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Semper der Jüngling

Chapter 25: XIX. Kapitel.
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About This Book

A sixteen-year-old student accepts a position observing primary-school classes and confronts the first duties and responsibilities of adult life. Intimate family scenes portray modest household routines and the parents' mixture of pride and nostalgia when his appointment rekindles hopes deferred by hardship. At the school he listens to lessons, records absences and tardiness, and discovers that practical tasks complicate his idealized notions of education. Private reflections and literary allusions accompany a striving to grasp what holds the world together, mixing philosophical yearning with youthful exuberance. The book assembles episodic classroom vignettes, neighborhood and home portraiture, and inward psychological observation to trace a gradual formation of character.

Handelt von sonderbaren Studenten und von einem unvergleichlichen Architekten.

Soweit waren die Privatstunden gut und schön. Mit den zwei Kaufleuten aber ging es schon anders. Das waren zwei Kompagnons, die Englisch lernen wollten. Aber nicht das Englisch der Schulgrammatik, des Landpredigers von Wakefield und des Verlorenen Paradieses, sondern das Englisch der Butter-, Eier- und Buckskinhändler. Also kaufte sich Asmus eine Grammatik der englischen Kaufmanns- und Gewerbesprache und studierte mit Volldampf englische Tratten, Rimessen, Konnossemente, Fakturen, Beschwerden über unbefriedigende Hosenstoffe und Insolvenzerklärungen. Die beiden Schüler waren so ungleich wie nur denkbar; der eine begriff nichts, der andere alles, und das mochte diesen bewogen haben, sich mit jenem zu assoziieren. Wie sollte man mit zwei solchen Pferden vorwärts kommen! Und obendrein mußte man doch noch immer auf der Hut sein, den verstopften Geist seine Beschränktheit allzu beschämend fühlen zu lassen! Aber die Qual sollte nicht allzulange dauern. Als Asmus nach zehn Unterrichtsstunden zur elften erschien, erklärte ihm die Frau, bei der die beiden Junggesellen gewohnt hatten, daß seine Schüler verzogen seien »unbekannt, wohin«. Sein Honorar hatten die Kompagnons mitgenommen. Asmus stand eine Weile sinnend vor dem Hause und betrachtete beim Schein der Gaslaterne die Grammatik für Kaufmannsenglisch, die vier Mark gekostet hatte und für die er nie im Leben wieder Verwendung finden sollte.

Mit diesen Stunden hatte er besonders gerechnet. Er verdiente allgemach so viel, daß er seinen Eltern Kost und Wohnung vergüten konnte, und diese Stunden sollten es ihm endlich ermöglichen, von seinem Verdienst ein weniges für sich zu behalten. Wenn die Stunden eine Weile fortgingen, wollte er sich ein Klavier mieten! Und auf diesem einst zu mietenden Klavier hatte Ludwig Sempers Sohn auf Spaziergängen und an stillen Feierabenden schon manches Adagio cantabile und manches Presto furioso gespielt. Denn er war vielleicht der größte und kühnste Luftschloßarchitekt seines Jahrhunderts. Aus einem einzigen Stein baute er ein Schloß; aber er ließ es nicht etwa, wie die meisten dieser Künstler, bei dem Gerüst oder bei der Fassade bewenden; nein, er führte es durch und hinauf bis zu den letzten Fialen und Türmchen, die mit den Mondstrahlen stritten an Feinheit und Glanz; er baute es aus von der Halle bis ins verschwiegenste Gemach, von der breitschimmernden Treppe bis in die Kammer des Türmers, vom lauschigen Erker bis zum lachenden Balkon, der in prangende Gärten hinabsah. Denn was wäre ein Schloß ohne einen Park mit Brücken und Lauben, mit singenden Wassern und horchenden Steinbildern, mit hundert Abgründen für den Traum und hundert Grotten und Höhlen für die Erinnerung?

Aber das merkwürdigste war, daß er, wenn das Schloß nun plötzlich im leeren Grau verschwand, nur drei Sekunden brauchte, um sich mit dieser vollendeten Tatsache abzufinden. Er galt bei denen, die ihn kannten, für einen Menschen von Talent; aber sein größtes Talent kannten weder sie noch er selbst: sein unerhörtes Talent, glücklich zu sein. In einem heimlichen Schubfach seines Herzens lagen tausend Baupläne zu neuen Luftschlössern; hinter seiner Stirn brannte wie ein wandelloser Stern die Hoffnung: Einmal bau ich mir doch ein Schloß, ein Schloß aus wirklichem Glück, und so viele, so herrliche Schlösser ihm versinken mochten – er versöhnte sich mit jeder Notwendigkeit und kannte nichts Unsinnigeres als Trauer um das Unabänderliche.

Und so schob er denn die Grammatik der englischen Handelssprache unter den Arm und sagte sich: »Ich habe doch meine Kenntnis des Englischen erweitert und einen gewissen Einblick in geschäftliche Dinge bekommen – wer weiß, ob ich sonst jemals dazu gekommen wäre.« Damit waren die Kompagnons erledigt.

Die Lust, etwas zu lernen, ist unter den Menschen weit verbreitet, die Lust, sich darum anzustrengen, nicht. Es gab wohl allerlei Leute, die Privatstunden haben wollten; aber sie gaben sie gewöhnlich schnell wieder auf, wenn sie merkten, daß das Lernen bei aller Milde der Methoden doch etwas anderes ist als eine schmerzlose Einspritzung ins Gehirn. So gingen allerlei Leute durch Asmussens Hände: ein Opernsänger, der fast so begabt war wie der beschränkte Kompagnon, aber nicht singen konnte; ein Franzose, der Deutsch lernen wollte, der – ayant oublié son porte-monnaie Asmussen um drei Mark anpumpte und dann nicht wiederkam; ein Gastwirt, der eine feinere Wirtschaft übernahm und darum Bildung lernen wollte, und manche andere; es gab Wochen, in denen »das Geschäft blühte«; aber sie wechselten mit Monaten, Vierteljahren, an denen es darniederlag. Und wenn den Glückspilz Asmus Semper etwas andauernd unglücklich machen konnte, so war es das Gefühl, seinen Eltern zur Last zu liegen, und die Furcht, in den Augen seiner Mutter den stummen Vorwurf zu lesen, daß er seinen Eltern Opfer und Sorgen auferlege, die keines der anderen Kinder verlangt habe.

 

 

XVII. Kapitel.

Das Schicksal führt uns zu wunderlichen Tischgenossen.

