorchte. Als Quartier hatten sie sich Piperles Hundehütte ausgesucht. Dieses Sonnentierchen schien am glücklichsten über die neuen Bordgäste, besonders als es sah, daß sie ihr Heim in seiner Hütte aufgeschlagen hatten. Er leckte das Kaninchen, wodurch er anfangs allerdings die Eifersucht der Taube erregte. Aber der Freundschaftsbund der drei war bald geschlossen. Man hat kaum je im Leben etwas gesehen, das einen so herzlich berührt hätte als das Zusammenleben der drei Tiere, wie sie, Piperle das Kaninchen zwischen seinen Schenkeln, die Taube auf seinem Rücken, zu dritt in der Hütte schliefen. Schnäuzchen als verschmitzter Teckel machte ständig Versuche, Kaninchen oder Taube heimlich zu verspeisen oder wenigstens anzuknabbern. Trotz der Warnungen, die sie erhielt, versuchte sie nachts, blutige Abenteuer zu erleben, und es wäre ihr einmal tatsächlich gelungen, wenn nicht Piperle ihr knurrend den Eintritt in die Hütte verwehrt hätte. Mit der Zeit aber hat auch sie sich an die beiden neuen Bordgäste gewöhnt, und wenn sie sich auch nicht gerade mit ihnen anfreundete, so waren sie doch wenigstens vor ihr sicher.

In acht Wochen hatten wir 40 000 Tonnen Schiffsladungen versenkt. Unser Schiff war voll: 263 Gefangene an Bord. Es war ein rasch heranblühendes Gemeinwesen. Alles fühlte sich wohl, Unterschiede wurden nicht gemacht, es gab gleiche Kost auf dem ganzen Schiff für Gefangene, Mannschaften und Offiziere. An Bord ist nicht das geringste vorgefallen. Keiner der Gefangenen muckte auf, obwohl wir uns stets ohne Waffen bewegten. Ich hätte für zweihundertsechzig Deutsche von der Art meiner Jungs in solcher Lage nicht bürgen mögen, daß sie nie etwas gegen den Feind versuchen würden. Aber die Achtung vor meinen Jungs verlieh uns unbedingte Sicherheit.

»... Es war ein rasch heranblühendes Gemeinwesen.«
(Der erste Teil unserer Gefangenen.)

Da wir indes abhängig vom Proviant waren, mußten wir daran denken, die Bevölkerungszunahme zu stoppen, denn die Masse zehrte sehr an unsern Wasserbeständen, von denen unsere weitere Kreuzerfahrt abhing. Das nächste Schiff, die französische Bark »Cambronne« benutzten wir also, um unsere Gefangenen darauf in Freiheit zu setzen. Wir hatten die »Cambronne« überholt und zunächst geprüft, ob sie geeignet wäre, so viele Gefangene an Bord zu nehmen. Der Entschluß wurde gefaßt, daß sie als Freiheitsschiff Verwendung finden sollte. Als wir dies dem Kapitän mitteilten, der schon alles verlorengegeben hatte, war er so erstaunt, daß er kaum wagte, seine Freude zu äußern.

Eine schwierige Frage war, wer von den 12 Kapitänen, die wir an Bord hatten, das Kommando auf der »Cambronne« übernehmen sollte. Auf Vorschlag meiner Offiziere wählte ich den ältesten, Kapitän Mullen von der »Pinmore«, entschieden auch den tüchtigsten. Da es nun ein englischer Kapitän war, wurde die Trikolore heruntergeholt und die englische Flagge gehißt, was eine ziemliche Verbitterung unter den Franzosen gab, denn wir hatten ja mehr Franzosen als Engländer an Bord. Alle Gefangenen wurden abgelohnt, und zwar erhielten sie in deutscher Währung dasselbe Gehalt weiter, das sie in der ihrigen bekommen hatten. Schiffsweise wurden sie nach der »Cambronne« hinübergesetzt, nachdem sie herzlichst von meinen Leuten Abschied genommen hatten. Jedes Boot, das abgesetzt worden war, brachte drei Hurras auf den »Seeadler« aus. In der Kajüte gaben wir den jetzt in Freiheit steuernden Kapitänen eine Abschiedsfeier, und mit herzlichem Händedruck schieden sie dann, nochmals versichernd, daß sie der Welt mitteilen würden, wie gut sie’s gehabt und welch ganz andern Eindruck sie von uns mitnähmen, als sie bisher durch Pressemitteilungen erhalten hätten.

