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"Semmering 1912" cover

"Semmering 1912"

Chapter 10: ERZIEHUNG
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About This Book

A linked collection of short sketches and essays offering impressionistic observations of mountain landscapes, hotels, urban parks, and domestic gardens. The pieces move between lyrical landscape description, witty character sketches, and concise reflections on taste, solitude, and modern manners, often keyed to seasonal shifts and particular settings. Forms range from brief aphoristic fragments to longer travel impressions, united by a conversational, fragmentary voice that privileges mood, sensory detail, and ironic wit over linear plot, inviting readers to linger in small moments and refined perceptions.

ERZIEHUNG

Ich habe einen scharfen Blick für Mütter, die die „Persönlichkeit“ ihres geliebten Kindchens achten und berücksichtigen. Es sind das sogenannte Künstlernaturen des Lebens selbst! Sie betrachten ihr Kindchen als ein von ihnen geschaffenes „lebendiges Kunstwerk“, apart und vor allem den meisten unverständlich, die mit dem Ausspruche: „ein ganz nettes Kind, nichts weiter“, ihre künstlerische Unfähigkeit klar erweisen. Merkwürdigerweise funktionieren so brutal-verallgemeinernd fast alle Väter, die immer nur den Herrn Hofrat wittern, der einst, in der Ferne, erscheinen soll und zu dem Kindchen sagen soll: „Du bist mein alles!“ Daß das gar kein Kompliment sein wird für das Töchterchen, spüren sie nicht! Du bist mein alles, ja, aber wessen alles, darauf kommt es an! Viele Mütter hingegen haben eine künstlerische melancholische Zärtlichkeit. Sie teilen das Leben ihres Kindchens in „interessante, spannende, merkwürdige Lebenskapitel“ ein, sind selbst äußerst gespannt, wie der Roman enden werde, während die Väter ein biblisches Dogma aufstellen, über das das Leben jedoch nur ein flüchtiges Lächeln hat. Mütter wissen, wie ihr Kindchen geht, steht, sitzt, wann es verlegen ist oder düster, Väter wissen höchstens, ob es „Stuhl“ gehabt habe, und das wissen sie nicht einmal. Ein schreckliches Wort leitet sie durchs ganze Leben ihres Kindes, das Wort „gediegen“. Alles soll „gediegen“ sein, die Lehrer, die Gouvernanten, der „Zukünftige“, der „Charakter“. Das ganze kommt mir vor, wie das Wort „gediegenes Gold“, das auszusprechen schon eine Art Berauschungsmittel ist! Ich glaube nicht, daß Eleonora Duse, Sarah Bernhardt, Yvette Guilbert, Fanny Elsler, Adelina Patti, Bird Millman, Barbarina Campanini sehr „gediegen“ waren, jedesfalls war es eine höchst nebensächliche Eigenschaft dieser Damen, deren Väter jedesfalls auch nur sich „Gediegenheit“ erwünscht hatten für ihre Töchterchen! Mütter „beobachten“ das Leben ihrer Kinder, Väter schreiben es ihnen vor! Sie sind selbst durch Beruf, Sorge, Eitelkeit, Ehrgeiz, Konkurrenz, Rücksichten Geknechtete des Daseins, erwünschen dasselbe daher ihren Sprößlingen. Künstlerisch empfindsame Mütter hingegen trauern um ihr eigenes Lebensgefängnis, möchten ihren geliebten Töchterchen den weißen Flug gönnen ins „romantische Land“!