In solcher Zeit ward ihm einmal Hilfe durch einen Lehrer, der ihm in »feinen Häusern« drei Freitische verschaffte. Asmus jubelte, erstens weil er seinen Eltern drei Mittagsmahle ersparte, und zweitens, weil ihm ein Klassenkollege und Freitischler auf Spaziergängen zu wiederholten Malen die Leckerbissen geschildert hatte, die es in solchen Häusern gebe. Schneebälle zum Beispiel, Schneebälle zum Nachtisch, man denke! Asmus freute sich wie ein Kind auf die zu erwartenden Festgerichte und ahnte nicht, womit sie gewürzt waren. Und bei dem Architekten war es wirklich schön! Die kinderlosen, noch jungen Eheleute behandelten ihn ganz wie einen Gast; das Mädchen servierte erst der gnädigen Frau, dann ihm und dann erst dem Hausherrn, und die gnädige Frau schanzte ihm immer besonders gute Bissen zu und schälte und zerlegte ihm mit eigenen Händen Äpfel und Apfelsinen. Asmus war von dieser reinen Güte so beschämt, daß er anfangs vor Beklommenheit nicht reden und nicht essen konnte. Aber die ungezwungene Freundlichkeit der Wirte, die keine seiner Verlegenheiten und Unbeholfenheiten zu bemerken schien, half ihm über alle Ängste hinweg; der Hausherr schenkte ihm immer wieder ein, behandelte ihn als alten Kneipgesellen und neckte bei aller Zartheit seine Frau so lustig und unbefangen, als wäre niemand zugegen denn ein alter Freund!

»Greifen Sie zu, Herr Semper, greifen Sie zu!« rief er. »Meine Frau hofft natürlich, daß von dem Eis was nachbleibt – sie nascht nämlich; aber wir sind für ihre Gesundheit verantwortlich; es darf nichts übrig bleiben.«

Dann drohte die sanfte Frau ihrem Gatten lächelnd mit dem Finger und schob Asmussen die Eistorte zu mit einem Glanz in den Augen, als pflege sie in dem kleinen Seminaristen ihr ersehntes Kind.

Wie ganz anders ging es da »bei Stadtrats« zu. Da kam Asmus gleich beim ersten Male neben einer pompösen Dame zu sitzen; sie hieß »Frau Senator«, und er war sozusagen ihr Tischherr. Zwischen ihr und ihm stand auf dem Tisch eine Flasche Rotwein. Als der erste Gang nach der Suppe aufgetragen war, sagte die dicke Frau in einem bösen Tone:

»Na, wenn Sie keinen Wein mögen, ich mag Wein!« nahm heftig den Stöpsel von der Flasche und schenkte sich ein.

Asmus war’s, als ob ihm siedendes Wasser über den ganzen Leib liefe. Wie sollte er denn dazu kommen, sich an einer Flasche Wein zu vergreifen, die andern Leuten gehörte, und diesen Wein einer Dame anzubieten, einer Dame »furchtbar prächtig wie blutiger Nordlichtschein«! Wenn er auch in der Theorie noch Königsmörder war und wußte, daß es schlechte Könige und Minister gebe, in der Praxis glaubte er noch fest, daß ein Mensch, der »Frau Senator« heiße, auch wirklich etwas Hervorragendes und Feines sein müsse.

Da war aber auch noch jedesmal ein Kandidat, der bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf die Juden schimpfte, sonst aber keine geistige Regsamkeit erkennen ließ. In Asmussens Herzen war die Stelle noch sonnenwarm, an die er vor Jahren Lessings Gedicht von Nathan dem Weisen gedrückt hatte. Der Kandidat war ihm furchtbar zuwider. Er konnt’ es begreifen, daß man einzelne Menschen haßte, wenn sie schlecht waren; auch er konnte hassen, o gewiß, leidenschaftlich, wenn auch nicht lange; aber daß man eine ganze Menschenklasse hassen, verdammen, beschimpfen und ihr alles Leid an den Hals wünschen konnte, das empörte ihn wie eine Roheit des Herzens, und diese Empörung schwoll eines Tages so gewaltig in ihm auf, daß er, über und über errötend, dem Kandidaten erwiderte:

»Vergessen Sie doch nicht, wie man die Juden behandelt hat.«

»O, das war nicht so schlimm,« meinte der Gottesgelehrte spöttisch.

»So? Haben Sie Freytags »Bilder aus der Deutschen Vergangenheit« gelesen?«

»Nee.«

»Nun, da können Sie’s nachlesen; Freytag ist gewiß unparteiisch. Und ich muß sagen: Wenn man mich so behandelte, würde ich nur eine Antwort kennen: Haß, unauslöschlichen Haß.«

Man ging schnell über die Taktlosigkeit des Freitischlers hinweg, und als Asmus zehn Minuten später eine bescheidene Bemerkung an die »Frau Senator« richtete, tat sie, als hätte sie nichts gehört.

Das nächste Mal war ein Professor von der Familie zugegen. Er zog den jungen Semper sehr wohlwollend in ein Gespräch über die Schule, und im Laufe dieses Gesprächs erklärte Asmus die allgemeine Volksschule für sein Ideal.

»Ja, mein lieber Herr – Semler, nicht wahr?«

»Semper.«

»Semper! Pardon! – sehen Sie, das macht sich in der Theorie ja alles sehr schön; aber wie wollen Sie das durchführen? Wir können doch unsere Kinder nicht mit Krethi und Plethi zusammen erziehen lassen. Wenn unsere Töchter mit den Töchtern unseres Grünhökers auf derselben Schulbank sitzen, woher sollen wir denn unsere Frauen nehmen?«

Asmus empfand eine deutliche Ohrfeige. Für Krethi und Plethi und Grünhöker konnte man auch »Zigarrendreher« sagen. Übrigens hatte der Professor Asmussen nicht nur eine feine Zigarre gereicht, sondern ihm sogar Feuer gegeben.

Als der Seminarist eine Viertelstunde später die mit dicken Teppichen belegte Treppe hinabstieg und das Dienstmädchen ihm mit Herablassung den Überzieher reichte, fragte er sich: Durfte ich dazu nun schweigen? Durfte ich sozusagen meine Eltern beschimpfen lassen für ein feines Diner? Darf ich überhaupt zu all diesen schrecklichen Ansichten schweigen und den Anschein erwecken, daß ich sie teile?

