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Semper der Jüngling

Chapter 22: XVI. Kapitel.
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About This Book

A sixteen-year-old student accepts a position observing primary-school classes and confronts the first duties and responsibilities of adult life. Intimate family scenes portray modest household routines and the parents' mixture of pride and nostalgia when his appointment rekindles hopes deferred by hardship. At the school he listens to lessons, records absences and tardiness, and discovers that practical tasks complicate his idealized notions of education. Private reflections and literary allusions accompany a striving to grasp what holds the world together, mixing philosophical yearning with youthful exuberance. The book assembles episodic classroom vignettes, neighborhood and home portraiture, and inward psychological observation to trace a gradual formation of character.

Aber wie schon oft, so sollte er auch jetzt Erquickung und Trost finden bei den Frauen. Die Schule, an der er jeden Morgen hospitierte, hatte sich vergrößert und unter anderen Lehrkräften auch drei neue Lehrerinnen bekommen. Unter diesen war eine musikalische Dame von einer weichen und sanften Schönheit, und es dauerte natürlich keine zwei Tage, bis Asmus sie heimlich besang und in seinem Gedicht versicherte, daß die heilige Cäcilie unter den Irdischen wandle. Sie hatte oft eine Gefährtin bei sich, der Asmus eines Tages »die bezauberte Rose« von Ernst Schulze lieh, die ihm das Buch aber schon am folgenden Tage zurückgab, weil sie es nicht lesen könne, so fromm und tugendsam war sie. Asmus war empört und schwärmte ihr nun recht zum Trotz von Rousseau und Voltaire. Morieux hatte den beiden Damen mit Grimassen und schlenkernden Armen verraten, daß Semper Gedichte mache, »wunderbare, großartige Gedichte!« Und nun, wenn die Schule vorüber war, saßen die beiden Damen auf dem Pult wie auf einem Thron, und Morieux und Semper saßen auf den Kinderbänken zu ihren Füßen; Morieux geigte und Asmus las, fremde Gedichte und eigene; er hatte der Ballade vom ertrunkenen Fischer noch eine Ballade von einer gespenstischen Burgruine hinzugefügt, und Asmus dachte: So war es am Musenhof zu Ferrara oder Avignon.

Noch einen stärkeren Widerhall aber fand Asmus bei einer Frauenseele, von der man kaum begriff, daß sie in ihrem Körper Platz habe. Das war die Seele des Fräulein Wieselin, einer 38jährigen Jungfrau, Lehrerin und Dichterin. Sie war so klein und dünn, daß sie sozusagen nur eine Nadel war, in die der Herrgott einen Lebensfaden gezogen hatte, und diese Nadel fuhr unablässig auf und ab und verarbeitete ihren Lebensfaden mit einem rührenden Eifer und Opfersinn. Im Gesicht sah sie aus wie ein Geheimrat, der immer in einem überheizten Zimmer gesessen hat und darum etwas eingetrocknet ist. Tausend Mark Gehalt erhielt sie im Jahr, und davon ernährte sie sich und ihre Mutter und unterstützte sie die Familie eines kranken Bruders. Sie war damals schon fünfzehn Jahre Lehrerin und war es noch zwanzig Jahre hinterher, und Jahr für Jahr übernahm sie die Kleinsten der Kleinen; die Kleinsten zu lehren ist aber größte Mühe und größte Kunst. Die Bücher, die sie las, mußte sie sich leihen; denn kaufen konnte sie sich keine; aber als sie nach fünfunddreißig Jahren der Mühsal ihr Ende nahen fühlte, da sagte sie: »Ich kann ja zufrieden sterben; ich habe ja ein reiches Leben gehabt.«

In ihren seltenen Mußestunden machte sie auch Verse, kleine, unbedeutende Gelegenheitssächlein; aber da Asmus sie nicht loben konnte, so sprach er nie von ihren Dichtungen. Sie dagegen sprach viel von den seinigen, rühmte sie und sprach ihre Verwunderung darüber aus, daß er gleich mit epischen Gedichten anfange, während die jungen Leute sonst immer mit allgemeinen Gefühlsergüssen anfingen, was auch viel leichter sei. Und sie schloß gewöhnlich mit den Worten: »Ich habe immer das Gefühl, daß Sie kein Lehrer werden, daß wir Sie noch ’mal auf ganz anderen Pfaden wandeln sehen!«

»Vielleicht heirate ich auch die!« dachte Asmus.

Die dritte der neuangestellten Damen hieß Hilde Chavonne, war eine schlanke Brünette mit großen, schmachtenden braunen Augen und einem sanften Stolz der Bewegungen und trotz alledem eine Hamburgerin. Sie und Asmus schenkten einander zu Anfang nur wenig Beachtung, unvergleichlich viel weniger als später. Aber doch mußte er darüber nachdenken, wo er sie schon einmal gesehen habe. Richtig, das war die »Dame in Trauer«, die Seminaristin, die einmal ganz zu Beginn seiner Präparandenzeit mit ihm und einem Bekannten ein Stück Weges zusammen gegangen war. Daß er ihr schon viel, viel früher einmal begegnet war, das konnte er nicht mehr wissen.

 

 

XI. Kapitel.

Wie Asmus plötzlich eine glänzende Karriere machte und dabei auf den Hund kam.

Zu diesen ganzen und halben Freunden gewann Asmus endlich eine ganze Schar von kleinen Freunden. Als er im zweiten Jahre seines Präparandentums eines Morgens in die Schule kam, ließ ihn der Oberlehrer in sein Zimmer rufen. »Herr Dohrmann hat sich krank gemeldet,« sagte er, »und wird voraussichtlich in acht Wochen nicht kommen können. Ich habe Sie zu seiner Vertretung ausersehen. Übernehmen Sie die Klasse. Ich bin überzeugt, daß Sie mein Vertrauen rechtfertigen werden.« Asmus konnte vor Überraschung nicht sprechen; er nickte nur stumm und verließ das Zimmer.

Als er draußen stand, war sein erstes Gefühl ein wirbelnder Jubel. Lehrer! Er sollte Lehrer sein! Einer ganzen Klasse sollte er vorstehen, er ganz allein! Er wußte im nächsten Augenblick selbst nicht, wie er die drei Treppen zum obersten Stockwerk hinaufgekommen war. Und als er vor der Klassentür stand und die führerlosen Kinder lärmen hörte, da stak ihm das Herz, das noch eben so hoch geflogen war, tief unten in den Schuhen. Warum sollte er, der kleinste und jüngste von den drei Präparanden, den kranken Lehrer vertreten? Warum nicht Morieux, der ein ganzes Jahr länger an der Schule war als er? Warum nicht Claus Münz, der Große und Starke, der den Kindern gewiß mehr imponierte als er? Er kannte ja nichts vom Unterrichten, rein gar nichts. Ach ja, er wußte wohl: alle in der Schule hielten ihn für außerordentlich ernst und gesetzt. Die Leiden, die Verfolgungen, die er als Knabe erduldet, hatten seinem Gesicht, seinem ganzen Wesen einen zusammengerafften, entschlossenen Ernst gegeben, und wer ihn nicht in vertrauten Stunden gesehen, der konnte nicht wissen, daß hinter den Wolken seiner Stirn die volle Sonne stand. Er hatte gerade um jene Zeit auf Menschen solcher Art in schwerhinwandelnden Versen ein schwerernstes Gedicht gemacht, das nannte er »Erscheinung«.

