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Semper der Jüngling

Chapter 37: XXXI. Kapitel.
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About This Book

A sixteen-year-old student accepts a position observing primary-school classes and confronts the first duties and responsibilities of adult life. Intimate family scenes portray modest household routines and the parents' mixture of pride and nostalgia when his appointment rekindles hopes deferred by hardship. At the school he listens to lessons, records absences and tardiness, and discovers that practical tasks complicate his idealized notions of education. Private reflections and literary allusions accompany a striving to grasp what holds the world together, mixing philosophical yearning with youthful exuberance. The book assembles episodic classroom vignettes, neighborhood and home portraiture, and inward psychological observation to trace a gradual formation of character.

Sein Denken wurzelte fest im Empirischen, und so gern seine Seele ihr Haupt in transzendenten Lüften wiegte – ihren Boden wollte sie nicht ohne Not verlassen. So hatte er die Ideenlehre Platos wunderschön gefunden; aber sogleich hatte er sich gesagt: das ist Dichtung, ist Glaube, nicht Erkennen.

Gegen den strengen Gedanken von der Notwendigkeit alles Geschehens, dem der Mann sich unterwarf, lehnte der Jüngling sich auf. Sein die Arme reckender und streckender Wille verlangte nach Willensfreiheit, und doch schien ihm die transzendentale Willensfreiheit Kants nur eine Ausflucht. Gegen diesen Immanuel Kant, dessen Leben er mehr bewunderte als liebte, hatte er noch gar manches auf dem Herzen.

Da stand:

»daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch Gegenstände, die unsere Sinne assizieren ...«

und an anderer Stelle hieß es:

»Daß es nun dergleichen notwendige und im strengsten Sinne allgemeine, mithin reine Urteile a priori im menschlichen Erkenntnis wirklich gebe, ist leicht zu zeigen ...«

und wiederum:

»Von den Erkenntnissen a priori heißen aber diejenigen rein, denen gar nichts Empirisches beigemischt ist ...«

War das nicht unreimbarer Widerspruch? Und wenn es dann gar hieß:

»So ist z. B. der Satz: eine jede Veränderung hat ihre Ursache, ein Satz a priori, allein nicht rein, weil Veränderung ein Begriff ist, der nur aus der Erfahrung gezogen werden kann«.

Was sollte man dazu sagen? Der Begriff der Ursache war entweder genau so gut aus der Erfahrung gezogen wie der der Veränderung oder sie waren beide gleich »rein«. Unzweifelhaft hatten sie aber beide »empirische Beimischung«. Und was sollte es heißen, wenn nun Kant als ein Beispiel für »dergleichen notwendige und im strengsten Sinne allgemeine, mithin reine Urteile a priori« die Mathematik aufführte? Die Mathematik war doch menschlich konstruierte Realität, nicht von der Natur gegeben, wie Kant in der Einleitung an dem »ersten Demonstrator des gleichschenkligen Dreiecks« selbst zugegeben hatte. So waren die Sätze der Mathematik zwar allgemein und notwendig (daß das zweierlei sei, wollte Sempern auch nicht in den Sinn); aber sie waren auch für die Erkenntnis des Weltwesens vollkommen wertlos, wenn man sich nicht zu den Pythagoreern gesellte. Und was sollte man endlich gar dazu sagen, wenn Kant, ganz im Widerspruch zu dem Vorhergehenden, fortfuhr:

»will man ein Beispiel aus dem gemeinsten Verstandesgebrauche, so kann der Satz, daß alle Veränderung eine Ursache haben müsse, dazu dienen ...«

und dann gegen Hume polemisierte, der diesen Satz

»von einer öfteren Beigesellung dessen, was geschieht, mit dem, was vorhergeht, und einer daraus entspringenden Gewohnheit, Vorstellungen zu verknüpfen, ableiten wollte.«

Asmus hielt es ganz entschieden mit Hume und war der Überzeugung, daß jedes Naturgesetz der empirischen Wissenschaften genau so »allgemein und notwendig, mithin rein a priori« oder genau so bloß komparativ allgemein und a posteriori sei wie der Satz von der Veränderung und ihrer Ursache.

Ach, schon diese Einteilung der Urteile in analytische und synthetische! Asmussens Bleistift wurde temperamentvoll und machte schwungvolle Fragezeichen und wuchtige Ausrufungszeichen! Warum sollte denn das Urteil »Alle Körper sind ausgedehnt« analytisch und dagegen das andere »Alle Körper sind schwer« synthetisch sein? Das Merkmal der Schwere war doch für den Körper genau so wesentlich wie das der Ausdehnung und war also genau so gut wie dieses im Begriff des Körpers schon gegeben! Wieso bedurfte es da der Synthese? Und gesetzt: man entdeckte ein wesentliches Merkmal eines Begriffes, das man bisher nicht gekannt hatte, so konnte man im Augenblick der Entdeckung allenfalls von einer »Synthese« sprechen und konnte das neue Urteil ein synthetisches nennen; aber sobald man wußte, daß das neue Merkmal zum Wesen des Begriffes gehöre, war es doch auch mit diesem Begriff gegeben, und das Urteil war so »analytisch« wie irgend ein anderes. O, wenn Asmus damals gewußt hätte, daß auch andere Leute, und zwar höchst gelehrte und gescheite Männer diese Unterscheidung für verworren und zwecklos hielten! So aber sagte er sich: »Daß Kant so unklar gedacht habe, ist ausgeschlossen; also tappe ich im Dunkeln, also ist mit dieser Unterscheidung noch etwas andres gemeint, das ich nicht verstehe« – und das setzte ihm zu mit harter Pein.

