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Semper der Jüngling

Chapter 53: XLV. Kapitel.
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About This Book

A sixteen-year-old student accepts a position observing primary-school classes and confronts the first duties and responsibilities of adult life. Intimate family scenes portray modest household routines and the parents' mixture of pride and nostalgia when his appointment rekindles hopes deferred by hardship. At the school he listens to lessons, records absences and tardiness, and discovers that practical tasks complicate his idealized notions of education. Private reflections and literary allusions accompany a striving to grasp what holds the world together, mixing philosophical yearning with youthful exuberance. The book assembles episodic classroom vignettes, neighborhood and home portraiture, and inward psychological observation to trace a gradual formation of character.

Was? Hinkt der Kerl auf einem Fuß? Asmus lernt einen dummen und einen klugen Doktor kennen.

Asmus vertrug sich mit seinem Dienste ausgezeichnet; der »langsame Schritt« und die Gewehrgriffe waren ja nicht brennend interessant und mit Rousseau- oder Kantlektüre nicht zu vergleichen; aber er sagte sich, das Leben kann nicht immer kurzweilig sein, und wenn er eine Arbeit anfaßte, so machte er sie so gut wie möglich. Er hatte denn auch die ausdrückliche Anerkennung des Herrn von Birkenfeld und des magister magistorum Greifenberg gefunden. Und die Marsch- und Felddienstübungen waren nun geradezu ein Vergnügen und eine Lust. Sie lehrten ihn seine körperliche Kraft und Ausdauer kennen, die er weit unterschätzt hatte. Wenn er sah, daß er es bei voller feldmarschmäßiger Belastung im Laufen und Springen hügelauf und hügelab den Längsten und Dicksten gleichtat, ja länger aushielt als mancher Schlagetot – denn die Größten sind nicht die Stärksten – dann hob seine Brust ein unaussprechliches Glücksgefühl, das Gefühl eines Siegers, der sich selbst überwand und seine ganze eigene Welt beherrscht. Oft klopfte ihm wild das Herz, und nicht immer ward es ihm leicht, dies Vorwärtsstürmen und Niederwerfen und Wiederaufspringen und Wiedervorwärtsstürmen; aber wie ein Rausch entzückte ihn das Gefühl, seine Kraft bis auf den letzten Rest und aus den verborgensten Quellen hervorzurufen und durch ein bloßes »Ich will« jede Schwierigkeit zu überwinden. Und zu allem hatte noch dies Kriegsspiel, dies Streifen durch Feld und Heide, dies auf Feldwache liegen und Patrouillengehen seine Schönheit, seinen Zauber, seine Poesie. Aber trotz alledem lahmte er eines Morgens; er hatte es mit dem langsamen Schritt und Parademarsch so gut gemeint, daß er sich eine Zerrung der Achillessehne am linken Fuße zugezogen hatte. Gleichwohl versuchte er regelrecht zu marschieren und den Schmerz zu verbeißen; aber er machte es damit nur schlimmer.

»Melden Sie sich revierkrank!« sagte Herr v. Birkenfeld.

Im Revier saß der Assistenzarzt Dr. Rheinland. Er würdigte die kranken Partien der Patienten kaum eines Blicks, im übrigen sah er sie überhaupt nicht an. Er kurierte ohne Ansehen der Person. Er drückte kräftig mit dem Finger auf die geschwollene Ferse des Musketiers Semper, und dieser zuckte zusammen.

»Was fällt Ihnen ein!« schnauzte der Herr Doktor. Asmus wußte noch nicht, daß ein Soldat niemals zuckt. Er wußte freilich auch nicht, wie der Arzt sonst von seinen Schmerzen erfahren sollte, da er weder fragte, noch sich irgendwie auf eine weitere Untersuchung einließ. Er erklärte Sempern für dienstfähig; denn er gehörte zu jenen Militärärzten, die die Krankheiten wegmachen, ehe sie sie erkannt haben. Man macht auf diese Weise einen schneidigen Eindruck, schreckt die Simulanten ab, erzielt eine gute Gesundheitsstatistik und reicht weiter mit seinen Kenntnissen.

Natürlich hinkte Asmus weiter.

»Semper, hol’ Sie der Deubel! Sie hinken ja noch immer!« schrie der Leutnant.

Asmus berichtete, wie es ihm ergangen.

»Treten Sie aus und gehen Sie morgen wieder hin!« entschied Birkenfeld.

Am andern Morgen erschien Asmus wieder im Revier. Diesmal drückte Herr Rheinland nicht einmal mit dem Finger; er warf einen verächtlichen Blick auf die gemeine Soldatenferse und schrieb, daß der Musketier Semper dienstfähig sei.

Beim Parademarsch exerzierte der Musketier Semper genau wie ein Musketier Hephästos oder Mephistopheles.

»Semper!« brüllte v. Birkenfeld. »Herr Semper, ich befehle Ihnen, daß Sie das Hinken lassen; ich verbiete Ihnen einfach das Hinken, Herrrr!«

Die Befehle des Herrn Leutnants waren aber der Achillessehne nicht maßgebend.

»Musketier Semper!« schrie Herr v. Birkenfeld. Asmus faßte das Gewehr an und lief hinkend zu seinem Vorgesetzten. »Was hat denn der Arzt gesagt?«

»Er hat mich ohne Untersuchung und ohne ein Wort zu sprechen, dienstfähig geschrieben.«

»Also geh’n Sie nach Hause, legen Sie sich aufs Sofa und fragen Sie ’n studierten Mediziner. Wegtreten!«

Das tat Asmus. Der »studierte Mediziner« legte einen Verband an, und in zwei Tagen war die Sehne geheilt.