Eine düstre Wolke seh’ ich schwimmen Durch den abendlichen Himmelsraum. Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen Zarte Lichter wie ein Flockensaum.
Gleichwie starrgewalt’ge Bergesschroffen Ragt die Wolke hoch in den Azur, Doch um ihre Stirne lichtgetroffen Hängt des Alpenglühens Rosenflur.
Denn verborgen hinter jener Mauer Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts, Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer, Blickt nach dort verklärten Angesichts.
Also sah ich düstre Menschenstirnen In den Grenzen dieser Erde auch: Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnen Eines fremden Lichtes leiser Hauch.
Augen sah ich, die dem Hier entrinnen, Das mit Tränenschatten sie umhüllt; Doch versunken war ihr Blick nach innen Und von dort mit sel’gem Glanz erfüllt. –

Er gab diesem Licht einen zum Himmel gewandten Blick, ein überirdisches Angesicht, weil er das für erhabener hielt und er damals gerade ein Dichter wie Klopstock und die Hainbündler werden wollte; in Wirklichkeit aber sprang seine Fröhlichkeit wie diejenige Klopstockens mit frischen Jugendbeinen auf der Erde umher. Das wußten die in der Schule nicht. Sie schrieben ihm auch weit größere Kenntnisse und Fähigkeiten zu, als er besaß, und das machte ihm Unbehagen, weil es ihm vorkam, als täuschte er sie, als müßte er seine Kenntnisse einmal alle aus dem Kopfe hervorholen und auf den Tisch legen, damit sie sähen, wie wenig er wisse und könne. Vor neuen, gewichtigen Aufgaben stand er stets mit einem ehrfurchtsvollen Gefühl der Unberufenheit.

Mit solchem Gefühl im Herzen drückte er endlich die Klassentür auf. Er stand vor den Kindern.

Sie verstummten vor Überraschung. Was will der denn, dachten sie. Asmus gebot ihnen, ihre Sachen unter den Tisch zu legen und sich ordentlich hinzusetzen. Sie gehorchten; aber einige duckten sich hinter den Rücken des Vordermannes und kicherten, weil der kleine Schreiber aus dem Zimmer des Oberlehrers Schulmeister sein wollte. Da steckte Asmus von seinen ernsten Gesichtern das allerernsteste auf und sah den Aufsässigen ruhig in die Augen – da saßen sie still und ohne Laut. Das fühlte er sofort, die Zügel in der Hand behalten, das war nicht so schwer; aber das Unterrichten!

Ja, die Unkundigen halten Unterrichten für die einfachste Sache von der Welt. Man sagt den Kindern, was sie wissen sollen, und dann wissen sie’s ja! Aber man soll ihnen gar nichts sagen, das ist’s ja gerade! Alles sollen sie selber sagen, durch unaufhörliche Fragen soll man’s aus ihnen herausholen; so verlangt es das »erotematische« oder »katechetische« oder »heuristische« Lehrverfahren. Asmus kannte diese gelehrten Vorschriften wohl; aber als er nun vor den sechzig Gesichtern stand, wußte er nichts damit anzufangen. Ihm war, als solle er den Kindern über ein meilenbreites Wasser die Hand reichen. Und wenn ihm vorher das Herz in den Schuhen gesteckt hatte, so hatte er jetzt zum mindesten vier Herzen, eines in den Schuhen, eines im Halse, das ihn würgte, eines in der Brust, das ihm wehtat und eines in der Darmgegend. Und nun kamen überdies noch Münz und Morieux herein; denn es war Brauch, daß, wenn ein Präparand unterrichtete, die andern zuhörten und hernach ihre Kritik übten. Wie ein Doppelbeckmesser mußten sie aufpassen, ob auch alle Fragen des Katecheten mit »W« anfingen (denn so verlangt es das »System«), ob Asmus auch keine »Wahlfragen« stellte, d. h. Fragen, auf die man nur mit Ja oder Nein zu antworten brauchte, die also die Schüler zum Raten verleiteten, ob er auch rechtzeitig zusammenfasse und wiederhole, ob er auch alle Kinder gefragt habe, bevor er eins zum zweitenmal frage, ob er auch tadle, wenn ein Schüler beim Fingerzeigen aus der Bank trete, ob er auch bemerkt habe, daß Müller sich in vereinfachter Manier die Nase geputzt habe usw.

Asmus sollte zunächst eine Anschauungsstunde geben, und er holte sich aus dem kleinen Schulmuseum einen ausgestopften Fuchs, der aber dank der Kunst des Ausstopfers den Hinterleib einer feisten Katze hatte.

»Was ist das?« fragte Asmus.

»Das ist ein Hund,« antwortete ein Schüler; denn die Stadtkinder kannten keinen Fuchs.

Statt nun an diese nicht ganz unrichtige Antwort anzuknüpfen und den Fuchs zunächst als Hund zu behandeln, oder aber mit Eleganz darüber hinwegzugehen und einen anderen zu fragen, biß sich Asmus sofort in diese Antwort fest.

»Nein, ein Hund ist das nicht,« sagte er, »woran sieht man, daß es kein Hund ist?«

»Er hat gar keinen Maulkorb um!« rief ein kleiner Bursche.

»Haben denn alle Hunde Maulkörbe?« fragte der junge Präzeptor. (O weh, eine »Wahlfrage!«)

»Nein,« riefen viele Kinder. (O weh, der Präzeptor duldete, daß die Schüler im Chor antworteten, ohne es zu tadeln! Münz und Morieux notierten eifrig in ihren Heften.)

»Wozu gehört der Maulkorb also gar nicht?«

»Der Maulkorb gehört gar nicht zum Hund,« sagte ein Schüler.

Das genügte Asmus nicht so ganz. Er wollte den Irrtum beseitigen, daß der Maulkorb ein organischer Bestandteil des Hundes sei (er wußte, daß die Kinder auch das Hufeisen für einen Teil des Pferdehufes halten), er wollte die Antwort: »Der Maulkorb gehört nicht zum Körper des Hundes;« aber wie sollte er aus diesen Kleinen das Wort »Körper« herauskatechisieren? Sollte er fragen: »Ist der Maulkorb etwa ein Körperteil des Hundes?« Nein, das durfte er nicht, das war eine »Ja- und Nein-Frage«. Er versuchte es auf mancherlei Weise; denn er meinte, jeder auftauchende Irrtum müsse sofort und gründlich beseitigt werden; aber das ersehnte Wort kam nicht. So biß er sich im Maulkorb des Hundes fest und war noch immer nicht beim Fuchs, obwohl er schon am ganzen Körper schwitzte.

Endlich mußte er das Rätsel doch aufgeben, und so war Zeit und Mühe verloren.

»Also ein Hund ist das nicht. Woran sieht man das?«

Da stand ein Genie auf und sagte:

»’n Hund hat nicht solchen Schwanz!«

»Na also!« jubelte Asmus, und in seiner Freude über das erlösende Wort vergaß er, daß das Genie »’n Hund« statt »ein Hund« gesagt hatte. Münz und Morieux notierten das.

