Und so kam er denn mit allen Ehren und ohne Schaden durch das Examen, wenn man von einigen blauen Flecken an seinem linken Fuße und in der linken Rippengegend absah. Diese Flecke rührten wieder von Seybold her, von demselben Seybold, der ihn als »Schäflein« wegen seiner »Inkollegialität« und seiner »Anmaßung« so bieder gehaßt hatte. Das mathematische Examen hatte Seybold sehr glatt bestanden. Seybold konnte nicht einmal ein Dreieck berechnen; aber während der schriftlichen Prüfung wandelte einen Freund von ihm ein Bedürfnis an, und der Freund ging hinunter und deponierte an einem dunklen Orte die Lösung aller Aufgaben. Nach einer halben Stunde hatte Seybold merkwürdigerweise auch ein Bedürfnis.
»Muß es denn sein?« fragte argwöhnisch der die Aufsicht führende Herr Rothgrün.
»Ja, ich hab’n Durchfall,« erklärte Seybold.
»Aber damit hätt’ es ja noch Zeit gehabt,« schmunzelte Herr Rothgrün wohlwollend. »Nun, gehen Sie nur.«
Seybold ging hinunter, »fand die Lösung«, dachte »Heureka«, beantwortete solchermaßen durch Vorspiegelungen der Verdauungsorgane Fragen, die eigentlich an das Gehirn gerichtet waren, und half sich mittels eines Durchfalls durchs Examen. Zunächst durchs mathematische.
Bei den Klausuraufsätzen saß Seybold wieder neben Semper, und als dieser gelegentlich einen Blick in die Papiere seines Nachbarn warf, sah er, daß dieser wörtlich von ihm abschrieb.
»Mensch, bist du des Teufels?« flüsterte Asmus. »Das muß ja herauskommen. Schreib’ wenigstens auch von anderen ab.«
Seybold sah das ein und schrieb die andere Hälfte der Arbeit von seinem Vordermann ab; denn er hatte einen weiten Blick.
»Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben,« hatte Korn gesagt.
Nur dies verdammte mündliche Examen! Da konnte man nicht sagen: »Erlauben Sie, daß ich austrete!« Und wenn Asmus blind und taub gewesen wäre, so würde er das Nahen des Examinators doch immer rechtzeitig erfahren haben; denn wenn dieser noch drei Schüler weit entfernt war, begann Seybold schon wie ein Räder-, Walzen- und Kolbenwerk zu treten, zu puffen und zu zischen: »Sag’ mir zu! Sag’ mir zu!« und so trug Asmus Semper Seyboldens Reifezeugnis auf dem Leibe davon.
Auch Seybold bestand wiederum das Examen, und der ganze praktische Unterschied bestand darin, daß er ein Anfangsgehalt von 1200 Mark, Asmus aber ein solches von 1300 Mark erhielt, worin Seybold eine große Ungerechtigkeit erblickte.
1300 Mark! Insofern war Asmus sehr zufrieden; denn unbegrenzte Möglichkeiten lagen in dieser Summe. Aber wenn er den verflossenen Lebensabschnitt überblickte – was rechtfertigte eigentlich das »glänzende Examen«, das er nach der allgemeinen Ansicht gemacht hatte? Die Kollegen hatten ihm erzählt, was der Schulrat Korn vor einer anderen Abteilung der Prüflinge über ihn gesagt hatte, und darüber freute er sich zwar von Herzen; aber eigentlich war ihm alles das ein großes Rätsel, ein Wunder: denn ihm waren diese verflossenen drei Jahre eine zerstörte Illusion. Was hatte er sich von diesen Jahren versprochen an geistigem Aufschwung! Und wie bitter-bitter-wenig hatte er vor sich gebracht. Er hatte überhaupt nicht das Gefühl, daß er geistig gewachsen wäre. Wiederum hatte er, wie schon öfter, die Empfindung, daß die Menschen merkwürdig wenig von ihm verlangten, viel, viel weniger, als er selbst von sich zu fordern pflegte.
Nur wenn er die beiden »Alten« betrachtete, war er ganz glücklich. Die solltens jetzt besser haben. Frau Rebekka lief mit ihren sechzigjährigen Beinen wie ein Wiesel immer von einem Zimmer ins andere und sang:
und wie in seiner früheren Kindheit sah Asmus bei dem Wort »Sevilla« einen freien Platz mit Häusern, auf den eine unendlich goldene Sonne und ein unendlich helles, unendlich stummes Feiertagsglück herabschien.
Und dabei dachte Rebekkens Herz gar nicht an Sevilla, was schon daraus hervorging, daß sie im nächsten Augenblick sang:
Das war nämlich das Bruchstück eines Liedes, in dem ein Junker seiner Magd mit Liebesanträgen nachstellt, die diese dann mit der einleuchtenden Begründung zurückweist, daß sie ihren Schweinen zu fressen geben müsse. Die Schweine gehen vor, das mußte der Junker einsehen. Aber auch an Junker, Magd und Schweine dachte das singende Herz der Rebekka nicht; es dachte an den Triumph des Sohnes, an den leckeren Pfannkuchen, den sie ihm backen wollte, und an den besseren Rock, den ihr Gatte nun bekommen sollte; denn es gab ihr einen Stich ins Herz, wenn der stattliche Mann in abgetragenem Gewande ging. »Er fragt ja nichts danach,« klagte sie kopfschüttelnd.
Aber auch Ludwig Semper wollte sich diesmal einen Extragenuß vergönnen. Heute war Dienstag, und am Freitag gab es »Lohengrin« im Theater. Diesmal wollte er wirklich hin.
»Aber nun tu’s auch!« riefen Asmus und Rebekka wie aus einem Munde.
»Ja, ja – natürlich!« beteuerte Ludwig.
Am Mittwoch sagten Asmus und seine Mutter wieder: »Geh nun aber auch wirklich hin!«
»Gewiß, gewiß!« sagte Ludwig.
