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"Semmering 1912"

Chapter 142: FAUNA UND FLORA
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About This Book

A linked collection of short sketches and essays offering impressionistic observations of mountain landscapes, hotels, urban parks, and domestic gardens. The pieces move between lyrical landscape description, witty character sketches, and concise reflections on taste, solitude, and modern manners, often keyed to seasonal shifts and particular settings. Forms range from brief aphoristic fragments to longer travel impressions, united by a conversational, fragmentary voice that privileges mood, sensory detail, and ironic wit over linear plot, inviting readers to linger in small moments and refined perceptions.

FAUNA UND FLORA

An dem adriatischen Meeresufer findest du morgens um sieben viele kleine Bündel von angeschwemmtem zähen Grase vom Meeresgrund, und kleine Muscheln in ganz modernen Farbennuancen, von grau in schwarz, von braun in lila, von gelb in braun. Die Japaner scheinen von da ihre diskreten, fast mysteriösen Farbentöne her zu haben. Die großen teuren Muscheln stammen aus dem Indischen Ozean und sind wertvolle wertlose Prunkstücke. Aber die kleinen Muscheln, hier umsonst, sind kleine moderne erlesene Kunstwerkchen der Natur! Eine Dame sagte zu mir: „Eine ist doch so wie die andere!“ — „Für mich nicht!“ erwiderte ich. Die kleinen, nach seitwärts gehenden Krabben sind entzückend. Sie suchen herzig und ungeschickt das Weite, aber wenn sie es nicht mehr können, so zwicken sie sanft mit ihren Miniaturscheren. Am Meeresufer ist ein bewegtes Leben und Treiben; aber die Büschel von geheimnisvollen dunkelgrünen zähen Gräsern, die herrlichen Muscheln und die Krabben sind wie von tausend Jahren her, wo Menschen noch nicht das Strandbad kannten. Auch du wirst einst nicht mehr sein, die du mich nun in jugendlich-lächerlichem Stolz abweisend mit den Blicken mißt, und deine Brüste werden die Spannkraft eingebüßt haben, so oder so; und ewig wird das Meer noch Grasbüschel auswerfen, Muscheln und Krabben. Und mein Leid wird vielleicht leben, denn sterblich ist das Jauchzen, es verhallt; der Seufzer aber ist unsterblich. Er dringt zu Gottes feinem Ohr. Der schenkt ihn wieder der Welle, die ans Ufer klagend fällt. Gott liebt das Leid; wieso es kommt, ich weiß es nicht; es muß wohl „göttlich“ sein. Gott liebt das Leid, es reinigt! Die satte Freude liebt er nicht!