Im übrigen schied er von dieser Zeit mit unvergleichlich freundlicheren Gefühlen, als er sie beim Eintritt empfunden hatte. Freilich, das Leben in der Kaserne hatte er nur sehr flüchtig kennen gelernt und wenn er sich vorstellte: drei Jahre in der schrecklichen Banalität dieser Räume, in der erdrosselnden Prosa dieses »inneren Dienstes« verbringen – dann lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter. Aber wenn er gerecht sein wollte, dann mußte er bekennen, daß in seiner Erfahrung die guten und heilsamen Eindrücke überwogen. Nicht wenig trug zu dieser Stimmung ein gehobenes Gesundheitsgefühl bei. Er war immer ein gesunder Mensch gewesen; aber jetzt ward ihm seine Gesundheit förmlich bewußt; er fühlte wie in einem Rausch seine Adern strotzen und seine Muskeln schwellen. Von trüben Seminarzeiten abgesehen, hatte er auch immer einen gesegneten Appetit bekundet; aber nie hatte er solche Wonnen verzehrender Andacht empfunden, wie nach strammem Dienste vor den Würsten und Bierflaschen der Kantine. Wenn er nach vierstündigem Marsche solch eine Literflasche voll Braunbier an den Mund hob – denn der Soldat hat nicht immer ein Glas zur Hand – und minutenlang nicht wieder absetzte, dann schloß er fromm die Augen, und auch das war ein brünstiges Dankgebet an die Macht, die ihn gesund erschaffen und solcher Freuden fähig gemacht hatte. Überhaupt waren diese sechs Wochen ein Leben im Fleische; ihn interessierte nur Körperliches, und wenn er an sein Bücherbrett trat und auf den Rücken der Bände Namen wie »Lessing«, »Comenius« und »Euripides« las, dann kamen ihm diese Zivilisten wie Leute vor, von denen er in längst vergangenen Zeiten einmal hatte reden hören; der Gedanke, ein Buch herauszunehmen und zu lesen, erschien ihm vollkommen absurd. Der Körper ließ dem Geiste nur so viel Kraft übrig, als zu einer sanften Verblödung unbedingt nötig war: Asmus vegetierte in diesen sechs Wochen, und daran änderte selbst das geistige Moment des Dienstes, die Instruktionsstunden über Gewehrputzen, Rangverhältnisse und Kriegsartikel nichts Wesentliches, so schön sie auch manchmal sein mochten. Sergeant Greifenberg, der Lehrer von die Lehrers, wußte selbst die einfachsten Dinge für die gescheitesten Köpfe unklar zu machen, und wenn er über das Schloß des Infanteriegewehres Modell 71 instruierte, dann hätte der Erfinder des Schlosses, wenn er zugehört hätte, seine eigene Erfindung nicht mehr verstanden. Herr von Birkenfeld hingegen betrieb die subtilsten logischen Sonderungen, besonders wenn er Kognak geladen hatte.

»Was ist Mut und was ist Tapferkeit?« fragte er eines Tages den Musketier Semper.

Asmus mußte sich einen Augenblick besinnen und sagte dann: »Mut und Tapferkeit sind wohl im wesentlichen dasselbe; eine Gemütsstimmung, die sich durch eine erkannte Gefahr nicht schrecken läßt. Man könnte sagen, daß der Mut mehr eine Sache persönlicher Veranlagung und mehr impulsiver Natur ist, während die Tapferkeit ein pflichtbewußtes Ausdauern in der Gefahr in sich schließt .....!«

»Nee, nee, das is nichts,« rief Herr von Birkenfeld abwinkend. »Gemütsstimmung, was Gemütsstimmung! Der Soldat hat keine Gemütsstimmungen! Wenn es heißt: die Mauer da muß hinuntergesprungen werden, dann springt er, und das ist Mut. Tapferkeit is hingegen ganz was andres. Tapferkeit zeigt der Soldat den feindlichen Kugeln und Bajonetten gegenüber!«

Von solchen Stunden kam Asmus immer sehr vergnügt nach Hause, und wenn dann seine Brüder Reinhold und Adalbert dastanden und Front machten, dann dankte er ganz von oben herunter, etwa wie ein alleroberster Kriegsherr oder wie der Assistenzarzt Rheinland, wenn man ihm eine Achillesferse zeigte. Dann schrien Reinhold und Adalbert: »Seht den Hanswurst, er spielt sich auf!« Und dann zog Asmus das Seitengewehr und rief: »Bei Angriffen auf seine Soldatenehre darf der Soldat von der Waffe Gebrauch machen!« und nahm Aufstellung zum Brudermord.

Und noch an einem der letzten Nachmittage seiner Dienstzeit machte Asmus eine höchst sympathische Bekanntschaft. Ein Leutnant der Reserve erläuterte Plan und Idee der am Morgen unternommenen Felddienstübung, und er machte das so fein, so frisch und so klar, daß Asmussens Schulmeisterherz vor Freuden hüpfte. »Wenn das kein Schulmeister ist, so will ich Erzbischof sein,« dachte Asmus, und als die Entladung aus dem Dienste in der Kantine mit einem gemeinsamen Trunk gefeiert wurde, kam Asmus in die Nachbarschaft desselben Leutnants, der sich bald als Gymnasiallehrer Dr. Rumolt zu erkennen gab.

Man sang das gefühl- und weihevolle Lied:

»Nach so viel Kreuz und ausgestandenen Leiden, ja! Erwarten euch die himmlischen Freuden, ja!«

»Ja, ja, die himmlischen Freuden!« sagte Rumolt. »Jetzt geht’s wieder in die Schulstube.«

»Ja!« versetzte Asmus mit Fröhlichkeit.

»Freuen Sie sich darauf?«

»O ja!«

»Dann sind Sie ein glücklicher Mensch.«

»Sind Sie nicht gern Lehrer?«

»O,« machte Rumolt, »ich wüßte nichts Schöneres als Lehrer sein – wenn man es nur sein könnte.«

»Wie meinen Sie das?« fragte Asmus begierig, und nun kamen sie in ein Gespräch über moderne Erziehung, und Asmus machte in diesem Manne einen Fund, der ihm in den kommenden Kämpfen mit dem System Drögemüller ein Labsal werden sollte.

 

 

XLI. Kapitel.

Die Schule am Wiesenhang.

Und die Kämpfe mit diesem System nahmen bald wieder ihren frisch-fröhlichen Anfang, und in Asmussen stiegen lebhafte Zweifel darüber auf, ob es sich angenehmer unter dem Korporalstock oder unter dem Federhalter eines Bureaukraten lebe. Es war gar nicht zu leugnen, Drögemüller hatte meistens den Buchstaben des Gesetzes für sich, und es gab viele Gesetze mit vielen Buchstaben. Diese Gesetze konnten erträglich sein in der Hand eines Mannes, der den Geist vom Buchstaben zu sondern wußte; er aber verschärfte diese Gesetze noch durch seine Persönlichkeit. Wenn man ihm klarzumachen suchte, daß der Lehrer ein Künstler sei, der zu seinem Werk der freien Bewegung, der guten Laune und einer schaffensfröhlichen Stimmung bedürfe, den man deshalb mit Liberalität und mit Achtung vor seiner Eigenart behandeln müsse, dann zeigte Drögemüllers Angesicht ein irres, aber überlegenes Lächeln, als spräche man Chinesisch zu ihm und als verstünde er das Chinesische besser. Wenn die Verordnung vier schriftliche Hausarbeiten in der Woche vorschrieb und nur drei gemacht waren, dann kümmerte es Drögemüller nicht, daß der Verbrecher mit aufopfernder Begeisterung und treustem Eifer zu arbeiten pflegte und seine Klasse so weit fortgeschritten war wie irgendeine – er kannte keine Scham vor dem Geiste und bestand auf seinem Schein. Nicht das Geschaffene zu würdigen und zu mehren, sondern auf Übertretungen zu fahnden – darin erkannte er seinen göttlichen Beruf. Zu diesem Zwecke schlich er überall mit seinem Notizbuch umher, zu diesem Zwecke horchte er sogar an den Türen, und es verbesserte seine Stimmung gegen Asmussen nicht, als dieser eines Tages eine Tür, hinter der er Herrn Drögemüller ahnte, mit großer Kraft öffnete und dabei den spitzesten Ellbogen des Vorgesetzten traf.

