Der nächste Tag war ein Mittwoch; mit klopfendem Herzen trat er zu den Mansfeld ins Zimmer – sie war nicht da. Ein schlimmes Zeichen. Sonst war sie immer dagewesen. Das Gespräch mit den Mansfeld wollte nicht in Gang kommen. Endlich, nach einer Viertelstunde, die Sempern zu einer Ewigkeit angeschwollen war, trat das Fräulein herein. Sie wollte unbefangen erscheinen; aber alle Anstrengung half ihr nichts; sie wurde blutrot und senkte den Blick, als sie Asmussen die Hand gab und ihm sagte:
»Ich danke Ihnen sehr!«
Dann flog ein Engel durchs Zimmer. Und noch einer. Und noch einer. Hilfreiche Engel waren es nicht; denn sie halfen dem blutschwitzenden Asmus auch nicht mit einem Wörtchen aus. Endlich half er sich selbst, indem er heftig das linke Bein über das rechte schlug (genau wie Ludwig Semper). Das half.
»Sonnabend wird der ‘Freischütz’ gegeben, in einer vorzüglichen Besetzung,« rief er, und wußte selbst nicht, warum er so laut sprach. Man kam überein, daß man gemeinsam hingehen wolle; die Unterhaltung kam in Fluß; Hilde nahm daran teil und sprach auch mit Asmus, sogar unter freundlichem Lächeln. Böse war sie nicht, das stand nach diesem Lächeln fest; aber sonst –
Ja, sonst war er immer noch auf dem alten Fleck. Wie konnt’ es auch anders sein. Konnte sie nach diesem Gedicht zu ihm kommen und sagen: »Ihr Antrag ehrt mich« oder: »Ich teile vollkommen Ihre Gefühle; hier ist meine Hand?« Es war eine ganz verteufelte Sache. Sie mußte einmal eine Wette verlieren, und dann würde sich ja zeigen, was sie ihm schenkte! Als er daheim in seiner Zelle diesen Gedanken erwog, brachte ihm der Postbote ein dünnes Paket.
Ihre Handschrift!
Er riß die Umhüllung herunter und fand eine Mappe, die auf beiden Deckeln allerliebste Blattsträuße in zahlreichen und zarten Abstufungen von Sepia-Braun zeigte. Ein Briefchen dabei!
Werter Herr Semper!
Da Sie Gefallen an der Spielerei fanden, so sende ich Ihnen diese Mappe, die sich vielleicht durch Aufbewahrung von Notizen und dergl. nützlich machen kann. Sie soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein; eine solche Gabe zu lohnen, bin ich leider außerstande.
Mit den herzlichsten Grüßen
Ihre dankbare
Hilde Chavonne.«
»Sie liebt mich!« jubilierte Asmus in seinem Herzen. »Sie beschenkt mich! Und wie beschenkt sie mich! Wie reich, mit welcher Sorgfalt ist das gemacht! Mit Goldpapierstreifen umrändert! Mit weißseidenen Bändern gebunden!« Und wie zärtlich schrieb sie, wie liebevoll!
Er nahm den Brief wieder her – ein ganz zarter Duft ging mit diesen Zeilen, ein kaum merkbarer, aber ein feiner, milder, warmer Duft! »Werter Herr Semper« schrieb sie. Also er war ihr wert! Und »Sie soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein; eine solche Gabe zu lohnen, bin ich leider außerstande – –!«
Hm. Es fiel ihm plötzlich auf, daß das zweierlei bedeuten könne. Es konnte heißen: Das Gedicht ist so schön, daß ich ihm nichts Gleichwertiges gegenüberstellen kann, wie man den Wert eines echten Kunstwerks (»wenn dies eins wäre!« klammerte Asmus ein) überhaupt nicht mit materiellen Gütern ausmessen kann. Aber die Liebe eines Menschen war doch gewiß etwas Gleichwertiges, ja, war unendlich viel mehr – sollte das bedeuten: »Den Lohn, du dir denkst – meine Liebe – kann ich dir nicht gewähren«? – O, o, o, wie der ganze Brief gleich anders aussah! »Werter Herr Semper,« das war viel legerer als »Sehr geehrter Herr Semper«, viel weniger achtungsvoll. – Und »Da Sie Gefallen an der Spielerei fanden« – sie legte der ganzen Sache keinen Wert bei; es war ein Nichts – warum sollte sie es ihm nicht schenken – dann waren sie quitt, und sie war ihm nichts mehr schuldig –
O diese verteufelte Auslegung, o diese verwetterten Ausleger! Sie verhunzen die frischesten Offenbarungen der Menschenseele! Durch »Exegese« verhunzte er sich dieses Geschenk eines Mädchens, das mit vor Bangen, vor Eifer, vor Freude bebenden Händen Tage und Nächte an diesem Kunstwerk gebaut hatte, bei jeder Linie, jedem Bändchen voll Hoffnung, daß sie ihm gefallen, voll Sorge, daß sie ihm mißfallen möchten!
Freilich: Mädchenbriefe wie dieser sind geschrieben, um Liebe ganz zu offenbaren und ganz zu verbergen, und es war kein Wunder, daß Asmus diese Sprache noch nicht verstand. Er ahnte zum Beispiel nicht, daß das Wort »Notizen« mit »Gedichte« zu übersetzen war und daß der ganze Satz bedeuten sollte: »Wenn du Verse geschrieben hast, leg’ sie in diese Mappe; das wird mir sein, als dürft’ ich selbst sie hegen.«
Das Schicksal war dem Zauderer günstiger, als er es eigentlich verdiente. Am »Freischütz«-Abend folgten die Mansfeld einer Einladung, die sie nicht ablehnen konnten, und Asmus saß allein neben der Stillgeliebten! Er saß neben ihr, und da die billigen Plätze sehr schmal waren, saß er sogar recht dicht neben ihr, in beständiger Berührung mit ihrem Kleid, und einmal, als ihr der Zettel entfallen war und sie ihn aufheben wollte, streifte sogar ihr Haar, ihr köstliches Haar seine Wange! Solche weihevollen Berührungen entzückten ihn tief und entmutigten ihn ganz. Denn je herrlicher sie war, desto weniger wagte er sie zu begehren; ihm war, als solle er in einen hochumgitterten Schloßgarten gehen und dort die seltenste Blume brechen. Eine tiefe Demütigung müßte die Folge sein.