Natürlich mußte er schweigen; denn dreinzureden wäre sehr unbescheiden gewesen. Aber er konnte das nicht mit anhören, ohne jeden Augenblick aufzuzucken. Und ihm fiel das schöne Aristokratenwort seines Landsmannes Th. Storm ein:

»Wo zum Weib du nicht die Tochter Wagen würdest zu begehren, Halte dich zu wert, um gastlich In dem Hause zu verkehren.«

Der Kopfhänger Asmus richtete sich hoch auf, und zu Hause angelangt, schrieb er sofort an »Stadtratens«, daß er durch Privatstunden und andere Pflichten leider verhindert sei, fernerhin zum Essen zu kommen, und daß er für die erwiesene Güte danke.

Bei dem reichen Lederhändler aber, der Senator werden wollte, hielt er’s nur eine einzige Mahlzeit aus. Als man zum Essen ging, wollte Asmus schon seinen Stuhl vom Tische abrücken, um sich darauf zu setzen, da bemerkte er, daß alle hinter ihren Stühlen stehen blieben zum Gebet. Er trat schnell ebenfalls hinter seinen Stuhl, faltete aber weder die Hände noch senkte er den Kopf, um nicht den Anschein zu erwecken, daß er mitbete. Der Hausvater tat, als habe er nichts bemerkt; aber gegen Ende der Mahlzeit flocht er in sein erbauliches Gespräch ein Sprüchlein ein, das lautete:

»Wer ungebetet zu Tische geht Und ungebetet vom Tisch aufsteht, Der ist dem Öchs- und Eslein gleich Und hat nicht teil am Himmelreich.«

Durch diese liebevolle Weltanschauung fühlte sich indessen Asmus nicht einmal so weit überzeugt, daß er beim Gebet nach Tisch die Hände faltete, vielmehr sagte er sich auf dem Nachhausewege: »Kann ich erwarten, daß die Leute meinetwegen nicht beten? Ganz gewiß nicht. Können sie verlangen, daß ich aus Dankbarkeit für das Mittagessen mitbete? Ebensowenig. Ich bete nicht. So nicht. So nicht!« rief der Jüngling, der nach der Ansicht des Lederhändlers keinen Teil am Himmelreich hatte, laut vor sich hin, so laut, daß ein kleiner Junge ihn anstarrte und ihm eine Weile nachschaute. Und merkwürdig, wieder fiel ihm ein steifnackiges Wort Theodor Storms ein:

»Auch bleib der Priester meinem Grabe fern; Zwar sind es Worte, die der Wind verweht; Doch will es sich nicht schicken, daß Protest Gepredigt werde dem, was ich gewesen, Indes ich ruh im Bann des ew’gen Schweigens!«

 

 

XVIII. Kapitel.

Wie Asmus schlafwandelte und die Gedankenwelt des Herrn Quasebarth auf den Kopf stellte.

Als obendrein der Architekt nach Süddeutschland übersiedelte und auch diese Speisung ihr Ende fand, sah Asmus sich wieder ganz auf dem alten Punkte. Es galt, eifriger denn je nach Privatstunden auszuschauen, und er fand auch immer wieder neue; aber da sie meistens schlecht bezahlt wurden, so mußte er ihrer so viele geben, daß er an gewissen Tagen mit einer dreiviertelstündigen Unterbrechung von sieben Uhr morgens bis elf Uhr abends bei der Arbeit oder auf dem Marsche war. Um sechs Uhr abends kam er dann zum Mittagessen. Das Diner war in zehn Minuten erledigt, und dann lehnte er sich ins Sofa zurück, um 35 Minuten lang nichts, gar nichts zu tun. Solche Bedürfnisse hatte er früher nicht gekannt. Mit dem Blick auf die Uhr genoß er die Minuten einzeln, und die Zeit schien dadurch länger zu werden. »Noch sieben schöne Minuten,« dachte er, »noch sechs, noch vier,« und die letzten Minuten kostete er, wie man Tropfen eines kostbaren Weines einzeln auf der Zunge zergehen läßt. O weh, dann war er doch ins Träumen geraten und hatte fünf Minuten über die Zeit genossen! Nun hieß es rennen.

Eines Abends auf dem Heimwege stieß er mit dem Kopfe gegen den Mauerpfeiler eines Gartenportals. Wie konnte denn das angehen? Hatte er denn im Gehen geschlafen? Nein, das war nicht möglich. Er blutete an der Wange, und am andern Tage neckte man ihn in der Klasse, er sei bekneipt gewesen.

Wenige Tage später, auf demselben Wege, erwachte er plötzlich auf einem freien Platze. Er mußte sich lange besinnen, eh’ er begriff, wo er war. Er war in einer ganz verkehrten Richtung gegangen und hatte nun einen noch weiteren Weg nach Hause als sonst. Er war so erschöpft, daß er nach zehn Schritten immer wieder einschlief; aber der einstündige Weg mußte gemacht werden, da half nichts. Er nahm ein heftiges Tempo an und stampfte den Boden wie ein Grenadier beim Parademarsch; aber nach wenigen Minuten wurden seine Schritte langsamer – langsamer – langsamer. Am andern Morgen erinnerte er sich nicht, wie er nach Hause gekommen.

Und noch einige Tage später erwachte er auf demselben Heimwege von einem trappelnden Geräusch. Verstört blickte er auf und fand, daß er vor zwei sich bäumenden Pferden stand, die um seinetwillen nicht weiter wollten. Er sprang zur Seite, und der Kutscher fuhr fluchend weiter und schimpfte etwas von »Besoffenheit« vor sich hin.

Dieser Schreck war von so nachhaltiger Wirkung, daß Asmus nicht wieder im Gehen einschlief. Die Theorie, daß der Mensch eigentlich überhaupt keinen Schlaf brauche, hatte er aufgegeben.