Und endlich dieses berühmte »Ding an sich«. Man könne es nicht erkennen, hieß es. Aber es »affizierte« uns durch Erscheinungen, stand also in Beziehung zu uns, machte uns Mitteilungen! Wozu machte es uns diese Mitteilungen? Nur um uns zu foppen? Dann war freilich alles Denken und Leben Unfug. Oder verrieten uns diese Mitteilungen, wie es jede Mitteilung tut, etwas vom Wesen des Mitteilenden? Doch wohl; Kant verwahrte sich ja auch selbst dagegen, daß man die »Erscheinung« als »Schein« verstehe. Warum nun affizierte uns das Ding an sich so, wie es uns affiziert, und nicht anders. Es mußte zu seinem Wesen gehören, uns so zu affizieren und nicht anders. Dann aber wußten wir etwas von seinem Wesen, und wenn wir etwas wußten, warum sollten wir dann nicht mehr wissen können? »Hier ist ein Wirbel«, sagte sich Asmus. Sein Bleistift fragte in aller Bescheidenheit: Was nötigt uns, hinter der »schönen grünen Weide« der Erscheinungen ein unerkennbares Ding an sich anzunehmen, und wer hat etwas von diesem Ding an sich? Die Beschränktheit menschlicher Erkenntnis leuchtet auch so ein. Daß wir nicht Zentrum der Welt sind, daß der Mensch, der kleine Fußsoldat, unmöglich den Plan kennen kann, nach dem der »Herr der Heerscharen« die Weltenschlacht schlagen läßt, – das wissen wir seit Kopernikus auch so. Also warum soll der Pfahl, an dem ich mir die Nase blutig stoße, durchaus Erscheinung und nicht Ding an sich sein? Und warum setzen wir diese Skepsis nicht ins Grenzenlose fort? Es setzte Sempern in großes Erstaunen, als er las:

»Was es für eine Bewandtnis mit den Gegenständen an sich ... haben möge, bleibt uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts als unsere Art, sie wahrzunehmen, die uns eigentümlich ist, die auch nicht notwendig jedem Wesen, obzwar jedem Menschen zukommen muß.«

Das »obzwar jedem Menschen« war es, was ihn in Staunen versetzte.

»Wirklich?« schrieb er an den Rand. »Könnte der Welturheber den Spaß dieses Sommernachtstraumes nicht noch weiter ausgedehnt haben und die Menschen Verschiedenes wahrnehmen lassen, wenn sie dasselbe nennen, und Verschiedenes nennen lassen, wenn sie dasselbe wahrnehmen?« Und er hatte eine herzliche Freude, als er später las, daß Fichte den kantischen Zweifel an der Dinglichkeit der Erscheinungswelt zu Ende geführt, das Ding an sich als widersinnig verworfen und erklärt habe: Außer mir gibt es nur Vorstellungen und sonst nichts. Mit einem wunderschön weichen, tiefschwarzen Bleistift schrieb Asmus in Riesenbuchstaben dazu:

»Gott sei Dank!! Das ist wenigstens konsequent!!«

 

 

XXXI. Kapitel.

Der Mensch ist ein fliegender Holländer, und Asmus bekommt das Lampenfieber.

In diesen Sonntagsstudien gab es Minuten, Stunden, Tage der Klarheit, die er für nichts auf der Welt dahingegeben hätte.

»Das ist ein Augenblick der Seligkeit, Wenn uns ein weltbeleuchtender Gedanke Das Hirn durchzuckt und so die Seele faßt, Daß sie durchbrochen wähnt des Denkens Schranke!
Da wähnt das Aug, es sähe groß und klar Den Geist des Alls durch Erd’ und Himmel wandeln; Aufatmend spricht das Herz: Ich bin getrost; Fest ruht fortan mein Fühlen und mein Handeln.«

Aber oft währte die Klarheit nicht von einem Sonntag zum andern, manchmal nicht von einer Minute zur andern. Stellt ein Glas voll reinsten Quellwassers hin, das durchsichtiger ist als Kristall – mit jeder Stunde schwindet von selbst seine Klarheit dahin. Hängt einen Spiegel auf so rein und eben, wie ihr ihn finden mögt – in wenig Stund wird er sich trüben vom Anhauch des Lebens.

»Gewißheit – schöner Wahn des Augenblicks! Bald wieder wird der alte Zweifel nagen; Der feste Boden weicht – dir schwindelt – weit Ins öde Meer hinaus wirst du verschlagen.
Dem Schiffer gleich fährst du auf hohem Meer In Nacht und Sturm durch lange, düstre Jahre, Bis endlich deinem Fuß das Schicksal gönnt, Daß er der Heimat festen Grund gewahre. Doch kurz ist deine Rast! Von neuem bläht Der Wind am hohen Mast die weißen Linnen: Kaum hast du noch des Ufers Sand geküßt, So jagt des Zweifels Qual dich neu von hinnen.«

In einem ganz eigenen Sinne tauchte ihm die Geschichte von Herkules wieder auf, der die Hydra schlug. Wenn man triumphierend einem Zweifel den Kopf abschlug, so wuchsen zwei wieder aus dem Rumpf hervor. Und eine sonderbare Beobachtung glaubte er zu machen. Wenn er sich einer Wahrheit recht nah fühlte und ihr nun mit starrenden Augen immer näher auf den Leib rückte, dann sah er förmlich, wie sie plötzlich zurückwich und dichte Nebelschleier um sich schlug, wie ein Weib, das nicht gesehen sein wollte! Noch eben jetzt hatte er sie klar zu sehen vermeint, und plötzlich stand er in lauter Nebeln. Und seltsam: weibliche Gestalten mischten sich jetzt so oft in seine Vorstellungen und Gedanken; ja, es war, als hätten diese Gedanken und Vorstellungen selbst etwas von weiblichem Wesen und weiblichem Reiz, und alles, was er suchte, suchte er mit unerklärlicher leiser Wonne und mit leisem Schmerz. Auf dem Wege zum Seminar gab es Läden, in denen Bilder von weiblichen Schönheiten in halber oder nahezu ganzer Enthüllung ausgestellt waren. Vier Jahre lang und darüber war er an diesen Läden ohne jegliches Interesse vorübergegangen; seit einiger Zeit sah er diese Bilder mit anderen Augen an, und er verweilte mit seiner Betrachtung auch bei solchen, von denen er sich sagen konnte, daß sie nicht gerade in künstlerischer und überhaupt nicht in der allerbesten Absicht dorthin gelegt seien. Und als er in dieser Zeit von der höchsten Galerie des Theaters den »Lohengrin« hörte und als Elsa mit wundersüßer Stimme und ergreifendem Glauben sang:

»Kehr’ bei mir ein! Laß mich dich lehren, Wie süß die Wonne reinster Treu! Laß zu dem Glauben dich bekehren: Es gibt ein Glück, das ohne Reu!«

da brach in seiner Brust ein Damm von einer langgestauten Flut, da entstürzten Tränen seinen Augen; denn sie hatte nicht nur die holde Schönheit weiblichen Wesens, hatte nicht nur das Glück der Liebe gesungen; sie hatte von allem Triumphe alles Hohen gesungen; sie hatte ihm gesungen: Es gibt ein Wissen ohne Trug, es gibt ein Leben ohne Haß, es gibt eine Welt ohne Leid.