Aber schon ungestört mit ihr zu plaudern, war warmes, heimliches Glück. Er erzählte ihr, wie er als Knabe auf seinem Puppentheater den »Freischütz« gespielt habe und wie ihm das Liebste daran die Wolfsschlucht mit dem feurigen Rad und allem Teufelsspuk gewesen sei.
»Wenn ich ehrlich sein soll,« sagte er, »ich freue mich noch heute auf die Wolfsschlucht, und jeden Tag möcht’ ich mir wieder ein Puppentheater bauen und damit spielen. Freilich: auf die Musik freu’ ich mich noch ganz anders. Wenn die ganze deutsche Nation zugrunde ginge und nur der »Freischütz« erhalten bliebe, könnte man aus dieser Oper alle Eigentümlichkeiten der deutschen Seele erkennen.«
Sie hatte den »Freischütz« noch nicht gehört, war überhaupt noch nicht oft im Theater gewesen; ihre Kindheit hatte ihr solche Freuden nicht gewährt, und nun beglückte es ihn, wie sie mit frommer Begierde Musik, Wort und Bild in sich einsog, und er war grenzenlos stolz, ihr Führer sein zu dürfen.
Als sie den Heimweg durchs Dunkel antraten, bot er ihr seinen Arm. Das durfte man wagen. Wie leicht sie an seinem Arme hing! Er hätte gewünscht, daß sie sich ganz auf ihn stützte, sich ganz von ihm tragen ließe. Während er ihr von Oberon, Euryanthe und Preziosa erzählte, dachte er ununterbrochen: Soll ich ihr’s jetzt sagen? Nein, nein, lautete die Antwort. Wenn es sie erschreckte, bekümmerte, beleidigte? In welcher Pein würde das arme Mädchen den Rest des Weges zurücklegen; in welche Pein würdest du dich selber stürzen! Du hast heute die Pflicht des Ritters, du hast dafür zu sorgen, daß sie unbehelligt und auf möglichst angenehme Weise nach Hause komme – es wäre ein unzarter Mißbrauch der Gelegenheit, sie jetzt mit einer Liebeserklärung zu überfallen. Beim Abschied vor ihrer Tür, dann willst du’s ihr sagen. Und beim Abschied sagte er:
»Haben Sie tausend, tausend Dank für den wunderschönen Abend!«
»Ich habe Ihnen zu danken!« rief sie. »Der Abend wird mir unvergeßlich sein.« Sie zögerte einen Augenblick. – »Gute Nacht.«
»– Gute Nacht.«
Unmittelbar darauf dachte er: Das war eine Gelegenheit! Sie ist unwiederbringlich verpaßt.
Unwiederbringlich? Wie er es zuvor mit der Methode der Wetten versucht hatte, so versuchte er es jetzt mit der Methode des gemeinsamen Theaterbesuchs. Eine Woche später sollte der »Vampyr« von Marschner gegeben werden. Er hatte eine Schwäche für diese Oper, gerade wegen ihres verschrieenen schaurig-romantischen Stoffes. Er liebte das Düstre, Grauenvolle wie das Sonnig-Behagliche, das starrend Erhabene wie das Komisch-Gemütliche, bis zum Putzigen und Ulkigen herab, wie er alle Tage und Nächte, alle Lichter und Schatten der Welt liebte. Er liebte Dante Alighieri und Fritz Reuter, und er haßte die flachköpfigen Ästhetiker, die beim Aufbau ihrer Systeme immer eines vergaßen, entweder den Dante oder den Reuter.
Frau Mansfeld mocht’ es im stillen unpassend finden, daß ein junges Mädchen mit einem ihm nicht verlobten jungen Manne allein ins Theater ging und sich von ihm nach Hause geleiten ließ. Aber solche Ängste kannte Hilde nicht; sie hatte nur die feine Erziehung, die ein feines Herz gibt. Also holte sie jubelnd ihr Portemonnaie und zahlte Asmussen eine Mark zwanzig auf den Tisch; denn soviel kostete der Eintritt zum dritten Rang.
Aber der »Vampyr« hatte genau dieselbe Wirkung wie der »Freischütz«, insofern, als Asmus sich wieder vor Hildens Tür mit nichts als einem (zwar bewegten Herzens gesprochenen) Danke verabschiedete und sich dann auf dem einsamen Heimwege mit Vorwürfen und nicht gerade schonenden Titulaturen überhäufte.
Und auch der Verfasser kann nicht umhin, hier zum Entsetzen aller Literaturaufseher »die Kunstform zu durchbrechen« und der Leserin zu versichern, daß er ihre Entrüstung über diesen Herrn Semper vollkommen teilt. Aber was soll der Verfasser tun? Er kann seinen Helden nicht anders machen, als er ist.
Endlich brachte ein trüber, wolkenschwerer Novemberabend die Entscheidung.
LI. Kapitel.
»Heute soll es sich entscheiden,« hatte sich Asmus gesagt. Er hatte sie eingeladen, mit ihm in Zacharias Werners »Martin Luther oder die Weihe der Kraft« zu gehen. Er liebte das Stück durchaus nicht, fand es schwülstig, verworren und langweilig; aber jetzt war ihm schon jedes Mittel recht; er wäre mit ihr ins Theater gegangen, und wenn man dort den Jahresbericht der Handelskammer rezitiert hätte. Auf dem Heimwege sprachen sie nur wenig; jede Unterhaltung kam bald ins Stocken; wie eine Vorahnung lag es auf beiden. Sie waren der Wohnung Hildens schon ziemlich nahe, als Asmus, das Herz im Halse, mit leiser Stimme fragte:
»Sind Sie mir eigentlich böse, Fräulein Chavonne?«
»Warum sollte ich Ihnen böse sein?« fragte sie ebenso leise, mit starren Augen geradeausblickend. Und alles, was sie noch sprachen, klang leise wie der Regen, der gleichmäßig herabtroff und gegen den sie keinen Schutz begehrten.
»Sie haben mir eigentlich kein Wort über mein letztes Gedicht gesagt,« begann Asmus wieder. »Da glaubte ich, daß Sie mir zürnten.«
»Wie wäre das möglich?« sprach sie noch leiser, mit bebender Stimme.
Wiederum schwiegen sie eine kurze Weile.
Ihr Kopftuch hatte sich verschoben, und um es zu ordnen, zog sie leise ihren Arm aus dem seinen. Im selben Augenblick ließ er seinen Arm sinken; ihre Hände berührten sich, und Asmus faßte Hildens Hand.
Nun ist es ein seltsames Ding: Arm in Arm gehen die fremdesten Menschen miteinander; aber Hand in Hand gehen nur Kinder und Liebende. Ein höherer Wille hatte ihre Hände ineinander gelegt und gesagt: Ich will, daß ihr euch findet.
Das gab Asmus Sempern einen heiligen Mut, und zitternd sprach er:
»Fräulein Chavonne – haben Sie mich lieb?«
Sie blieb stehen und schien zu wanken. Sie konnte nicht sprechen.
Da legte er den Arm um sie, damit er sie stütze, und sprach noch leiser:
»Hilde, hast du mich lieb?«
Ihr Kopf sank an seine Schulter, und sie sagte: »Ja.«
Und er wagte nicht, ihr den Kopf aufzuheben; denn es schien ihm, daß sie ruhte. Aber dann hob sie von selbst den Kopf und sah ihn aus leuchtenden, weinenden Augen an. Und er zog sie fester an sich und preßte seine Lippen in einem langen, langen Kusse auf ihren edlen, frischen, roten Mund.
Sie waren nur noch zehn Minuten von Hildens Hause entfernt; aber sie brauchten zu diesem Wege noch zwei Stunden. Denn immer wieder gingen sie in weitem Bogen um das Haus herum, obwohl ein unaufhörlicher feiner Regen herabrieselte. Sie freuten sich unbewußt dieses Regens; er kam herab wie sanfte Linderung einer langen Sehnsucht. Es schien ihnen auch, als brauche man nun um nichts mehr zu sorgen, als hätten sie nun des Glückes genug und brauchten nichts mehr als solch ein stilles, seliges ewiges Wandern.
Sie sprachen nur wenig, und wenn sie sprachen, so war es fast immer dasselbe:
»Hast du mich lieb, hast du mich wirklich, wirklich lieb?«
»Ja, ich hab’ dich lieb – so lange schon, ach, wie lange schon.«
Ganz, ganz anders waren sie schon wenige Tage darauf. Frost und Schnee waren hereingebrochen mit Macht, und Asmus schlug ihr einen Ausflug »ins Grüne« vor. Nach dem »Quellental« wollten sie wandern und die Elbe hinab. Ludwig Semper würde zu diesem Ausflug »bei dieser Kälte« lange den Kopf geschüttelt haben, wenn er darum gewußt hätte; aber darin folgte sein Sohn ihm nicht; Winterwanderungen, die liebte er vor allen andern; da gab es einen Kampf mit Frost und Wind, und wenn er dann durchgekämpft war, dann glühte in Wangen und Herzen eine ganz besondere, eine ganz wundersame Wärme auf, die war ganz anders als Lenz- und Sommerglut. Es war eigenes, selbstentzündetes Feuer! Und wie heilig schön die Winterwelt! Seltsam: die ersten Lieder, die der Zauber der Natur ihm entrungen hatte, waren Winterlieder gewesen. Aber er sang sie nicht in Wehmut und Trauer; der Winter war ihm Andacht und Stille, niemals Tod; denn in seinem Herzen glomm wie eine ewige Lampe die Gewißheit des Frühlings. So kam es denn ganz von selbst, daß Asmus, als sie auf frostklingenden Wegen dahinschritten und sein schüchternes Schnurrbärtchen von lauter Eisnadeln starrte, also zu singen anhob:
und daß er erschrak, als Hilde in ein lautes Lachen ausbrach.
»Herr Professor, Herr Professor, es ist Winter!« rief sie; da verstand er sie und lachte nun auch aus vollem Halse; weil sie aber so ganz besonders schön lachte, küßte er sie sieben Mal auf den winterfrischen Mund, und dabei lachten sie, weil das Lied so gar nicht paßte, und ihre Augen wurden feucht, weil es doch so gut paßte.
Nun fand er Gefallen an dieser Antithese, und während der Schnee unter ihren Füßen knirschte, sang er:
und dann warf er ihr ganz sachte und heimtückisch ein Häuflein Schnee zwischen Hals und Kragen.
Sie kreischte auf und schüttelte sich, und dann sah sie ihn mit einem langen Blick, mit einem Lächeln voll Wehmut und Staunen in die Augen. Sie bestaunte dies Wunder einer Fröhlichkeit, die sie in ihrem Leben noch nie gesehen hatte, die sie auch bei ihm nicht vermutet hatte; denn er war ihr meistens in ernster Stimmung entgegengetreten. Diese Lustigkeit berauschte sie, daß sie mit beiden Händen seinen Kopf ergriff und ihm das Gesicht mit Küssen bedeckte. – –
sang er.
»Wo?« rief sie lachend.
Da legte er wieder den Arm um sie und sagte: »Überall. Überall hör’ ich Quellen rauschen. Hörst du sie nicht?«
Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelegt und die Augen geschlossen. »Hier laß mich liegen bleiben und träumen und immerfort deine Stimme hören und gar nicht wieder aufwachen.«
Er neigte sich zu ihrem Ohr, wiegte sie sanft in seinen Armen hin und her und sang mit leiser, leiser Stimme:
Da machte sie langsam – weit – weit die Augen auf, und ihre Augen waren tiefernst.
»Du bist ein böser Mensch,« sagte sie. »Weißt du, daß du ein böser Mensch bist? Ein Zauberer bist du!« und sie riß sich fast ängstlich von ihm los und lief ein groß Stück Weges voraus.
Kurz vor dem Quellental hatte er sie wieder eingeholt und den Arm um ihre Hüfte gelegt. Und so schritten sie andächtig hinein in einen kristallenen Dom von uralten Bäumen.
Hier wohnt ein Gedicht, dachte Asmus; denn die Gedichte wohnten ihm wie Dryas und Oreas in Bergen, Bäumen und Grotten, in Wiesen und Quellen. Wenn es sich zeigen wollte, dachte er. Da hauchte es ihm ins Ohr:
Und Asmus lächelte dankbar und heimlich. Dann kamen sie vor die auf geringer Erhöhung liegende Mooshütte mit der Inschrift: »Hoc erat in votis« und gingen hinein. Aber es war ihnen zu warm und dumpfig drinnen; sie mußten wieder hinaus. Und bei der eingefrorenen Quelle, die am Abhang der kleinen Erhöhung entspringt, warf er seinen Mantel in den Schnee, lud sie zum Niedersitzen und setzte sich ihr zu Füßen. Er mußte heute immerfort singen. Und während von den Zweigen ringsherum von Zeit zu Zeit der Schnee in silbernen Trauben fiel, sang er:
»Eine braune Frau!« rief sie mit anmutig gespieltem Schmollen.
»Eine blonde Frau,« versetzte er.
»Eine braune Frau.«
»Eine blonde Frau.«
»Hast du schon einmal eine blonde Frau geliebt?« fragte sie ängstlich forschend.
»Ich habe keine Frau geliebt vor dir.«
Dann sah sie lange vor sich hin und sagte:
»Wie schrecklich dumm bin ich gewesen.«
»Du?«
»Ja. Weißt du, daß ich einmal furchtbar eifersüchtig gewesen bin?«
»Eifersüchtig?«
»Ja, auf das reizende blonde Mädchen, mit dem du zusammen sangst, auf dem Fest in der ‘Treue’ –«
»Auf die kleine Lizzy?«
»Ja. Ich hatte ja immer geglaubt, daß ich dir gleichgültig sei; aber als ich euch sah und singen hörte, mit solcher Begeisterung, und als eure Stimmen so innig zusammenklangen – das gab mir den Gnadenstoß. Bald darauf verlobte ich mich, weil ich mich von allen verlassen fühlte – aus Trauer – aus Bangigkeit – aus Trotz – ich weiß es nicht mehr.«
»Auch aus Trotz?« fragte er.
»Ja, ja, – o, du darfst mich um des Himmels willen nicht für so gut halten wie du es tust – ich bin lange nicht so gut, wie du glaubst –«
»Du?« sagte er langsam, indem er das edle Oval ihres Gesichtes mit schwärmenden Blicken umschrieb:
Da lachte sie laut auf, und mit warnend erhobenem Finger sang sie:
Asmus sprang auf und warf sich auf die Knie:
»Kein Vogel singt im Eschenbaum,« rief Asmus, »aber das schadet nichts; wir können’s ja selbst.«
Dann sprangen sie auf; Asmus schüttelte seinen Mantel, daß die Flocken stoben, warf ihn sich um und stürmte im Galopp den abschüssigen Weg hinab ins dichtere Gehölz hinein, und im Galoppieren sang er laut:
und als sie ihn einholte und von hinten her die Arme um seinen Hals schlang, da legte er den Kopf zurück, daß Wange an Wange lag, und sang:
LII. Kapitel.
Mit der Bekanntmachung ihrer Verlobung hatten sie es nicht im geringsten eilig; ob die Welt sie für Brautleute hielt oder nicht, war ihnen beiden grenzenlos gleichgültig. Aber seinen Eltern wollt’ er’s nicht länger verbergen, obwohl ihn Zweifel befielen, wie sie es aufnehmen würden. Eigentlich zweifelte er nur an dem Beifall seiner Mutter. Ludwig Semper, das wußte er, so leer ihm das Haus ohne seinen Asmus werden mochte, würde Asmussens Erwählte willkommen heißen, bevor er sie gesehen; aber Rebekka –? Mütter sind eifersüchtig, und überdies war er erst 23 Jahre! Sie wird schelten, dachte er. Aber sie schalt nicht; sie schüttelte nur den Kopf und sagte: »Junge, Junge, du bist ja noch so jung!«
»Aber Mutter!« rief Asmus lachend und faßte sie bei beiden Schultern, »du hast ja auch jung geheiratet!«
»Ja, das war damals auch ganz anders!« rief sie.
Ludwig Semper konnte dieser Geschichtsauffassung nicht beipflichten; er wußte noch, wie junge Herzen schlagen, und sagte, Asmus möge seine Braut am Sonntag nur mitbringen.
Und an diesem Sonntag feuchtete er keinen Tabak an und grübelte er nicht; er hatte seinen guten schwarzen Rock angezogen und ein feines weißes Tuch umgelegt – denn ein gesteifter Kragen durfte ihm nicht an den Hals kommen – und ging munter und aufgeräumt im Hause umher, und wenn er sich allein wußte, sah er mit strahlenden Augen in die Ferne und summte vor sich hin: »Tränen, vom Freunde getrocknet.« Und als es hieß: »Sie kommen!« und die Tür aufging und Asmus rief: »Da ist meine Braut!« da stand Ludwig Semper da wie ein herrlicher, gütiger Nordlandskönig, dem sein Erbe die junge Königin zuführt; er streckte seine warme kräftige Hand aus und sagte nichts als:
»Seien Sie uns herzlich willkommen!«
Aber als sie sein Lächeln sah, mußte sie ihm entgegenlächeln wie sein eigenes Kind, war alle Befangenheit von ihr gefallen wie ein Schleier, wußte sie ganz, daß sie aufgenommen sei in den Frieden des Hauses. Rebekkas Willkommen war ganz anders. Sie rannte geschäftig hin und her und bemühte sich um den Gast, als sei er von einer mehrjährigen Nordpolfahrt heimgekehrt und müsse mit allen erfindbaren Mitteln aufgetaut, gewärmt, getränkt und gespeist werden. Ein bißchen Eifersucht saß ihr wohl trotzdem im Herzen; aber schon beim dritten Besuche Hildens sagte sie ganz von selbst:
»Du bist ein süßes Geschöpf!«
Hilde aber sagte schon nach ihrem ersten Besuche auf dem Heimwege zu Asmus:
»Du, ich will dich nicht mehr; ich will deinen Vater heiraten.«
»Nun ja,« sagte Asmus trocken, »sprechen Sie mit meiner Mutter. Sie ist nun wohl gute vierzig Jahre mit ihm verheiratet und ist mit ihm nie auf einen grünen Zweig gekommen; aber ich glaube nicht, daß sie ihn losläßt.«
»Da hat sie recht,« sprach Hilde, »den gäbe ich auch nicht her.«
Nach einiger Zeit bat sie um die Erlaubnis, »Vater« und »Mutter« sagen zu dürfen, und Ludwig und Rebekka waren froh und stolz, zu ihren acht Kindern noch ein so feines und liebes hinzu zu bekommen. Sie hatten inzwischen noch eine Tochter bekommen, ohne sie zu kennen. Johannes Semper hatte aus Amerika geschrieben, daß er dort ein Weib genommen. Das hatte die Alten gefreut; aber Rebekka hatte dazu geweint und gesagt: »Nun werden wir ihn wohl nicht wiedersehen.« Asmussen schnitt es durchs Herz, als er das hörte.
Bald darauf erfuhr er, warum Hilde sich nach einer Mutter und fast mehr noch nach einem Vater sehnte.
Sie sahen sich zwei- oder dreimal die Woche; und wenn sie nicht spazieren gingen, saßen sie in Hildens Zimmer stundenlang beieinander und waren plaudernd und schweigend miteinander glücklich. Sie bereitete vor seinen Augen den Tee und das Abendbrot, und jedesmal war es ihm, als ob ihre schlanken, weißen und geschickten Hände das einfache Brot und Fleisch in die erlesensten Leckerbissen verwandle. Zu Hause aß er wie ein Schulmeister von energischem Appetit; hier soupierte er bei denselben Speisen wie ein Gourmet.
In manchen Stunden ergötzte er sich daran, ihr die langen, schweren Zöpfe aufzulösen, daß das Haar sie bis zu den Hüften wie ein goldbrauner Mantel umfloß, und im duftig-warmen Schatten ihres Haares küßte er sie, oder er schmiegte sich eine breite Strähne ihres Haares um Hals und Wange und las ihr so ein Gedicht vor, daß er ihr mitgebracht. Selten kam er ohne neue Verse zu ihr, und sie war sein empfänglichstes und unbestechlichstes Publikum. Wenn er geendet hatte und sie ihm freundlich zunickte, dann wußte er, daß das eine vernichtende Kritik war. Wenn ihm etwas Rechtes gelungen war, sah sie ihn mit großen, ernsten Augen und mit zuckendem Munde an, nahm ihm leise das Blatt aus der Hand und las es noch einmal. Und dann bedeckte sie das Blatt mit Küssen, und dann seinen Mund, seine Wangen, seine Augen mit Küssen, und dann barg sie das Blatt auf ihrer Brust, und er wußte, daß sie es wochenlang auf ihrem Herzen trug wie ein Amulett, bis es von einem andern abgelöst ward.
Manchmal auch sangen sie, einzeln oder zu zweien, und dann sang er die Oberstimme, und sie sang mit einem vollen weichen Alt die Begleitstimme; so klang es besser als umgekehrt. Und einmal, als sie allein sang, sang sie:
Als sie geendet hatte, fragte er: »Liebst du das Lied?«
»Ja. Ich liebe den ganzen Zyklus unbeschreiblich.«
»Die Verse oder die Musik?«
»Beides. Aber die Verse noch weit mehr als die Musik. Sie sind nach meiner Meinung das Schönste, was von der Frau gesungen werden kann.«
»Ja. Mir scheint auch, er hat die Frau nicht besungen, er hat sie gesungen. Das Weib, das in diesen Versen dasteht, überragt Gretchen und Klärchen an Schönheit, Lieblichkeit und Größe; es ist von klassischer Hoheit, aber es ist nicht antike, es ist deutsche Klassik. Wir haben überhaupt nur wenig so deutsche Dichter wie diesen Franzosen. Da fällt mir ein: ich wollte dich immer schon fragen, woher dein französischer Name stammt.«
»Meine Urgroßeltern väterlicherseits wohnten im Elsaß.«
»Ah – daher dein französisches Aussehen.«
»Hast du’s nicht gern?«
»Ich glaube, den Beweis erbracht zu haben. Du bringst das Kunststück fertig, pikant und deutsch zu sein.« Und dann rezitierte er leise:
»Heute gibt es nicht wenig Frauen, die darüber lachen und höhnen,« sprach er.
»Kann man anders empfinden, wenn man liebt?« fragte sie. »Ich wenigstens kann mir keine andere Liebe denken.«
»Und eine Frau, die so empfindet,« fuhr er fort, »wird im Hause des Mannes die stolzeste der Frauen sein, sie wird der ‘Stern der Herrlichkeit’ sein, zu dem Mann und Kinder in der Stille ihres Herzen beten, zu dem sie aufblicken, wenn sie den Glauben an die Welt verloren haben und wiederfinden möchten.«
»Muß sie dann nicht eine Heilige sein?«
»Nein, so wenig wie je ein Mann die Verehrung verdienen kann, die aus den Frauenliedern Chamissos klingt. Nicht das entscheidet ja, was wir sind – du lieber Gott, wo bliebe ich! –, sondern wie sehr wir geliebt werden, das entscheidet. Das ist die Wahrheit des Christentums, daß uns Liebe erlöst.«
»Asmus,« rief sie ängstlich, »ich zittere und bange, wenn du mich über dich erhebst. Wenn du wüßtest, wie wenig ich das verdiene –«
»Zittere und bange nur,« rief er, »ich habe Mut, wenn ich dich ansehe, einen Mut, einen Mut –«
Er riß sie jauchzend an sich und küßte sie, daß sie aufschrie.
Und einmal, als er so bei ihr saß, in ihrem Nähkästchen kramte und mit allerlei zierlichen Büchschen und Kästchen spielte, die er darin fand, holte er einen Glasmarmel daraus hervor, eine durchsichtige Glaskugel, in der man eine geflügelte Gestalt, eine Fortuna, wie es schien, erblickte.
»Sieh da,« sagte er, »genau solch einen Marmel hab’ ich auch einmal besessen. Eigentlich ein hübsches Symbol, wenn ich es jetzt betrachte. Die Glücksgöttin nicht über der Welt, sondern in der Welt, sie selbst nur ein Stück der rollenden Notwendigkeit ...«
»Ich weiß eigentlich selbst nicht,« sagte sie lächelnd, »warum ich ihn immer aufgehoben habe. Wenn man solch ein Ding lange bei sich verwahrt hat, ist es gerade, als hätt’ es ein Recht an uns erworben, und wenn man es wegwerfen will, ist es, als säh es einen vorwurfsvoll an, und man kann es nicht aus den Fingern loswerden. Ich hab’ ihn vor vielen Jahren von einem kleinen Jungen bekommen.«
Sie sagte das, indem sie sich auf ihre Näharbeit bückte; aber es war ihr, als zöge eine geheime Kraft ihren Kopf empor, und als sie aufblickte – wirklich, da starrte Asmus sie an mit einem Blick, der aus der Ferne einer längst vergangenen Zeit zu kommen schien.
»Von einem kleinen Jungen hast du ihn bekommen?« sprach er langsam. »Wann? Wo?«
»Ja, wenn ich das noch wüßte! – Was hast du? Warum bist du –«
»Bitte, frag’ mich jetzt nicht – sag’, wann es war und wo?«
»Ja – zwölf Jahre ist es zum mindesten her – ich weiß nur noch: ich saß auf der steinernen Treppe vor einer Gastwirtschaft und wartete auf meinen Vater, der erledigte drinnen ein Geschäft, da kam der kleine Junge und schenkte mir den Marmel.«
»Hilde,« rief Asmus mit seltsam leuchtenden Blicken, »sah der Junge aus wie ein kleiner, dicker Asmus Semper?«
Hilde starrte ihn sprachlos an.
»Hilde,« rief er, »du hast einen Onkel in Griechenland –«
»Ich hatte ihn – er ist tot –«
»Den nannte man den ‘König der Mainotten’!«
»Ja!«
»Hilde! Wir haben uns also vor zwölf Jahren schon gesehen! Der kleine Junge war ich! Vor zwölf Jahren schon sind wir uns begegnet.« Er war so bewegt, daß er aufspringen und auf und ab gehen mußte. Und er erzählte ihr, wie wundersam ihn damals die Begegnung mit dem lieblichen, traurigen Kinde ergriffen habe, wie er wochenlang fast täglich nach der Wirtschaft zwischen den Bahndämmen in Oldensund gelaufen sei, um die »Königin der Mainotten« wiederzufinden – denn sie hatte erzählt, der Onkel wolle sie zu seiner »Königin« machen – wie er sie niemals wiedergesehen, aber wie ihre Erscheinung und ihr Wesen ihn mit einem jahrelang nachleuchtenden, tröstenden Licht erfüllt habe.
»Hilde! Hilde!« – –
Und ihr Gespräch ward ein leises, trauliches Fragen und Erzählen; sie erzählte ihm die Geschichte ihres Lebens. Was sie nicht erzählte, das ergänzte er sich leicht aus dem Zwange der Tatsachen und aus dem, was er früher von ihr und von andern gehört. Und immer wieder fühlte Asmus mit Beschämung, wie sehr ihn von je das Glück begünstigt habe, schon dadurch, daß er bis heute zwei liebende und geliebte Eltern besessen, und wieviel mehr der Kraft, des Mutes, der Liebe das Leben von ihr gefordert hatte als von ihm!
LIII. Kapitel.
Napoleon und sein Marschall Davoust hatten den Urgroßeltern Hildens ihr Glück zerstört. Diese hatten zu den 20 000 gehört, die man zu den Toren Hamburgs in Hunger und Kälte hinausgejagt, und Hildens Urgroßvater war unter denen gewesen, die auf dem Wege nach Oldensund zugrunde gegangen. Die seelenstarke Frau hatte selbst den toten Gatten bis nach Oldensund getragen, und dort hatte er teilgenommen an jenem ewig klagenden Grabe, das Friedrich Rückert besungen hat.
Über diesen Rasen war Asmus in früher Kindheit spielend dahingesprungen – wie manchesmal!
Die arme gute Großmutter, die das Elend der Eltern schaudernd miterlebt und früh den Gatten verloren hatte, war ein Stern in Hildens Jugend gewesen. Eine kindlich-fromme Frau, die ihren Glauben nicht als eine Tugend, sondern als ein Geschenk ihres Heilandes empfand, lehrte sie ihre Enkelkinder beten und geistliche Lieder singen. Aber nicht nur geistliche Lieder sang sie, sie sang:
und sobald sie das sang, stand die kleine großäugige Hilde an ihren Knien und trank ihr das Lied von den Lippen, und sie wußte, wenn die Großmutter das sang, dann erzählte sie auch bald von der Franzosenzeit und von lieben Toten. Unter dem Herzen dieser Frau hatte Hildens Mutter gelegen, und die grenzenlose Güte dieses Herzens war auf die Tochter übergegangen, nicht aber seine Festigkeit und Stärke. Hildens Mutter gehörte zu jenen Menschen, die aus Gutmütigkeit heiraten können und ihr Mitgefühl mit dem Werbenden für Liebe nehmen. Sie war wehrlos in der Hand ihres Mannes.
Dieser Mann war der schwere, ewig lastende Schatten in Hildens Kindheit. Er war ein Selbstling von jener Art, die in Gegenwart eines vor Hunger Sterbenden einen Kapaun mit Genuß verzehren kann, die vielleicht ein Stückchen hergeben würde, wenn man sie daran erinnerte, aber nie von selbst auf diesen Gedanken verfällt. Als »Kaufmann« – er vertrieb als eine Art Stadtreisender allerlei Dinge für andere Geschäfte – dejeunierte, dinierte und soupierte er in besseren Restaurants und empfand es wie eine Niedertracht von seiner Frau, daß sie immer wieder Mittel für den Haushalt verlangte. Die wenigen Bissen aber, die er den Seinen hinwarf, würzte er ihnen mit hämischen, kränkenden Reden, und wenn er vollends angetrunken nach Hause kam, dann konnte er stundenlang immer in derselben Sofaecke sitzen und immer dieselben peinigenden Bosheiten wiederholen.
Es war ein schlimmer, schlimmer Tag gewesen, als aus diesem Hause die Großmutter für immer geschieden war. Und nicht zu mahnen brauchte man die Kleine, daß sie hingehe und die Blumen auf dem Grabe der Heimgegangenen begieße! An jedem Tage der milderen Jahreszeit machte sie sich unaufgefordert auf den Weg nach dem Friedhof. Und wenn sie ihr frommes Werk getan hatte, setzte sie sich auf das Gitter des Grabes und dachte daran, wie schön die Großmutter gesungen hatte:
Und bei dem Wort »Bahre« sah sie immer die Großmutter auf der Bahre liegen, und dann mußte sie weinen. – Neben der Großmutter lag auch die Tante Romona, die wunderschöne Spanierin Romona Viego, die mit 24 Jahren schon acht Kinder gehabt hatte, und das jüngste lag ihr im Arm. Das war eine gefeierte Sängerin gewesen, und als die kleine Hilde einmal die herrliche Frau gesehen hatte, auf dem Divan liegend, ganz in weißen Gewändern und eine Zigarette rauchend, da war sie ihr als die oberste und heiligste aller Frauen erschienen. Das Grab der Tante Romona pflegte sie auch, und dann wandelte sie oft stundenlang zwischen den Hügeln des Friedhofes schauend und sinnend umher und fühlte sich heimischer als in der Gegenwart ihres Vaters.
Zwischen diesem Manne und seiner ältesten Tochter war ein Gegensatz von Ewigkeiten her. Ihr Wesen war von jenem Adel getragen, dem am letzten Ende doch mit aller Brutalität nicht beizukommen ist, der wie eine uneinnehmbare innere Festung das Herz umgibt. Das aber ärgerte ihn, reizte ihn, und er schalt sie hochmütig, übergeschnappt und verhöhnte ihren regen Bildungstrieb. Sie duldete tapfer an der Seite ihrer Mutter und half ihr heimlich, soviel sie konnte, in ihren Ängsten und Nöten. Ihrem stolzen, wahrheitsliebenden Wesen war alle Heimlichkeit zuwider; aber sie begriff, daß es gegen einen gemeinsamen Feind zusammenzustehen galt. Und sie fürchtete ihn; er hatte sie wiederholt geschlagen. Einmal hatte er sie geschlagen, als sie bis spät in die Nacht das Haus hatte hüten müssen und eingeschlafen und durch langes Klopfen und Rütteln an der geschlossenen Haustür nicht zu erwecken gewesen war. Da, als sie wieder einhüten sollte und der Vater ihr streng befohlen hatte, weder zu schlafen noch sich einzuschließen, setzte sie sich an die Haustür, lehnte den Kopf dagegen und schlief beruhigt ein. Wenn die Haustür aufging, mußte sie ihren Kopf treffen, und dann mußte sie sicher erwachen. Als die Eltern sie so fanden, erklärte die Mutter, daß sie nicht wieder ausgehen werde, wenn das Kind nicht zu Bett gehen dürfe, was ihrem Gatten zu sehr ausgedehnten und sehr ironischen Bemerkungen Anlaß gab.
Nur nach langen Kämpfen und unter verletzend spöttischen Glossen hatte er zugegeben, daß Hilde dem dringenden Rat ihrer Lehrer folge und ins Präparandeum eintrete. Und bald nachdem dies geschehen, hatte er seine Familie verlassen. Er gab ihnen keinen Pfennig zu ihrem Unterhalt; aber dennoch wünschten sie ihn nicht zurück; trotz allem Mangel und aller Sorge schien es ihnen, als wäre der Himmel heiterer geworden. Mit treu vereinten Kräften schlugen sie sich durch. Aber dann wurde die Mutter krank und kränker, und endlich lag sie ein ganzes Jahr lang auf dem Schmerzenslager. Nun mußten sie den Gatten und Vater doch an seine Pflicht gemahnen, und auf Mahnen und Drängen kam er ihr halbwegs und mit Verwünschungen nach. Hätte Hilde nicht eine Freundin gehabt, die ihr oft geholfen, so hätte sie das Seminar verlassen und einen Dienst annehmen müssen. Aber es kam der Tag, da sie mit drei kleineren Geschwistern am Sarge der Mutter stand. Da plötzlich erschien auch eine Tante mit ihren Töchtern und mit Trauerkränzen, und siehe, sie erhoben ein mehrstimmiges, schallendes Klagegeheul.
»Geht hinaus!« sagte Hilde.
Die Tante glaubte nicht recht zu hören.
»Drei Jahre hat sie gelitten, und Ihr habt Euch nicht um sie und nicht um ihre Kinder gekümmert. Geht hinaus und nehmt Eure Kränze mit.«
Und die Klageweiber schlichen betreten mit ihren Kränzen davon.
Ein Bruder ihrer Mutter gab ihnen nun das Notdürftigste zum Leben. Die Verstorbene hatte immer darauf gehalten, daß ihre Kinder, wenn es irgend zu erschwingen war, am Sonntag einen Kuchen bekämen. Und eines Sonntags kaufte Hilde ihren Geschwistern für wenige Pfennige ein paar Kuchen, weil sie die verlangenden Blicke der Kleinen nicht ertragen konnte. Das hörte der Onkel und überhäufte sie mit Vorwürfen, daß sie nichts verdiene und fremdes Geld noch obendrein vergeude. Da beschloß sie, ein Ende zu machen. Sie ging zum Armenpfleger und sorgte dafür, daß ihre Geschwister bei wackeren Leuten ihrer Bekanntschaft untergebracht würden. Und dann ging sie zum Seminardirektor, um ihren Austritt aus dem Seminar anzumelden. Sie wollte einen Dienst annehmen, und wenn es der niedrigste wäre. Nur nicht mehr von der Gnade der Menschen abhängen!
Herr Direktor Dr. Korn war noch im Schlafrock und Pantoffeln; aber er dachte nicht daran, diese Toilette einer jungen Dame wegen zu ändern.
»Was wünschen Se?« fragte er unwirsch.
Sie erklärte, daß sie auszutreten wünsche.
Er starrte sie an und sagte: »Se sind wohl nicht recht jescheit. Jetzt, wo Se ’n halbes Jahr vor der Prüfung stehen?«
Sie erklärte ihm, daß sie müsse und warum sie müsse.
»Hm. Und wat woll’n Se denn jetzt anfangen?«
»Irgendeinen Dienst annehmen.«
»I Jott bewahre. Det jiebt’s nich. Wir lassen Se nich los. Wir jeben Ihnen in einem unserer Schulhäuser ’ne Wohnung, umsonst, mit Feurung. Für’s Essen wird sich auch Rat finden. Und vielleicht läßt sich auch noch irgendwo ’n kleines Stipendium losmachen.«
Hilde hatte Mühe, ihre Tränen zu unterdrücken.
»Also austreten is nich. Det schlagen S’ sick man aus’m Kopf.«
»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Herr Direktor,« stotterte Hilde.
»Is auch jar nich nötig. Halten Se man’n Kopf hoch.«
»Vielen, vielen Dank, Herr Direktor.«
»Bitte« sagte Korn nicht; all dergleichen Überflüssigkeiten verachtete er.
So war nun der äußersten Not gewehrt, aber freilich nur der äußersten. Wohl hatte sie sechs Freitische: aber die Woche hatte noch immer sieben Tage, und auch am Morgen und am Abend empfindet der Mensch ein Bedürfnis nach Nahrung. Damit nun ihre Mitschülerinnen nicht auf den Gedanken verfielen, daß sie nichts zu essen habe, versagte sie sich das Abendbrot: dann hatte sie ein paar Groschen für ein Frühstück. Auch war es für ein siebzehnjähriges Mädchen ein unheimliches Wohnen hoch oben in dem verlassenen Schulhause, und in verzweifelten Augenblicken flüchtete sie sich in den Keller, an den Herd der Schuldienerfamilie. Aber es kam die Prüfung, die sie mit Auszeichnung bestand, und mit ihr kam das befreiende Gehalt von achthundert Mark pro anno. Als sie die erste Vierteljahrsrate empfangen hatte, zahlte sie zunächst alle ihre Schulden, und dann ging sie hin und kaufte für die Schuldienerfrau ein Geschenk, weil sie der Meinung war, daß man erwiesene Freundlichkeiten vergelten müsse, sobald man die Mittel dazu habe. Ihre Sympathie mit Ludwig Semper war nicht ohne einen tiefen Grund.
Inzwischen aber war der reiche Onkel in Griechenland gestorben, der Besitzer großer Marmorbrüche, der »König der Mainotten«, der einmal gesagt hatte, wenn Hilde groß sei, solle sie seine Königin werden. Wie ein Meteor war er damals aufgetaucht und verschwunden. Nun war er tot, und alle Verwandten reisten nach Griechenland, um die Erbschaft in Empfang zu nehmen, nur die Chavonnes nicht; denn die hatten kein Geld zum Reisen. Und nach einiger Zeit hieß es, die Chavonnes seien bei der Erbschaft ausgefallen, der Onkel habe sie in seinem Testament nicht bedacht. Um ihrer Geschwister willen ging Hilde zu einem Anwalt, und der erklärte, wenn man viel Geld habe, könne man nach Griechenland prozessieren. »Das haben wir nicht,« sagte Hilde und ging mit dem ruhigsten Herzen von der Welt von dannen. Sie war ja imstande, sich selbst zu helfen; ihre Schwestern hatten ihr Auskommen, und ihren Bruder, der ein Handwerk lernte, konnte sie immerhin mit Taschengeld versorgen. In solcher Vermögenslage sich mit den Verwandten um Geld schlagen? Wozu?
Auch bekam sie ja Privatstunden, mehrere Privatstunden an der Schule einer unglaublich frommen Schulvorsteherin. Aber Hilde hatte nicht mehr die Frömmigkeit der Großmutter; eine andere Frömmigkeit war in ihr emporgewachsen. Und als die gute alte Dame, die die junge Lehrerin ob ihres Wissens und ihres Lehrgeschicks nicht genug rühmen konnte, ihr auch den Geschichtsunterricht übertragen wollte, da lehnte sie ab.
»Das kann ich nicht,« sagte sie. »Ich habe gehört, wie Sie den Geschichtsunterricht erteilen. Sie geben einen frommen Geschichtsunterricht; überall sehen Sie Gottes Fügung. Das – das kann ich nicht. Wenigstens so nicht.«
Da sah das kleine alte Fräulein Paulsen geraden Blickes hinauf in Hilde Chavonnes weit offene, dunkelleuchtende Augen und sagte: »Geben Sie nur ruhig den Geschichtsunterricht. Was Sie tun, kann nicht schlecht sein.«