»Pardon,« sagte Asmus, »ich konnte nicht ahnen, daß Sie hinter der Tür ständen.«

Wenn sich nun auch Asmus bewußt war, daß er alles leistete, was eine menschliche Behörde von ihm verlangen konnte, so verdarb ihm doch diese Aufpasserei einen Teil seiner besten Kraft. Ihm war dabei zumute wie dem Reisenden, der eine geweihte Stätte besucht und der aus allen Winkeln trinkgeldsaugende Blicke auf sich gerichtet sieht; eine große, freie Bewegung des Herzens konnte nicht aufkommen. So war es denn Trost und Erquickung, mit Dr. Rumolt, seinem neuen Freunde, in freien Abendstunden von der Schule der Zukunft wenigstens reden zu können.

Sie waren die Flottbeker Chaussee, die lieblichste Landstraße der Welt, hinuntergewandert, waren in einen zum Flußufer hinabführenden Engpaß eingebogen und hatten sich auf einer Bank in halber Höhe des Weges niedergelassen. Vor ihnen breitete sich ein beblümter Wiesenhang, von Gebüsch umkränzt, und über die Büsche hinweg sah man den großen, stillen, majestätischen Strom. Die Wiese gehörte zu einem Mühlengehöft, und die alte Mühle drehte schläfrig ihre Flügel.

»Sehen Sie,« sagte Rumolt, »das wär’ eine Schulstube, gelt? Was meinen Sie: auf dieser Wiese mit seinen Jungens oder Mädels liegen und von Gras und Blumen sprechen, von Frosch und Schmetterling, von Busch und Baum, von Rind und Schaf, von Müller und Mühle, von Schiff und Seefahrt, von den Flotten der Hansa und von Störtebekers Räuberfahrten, und dann mit Jungen oder Mädchen hinunterrudern oder -segeln und ihnen zeigen, wo die Helden der Gudrunsage auf dem Wulpensande kämpften und wo Hettel von Hegelingen gewohnt. Meinen Sie nicht, daß ihnen da eine andere Welt aufgehen würde als die, die ihnen zwischen vier Mauern als »Welt« vorgetäuscht wird?«

»Das meine ich allerdings.«

»Hinaus ins Freie! – Das ist das ganze Geheimnis der Pädagogik. Die Welt anschauen und anfassen, das ist alles. Sie nennen es bei Gott Anschauung, wenn sie Bilder und Präparate im Zimmer vorzeigen. Das ist, wie wenn jemand einen Vortrag übers Meer halten und zur Veranschaulichung ein paar Tropfen Seewasser in einem Probiergläschen vorzeigen wollte. Sie zeigen ein paar Tropfen vom Meere des Lebens. – Sehen Sie hier, diese Wiese, dieses Gehöft, dieser Strom, so weit wir ihn sehen, dieser Himmel, sie umschließen nahezu alles menschliche Wissen und Erkennen. Auf diesem Fleckchen könnte man eigentlich alles lernen, was der Mensch wissen und brauchen kann.«

»Aber auf die Dauer würde es Ihren Schülern langweilig werden.«

»Gewiß, wir wollen ja auch von Ort zu Ort wandern. Ich will ja nur zeigen, daß die Natur überall Millionen Anknüpfungspunkte bietet, die in der Schulstube nur in der Einbildung vorhanden sind. Denn das Wissen der Schule ist gar kein Wissen. Wissen ist Können; nur was man kann, das weiß man auch. Selbst handeln, selbst schaffen muß das Kind, wenn es lernen soll. Wenn ich frei in meinem Beruf wäre, so müßten meine Schüler ohne Ausnahme Ackerbau treiben. Nicht, daß sie alle Landleute würden, bewahre; viele würden ja gar kein Talent dazu haben – aber der Ackerbau umfaßt nahezu den ganzen Kreis des menschlichen Wissens und Könnens, und er lehrt dieses Wissen und Können durch Tat

»Der Unterricht, wie Sie sich ihn denken,« sagte Asmus, »würde allerdings eine wesentlich kleinere Schülerzahl voraussetzen.«

»Gewiß,« fuhr Rumolt fort. »Ich denke, ein Lehrer kann nur so viele Kinder wirklich erziehen, wie ein Vater allenfalls erziehen kann, und zwölf, die ehrwürdige Patriarchenzahl, erscheint mir da als das äußerste Maß.«

»Da brauchen wir viele Lehrer, und zwar Männer von außerordentlich vielseitiger Bildung.«

»Daß unsere Lehrer eine bessere Bildung empfangen könnten, als sie auf Seminaren und Universitäten meistens finden, daß sie ihre beste Kraft in einem öden Datenwissen verzehren und verzetteln müssen, das wissen Sie so gut wie ich. Im übrigen aber dürfen Sie sich meinen Lehrer nicht wie einen allwissenden Magister von heute vorstellen. Er wird sich nicht schämen, ein Lernender mit Lernenden zu sein, und wird keinen Augenblick zaudern, zu sagen: ‘Das weiß ich nicht, ich werde mich zu unterrichten suchen’, oder ‘Forscht selber nach, und wer es gefunden hat, der sag es uns’.«

»Der banalste Einwand ist der gewichtigste,« meinte Asmus, »das Geld. Der Staat müßte sich einen ganz andern Schulsäckel zulegen als den heutigen.«

»Ja – hahahaha – das müßte er,« lachte Rumolt. »Er müßte sich an den eigentlich doch recht naheliegenden Gedanken gewöhnen, daß er keine höhere Aufgabe hat als die Erziehung seiner Bürger, daß er gar nicht besser für seinen eigenen Bestand sorgen kann als durch die Erziehung seiner Bürger, und daß er darum kein größeres Budget haben sollte als sein Erziehungsbudget.«

»Statt dessen macht er das Einjährigen-Zeugnis zum Erziehungsideal,« bemerkte Asmus.