Und wenn er auch jenen Versen die Überschrift »Menschenlos« gegeben und wenn er sie auch mit den verzweifelten Worten gekrönt hatte:

»Und dies bleibt immer deines Denkens Los: Wenn dich ein Strahl aus höchstem Himmel grüßte, Er bleibt nicht dein; er schwindet hin in Nacht, Wie die Morgana schwindet in der Wüste.«

so war es ihm damit nur auf Stunden ernst, und es war darin ein gut Teil von jenem wunderlichen Komödiantentum der Jugend, das sich bei roten Wangen in düsteren Gebärden gefällt und nicht nur die Ansprüche, sondern auch die Resignation der reifen Jahre vorwegzunehmen liebt. Hatte er doch auch gesungen:

»Dich hieß ich wie kein andres Weib willkommen; Laut schlug mein Herz – du hast es nicht vernommen.«

und hatte dabei an Hilde Chavonne gedacht und war doch um so weniger berechtigt, dem guten Mädchen daraus einen Vorwurf zu machen, als er selbst nicht genau wußte, ob sein Herz für Hilde oder für das Weib im allgemeinen schlug. Nein, mochten seine »Gewißheiten« zuweilen nur ein Minutenleben haben, seine Niedergeschlagenheiten lebten meistens nur Sekunden; auf dem Grunde seiner Natur mußte eine Feder sein, die mit unversiegbarer Kraft wieder emporschnellte, wenn der schwerste Druck nur einen Augenblick nachließ. Die Absolutheit der Sittengesetze, der doch die menschliche Schwäche in diesem Leben nicht genügen konnte, erforderte nach Kant die Unsterblichkeit der Seele. Dann war also auch das Leben nach dem Tode ein Entwicklungsgang; denn es hätte keinen Sinn, wenn wir aus dem Tode einfach als vollkommene Wesen erwachten. Und wenn die Unbefriedigung unseres Gewissens ein künftiges Leben verlangte, so verlangte die immer strebende Unbefriedigung des Geistes ein Gleiches. Wo Fortschritt der Sittlichkeit möglich war, da mußte auch Fortschritt der Erkenntnis möglich sein, und wenn in einem künftigen Leben, so auch im gegenwärtigen.

Und er glaubte an den Fortschritt mit aller Gewalt seiner sehnenden Seele; er glaubte nicht an die ewig gleich geartete Seligkeit des Kirchenhimmels; er konnte sie sich nicht vorstellen; aber er glaubte an die ewig wachsende Seligkeit des Werdens und sich Vollendens; die begriff er, die hatte er in Stunden unnennbarer Weihe selber gefühlt. Und in wenigen Monaten sollte er nun ein Führer werden auf solchen Wegen des Werdens, sollte sich ihm ein Beruf auftun, der ihn Hunderte, Tausende von jungen Seelen die rechten Wege zur Vervollkommnung weisen hieß. Er ein Führer! Er, der es wußte, wie sehr er selbst noch der Führung bedurfte! Wenn er an diese nahe Wendung dachte, wurde ihm, er wußte selbst nicht, wie. Eine hohe, berauschende Freude überlief ihn; aber gleich darauf überfiel ihn immer ein herzstockendes Bangen; es war wohl höhere Freude, aber auch tieferes Bangen als damals, da er vor der Klassentür gestanden und den erkrankten Herrn Dohrmann hatte vertreten sollen. Denn er war reifer und klüger geworden und verstand tiefer als damals, um was es sich handle.

Bevor er jedoch diesen Beruf ergriff, lernte er schnell noch einen anderen kennen, nämlich den des Schauspielers.

 

 

XXXII. Kapitel.

Semper der Jüngling als Heldenvater und Liebhaber.

Kurz nach Weihnachten sollte wieder Konzert und Theater sein, und zwar sollte Gutzkows »Zopf und Schwert« gegeben werden. Obwohl Asmus im Seminar weder als Mime noch als Regisseur jemals irgend einen Posten bekleidet hatte, war man doch einstimmig der Meinung, daß er den König Friedrich Wilhelm I. geben und die Regie führen müsse. Man glaubte, Rezitieren und Komödie spielen sei dasselbe.

Die Proben im Musiksaal begannen, und Asmus stürzte sich mit Begeisterung in seinen neuen Beruf. Er hatte harte Arbeit; denn unter den Mitwirkenden gab es einige übertriebene Talentlosigkeiten. Da war einer, der die Prinzessin geben sollte, – denn auch die weiblichen Rollen mußten der Feuersicherheit wegen von Jünglingen gespielt werden, ein Zopf, den der neue Direktor im Jahre darauf mit einem Schwertstreich abhieb, – und dieser Prinzessinnendarsteller hatte offenbar beim Spielen das Gefühl, daß er mindestens acht Hände habe, von denen er dann immer zwei in die Hosentaschen steckte.

»Mensch,« rief Asmus, »bedenk doch, daß du als Prinzessin nicht die Hände in die Hosentaschen stecken kannst!«

Und dann zog Lau, so hieß er, die Hände wieder heraus; aber beim nächsten Satze staken sie schon wieder drin. Asmus gab ihm endlich eine kleinere Rolle und dann eine noch kleinere; aber es half nichts; Laus starke Persönlichkeit brach sich durch jede Rolle Bahn; er war ein penetrantes Talent.