Manchesmal in dieser Zeit mußte er an Adolfinen denken, wie sie lachend ihren großen Mund aufriß und rief: »Du willst Lehrer werden? Du bist wohl verrückt!« – – – –

Und wer wußte, ob er nicht wirklich eines Tages die Flinte ins Korn warf und ans Zigarrenbrett ging! Aber da war Ludwig Semper, sein Vater. Je älter Ludwig wurde, desto früher stand er auf; er schlief nur wenige Stunden in der Nacht. Und in der Frühe des Morgens bereitete er seinem Sohne den Kaffee und strich ihm sein Brot. Und wenn Asmus seine bescheidene Toilette beendet und sich zum Frühtrunk gesetzt hatte, dann wußte er, ohne aufzublicken, daß der Blick seines Vaters auf ihm ruhte. »Er freut sich, daß es mir schmeckt,« dachte Asmus. »Und er freut sich, daß ich ins Seminar gehen kann und etwas werde, was er nicht werden durfte.«

O ja, zu Hause schmeckte ihm noch das Brot; aber er mußte auch den Tag über von Brot leben, weil er erst um 5 oder um 6 Uhr zum Mittagessen kam, und wenn er in der Mittagspause im Seminar sein Frühstück auswickelte, dann schauderte er oft zurück und wickelte es wieder ein. Die Luft dieser alten Schulkasernen belegt alle Luft- und Speisewege wie mit einer übelschmeckenden Schicht; bis in den Magen hinein fühlte man diese Luft; er mußte sich Gewalt antun, wenn er einen Bissen hinunterwürgen wollte, und wenn einem Achtzehnjährigen der Appetit fehlt, so fehlt ihm ein Stück Jugend. Und eines Morgens fragte ihn Herr Rothgrün in der Geschichtsstunde:

»Stehen Sie morgens so früh auf?«

»Ich – o nein,« sagte Asmus ohne Verständnis.

»Sie schliefen nämlich eben,« fuhr Herr Rothgrün pikierten Tones fort.

»Ich? Nein!« erklärte Asmus wie alle Leute, die der Schlaf wider Willen überfällt, und in der Tat war der Schlaf nur wie ein leises Wölkchen vor seinen Augen vorübergezogen. Er hatte Herrn Rothgrün noch vom zweiten Samniterkriege sprechen hören, und jetzt sprach er vom dritten, also konnte nicht viel Zeit verstrichen sein; denn Herr Rothgrün erledigte solche Sachen sehr schnell. Und in eben dieser Aufmachung interessierten Asmus die Samniterkriege nur äußerst schwach.

Da ihn sein fröhlichstes Gefühl, sein Kraftgefühl in diesen Zeiten verließ, fühlte er sich ernstlich unglücklich. Daß er in der Klasse eingeschlafen war, empfand er bei seinem peinlichen Ehrgefühl als eine Schmach, und daß er Herrn Rothgrün in seiner Eitelkeit verletzt hatte, war nicht gut; denn Herr Rothgrün vergaß dergleichen schwer; aber das alles bedeutete nichts gegen einen anderen Schmerz.

Das war kein Studieren mehr, was er jetzt trieb! Das war nichts als ein Aufschnappen und Wiederfahrenlassen im Husch und Hui. Er war es gewohnt, zu dem, was das Seminar ihm gab, wenigstens ebensoviel durch eigene Arbeit hinzuzutun. Bei wichtigen Fragen und Aufgaben – und seinem Feuereifer schien fast alles wichtig – holte er sich alle Darstellungen und Behandlungen herbei, die ihm Neues bieten konnten, und durchackerte sie; aber nie beruhigte er sich bei den Büchern; er zwang sich, die Ideen eines Bacon, eines Comenius, eines Pestalozzi und Herbart, die Abhandlungen eines Schiller und Lessing, die Darstellungen eines Ranke und Mommsen unabhängig vom Buch, in eigener Form zu rekonstruieren, ihre Zusammenhänge, da, wo sie ihm fehlten, selbst zu finden; er hielt sich gleichsam selbst Vorträge; ja, er diskutierte im Schlafzimmer laut mit sich selbst und stellte Grund und Gegengrund sozusagen im kontradiktorischen Verfahren einander gegenüber, so daß Frau Rebekka, die für den Frieden eines Studierzimmers nicht allzuviel Verständnis hatte, zuweilen lächelnd hereinkam und rief: »Junge, du priesterst ja wieder ordentlich.« Er hatte nun einmal dies leidenschaftliche Bedürfnis nach Klarheit; es war, als ob eine Stimme in ihm rief: Nichts Dunkles hinter dir zurücklassen, sonst verwirrt sich alles Künftige, und er hatte den heiligen Glauben, daß, wer sich bei keinem unklaren Gedanken beruhige, endlich auch die letzten Rätsel lösen müsse. Er war in der Mathematik nicht zufrieden damit, die Lehrsätze zu beweisen und die Aufgaben zu lösen, er wollte auch die Axiome beweisen und begründen. Daß jede Größe sich selbst gleich ist – natürlich, die Wahrheit dieses Satzes begriff er intuitiv wie jeder normale Mensch; aber er wollte sie auch beweisen, und das konnte man nicht, und die ihm in späteren Jahren das bedrückte Herz befreien sollten: die intuitiven Gewißheiten, sie machten ihm in diesen Jahren Pein. Aber noch mehr: alles, was er logisch begriffen hatte, wollte er auch sinnlich erfassen. Es war der Künstler in ihm, der sich nicht beim Abstrakten beruhigen wollte. Den Satz des Menelaos von der Transversale, die die Seiten eines Dreiecks schneidet, logisch begreifen und beweisen, das konnte ein Kind; aber er wollte auch sehen, daß die Produkte der nicht anstoßenden Abschnitte einander gleich seien. Und das konnte man nicht. Ja, man konnt’ es ja ausrechnen, aber das war kein Sehen! Und nun kam noch hinzu, daß er mit einem Mangel in seiner Anlage zu kämpfen hatte: in gewissen Dingen der Physik, der Anatomie, der Botanik und so weiter machte ihm das dreidimensionale Vorstellen Schwierigkeiten. Wenn er sich den Längsdurchschnitt des menschlichen Körpers oder einer Maschine oder eines pflanzlichen Gefäßsystems vorstellte, so ward es ihm bitter schwer, sich zugleich den Querdurchschnitt vorzustellen, und er grub die Nägel in die Stirnhaut, daß es schmerzte, bis er die rechte Anschauung gewann. Er hatte das Gefühl, als könne er sein Gehirn anspannen, wie die Muskeln seiner geballten Faust. Daß die Molekularbewegung und das Atomgewicht, der Magnetismus, die Elektrizität und vieles andere ihm Sorge machten, ist selbstverständlich. Warum wirkte am doppeltlangen Hebelarm das halbe Pfund genau so stark wie das ganze Pfund am einfachen, warum, in drei Teufels Namen warum? Es war so leicht, zu lernen, und so schwer, zu erkennen. Und er fand in seinem Seelendrange nicht immer Unterstützung. Um sich im raschen und klaren Erfassen geometrischer Verhältnisse zu üben, liebte es Asmus, die Figuren nicht mechanisch, sondern mit den möglichen Veränderungen in Konstruktion und Lage zu wiederholen, und bekanntlich ist es der Geometrie fabelhaft gleichgültig, ob das Hypothenusenquadrat oben oder unten, rechts oder links liegt, dieweilen sie von oben und unten, rechts und links überhaupt nichts weiß. Aber Herr Quasebarth, der Lehrer der Mathematik, dachte nicht so vorurteilslos, und als Asmus eines Tages fünf Konstruktionsaufgaben einreichte, die nicht so standen, wie es Herr Quasebarth seit siebenundzwanzig Jahren gewohnt war, sondern auf dem Bauche oder auf dem Rücken lagen oder auf dem Kopfe standen, da schrieb er mit Wucht darunter »falsch« und eine Vier, das schlechteste Zeugnis; denn er durchflog die Hefte seiner Schüler wie ein Schnellzug, der unterwegs nicht hält. Asmus machte ihn darauf aufmerksam, daß alle Aufgaben zweifellos richtig gelöst seien und nur sozusagen andere Hosen anhätten als sonst. Herr Quasebarth sagte höhnisch: »So« und dann sah er ins Heft und sagte: »Die« – und dann sagte er unsicheren Tones: »Das« – und nachdem er noch »Hm« gesagt hatte, rief er ärgerlich: »Ja, richtig sind sie wohl; aber was sollen die Veränderungen: machen Sie es doch, wie es alle anderen machen!« und er nahm die Feder und erhöhte das Zeugnis – um einen halben Grad. Er wollte damit ausdrücken, daß der Schüler richtig gearbeitet, der Lehrer hingegen recht habe.

