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"Semmering 1912"

Chapter 82: EIN NACHTRAG
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About This Book

A linked collection of short sketches and essays offering impressionistic observations of mountain landscapes, hotels, urban parks, and domestic gardens. The pieces move between lyrical landscape description, witty character sketches, and concise reflections on taste, solitude, and modern manners, often keyed to seasonal shifts and particular settings. Forms range from brief aphoristic fragments to longer travel impressions, united by a conversational, fragmentary voice that privileges mood, sensory detail, and ironic wit over linear plot, inviting readers to linger in small moments and refined perceptions.

EIN NACHTRAG

Ich habe letztes Mal, wahrscheinlich vor einigen Jahren, etwas geschrieben zur „Psychologie der bürgerlichen Liebe“. Es war ein „Torso“. Wenn ich nur wüßte, was ein Torso ist. Aber viele einsichtsvolle Menschen sagten es mir direkt ins Gesicht hinein, daß es ein „Torso“, wenn auch ein sehr wertvoller, gewesen sei. Nun, infolgedessen muß ich die Nachtragsbemerkung machen, daß „jemanden wirklich zärtlich lieb haben“, unmöglich eine fortdauernde Sache sein könne, sondern eine durch Haß-, Verachtungs- und vor allem Gleichgültigkeits-Stadien (Stadien ist gut!) unterbrochene, sagen wir, sogar angenehm unterbrochene Angelegenheit der Seele und der übrigen verfügbaren Sinne sein müsse! Man kann niemanden auf die Dauer gleichmäßig gern haben! Das sollte in goldenen Lettern auf der Fassade eines Venustempels prangen, in deutlicher Adolf-Loos-Schrift, so wie von Vorzugsschülerinnen in Schreibheften! Die bürgerliche Gesellschaft will etwas äußerlich, à tout prix (das ist französisch!) erzwingen, was es in der Welt aber tatsächlich nicht gibt! Nämlich eine anständige Stetigkeit und Verläßlichkeit der Gefühlswelt, ja sogar der Sinnenwelt, was eine noch entsetzlichere Stupidität ist! Die „Mehrheit“ will uns eben blöde machen! Strindberg ist tot, Ibsen, Björnson, Tolstoi. Ja, da müssen wir Flöhe uns halt aufraffen, und stechen und Blut saugen, wo und wie wir nur es können! Wir können auch verwunden, ohne Genies zu sein! Wir haben den gesunden Menschenverstand! Das ist auch eine Waffe, wenn auch eine zartere, liebenswürdigere als die Maximkanonen der Genies, die meistens doch nur Idioten waren! Und ich sage euch daher, ihr Glücklichen, ihr wart niemals auch nur eine Stunde lang wirklich glücklich! Geschäfte habt ihr gemacht und Bilanzen berechnet! Ihr „Aktiven“ seid ewig „passiv“ gewesen!