Aber es waren auch zweifellose Begabungen darunter, und im ganzen fühlte sich Asmus in dieser ganz ungewohnten Tätigkeit unbeschreiblich wohl. Er hätte seinen Zustand mit einem Champagnerrausch vergleichen können, wenn er die für diesen Vergleich erforderlichen Kenntnisse gehabt hätte. Als der Abend der Aufführung herangekommen war, ging es ihm genau wie Meister Bruhn: er war zwei Stunden vor Beginn zur Stelle und hatte nach zehn Minuten schon auf sämtlichen Stühlen gesessen, aber auf keinem länger als zwei Sekunden; er mußte gehen, gehen wie immer, wenn er erregt war, immer auf und ab, wie der Tiger des Zoologischen Gartens im Käfig. Dabei hatte er das Gefühl, daß er fest auftreten müsse, damit ihn nicht ein Lufthauch davontrage. Und wog doch gewiß seine 120 Pfund. Er war nervös wie ein sichernder Hirsch, der ein Knacken im Gezweig vernommen hat; aber es war eine wohlige, prickelnde Nervosität. Der König hat seinen ersten Auftritt hinter der Szene zu sprechen, und das war gut; denn wenn er an das Auditorium dachte, dann war es, als ob plötzlich etwas furchtbar Schweres furchtbar tief in seinen Leib hinunterfiele und ein Emporfliegen war dann nicht mehr zu fürchten.

Der Vorhang ging endlich auf, und schon nach den ersten Szenen war der Erfolg des ersten Aktes gesichert; denn der Darsteller der Königin hatte in der Erregung unter den königlichen Kleidern seine männlichen Dessous und seine Zugstiefeletten anbehalten, und das genügte für den 1. Akt. Jedesmal, wenn die hohe Frau sich setzte und ihr Reifrock sich hob, brauste ein Sturm des Entzückens durch das vollbesetzte Haus. Asmus lief wie besessen hinter der Szene auf und ab.

»Was hat das Publikum? Was hat das Publikum?« flüsterte er. Stelling, der hinter der ersten Kulisse stand, rief:

»Kneist hat die Stiefeletten anbehalten« und wollte bersten vor Lachen. Er konnte lachen; über dies schwere Unglück konnte er lachen. Asmus war außer sich, und als Ihre Majestät die Bühne verlassen hatte und ihm in den Wurf kam, da fluchte er wie ein altgedienter Oberregisseur.

»Eine Schlamperei ist das einfach, eine skandalöse Schlamperei!« flüsterte er; denn laut durfte er ja nicht werden; aber er flüsterte sehr vehement.

»Gott, was ist denn dabei?« versetzte Kneist, die Königin, mit bewundernswerter Ruhe. »Das Ganze ist doch nur ’n Spaß.« Das verschlug Asmussen die Rede allerdings gründlich. Gegen eine so bodenlos frivole Auffassung von der Kunst war er nicht gewappnet. Er war so verstört ob dieser Antwort, daß er fast seinen Auftritt versäumt hätte. Als er dann mit seinen Worten beim Publikum Heiterkeit erweckte, sagte er sich: Gott sei Dank, deinem Aussehen kann das nicht gelten; sie sehen dich ja gar nicht.

Aber auch als sie ihn sahen, hörten sie ihm freundlich und mit öfterem Lachen zu, und als er in der Szene des Tabakkollegiums zu den Worten gekommen war:

»Die Kreaturen zittern? – Ich will allein sein.«

da war das Auditorium eine einzige Stille, und als er dann im nächsten Akte wieder auftrat, bekam er einen großen Schreck; denn sie empfingen ihn mit stürmischem Händeklatschen. Ja, ein großer Schreck war es; aber es war der freudigste, den er empfangen hatte seit jenem Weihnachtabend, als er plötzlich vor dem Puppentheater, dem Geschenk seines Bruders Johannes, gestanden hatte. O ja, ja, es mußte herrlich sein, so jeden Abend, vom Beifall der Menge umbraust, auf der Bühne zu stehen! Der Beruf des Schauspielers war ihm immer in einem märchenhaften Glanze erschienen; jetzt war er tief davon überzeugt, daß es keinen freudenreicheren, verlockenderen gebe als ihn.

Er sollte auch für den Rest des Abends aus diesem kindlichen Wahne nicht aufgeschreckt werden. Murow, der Direktor, kam ihm mit beiden dargebotenen Händen entgegen und rief:

»Alle Watter, mein lieber Samper, harzlichen Glückwunsch! Sie sind ja der jäborne Haldenvater!«

»Na, dazu reicht doch wohl meine Länge nicht,« meinte Asmus zaghaft.

»Nu – es hat auch kleine Haldenväter jäjäben! Sie sind ’n Napoleon-Darstaller! Überhaupt, mein lieber Samper« – und dabei legte er seine mächtige Hand auf die Schulter des Jünglings – »Talant ersatzt jede Körperlänge.« Und mit behaglichem Lachen schritt er weiter, um auch den andern Darstellern freundliche Worte zu sagen; denn er war als preußischer Landtagsabgeordneter beim Reichskanzler und bei Hofe gewesen und verstand sich auf die Courtoisie eines Herrschers.