 

 

XIX. Kapitel.

Asmus klagt sich wegen schwindelhaften Bauens an und wird in Verruf erklärt.

Ja, die Gesetze des Hebels und die Wunder des Spektrums und vor allem jener fatale Abgrund, der zwischen Körperwelt und Gedankenwelt klafft, jener Abgrund, den wir immerfort überspringen, ohne ihn jemals zu sehen, sie hatten seinem bohrenden Geiste wilde Sorgen gemacht; aber es waren holde Sorgen gewesen, fröhliche Sorgen, Sorgen, die man nicht scheuchte, sondern suchte; denn das ist das göttliche Wunder in allem geistigen Ringen, daß auch die Niederlagen uns stärker und freier machen, solange uns Hoffnung bleibt.

Die schöne Zeit dieser Sorgen war dahin. Bei den vielen Privatstunden konnte er nur das Notdürftigste pauken, konnte er eigentlich nur für den Schein arbeiten. Jawohl, wenn er eine Reihe von Regeln oder Vokabeln oder eine Biographie oder einen Geschichtsabschnitt einmal durchgelesen hatte, so wußte er sie, aber für wie lange? Und was hatte dies oberflächliche »Wissen« für einen Wert? Was sollte das für ein Wissensgebäude werden, das so schwindelhaft gebaute Partien aufwies. In der Tat: er kam sich vor wie ein gewissenloser Baumeister, der schadhafte Mauern unterm Putz verbirgt, und dies Bewußtsein einer Art Unredlichkeit peinigte ihn mehr als alles andre, obgleich niemand mehr von ihm verlangte, als er leistete, das ließen seine Zeugnisse deutlich erkennen.

Mit diesen Zeugnissen hatte er gleich nach dem ersten Quartal ein Malheur gehabt, das von eigenartigen Folgen sein sollte. Am Quartalsschluß hatte nämlich der Ordinarius gesprochen: »Das Kollegium ist einstimmig der Ansicht, daß die Klasse sich nicht in dem Maße anspannt, wie sie es könnte, und hat darum beschlossen, die höchste Zensur im Fleiß mit einer einzigen Ausnahme nicht zu vergeben. Diese Ausnahme bildet Semper; ihm ist eine Eins zuerkannt worden.«

Das war ehrenvoll und sehr gefährlich. Asmus empfand sofort mit jenem Tastgefühl, das weit über die Grenzen des Körpers hinausreicht, daß seine Klassenkollegen ihm anders begegneten als sonst. Es waren wohl manche da, die es ihm freudig gönnten; aber die andern waren in der Mehrzahl. Unter diesen andern war Wiedemann, ein langer Jüngling mit der Stimme einer alten Tante, den Bewegungen einer Raupe und feuchtkalten Händen. Asmussens Hände waren trocken und sehr warm, fast heiß. Zwischen solchen Menschen steht etwas, was nicht zu überwinden ist. Asmus konnte gegen diesen Kameraden nicht freundlich tun; aber Wiedemann tat freundlich. Es gab in der Klasse einen vorzüglichen Mathematiker, der es namentlich im Rechnen allen andern zuvortat.

»Der Mollwitz ist doch ein großartiger Mathematiker, was?« sagte Wiedemann mit lauerndem Lächeln zu Semper.

»Das ist er,« versetzte dieser.

»Ich halte ihn für den besten Mathematiker in der ganzen Klasse,« fuhr der Lauernde fort.

»Ich auch,« erklärte Semper und begriff nicht recht, was Wiedemann mit diesen Selbstverständlichkeiten beabsichtigte.

Wiedemann war enttäuscht.

Es gab aber auch einen Seminaristen namens Frey, der ein klarer, tüchtiger Kopf war und auch einen guten Stil schrieb.

Eines Tages schob sich die Raupe wieder heran.

»Der Frey schreibt doch ’n großartigen Aufsatz, was?« forschte Wiedemann.

»Er schreibt ’n guten Aufsatz, ja,« sagte Asmus.

»Na, das mußt du doch auch sagen, seinen Aufsatz macht ihm doch keiner nach!«

»Soo?« machte Semper.

»Ja, bist du nicht der Meinung?«

»Nein,« erwiderte Asmus kalt. Er wußte ganz genau, daß er’s besser konnte. Das sagte er zwar nicht; aber er sah auch nicht den geringsten Anlaß, das Gegenteil zu lügen.

Wiedemann machte noch immer ein lammfreundliches Gesicht mit Ausnahme der Augen. Augen sind Löcher, die der Herrgott im Menschenkörper gelassen hat wie die Gucklöcher in einer Verbrecherzelle, damit der Mensch nicht allzu ungehindert heucheln könne. Augen heucheln nicht mit. Wiedemanns Antlitz und Stimme streichelten; aber seine Augen stachen, als er nun fragte:

»Wer schreibt hier denn einen besseren Aufsatz?«

Und obwohl ihm Asmus jetzt durch die grünglimmernden Augen bis in die Nieren schaute, sagte er:

»Du nicht.«

In solchen Augenblicken kam etwas wie Husarengeist über ihn. Wiedemann ging erquickt von dannen.