Am Donnerstag sagten sie: »Wirst du nun auch nicht wieder sagen: ‘Ach, wozu soll ich hingehen?’«
»Nein, nein – wenn ich’s doch sage!«
Er war auch am Freitag mittag noch fest entschlossen und freute sich. Als er um sechs Uhr noch keine Miene zum Aufbruch machte, rief Frau Rebekka:
»Du, du – du mußt jetzt gehen.«
»Ach, ich hab mir’s anders überlegt,« sagte Ludwig. »Was soll ich da.«
Erstens war sein Asmus nun am Ziel, und das war ein Glück, das eigentlich für den Rest seines Lebens allein ausreichte und das er jedesmal neu genoß, wenn Asmus den Blick wegwandte und er ihn ungestört betrachten konnte.
Zweitens hatte er am Lohengrin schon so viel Vorfreude genossen, daß eine Steigerung nicht mehr denkbar war.
Und drittens tauchten auf der grauen Wand vor seinem Zigarrentische, sobald er befahl, alle Sagen der Vorwelt auf, nicht die vom Schwanenritter allein, und belebte sich der stauberfüllte Raum mit Klängen, die an kein irdisches Instrument und keine menschliche Schrift gebunden waren.
Frau Rebekka war gründlich böse und schalt. »Ich versteh den Mann nicht,« rief sie.
Asmus verstand ihn. Er dachte daran, daß er nun bald als Lehrer vor 60 Kindern stehen werde; er blickte von der Seite her in des Vaters Auge, in dem die Abendsonne liebend verweilte, und er verstand es, daß man selig sein kann im Glück seiner Träume.
XXXVI. Kapitel.
Der erste Eindruck, den Asmus Semper von Herrn Drögemüller, seinem Hauptlehrer und Vorgesetzten, empfing, war nicht übertrieben verlockend. Der Kopf des Mannes glich einer stark vergrößerten Billardkugel, der man einen Rettichschwanz als Bart angeheftet und die man im übrigen noch mit einer blauen Brille geschmückt hat. Nase, Mund und Stirn wären in jedem Signalement als gewöhnlich bezeichnet worden. Herr Drögemüller kanzelte gerade einen kleinen, kümmerlich dreinschauenden Buben ab, weil er auf Holzpantoffeln zur Schule kam. Er behandelte das gleichsam wie einen moralischen Defekt, dessen man sich zu schämen habe, und erklärte dem verschüchtert dastehenden Kinde, wenn das noch einmal vorkomme, werde er ihm einen »Tadel in Ordnung« geben.
»Wenn man das hingehen läßt,« sagte Herr Drögemüller, »dann kommen immer mehr mit Holzpantoffeln, und man kann das Geklapper auf den Treppen nicht mehr aushalten.«
Asmus hatte auf der Zunge, zu sagen: »Aus Übermut trägt wohl der Mensch keine Holzklötze an den Füßen; Stiefel sind ihm ohne Zweifel bequemer, wenn er sie hat«; aber er wollte sich nicht gleich opponierend einführen und sagte deshalb nur:
»Gibt es nicht einen Verein, der solche Kinder mit Stiefeln versorgt?«
»Gewiß!« versetzte der Hauptlehrer; »ich könnte ihm ein Paar Stiefel anweisen; aber seine Mutter, das ist eine ganz Renitente. Als ich ihr sagte, sie solle den Jungen doch taufen lassen – getauft ist er nämlich auch nicht – da sagte sie, das täte ihr Mann nicht, und was ihr Mann wolle, daß wolle sie auch.«
»Hm,« machte Asmus. Ein Pestalozzi war dieser Mann nicht, das war schon festgestellt.
Er unterschied sich insofern vorteilhaft von dem »Schulmeister von Stanz«, als er sauber und ordentlich gekleidet war; aber es war Ordnung ohne Geschmack und Gefälligkeit, eine Ordnung mit schlechtsitzenden Hosen und kreuzweis geknoteten Bindeschlipsen, und als Asmus wie hypnotisiert die Karrees des grauen Rockes betrachtete, da las er unaufhörlich 1 × 1 × 1 × 1 × 1 × 1 ....
Nein, ein Dichter, wie der unordentliche Verfasser von »Lienhard und Gertrud« war dieser Mann gewiß nicht, »Abendstunden eines Einsiedlers« träumte er sicherlich nicht; aber das konnte man auch schließlich nicht verlangen, und als er die Papiere des ihm von der Behörde zugewiesenen Jünglings eingesehen hatte, bemerkte er sogar liebenswürdig, er beglückwünsche sich, einen Mann von solchen Fähigkeiten gerade an der »ihm unterstellten« Schule angestellt zu sehen.
Wie ganz anders ward Asmussen ums Herz, als er sich wenige Tage später mitten in einen Garten von sechzig jungen Menschenpflanzen gestellt sah, wo sechzig lebendige Brünnlein aus roten Lippen sprangen. In einem Punkte freilich hinkte der Vergleich mit einem Garten bedenklich: die Pflanzen haben die gute Gewohnheit, ihren Ort nicht willkürlich zu verändern; diese Menge von Kindern aber war in ihren Bewegungen höchst willkürlich, und Asmussen kam es vor, als habe er einen Topf voll Mäuse zu hüten und müsse aufpassen, daß keine über den Rand springe. Einige zwar saßen bang und verschüchtert da; sie mochten ein unerhört Neues, ein fürchterlich Geheimnisvolles erwarten und waren vielleicht mit der Vorstellung gekommen, daß der Bakel unaufhörlich durch die Schulstube sause wie die Sense des Mähers übers Feld; denn es gibt Eltern, die die Arbeit des Lehrers liebevoll vorbereiten, indem sie Kindern, die sie nicht bändigen können, mit der Aussicht drohen: »Na, warte nur, wenn du zur Schule kommst! Der Lehrer wird dich schon bläuen.« Aber sobald diese Beklommenen merkten, daß der »Herr Lerrer« kein Menschenfresser sei und sogar großartigen »Spaß« mache, zogen gerade sie die weitesten Konsequenzen und gingen über Tisch und Bänke. Und sieh, da schritt schon einer festen Schrittes auf die Tür zu.
»Wohin?« fragte Asmus.
»Ich will’n büschen ’raus!« versetzte das Bürschchen unbefangen.
»Was willst du denn draußen?«
»Och, ’n büschen spielen.«
»Ja, Mensch, so allein spielen, das macht doch keinen Spaß. Wart’ nur noch einen Augenblick, dann gehen wir alle hinaus und spielen »Jäger und Hund«.