 

 

XII. Kapitel.

Asmus ringt gewaltig mit einem Schüler wegen eines Frosches: er empfängt Rippenstöße, und der gewisse Seybold besteht das Examen.

Aber schon von der nächsten Stunde ab mußten Münz und Morieux wieder Listen und Protokolle schreiben, und Asmus sprach mit seinen Schülern, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Und sieh, mit einem Male ging alles freier und besser. Wenn er sich nun aus dem Schulmuseum einen Hasen geholt hatte, so erinnerte er sich jenes Lehrers, bei dem er gern gehorcht hatte und der auch nicht immer im Stechschritt des Systems gegangen war. Er sang ihnen vor allen Dingen Lieder vom Hasen vor:

»Als der Mond schien helle, Kam ein Häslein schnelle«

und

»Gestern abend ging ich aus, Ging wohl in den Wald hinaus«

und

»Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal Saßen einst zwei Hasen«

und nachdem ihnen Herr Lampe mit so vorzüglichen Empfehlungen vorgestellt war, schauten sie ihn mit ganz anderen Augen an. Und als Asmus heraushaben wollte, daß der Hase ein Säugetier sei, da fragte er sie:

»Was für ein Vogel ist denn der Hase?« Halloh, da gingen sie fast über die Bänke vor Lachen und Weisheit und riefen: »Das ist ja gar kein Vogel!« und erklärten ihm mit Begeisterung, warum der Hase kein Vogel sei! O Gott, wenn Münz und Morieux, und gar der Herr Oberlehrer dagewesen wären! Überhaupt fand er, daß es den Kindern ein besonderes Vergnügen bereitete, wenn er sich recht dumm stellte und sich dann von ihnen aufklären ließ. Der alte Sokrates kannte seine Leute.

Natürlich stieß er trotzdem noch täglich, ach, stündlich in seinem Fahrwasser auf Klippen, Untiefen und Stromschnellen. Da hatte er ihnen das Märchen vom Froschkönig und dem eisernen Heinrich erzählt. Der Frosch hatte der Königstochter ihren goldenen Ball aus dem Brunnen geholt unter der Bedingung, daß er mit ihr an einem Tische essen und in einem Bettchen schlafen dürfe. Und sie hatte es ihm doch hoch und heilig versprochen. Als nun der Frosch ins Schloß kam, wollte sie ihr Königswort nicht halten. Das ist mit Königsworten öfters so, ist aber unsittlich. Und Asmus wollte entwickeln, daß man sein Wort halten müsse, und wenn es auch noch so schwer sei.

»Warum wollte sie denn nicht mit dem Frosch zu Bett gehen?« fragte Asmus einen Schüler.

»Ich weiß nicht,« sagte der.

»Möchtest Du denn einen Frosch im Bett haben?«

»Ja!« rief das Bürschchen begeistert.

Hm. Das war ein unerwartetes Hindernis. Aber Asmus besann sich. Vielleicht sprach das Kind so aus ethischen Erwägungen. Es meinte wohl im stillen: wenn ich es versprochen hätte.

»Schön,« fuhr der Magister fort, »du möchtest also bei einem Frosch schlafen. Aber doch nur wann?«

»Immer!« versetzte strahlend der Gefragte.

Hm, hm. Wie sollte man diesem perversen Individuum die Moral der Geschichte begreiflich machen? Man mußte einfach die Segel streichen. Der kluge Magister begriff erst später die Freude der Kinder an allem Spiel mit den Tieren.

Aber solche und ernstere Schwierigkeiten erhöhten gerade die Lust an der Arbeit, und er widmete sich ihr auch mit so viel körperlichem Eifer, daß er infolge des vielen Sprechens von einer Heiserkeit in die andere fiel. Überdies kam der erkrankte Lehrer nicht wieder, aus den acht Wochen wurde ein Vierteljahr, aus dem Vierteljahr ein halbes. Asmus hatte morgens eine Stunde weit zur Schule und ging mittags denselben Weg zurück. Dann aß er eilig zu Mittag und ging abermals zur Schule, um den Nachmittagsunterricht zu erteilen. Danach begab er sich von der Schule ins Präparandeum, und abends hatte er eine gute Stunde nach Hause. Dann erst konnte er an seine Präparationen für Schule und Präparandeum gehen. Das machte etwa elf Stunden Arbeit und fünf Stunden Marsch. Aber Asmus war noch immer tief davon durchdrungen, daß der Schlaf ein eingebildetes Bedürfnis sei, eine Überzeugung, die er bald genug ablegen sollte. Einstweilen aber ging er nicht nur jeden Sonnabend zu Bockholm ans Klavier, er machte auf seinen Wanderungen auch noch Gedichte, die den Beifall Lauras, nämlich Fräulein Wieselins, und der beiden Leonoren fanden.

Nur einen Menschen gab es, dem die vielfältige Beschäftigung Asmussens Sorge machte, und das war seine Mutter. Nicht, daß sie für seine Gesundheit gefürchtet hätte, – seine vollen, roten Wangen ließen solche Befürchtungen nicht aufkommen, – nein, sie bangte wegen des bevorstehenden Abgangs-Examens. Im nahen März sollte Asmus ins Seminar übergehen, und sie fürchtete, daß er sich bei so viel Arbeit nicht ordentlich vorbereiten könne und dann womöglich durchfalle. Und sie schickte heimlich einen Seminaristen aus der Bekanntschaft ab, der sich bei einem Lehrer des Präparandeums nach den Aussichten ihres Sohnes erkundigen sollte. »Zu Hause sagt der Bengel ja nichts,« klagte sie. »Er macht auch Gedichte; aber meinen Sie, er zeigt sie uns? Wenn ich nicht mal eins in seiner Schublade finde, erfahren wir nichts davon.«

Seine Gedichte zu Hause zeigen, – nein, das brachte Asmus nicht über sich. Eine Scham, die er sich selbst nicht deuten konnte, hielt ihn davon zurück. Wir mögen auf der Gasse nicht im Nachtgewand und daheim nicht in der Toga palmata erscheinen.

Jener geheime Emissär geriet an den Lehrer für deutsche Sprache und Literatur, einen großen Mann mit einer prachtvollen Römerglatze und energischen Zügen, die lieber dem Spott als der Liebenswürdigkeit dienten. Er maß den Frager von oben bis unten mit höhnischem Blick und sagte dann: »Ja, wenn wir den durchfallen ließen, wen sollten wir dann bestehen lassen?«

Dieser Bescheid beruhigte Frau Rebekka einigermaßen, aber keineswegs vollständig. Als der erste Tag des schriftlichen Examens anbrach, strich sie unaufhörlich mit liebkosenden Händen an ihrem Sohne auf und ab, als ginge er den Weg zum Schafott und kehre nicht mehr zurück. Als ihn acht Tage später der Mann mit der Römerglatze auf die Seite genommen und mit spöttischem Lächeln gesagt hatte: »Ich gratuliere Ihnen. Sie haben den besten Aufsatz geschrieben,« da brachte er fliegenden Laufes wie der Bote von Marathon seiner Mutter die Nachricht, damit sie sich beruhige. Und wirklich wurde sie etwas ruhiger.

Ludwig Semper konnte zu der Unrast Rebekkens immer nur lächeln. »Du bist nicht gescheit,« sagte er kopfschüttelnd und blickte zum Fenster hinaus in die Ferne.