Als aber Asmus nun auf Flügeln des Triumphes weiter durch den Saal schritt, da erblickte er gar an einem Tische hinten im Winkel neben ihren Logisgebern Hilde Chavonne. Sie war also da! Sie hatte ihn spielen sehen! O, wenn er das gewußt hätte, dann hätte er noch ganz anders gespielt! Er bildete sich ein, daß er dann besser gespielt hätte; aber sehr wahrscheinlich würde er dann den Gamaschenkönig mit dem tanzenden Krückstock als Romeo gespielt haben. Er wußte noch immer nicht, ob er irgendein Mädchen auf der Welt »liebe«; er war noch ganz in jenem dunklen Vorstadium der Liebe, wo die Jünglinge den Jungfrauen im allgemeinen imponieren wollen und die Jungfrauen den Jünglingen im allgemeinen gefallen möchten. Dieser Hilde Chavonne zu imponieren, hielt er freilich für einen besonders berechtigten Ehrgeiz; denn sie war hübsch und vornehm und stellte hohe Ansprüche, die höchsten allerdings an sich selbst. Und dieser Asmus Semper, dieser unglaubliche Tölpel, merkte nichts, als ihm das Fräulein nun ein kleines Veilchenbukett, das sie im Haar getragen hatte, zum Geschenk machte und errötend hinzufügte: »Für den König!« Er nahm es für eine Ehre, der Dummkopf, für eine Ehre! Er freute sich unendlich über dieses Sträußchen; aber er hatte keine Ahnung davon, daß es eine hohe Gunst des Herzens ist, wenn ein Mädchen sich eines Blumenschmucks beraubt und ihn einem jungen Manne schenkt. So unheilbar beschränkt war er, daß er nicht einmal die Verstimmung merkte, die das Mädchen darüber empfand, daß seine Gabe nicht so aufgenommen wurde, wie sie es erwarten konnte. Du lieber Gott, was sollte Asmus von jungen Mädchen wissen! Seine beiden Schwestern waren schon bei fremden Leuten gewesen, als er noch auf dem Fußboden spielte und den hölzernen Schemel voll tausend Nägel schlug. Als größerer Knabe hatte er dann freilich öfters mit Mädchen gespielt, und jede, mit der er gespielt, hatte er auch geliebt, ja, jenes braune Kind, das er einst vor dem Wirtshause zwischen den Bahndämmen gefunden hatte, hatte er sogar mit schmerzlichem Sehnen geliebt; aber es war doch Kinderliebe gewesen. Und nun, als Präparand und Seminarist, hatte er fast ein mönchisches Dasein geführt. Gewiß: er hatte Präparandinnen und Lehrerinnen gesehen und hatte alle diese Leonoren, Lauren und Beatricen selbstverständlich geliebt; aber keiner einzigen war er gesellschaftlich näher getreten. Die Damen des Lehrberufs haben meistens keine den Mann ermunternden Gewohnheiten, und für Asmus war nun vollends alles Weibliche eine unnahbare Welt. Die germanische Ehrfurcht vor dem Weibe lag ihm tief im Blut, und seine Armut machte diese Ehrfurcht zur Schüchternheit. Wenn er aus den Liebesromanen sah, daß zur Anbahnung eines Liebesverhältnisses eine längere Liebeserklärung gehöre, noch dazu eine im schwierigeren Periodenbau, auf den er sich sonst wohl verstand, dann sagte er sich: »Das wird mir nie gelingen, nie; ich werde wohl Junggeselle bleiben.«

Zum Glück hatte Hilde Chavonne kein Gänseherz, sondern ein ganz echtes großes Mädchenherz, und so vergaß sie bald ihre Verstimmung und unterhielt sich mit Asmussen so lebhaft und gutherzig wie immer.

»Wissen Sie, was Sie von den andern unterschied?« sagte sie.

»Nun?«

»Sie spielten immer, auch wenn Sie nichts zu sprechen hatten; die andern spielten nur, während sie sprachen. Auch wenn Sie kein Glied rührten, sah man, daß Sie ununterbrochen mit der Handlung gingen. Ja, sogar, wenn Sie dem Publikum den Rücken kehrten, sah man, daß Sie innerlich spielten. Ich habe einmal von »durchsichtigen Schauspielern« gehört. Das Wort trifft auf Sie zu.«

Asmus war so glücklich, daß er nur eine ganz banale Bescheidenheitsphrase stottern konnte. Er war glücklich wegen der »Ehre«. Daß sie ihn sehr genau und sehr andauernd beobachtet haben müsse, darauf verfiel er nicht. Als sie noch sprachen, kam eilends ein Seminarist auf Sempern zu. »Du möchtest mal zu Herrn Doktor Kieselberg kommen.«

Doktor Kieselberg hatte den Literaturunterricht; bei ihm hatte Semper die längsten und schönsten Sachen rezitiert.

»Hören Sie, lieber Semper, wenn es Ihnen recht ist, schreib’ ich über Sie an Cheri Maurice. Maurice muß Sie kennen lernen. Sie müssen für die Bühne gerettet werden. Die Jungens unterrichten, das können schließlich viele andere Leute auch. Aber so spielen, das können nicht viele. Also soll ich ihm schreiben?«

»Wenn Sie die Güte haben wollen, dann bitte ich darum.«

»Gut. Meine Frau läßt Sie bitten, morgen mit uns zu speisen. Zwei Uhr, bitte. Sind Sie noch frei?«

Du lieber Gott! Ob er noch frei war! Für sämtliche Mittage seines Lebens war er noch frei.

Also Schauspieler! Bei der bekannten Geschwindigkeit, mit der er seine Schlösser baute, spielte er schon im nächsten Augenblick den »Faust« auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Und bei einem seiner Lehrer eingeladen zum Essen! Was konnte das Leben einem noch mehr bieten! Er schwamm in der vollen, naiven Freude eines ersten öffentlichen Erfolges. Ihm war, als ob alle Menschen aller Länder ihm hold gesinnt wären und ihm von Herzen das Beste wünschten. Er hatte nicht die leiseste Ahnung davon, daß Lau erzählte, Semper habe ihm die Rolle der Prinzessin nur aus Neid weggenommen, und wenn ihm jemand gesagt hätte, daß Lau das erzähle, so würde er gesagt haben: »Du lügst.«

Als er sich wieder dem Platze Hildens näherte, war sie nicht da. Er ließ die Blicke durch den Saal schweifen – da – sie tanzte! O weh, sie tanzte!

 

 

XXXIII. Kapitel.

Asmus gibt fernere Beweise von seiner Dummheit, baut ein Schloß und eine Kirche und landet schließlich in einer Zelle.

Merkwürdig, es war ihm nicht ganz recht, daß sie tanzte. Warum sollte sie nicht tanzen? Es war doch selbstverständlich, daß sie tanzte; sie hatte sich ja auch zum Tanze angekleidet, sehr geschmackvoll, wie immer, sehr einfach, und doch – so besonders. Er verstand nicht das Geringste von Frauengarderoben; aber daß sie mit ihren neunhundert Mark Gehalt keine kostbaren Gewänder kaufen konnte, war ihm klar. Und doch – sie hatte immer etwas Besonderes und Nobles in ihrer Erscheinung.