»Cambronne«, das Freiheitsschiff.

Jetzt kamen auch für uns die größeren Gefahren, denn mit dem Augenblick, in dem die Gefangenen landeten, würde der Feind erfahren, daß ein deutsches Segelschiff als Hilfskreuzer auf der See tätig wäre. Da wir nun im Großen Ozean unser Revier suchen wollten, kam es darauf an, einen weiten Vorsprung zu gewinnen und die »Cambronne« nicht zu früh in Rio de Janeiro eintreffen zu lassen. Deshalb kappten wir die oberen Masten, so daß das Schiff nur Untersegel führen und somit unter günstigen Bedingungen erst in etwa 10 bis 14 Tagen Rio de Janeiro erreichen konnte. Mit allen Segeln im Topp steuerten wir unter frischer Brise nach Süden.

Wir Deutsche waren wieder unter uns auf dem geräumigen Schiff. Der nicht seemännische Leser kann sich wohl kaum vorstellen, wie lange sich der Seemann auf der Fahrt beglückt und zufrieden fühlt, ohne Land zu sehen. Er entbehrt nichts, weil das Meer ihn unterhält und mit ihm spricht. Darum ist er selbst auch so wortkarg. Er sieht das Meer vor sich in seinem ewig neuen, niemals eintönigen Ausdruck, jede Windstärke gibt ein neues Bild, selbst die Windstille, die vielleicht dem Seemann, der nach Hause steuert, das Unangenehmste ist, hat ihre Reize, wenn der gewaltige Ozean wie flüssiges Blei leicht dünt. Stundenlang kann man, an die Bordwand gelehnt, diesem Spiel der Wellen zusehen, die verschiedenen Reflexe beobachten, wenn das Meer jetzt in wundervollem Sonnenschein leuchtet, dann wieder durch eine Wolke verdunkelt wird. Es hat etwas Träumerisches an sich, es vertieft den Menschen und ist ihm die schönste Unterhaltung.

Ein Sonntag an Bord.

Wundervoll ist die Nacht auf dem Meere. Ringsum kühles Dämmern und das Meer weithin als weiße, leuchtende Fläche, lebendig, leicht aufgepeitscht, bald verdunkelt und bald vom Mond, der durch die Wolken bricht, wieder erhellt. Wenn ein Schiff stark überliegt, gleißen die Segel in schneeweißem Licht, die ganze Takelage erscheint vergrößert; plastisch hebt das Mondlicht die Schatten der Taue aus den Segeln heraus. Eine weiche Stimmung ergreift den Seemann, wenn er in einer solchen Nacht unter dem Mast an Deck in der Hängematte liegt, den klaren Sternhimmel über sich, der an Land, wo der weite Überblick fehlt, nie so zu beobachten ist wie in der Wüste und auf dem Meer. Die Mastspitzen fegen am Himmel hin und her, die gleichmäßige Bewegung des Schiffes schläfert ein, und unmerklich naht sich der Übergang vom Wachen zum tiefen, ruhigen Schlaf.

Einer der schönsten Reize auf der See ist ein Sturm bei Sonnenschein, wenn die Sonne dem Wasser die verschiedenen Farben gibt, wenn die schwere See heranrollt, der Sturm die weißen Wellenköpfe auseinanderkämmt und weiß getigerte Streifen von Welle zu Welle sich bilden. Dazu das tiefe Azurblau des Wassers. Vor dem Schiff zerschlägt die Welle und läuft in eine weiße Gischtmasse aus. Bald ruht das Schiff auf Wellenköpfen, bald taucht es ins Tal, und die Welle steht hoch über ihm.