»Ja!« Rumolt schlug ihm lachend aufs Knie. »Ist eigentlich eine ärgere Posse denkbar? Eine militärische Vergünstigung als Speck in der Seelenfalle! Und nach diesem Zeugnis müssen sie nun alle ohne Unterschied streben – die das Geld dazu haben, natürlich – und alle, die im Leben »etwas Besseres« werden wollen, müssen dasselbe famose Abiturium machen. Da schimpfen sie auf die Gleichmacherei der Kommunisten und Sozialdemokraten – aber gibt es eigentlich eine schlimmere Gleichmacherei als unsere Prüfungsvorschriften? Da hab ich einen Burschen in der Untersekunda, einen Prachtbengel, vorzüglich begabt in der Mathematik und allen Naturwissenschaften, von merkwürdigem Geschick in allem Technischen – was er anfaßt, gelingt ihm, und obendrein noch hochmusikalisch. Aber auf dem Kriegsfuß mit allem, was fremde Sprachen heißt. Nun sitzt er das zweite Jahr in meiner Klasse, und wenn seine fremdsprachlichen Leistungen nicht besser werden – und dazu ist keine Hoffnung – dann bleibt er zu Ostern wieder sitzen und erreicht nicht einmal das Einjährigen-Zeugnis. Und ich halt es für sehr wohl möglich, daß er nach sieben Jahren der Angst und Mühe hingeht und sich erschießt. Nun frage ich Sie: warum soll dieser Mensch nicht auf die Universität gehen und Naturwissenschaften studieren, warum soll er nicht aufs Polytechnikum gehen und Ingenieur werden dürfen? Wäre nicht denkbar, daß er einmal von seinem Laboratorium aus die Welt aus den Angeln höbe, ohne den Beistand der Herren Xenophon, Ovid und Victor Hugo? Doch –« Rumolt zeigte nach Westen –

»Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut Durch solchen Trübsinn nicht verkümmern! – Sie rückt, sie weicht, der Tag ist überlebt!«

Was denken Sie, wenn man bei solchem Anblick mit seinen Schülern von der Sonne spräche, nicht von ihrer chemischen Zusammensetzung und ihrem Kubikinhalt – das würd’ ich am Tage tun –, aber von den Ländern, denen sie jetzt das erste Licht bringt, von der Sonne als Gottheit und Symbol, von Karl Moors Wehmut: ‘So stirbt ein Held’ und von Faustens Sehnsucht, ihr zu folgen? Müßten da nicht in den Seelen der Kinder und Jünglinge wie von selbst die Ewigkeitsgedanken erwachen?«

 

 

XLII. Kapitel.

Der Skat und die Metaphysik, das Billard und Emilia Galotti, Herr Strecker und die deutsche Treue, Herr Drögemüller und ein Krach.

Erholung und Stütze fand Asmus auch bei den Herren seiner Schule, und es hatte nicht lange gewährt, bis er, einen einzigen ausgenommen, zu allen in das beste kollegiale Verhältnis kam. Wie natürlich, hatte aber sein Herz unter diesen Männern eine engere Wahl getroffen und am besten hatten ihm zwei gefallen, Fritz Goers, ein wohlbeleibter, jovialer Riese, der Asmussens Vater sein konnte, und Klaus Heide, ein sehniger, knorriger Dithmarscher. Und wenn es nun in den Konferenzen etwas Gutes und Neues durchzusetzen galt, zogen diese Triumvirn an einem Strang.

Aber sie zogen nicht nur an einem Strang, sie sogen auch oft an einem Trank, der bei Herrn Kuhlmann besonders kühl und frisch verzapft wurde. Herr Kuhlmann hieß Akademos, und sein Garten wurde die Akademie genannt. Es war für Asmus zunächst eine Skat- und Billard-Akademie. Dem Skat vermochte er keinen Geschmack abzugewinnen; er gewann es nicht über sich, diese Kunst mit dem strengen, sittlichen Ernste zu üben, den sie verlangte; er dachte immer an irgend etwas andres, »wimmelte« Aß und Zehn in die Stiche des Gegners hinein und hatte außer fortgesetzten Verweisen wegen Unaufmerksamkeit nichts davon als die Ehre, bezahlen zu dürfen. Dagegen entwickelte er unter Goehrs, des Riesen mildväterlicher Führung das Billardspiel zur Leidenschaft. Um Mitternacht begann dann die pädagogisch-ästhetisch-philosophische Sitzung, die Heide gewöhnlich durch irgendein wildes Paradoxon eröffnete, welches Paradoxon dem Asmus Semper alsbald wie eine Rakete durch den Leib fuhr. Damit es an Meinungen und Temperament nicht fehle, kam gewöhnlich noch Heides Freund, der kleine Stockelsdorf hinzu, und in der Regel endeten diese schweren Verhandlungen morgens um sechs Uhr unter einer Straßenlaterne, mit einem Streit über die Frage, ob Raum und Zeit Anschauungen a posteriori oder a priori seien, oder über ähnliche Bagatellfragen, und die vorübergehenden Milch- und Brotleute pflegten sich über die Erregung der Herren baß zu verwundern. Eines herbstlichen Abends aber, als sie auf dem Hamburger Gänsemarkt, dem Lessing-Denkmal gegenüber, in einem Café saßen, ward Asmus plötzlich stumm.

»Was hast du?« fragte Heide, der Dithmarscher.

»Ich betrachte schon eine ganze Zeit lang dies wunderbare Licht da auf dem Scheitel des Lessing,« sagte Asmus, »und kann mir nicht erklären, woher dieser rötliche Schein kommt. Diese Erscheinung hat für mich etwas Ergreifendes.«

Die andern bestätigten seine Beobachtung und zerbrachen sich den Kopf, wo dieses magische Licht seinen Ursprung haben möge.

»Das ist die Sonne,« sagte der Kellner, der eben eine Runde Grog brachte.

»Wieso Sonne?« rief Asmus. »Die Mitternachtssonne, was?«

»Es ist sechs Uhr,« sagte der Kellner.

Die vier zogen gleichzeitig die Uhr. Es war sechs. Sie hatten in ihrer Unschuld gemeint, es sei ein bißchen nach Mitternacht.