Tanzen! Ja, das war auch so eine Mauer, die ihn vom weiblichen Geschlechte trennte. Frauen wollen tanzen, und er konnte nicht tanzen. Die Semper konnten ihren Kindern keine Tanzstunden geben lassen. Nicht einmal Schlittschuhlaufen hatte er gelernt; denn als Knabe war er nie so reich gewesen, ein Paar Schlittschuhe erwerben zu können, und als Jüngling hatte er keine Zeit mehr dazu gefunden. Als Achtjähriger hatte er einmal getanzt, auf einem sogenannten »Kindergrün«, mit einer siebenjährigen Dame, fünf Stunden lang war er herumgesprungen wie ein Heupferdchen, immer mit derselben Dame, und es war herrlich gewesen. Er sah es so unendlich gern, wenn ein Paar sich mit Anmut im Tanze drehte. Nie glaubte er fester an eine schönere Welt, als wenn er Menschen in anmutiger Bewegung sah. Und Hilde Chavonne tanzte schön. Wenn er sie aufforderte....

Hahahahaaaa! Er wußte wohl eine ganze Reihe junger Leute, die ungeniert eine Dame aufforderten, obwohl sie nicht tanzen konnten, und dann so lange mit Todesverachtung herumhopsten, bis sie’s heraus hatten. Woher sie den Mut nahmen, einer Dame dergleichen zuzumuten, das blieb ihm ein Rätsel.

Sobald er sein Lehrergehalt bezog, wollte er tanzen lernen. Sein Lehrergehalt? Er wollte ja Schauspieler werden.....

»Tanzen Sie nicht?« fragte ihn Hilde.

»Ich kann nicht tanzen,« sagte er. Und er erzählte ihr, daß er Schauspieler werden solle. Sie war aber sehr dagegen; mit auffallender Lebhaftigkeit riet sie ihm ab. Was sie denn dagegen habe, fragte er verwundert. Da wurde sie rot und sehr verlegen. Schließlich sagte sie, sie habe immer gehört, daß auch das Los der größten und berühmtesten Bühnenkünstler nur ein glänzendes Elend sei. Überhaupt habe er doch noch ganz andere Fähigkeiten. Er müsse Dichter werden.

Jetzt machte er riesengroße Augen, und das Rotwerden war an ihm. »Woher wissen Sie denn, daß ich dichte?«

»Sie haben doch Fräulein Wieselin erlaubt daß sie sich Ihre Balladen abschrieb –«

»Und die haben Sie gelesen?« rief Asmus erschrocken.

»Die haben alle an der Schule gelesen –«

Asmus hätte in den Boden sinken mögen. »Das ist aber sehr unrecht von Fräulein Wieselin,« rief er.

»Warum?« fragte Hilde erstaunt. »Durfte sie sie nicht zeigen?«

»Aber ich bitte Sie! Diesen Schund! Diesen Unsinn! Das ist ja törichtes, kindisches Zeug –.«

Hilde schüttelte nachdenklich den Kopf. »Das glaube ich nicht,« sagte sie. »Unreif mögen diese Gedichte sein, – aber es ist etwas drin.«

Als ein Tänzer kam und sich vor Hilde verbeugte, lehnte sie ab. Sie lehnte auch alle folgenden Einladungen ab, und bis zum Ende des Balles saßen sie beide an demselben Tisch und plauderten. Er fühlte sich wohl und glücklich; aber er merkte nichts.

Und als das ganze »Künstlervolk« mit seinem Anhang nach dem letzten Tanze in ein Café schwärmte, – morgens um vier Uhr in ein Café! Asmus kam sich wie ein Roué vor, als er sich eine Schokolade bestellte, – da schienen es beide selbstverständlich zu finden, daß sie wieder beieinander saßen. Es war etwas Seltsames um ihre Unterhaltung. Sie sagten natürlich »Sie« zueinander und »Herr Semper« und »Fräulein Chavonne« (denn das »gnädige Fräulein« war damals noch nicht Mode), und was sie sprachen, hatte die höfliche und respektvolle Form, die unter wenig Bekannten zweierlei Geschlechts gebräuchlich ist; aber in ihren Herzen war ein Glauben und Vertrauen, von dem sie selbst noch nichts wußten; ihre Herzen sagten »Lieber Herr Semper« und »Liebes Fräulein Chavonne«, ohne daß sie selber es hörten, und dieser Gegensatz zwischen fremden Worten und vertrauter Meinung erfüllte Asmussens Herz mit jener wohligen Spannung, wie sie in frühen Knospen sein mag. Aber so dunkel, so wenig bewußt war dieses Gefühl, daß er sich keinen Augenblick nach seiner Ursache fragte, es vielmehr ohne Nachdenken genoß wie die Sonne eines Maientags.

Als er früh gegen sechs eine Stunde weit nach Hause ging, fühlte er nicht die leiseste Ermüdung; denn er war jung und war König. Aber als er die ruhigen Atemzüge seiner schlafenden Eltern hörte, und als er die Ärmlichkeit des elterlichen Hausrats betrachtete, da fiel es ihm schwer aufs Herz, daß er Schauspieler werden sollte.

Gleichwohl sprach er davon zu seinem Vater. Obwohl Ludwig Semper seit längerem wieder von seinem alten asthmatischen Leiden geplagt wurde, war doch seit Monaten Heiterkeit in all seinem Reden und Tun, ja selbst in seinen Hustenanfällen und Atemängsten gewesen; denn nun war seine zärtlichste Hoffnung der Erfüllung nah; in kurzem sollte Asmus Lehrer sein und das Geschlecht der Semper sollte wieder emporkommen. Wie die lächelnde Wehmut eines Sonnenunterganges ging es über Ludwig Sempers Gesicht, als er hörte, daß Asmus, nahe dem Ziele seiner Bahn, einen ganz neuen Weg voll jahrelangen Mühens betreten solle, und obwohl er fühlte, daß er dann den Aufstieg seines Sohnes nicht erleben werde, sagte er lächelnd:

»Ja, – wenn Du meinst, daß Du Schauspieler werden mußt, – ich habe nichts dagegen.«

Und in dem Lächeln des schönen Angesichts war ein Scheiden vom Liebsten und Letzten. Das Herz flog Asmus in den Hals, und er hatte Mühe, die Tränen zurückzudrängen, als er rief:

»Nicht doch, Vater, nicht doch! Ich werde ja nicht darauf eingehen! Ich denke ja nicht daran!«

Seiner Mutter sprach er nicht erst davon. Er mußte lächeln, wenn er sich ihr ökonomisches Entsetzen ausmalte. Und sie hatte ja recht.