Es gibt zuweilen furchtbare Gewitter auf See, wahnsinnige Blitze, gewaltiges Donnern. Schlägt ein Blitz ins Wasser, wie ein Peitschenschlag, so setzt augenblicklich eine Wassersäule, dünn und scharf wie ein Rasiermesser, meterhoch aus der getroffenen Stelle empor. Wenn man in solchen schwarzen Gewitternächten oben auf dem Mast ist, und plötzlich schlägt ein Blitz hernieder und erleuchtet das ganze Seefeld grell, wird man stark geblendet und verliert die Sicherheit. Enorme Wassermengen stürzen aufs Meer, die gewaltigen Regengüsse schlagen die See nieder. Wenn das frische Wasser vom Himmel herabströmt, dann phosphoresziert das Meer wie eine glänzende Fläche und das Kielwasser wird erleuchtet von unzähligen Infusorien; in seinen Wirbeln entsteht ein Streifen, der sich wie ein goldenes Band hinzieht.

Wir hatten keine Sorgen um Kohlen, der Wind war unser Freund, die Natur mit uns im Bunde. Wir hatten alles, was wir brauchten.

Wir segeln an den Falklandsinseln vorbei, über die Gräber unserer gefallenen Helden von »Scharnhorst«, »Gneisenau«, »Leipzig« und »Nürnberg«. Die Achtersegel backgebraßt; die Trauerflagge halbstock gesetzt, senken wir als einzige Kameraden, die über ihnen stehen, ein eisernes Kreuz mit den Grüßen von den Lieben aus der Heimat und dem Dank des Vaterlandes in die Tiefe zu den Gräbern, die 6000 Meter unter uns liegen. Das Denkmal taucht in die Tiefe, und weiter geht’s; wir durften uns nicht lange aufhalten.

Auf dem Weg nach Kap Horn fingen wir den Funkspruch eines britischen Kreuzers auf: »Ich warne Sie! Steuern Sie frei von Fernando Noronha; dort liegt die ›Möwe‹.«

Ich dankte ihm.

(Einen Gruß über die Wasser, du unsichtbare, ferne deutsche »Möwe«!)

Kurz vor Kap Horn passierten wir einen gewaltigen Eisberg. Wir wußten aus der Segelanweisung, daß in dieser Jahreszeit die Gegend durch Eisberge gefahrvoll war, und hatten überall scharfen Ausguck. Ein starker Temperaturwechsel und viele Vögel anderer Art, als man sie sonst dort findet, ließen uns auch die Nähe eines solchen Eisriesen vermuten. Eines Morgens sahen wir im Grau der Dämmerung weit vor uns an Steuerbord den gewaltigen Berg, mit sonderbarem Rollen auf- und niedergehend. Er war viele Meter hoch und doch nur mit einem Neuntel seiner Größe über Wasser ragend. Seine eigenartigen Umrisse wechselten mit jeder Ansicht; an den zerklüfteten Stellen leuchtete er grünlich bis tiefblau. Es war der einzige Eisberg, dem wir begegneten.

Vor dem Sturm.

Dann begann der Kampf um Kap Horn, die Heimat der Stürme. Dreieinhalb Wochen haben wir mit Orkanen gerungen. Was wir mühselig durch tagelanges Aufkreuzen erreicht hatten, verloren wir durch wiedereinsetzende Stürme oft in wenigen Stunden. Das Schiff arbeitete unablässig und schwer. Gewaltige Wellen, wie sie nur Kap Horn kennt, rollten über Deck, die Segel rissen zu Fetzen und das Deck wurde mehrmals eingeschlagen. Ruhelos saßen meine Jungs im Zwischendeck beim Segelnähen. Es war ein harter Kampf zwischen dem Vernichtungswerk des Wetters und dem fieberhaften Streben der Männer. Welche mühselige Arbeit, mit der Nadel und schwerem Segelhandschuh bei dem zu Kehr gehenden Schiff das dicke Segeltuch zu nähen! Mancher Stich ging in die Hand. Keine schlaflosen Nächte wurden gescheut, wir brauchten Segel, und wenn der Sturm sie auch noch so oft zerriß. Immer wieder wurden am nächsten Morgen die zerrissenen Segel ab- und die in der Nacht genähten untergeschlagen. Beim Sturm geht nicht wie auf einem Dampfer alles unter Deck, sondern alles in die Masten. Selbst bei gewöhnlichem Wetter müssen ja zu jeder Kursänderung über 20 Grad alle Mann der Wache an die Taue ran, um die 24 Segel herumzudrehen.