Jetzt tranken sie ihren Grog aus, traten auf den Markt hinaus und hatten vor dem Lessing-Denkmal noch einen dreiviertelstündigen Streit darüber, ob Emilia Galotti den Prinzen liebe oder nicht; dann schlenderten sie in die Vorstadt hinaus und befriedigten auf dem Wege unaufhörlich metaphysische Bedürfnisse.

»Wie kann ein Volk wie das französische ohne Metaphysik leben!« krähte Stockelsdorf um die Wette mit einem Hahn, der aus einem nahen Stalle seinen Weckruf erschallen ließ.

Und Asmus, der nicht ohne Metaphysik leben konnte, bewies Stockelsdorfen, daß man sehr gut ohne Metaphysik leben könne; denn es war in diesem Kreise stillschweigendes Gesetz, daß keine Behauptung unwiderlegt bleiben dürfe. Das war eine gute Übung; denn was sie dabei an Unsinn produziert hatten, das fiel ihnen am andern Tage von selbst ein und war eine wohltätige Verschärfung ihres Katers.

Trotz dieser außerordentlichen Anstrengungen schnitt Asmussens Klasse bei der Osterprüfung vortrefflich ab, und ein angesehener Spezialist des Rechenunterrichts sagte: »Die Klasse rechnet besser als die meine.« Auch Herr Drögemüller fand nicht das geringste zu erinnern; aber Frieden konnte er darum doch nicht halten. Der Bund der Triumvirn war ihm ein Pfahl im Fleische; denn die Festigkeit der Dreie steifte auch andern Herren den Nacken. Freilich hatte er einen gewissen Trost und eine stille Freude an Herrn Strecker. Herr Strecker war ein Mann, der wiederholt nicht nur vor dem ökonomischen, sondern vor allen möglichen anderen Bankrotten gestanden hatte. Als es am schlimmsten um ihn stand, hatte er Buß’ und Reu’ in sich erweckt; fromme Hände, die gewöhnlich mächtig sind, hatten ihm unter die Arme gegriffen und ihn vor der Katastrophe bewahrt, und nun suchte er den oberen Stellen seine Schönheit zu beweisen durch strotzende Religiosität, heftigen Patriotismus mit gelegentlicher Denunziation von Majestätsbeleidigern und durch lackierte Pflichterfüllung. Seine Schüler sprangen wie ein Mann auf die Füße, wenn der Herr Hauptlehrer eintrat, gingen auf dem Hofe immer genau zu Vieren, und jeden Morgen eröffnete er mit Gebet und Choral. Zwar kam er manchmal zu spät; aber seine Schüler konnten ihn schon von weitem die Straße heraufkommen sehen, und wenn er dann den Schirm hob, setzten sie sofort ein mit

»Dich seh’ ich wieder, Morgenlicht! –«

so vorzüglich waren sie geschult. Seine Hefte waren immer richtig korrigiert; er hatte aber auch für die Korrektur der Hefte, die größte Plage des Lehrers, ein ingeniöses, zeit- und nervensparendes Verfahren erfunden. Der Präparand nämlich, der bei ihm hospitieren und die Kunst des Unterrichtens erlauschen sollte, stand hinter einer geöffneten Schranktür, hatte im Schrank die Hefte und die rote Tinte vor sich und korrigierte. Wenn dann Herr Drögemüller zur Tür hereintrat, rief Herr Strecker:

»Rieffelstahl! Sitz gerade!« oder

»Rieffelstahl! Schau hierher!«

und »Rieffelstahl!« war immer das Zeichen, daß der Präparand die Schranktür unauffällig schließen und mit einem sittlich reinen Angesichte hervortreten solle. Solche Mannen wie Strecker – »ich bin ein deutscher Mann«, pflegte er zu sagen, – sind nun freilich keine starken Helfer im offenen Streit; aber er trug seinem Hauptlehrer manche schätzenswerte Nachricht über seine Kollegen zu; auch er führte ein Notizbuch. Und so berichtete er Herrn Drögemüller unter anderem, daß Herr Semper im Zeichenunterricht allerlei Allotria treibe, die gar nicht im Lehrplan dieses Unterrichts stünden.

Asmussens Schüler hatten nämlich schweigend, aber deutlich gezeigt, daß sie die unaufhörliche Fabrikation von senkrechten, wagerechten und schrägen Strichen, von Vierecken, Dreiecken, Sechsecken und ähnlichen schönen Figuren betäubend langweilig fänden, und Asmus hatte ihnen darin von Herzen zugestimmt. Er ließ sie darum im letzten Teil der Stunde allerlei Dinge zeichnen, die ihnen Vergnügen machten und die sie mit Feuereifer nachzubilden suchten. Er verfolgte damit ein Prinzip, von dem ihm schien, daß jeder vernünftige Unterricht es zum Ausgang nehmen solle. Da kam Herr Drögemüller in die Stunde, ging zwischen den Bänken umher und entbot dann Herrn Semper für die nächste Pause in sein Kontor.

»Herr Semper, ich muß Sie abermals ersuchen, sich in Ihren Stunden durchaus an den Lehrplan zu halten.«

Asmus zwang sich zur Ruhe und versuchte, seinem Chef in höflichster Form seine Beweggründe mitzuteilen. Um gerade Striche machen zu lernen, sei es doch nicht nötig, daß man ununterbrochen gerade Striche nebeneinander setze; man könne das doch auch an Figuren lernen, die dem Leben entnommen seien: oberstes Gesetz sei doch, daß der Unterricht lebendig und interessant sei; Striche und Quadrate seien aber weder lebendig noch interessant für kleine Kinder ...

Aber das waren sozusagen Gedanken, und auf Gedanken ließ sich Drögemüller, um kein Präjudiz zu schaffen, niemals ein.

»O, Herr Semper,« rief er, »Quadrate sind wohl interessant, wenn Sie sie nur vorher mit den Kindern ausführlich besprechen, wie ich es Ihnen gezeigt habe.«

»Was Sie mir gezeigt haben, ist Geometrie und gehört – da Sie doch immer auf den Lehrplan pochen – in eine höhere Klasse. Das würde mich nun zwar nicht hindern; aber eine lange und breite Besprechung des Quadrats würde die Kinder schon deshalb öden, weil sie gar nicht begreifen würden, was ein Quadrat sie überhaupt angehe.«

Mit dem Hinweis auf den Lehrplan hatte dieser fatale Semper recht, und darum wurde Drögemüller jetzt ganz unangenehm.

»Herr Semper,« heulte er nach Art einer Schiffsirene, »ich frage Sie formell und dienstlich, ob Sie sich meinen Anordnungen fügen wollen oder nicht!«

»In diesem Falle nein,« versetzte Asmus.