Am Nachmittage sagte er es Dr. Kieselberg, seinem Wirte: »Meine Eltern haben mich fünf Jahre lang unter den größten Sorgen und Mühen erhalten, wenigstens zum großen Teil erhalten; jetzt ist es höchste Zeit, daß ich sie unterstütze. Als Lehrer bekomme ich ein Gehalt von 1200 oder 1300 Mark, dann kann ich ihnen helfen; als Schauspieler verdiente ich vorläufig wenig oder nichts. Ich würde die Hoffnung meiner Eltern vernichten, und das ist ausgeschlossen.«

»Nun, dagegen kann ich natürlich nichts sagen,« erwiderte Kieselberg. »Ich hatte das Gefühl einer Pflicht; ich glaubte ein Unrecht zu begehen, wenn ich Sie nicht auf den Weg zur Bühne wiese; aber wenn die Dinge so stehen – das ist natürlich etwas anderes.«

Als Asmus durch die wunderschönen Alleen vor dem Dammtor nach Hause ging, war der Bühnentraum erloschen; das Schloß aus Rampenlicht und Lorbeerduft war versunken, und an seiner Stelle ragte schon ein anderes. Ein Wort seines Lehrers hatte ihn gestern befremdet. Er hatte gesagt:

»Jungens unterrichten, das können die andern auch.«

War Unterrichten denn wirklich etwas, was jeder Beliebige konnte, wenn er nur nicht allzu dumm war? Waren Schulmeister nicht genau so gut Künstler wie Schauspieler? Konnte man nicht auch so unterrichten, daß man unersetzlich war, so unersetzlich wie ein Künstler? So wenigstens hatte er sich’s immer geträumt. Was war denn ein Lehrer, wenn er nicht ein Künstler war?

Und in den Wolken strahlte ein Schloß, das war aus Morgenlicht und Kinderlächeln gebaut.

Er blickte in die ragenden Bäume hinauf und dachte: Welch ein wunderschöner Tag! Ein wahrer Sonntag! Zuerst beim Lehrer zu Mittag gegessen – die fremde Küche hatte ihm zwar nicht geschmeckt, aber was sagte das? Es war herrlich gewesen! – Nun dieser Weg unter hohen, von weißem, weißem Schnee bedeckten Bäumen! Diese Kirche wird nur an seltensten Feiertagen geöffnet. Ihr Altar ist die sinkende Sonne, und ihr Gesang ist das Schweigen. Er dichtete im Gehen:

Ich weiß es nun gewiß: Es schwebt ein selig Leben Schon über dieser Welt Und ist uns schon gegeben.
Ich weiß seit diesem Tag: Es tönt Gesang und Reigen Aus einer reinen Welt In jedes tiefe Schweigen.

Und endlich, wenn er zu Hause war, wollte er seinen Pestalozzi lesen. Er kam heim und schlug ihn auf bei der »Abendstunde eines Einsiedlers«.

»O, meine Zelle, Wonne um dich her!«

Das fügte sich gut zu dieser Stunde. Er schaute sich um in seiner Kammer und dachte:

O, meine Zelle, Wonne um dich her!

 

 

XXXIV. Kapitel.

Bewegt sich zwischen Pestalozzi und Herrn Quasebarth.

Und er vergrub den Kopf in beide Hände und versenkte sich in die heiligen Träumereien dieses unschuldsvollen Einsiedlers und Poeten, den er liebte, wie man sonst nur lebendige Menschen liebt. Ja, das war wahrhaftig ein Einsiedler unter den Tagesmenschen! Schon wiederholt hatte Asmus diese Schrift gelesen, und immer hatte ihn eine eigentümliche Scheu gehindert, tiefer in ihr Dunkel einzudringen, wie man sich scheut, in ein Dickicht einzudringen, aus dem die Nachtigall schlägt. Heute war die Nachtigall fortgeflogen, und er drang ein und fand hinter dem Rankengewirr eine köstliche Architektur, die die einfachen, großzügigen Grundlinien eines wunderbaren Baues zeigte. Da stand, daß Leben und Menschsein ganz dasselbe ist in der Hütte und auf dem Thron. Das aber haben die Menschen vergessen. Sie erziehen und unterrichten nach tausenderlei äußeren und Tagesbedürfnissen, nach Berufs- und Standesrücksichten, nach Eitelkeit und Vorteil. Und vergessen, daß ein Mensch zuvor zum Menschen gebildet sein muß, eh’ er etwas anderes wird. Aber zum Menschen kann man ihn nur von seiner Natur aus, von seiner Individualität aus machen, nicht von einer allgemeingültigen Schablone aus.

Das also war es: Nicht sollt ihr zum Kinde sagen: Das sollst Du werden und das will ich aus Dir machen wie aus allen Deinen Genossen, sondern ihr sollt fragen: Wer bist Du? Wie mach’ ich Dich zum Menschen? Welche Wege sind in Deiner Natur vorgezeichnet, die zu jenem Menschentum führen, das allen gemeinsam ist und aus dem alles andere von selbst entsprießt?

Das schälte sich heraus aus dem Aphorismengewirr des krausen und dennoch geraden Denkers, und in diesem Geiste wollte Asmus sein Amt führen. Im Geiste dieser Schrift wollte er wirken, dieser Schrift, die in einem innigen, treuen Gottesglauben gipfelte, der nicht der Gottesglaube der Semper war. An den sorgenden Vater glaubten die Semper nicht. Aber das hatte Asmus seit langem empfunden, daß alle Menschen an einen Gott glauben, wie verschieden sie ihn auch nennen.

Es sagen’s allerorten Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,

und Asmus hatte nie begriffen, warum man von den Atheisten glaubte, sie hätten keinen Gott und könnten nicht fromm sein.