Nach dem Sturm.

Wo ein Wille ist, da ist ein Weg: Kap Horn war umkämpft.

Wir sind glücklich, diese stürmische Ecke hinter uns zu haben. Da meldet am 26. April der Ausguck einen der britischen Hilfskreuzer, die hier bereits auf uns lauerten. Augenblicke höchster Spannung kommen: Hat er uns gesehen? Alle Mann an Deck! Mit hart Backbord das Schiff herumgerissen! Alles, was wir an Segeln setzen konnten, wird gesetzt, der Motor eingekuppelt und vom Wind ab, was aus dem Schiff herauszuholen war, gen Süden. Die Takelage stand zum Brechen. Alles was Gläser hat, sitzt in den Masten und beobachtet mit aufgeregtem Pulsschlag den Kreuzer, denn wenn Englands Wächter den einsamen Deutschen entdeckt, ist unsere Freiheit verloren. Leicht diesiges Wetter half uns und so kamen wir schnell aus Sicht. Unser Auge war wachsamer und schärfer als das des Feindes. Es gehört wohl mit zu den schönsten Stunden an Bord unseres Schiffes, als wir dieses Entkommen vor dem Feind feierten. In der Nacht segelten wir dann wieder nördlich und unter günstigem Wind steuerten wir in den Stillen Ozean.

Eines Morgens bringt unser tüchtiger Funkentelegraphist ein sonderbares, englisches Telegramm folgenden Inhalts:

»›Seeadler‹ mit wehenden Flaggen untergegangen. Kommandant und ein Teil der Mannschaft als Gefangene auf dem Weg nach Montevideo.«

Was heißt denn das? Der Engländer lügt nicht ohne Grund und Zweck. Die Nachrichten vom »Seeadler«, die sich durch die abgesetzten Gefangenen verbreitet hatten, beunruhigten die Schiffahrt stark, da man uns beim Kap Horn wie beim Kap der Guten Hoffnung vergeblich aufgelauert hatte. In Kapstadt und Südamerika, in Australien und Neuseeland lagen die vollbefrachteten Schiffe in den Häfen still und wagten nicht auszulaufen. Die Versicherungsraten stiegen. Um sie wieder herabzudrücken, funkte der Engländer unsern Untergang durch die Welt. Das nationale Interesse hat ihm stets höher gestanden als die Wahrheit.

Auf einen Schelmen muß man anderthalbe setzen. Wir funkten also drahtlos hinaus: »Hilfe, Hilfe, deutsches U-Boot.«

Infolgedessen tauchten jetzt überall Gerüchte auf, daß U-Boote im Pazifik kreuzten. Die Versicherungsraten kamen wieder ins Steigen.


Dritter Teil.

Dreizehntes Kapitel.
Schiffbruch und Robinsonleben.

Längs der Küste Südamerikas, vorbei an Juan Fernandez, wo wir dauernd in naher funkentelegraphischer Verbindung mit dem englischen Kreuzer »Kent« standen, steuerten wir über den Großen Ozean an den Marquesasinseln vorbei herauf bis Honolulu, ohne ein Schiff gesehen zu haben. Wir verlegten jetzt unsere Kreuzerfahrt in den Track der Segelschiffe, die zwischen San Franzisko und Australien fahren. In der Nähe der Weihnachtsinseln dauernd auf dem Äquator hin- und herkreuzend, den wir zeitweise zwei- bis dreimal am Tage schnitten, kaperten wir noch drei amerikanische Segler: »A. B. Johnson«, »Slade« und »Manila«. Die Ausbeute hatte aber nicht unsern Erwartungen entsprochen. Wochenlang sahen wir kein Schiff. Die drei gefangenen Kapitäne und ihre Mannschaften sehnten sich fast noch mehr wie wir nach neuem Zuwachs, der nicht kommen wollte.