Und er ging aus wie ein Säemann, zu säen seinen Samen, und verbreitete die Kunde, Semper habe sich für den besten Aufsatzschreiber der ganzen Klasse erklärt, er halte sich überhaupt für den Klügsten von allen und finde die Arbeiten Freys nur »so ziemlich«. Dies sagte er besonders zu Frey. Seltsamerweise blieben aber Frey und Semper die besten Freunde.

Sonst aber fiel Wiedemanns Samen auf gutes, fruchtbares Land, und Asmus fühlte wohl, daß die Stimmung gegen ihn wuchs.

Sollten sich hier die Leiden aus der Knabenschule wiederholen? O, sie sollten es nicht nur hier!

Unter den Giftpflanzen ist eine, die keines Samens und keines Keimes bedarf, die auch aus Nichts entstehen kann wie die Schöpfung Jahwehs, das ist die Verleumdung. Sie braucht nur einen guten Boden, dann erzeugt sie sich aus nichts.

Eines Tages wurde Asmus von Seybold gestellt, von demselben Seybold, der bei der Präparandenprüfung einen so sichern Blick für Sempers Arbeiten und eine so lebhafte Teilnahme an seinen Erfolgen bekundet hatte. Er war von einer ganzen Korona von Seminaristen umgeben und hub also an:

»Hier wird behauptet, du hättest dem Direktor angezeigt, daß Müller und Warncke nach der letzten Kneipe den Unterricht geschwänzt und im Botanischen Garten ihren Kater spazieren geführt hätten.«

Wäre nun Asmus Semper irgend ein anderer gewesen, so würde er vielleicht gesagt haben:

»Bemühe dich bitte sofort mit mir zum Direktor, damit wir die vollkommene Unwahrheit dieser Behauptung feststellen.«

Oder er würde wie jener Yankee gesprochen haben, den jemand einen Schurken nannte und der freundlich erwiderte:

»Damit, mein Verehrtester, daß Sie es behaupten, ist es noch lange nicht bewiesen.« Aber wär’ er besonnen gewesen, so wäre er nicht der Semper gewesen, und also erwiderte er:

»Wer das sagt, ist entweder ein Lump oder ein Idiot.« Das Blut seiner Mutter schlug mit Flammen zum Dach hinaus.

Auch diese Antwort war ja richtig; aber ihre Richtigkeit wurde nicht zugestanden.

»Hahaaa,« johlte die Korona, »da haben wir’s, wir sind alle Lumpen und Idioten!«

Wäre Asmus jener Yankee gewesen, so hätte er gesagt: »Dieser Schluß entbehrt durchaus der logischen Richtigkeit«; statt dessen verzog er das bleiche Gesicht zu einem Ausdruck grenzenloser Verachtung und sagte:

»Bitte, ich sagte: oder«.

Sie stutzten einen Augenblick, und als sie diese Antwort begriffen hatten, tobten sie und erklärten Asmus Semper wegen seines »Hochmuts«, seiner »Frechheit« und seiner »Inkollegialität« in Verruf. Die Inkollegialität bestand darin, daß er mehr wußte und konnte als Seybold, Wiedemann und Kompanie und dies in seinen Arbeiten schamlos zu erkennen gab.

Vor Asmussens Augen stand sein alter herrlicher Schulmeister, Herr Cremer, wie er dem Quintus Fabius nachahmte. Er pflegte zwei Falten in seinen Rock zu machen und zu sagen: »So stand Quintus Fabius vor der karthagischen Ratsversammlung und sagte: Hier in den Falten meiner Toga habe ich Krieg und Frieden – wählt!« So hatte das Schicksal in Gestalt der Seybold, Wiedemann und Genossen vor ihm gestanden, und genau wie die Karthager hatte er geantwortet: »Gebt, was ihr wollt.« Und Quintus Fabius Seybold hatte gesagt: So hab denn Krieg.

Und so war es also Krieg.

Ja, wenn es noch ein richtiger, ehrlicher Krieg gewesen wäre. Aber es war die bekannte Guerilla böser Schikanen, in deren Erfindung die Jugend so grausam ist und in der das »Zwanzig gegen Einen« durchaus nicht für unehrenhaft gilt. Wenn er des Morgens kam – gerade jetzt wieder in einem geschenkten Rock, der ihm viel zu weit war – dann bildeten sie Spalier, erwiesen ihm höhnische Ehren und spotteten über seinen Rock.

»Der Kerl is ’n richtiges Originaol!« rief der Bauernsohn Rohweder, der seinen heimischen Akzent nicht abzulegen vermochte. Er hielt »Original« für etwas sehr Schimpfliches.

Oder sie lösten ihm von der Milchflasche, die in seinem Bücherfach lag und deren Inhalt sein Frühstück ausmachte, wenn das Brot nicht schmecken wollte, den Stöpsel, so daß die Milch über seine Hefte und Bücher floß und ihm seine sorgfältigen Ausarbeitungen verdarb. Daß er dann nichts zu trinken hatte, war schlimm: daß seine Arbeiten beschmutzt waren, war schlimmer; aber das Schlimmste war die Niedrigkeit, die sich in solchen Tücken zu erkennen gab: sie beschmutzte ihm sein Weltbild. Den Haß nahm er hin als etwas Gleichgültiges; er liebte den geselligen Verkehr mit Menschen, aber er brauchte ihn nicht; wie sein Vater, so war er, wenn es sein mußte, sich selber Gesellschaft genug. Aber Niedrigkeiten konnten ihn in eine heilige Wut und dann in eine tiefe, vollkommene Niedergeschlagenheit versetzen. Wenn so etwas in der Welt möglich war, dann ..... Er verfolgte den Gedanken nicht weiter; er wollte ihn nicht weiter verfolgen.

Er wußte sehr wohl, daß die Hauptursache ihrer Feindseligkeit der Neid war. Aber auch andere Schüler gaben wohl einmal Anlaß zum Neide; warum kam der Haß nicht auch gegen sie zum Ausbruch, oder wenn er zum Ausbruch kam, in so viel harmloserer Form? Er hatte nicht die Gabe, die Menschen im ersten Ansturm zu gewinnen, das wußte er. Er war nicht schön, wenn auch Flora, die verführerische Nachbarstochter, und jenes kleine Fräulein, mit dem zusammen er einmal Komödie gespielt hatte, ihn unverkennbar gern gehabt und ihm dies keineswegs verborgen hatten; er hatte keine Liebenswürdigkeiten, die schnell bezaubern. Aber hatte er denn etwas Abstoßendes, etwas, das ihm Feinde machen mußte?