So stellte er denn auch in dem bald beginnenden schriftlichen Examen seinen Aufsatz nicht auf die Basis theistischer Frömmigkeit, die sonst über so manche Prüfungen hinweghilft. Die jungen Leute sollten über das Thema schreiben:

»Vor jedem steht ein Bild dess’, das er werden soll; So lang’ er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.«

und die meisten Jünglinge erklärten Jesus Christus für das Idealbild, das vor ihnen stehe. Nun gab es unter den Abiturienten gewiß keinen, der den natürlich erzeugten Gottessohn von Nazareth inniger liebte als er; aber den Ruf, daß er ein Jesus Christus oder etwas ihm Ähnliches werden solle, vernahm er in seinem Herzen nicht. Er glaubte nicht, daß die Welt durch Leiden erlöst werden könne; er fühlte wenigstens, wenn er sich ehrlich fragte, daß er nicht gemacht sei, ohne Widerstand zu leiden. Er knüpfte an die Ideenlehre Platos an und erklärte den Unfrieden des Menschen aus der Sehnsucht nach seiner »Idee«, und er setzte auseinander, was er für seine Idee, für die Idee des Menschen im allgemeinen und für die des Asmus Semper im besonderen halte. Er fand damit bei der vorurteilslosen Prüfungskommission nicht nur vollste Anerkennung, sondern er hatte noch den Erfolg, daß ein Mitglied dieser Kommission, ein alter Jurist, zu Beginn der mündlichen Prüfung die Brille aufsetzte und rief:

»Wo ist Herr Semper?«

»Das ist nämlich ein Philosoph!« rief er den andern Herren zu.

Asmus war hervorgetreten.

»Sie sind Herr Semper?«

»Jawohl!«

»Sie sind ein Philosoph, mein junger Freund; ich habe Ihre Arbeit mit herzlicher Freude gelesen; ich danke Ihnen.«

Im übrigen ging es ihm wie »auf der Fortuna ihrem Schiff«, will sagen: auf und ab. In der Lehrprobe vergriff er sich. Er sollte Ägypten behandeln, dasselbe Ägypten, das er als kleiner Junge für eine Wiese mit Störchen gehalten hatte. Und er verfuhr ganz nach der Regel: Geographische Lage, Grenzen, Gestalt, Größe, Einwohnerzahl usw. usw. Zum Nil kam er in der halben Stunde des praktischen Examens überhaupt nicht. Als er fertig war, nahm ihn Murow, der Riese, beiseite.

»Nun, me–in lieber Samper, wann man Äjüpten behandeln will, womit fängt man dann wohl am basten an?«

Da wußte er’s sofort. »Mit dem Nil,« sagte er. Und er hätte sich ohrfeigen mögen, daß er, der die Schablone haßte, sich ihr so gedankenlos und träge unterworfen hatte. Der Nil! das war der Schöpfer des Landes, war eigentlich das Land selbst; der Nil war die Individualität Ägyptens, von der man ausgehen mußte, wenn man sich rühmte, ein Jünger Pestalozzis zu sein! Er empfand eine tiefe Scham darüber, daß er so ahnungslos in Ketten ging, deren er gespottet hatte.

Und im schriftlichen Chemie-Examen hatte er eine Arbeit von grotesker Unzulänglichkeit geliefert. Er hatte einst die Chemie mit allem Feuer der Jugend geliebt; aber Herrn Quasebarths Chemie hatte darin bestanden, daß er aus einem ehrwürdigen Heft ablas, dessen verblaßte Schrift er zuweilen selbst nicht mehr entziffern konnte. »Man nehme einen Probierzylinder und fülle ihn zur Hälfte mit Braunstein –« las Herr Quasebarth; aber er nahm keinen. Stelling, der Skrupellose, hatte ihm eines Tages einen furchtbaren Limburger Käse unter den Pultdeckel gelegt, so daß seine Nase jedesmal, wenn sie ins Heft tauchen wollte, entsetzt zurückfuhr. Nachdem er sich wiederholt vergeblich erkundigt hatte, woher der »abscheuliche Geruch« stamme, und Stelling bemerkt hatte, daß er ihn sich auch nicht erklären könne, »da hier doch nie experimentiert werde«, entdeckte er schließlich die Ursache; aber er ging ungeheilt von dannen.

So hatte denn Asmus seit langem nicht mehr zugehört, in der Chemiestunde lieber Gedichte gemacht und beim Examen einen fast unberührten weißen Bogen abgeliefert. Das war aber Herrn Quasebarth in die Glieder gefahren; denn er sagte sich, daß der chemische Durchfall eines Schülers wie Asmus Semper vom Prüfungs-Kollegium als ein Durchfall des Herrn Quasebarth empfunden werden müsse. Er beschwor also Sempern in einer vertraulichen Unterredung, doch ja bis zum mündlichen Examen noch »tüchtig zu repetieren«, damit er die Scharte auswetze. Semper genierte diese Scharte gar nicht; denn er hatte sich längst vorgenommen, später auf eigene Hand Chemie zu treiben; aber er versprach sein Möglichstes.

Und wiederum hob ihn das Schiff der Fortuna in der Mathematik so hoch, daß er die erste Zensur erwischte, während Mollwitz, der Magister Matheseos, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde: »das einseitige Prisma«, durch einen reinen Zufall nur den zweiten Grad errang. Dieses Erfolges konnte Asmus nicht recht froh werden; denn die Sache war nicht ganz in der Ordnung. Daß Glücksgüter vom Zufall verteilt wurden, das wußte er; aber auch geistige Ehren? Kam das auch sonst im Leben vor? Das sollte nicht vorkommen.

Aber er sollte noch was ganz anderes erleben. Am Abend vor der mündlichen Prüfung entschloß er sich nach schwerem Zögern, ein Lehrbuch der Chemie zur Hand zu nehmen, damit Quasebarth nicht wieder durchfalle. Er las auch das Kapitel von der Methylwasserstoffreihe, dann aber griff er energisch nach Zolas Conquête de Plassans, die er wesentlich anziehender fand. Denn sich ein Wortwissen ohne Anschauung und Übung in den Kopf zu pfropfen, das war ihm von jeher ein Greuel gewesen.

Die Stunde der chemischen Prüfung kam und mit ihr Herr Quasebarth, der an Leib und Seele immer denselben grauen Rock trug.

»Na, mein lieber Semper,« sagte er mit einem lockenden Lächeln, »erzählen Sie uns mal, was sie von den Methylwasserstoffen wissen!«

Und siehe da: Asmus Semper redete wie ein junger Liebig; denn heute wußte er noch sehr gut, was er gestern gelesen hatte.

 

 

XXXV. Kapitel.