»Slade.«

Auf was für sonderbare Ideen die Menschen doch verfallen, um eine Situation auszunützen! Einer unserer Gefangenen wünschte sehnlich, von uns auf einer einsamen Insel abgesetzt zu werden, er hätte vom Seefahren genug, seine Hinterbliebenen würden die Versicherung ausbezahlt bekommen, und er wünschte, als Verschollener seine Ruhe zu haben.

Die furchtbare Hitze, der Mangel an Bewegung und Beschäftigung, das schlechte Wasser und der Mangel an frischem Proviant drückten die Stimmung darnieder. Es gab ja noch neutrale Häfen in Südamerika, aber der edle Begriff der Unparteilichkeit war in diesem Krieg der Welt gegen unser Volk von bösen Wolken umschleiert; kein gastlicher Hafen zog uns an, denn wir Deutschen haben keine Freunde, keine Gerechtigkeit zu erwarten. Höchstens 24 Stunden würden wir geduldet, und sind dann vom Feind umstellt. Niemand öffnet uns seine Tür, wir müssen uns selber helfen. Seit zweihundertfünfzig Tagen kein erneuertes Wasser an Bord! Wenn man wenigstens sich einmal ein erfrischendes Bad hätte erlauben dürfen! Der Landbewohner kann sich kaum den Haß vorstellen, welcher den Seemann gegen die Haifische beseelt, die ihn von dem kühlen Element absperren und auf sein hölzernes Gefängnis beschränken. Der Hai wird als ganz persönlicher Feind empfunden, und da die Langeweile ohnehin zu kindlichen Scherzen aufgelegt macht, so läßt man seine böse Laune gern an den Scheusalen des Meeres aus. Haifischfang war die einzige Abwechslung, die wir hatten. Manchmal banden wir ein paar gefangene Haie mit Schwänzen aneinander und ließen sie wieder schwimmen, wobei sie sich nie über die Fahrtrichtung einigen konnten. Mitunter befestigten wir besonders großen Haifischen eine leere Tonne am Steert. Zunächst glaubte der Hai dann, wenn er nach einer gründlichen Tracht Prügel von Bord entlassen war, an unsere Großmut, versuchte, die neugewonnene Freiheit eiligst auszunützen und schoß gierig in die Tiefe; aber schon nach drei Metern (dies war die Länge der Leine am Faß) bemerkte er seine Fesselung und jagte nun in wilder Fahrt bald rechts bald links, um die Tonne abzuschütteln, die im vollen Sprung immer hinterherrollte.

»... Haifischfang war die einzige Abwechslung.«

Zuweilen banden wir auch eine mit Speck umnähte Handgranate an den Angelköder; biß ein Haifisch an und schwamm mit dem dicken Bissen, um den ihn jeder Kollege beneidete, zur Verdauung weiter, so war beim Anbeißen der Zünder herausgerissen, und nach fünf Sekunden flog der Hai in Fetzen, die sofort von seinen zahllosen Spießgesellen verzehrt wurden.

35 000 Meilen hatten wir gekreuzt, monatelang nur Himmel und Wasser gesehen. Obwohl noch willig an Geist, unsere Kaperfahrt fortzusetzen, fühlten wir doch jetzt den größten Feind des Seemannes: Beriberi, die Krankheit, »in der das Blut zu Wasser wird«. Verschiedene Leute hatten schon dicke Glieder und Gelenke infolge des schlechten Proviantes und mangelhaften Wassers. Wir mußten eine Insel anlaufen, um etwas Frisches zu finden. Dort wollten wir ausruhen, und dann sollte unser nächstes Kreuzergebiet ein Schlag um Neuseeland und Australien sein, von dort wollten wir die englische Wal- und Transtation auf Südgeorgien zerstören und schließlich unser Handwerk in dem besser blühenden Geschäft des Atlantischen Ozeans fortsetzen.