Er hatte es, ohne es zu wissen und zu wollen.

Das Wort des Polonius an seinen Sohn:

»Härte deine Hand nicht durch den Druck Von jedem neu geheckten Bruder«

hatte ihm deshalb immer so gut gefallen, weil es seinem Wesen so gut entsprach. Oft empfand er gleich bei der ersten Begegnung mit einem Menschen Zuneigung oder Abneigung, und wo er Abneigung empfand, hatte er sogleich etwas von einer schroffen Wand, an der nicht hinaufzukommen war. Das nehmen die Menschen sehr übel und nennen es hochfahrend oder arrogant. Und er war viel zu jung, um sich objektiv zu betrachten und diesen Zug an sich selbst zu erkennen.

Immerhin hatte er eine Minorität auf seiner Seite. Sofort bei Ausbruch des Konfliktes hatte sich Morieux mit tausend heroischen Gesichts- und Körperverrenkungen zu Semper geschlagen, etwa wie Herzog Ernst zu Werner von Kiburg, wenn er ruft:

»Hin fahr ich, ein zwiefach Geächteter, An meine Fersen heftet sich der Tod, Und unter Flüchen krachet mein Genick. Vom Werner laß ich nicht!«

und sieben oder acht Beherzte hatten sich ihm angeschlossen. Das war nun die Fraktion Semper; bei den Feinden aber hießen sie »die Schäflein«, weil sie nach deren Meinung im allgemeinen ein unrühmlich gesittetes Betragen zeigten.

 

 

XX. Kapitel.

Asmus ist trotz seiner trüben Erfahrungen anderer Meinung als Schiller und verfällt in eine unglückliche Liebe.

Die Schäflein hätten nun nicht deutsche Jünglinge sein müssen, wenn sie sich nicht sofort zu einem Verein zusammengeschlossen hätten. Der Verein erhielt den Namen »Treue von 1880«, womit aber nicht gesagt sein sollte, daß dies für die Treue ein besonders guter Jahrgang sei; man wollte nur, da der Bund doch zweifellos bis in die Zeiten des jüngsten Gerichts dauern würde, den nachlebenden Geschlechtern das Gründungsjahr ein für allemal einprägen. Den acht oder neun Seminaristen gesellten sich bald einige Musiker, junge Kaufleute und Beamte zu, und nun ging es an die höchsten und tiefsten Probleme der Kunst und des Lebens, und Fragen wurden gelöst, die vorher und merkwürdigerweise auch noch nachher die stärksten Geister in Bewegung gesetzt haben. Semper wurde Präses und sprach heute über den Gralstempel bei Albrecht von Scharfenberg und den gotischen Baustil, das nächste Mal über Meteore und Meteorite, und wieder das nächste Mal knüpfte er kühne Gedanken an Schillers Gedicht »Der Antritt des neuen Jahrhunderts«, dessen resigniertem Pessimismus er sich natürlich als Achtzehnjähriger nicht anschließen konnte. Seine Glanznummer aber war der »Faust«, den er aus dem Kopfe vortrug, und nur das eine betrübte ihn ein wenig, daß seine Freunde, so beifällig sie auch die ernsten Partien der Dichtung aufnahmen, doch immer am unbändigsten über die Sauferei in Auerbachs Keller und über das »verdammte Aas« und die »verfluchte Sau« in der Hexenküche jubelten. Fühlten sie denn nicht, daß der Prolog im Himmel, die Monologe, die Gretchenlieder, die Kerkerszene viel gewaltiger und schöner waren? Das Schlimmste war aber doch, daß bei einem Vereinsfeste, bei dem auch Gäste zugegen waren, ein dicker Magazinverwalter auf ihn zutrat und sagte:

»Djunger Mann, Sie haob’n jao’n kullosaoles Gedächtnis! Mit dem Gedächtnis können Sie ’ne Frau mit achtzigtausend Mark kriegen.«

Er dachte sich dies Gedächtnis in einem Magazin angestellt. Und das, nachdem Asmus den Tasso rezitiert hatte – man denke: den Tasso!

In etwa siebenundzwanzig Vorträgen sprach Morieux – sehr stilvoller Weise – über Voltaire, und bei jeder Spitzbüberei des Herrn Arouet mußte er vor unbezähmbarem Vergnügen feixen. Die Vorträge und Rezitationen wechselten mit Musik, gesungen, gegeigt und gehämmert, und unter den Musikanten waren solche, die einstmals echte und namhafte Künstler werden sollten und in diesen Stunden, wenn nicht ihr Bestes, so vielleicht ihr Heiligstes gaben. Auch gemeinsame Ausflüge unternahmen sie, und einer dieser Ausflüge führte sie in den Sachsenwald.

Bismarck, der Johannes Semper und Heinrich den Seefahrer verbannt hatte, war in Berlin, und das war Asmussen eben recht; er hätte ihm damals nicht begegnen mögen. Aber im Sachsenwalde war ein Förster, der eines Mitgliedes Onkel war. Dieses Mitglied hatte einmal »Das Blatt im Buche« in durchaus ernsthafter Absicht deklamiert und damit eine komische Wirkung erzielt, die durch keine Selbstbeherrschung zu unterdrücken war. »Ich hab’ eine alte Muhme«, so beginnt das Gedicht, und genau das Organ einer alten Muhme hatte der Deklamator. Aber den Sachsenwald kannte der Deklamator; er kannte jeden Weg und Steg, und Asmus wollte ihm schon seine Bewunderung aussprechen, als sie plötzlich vor dem Försterhause standen und aus dem Hause die Försterstochter ihnen zur Begrüßung entgegentrat. Jetzt wunderte sich Asmus nicht mehr, daß das »geschätzte Mitglied« hier herum Weg und Steg kannte; denn diese Försterstochter war wohl das Hübscheste, was der Sachsenwald zu geben hatte. Sogleich empfand Asmus in der Herzgegend ein so süßes Weh, daß er bei dem bald darauf aufgetragenen Mahle nur Flüssiges genießen konnte und den Deklamator des »Blattes im Buche« mit argwöhnisch brennenden Blicken ansah. Nach dem Essen sollte Asmus rezitieren, und zwar die Szene zwischen dem Patriarchen und dem Tempelherrn, weil es Morieux »kolossal« fand, wie er zugleich das edle Ungestüm des Ritters und die bornierte Heimtücke des Pfaffen zum Ausdruck bringe, sogar im Gesicht! Und Asmussens Herz stieg wie das Roß eines Ritters, der in die Schranken reitet und vom Balkon die Farben seiner Dame winken sieht. Er machte seine Sache auch gewiß so gut wie je, und als er geendet hatte, klatschte auch die Försterstochter mit den Händen, aber nur ein einziges Mal; sie hatte nämlich eine Motte gefangen, die sie schon minutenlang mit den Augen verfolgt und nur aus Rücksicht auf die Kunst so lange verschont hatte. Unmittelbar nach Semper erhob sich, wenn auch unaufgefordert, der Führer durch den Sachsenwald, um »das Blatt im Buche« zu rezitieren. Da die Vereinsmitglieder an die Schrecken dieser Deklamation schon gewöhnt waren, so ging es mit einigen zerbissenen Lippen und zerrungenen Händen ab; nur Morieux explodierte natürlich in einem jähen Nasenlaut, den er durch ein heftig gezogenes Taschentuch in ein dringend nötiges Ausschnupfen maskierte. Die Tochter des Waldes aber blickte strahlend auf den Handlungsgehilfen, als wollte sie sagen: »Ein Künstler bist du auch noch?«