»Gut. Dann werde ich dem Herrn Schulrat Bericht erstatten.«

»Ich auch,« sagte Asmus und ging.

Nach drei Tagen hatte er die Vorladung vor den Schulrat Dr. Korn.

 

 

XLIII. Kapitel.

Von zweierlei Schulräten.

Als er am Abend mit Doktor Rumolt spazierte, zeigte er ihm die Vorladung und erzählte, was vorhergegangen.

»Haha« – Rumolt lachte bitter auf, und dann fuhr er wehmütigen Tones fort: »Das wird Ihnen noch oft begegnen, lieber Freund. Nirgends ist der Fortschritt verhaßter, nirgends werden neue Ideen feindseliger befehdet als in der Pädagogik. Denken Sie z. B. an unsern braven Valentin Ickelsamer. Der fand zu Luthers Zeiten, daß es ein Unsinn sei, die Kinder nach Buchstabennamen lesen zu lehren, man müsse das Wort in seine wirklichen Laute zerlegen und die Kinder lautierend lesen lassen. Er machte das damals schon so klar, daß es ein Schwachkopf begreifen konnte. Und in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts entschloß die Schule sich wirklich, diesen einfachen und darum freilich genialen Gedanken zur Ausführung zu bringen. Aber das ist ein Beispiel von fabelhafter Geschwindigkeit. In den Klosterschulen des Mittelalters bildete man den Geist am Griechischen und Lateinischen, weil man nichts Besseres hatte; heute bildet man den Geist unserer Jugend am Griechischen und Lateinischen mit der ernsten Gesichtes abgegebenen Versicherung, daß man nichts Besseres habe. Der typische Scholarch weist jede ernste und gründliche Neuerung mit einem durch die kommenden Jahrhunderte gestreckten Arme von sich, und wenn er im Gegensatz zu einem Vorgänger den Aorist vor dem Perfekt behandelt, hält er sich für einen Umstürzler. Ich habe ein Buch erscheinen lassen ‘Das Recht des Schülers’ –«

»Ich kenne es,« sagte Asmus, »und freue mich, daß es so großen Anklang gefunden hat.«

»Anklang, ja aber bei den Kollegen war der Anklang nur schwach, der Widerspruch um so stärker. Das ist kein Unglück, soweit es offener und durchdachter Widerspruch ist. Aber was muß ich erleben? Kaum ein Tag vergeht, daß ich nicht im Konferenzzimmer, recht auffällig auf den Tisch gelegt, irgend eine abfällige Kritik meines Buches finde, in der die Kraftstellen mit roter Tinte angestrichen sind. Kein Gespräch verläuft ohne hämische Seitenhiebe gegen mich und meine Ideen; keine Wochenrede meines Direktors geht zu Ende ohne einige Fußtritte, bei denen die Schüler sich zuraunen: ‘Das geht auf Rumolt.’ Die Herren glauben, daß ihre Kritik mich verletze, und haben keine Ahnung, daß es ihr Wesen ist, das mich verwundet. Ich habe keinen frohen Tag mehr, und da ich von meinen Ideen und ihrer Verkündung nicht lassen kann, so werde ich über kurz oder lang das Spiel verlaufen müssen.«

»Das ist traurig,« sagte Asmus gedankenvoll, »traurig und schrecklich. Ich gestehe Ihnen offen, daß auch ich gegen Ihre Schrift manches einzuwenden habe; aber das Ganze Ihrer Gedanken und Forderungen erschien mir wahr und herrlich. Und sollten nun nicht die Menschen jubelnd herbeieilen und rufen: Hier ist etwas Neues und Köstliches – es ist noch nicht vollkommen – aber kommt alle herbei, es zu hegen und zu fördern, etwa so wie die Verwandten sich fröhlich um eine Wiege scharen und sich geloben, das Neugeborene zu schützen und zu pflegen, daß es groß und stark werde?«

»Lassen Sie sich zur Antwort darauf erzählen, daß mein Direktor mich seit Wochen an allen Ecken und Enden inspiziert und zurechtweist, obwohl er ganz genau weiß, daß ich meine Pflicht tue. Er will mir zu Gemüte führen, wie vermessen es von einem fehlbaren Menschen gewesen, gegen den von Gott geoffenbarten Gymnasialunterricht zu schreiben. Und gestern war auch richtig der Herr Regierungs- und Schulrat da und hospitierte vier Stunden hintereinander bei mir. ‘Suchet, so werdet Ihr finden,’ sagt der rachsüchtige Gerichtsdiener bei Hebbel. Und natürlich wurde was gefunden. ‘Gebt mir zwei Worte von einem Menschen, und ich will ihn an den Galgen bringen.’ Laßt einen Schulmeister fünf Minuten unterrichten, und ich will ihm den Hals brechen. Zwar den Hals konnte mir der Herr Regierungsrat nicht brechen; aber hundert Nadelstiche erzielen ja mit der Zeit denselben Effekt. ‘Sie haben die und die Gesänge der Odyssee nicht behandelt.’ – ‘Sie haben am 13. April das vorgeschriebene Extemporale ausfallen lassen.’ – ‘Sie sind mit dem Geschichtspensum im Rückstand’ usw. usw. Es stimmte alles. Und wenn der Mann gesagt hätte: Ihr ganzer Unterricht taugt nichts, so würde er für jenen Tag gewiß und vielleicht überhaupt recht gehabt haben; denn wenn man in den Zwiespalt zwischen Altem und Neuem gestellt ist, kann man nichts Ganzes schaffen. Nach meinen Ideen darf ich nicht arbeiten, und nach den alten kann ich nicht arbeiten, weil es gegen das Herz ist.«

»Aber forschte er denn nicht vor allen Dingen, ob Ihre Schüler geistig frisch und lebendig seien, ob sie einen neuen Stoff mit Begierde und Klarheit ergriffen, ob sie in sittlicher Hinsicht lauter, ehrlich, wahrhaftig seien –«

»Vielleicht tat er das im stillen – ich sah ihn freilich keine Anstrengungen machen. Dazu war er ja auch nicht geholt und geschickt. ’Rumolt soll stranguliert werden,’ flüsterten sich die Schüler zu. Die Jugend hat jenes intuitive Auge, das durch die Hüllen dringt.«

Die Stimmung, mit der Asmus dem Besuch beim Schulrat entgegensah, war durch das Gespräch nicht gehoben worden. Um so fester war er entschlossen, sich nichts Unwürdiges bieten zu lassen.