Unseren ersten Gedanken, eine der größeren Cookinseln anzulaufen, mußten wir verwerfen, weil wir eine feindliche Funkenstation vermuteten und auch der sonstige Verkehr unser Inkognito gefährden konnte. Um unsern Motor zu schonen, von dessen Lebensdauer unser Erfolg beim Kapern abhing, wollten wir uns auch nicht östlich von unserer augenblicklichen Länge entfernen. Uns war besonders darum zu tun, eine unbewohnte Insel aufzusuchen und wir wählten deshalb Mopelia, zur Gruppe der Gesellschaftsinseln gehörig. So traumhaft schön die herrlichen Südseeinseln sind, so nachteilig sind sie für den Seemann, da er nur in den seltensten Fällen eine Reede und sicheren Ankerplatz vorfindet. Es gibt fast nichts Lieblicheres und nichts Heimtückischeres auf der Welt.

»... Es gibt nichts Lieblicheres als die Südseeinseln, aber auch nichts Heimtückischeres.«

Am Morgen des 29. Juli kam uns die Insel in Sicht; wir steuerten sie an. Es war uns, als wenn wir ein Märchenland vor uns hätten. Die Insel begrüßte uns mit ihren hohen Palmen und Gummibäumen wie ein wahres Paradies. Die vorgelagerten Korallenbänke stiegen treppenförmig unterhalb des Wasserspiegels zur Tiefe hinab und gaben im Reflex des sonnenbeschienenen Wassers auf jeder Stufe neue Farben und Bilder infolge des Durchschimmerns der weißen Korallen. Da waren hundert Übergänge von Weiß zu grünlichen und in der Tiefe bläulichen Schattierungen von der wunderbarsten Mannigfaltigkeit. Das kreisrunde Riff, auf dessen Grat sich dort, wo Humus entstanden war, vier kleinere Inselchen und eine bandförmige Hauptinsel erheben, umschließt die kreisrunde Lagune. Dieses kesselförmige Stückchen Ozean, ebenso tief wie die umliegende See, unterscheidet sich von ihr durch seine Stille; spiegelglatt und ohne Bewegung gibt es das Gefühl des Geborgenseins. Das Korallenriff hat eine kleine Durchfahrt nach der Lagune, nicht weit genug, um mit dem »Seeadler« hineinfahren zu können. Sonst wäre uns der schönste, sicherste Hafen geboten gewesen. Ein starker Strom setzte durch die Einfahrt. Wir brachten unsern Anker auf das Korallenriff, und an einer langen Drahttrosse lagen wir infolge des Stromes gut frei von der Insel.

Boote wurden ausgesetzt. Nachdem wir so lange kein Land gesehen hatten, fühlten wir uns ungefähr wie Kolumbus. Jan Maat, der neun Monate lang nur Mastenklettern, Segelmanöver, Rudern und Ausguckposten erlebt hatte, bis seine Arme vom ständigen Tauziehen noch einmal so lang geworden waren, eilte nun dem Genuß tropischen Tier- und Pflanzenlebens zu. Wir Haifische der See, die selbst in unserm schweren Dienst unablässig noch stärkere Raubtiere, die nach uns suchenden Kreuzer auf unserer Spur wußten, verwandelten uns nach langer Nervenanspannung in friedliche Sommerfrischler als Gäste der Franzosen, die uns ihr Mopelia zur Verfügung stellen mußten. Wie überrascht waren wir, als wir an Land kamen, über das, was wir hier alles fanden. Millionen von Seevögeln der verschiedensten Arten nisteten hier. Die Schildkröte hat dort ihre Heimat und Brutstätte. Fische waren in Unmengen vorhanden, auch viele verwilderte Schweine, die vor Jahren einmal ausgesetzt waren und sich von den heruntergefallenen Kokosnüssen nährten. Mehr Möglichkeiten, frischen Proviant zu finden, konnten wir nicht erwarten. Auch drei Eingeborene fanden wir, die von einer französischen Firma hier abgesetzt waren, um Schildkröten zu fangen. Die Kanackers waren anfangs sehr besorgt, als sie uns als Deutsche erkannten, aber durch unser herzliches Entgegenkommen gewannen wir bald ihr Vertrauen, und sie boten uns ihre Unterstützung an.