Asmus aber war aus Sicherheit und Unruhe wunderbar gemischt. Er pflegte weder sich noch anderen Demutsflausen vorzumachen und sagte sich wohl: »So viel wie die anderen weiß ich auch«; aber alles Leben, das er noch nicht kannte, stellte er sich als Wunder vor, als gutes oder schlimmes Wunder, und das Examen rechnete er vorläufig zu den schlimmen. Er dacht’ es sich im Grunde als eine Lotterie, die der Zufall entschied; er stellte sich vor, daß Dr. Korn, der als Direktor natürlich alles wußte, oder Herr Stahmer, der ebensoviel wußte, ihm die abenteuerlichsten Fragen vorlegen könnten, die schwersten Fragen, an die er nie gedacht, und dann war ihm ungefähr zumut wie dem armen Gretchen beim dies irae.

Quid sum miser tunc dicturus »Quem patronum rogaturus?«

Vielleicht war er der unruhigste von allen Examinanden. Sein Platznachbar Seybold z. B. schrieb im schriftlichen Examen einfach alles nach, was er mit seinen vortrefflichen Augen von Sempers Schriftstücken ablas, und war darum viel ruhiger als dieser. Ja, dieser Jüngling setzte ein so heiteres Vertrauen in die Kräfte seines Nebenmannes, daß er noch unmittelbar vor der naturgeschichtlichen Prüfung im Bücherschrank der Klasse von möglichst dicken Wälzern nach dem System »Mausefalle« einen babylonischen Turm errichtete, der bei der geringsten Erschütterung durch die angelehnte Schranktür ins Zimmer stürzen mußte. Der Campanile brach denn auch mit wunderbarer Präzision und furchtbarem Getöse zusammen, als Papa Hamann gerade die Frage von den Monocotyledonen und den Dicotyledonen diktierte. Natürlich mußte Asmus Semper wieder prusten, und als Papa Hamann ihn lachen sah, sagte er:

»Themper, thie gehen mit einem geradethu thträflichen Leichtthinn inth Ekthamen!«

In der mündlichen Prüfung war Seybold freilich erheblich unruhiger, und wenn der Examinator sich seinem Platze näherte, stieß er Sempern so heftig in die Rippen und trat ihm so deutlich auf den Fuß, damit er ihm aushelfe, daß Asmus noch drei Tage nachher die blauen Flecke beobachten konnte. Nun konnte er zwar nicht einblasen, wenn er sich nicht selbst ans Messer liefern wollte; aber der gute Seybold bestand trotzdem, und Asmus stellte ernste Erwägungen darüber an, warum man eigentlich Examina vornähme, wenn auch die Seybolde durchkämen.

 

 

XIII. Kapitel.

Frühlings- und Ferienlust; Wiederauftreten des Herrn Morieux; ein längerer Blick der »Dame in Trauer«, ein Aufstieg ins Gebirge und ein Gärtner mit einer Schere.

In der Tat, das einzige Gute, das solche Prüfungen haben, sind die Ferien, die sich ihnen gewöhnlich anschließen. Drei Wochen hatte er nun frei – er warf sich daheim aufs Sofa und streckte die Beine, als wenn er sie gleich durch die ganzen drei Wochen hindurchstrecken wollte. Und auch gefeiert wurde er! Frau Rebekka, die nun endlich ganz beruhigt war, fragte ihn feierlich, was er denn heute essen wolle. Das war noch nicht dagewesen. Und Asmus nahm seinen Flug bis zum Gipfel der Imagination und sagte nach einigem Erwägen: »Pfannkuchen mit Pflaumenmus.« »Sollst du haben,« sagte Frau Rebekka und flog in die Küche an den Herd.

Was sein Vater ihm gab, war anderer Art. Asmus saß mit einem Buch an seinem gewohnten »Schreibtisch«, und Ludwig Semper saß an seinem Arbeitstisch und machte Zigarren. Und obwohl Asmus ihn nicht ansah, wußte er wieder ganz genau, daß die Augen seines Vaters auf ihm ruhten, und er hütete sich wohl, den Blick zu erheben und die zärtlichen, sommerwarmen Augen seines Vaters zu verscheuchen. Er las nicht mehr, er sah immer auf dasselbe Wort und dehnte sich in der Juliwärme dieses Blickes, dehnte sich langsam, kaum merklich, aus Furcht, die Sonne möcht’ es merken und sich verhüllen; er fühlte sich von einem heiligen Licht umflossen und sah in diesem Licht wie goldene Stäubchen die Millionen seligen Erinnerungen seiner Kindheit wirbeln.

Und noch ein andres Herzensglück sollten diese Tage ihm bringen. Als Asmus eines warmen Frühlingstages am Fenster stand und auf seiner Zehn Marks-Geige nach einer Notenschrift in den Wolken fantasierte, wurde heftig geklopft. Im selben Augenblick sprang auch schon die Tür auf, und wer trat herein? Morieux. Morieux mit bleichem, verzerrtem Gesicht und weit vorgestreckter Hand.

»Ich wollte dir die Hand zur Versöhnung bieten,« sagte er.

»Bravo!« rief Asmus, indem er klatschend einschlug, »wie geht’s dir? Was machst du? Komm, setz’ dich ins Sofa! Steck’ dir eine Zigarre an, eine feine Brasil. Trinkst du lieber Bier oder Kaffee?«

Er war nahe daran, seinem Freunde Kost und Logis für drei Monate anzubieten; denn er mußte reden, um seiner Gemütsbewegung Herr zu werden. Er schämte sich viel mehr als sein Freund; er war über und über rot geworden, lief planlos im Zimmer hin und her und stellte seinem Gast die beiden besten Stühle hin, obwohl er ihn ins Sofa gebeten hatte.

Morieux fing an, von seinem Verschulden zu sprechen.

»Aber ich bitte dich!« rief Asmus, »sprich nicht davon. Wenn ich mich vertrage, hab’ ich alles Vergangene vergessen. Ich hatt’ es sowieso schon vergessen. Da – hier – spiel’ mir was vor!« Er drückte ihm die Geige in die Hand. »Bitte, bitte, die F-Dur-Romanze!«

Und Beethovens Töne schwemmten alle Kleinigkeiten hinweg.

Drei Wochen sollte er so genießen! Was konnte man da für Spaziergänge machen, für Bücher lesen, für Duette spielen, für Gedichte machen – es war nicht auszudenken! Ganze Epopöen konnte man dichten! Er begann auch sofort mit einer breit angelegten Dichtung »Niobe«, in der die vierzehn Kinder der bejammernswerten Tantalstochter einzeln starben. Ach ja, Ferien waren doch noch schöner als die schönsten Unterrichtsstunden! Auch als Junge war er – wenn seine Mitschüler ihn nicht peinigten – mit Lust zur Schule gegangen, ja, die Geschichts- und Geographie- und Physikstunden des Herrn Cremer waren ihm zuzeiten das Liebste auf der Welt gewesen; aber das Allerliebste blieben doch die Ferien. Als er noch in der Klasse des Herrn Rösing gewesen war, da war eines Morgens ein Lehrer gekommen und hatte gesagt:

»Ihr könnt wieder nach Hause gehen, Herr Rösing ist krank.«

»Hurra!« hatte die ganze Klasse geschrien. Da hatte der Lehrer gerufen: »Jungens, seid ihr des Teufels? Wenn euer Lehrer krank ist, brüllt ihr Hurra?«

Aber das war eine tendenziöse Zusammenstellung. Sie dachten gar nicht an die Krankheit des Herrn Rösing; sie dachten nur an ihre Freiheit. Sie gönnten dem Lehrer jedes Wohlbefinden, wenn er nur nicht kommen wollte. Und auch Asmus hatte Hurra geschrien ...

Aber seine Ferien waren noch nicht ganz; einige Tage mußte er noch in die Schule zum Unterrichten, und dann mußte er noch eine Prüfung ablegen: prüfend sollte er geprüft werden. Da der kranke Lehrer noch immer nicht wieder erschienen war, so mußte Asmus »seine« Klasse bei der öffentlichen Prüfung vorreiten. Das war wieder eine bange Stunde; denn hinter ihm, neben ihm, an den Wänden entlang und auf den Bänken der Kinder saßen und standen sämtliche Damen und Herren des Kollegiums. Auch Laura war natürlich da und die beiden Leonoren; und ganz hinten auf der letzten Bank saß Beatrice, oder, wie sie eigentlich hieß: Hilde Chavonne. Sie hatte zum ersten Male die Trauer abgelegt, wenn auch nur in ihren Kleidern; sie trug ein leuchtend braunes Kleid, und in diesem Kleide, mit ihrem reichen braunen Haar und ihren melancholisch-braunen Augen war sie brünetter, hübscher und stolzer denn je. Und mit einem Male sprang in Asmussens Seele ein Imperativ empor: dieser Stolzen sollst du imponieren. Den Blick dieses Mädchens wählte er sich zum Leitstern durch die schwere Stunde, und nichts gibt der Arbeit eines Siebzehnjährigen einen feurigeren Aufschwung, als wenn auf ihr der Blick eines Weibes ruht.

Als die Prüfung vorüber war, sagte der Oberlehrer nichts; er wiegte nur wohlwollend auf und ab das Haupt. Als die Damen das Zimmer verließen, sah Asmus, daß Fräulein Chavonne sich mit einer Kollegin über ihn unterhielt; denn diese blickte ihn wiederholt von der Seite an; Hilde Chavonne aber heftete, bevor sie hinausschritt, noch einmal den Blick auf ihn, als habe sie den kleinen Herrn erst heute kennen gelernt, und was das Merkwürdige war: sie wandte den Blick nicht weg, wie es sonst die Mädchen zu tun pflegen, wenn der Blick eines Jünglings ihrem beobachtenden Auge begegnet; nein: offen, fest und ernst blickte sie ihm ins Auge.

Nach völlig beendigter Prüfung wollte Semper sich von den Herren des Kollegiums verabschieden.

»Was fällt Ihnen ein!« rief einer der Herren, »Sie müssen mit uns.«

Asmus erklärte, er könne nicht, er habe »furchtbar viel zu tun,« und als der joviale Herr ihn nicht lassen wollte, sagte er leise: »Ich habe kein Geld.«

»Wofür halten Sie mich denn?« rief der Lehrer lachend, »wenn ich Sie einlade, brauchen Sie doch kein Geld.«

Nun ging es in eine halbländliche Kneipe, wo man in Lauben saß und der Wirt noch ein Käppchen trug. Asmus war glücklich und stolz; die Herren behandelten ihn nicht nur als Kollegen, sie nannten ihn sogar so. Und sie waren über die Maßen lustig und erzählten sich in seiner Gegenwart die ausgelassensten Schnurren. Asmus saß mit weit offenen, lachenden Augen da. Er hatte mit jener scheuen Ehrfurcht, die er vor allem Unbekannten hegte, diese Herren für Halbgötter gehalten, die hoch über der Lust gewöhnlicher Sterblicher dahinwandelten. Die Entdeckung, daß sie fröhliche Menschen waren, war ihm ein fröhliches Wunder. So gefielen sie ihm noch viel besser.

Einer der Herren zog Asmus in ein Gespräch über Rousseau. Er meinte, das Leben Rousseaus sei tadelnswert und seine Theorien seien nicht ausführbar. Aber Asmus war schon beim dritten Glas und verteidigte seinen Liebling wie eine Löwin ihr Junges. Rousseau sei der beste der Menschen gewesen, und alle seine Ideen seien ausführbar, wenn man nur wolle.

»Na, Herr Semper,« warf ein etwas eingetrockneter Herr aus der Runde ein, »darüber können Sie doch wohl noch nicht urteilen.«

»Wissen Sie, was Schiller sagt?« rief Asmus.

»Nee,« sagte der Herr.

Und Asmus rezitierte mit hochgeröteten Wangen:

»Monument von unsrer Zeiten Schande, Ew’ge Schmachschrift deiner Mutterlande, Rousseaus Grab, gegrüßet seist du mir! Fried’ und Ruh’ den Trümmern deines Lebens! Fried’ und Ruhe suchtest du vergebens; Fried’ und Ruhe fand’st du hier.
Wann wird doch die alte Wunde narben? Einst war’s finster, und die Weisen starben; Nun ist’s lichter, und der Weise stirbt. Sokrates ging unter durch Sophisten, Rousseau leidet, Rousseau fällt durch Christen, Rousseau – der aus Christen Menschen wirbt.«

Die Worte »Schande«, »Schmachschrift«, »Sophisten« und »Christen« hatte Asmus mit anzüglicher Betonung hervorgehoben.

»Ja, das ist ja sehr formvollendet,« sagte der Gedörrte mit einer empörenden Kälte, »aber Schiller ist für mich auch nicht maßgebend.«

»Was? Schiller –?«

Asmus wollte aufspringen; aber jener andere Herr legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Ich werde Ihnen mal Rousseaus »Bekenntnisse« leihen; die werden Sie interessieren.«

»O ja! Herzlichen Dank!« rief Asmus, und am nächsten Tage stürzte er sich in die »Bekenntnisse«.

Das war Öl ins Feuer. Den Kopf in beide Hände vergraben, las er stundenlang mit heißen und heißeren Wangen. Da plötzlich sprang er auf, warf die Arme nach beiden Seiten und rief ganz laut: »O Gott – o Gott!« Er hatte die Stelle gelesen, wo Rousseau sich vor dem Leser zu jenem Diebstahl bekennt, den er hartnäckig geleugnet hat. Wohl eine Stunde lang stürmte Asmus im Zimmer auf und ab, oder er warf sich ins Sofa, vergrub das Gesicht in beide Hände und atmete schwer. Welch ein Mut, welch ein Wahrheitsmut! Welch eine erschütternde Liebe zur Wahrheit! Asmus wollte weiterlesen; aber kaum hatte er das Buch berührt, so schlug er es heftig zu. Er konnte nicht weiterlesen; eine geheimnisvolle Macht verwehrte ihm, die heiligste, größte Stunde seiner Jugend selbst zu töten. Er lief ins Freie, rannte durch Felder und Wiesen und sah von Feldern und Wiesen nichts; er füllte nur eine unaufhörliche Brandung gegen die Wände seines Herzens schlagen. Gegen Abend kehrte er ruhiger nach Hause zurück. Wieder schlug er das Buch auf, und langsam, zärtlich, mit ferngewandtem Blick machte er es wieder zu. Wie der Bergwanderer, der einen höchsten Grat erstiegen und nun die freie und reine Herrlichkeit der Täler und Gipfel erschaut, sich nicht entschließen kann, wieder dort hinabzusteigen, wo alles das ihm entschwinden wird, so konnte es Asmus nicht über sich gewinnen, die Höhe zu verlassen, wo himmlische Luft sein Herz durchbraust hatte.