Das leuchtete dem Flüchtling ein. »O djä!« rief er, senkte beide Fäustchen in die Hosentaschen und ging wieder auf seinen Platz.
»Du, ich hab’ Limburger Käse aufs Brot!« rief eine Stimme aus dem Hintergrunde. Asmus ging hin und äußerte seine teilnehmende Begeisterung über den Limburger Käse. Natürlich mußte er jetzt den Inhalt zahlloser Frühstücksdosen bewundern.
»Ich hab’ Leberwurst auf’m Brot!« »Ich hab’ ’ne Apfelsine!« »Ich hab’ Schokolade!« schrie es durcheinander.
»Ihr könnt wohl lachen!« sagte Asmus. »Meine Mutter hat mir keine Schokolade mitgegeben.«
»Da!« Ein Junge sprang aus der Bank und hielt ihm ein Stück Schokolade hin.
Asmus dankte gerührt, löste das Papier von der Schokolade und wollte sie dem Geber in den Mund schieben; der aber lehnte entschieden ab.
Da sah Asmus zwei brennende Augen in verzehrendem Verlangen auf sich gerichtet; es waren die Augen eines dürftig gekleideten, blassen Bürschchens.
»Soll er sie haben?« fragte Asmus den Spender.
Der nickte eifrig ja, und begierig griff der Verlangende nach der köstlichen Leckerei.
Um den Schwarm endlich zu beruhigen, sagte Asmus: »Soll ich euch mal ’ne Geschichte erzählen?«
»O ja, man zu, man zu!« schrien sie durcheinander. Und er erzählte ihnen das Ur- und Anfangsmärchen vom Rotkäppchen, das sie alle verstehen und das sie beim hundertsten Male ebenso gern hören wie beim ersten Male.
Als er mitten im Erzählen war, kam ein Junge aus der Bank heraus, ging auf Asmussen zu, ergriff dessen Hand und sagte:
»Du, ich mag dir gerne leiden.«
»Soo?« sagte Asmus; »Junge, das ist ja prachtvoll; ich dich auch; aber dann mußt du jetzt auch ganz still sitzen bleiben und zuhören!«
»Ja,« erklärte der Kleine überzeugt und ging ruhig wieder an seinen Platz.
Für einen andern aber hatte Asmussens Erzählung offenbar keinen Reiz. Er erhob sich und steuerte geraden Wegs auf die Tür zu.
»Was willst du denn?« fragte Asmus.
»Ick will noh Hus,« lautete die sehr entschiedene Antwort.
»Jä, dat geiht ober nich; du muß noch’n bitten hierblieben.«
Der kleine dicke Bursche explodierte in einem furchtbaren Geheul.
»Ick will ober noh Huuus!« brüllte er.
»Wat wullt du denn dor?«
»Ick will bi min Mudder sin!«
»Minsch, de Klüten (Klöße) sünd jo noch gornich fertig.«
Der Kleine nahm die Fäuste von den Augen und starrte ihn sprachlos an.
»Du wullt wull gern Klüten un Plum’n (Pflaumen) eeten, wat?« fragte Asmus.
»Jo,« versetzte der Kleine, von so viel Verständnis seiner Seele überrascht.
»Jä, Hein, de sünd jo noch gornich gor! Bliev man noch’n bitten sitten; ich segg Di denn Bescheed, wenn din Mudder se fertig hett.«
Auf diesen Kontrakt ging Heinrich Lohmann ein und verfügte sich langsam wieder an seinen Platz.
Als die Geschichte zu Ende war und die Geisterchen wieder nach allen Himmelsrichtungen anseinanderfielen, sprach er:
»Nun paßt aber mal auf, was jetzt kommt!«
Sie waren plötzlich still.
Mit geheimnisvollen Mienen ging Asmus an einen Schrank.
»Was ich wohl hier im Schrank habe!« sagte er.
»Frühstück!«
»Nein.«
»Schokolade!«
»Nein.«
»’n Bilderbuch!«
»Nein. In diesem Schrank hab’ ich einen Vogel; wenn man den streichelt, dann singt er.«
»Oooh – laß ihn mal ’raus!« riefen einige.
»Ja, ich will ihn mal herauslassen.« Er öffnete den Schrank und nahm einen Geigenkasten heraus.
»O, ich weiß, Herr Lehrer, ich weiß!« riefen ein paar Gescheite.
»Pst! Nichts verraten! Das ist das Vogelbauer. Paßt gut auf, daß er nicht herausfliegt,« sagte er zu den Nächsten, und sie spreizten die Händchen und öffneten die Mäulchen, als wollten sie den Flüchtling mit Mund und Händen auffangen. Die Hintensitzenden stiegen auf die Tische und reckten die Hälse. Asmus öffnete den Kasten und nahm Geige und Bogen heraus.
»Hurra – hallo,« schrien sie alle; aber dann wurden sie noch stiller als zuvor, und nun hatten alle die Schnäbel offen.
Asmus setzte den Bogen an und spielte einen raschen Lauf vom kleinen g bis zum dreigestrichenen.
Da waren sie plötzlich wie »voll süßen Weins«, sie gingen über Tisch und Bänke, hopsten, sprangen und faßten sich an und tanzten.
»Was soll ich nun ’mal spielen« fragte Asmus.
Ach, was mußte er da für Erfahrungen machen! Einige nannten ein paar Spiellieder, die sie in einem Kindergarten gelernt hatten; die meisten aber nannten Gassenhauer und Operettenmelodien, die auf die Drehorgel gekommen waren. Ein rechtes, gutes Volkslied nannte nicht einer; denn das deutsche Volkslied wird im deutschen Hause nicht mehr gesungen.
Asmus erzählte ihnen von dem Häslein, das der Jäger totschießen wollte, und dann sang er:
Er sang, wie das Häslein den Mond bat, sein Licht auszulöschen, und wie es dem Jäger entkam.
und die Lieblichkeit von Wort und Weise, die Unschuld der Kindertage, da er sie zuerst gesungen, die Schönheit der Stunden, da er sie bei Meister Bruhn gehört und gegeigt, und die saugende Andacht all dieser reinen Augen, die durstig an seinen Lippen hingen, überströmten sein Herz mit einem so überschwenglichen Glück, daß ihm die Augen feucht wurden.