»So’n Syrupskringel!« knirscht Asmus in sich hinein, und damit meinte er nur den Handlungsgehilfen, obwohl es in gewissem Sinne auch auf die Tochter des Waldes paßte. Asmus hatte ja bald heraus, daß sie zu den höheren Dingen keine Beziehungen unterhielt; aber doch blieb er ganz in ihr gefangen; sie war eine Brezel, die der himmlische Menschenbäcker mit unendlich vielem Syrup bestrichen hatte. Und als nun alle nach einer Waldlichtung eilten und »Dritten abschlagen« spielten, da traf es sich merkwürdig oft so, daß die Försterstochter vor dem alten Muhmen-Deklamator stand, und dann legte er – dieser Frechling – ganz ungeniert, wie im Eifer des Spiels die Hände um die Taille des hochatmenden wonnigen Geschöpfes. »Der Schuft,« dachte Asmus, und die Treue von 1880 wankte in ihren Grundfesten. Er fragte sich, ob er es auch wagen würde, ihr die Hände um die Hüften zu legen. »Nie,« sagte er sich. Wenn sie es ihm verwiesen hätte, wäre er vor Scham und Stolz gestorben. Und als es das Spiel so fügte, daß sie beide vor ihm standen und er als »Dritter« den Platz räumen mußte, um nicht »abgeschlagen« zu werden, da nahm er das als ein tiefschmerzliches Symbol. Beim Abendbrot holte er dann nach, was er mittags versäumt hatte; in seiner grollenden Versunkenheit fraß er alles in sich hinein, was ihm vorkam: Schinken, Rühreier, Schwarzbrot und Liebesgram. Beim Abschied wollte er erst ohne Gruß verschwinden; aber sie sollte sich nicht einbilden, daß sie ihn verwundet habe, und mit blutendem Herzen gab er ihr lächelnd die Hand, und wie die andern winkte er, im Waldesdunkel langsam verschwindend, noch lange mit Lächeln zurück. Zu Hause verfiel er sofort in vierfüßige Trochäen, und das dauerte auch den folgenden Tag noch fort, und als das Gedicht wohl an tausend Füße hatte, fühlte er sich bedeutend ruhiger. Und als er nach dreien Tagen in einem uralten Exemplar von Herders »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« las und plötzlich aus einer Waldwirrnis von Gedanken die hübsche Försterstochter auftauchte, da war der Generalsuperintendent aus Weimar schon stärker als die Blume des Waldes. Das blutende Herz war geheilt wie eine Stecknadelwunde.

Aber die Treue von 1880 sollte ihm noch eine bessere Liebe und eine tiefere Herzenswunde bringen.

 

 

XXI. Kapitel.

Wie Asmus eine bessere Liebe fand.

Alfred Sturm, ein junger Kaufmann, war dem Verein beigetreten an jenem Abend, als Asmus an die pessimistischen Verse Schillers mit bemerkenswerter Kühnheit optimistische Gedanken geknüpft hatte. »Als ich deinen Vortrag über Schillers »Antritt des neuen Jahrhunderts« gehört hatte, war ich dir für immer verfallen,« sagte Sturm in vertrauter Stunde. Asmussens Liebe war weniger schnell, aber nicht weniger tief, und sie bildeten einen stillen Bund im Bunde, bildeten innerhalb der »Treue von 1880« eine Treue von Ewigkeit zu Ewigkeit. Asmus fand bei seinem Freunde etwas Köstliches, das die Deutschen nur verschwindend selten besitzen und niemals zu würdigen wissen. Die Deutschen haben eigentlich nur zwei Humore, den behäbigen Bier- und Tabakhumor, der noch ihr bester ist, und den mit spitzen Lippen säuerlich-lächelnden Geheimratshumor, von dem die Milch gerinnt und der Lachen für unfein hält; was sie fast nie haben und auch bei Shakespeare – obwohl sie’s heucheln nicht zu schätzen wissen, das ist der genial-groteske Ulk, der tiefsinnige Clownhumor. Die Spitznäsigen nennen ihn »blödsinnig«, und die Knoten heißen ihn »unvornehm«. Diesen Humor nun, wie alle kräftigen Humore, liebte Asmus aus innerster Seele, und den besaß Sturm. Wenn Sturm einen rasenden Schmierenschauspieler darstellte, oder aus dem Stegreif eine Hintertreppen-Familientragödie mimte, oder einen Volksredner oder auch die Ilsebill aus dem Märchen »vom Fischer un syner Fru« verkörperte, dann lachten zwar die andern auch; aber Asmus lachte so, daß er endlich rufen mußte: »Hör’ auf, ich sterbe!« Aber dieser Humor würde vielleicht doch nicht das ganze Herz des Asmus eingenommen haben, wenn sich damit nicht ein merkwürdig leidenschaftlicher Aufwärtsdrang, ein bitter-ernstes Bildungs- und Vervollkommnungsstreben verbunden hätte. Diese beiden Eigenschaften, die immer wie Gegensätze aussehen und die doch durchaus keine Gegensätze sind, ließen Asmus in diesem Jüngling den Freund erkennen, den er unbewußt gesucht hatte. Sturm dagegen sah in dem jungen Semper den Menschen, der ihm endlich zu jedem ersehnten Aufschwung verhelfen könne, und wenn Asmus solche enthusiastischen Überschätzungen mit Händen und Füßen ängstlich abwehrte, so ging Sturm mit dem Lächeln des Besserwissenden darüber hinweg und sang aus dem damals oft gespielten Boccaccio: