Was wird nun kommen? dachte Asmus. Denn er glaubte an sein heimatliches Sprichwort: »Wenn’t kummt, denn kummt’t in Hupen.«
Und ein drittes Unglück kam, aber nicht von außen, sondern ganz heimtückisch aus dem tiefsten Innern richtete es sich auf wie eine Natter aus dunklem Dickicht. Ihm kamen Zweifel am Wert seines Berufes.
Mit dem jähen Optimismus der Jugend war er an diesen Beruf herangetreten. Jeder Jüngling, auch der bescheidenste, hat, wenn auch kaum bewußt, das Gefühl: Wenn ich in die Welt eingreife, wird es anders, wird es schneller vorwärtsgehen – wie ein ungestümer Reisender, dem der Zug zu langsam fährt, das Gefühl hat: Könnt’ ich aussteigen und nachschieben!
und wenn er sich auch sagt, daß vor und mit ihm Bessere und Stärkere wirken und gewirkt haben – er glaubt nicht, daß einer so viel Lust und Mut gehabt wie er, vor allem nicht, daß einer so viel Glück gehabt, wie er haben wird!
Und nun erreichte er nicht mehr als die andern! Nun ja, er leistete vielleicht etwas mehr als dieser und jener, und seine Kollegen und Freunde rühmten zuweilen seine Leistungen; aber ganz etwas anderes hatte er gehofft, ganz etwas anderes! Er wußte ja freilich von früher her, daß Unterrichten kein ununterbrochener Sieges- und Eroberungszug sei; aber doch hatte er sich Erziehung und Unterricht im stillen als eine Fleischwerdung des Lehrwortes gedacht. Aber das Wort ward nicht Fleisch: Seine Jungen konnten am Ende des Jahres etwas mehr als zu Anfang; aber sie waren dieselben Menschen geblieben, wenigsten merkte er keine Änderung. Die Guten, Offenen, Zarten waren zwar offen, zart und gut geblieben; aber die Rohen, Hinterhältigen, Unwahrhaftigen waren sich nicht minder treu geblieben. Es schien ihm auch, daß die Klugen zwar klug blieben, die Dummen aber auch dumm. Und gerade die Dummen waren das ewige Ziel seiner Mühen; zu ihnen kehrte er, wie magnetisch gezogen, immer wieder zurück; denn daß die Klugen etwas begriffen hatten, bedeutete ihm nichts, solange die Dummen im Dunkel saßen. Das schien ihm die furchtbarste Ungleichheit und Ungerechtigkeit der Welt, daß die einen spielend und lachend erhaschten, was die andern mit Ängsten und Mühen nicht erringen konnten. Und die Welt kommt nicht vorwärts, wenn die Dummen nicht mitkommen, dachte er. Und er machte es sich zur tollkühnen Aufgabe, aus den Dummen Kluge zu machen; alle sollten alles lernen; in seiner Schar sollte keiner zurückbleiben. Herr Drögemüller hielt ihm vor, daß er im Pensum zurück sei, und das war deshalb, weil es ihn immer wieder zu den Schwächsten hinzog, weil ihn immer wieder dies wunderbare Geheimnis der Dummheit lockte. Er konnte sich Viertelstunden, halbe Stunden lang mit solch einem verschlossenen Geiste einkapseln und das verworrene, zerrissene Gespinst seiner Vorstellungen mit langsam tastenden Fragen zu ordnen und zu entwirren suchen; er gab in einer Oberklasse den geographischen Unterricht, und er setzte sich vor, nicht zu ruhen, bis alle die Entstehung der Jahreszeiten aus der Stellung der Erdachse zur Ekliptik begriffen hätten, und zuweilen sprang plötzlich aus solch einem leeren Auge ein Funke wie aus einem toten Stein, und dann kam aus Asmussens Augen ein Strahl, und Licht floß zusammen mit Licht und machte die Erde selig und schön – aber wenn das Hirn sich dem einen erschlossen hatte, verschloß es sich dem andern um so fester, und ob Asmus auch mit zusammengebissenen Zähnen rang und bohrte – er mußte daran zweifeln, allen seinen Schülern den auf- und abschwebenden Jahresreigen von Licht und Schatten verständlich zu machen.
Dabei quälte ihn mit Recht der Gedanke, daß er über den Schwachen die Starken vernachlässige und sie durch den langsamen Gang des Unterrichts langweilen und unlustig machen müsse. Aber konnte er sich denn überhaupt allen so hingeben, wie es geschehen müßte, wenn man ihm fünfzig, ja sechzig Menschenkinder auf den Hals lud? Es konnte ja alles nur oberflächliche Husch- und Pfuscharbeit, nur äußerlicher Bildungsaufputz werden. Es bemächtigte sich seiner das Gefühl, daß überhaupt alles töricht und falsch sei, was er da treibe, und zwar von der Wurzel aus falsch; von einem tieferen Grunde her müsse alles anders angefaßt, müsse auch ganz anderes erstrebt werden. Er erinnerte sich, daß sein bestes Lernen immer ein Erleben gewesen sei. Aber dies Lernen in der Schule, wie er es nach dem herrschenden Formalismus betreiben mußte, war kein Erleben. Es drang nicht zum Innersten und Tiefsten des Menschen hinab. Und er dachte sich einen Menschen, mitten in den Kampf des Lebens gestellt. Was er da brauchte – gab ihm das die Schule? Non scholae sed vitae! hatte es im Seminar geheißen. Leerer Schall! Das Meiste, was er den Kindern geben mußte, war nicht Lebensbrot, waren nicht Lebensworte, nicht Lebenswerte.
So hoch ihn sein Optimismus getragen hatte, so tief versank er jetzt in Mißmut und Verzagen, und Melancholie bog seinen Mut »wie eine junge Weide bis an den Rand des Lebens«. Jene unversiegliche Federkraft aus tiefstem Lebensgrunde – nun schien sie dennoch versiegt.
Öfter als sonst bezog er in Gemeinschaft mit Heide, Goers und Stockelsdorf die Akademie des Herrn Kuhlmann und war dann nicht selten der Ausgelassenste von allen; aber seine Scherze hatten eine Bitterkeit und Schärfe, die die Freunde oft erstaunt und befremdet aufblicken ließ. Manchmal verstummte er mitten in der tollsten Lustigkeit, mitten im eifrigsten Diskurs und sprach dann den ganzen Abend kein Wort mehr. Dann hatte ihn das Gefühl überfallen: Was soll der ganze Unsinn? Darum ging er auch noch öfter allein ins Wirtshaus. Er hatte ein abgelegenes Hotel entdeckt, in dessen Speisesaal er ganz allein den Abend verbringen konnte. Das liebte er jetzt: ganz allein mit einer Flasche in einem möglichst großen Saale sitzen und sinnen und träumen. Nur wenn der Kellner kam, unterhielt er sich gern eine Weile mit ihm. Es hatte ihn immer schwer geärgert, wenn er einen Kellner schlecht und geringschätzig behandelt sah, wie es ihm überhaupt so schien, als wenn die Menschen diejenigen, die ihnen die härtesten und lästigsten Arbeiten abnahmen, am verächtlichsten behandelten. Er suchte, es an seinem Teile gutzumachen, behandelt die Kellner nun extra als Gentlemen und gab ihnen so reichliche Trinkgelder, daß einige, allerdings wenige von ihnen zuweilen eine abwehrende Gebärde machten und sagten: »Ooh – lassen Sie doch – ich habe ja erst vorher bekommen!« Sie nahmen es aber immer.
XLVI. Kapitel.
Wenn er dann so ganz mit sich allein war, dann war er vom Kopf bis zu den Füßen sein Vater Ludwig Semper. Er bemalte dann die hohen Wände des Saales mit ganzen Epochen der Geschichte, mit Werken der Dichtkunst und der Malerei, ließ sich von einem verdeckten Orchester Symphonien und Ouvertüren vorspielen, sah sein ganzes Leben durch den Lichtkreis der einsamen Lampe wandern, kämpfte mit Schopenhauer gegen Hegel, gab Unterrichtsstunden, zog plötzlich ein Kuvert oder eine Rechnung oder sonst einen Zettel aus der Tasche und notierte sich die Idee zu einem wundervollen Gedicht oder Drama, das er schreiben wollte. Auch Gedanken notierte er sich, die ihm des Aufhebens wert dünkten, und wenn er nach Tagen oder Wochen bei einem zufälligen Griff in die Tasche die Zettel wieder hervorholte, knäulte er sie ingrimmig zusammen und warf sie mit einem gemurmelten »Blech« oder derberen Worten in den Ofen. Je weiter der Abend fortschritt und je öfter der Kellner aufgetreten war, desto eigenwilliger wurden natürlich seine Gedanken; sie kümmerten sich schließlich gar nicht mehr um diesen Herrn Semper, dem sie angeblich entsprungen sein sollten, und schnitten Gesichter wie losgelassene Buben. Einige von diesen Aphorismen, die sich weniger durch dauerhaften Wert als durch den Zufall erhalten haben, mögen hier Platz finden und zeigen, welche Art von Luftblasen in jenen Tagen aus den trüben Wirbeln der Semperischen Seele aufstiegen.
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Wir nehmen den Sonnenaufgang für ein Bild des siegenden Lichtes, der erfüllten Hoffnung! Aber die Sonne blieb, wo sie war; nur wir drehten uns – um uns selbst.
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Ein Goldstück fiel ins Wasser und ging unter. »Das kommt davon, wenn man nicht den beständigen Trieb nach oben in sich hat, wie ich!« rief ein schwimmender Kork.
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Wie sie sich blähen, die »Praktischen«, die »sich nicht mit vagen Zukunftsideen abgeben«! Fressen sich voll und grinsen über die, die dafür sorgen, daß auch morgen zu essen da ist.
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So ist alle Arbeit auf der Welt auf das weiseste verteilt: der eine hält edle Reden, und der andere handelt darnach.
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Wer klug ist und dennoch gut, der ist wahrhaft gut. Das heißt die Gefahr kennen und dennoch tapfer sein.
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Der Sonntag ist so schön, weil er in sieben Tagen nur einmal kommt. Er ist schön wie das Lächeln eines ernsten Menschen.
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Man sagt von etwas Unpassendem: »Das paßt wie die Faust aufs Auge«, und die paßt doch mitunter so gut dahin!
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Das Leben ist ein langsamer Vergiftungsprozeß.
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Dumm und schlecht, – in einer Stunde der Selbsterkenntnis fand der Mensch für diese Verbindung das Wort »gemein«.
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Aus den Augen des Menschen blickt zuweilen ein gequältes Tier, das nicht reden kann.
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Die Erde ist eine alte Metze, die sich in jedem Frühling wieder das Gesicht bemalt.
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Man muß Ambos oder Hammer sein, und wer keins von beiden sein will, kommt zwischen beide. Armer Rumolt!
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Wenn die Dummköpfe auf Geist stoßen, so grinsen sie überlegen.
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Manche Brust ist ein Eisschrank, in dem sich die Gefühle vortrefflich konservieren.
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Beethovens fünfte Symphonie, letzter Satz: Donner der Seligkeit aus aufgerissenen Himmeln.
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Die Welt besteht durch Gehorsam; aber weitergekommen ist sie immer nur durch Ungehorsam.
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»Er ist ein enorm gebildeter Mensch,« sagen die Leute und meinen damit: Er weiß dasselbe, was ich weiß.
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Was fliegt, ist beliebt; was kriecht, ist verhaßt. Selbst der Floh ist angesehener als die Laus; denn er springt.
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Ein richtiger Neidhammel beneidet auch eine erfolgreiche Ballerine, wenn er selbst Professor der Ethik ist.
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Man soll die Menschen aufklären, gewiß; aber es gibt Geister, die durch Rippenstöße geweckt sein wollen.
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Wenn man seine Dummheiten bei der Obrigkeit rechtzeitig als Heiligtümer anmeldet, genießen sie gesetzlichen Schutz.
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Auf dem Lande gibt es Kollegen, die sich ein Schwein fett machen. Ich will aufs Land gehen und mir einen borstigen Menschenhaß fett machen.
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Selbst Herkules hat nur die Ställe des Augias ausgemistet.
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Der Ochse, der tausendmal auf die Weide getrieben wurde, sammelt freilich »Erfahrungen«. Aber weniger in der Botanik als im Fressen.
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»Endlich wird mir Genugtuung!« rief die Distel, da hatte der Blitz die Eiche zerschmettert.
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Keine Tiergattung, die so viele und so verschiedene Varietäten aufweist wie der Hund. Grenzenloses Akkomodationsvermögen ist ein Merkmal der Hundenatur.
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Ich habe Professoren und Schulmeister kennen gelernt, die bereitwilligst zugaben, daß Goethe die Formgewandtheit vor ihnen voraus habe.
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Wenn die Könige bau’n und wenn sie niederreißen, – ein rechter Karrenschieber findet immer sein Brot.
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Das Leben ist das allmähliche Erwachen eines Gefangenen, der von der Freiheit träumte.
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Man kann die größten Dummheiten mit der Ruhe des Weisen sprechen.
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Es gibt Künstler, die ihr Talent in schmale Riemen zerschneiden, um es auszubeuten. Sie können es, wie Dido, zu einem ansehnlichen Grundbesitz bringen.
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Es war ein kleines Mädchen, dessen Mutter hatte man ins Irrenhaus bringen müssen. Und man stopfte ihm die Hände voll Äpfel und Backwerk, daß es nicht mehr an die Mutter denken sollte. Aber es konnte die Mutter nicht vergessen.
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Wenn ein Mandrill den Husten hat, so vergißt man seine Häßlichkeit, oder man ist ein Ästhet und Hallunke.
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Niemand ist vor seinem Tode ein Goethe, sagte der Professor.
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Schon bei der Geburt tritt der Mensch in etwas, das man Leben nennt.
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Italien scheint mir ein alter, zerfallener Gorgonzola unter einer wunderschönen Kristallglocke zu sein.
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O, dieses Korsett! Man glaubt ein Weib zu umarmen und man umarmt einen Hummer.
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Die Ratte hat keinen Freund – das könnte mich zu ihrem Freunde machen.
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Bei jedem schweren Gange sage dir dies: Bei Abschied und Wiederkehr sind die Leute da mit Hurra und Trara – den langen, bittern Weg mußt du allein gehen.
XLVII. Kapitel.
Wohl kam ihm in besinnlicheren Augenblicken der Gedanke, ob dies verwegene Spiel mit seiner Kraft auch gesund sei; aber dann zog er einfach einen Zettel aus der Tasche und schrieb darauf:
»Was wären wir, wenn wir immer unserer Gesundheit lebten! Nicht einmal gesund!« und dann war diese Angelegenheit einstweilen erledigt. Auch erwog er öfters den Gedanken, ob es nicht köstlicher, lohnender, vernünftiger sei, langsam und fröhlich zu verlumpen, als in dieser Welt zu wirken und zu streben.
»Ich fuhr einmal auf einer Rutschbahn,« schrieb er, »und das sausende Fahrzeug glitt zuletzt in die hochaufschäumenden Wasser eines Sees. So köstlich ist der Leichtsinn: die Sinne schwindelt’s, die Gedanken vergehen, und hochauf spritzen und schäumen die Fluten des Lebens!«
Und wenn das Fahrzeug ein bißchen zu tief eintauchte und umschlug – war’s denn schlimm? Er sah seinen toten Bruder vor sich, seinen Bruder Leonhard, der an seinem Leichtsinn zugrunde gegangen war. Aber gewiß hatte er auch manche schäumende, tanzende, wirbelnde Stunde genossen! Es kam darauf an, was das Gescheitere war. »Sehen Sie, das ist so verschieden,« hatte eines Morgens ein Mann in einem verruchten Nachtlokal zu ihm gesagt, »der eine ißt gern Rebhühner und der andere möchte gern ein Ehrenmann sein.« Der Mann, der das sagte, war ihm freilich zuwider gewesen.
Im Geschlecht der Semper tauchte hie und da ein Hang zur Verschwendung auf. Wie wär’s, wenn man sich selbst verschwendete! Sich selbst mit Bewußtsein langsam zerstören und mit forschenden Augen alle Schauer und Schönheit, alle Tollheit und Tragik des eigenen Unterganges kosten! Da müßte man in sich und in den andern Dinge sehen, die auf der Hauptstraße des Lebens nicht gezeigt wurden. Es machen wie jener Zöllner, den er bei seinem Freunde Diepenbrock auf dem Sofa hatte liegen sehen: wochenlang immer trinken und sinken, trinken und sinken ins Bodenlose hinab, und dann wieder emporsteigen zu Goethe, Shakespeare und Dante! Hinabsteigen in alle Tiefen des Lumpentums; mit Laster und Verbrechen auf du und du stehen und im Innersten doch der bleiben, der man war, bis zum Tod! Das müßte sein wie eine Entdeckungsfahrt von gefahrumwitterter Romantik. Das waren seine Gedanken, wenn er durchs Kneipenfenster in die aufzuckende Morgenröte starrte und immer noch ein neues Glas bestellte. Und im Graus des Sinkens und Untergehens zuweilen an sie denken, die er vor kurzem am Arm ihres Verlobten lachend über die Straße hatte gehen sehen! Dann mischte sich Morgengrauen und Morgenröte, wie in der traurigen Freude dieser Morgenstunden, wenn er zurückgelehnten Hauptes in den Himmel starrte. Mit der steigenden Sonne aber überfiel ihn oft ein plötzliches Frösteln, dann fühlte er sich namenlos elend, und einmal in solch einer Stunde machte ein Gedanke ihn stutzig. Im Rausch fühlte er sich glücklich, stolz, von Kraft geschwellt und leicht wie auf Schwingen, zu jeder großen Tat bereit und zu jedem herrlichen Werke geschickt. Wenn er sich aber am nachfolgenden Tage die Freuden seines Rausches erinnernd zurückrufen wollte, so fehlte ihm jede Vorstellung, jede Freude an der Freude; die Stunden des Rausches waren ihm eine leere, tote Zeit. Er wußte wohl, daß er sich gefreut hatte an dem Kaleidoskop seiner Phantasien; aber er konnte diese Freude nicht zurückrufen. Warum war das nicht so mit andern Freuden, mit den Freuden der Kindheitsspiele, des Studierzimmers, der Kunst, der Wanderung in Feld und Flur? Da war jede Freude ein anderer Genius mit anderem Angesicht, mit Augen, die schöner werden mit jeder Erinnerung, da war jede Freude ein unverlierbarer, ein wachsender Besitz! Und nachdenklich zog er die Rechnung, auf der seine Zeche stand, aus der Tasche und schrieb auf die Rückseite:
»Der Rausch ist ein liebloser Gastfreund; er spendet nicht das Gastgeschenk der Erinnerung.«
Und als er bald darauf eines Morgens unmittelbar von der Schenke in die Schule ging – er blieb immer Herr seines Handelns und gab nach solchen Nächten oft seine besten Stunden – aber als er nun mit einem aus Hohlheit und Übersättigung gemachten Gefühle vor den Kindern stand und in rotwangige Gesichter, in klare Augen sah, die in der Schönheit und Hoffnung des jungen Morgens zu ihm kamen, da sagte er leise, aber ihm selbst hörbar, vor sich hin:
»Nun ist es genug.«
Nein, man blieb nicht, der man war, und die Romantik der Verlumpung war eine Lüge. Er hatte Abschied von ihr genommen.
Frau Rebekka hatte über seine nächtlichen Ausflüge genug geklagt und gejammert; ihre Gardinenpredigten konnten sich neben den besten ihrer Gattung hören lassen, und mütterliche Gardinenpredigten mögen wohl noch eindringlicher sein als eheliche, weil sie aus selbstloseren Gründen entspringen. Rebekkens Bemühungen, auch ihren Gatten zu solchen Predigten aufzumuntern, blieben freilich ganz erfolglos. Ludwig antwortete im Geiste seiner Philosophie:
»Laß ihn, was soll ich ihm sagen!«
»Ja, wenn ich dir das erst sagen soll – wenn du das nicht selbst weißt –!« rief Frau Rebekka. »Merkwürdig! ’n Mann, der den Kopf voll Gelehrsamkeit hat und alle Sprachen spricht –«
»Nicht alle,« versetzte Ludwig trocken –
»– und verlangt von mir, daß ich ihm sage, was er sagen soll!«
»Ja, ich bin zu dumm dazu,« sagte Ludwig mit seinem Lächeln.
»Ach Gott, mit dir ist ja kein Auskommen!« rief Rebekka, lief in die Küche hinaus und klagte laut den Tellern und Töpfen ihr Leid.
Ludwig und Asmus Semper verband nun einmal aus Vordaseinszeiten her ein Vertrauen, das die sorgende Frau Rebekka nicht begreifen konnte.
Übrigens beabsichtigte Asmus keineswegs, die Welt- und Fleischeslust in sich zu ertöten und auf die Freuden eines geselligen Trunkes prinzipiell zu verzichten. Und er hatte es nicht zu bereuen, daß er an einem vielverheißenden Vorfrühlingstage in die Kuhlmännische Akademie ging. Er traf dort seinen Kollegen Mansfeld, eben jenen Herrn, der eine Pensionärin Namens Hilde Chavonne im Hause hatte. Asmus schwankte, ob er sich zu ihm setzen solle; aber eine eigentümliche Gewalt zog ihn fast gegen seinen Willen an denselben Tisch.
»Sie sollten sich mal mein neuestes Bild ansehen,« sagte Mansfeld, der in seinen Mußestunden malte, im Laufe des Gesprächs. »Kommen Sie mit und essen Sie mit uns zu Abend. Meine Frau wird sich freuen.«
»O,« stammelte Asmus, »das ist sehr liebenswürdig, ich komme natürlich gern einmal – aber heute hab’ ich eine wichtige Sitzung, bei der ich auf keinen Fall fehlen darf.«
»Das ist was anderes,« sagte Mansfeld.
Die Rede kam aber doch bald auf die Pensionärin, und Asmus fragte mit glänzend aufgepuffter Munterkeit und mit einem sehr kunstreichen Lächeln:
»Na, wie geht’s ihr denn?«
»Na, – soso lala!«
»Wieso?« rief Asmus erblassend. »Ist sie nicht glücklich?«
»Dscha – wie man’s nehmen will. Ihre Verlobung ist ja zurückgegangen, das wissen Sie doch?«
»Zurück –?« Asmus war aufgesprungen. »Zurückgegangen? Ich weiß kein Wort. Ich bitte Sie – warum?« Er hatte sich wieder gesetzt.
»Gott – das arme Kind – sie hat eine schwere, traurige Kindheit verlebt und von den Menschen nicht viel Gutes erfahren. Vater und Mutter sind tot; als ihr da einer von Liebe sprach, schmolz ihr das weiche Herz und sie glaubte, das Glück wär’ endlich da!«
»Nun – und? Was weiter?« Asmus bog sich immer weiter über den Tisch.
»Nach wenigen Wochen erkannte sie, daß sie sich geirrt hatte, vollkommen geirrt. Übrigens ein braver, ordentlicher Kerl, aber nicht das, was das Herz einer Hilde Chavonne braucht. Entschlossen und mutig, wie sie bei all ihrer Milde ist, trug sie ihrem Verlobten die Lösung des Verhältnisses an. Und er, wie er kein Mann für sie war, hatte wohl auch nicht erkannt, was er an ihr besaß; er erklärte sich schließlich einverstanden.«
Und so weit Asmus sich vorgebeugt hatte, so weit lehnte er sich jetzt zurück und blickte schweigend vor sich hin.
Wenn eine lange getragene Last von uns abfällt, fühlen wir erst, wie schwer sie gewesen ist. Auf seinen Soldatenmärschen hatte er Mantel und Tornister, Helm, Patronen und Waffen als etwas Selbstverständliches ohne Murren getragen; aber wenn er, in die Kaserne zurückgekehrt, alles abgelegt hatte, dann hatte er gefühlt, wie schwer die Bürde gewesen. Ganz so war es ihm jetzt, ganz so; denn es war ihm, als habe es ihm auf Hirn, auf Nacken und Schultern gedrückt.
»Übrigens,« rief er ganz unvermittelt und wurde über und über rot, »da fällt mir ein: die Sitzung ist ja erst morgen. (Ein Geschickterer würde vielleicht gesagt haben: In acht Tagen!) Wenn Sie Ihre Einladung nicht bereuen, nehm’ ich sie jetzt noch an.«
Mansfeld unterdrückte ein Lächeln und erklärte, daß ihm nichts erfreulicher sein könne als dieser Entschluß. Und Asmus ging mit.
XLVIII. Kapitel.
Johannes Chrysostomos
Als die beiden Männer in das Wohnzimmer traten, fanden sie Frau Mansfeld mit einer Handarbeit, Fräulein Chavonne mit den Vorbereitungen zum Unterricht des folgenden Tages beschäftigt. Die junge Dame saß mit dem Rücken gegen das Licht; aber gleichwohl glaubte Asmus zu bemerken, daß sie erschrecke und erblasse. Zwar lächelte sie, als sie ihm dann die Hand gab; er zweifelte aber doch nicht daran, daß er ihr unangenehm und unwillkommen sei. Mansfeld holte sein Bild hervor, und Asmus nahm es in Augenschein; wäre er verpflichtetes Mitglied einer Jury gewesen, so würde der gute Mansfeld wohl nicht allzuviel Schmeichelhaftes zu hören bekommen haben; aber abgesehen davon, daß Asmus sich durchaus nicht als Kenner fühlte, gehörte er nicht zu jenen »unentwegten« Bekennern, die die Wahrheit auch dann sagen, wenn sie nur verletzt und keinem nützt; er machte also dem harmlosen Dilettantismus Mansfeldens neben einigen Ausstellungen ein paar balsamische Komplimente.
Nach dem Abendessen sagte Mansfeld: »Ich habe Sie so lange nicht gehört – möchten Sie nicht ein Gedicht sprechen?«
Asmus, ohne sich zu zieren, stand auf und sprach, zwar in Hinblick auf die Anwesenheit der Damen mit einiger Befangenheit, »Des Sängers Fluch«. Frau Mansfeld war eine überaus fleißige und praktische Frau und ließ auch während des furchtbarsten Fluches die Häkelnadel nicht ruhen; Hilde aber, die inzwischen zu einer Stickerei gegriffen hatte, ließ schon nach den ersten Versen die Hände in den Schoß sinken und horchte mit großen Augen. Nun schlug Mansfeld vor, man möchte doch jede Woche einmal zusammenkommen und etwas Gutes lesen, namentlich Dramatisches; er komme fast nie ins Theater, und Asmus setzte für nächsten Mittwoch »Emilia Galotti« aufs Repertoire. Frau Mansfeld indessen, die die Claudia lesen sollte, lehnte jede Beteiligung entschieden ab; sie wollte mit dem Theater nichts zu tun haben. Sie konnte sich nicht verstellen; sie war Frau Mansfeld aus Hamburg und nicht Claudia Galotti aus Italien, und überdies wußte sie ganz gut, daß in dem Stück ein junges Mädchen verführt werden sollte. So etwas paßte sich nicht für eine Lehrersfrau, und im Grunde ihres Herzens mochte sie es etwas »frei« von dem Fräulein Chavonne finden, daß es sich auf Asmussens Bitte bereit erklärte, sogar das zu verführende Mädchen selbst zu verkörpern. Asmus las den Prinzen und Appiani, Mansfeld den Marinelli und den Odoardo; aber es ging doch nicht. Dieser las nämlich den Marinelli wie einen stellungsuchenden Schneidergesellen, und sein Odoardo wäre durch ein gutes Glas Bier mit Leichtigkeit zu besänftigen gewesen. Er sah das auch selbst ein, und Asmus widersprach seiner Selbstkritik mit keinem Wort. Einig waren alle darin, daß Fräulein Chavonne die Angst Emiliens und die Eifersucht der Gräfin Orfina vorzüglich gelesen habe. Asmus war überrascht: hatte sie schon einmal Eifersucht empfunden? Es war etwas Echtes und Elementares in ihrem Vortrag gewesen.
Von nun an mußte Asmus allein lesen, und als man dahinter gekommen war, daß er plattdeutsch reden könne wie ein Oldensunder Bauernjunge und wie ein Hamburger Ewerführer, da mußte er Groth und Reuter lesen. Und als er die nun las, da machte er eine wundersame Entdeckung: Hilde Chavonne konnte lachen! Natürlich hatte er sie auch sonst schon lachen sehen; aber immer hatte nur ein Teil ihres Wesens gelacht, und nur ein kleinerer Teil; der tiefe, fast traurige Ernst ihres Wesens hatte immer das Übergewicht behalten; es war immer ein Lachen mit ernstem Grundton gewesen, nicht jenes Lachen des ganzen Menschen, das aus dem Mittelpunkt unseres Wesens elementar hervorbricht und alle unsere Seelen- und Körperteile kräftig durcheinander zu schütteln scheint. Und sie selbst schien beseligt, berauscht von der Entdeckung dieser Kraft wie ein Kind, dem man zur Weihnacht beschert; wenn er den Blick vom Buche erhob und in ihr lachendes Gesicht sah, dann glühten ihn zwei jauchzende Augen an, und niemand hätte sagen können, ob es Lust oder Dankbarkeit sei, was ihnen den feuchten Schimmer gab. Wenn er aber von traurigen Dingen las und – anfangs zufällig, bald mit Absicht – die Augen über den Rand des Buches hinausgehen ließ, dann sah er ihre Augen auf sich ruhen, als wäre es sein Leid und sein Kummer, von dem er gelesen. Und obgleich die beiden Mansfeld ein dankbares Publikum waren, dachte er bald bei allem, was er las, nur das eine: Wie wird es ihr in die Seele klingen? fühlte er bei jedem Wort den unhörbaren Widerhall ihres Herzens.
Es ist klar, daß ein Ereignis oder eine Erwägung, die ihn von den Mittwoch-Besuchen hätte zurückhalten können, bald zu den undenkbaren Dingen gehörte. Zu Hause und unter den Freunden, in Konzert und Theater, in Wissenschaft und Kunst gab es keine Freuden, und am allerwenigsten gab es unter dem himmlischen Gezelte Naturerscheinungen, die ihn hätten hindern können, am Mittwoch nachmittag nach dem ländlichen Vororte hinauszupilgern, in dem die Mansfelds wohnten. Die altgeheiligte Ordnung des Wochenreigens hatte sich verkehrt; der Mittwoch war zum Sonntag geworden. Sehr schlau bemerkte Frau Rebekka eines Tages mit dem Scharfblick des Weibes und der Mutter: »Da bei den Mansfelds, da muß ein Magnet sein.«
Mit dem Magnet hatte es seine Richtigkeit. Wenn der Sommernachmittag gar zu verlockend ins Fenster lachte, ließen sie Bücher Bücher sein, wanderten zu vieren hinaus nach Eppendorf, Lokstedt oder Niendorf und ergaben sich auf einer Wiese dem Reifenspiel. Von den Freundinnen Hildes hatte er gehört, daß ihr Turnlehrer sie immer vor allen gerühmt habe wegen ihrer Anmut; eines Tages, als sie sich zu schwach gefühlt und sich von der kaum erfaßten Reckstange wieder hatte fallen lassen, da hatte der Lehrer gerufen: »Fräulein Chavonne fällt sogar mit Grazie vom Reck!« Asmus konnte dem Manne nur von ganzem Herzen recht geben, und wie der »Magnet« beim Lesen seine Blicke, seine Stimme, seine Gedanken anzog, so flogen ihm jetzt die meisten der Reifen zu, die Asmus zu versenden hatte, wenn er auch galant genug war, sich hin und wieder der gnädigen Frau zu erinnern.
Ein Spiel auf grünem Rasen in heller Sommerluft, das war nun ohnehin für das Herz des Asmus ein ununterbrochener Freudentanz; als er nun aber auch noch das liebliche Mädchen mit seinen schmalen Füßen, in flatterndem Gewande über den sonnengrünen Teppich hüpfen sah, da schien ihm, daß die Welt wohl überhaupt schön sei, daß sie aber noch nie so schön gewesen sei wie an diesem Tage. Anmut der Bewegung und körperliche Geschicklichkeit waren nicht seine Stärke; aber mit dem, was er konnte, kokettierte er redlich, und er hatte das Gefühl, daß er plötzlich mehr könne, als er sich zugetraut. Freilich, bei einem unparteiischen Zuschauer würde auch Hilde Chavonne den Verdacht erweckt haben, daß ihr der Eindruck ihrer Sprünge und Tanzschrittchen nicht gleichgültig sei, und daß sie wie jedes junge, schöne, tanzende Weib um den Kopf eines Mannes tanze.
Und gewiß hätte Asmus ihr lieber seinen Kopf auf einer Schüssel entgegengetragen, als ihr von Liebe zu sprechen. Wenn es sich auf dem Heimwege traf, daß sie allein nebeneinander gingen, dann begann wieder jenes wunderlich-närrische Doppelspiel von Lippen und Herzen, das sie schon damals, nach Asmussens einmaligem Auftreten als König getrieben hatten. Sie sprachen über einen Roman oder über eine Schulverordnung oder über ein Sonnentaugewächs, das sie gefunden, oder über eine Wolkenbildung, und mit allem, was sie sagten, meinten sie: »Ich liebe dich – ich liebe dich!« Es war eine Chiffresprache, die sie redeten. »Dieser Weg führt nach Bahrenfeld,« bedeutete soviel wie: »Du bist ein entzückendes Geschöpf!« »Die Linden haben ausgeblüht« sollte heißen: »Ich möchte dich küssen;« aber keiner hatte den Schlüssel zur Sprache des andern. Das Herz des Asmus drängte, raunte, flüsterte ihm zu wie ein eifriger Souffleur: »Sag’ es ihr, sag’ es ihr, tu den Mund auf – es ist gar nicht schwer – und sag: »Süße Hilde, ich hab’ dich lieb!« – »Wie kann ich denn ‘du’ zu ihr sagen!« erwiderte Asmus. »Meinetwegen sag’ ‘Sie’«, entgegnete das Herz, »aber sag’ etwas!«, und dann tat Asmus wirklich den Mund auf und sagte: »Jetzt wird ja auch bald der neue Bahnhof eröffnet.« Sie war doch zu hoch, zu heilig; sie konnte sich an einem Menschen wie ihm nicht genügen lassen. Sie hatte es ja auch bewiesen, als sie sich verlobte. An ihm war sie vorbeigegangen.
Endlich, endlich kam eine prächtige Gelegenheit, dem Herzen Luft zu machen. Mansfeld hatte mit seinen Schülern einen Ferien-Ausflug unternommen, und Asmus und die Damen hatten sich angeschlossen. In einer hübschen Gartenwirtschaft, die den freundlichen Namen »Zum Morgenstern« führte, hielt man Rast, und Hilde hatte sich daran gemacht, die gepflückten Feldblumen zu einem Strauße zu ordnen, als Asmus zu ihr trat. Mansfeld und Frau waren abseits mit den Kindern beschäftigt.
XLIX. Kapitel.
»Wo haben Sie die Calluna gepflückt?« fragte Asmus, indem er einen Zweig der Glockenheide aufnahm.
»Im Moor. Aber das ist nicht Calluna, das ist Erika.«
»Das ist Calluna.«
»Das ist Erika.«
»Das ist Calluna.«
»Das ist Erika.« Sie lachten beide.
»Das Heidekraut ist Erika, und Calluna ist die Glockenheide,« sagte Asmus. Er hatte sich’s inzwischen überlegt und wußte, daß sie recht habe; aber er fand es viel hübscher, mit ihr zu streiten.
»Im Gegenteil,« lachte sie, »die Glockenheide heißt Erika.«
»Wetten?« rief Asmus.
»Ja!« Ihre Augen leuchteten.
»Um was?«
Sie machte plötzlich ein ernstes Gesicht und sagte zögernd:
»Wenn Sie verlieren, müssen Sie mir ein Gedicht schenken. Das ist wohl schrecklich unbescheiden, nicht wahr?« fügte sie schnell hinzu.
»Ich fürchte, es ist nur allzu bescheiden,« sagte Asmus. »Und was geben Sie mir, wenn ich rechte habe?«
»Das – weiß ich noch nicht – das findet sich dann,« sagte sie errötend.
Am Abend hatte er es fast eilig, von ihr fort zu kommen, damit er zum Dichten komme. Sie wollte ein Gedicht von ihm! War das nicht ein Zeichen von Liebe? Ach nein, ach nein. Andere Damen hatten ihn auch schon darum gebeten, sicherlich, ohne ihn zu lieben. Die Mädchen prunken gern mit dergleichen – so weit kannte er die Mädchen auch. Freilich: so war sie nun eigentlich nicht....
Einen Augenblick dachte er, er wolle ein Akrostichon auf ihren Namen machen, weil das so schön deutlich sei. Aber er schalt sich sofort darüber aus: »Erstens ist es läppisch und keine Dichtung, und zweitens wäre es nicht mehr deutlich, sondern frech.« Er nahm nun eine Maske vor, die Maske eines Mannes, der sich aus dieser Welt des Alltags nach der Welt der Romantik, nach der Zeit der schönen Melusinen, der Minnesinger und der Ritter sonder Furcht und Tadel sehnt, und schloß sein Ottaverimengebäude also:
Ob das zu kühn war? Ach nein – jedenfalls: vor dem Tintenfaß hatte er Mut; er schrieb es auf sein schönstes Papier, schob es in einen feinen Briefumschlag, liebkoste jeden Buchstaben ihres Namens mit den Augen, als er die Adresse schrieb, und ging zum Briefkasten. Als der Brief schon halb in der Spalte des Kastens steckte, zauderte er einen Augenblick. Sollte er’s wagen? Aber ein höherer Wille stieß ihm an den Ellbogen, und der Brief fiel hinein.
Asmus seufzte tief auf. Das war ein entscheidender Schritt, dachte er. –
Schon am übernächsten Morgen hatte er einen Brief.
»Sehr geehrter Herr Semper!
Haben Sie innigsten Dank für das wunderschöne Gedicht! Ich hab’ es schon viele Male gelesen, und jedesmal gefällt es mir besser. Aber wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen; denn solchen Einsätzen vermag ich nichts entgegenzustellen.
Ich werde Ihr Gedicht an sicherer Stelle verwahren.