»Nun will ich’s einmal spielen,« sprach er und spielte das Lied.
»Wollt ihr jetzt ’mal mitsingen?«
Jubelnd ergriffen sie diesen Vorschlag.
Und alle sangen sie mit. Ei, ei, ei, war das eine Musik! Es klang noch ganz furchtbar. Aber sie fanden es schön, und am eifrigsten sang Peter Brandenburg, dessen Gehör und Stimme nur einen einzigen Ton hatten, und der klang wie das Surren einer Hummel, die man in eine Schachtel eingesperrt hat.
»Wer will mir nun ’mal was vorsingen?« fragte Asmus.
Manche getrauten sich nicht; aber die meisten hielten mit ihrem Talent nicht zurück und sangen frisch von der Leber weg.
oder
oder
nein, so viel Asmus auch horchte und forschte und hoffte, er hörte nichts Gutes, Schönes, Gesundes. Wohl aber begann ein Bürschlein frisch und frei ein ausgesprochenes Zotenlied zu singen.
»Genug, genug!« rief Asmus und hieß das Kind schweigen. Dies Lied, von frischen Kinderlippen ahnungslos gesungen, hatte ihm einen furchtbaren Eindruck gemacht. Die Schule lag in der Hafengegend; unter ihrem Publikum gab es mancherlei Armut und Verwahrlosung, und unter den Schülern waren auch Kinder »anrüchiger« Straßen.
XXXVII. Kapitel.
So groß sein Mitgefühl mit den Kindern der Enterbten und Verachteten war, so schien ihm doch seine Aufgabe um so schöner und lockender, je schwieriger sie war. Die wohlgepflegten Kinder reicher und »guter« Familien erziehen, das war keine Kunst – so dachte er wenigstens damals; er sollte noch anders darüber denken lernen – aber hier galt es, Knoten zu lösen und Hindernisse zu überwinden. Und schon nach wenigen Tagen sollte ihn ein »Riesenerfolg« in seinem Glauben an sein Werk bestärken. Am vierten oder fünften Tage seines Lehrertums kam Herr Drögemüller mit einer Liste in die Klasse und fragte: »Ist Heinrich Lohmann hier?«
Jawohl, Heinrich Lohmann war da; es war derselbe, den am ersten Tage die Sehnsucht nach den Klößen seiner Mutter ergriffen hatte und der dies Gefühl in reinstem Plattdeutsch unverhohlen zum Ausdruck gebracht hatte. Er gehörte in eine Nachbarschule und war irrtümlich in Sempers Klasse gekommen.
»Du gehörst in eine andere Schule, mein Sohn,« sagte Herr Drögemüller. »Pack’ deine Sachen und komm mit.«
»Nee,« sagte Heinrich Lohmann munter, »ick will hier blieben.« Selbst Herr Drögemüller mußte lachen.
»Ja, mein Junge, das geht nicht,« sagte er, »komm nur schnell.«
»Ick will ober leever hier blieben,« wandte Lohmann mit schwächerem Widerstande ein.
»Na, nu’ mach flink, Junge, mach flink!« drängte der Hauptlehrer.
Lohmann packte widerstrebend seine Sachen und folgte Herrn Drögemüller; aber als er nun Sempern die Hand zum Abschied geben sollte, warf er alles, was er trug, auf den Boden, umklammerte Asmussens Bein und schrie: »Ick will bi di blieben! Ick will bi di blieben!«
Asmussen wurde es wunderlich ums Herz.
»Kann er denn nicht hier bleiben?« fragte er den Hauptlehrer. »Vielleicht kann ja ein anderer – –?«
»Nein, das geht nicht!« versetzte Drögemüller kurz. »Er wohnt ja nicht in unserm Bezirk. – Jetz komm, Junge, sonst – –«
Asmus klopfte dem Kleinen die Wangen und sagte: »Na, Heinrich, dann geh nur mit. Wenn die Schule aus ist, besuchst du mich mal, was? Und ich besuch’ dich auch mal, ja?«
Da gab sich Heinrich Lohmann zufrieden, sammelte unter Tränen seine Bibliothek zusammen und schlich davon.
Asmus Semper war glücklich. Also schien ihm die Kraft gegeben zu sein, die Herzen der Kinder zu gewinnen, und darüber war er unsäglich froh. Überhaupt lebte er wie in einem Rausche. Diese tausendfältigen, rückhaltlosen Offenbarungen der Kindesseele überwältigten seine Beobachtungskraft; er wußte nicht, wie er diesen Reichtum in die Scheuern bringen und verwerten sollte. Und viel zu früh schloß er den Kindern den Mund durch regelrechten Unterricht; seine Taten hinkten noch weit hinter seinen Ideen her. Er hätte noch länger die Eigenart jedes einzelnen Kindes hervorlocken sollen, wenn er den Wegen Pestalozzis folgen wollte; aber er fürchtete, die Kinder würden nicht lernen, was sie nach dem »Pensum der Klasse« lernen sollten, wenn er nicht den stundenplanmäßigen Unterricht beginne. Herr Drögemüller hatte sich ohnedies schon bemerkbar gemacht. Als Asmus eines Tages einen Knaben ein Märchen erzählen ließ, war Herr Drögemüller, der es nicht für ein Gebot der Höflichkeit hielt, anzuklopfen, in die Klasse getreten, hatte durch seine blaue Brille auf den an der Wand hängenden Stundenplan geblickt und gesagt:
»Sie haben jetzt eigentlich Rechnen, nicht wahr?«
»Jawohl,« hatte Asmus gesagt.
»Hm,« hatte dann Herr Drögemüller gesagt, und er war wieder hinausgegangen. – – Ja, Asmus war glücklich; aber wie es das Schicksal gewöhnlich mit ihm gehalten hatte, so tat es auch diesmal; von dem vollen, hundertprozentigen Glück, das es ihm gegeben, zog es neunzig Prozent Wucherzinsen ab, und der Exekutor, der die neunzig Prozent einkassierte, war diesmal Herr Drögemüller.
Herr Drögemüller war Junggeselle, und so hatte er zu viel Zeit für seinen Beruf. Man hat immer dann zu viel Zeit für seinen Beruf, wenn man sie zur Auffindung neuer und fruchtbarer Gedanken aus einem gewissen inneren Mangel nicht anwenden kann, sie vielmehr mit der Erfindung immer neuer Reglements-Paragraphen verbringen muß. Jedesmal, wenn Herr Drögemüller ein paar freie Stunden gehabt hatte, trug alsbald danach ein Knabe durch alle Klassen eine Verfügung, unter die jeder Lehrer sein »Vidi« setzen mußte. Herr Drögemüller wußte aus der Arithmetik, daß, wenn man unablässig addiert, zuletzt eine hohe Summe herauskommen muß, und so hoffte er durch unermüdliche Hinzufügung von »Verbesserungen« seine Schule auf den Gipfel der Vollendung zu bringen. Wenn ihm aber jemand mit umwälzenden Methoden oder gar mit neuen Lehrzielen kam, dann bekam er Entrüstung mit Fieber. Welche Anmaßung, wenn ein Lehrer es besser wissen wollte als Drögemüllers Seminardirektor! Seine Berufsanschauung ruhte auf drei Axiomen als auf drei unerschütterlichen Säulen:
2. Die Toten sind klüger als die Lebendigen.
3. Die Vorgesetzten sind klüger als alle.
und seine Berufsanschauung war auch seine Weltanschauung; denn er war der Meinung, ein Lehrer habe sich weder um Kunst und Literatur, noch um Politik, noch sonst um etwas anderes als allein um seinen Beruf zu kümmern.
Er verbrachte denn auch seine Tage am Schreibtisch seines Bureaus; seine Wohnung war eigentlich nur Schlafstelle, und in seiner bescheidenen Bibliothek stand kein neues Buch. Trotzdem hielt er sich für einen gewissenhaften Beamten.
Daß er mit diesem Mann nicht lange in Frieden leben werde, davon hatte Asmus eine deutliche Ahnung. Schon wenn er ihn sprechen hörte, wurde ihm unbehaglich. Er war immer so empfindlich gewesen für menschliche Stimmen; die Stimme war ihm der Mensch, und besonders wahr und schön war’s ihm immer erschienen, daß der wahnsinnige Lear von der Stimme der toten Cordelia sprach. Drögemüller aber heulte durch die Nase und sprach, als wenn er einen zu schmal gewölbten Gaumen hätte.
Gleich am ersten Tage sah Asmus etwas, was ihn geradezu erschreckte. Kinder während der Schulpause – das war ihm immer ein Bild befreiter, sprudelnder Jugendlust gewesen. Es war ihm gar nicht der Gedanke gekommen, daß das anders aussehen könne. Und hier sah er die Kinder, zu Vieren geordnet, langsam hintereinander hertappen, wie Gefangene, die man gerade so viel lüftet, wie zur Erzielung einer guten Gesundheitsstatistik unbedingt erforderlich ist. Und in der Mitte des Schulhofs ging ein Lehrer auf und ab, der darauf achten mußte, daß keiner aus der Reihe trat. Nun bemerkte Asmus freilich bald, daß der größere Teil des Kollegiums die Verfügung des Chefs nicht mehr sonderlich ernst nahm; die Herren ließen denn auch den spazierenden Kindern die Zügel leidlich locker. Dann freilich tauchte gelegentlich Herr Drögemüller auf und verwies laut scheltend die zuchtlosen Elemente in ihre Reihen zurück, um dem Aufseher zu demonstrieren, daß er seine Pflicht verletze. Die Herren, meistens ältere, wohlverdiente und zum Teil ihrem Chef bei weitem überlegene Männer, aßen ihr Frühstück ruhig weiter und taten nach wie vor, was sie für gut hielten. Aber jetzt waren drei junge Herren ins Kollegium gekommen, und die wollte Herr Drögemüller gleich richtig an die Kandare nehmen, damit sie ihm nicht über den Kopf wüchsen.
Als Asmus zum erstenmal die Aufsicht führte, freute er sich über jeden, der die Ordnung der Sektionen verließ. Aber siehe, schon war Herr Drögemüller da und heulte durch die Nase und trieb die Schwarmgeister an ihren Platz.
»Das geht aber nicht, Herr Semper; achten Sie bitte strenge darauf, daß die Schüler zu vieren gehen.«
»Ja, da kann dann freilich von Erholung nicht mehr die Rede sein,« bemerkte Asmus.
»Ooh, das wollen wir doch nicht sagen!«
»Ja, für siebzigjährige Spittelleute mag das ja eine genügende Erholung sein; aber junge Körper, wenn sie stundenlang in der Bank gesessen haben, wollen sich gehörig tummeln und die Lungen reinpumpen.«
»Herr Semper, wenn wir das einreißen ließen, dann würden wir jeden Tag blutige Nasen und gebrochene Gliedmaßen und hinterher die Klagen der Eltern haben.«
»Herr Drögemüller, wir haben uns als Jungen auf dem Schulhof geschlagen wie Hunnen und Nibelungen, und blutige Nasen habe ich mehr als eine davongetragen; ich habe aber Blut genug übrig behalten, vielleicht noch zuviel. Nach Ihren Grundsätzen müßte man den Kindern das Spiel überhaupt verbieten; denn Unfälle, sogar tödliche, sind freilich niemals ausgeschlossen.«
»Was anderswo passiert, ist mir einerlei, in meiner Schule soll aber so etwas nicht vorkommen, und darum muß ich darauf dringen, daß meine Anordnungen befolgt werden.«
In Asmus wirbelte etwas empor; aber der Vorgesetzte hatte bereits den Rücken gewandt und war gegangen.
XXXVIII. Kapitel.
Sempern erfüllte ein seltsam unbehagliches Gefühl. Sollte ein Lehrer sich wie ein Handlanger traktieren lassen? Sein aufbrausendes Blut, das sich schnell über jedes Unrecht empörte, wollte ihn zu offener Auflehnung fortreißen. Dazu kam, daß seine Jugend, wenn auch nicht von revolutionärem Sinn, so doch von revolutionären Gedanken genährt war. Er hielt es noch immer mit den Tyrannenmördern und Volksbefreiern. Aber andrerseits hatte er zu viel klaren Verstand, um an eine Welt ohne Regierung und Gesetz zu glauben. Jeder mußte sich unterordnen, das wußte er wohl. Und wenn ein Vorgesetzter schwach war, – die, die ihn eingesetzt hatten, waren Menschen und dem Irrtum unterworfen wie er selbst. Aber wenn die Obrigkeit in der Wahl der Oberen gar zu töricht oder gewissenlos war, dann war Auflehnung so natürlich und notwendig wie sonst die Unterordnung, dann war Widerstand Pflicht, vor allem der Kinder wegen. Aus diesem Zwiespalt kam er nicht heraus.