Und zu diesem Rousseau würde nun bald im Seminar Pestalozzi kommen und Comenius und die Alten: Plato, Aristoteles, die Kirchenväter – er hatte Einblick in den Lehrplan des Seminars bekommen – ach: was gab es da nicht alles in der Psychologie, in der Logik, in der Methodik, in Literatur und Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaften – ihm lief das Wasser im Munde zusammen wie einem Schlemmer, der vom Gastmahl des Trimalchion liest, von einem jener römischen Gelage, wo ganze Ochsen und Eber auf goldenen Wagen herangefahren wurden und Speisen und Getränke aus der Decke, aus den Wänden und aus dem Boden hervorkamen. Das alles, was da in dem Lehrplan stand, sollte er studieren dürfen, bis in die tiefsten Schachte der Wissenschaft hinein, und zu Hause würde er noch Zeit haben, noch ebensoviel dazu zu lernen –

»O Erd’, o Sonne, O Glück, o Lust!«

das war der tägliche Text seines Herzschlages, die immer wiederkehrende Melodie seines Gedankenreigens. Was sich draußen golden und grün über Felder und Hecken breitete und was sich golden und grün über unendliche Fluren in seinem Herzen dehnte: es war derselbe Frühling, derselbe lerchenfrohe Lebensmorgen.

Der alte Moor fiel ihm ein, der, seines Erstgeborenen gedenkend, erzählt: »Da ihn die Wehmutter mir brachte, hub ich ihn gen Himmel und rief: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?«

Im Übermute seines Herzens mußte er es still in sich hineinrufen: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?

Freilich: der alte Moor war dann nichts weniger als glücklich geworden.

»Aber ich bin glücklich!« rief Asmus in sich hinein »und ich werde glücklich sein, ich weiß es.«

Mit solchen Empfindungen überschritt er an einem Aprilmorgen zum ersten Male die Schwelle des Seminars.

Er hörte nicht die Schere klingen, die Schere des Gärtners, der herankam, sein Glück zu beschneiden.

 

 


 

 

XIV. Kapitel.

Der Gärtner beginnt, seine Schere zu handhaben.

Asmus war erst wenige Tage im Seminar, als er sich auf dem Heimwege, auf demselben Spielbudenplatze, der seine sonntäglichen Schwelgereien in nun vergangenen Tagen gesehen hatte, von einer weiblichen Stimme anrufen hörte.

»Asmus, sei man nich so stolz!« rief die weibliche Stimme.

Er fuhr aus seinen Gedanken auf und starrte in das Gesicht einer Frau, die ein Kind auf dem Arme trug.

Ja, war’s denn möglich – das war ja Adolfine Moses, die mütterliche Gespielin früherer Jahre, die treffliche Sibylle, in deren Hexenküche er so manchen Buchweizenkloß gegessen hatte, die ihm die erste Nachricht vom Ausbruch des Krieges mit Frankreich gebracht hatte.

»Kenns mich woll ganich mehr?« rief Adolfine und verzog lachend den Mund bis an beide Ohren.

»Aber natürlich, Adolfine, natürlich kenn ich dich!« rief Asmus. Ihre Häßlichkeit war im wesentlichen nicht anders geworden, nur reifer.

»Wie geht’s dir denn?«

»Och, ich bin jetz verheirat’t. Dies is mein Jung; mags ihn leiden?«

»Ja, natürlich,« sagte Asmus.

»Was bist du denn geworden,« forschte Adolfine.

»Ich will Lehrer werden,« antwortete Asmus.

Da klaffte Adolfinens Mund wie eine Löwengrube, und sie lachte, daß es über den ganzen Platz hallte.

»Bis woll verrückt!« schrie sie.

Asmus sah sich unwillkürlich um. »Schrei doch nicht so!« rief er. »Natürlich werd’ ich Lehrer.«

Aber es kostete viel Mühe, sie daran glauben zu machen. Und langsam und gradweise, wie sie ihm Glauben schenkte, öffnete sich wieder ihr Mund.

»Kanns das denn alles in’n Kopf behalten?« fragte Adolfine. Sie dachte an ihre eigene Schulzeit.

»Jaa – ziemlich,« versetzte er langsam. »Aber jetzt muß ich weiter. Adieu, laß dir’s gut gehen!«

Er gab ihr die Hand; aber sie war jetzt sprachlos, und als er schon fünfzig Schritte weit war, stand ihr Mund noch immer offen. – –

Hinter der Satyrmaske Adolfinens war das Schicksal verborgen gewesen und hatte gerufen: »Du bist wohl verrückt!« – – – –

Das drohende Tabakmonopol und später die erhöhte Tabaksteuer lasteten schwer auf dem Gewerbe der Zigarrenmacher; wenigstens hatten die Fabrikanten die ohnedies bescheidenen Arbeitslöhne noch herabgesetzt. Der Urheber der Steuer nannte sich Bismarck, und dieser Bismarck wurde in den Stuben der Zigarrenarbeiter um dessen willen nicht geliebt. Aber dieser Bismarck hatte noch etwas anderes hervorgebracht, und das war das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie. Asmussens Bruder Johannes aber war leidenschaftlicher Sozialdemokrat. Nicht als Redner trat er hervor; aber er war im Vorstand der Ortsgruppe und wirkte still und begeistert für die Organisation. In harter Winterzeit machte er Agitationsreisen ins unberührteste Schleswig-Holstein, dorthin, wo die Landbevölkerung den »Dezimalkroaten« Unterkunft und Nahrung weigerte und sie nicht selten mit Hofhunden an Leib und Leben bedrohte.

Einmal aber trat Heinrich Moldenhuber, der »Wolkenschieber« oder, wie ihn Ludwig Semper ob seiner sturmgeschwellten Rockschöße gewöhnlich nannte: Heinrich der Seefahrer ins Arbeitszimmer der Semper und sagte mit stoischem Lächeln:

»Ich bin ausgewiesen.«

Man glaubte anfangs, er scherze. Aber er zeigte lächelnd den Ausweisungsbefehl. Und man begriff noch immer nicht. Wie? Dieses neunundzwanzigjährige Kinderherz sollte »gemeingefährlich« sein? Wie? dachte Asmus, dieser Mann, der zu den besten Stücken meiner Jugend und meiner Heimat gehört – den verbannt man aus seiner Heimat? Gewiß würde Moldenhuber auch auf der Barrikade seine Schuldigkeit getan haben; aber nie würde er aufgefordert haben, eine zu bauen; er würde viel mehr versucht haben, den Fürsten Bismarck oder den das Standrecht ausübenden General von seinem Irrtum und von der Richtigkeit der sozialistischen Lehre zu überzeugen.

Aber alles Verwundern half nichts gegenüber der brutalen Tatsache.