Als er ins Amtszimmer des Schulrats gerufen wurde, saß Drögemüller schon da. Asmus verbeugte sich vor dem Schulrat, und dieser rief:

»Juten Tag, Herr Semper. Setzen Sie sich.«

»Herr Drögemüller,« begann alsdann der Schulrat, »hat allerlei Klagen jegen Sie vorjebracht. Meistens handelt es sich um Kleinigkeiten, die ich nich berühren will. Aber Herr Drögemüller beschuldigt Sie der fortgesetzten Renitenz; was haben Sie dazu zu sagen.«

»Herr Schulrat,« sagte Asmus, »ich kann Sie ja selbst als Zeugen darüber anrufen, ob ich in den vierundeinhalb Jahren, da ich Ihr Schüler war, eine renitente Veranlagung bekundet habe –«

»Det haben Se nich,« sagte Korn mit Nachdruck.

»Ich bin auch nicht so töricht, zu meinen, daß ein Hauptlehrer lauter vortreffliche Anordnungen treffen müsse und daß ein Lehrer berechtigt sei, sich gegen jede Verfügung, die ihm verfehlt erscheint, aufzulehnen. Ich füge mich gern, soweit es möglich ist, wenn man mir mit Vertrauen begegnet und wenn man mich nicht in meinen besten Kräften lahmlegt. Das tut aber Herr Drögemüller. Gleich zu Anfang schon verlangte Herr Drögemüller von uns drei neuangestellten Lehrern, daß wir alle auf dieselbe Weise den Leseunterricht erteilen sollten, und zwar auf die von ihm vorgeschriebene Weise –«

»Aber Herr Semper,« lachte Korn, »det müssen Se mißverstanden haben; sonst müßte ja Herr Drögemüller (er deutete auf seine Stirn) hier nich janz richtig sein!«

Drögemüller erblaßte sehr tief. »Ich habe es keineswegs befohlen,« stammelte er, »ich habe es nur gewünscht –«

»Warum?« fragte Korn.

»Weil – weil es doch wünschenswert ist, daß der Unterricht an einer Schule gleichmäßig erteilt wird.«

»Warum?« fragte Korn.

»Nun – es ist dann doch – alles – übersichtlicher –.« Drögemüller machte eine vage Handbewegung.

»Wieso?« forschte der grausame Korn.

»Man kann doch dann die Fortschritte besser kontrollieren.«

»So. Na, dann weiß ich schon Bescheid. Wat woll’n Sie sagen, Herr Semper?«

»Herr Drögemüller hat allerdings die Form des Wunsches, aber den Ton des Befehls gewählt, und da ich diesen Wünschen nicht nachkomme, verfolgt er mich mit Aufpassereien, die mich ärgern und kränken müssen und die mir die Lust an der Arbeit vernichten.«

»Na ja, zum Aufpassen ist Herr Drögemüller ja da,« sagte Korn, der das Gefühl hatte, daß er den zusammengesunkenen Drögemüller ein wenig wieder aufrichten müsse; »es gibt leider auch faule und unfähige Lehrer, die einen Aufpasser brauchen. Aber schikaniert wird hier keiner«, fuhr er mit erhobener Stimme und mit einem Seitenblick auf den Ankläger fort. »Wenn ein Lehrer was kann und was will, dann soll er jede mögliche Freiheit jenießen und nicht mit Quisquilien behelligt werden. Aber verjessen Se nich, Herr Semper, dat Se Beamter sind, den Rat jebe ich Ihnen. – Sie können jehen, Herr Drögemüller. Sie bleiben noch, Herr Semper.«

»Soll ick Sie an die Seminarschule versetzen?« fragte Korn, als sie allein waren.

Das war sozusagen eine Beförderung; denn es stand fest, daß die Lehrer an der Seminarschule schneller avancierten als die anderen. Mit dieser Kenntnis hatte Asmus immer die Vorstellung von Karrierenluft verbunden, und diese bloße Vorstellung genügte, ihn zurückzuschrecken. Es mußte ja Aufpasser geben in der Welt; aber er mochte keiner sein. Und wo man Karriere machte, da paßten gar die Strebenden einer auf den andern! Er fand es ungleich schöner, immer in unmittelbarer Verbindung mit den Kindern zu bleiben. Konnte man sich Pestalozzi als inspizierenden Oberlehrer denken? Asmus sah ihn immer nur unter Kindern.

»Ich danke Ihnen sehr, Herr Schulrat,« sagte Asmus, »aber ich möchte die Kinder, die ich nun einigermaßen kenne, noch einige Jahre weiterführen. Und dann hab’ ich in meinem Kollegium so liebe Freunde gefunden, daß ich mich ungern von ihnen trennen würde –«

»Na, wenn Se nich wollen –« rief Korn in halber Verstimmung, »denn sehn Se zu, wie Sie sich mit dem Drögemüller vertragen. Mit’m Kopp durch die Wand kann keiner, und jefallen lassen müssen wir uns alle was. Ich auch. Adieu!«

»Adieu, Herr Schulrat. Herzlichen Dank!«

Asmus verließ das Gebäude der Oberschulbehörde mit dem frohen Gefühl, daß es Männer gebe, denen alle hierarchische Rangordnung nichts gelte, wenn es sich um Recht und Billigkeit handle. Er war fest überzeugt, daß die Welt überhaupt so eingerichtet sei, und daß man, wenn man sich nur nicht beim Unrecht beruhige, immer zuletzt den Ort finden müsse, wo das Recht in smaragdener Schale ausgehoben und gehütet sei wie das heilige Blut der Welt. So blickte er gläubig und heiter in den schönen Frühlingstag, während zu Hause auf seinem Tische das Schicksal lag und lauerte, um ihm die Krallen ins Fleisch zu schlagen.

 

 

XLIV. Kapitel.

Zwei Briefe, und jeder ein Schlag.

Er hatte seinen Eltern nichts von der Vorladung vor den Schulrat gesagt, um sie nicht zu beunruhigen; er sagte ihnen auch nichts von dem Ausgange; denn seine Mutter würde doch Bemerkungen über seinen »Hitzkopf« gemacht haben. Eben weil sie so hitzköpfig war, verurteilte sie alle Hitzköpfigkeit.

»Drinnen auf’m Tisch liegen zwei Briefe für dich,« sagte Frau Rebekka.

Eilig ging er hinein, öffnete den einen der Briefe und las:

Hilde Chavonne
Hermann Kiefer
Verlobte.

Hamburg, den – – – – –

Das Blatt war seinen Händen entfallen.