Andere Skrupel und Sorgen kamen hinzu. Er mußte den Kleinen Religionsunterricht geben. Waren nun diese biblischen Geschichten geoffenbartes Gotteswort, dessen Wahrheit sich auch dem kaum erwachten kindlichen Geiste auf wunderbar intuitiven Wegen erschloß? Nein, das glaubte er nicht, konnte er also auch nicht lehren. Sollte er also die Geschichte der Juden und das Leben Jesu kritisch, rationalistisch, liberal-theologisch behandeln? Der Hamburgische Staat nahm es im Gegensatz zu andern deutschen Staaten mit der Gewissensfreiheit leidlich ernst und schrieb seinen Lehrern nicht vor, wie sie die Bibel zu behandeln hätten. Aber wenn dies alles nicht zweifellose, der kindlichen Seele ohne weiteres zugängliche göttliche Wahrheit war – dann war es ja heller Unsinn, diese Materien mit sechs- bis siebenjährigen Kindern zu behandeln, dann waren es Materien für reife Jünglinge und Männer. Diese religiösen Bedenken verfitzten sich mit pädagogischen und künstlerischen. Die biblischen Historien mit den Worten der Bibel erzählen, das hieß nach seiner Meinung, die armen kleinen Kerle mit unverständlichen Worten und Begriffen quälen und war also unmöglich. Die alten Berichte aber mit eigenen, modernen Worten erzählen, dagegen sträubte sich alles in ihm, das schien ihm eine unerhörte vandalische Versündigung gegen die erhabene, ehrwürdige Kraft und Schönheit dieser Mythen. Man konnte ja auch den »Faust« mit anderen Worten erzählen; aber war das der »Faust«?
Aber das Allerschlimmste war doch, daß diese Geschichten unzweifelhaft einen persönlichen Gott annahmen und von einem Jesus berichteten, der Wunder tat, vom Tode auferstand und gen Himmel fuhr. Sich mit leeren Worten um diese Fragen herumdrücken, war unwürdig, war ihm unmöglich. Freilich, er konnte es machen wie Dr. Korn; er konnte den Kindern sagen: So berichtet die Bibel; was ihr glauben wollt, ist eure Sache. Aber das konnte man vor Jünglingen tun, nicht vor sechs- bis siebenjährigen Knäblein. Die konnten noch nicht sondern und wählen; die hingen mit dem treuen Blick des Glaubens an seinem Munde; die glaubten alles, was er sagte, und ahnten noch nicht, daß ein Lehrer etwas sagen könne, was er selbst nicht glaube.
Endlich blieb noch der Ausweg, sich als »Beamten« zu fühlen, der ein Amt und keine Meinung habe. Er konnte diese Dinge einfach nach der orthodoxen Dogmatik behandeln und zum Beispiel die Stelle von der Schlange, die »denselbigen in die Ferse stechen werde«, als messianische Weissagung hinstellen, am Ende des Monats sein Gehalt einstreichen und die Verantwortung denen überlassen, die den Religionsunterricht verlangten, das war das sicherste. Aber diese handwerkerliche Auffassung von seinem Beruf konnte er sich eben nicht angewöhnen, so selbstverständlich sie auch Herrn Drögemüller schien. Denn diese sechzig Kinder wurden einmal sechzig Menschen, und was er als winziges Körnchen in ihre Seele warf, war vielleicht nach zwanzig Jahren ein Baum, ein nährender Fruchtbaum oder ein Giftbaum oder ein leeres Gestrüpp. Der Arzt, der nach bestem Wissen und Können in einen lebendigen Menschen hineinschnitt, konnte auch nicht zur Verantwortung gezogen werden; aber es war doch ein verteufeltes Gefühl, einen Menschen unter dem Messer zu haben.
Er beschloß bei sich, diesen Unterricht so bald wie möglich abzugeben, und fand, daß der Modus seines ehemaligen Direktors noch der redlichste und erträglichste sei. Er trug den Kindern die Bibel vor, wie sie war, und enthielt sich jeder kritischen Beleuchtung. Nur sagte er dann nicht: Ihr könnt’s glauben, könnt’s auch lassen, sondern getröstete sich der Hoffnung, daß sie sich bei wachsender Reife in der Stille ihres Herzens wohl selbst mit diesen Dingen abfinden würden.
Ein herzlicher Unterricht konnte das freilich nur in solchen Augenblicken werden, wo die Naivität der biblischen Geschichten mit der Naivität der Kindesseele zusammenfiel; und in solchen Augenblicken atmete das Herz des jungen Schulmeisters erleichtert und beglückt. Und eine Fülle der Freuden quoll fast aus allen andern Stunden. Nur stampfte ihm Herr Drögemüller eines Tages auch in den Leseunterricht hinein. Herr Drögemüller dachte es sich wunderschön, wenn alle drei neuangestellten Lehrer den Leseunterricht auf völlig gleiche Weise erteilen würden, und zwar auf ebendieselbe Weise, die er vor 25 Jahren auf dem Seminar erlernt habe. In seiner Schule sollte alles ordentlich hergehen: alle sollten auf Schuhen kommen, alle sollten Schulgeld zahlen, alle denselben Glauben haben und auf dieselbe Weise »gebildet« werden.
Einer der neuen Herren tat ihm auch den Gefallen; Asmus aber und der andere gingen ihre eigenen Wege. Herr Drögemüller bemerkte das mit Mißfallen.
»Machen Sie es nicht so, wie ich es Ihnen neulich gezeigt habe, Herr Semper?« fragte er.
»Nein,« lautete die ebenso kurze wie unzweideutige Antwort.