Mit schönsten Grüßen
Ihre sehr ergebene
Hilde Chavonne.«
Beim ersten Lesen schien ihm der Brief eine feurige Liebeserklärung; beim zweiten schien er ihm nur noch eine Liebeserklärung, und je öfter er ihn las, desto mehr wurde er sich klar, daß diesen Brief auch jede andere Dame geschrieben haben könnte. Jede? Nun ja, er war sehr freundschaftlich gehalten; aber gute Freunde waren sie ja schließlich wohl. »Ich werde Ihr Gedicht an sichrer Stelle verwahren!« das konnte heißen: Ich werde es am Busen tragen – es konnte aber auch heißen: Ich werde es in meiner Kommode verschließen. Und dann der Satz: »Aber wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen!« Sie gab ihm zwar eine sehr bescheidene Begründung; aber konnte nicht auch ein feiner Verweis darin liegen: Du bist zu dreist gewesen!? Freilich: da stand: »Mit schönsten Grüßen Ihre sehr ergebene.« Das war sehr viel! Aber eine steife, »zippe« Hamburgerin, die den Herren nur die Fingerspitzen reicht und beim Gruß nur mit der Hutfeder nickt, war sie ja überhaupt nicht, obwohl sie in Hamburg geboren war. Und »Ihre ganz ergebene« stand nicht da ...
Als er sie wiedersah – es war an einem Sonntagmorgen – fühlte er wohl bald an ihrem Dank und ihrem Geplauder, daß sie an einen »Verweis« nicht gedacht haben könne; aber sie trug ein weißes Morgenkleid mit rosa Bändern, und darin sah sie nun aus wie eine Königin der Lilien! Ach, armer Asmus! Du hast im Ernste geglaubt, solch ein Weib könnte für dich blühen? Dies Kleid schlug all seine Hoffnungen nieder.
Und so war er denn genau so weit wie vordem. Zum Glück ließ die Wirkung des Kleides, als er die Trägerin nicht mehr vor Augen hatte, nach, und er gelangte zu dem Ergebnis: Ich muß noch einmal mit ihr wetten!
Er traf sie bei seinem nächsten Besuch mit einer zierlichen Arbeit beschäftigt. Auf ein weißes Blatt legte sie in mehreren Schichten nacheinander schöne Blätter der verschiedensten Pflanzen, und nach jeder Lage besprengte sie das Ganze mit einer dünnen Sepialösung. Wenn alles beendigt war, kam ein anmutiges Bukett der reizendsten Blattformen zum Vorschein. Es war eine Arbeit, die nicht viel Kunst, wohl aber Sorgfalt und Geschmack erforderte.
Als sie nahezu beendet war, betrachtete Hilde ihr Werk mit geneigtem Kopfe und sagte:
»Die Grazien sind leider ausgeblieben.«
Halt, dachte Asmus, das ist eine Gelegenheit.
»Sagt Schiller,« fügte er hinzu. Er wußte ganz genau, daß er sich an Goethe vergriff.
»Ist das nicht von Goethe?« fragte sie, einen Augenblick durch seine Bestimmtheit unsicher gemacht.
»Nein, von Schiller.« Da wurde er doch rot.
»Doch – es ist aus »Tasso!« rief sie.
»Keine Spur. Von Schiller ist es.«
Sie lachte: »Fangen Sie schon wieder an?«
»Wollen wir wetten, daß es von Schiller ist?« rief er.
Sie wurde purpurrot und rief: »Ja!«
»Um was?«
»Wenn Sie unrecht haben – nein, es wäre zu unbescheiden!«
»Sie können nicht unbescheiden sein.«
»Ein Gedicht? Wollen Sie?«
»Mit Freuden. Und wenn Sie unrecht haben?«
»Was verlangen Sie dann?«
Asmus hob die eben vollendete Arbeit auf. »Dieses Blatt!«
»Nicht dies, aber ein besseres!«
Dann holte sie den Tasso vom Bücherbrett, konnte aber die Stelle nicht sofort finden.
»Darf ich?« fragte Asmus. »Wenn es drinsteht, werd’ ich es bald finden.« Er blätterte einen Augenblick. »Wahrhaftig, Sie haben recht! Tasso sagt es vom Antonio.«
Sie triumphierte. – – –
Diesmal fiel sein Gedicht deutlicher aus. Es war etwas herkömmlich im Ton, etwas heine-geibelig sozusagen; aber deutlich war es.
Er hatte erst schreiben wollen:
aber das schien ihm denn doch zu deutlich, und er machte ein goldenes Haar daraus; dann konnte sie das ganze Gedicht auch auf eine andere beziehen. Daß man hübschen jungen Mädchen keine solchen Gedichte schenkt, wenn sie sich auf andere beziehen, das fiel ihm nicht ein. Seine geistige Begabung lag auf anderen Gebieten.
Als er den Briefumschlag mit der Zunge feuchtete, hielt er plötzlich inne und starrte vor sich hin. War es nicht eigentlich unwürdig, ihr das Gedicht so hinterrücks durch den Postboten zuzustellen? War es nicht männlicher, einfach vor sie hinzutreten und zu sagen: Hier ist das Gedicht!? Aber, wenn Sie’s dann las – nein, nein, nein, nein! Dann war es noch männlicher, ihr ins Gesicht zu sagen: »Hilde Chavonne, ich liebe dich!« und das konnte er eben nicht. War das Feigheit? O, wenn es nicht Hilde, wenn es Drögemüller wäre, dann wollte er schon zeigen, daß er offen und mutig die Stirn zeigen konnte. Aber Hilde – – wenn das feige war, dann war es eben feige, daran war nichts zu ändern. Er schloß den Brief und steckte ihn ein. Aber als er ihn fallen hörte, da war’s ihm, als höre er auch sein Herz in den Kasten fallen. Es war doch eine Riesenkühnheit. Wenn sie jetzt zürnte – nun, dann liebte sie ihn nicht, dann war alle Hoffnung zu Ende.
Wenn sie ihm aber nicht zürnte – was war damit bewiesen?
Eigentlich nichts. – Nun, man würde ja sehen.