»Wohin willst du denn?« fragte Ludwig Semper.

»Nach Amerika,« antwortete Moldenhuber ruhig.

Nach Amerika! Der Wolkenschieber nach Amerika! Das war so, als wenn Hölderlin auf die Hamburger Börse gegangen wäre, um hinfort in Kaffee zu spekulieren. Ludwig Semper riet ihm dringend ab; aber der Seefahrer war heiter entschlossen. Fast schien es, als ob ihm die Schicksalswendung willkommen wäre und er sich auf die Entdeckung Amerikas durch Heinrich den Seefahrer freue. Was konnte ihm geschehen? Nahm er nicht seine Dichter und Philosophen überallhin im Kopfe mit? Und für eine Bücherkiste war wohl auch noch Platz im Zwischendeck.

Amerika! Asmussens Brüdern, Johannes und Alfred, hatte dies Land schon oft vor der Seele gestanden als ein Bereich, wo man aus dem ewigen Schuften und Sorgen herauskomme, wo brauchbare Arbeit einen reichlichen Lohn finde. Der Entschluß, dahin auszuwandern, war immer wieder verschoben worden; denn diese Heimat mit all ihrem Schuften und Sorgen übte ihre stille Kraft. Aber die Polizei kam ihrer Unentschlossenheit zur Hilfe. Ein Beamter, der Ludwig Sempern freundlich gesinnt war, teilte ihm unter der Hand mit, daß auch sein Sohn Johannes auf der Proskriptionsliste stehe und demnächst »drankomme«. Vielleicht ziehe er es vor, noch vordem auszuwandern.

Das gab einen Aufruhr im Hause Semper! Frau Rebekka sprach sich über Thron und Altar, über Bismarck und die Polizei in einer Weise aus, die ihr gegebenen Falles 100 Jahre Gefängnis gesichert hätten, und im stillen weinte sie. Ludwig Semper trug das Unglück schweigend wie immer, nur warf er öfter als sonst das linke Bein über das rechte und bewegte heftig die Lippen, und nur einmal rief er: »Die Narren, wenn sie glauben, daß ihnen das was hilft!«

Am muntersten nahm Alfred die Neuigkeit auf. Er wollte sofort mit seinem Bruder nach Amerika, obwohl ihn niemand forttrieb und obwohl er sich ein Sümmchen erspart hatte. Aber er wollt’ es »zu was bringen« und erbot sich, seinem Bruder das Geld für die Überfahrt zu leihen.

Und Johannes schlug ein. Entschlossen, nach Amerika zu gehen, war auch er. Aber seine Entschlossenheit hatte zwei Gesichter, die in den nächsten acht Tagen oft miteinander wechselten. Das eine pflegte mit unternehmendem Blick durchs Fenster nach Westen zu sehen, das andere die Blicke wandern zu lassen über Wände und Winkel, Gassen und Felder in Haus und Heimat, von denen er scheiden sollte.

 

 

XV. Kapitel.

Asmus hört ein französisches Lied von deutschem Heimweh, gibt Privatstunden bei Lachtauben und Häschen und erhält sein erstes Dichterhonorar.

Schon acht Tage später bewegte sich durch die Straßen von Oldensund und Altenberg ein Trupp von Auswanderern dem Hamburger Hafen zu. Außer Moldenhuber und Johannes Semper waren noch andere ausgewiesen worden; Europamüde hatten sich ihnen angeschlossen, und zahlreiche Verwandte und Freunde gaben ihnen das Geleite bis zu den Landungsbrücken. Man war auf gewisse Weise heiter; einige hatten ihrer Heiterkeit mit Alkohol auf die müden Beine geholfen. Man konnt’ es Heiterkeit nennen, wie man es Sonnenschein nennen kann, wenn durch unaufhörlich ziehende Wolken hin und wieder auf Minuten die Sonne mit stechendem Glanze hindurchblickt. Man sang sogar, man sang lustige Lieder; aber kein Mensch nahm sie lustig. Asmus ging eine Weile allein neben seinem Bruder Johannes. Sie sangen beide nicht mit; aber plötzlich sang etwas in Asmus. Er hatte es oft, daß plötzlich eine Melodie in ihm aufwachte, die er nur einmal gehört und die er dann wochenlang, monatelang vergeblich in seiner Erinnerung gesucht hatte. Vor mehr als einem Vierteljahr hatte er mit dem blinden Pianisten zusammen die »Fantastische Symphonie, op. 14« von Berlioz gehört. Und da hatte ganz besonders ein Gesang gedämpfter Geigen sich wie ein weicher, warmer Herbsttag ihm in das Herz gelegt. Er hatte sich die Worte gemerkt, die den Komponisten zu diesem Gesange angeregt hatten; aber die Melodie hatte er doch vergessen. Heute mit einem Male schlug jene wundersame, süß-traurige Weise die Augen auf.

sang es in ihm. Dann hörte er seinen Bruder sprechen.

»Sobald ich drüben bin, schick’ ich meine Adresse; dann mußt du mir fleißig schreiben.«

»Gewiß,« sagte Asmus.

»Schreib mir sobald als möglich, wie es Vater und Mutter geht – sie werden allmählich alt.«

»Ja, ja,« sagte Asmus nachdenklich.

»Mach’ ihnen nur recht viel Freude. Sowie ich etwas übrig habe, schick’ ich auch Geld.«

»Aber überarbeite dich auch nicht,« fügte Johannes noch hinzu. Dann schwiegen sie wieder. Und wieder hub in Asmus die sanfte, traurige Weise an:

Je vais donc quitter pour jamais Mon doux pays – – –

Endlich waren sie am Landungsplatz, und da griff der Anblick der vielen Hunderte von Zwischendeckspassagieren wie mit Krallen in Asmussens Herz. Er wußte ja von all diesen Leuten gar nicht, warum sie auswanderten, ob sie es gern oder ungern taten, was sie erhofften und was sie verließen; aber er sah in dieser ganzen Masse von Männern, Weibern und Kindern mit ihrer in Bündel geschnürten Habe nur ein großes Elend, ein großes, bitteres Elend, und zum ersten Male in diesen Tagen des Abschieds traten ihm heiße, reichliche Tränen ins Auge. Er trocknete sie schnell; denn es galt, Abschied zu nehmen und den Brüdern ein fröhliches, ermunterndes Gesicht zu zeigen. Der guten Frau Rebekka wollte fast das Herz brechen, und sie empfahl ihren Söhnen noch hundert Dinge, die sie nicht vergessen sollten; sie knöpfte Alfred den Rock zu und knotete Johannes den Schal fester um den Hals, um sie gegen die rauhe Seeluft zu schützen, die indessen von Hamburg noch fünf Stunden weit entfernt ist. Endlich fuhr das Schiff unter Hurrarufen und Winken der Zurückbleibenden davon.

Als Asmus wieder daheim war, ging er heimlich ins Schlafzimmer, wie er von jeher getan, wenn er mit sich allein sein wollte. Er trat ans Fenster und blickte nach Westen. Wo werden sie jetzt sein, dachte er.

Je vais donc quitter – – –

Die Melodie schlang sich wie ein Gewinde von Orangenblüten durch alle seine Gedanken.

Je vais donc quitter pour jamais Mon doux pays, ma douce amie! Loin d’eux je vais trainer ma vie Dans les pleurs et dans les regrets.

Das Lied paßte ja eigentlich gar nicht so recht zu diesem Tage: es war ein französisches Lied, und hier handelte es sich um eine deutsche Heimat; auch der Sinn der Worte paßte nur halb; aber die Töne, die Töne sangen ein wunderbares Heimweh, und sie folgten ihm bis in den Traum und bis in manchen folgenden Tag.

Viel Zeit war indessen für wehmütige Stimmungen und Gedankenspiele nicht übrig; das Leben schickte sich an, unserm Seminaristen mit realen Forderungen hart auf den Leib zu rücken. Mit den beiden Söhnen hatten die alten Semper zwar zwei beträchtliche Esser, zugleich aber einen für ihren Haushalt noch beträchtlicheren Geldzuschuß verloren. Vorübergehende Arbeitslosigkeit kam hinzu, und die fetten Jahre der dreihundertundsechzig Mark pro anno waren vorbei; im ersten Seminarjahr gab es nur einhundertundzwanzig Mark Stipendien, im zweiten zweihundert, im dritten zweihundertundvierzig. Aber wie sollten nun die Semper ihren Studenten durch drei endlose Jahre hindurchschleppen?!

Frau Rebekka verzagte an diesem Unternehmen. Durch den Spalt einer angelehnten Tür belauschte Asmus eines Tages ein Gespräch seiner Eltern.

»Dann muß er eben den Lehrer an den Nagel hängen und Zigarrenmacher werden,« sagte die Mutter.

»Ach, Unsinn!« klang die Stimme Ludwig Sempers.

»Ja, Unsinn! Weißt du, woher das Geld kommen soll? Ich weiß es nicht. Wir riechen nach Geld wie die Gänse nach Franzbranntwein.«

»Na ja, das findet sich,« sagte Ludwig.

»Ja, das sagst du immer,« meinte Rebekka. »Wozu auch?« fuhr sie fort. »Die anderen Kinder sind auch alle begabt und sind auch keine Lehrer geworden.«

Sie sagte das nicht lieblos; sie sagte es mit jener Resignation des Armen, der das Gefühl hat, daß das Talent für den Mittellosen ein Unglück ist.

Aber obwohl sie das Wort nicht lieblos gesprochen hatte, ging es Asmussen wie ein Messer durch’s Herz. Sie hatte Wahrheit gesprochen, die Mutter. Seine Brüder waren wohl ebenso begabt wie er, vielleicht begabter, und mußten Zigarren drehen. Sollte er seinen Eltern, die sich von Sorge zu Sorge schleppten, drei Jahre lang auf der Tasche liegen? Nein.

Asmus beschloß, seinen Unterhalt durch Privatstunden selbst zu verdienen. Dazu waren freilich nicht wenige solcher Stunden nötig.

Er ging dreimal in der Woche zu den Kindern eines Fettwarenhändlers, drei allerliebsten, wohlerzogenen Kindern, zwei Mädeln und einem Buben. Die Älteste war ein Lachtäubchen, und wenn Asmus über eine seltsame Aufgabenlösung ein humoristisches Augenrollen vollführte, wollte sie sich unter den Tisch kichern; nur wenn er die Frage an das etwas »thumbe« Brüderlein richtete, machte sie ein bekümmertes Muttergottesgesichtchen. Die Stunden wurden glänzend bezahlt, mit 75 Pfennigen, und jeden Monat zählte der blendend weiß beschürzte Vater mit verbindlichstem Dank und höflichen Komplimenten die blanken Silberstücke auf die Ladenbank. Hier war alles warm und gut.

Auch mit dem einzigen Kinde des Gelehrten, zu dem er sechsmal die Woche ging, lebte er gute und feine Stunden. Freilich nicht von Anfang an. Als er bei dem sechsjährigen Bürschchen mit dem Unterricht beginnen wollte, bemerkte er, daß es kaum die Entwicklung eines Vierjährigen hatte. Infolge von Krankheit oder Verzärtelung war es so zurückgeblieben, daß es fast gar nicht sprechen konnte, und wenn es nach vielen Ermunterungen und Mühen endlich den Mund auftat, so sagte es »trein« statt »klein« und »Josche« statt »Rose«. O, o, oh, dachte Asmus, was fang ich da an. Zudem war der Kleine furchtsam wie ein Häslein; er starrte seinen Lehrmeister nach Wochen noch an wie einen bösen Mann und war durch die zündendsten »Witze« und die komischsten Gesichter nicht ins Lachen zu bringen. Hundertmal, tausendmal sprach ihm Asmus die richtigen Laute vergeblich vor – das konnte nicht immer kurzweilig und fröhlich sein; dem Kleinen traten dicke Tränen ins Auge, und dann war alles vorbei ... Dann mußte Asmus aufspringen und ein paarmal auf und ab gehen und sich sagen, daß er die Geschichte vom Sisyphos bisher immer viel zu leichtfertig und teilnahmlos aufgefaßt habe. Endlich, nach sechs Wochen, sagte das Bübchen plötzlich ganz richtig »klein« und »Klavier«. Asmus traute seinen Ohren nicht.

»Sag’ mal Klaus!« – »Klaus.«

»Klemme!« – »Klemme!«

»Klosett!« – »Klosett!«

»Hurra« brüllte Asmus, »hurra, er kann es!« und er sprang – er konnte nicht anders – er sprang über einen Stuhl. Da lachte das Bürschchen zum ersten Male laut auf, und nun kam Sonnenschein ins Werk. Von nun an ging es vorwärts, und nach einem halben Jahre streckte sich aus den verhutzelten Hüllblättchen der kleinen Menschenknospe ein vollkommen helles und frisches Geistchen hervor.

Die Wirksamkeit in diesem Hause hatte für Asmus noch ein anderes Ergebnis. Irgend jemand hatte dem Vater seines Schülers gesteckt, daß der junge Herr Semper auch dichte, und eines Tages erbat der Vater von seinem Hauslehrer ein Lied für eine Naturforscherversammlung. Asmus sagte zu und dichtete etwas hervorragend Ungeeignetes. Der Doktor hatte sich ein munteres Kneiplied gedacht; Asmussens Werk aber war mit mehreren Zentnern Naturphilosophie befrachtet. Der Gelehrte, ein Gentleman, fragte gleichwohl mit verbindlichem Dank nach seiner Schuldigkeit. Vor Asmussens Phantasie stieg wie eine Leuchtkugel ein funkelndes Fünfmarkstück auf; aber er ließ sich grundsätzlich nicht übergentlemannen und sagte, es sei eine Gefälligkeit, für die er kein Honorar beanspruche.

»Nun, dann werd’ ich es auf andere Weise gutzumachen versuchen,« sagte der Doktor.

Und von nun an erschien in jeder Unterrichtsstunde eine Tasse Kaffee, ein wundervoller Kaffee, nicht mit Zichorien wie zu Hause. Und da er ein Jahr lang im Hause des Gelehrten wirkte, so kamen Hunderte von Tassen Kaffee heraus, und sie waren sein erstes Dichterhonorar, ein so hohes, wie er es viele Jahre später noch nicht erreichen sollte.

 

 

XVI. Kapitel.