»Warum denn nicht?«
»Weil ich meine Weise für richtiger halte.«
»Aber Herr Semper – Sie werden wohl zugeben, daß ich mehr Erfahrung habe als Sie –.«
»Das mag sein; aber ich muß meine Methode selber finden, und nur nach der Methode, die meiner Überzeugung entspringt, kann ich unterrichten. Wenn es die Jungen immer machen müßten wie die Alten, dann könnten Sie und ich überhaupt noch nicht lesen.«
»Das ist ja wohl sehr geistreich, Herr Semper; aber gleichwohl muß ich Sie bitten, meine Wünsche zu respektieren.«
»Mit Recht sagen Sie »Wünsche«, Herr Drögemüller, und nicht »Befehle«. Denn »Befehle« gibt es hier nicht. Ich bin nur verpflichtet, meine Schüler zu fördern. Welche Methoden ich dabei anwende, ist ganz allein meine Sache.«
Drögemüller war bleigrau im Gesicht geworden und schnappte, als wenn er Luft für einen längeren Satz einnehme; er entschied sich dann aber nur für ein: »Na, wenn Sie meinen –« und ging mit rachsüchtig geschwungenen Beinen hinaus. Als er draußen war, stenographierte er etwas sehr Langes in sein Notizbuch. Die Methode ist frei, dachte Drögemüller, darin hat er recht; aber ich werde schon andere Pfeifen schnitzen, nach denen er tanzen soll.
Zunächst indessen sollte Asmus ein wenig nach den Pfeifen des Exerzierplatzes tanzen. Bei der Generalmusterung im Sommer war er endgültig »gezogen« worden, und nun war die Order gekommen, daß er sich am 1. Oktober auf dem Altenberger Kasernenhofe einzufinden habe.
XXXIX. Kapitel.
Was ihm an diesen Musterungs- und Gestellungsbefehlen aufgefallen war, das war die Ängstlichkeit, mit der auch der leiseste Verdacht einer höflichen Gesinnung vermieden war. Er fand, daß dieselben Befehle mit derselben Entschiedenheit in einer Form gegeben werden könnten, die mehr nach menschlicher Gesellschaft klang. Sie berührten ihn, als wären sie mit Absicht so schroff wie möglich formuliert, um das persönliche Selbstbewußtsein von vornherein auf den Nullpunkt zurückzutreiben. Überhaupt begann er diese sechs Wochen, die er als »Schulamtskandidat« unter Waffen zubringen sollte, nicht mit gehobenen Gefühlen. Ludwig Semper freilich sprach noch immer von seinen Soldaten- und Kriegsjahren als von einer frischen, fröhlichen Zeit; aber »beim Preußen« war’s anders, und die vielen und abscheulichen Soldatenmißhandlungen, von denen die Zeitungen berichteten, hatten Asmussen immer mit Zorn und Entsetzen erfüllt. Frau Rebekka schwankte zwischen Stolz und Bangen. Sie war stolz, daß man ihren Sohn für tauglich befunden hatte, und sie bangte, daß man ihn mißhandeln und überanstrengen könne.
Und gleich der ganze erste Tag war eine Mißhandlung, aber keine böswillige. Die Herren Schulamtskandidaten standen nämlich mit kleinen Unterbrechungen von morgens acht bis abends sieben Uhr auf dem Kasernenhof und warteten. Einmal erschien ein Feldwebel und rief ihre Namen auf, und dann warteten sie wieder sechs Stunden. Einmal beobachtete Asmus einen Haufen Offiziere, und ein sehr temperamentvoller Herr unter ihnen schrie: »Denken Sie, der Seckendorff läßt sich wegen Krankheit beurlauben und verzehrt ein großes Beefsteak mit Spiegeleiern.« Asmus fand dies merkwürdig, aber für einen Tag war es nicht Unterhaltung genug. Er gehörte sonst zu den Menschen, die man wohl langweilen kann, die sich aber niemals selbst langweilen, weil die Gedankenmühle von selber geht wie ein perpetuum mobile. Aber so auf einem Fleck stehend und immer wartend, konnte man weder Gedichte machen, noch Gedankenspiele treiben; er litt Höllenqualen der Langenweile. Endlich, um sieben Uhr abends erschien ein Sergeant und erklärte ihnen, sie könnten nach Hause gehen. Denn die Schulamtskandidaten durften zu Hause schlafen und essen.
Am andern Morgen ging es endlich los. Der Sergeant Greifenberg trat vor die Front von Asmussens Abteilung und hielt eine Rede.
»Meine Herren,« sagte er, »ick hoffe, dat Sie als jebildete Herren mir meine Arbeit so leicht wie möglich machen wer’n. Ick werde Se nu mal ausbild’n. Wenn Se ooch noch so jelehrt sind, hier müssen Se doch noch wat zulernen. Sie sind Lehrers; aber ick bin der Lehrer von die Lehrers. Schtilljeschtanden!«
»Un denn merken Se sick jleich,« sagte Herr Greifenberg, indem er auf einen der Kandidaten losging, »jelacht wird nich im Jliede. Wat ick sage, is nich zum Lachen; de Sache is sehr ernst.«
Und nun begannen die Übungen; aber Herr Greifenberg stellte keine unmenschlichen Anforderungen, und Herr von Birkenfeld, der ausbildende Leutnant, noch weniger. Furchtsame Gemüter konnte freilich Herr von Birkenfeld zunächst abschrecken; denn er markierte den rauhen Kriegsmann, der weder Teufel noch Kognak fürchtet und »Sauerei« und »Schweinekram« für verblümte Redensarten hält. Wenn ihm die Richtung eines Gliedes nicht gefiel, so sagte er, in einem milden, väterlichen Tone beginnend:
»Ei, ei, ei, das Glied steht ja schweinemäßig! Der rechte Flügelmann, nehmen Sie den Bauch herein, ins drei Deubels Namen! Der Kerl taugt zum Flügelmann wie der Igel zum Schnupftuch!« Er sagte aber nicht »Schnupftuch«, sondern ganz etwas anderes, und wenn er von den unteren menschlichen Extremitäten sprach, so gebrauchte er eine Bezeichnung, die man nur unter Männern wiederholen kann, wenn keine Theologen zugegen sind. Im übrigen hatte er mit dem Flügelmann nicht unrecht. Der Schulamtskandidat Plambeck war der längste und dickste von allen; aber als er ein Gewehr mit einer Platzpatrone darin abdrücken sollte, da versagte er.