Er sah nach der Tür – sie war noch offen – schnell ging er hin und drückte sie ins Schloß. Nur allein sein. Dann ließ er sich auf einen Stuhl fallen.

Merkwürdig, wie ihn das traf. War es denn nicht selbstverständlich, daß Hilde Chavonne sich einmal verlobte? Und hatte er denn je geglaubt, sie werde sich mit ihm verloben? Nein, nicht einmal im Traum hatte er das gehofft. Darum hatte er ja auch nie die geringste Anstrengung gemacht, sie zu gewinnen. Er war ihr während des letzten Jahres fast völlig ferngeblieben, nicht eigentlich mit Absicht; aber da es sich so gefügt hatte, daß sie sich nur selten und flüchtig sahen, war es ihm recht gewesen. Vor einem Vierteljahr hatte er sie zuletzt gesehen, an einem Festabend der »Treue von 1880«, als er mit einem hübschen Mädchen zusammen ein Duett gesungen hatte. Das Fräulein Chavonne war an jenem Abend sehr still, sehr ernst, und obwohl freundlich, doch sehr zurückhaltend gewesen.

Und jetzt – verlobt! –

Er war längst wieder aufgesprungen und hatte instinktiv zu seinem Beruhigungsmittel gegriffen: zum Wandern. Auf und ab gehen, immer auf und ab, dann hat man das Gefühl der Bewegung, das Gefühl: Es geht vorüber – es geht vorüber.

Sie ist verlobt! Wie konnte sie ihm das antun! Haha – im selben Augenblick mußte er laut auflachen. Hatte sie denn die geringste Verpflichtung, auf ihn zu warten, auf ihn? Hatte er ihr das geringste Zeichen gegeben, daß sie auf ihn warten solle? Hatte er überhaupt ans Heiraten gedacht? Nein, er, der als Präparand alles heiraten wollte, was ihm in den Weg kam, er hatte in den letzten Jahren das Heiraten als ein Ding angesehen, das noch in weiter Ferne liege; ja, es war ihm eine gewisse Beruhigung gewesen, daß es mit dem Kniefall und mit der langen Liebeserklärung in Periodenform noch gute Weile habe. Seine Arbeit, sein Beruf hatten sein ganzes Interesse aufgesogen.

Jetzt, jetzt mit einem Male wußte er’s: Nur an Hilde hatte er gedacht, wenn er überhaupt an eine Frau gedacht hatte. Wenn er sich das Weib an sich gedacht hatte, das hehre Weib, das edle Weib, das holde Weib – nur an Hilde Chavonne hatte er gedacht, nur an sie. Wenn er Liebesgedichte gemacht hatte, platonisch-elegische Liebesgedichte in weinenden Odenstrophen – hatte er an sie gedacht. Jetzt wußte er’s, daß er sich nur eine als sein Weib denken konnte: Hilde – und er begriff nicht, daß er das nicht gewußt hatte, bevor er diesen Brief geöffnet. Er begriff es nicht, weil er sich seiner Unreife nicht bewußt war. In ehrlicher Gedankenarbeit war sein Hirn über seine Jahre gereift; aber sein Herz war noch unreif wie ein Apfel im Frühling, und unreif wie der Same in solch einem Apfel war die Liebe in diesem Herzen. Jetzt, da das Schicksal einen tiefen Schnitt in dieses Herz getan hatte, entdeckte er die Liebe darinnen.

So fühlte er nicht den rasenden Schmerz des Betrogenen, Zurückgestoßenen; denn er hatte nicht die rasende Lust des Liebenden und Hoffenden gefühlt; er empfand die Wehmut eines Mannes, der eines Morgens ein zartes Bäumchen seines Gartens erfroren findet und erkennt, daß es sein schönstes Bäumchen gewesen; er empfand eine Trauer, wie sie junge Eltern empfinden, denen ein kaum Geborenes gestorben ist; er empfand den dumpfen, unbefreiten Schmerz um ein Werdendes, das, zu großer Schönheit bestimmt, im Keime vernichtet war.

Mechanisch griff er nach dem zweiten Briefe; mechanisch öffnete er ihn – er war von Rumolt – mechanisch überflog er die ersten Zeilen, aber nur die ersten.

»Mein lieber Freund!
Von Ihnen hätte ich mündlich Abschied nehmen mögen. Aber es durfte nicht sein; denn Sie würden versucht haben, mich zurückzuhalten. Sie sind von festerem Stoff als ich und werden, das weiß ich, den Kampf besser bestehen, den Kampf gegen der Menschen Stumpfsinn, Trägheit und Niedrigkeit. Meiner Hand entsinken die Waffen. Damit Sie es nicht in gehässiger Entstellung hören, was mich zu meinem Scheiden veranlaßt, will ich es Ihnen selbst sagen. Ich habe einem meiner Schüler – ich glaube, ich habe Ihnen von ihm gesprochen – einem Untersekundaner, der zum zweiten Male hoffnungslos vor dem Examen stand und dessen Qualen ich nicht mehr mit ansehen mochte, in unerlaubter Weise geholfen, habe ihm die Examenaufgaben vorher mitgeteilt. In seiner Freude hat es der Junge nachher selbst ausgeplaudert. So bracht’ die Sonn’ es an den Tag. Hätte er das Examen nicht bestanden, wär’ er aus der Welt gegangen; nun gehe ich, und das ist besser. Leben Sie wohl, teurer Freund; unsere Freundschaft war kurz, aber wahr. Ich danke Ihnen schöne Stunden, von denen ich dort erzählen will, wohin ich gehe.

Rumolt.«

 

Asmus hatte die letzten Zeilen mit fliegendem Atem gelesen; jetzt sprang er nach der Tür.

»Wo willst du hin?« rief Frau Rebekka, »dein Essen ist fertig!«

»Ich esse nichts – ich muß –«

»Junge, du hast ja keinen Hut auf! Was ist denn los –?«

Er entriß ihr den dargebotenen Hut und stürmte mit dem Rufe: »Ich muß weg!« hinaus.

Ohne Besinnen stürzte er über Stock und Stein nach Rumolts Wohnung. Die Wirtin bestätigte ihm weinend das Schreckliche. Am Ufer des Kanals hatte man Rock und Hut gefunden, die Leiche war noch nicht gefunden worden.

Aber am nächsten Tage fand man auch sie. –

Das war eine denkwürdige Post gewesen. Zwei Briefe, und jeder ein Schlag. An einem Tage Freund und Geliebte verloren; denn von nun an war sie ihm Geliebte.

 

 

XLV. Kapitel.