Meine Jungs verteilen sich zunächst gruppenweise, um ihre Neugier zu befriedigen, laufen hierhin und dorthin; einige fangen Fische, die sich in den ausgewaschenen Korallenbecken aufhalten, die andern sammeln Vogeleier; dort haben verschiedene den Arm voll Kokosnüsse; unser Koch ist dabei, eins der verwilderten Schweine zu schlachten; dort sieht man, wie fünf bis sechs eine große Schildkröte auf den Rücken geworfen haben und an einem Tau über den Sand hinziehen. Andere wieder fangen Langusten, kurz und gut, jeder hat irgend etwas, um ein gutes Mahl herzurichten. Wie wir mit dem Boot wieder an Bord zurückfahren, ist es schwer beladen mit den schönsten Delikatessen. Ein förmliches Diner stand als Abendbrot auf dem Tisch: Schweinebraten, Schildkrötensuppe mit Eiern, Langusten, Möweneier; selbst der wohlhabendste Mann konnte sich nichts Besseres leisten. Wir erholten uns schnell und trafen unsere Vorbereitungen für die weitere Kreuzerfahrt. Eine Fischräucherei wurde ausgemacht, Schildkröten und Schweinefleisch eingesalzen und Eier zu Tausenden in Salz eingelegt.

»... Der Ankerplatz machte uns anfänglich Sorge.«

Der Ankerplatz machte uns anfänglich Sorge und wir überlegten, ob wir das Schiff nicht frei im Meere treiben lassen und nur abends und morgens je einmal an Land fahren sollten. Das hätte uns aber zu viel unserer kostbaren Motorkraft gekostet und außerdem war der Motor selbst sehr ausbesserungsbedürftig. Deshalb versuchten wir, mit allen Sicherheitsmaßnahmen zu ankern. Es zeigte sich bald, daß der Anker vom Riff schlippte; das stärkte unser Vertrauen, denn wenn der Strom so stark war, daß selbst der Anker nicht hielt, so war ein Herumschwoien des Schiffes an das Korallenriff durch etwaiges Umspringen des Windes unmöglich.

Am 2. August, morgens gegen ½ 10 Uhr, gerade im Begriff, das Beurlaubtenboot an Land zu schicken, sieht man am Horizont die Meeresoberfläche eigentümlich schwellen. Was ist das? Man vermutet anfangs eine Fata Morgana; nach einer gewissen Zeit sieht man, wie die Schwellung immer näher heranrollt, immer höher, je näher sie kommt. Es war eine Flutwelle, die durch ein Seebeben entstanden war. Wir disputierten noch über die Erscheinung, die uns unerklärlich war, da keiner von uns bisher ein Seebeben erlebt hatte. Aber man begreift die Gefahr: »Kappt die Anker, Motor klar, alle Mann an Deck« sind die sofortigen Befehle. Immer näher rollt die Flut heran, und immer kräftiger wiederholen sich die Kommandos »Motor klar!« Die Preßluft wird hineingedrückt, aber der Motor springt nicht an. Mit fieberhafter Erwartung horcht man in den Maschinenraum, immer wieder wird Preßluft eingedrückt, man lauscht auf die Zündung, alles ist tätig ... und näher rollt das Ungetüm heran. Schon dünt das Schiff in der vorauseilenden Schwell. Man kann die Sekunden zählen, die zur Rettung übrigbleiben. Alles horcht bang auf den Motor. Zu spät! Hoch rast die Flut heran, packt unsere Planken, hebt sie empor und schleudert sie krachend auf das Korallenriff. Die Masten, die Krone unseres Schiffes, brechen stückweise zusammen; beim Aufschlagen auf das Riff werden zentnerschwere und tonnengroße Korallenblöcke losgebrochen und wie Granathagel über das Schiff geworfen, und als die Flutwelle verrauscht ist, da liegt unser stolzer »Seeadler« zum Wrack zerschmettert auf dem Korallenriff. Das bißchen deutscher Boden, die paar Bretter, die in dieser Erdhälfte noch dem Deutschen Reich gehört hatten, unsere Heimat, das Einzige, was wir besaßen, lag zertrümmert.