»Warum drücken Sie nicht ab?« rief Herr von Birkenfeld.
Plambeck hob den Kolben wieder an die bleiche Wange und setzte wieder ab.
»Na, wollen Sie jetzt vielleicht die Liebenswürdigkeit haben, abzudrücken?« schrie der Leutnant.
Plambeck hob schlotternd das Gewehr und ließ es abermals sinken.
Jetzt trat Birkenfeld nahe an Plambeck heran und sagte ruhig:
»Sagen Sie, fürchten Sie sich?«
»Ja,« versetzte Plambeck ehrlich.
»Na, Sie sehen doch, die andern haben auch geschossen und sind auch ganz geblieben. Ich werde jetzt kommandieren und Sie werden schießen. Legt an! – Feuer!«
I, keine Spur von Feuer.
»Heiliges Astloch!« schrie Birkenfeld. »So was ist mir denn doch noch nicht vorgekommen! Sagen Sie mal, wie denken Sie sich das eigentlich, ’n Soldat, der nich schießt! ’n Soldat, der sich vor seiner Knarre fürchtet! Was wollen Se denn eigentlich machen, wenn –«
»Bums!« Plambeck hatte abgedrückt und lächelte stolz.
»Himmel, Schnaps und Wolkenbruch! Jetzt schießt mir der Kerl gleich in die Visage!« schrie Birkenfeld. »Herrrr, ich werde Sie ins Loch stecken, Herrrr!«
Aber er steckte niemanden ins Loch, nicht einmal Büsing, der es doch einigermaßen verdient hatte. Büsing hatte morgens bei der Schießübung zu viel »Zielwasser« getrunken; die Kneipe lag in allzu verlockender Nähe des Schießstandes. Herr von Birkenfeld, der eine verständnisvolle Leber besaß, hatte gesagt: »Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie aus.« Das hatte Büsing so gründlich besorgt, daß er nachmittags eine Stunde zu spät zum Dienst gekommen war. Büsing war das aber noch immer nicht des Frevels genug gewesen; er hatte sich lächelnden Mundes bei dem Herrn Leutnant gemeldet mit den Worten:
»Vom Ausschlafen zurück!«
Da hatte ihm Birkenfeld zwar drei Tage aufgebrummt; aber er hatte sie ihm noch am selben Tage erlassen. Wenn er fluchend und wetternd und mit gezücktem Degen den Parademarsch abnahm und sein breiter blonder Bart im Winde wehte, dann sah er aus wie ein Eisenfresser, und doch war er ein vom Grund des Herzens humaner Mann, für den die Worte »gutes, kameradschaftliches Verhalten« nicht nur auf dem Papier standen und der im gemeinen Soldaten den gleichwertigen Menschen und Waffengenossen sah. Einmal hatte er aber doch etwas zu saftig geschimpft. Als der Schulamtskandidat Thölemann, der wie ein künftiger Pastor aussah, sprach und fühlte, gleich einer nassen Unterhose am Reck hing und ebensowenig wie dieses Kleidungsstück einen Klimmzug zu machen imstande war, da schrie Birkenfeld:
»Herrrr, sei’n Se nich so schlapp, Herrrr! Deubel noch’n mal! Kerl hat natürlich die ganze Nacht bei Wachtmann ’rumgeh–t!«
»Wachtmann« war ein ziemlich unethisches Tanz- und Nachtlokal, und das wollte sich Thölemann nicht bieten lassen. Er wollte sich über Birkenfeld beschweren. Und es war das beste Zeugnis für diesen Leutnant, daß die Kameraden Thölemannen abrieten, weil man die Schimpfreden Birkenfelds nicht tragisch nehmen dürfe, und nicht am wenigsten trat Asmus für den Beleidiger ein. Er liebte solche Menschen, die sich von Temperament und Leidenschaft fortreißen ließen und es im Grunde des Herzens doch gut meinten; er fühlte sich ihnen verwandt. Übrigens überlegte sich Birkenfeld seine Diagnose noch einmal, bat Thölemann um Entschuldigung, und die Sache war erledigt.
Daß Schimpfen und Schimpfen zweierlei ist, das bewies Asmussen Seine Exzellenz der Herr Schießunteroffizier. Asmus hatte durch irgendeinen Zufall keine Exerzierpatronen erhalten und sollte sie sich vom Schießunteroffizier holen. Er suchte den Herrn auf, nahm die vorschriftsmäßige Haltung ein und sagte:
»Darf ich bitten um meine Exerzierpatronen?«
Da sah der Herr Schießunteroffizier Asmus Sempern mit einem langen Blick sprachloser Entrüstung an. Endlich aber fand er Worte und sprach den gewichtigen Satz:
»Mensch, Sie sind doch ebenso dumm wie frech!«
Die grenzenlose Dummheit und Frechheit Asmussens lag nämlich darin, daß er annahm, der Herr Schießunteroffizier werde jetzt, außerhalb der Empfangszeit, Lust haben, ihm die Patronen zu geben.
Asmus, der über die erfahrene Beschimpfung bis hinter die Ohren errötet war, sah dem Manne scharf in die Augen und sagte nur:
»Der Herr Leutnant schickt mich.«
Keineswegs behauptete jetzt der Herr Unteroffizier, daß der Leutnant ebenso dumm wie frech sei; er beeilte sich vielmehr, Sempern die Patronen zu verabfolgen. Es war derselbe avancierte Bauernbursche, der einen Schulamtskandidaten darüber belehrt hatte, daß es nicht »Serschant«, sondern »Schersant« und nicht »Premjé-Leutnant«, sondern »Premihr-Leutnant« heiße.
Als Asmus mit seinen Patronen auf den Kasernenhof zurückkehrte und sich die empfangene Charakteristik wiederholte, da mußte er laut auflachen über die Komik der Situation. Aber als er der Physiognomie dieses Menschen gegenübergestanden hatte, da war es ihm doch heiß ins Gehirn geschossen, dem Lümmel hinter die Ohren zu schlagen; denn aus diesen kaltfrechen Augen hatte ihn die machttrunkene Brutalität der emporgekommenen Roheit, hatte ihn der Typus des Soldatenschinders angestarrt.
Und doch war der Schießunteroffizier noch lieb im Vergleich zu dem Assistenzarzt Dr. Rheinland.