Als Hilde geendet hatte, ergriff Asmus leise ihre Hand und bedeckte sie mit langen, andächtigen Küssen. Das viele Leid, das sie erlitten, hatte sie ihm zwiefach geheiligt. Er unterschied sich insofern gewiß nicht von anderen Menschen, als ihm Geld und Gut keineswegs zu den unnötigen und unerfreulichen Dingen gehörten; aber doch schien es ihm, daß er dies Mädchen um seiner Armut und seiner Kämpfe willen nun doppelt und dreifach liebe. Auch war die Armut etwas, das nun mit jedem Tage mehr schwinden mußte. Nächste Ostern bekam er schon 1600 Mark Gehalt; dann wollten sie heiraten.
»Was? Ostern wollt ihr schon heiraten?« rief Frau Rebekka.
»Bald nach Ostern, ja.«
Das schien gar nicht nach Rebekkens Sinne zu sein.
»Ich laß euch deshalb ja nicht im Stich,« sagte Asmus. »Hab’ deshalb nur keine Sorge.« Von den 1600 Mark und von den 200 Mark, die er mit Privatstunden verdiente, konnte er seinen Eltern ja leicht noch abgeben, ohne daß er und sein Weib Mangel litten.
Die 200 Mark waren allerdings ein hartes Brot. Wenn er in seiner Schule fertig war, hastete er nach einer »Höheren Töchterschule«, um dort im Singen und im deutschen Aufsatz zu unterrichten. Es waren richtige »höhere« Töchter, das heißt sie hatten das Bewußtsein, zu den höheren Dingen zu gehören. In den sogenannten besseren Hamburger Familien ist der Klassendünkel nicht selten bis zur vollkommenen Verblendung entwickelt, und dieser traditionelle Geist oder Ungeist überträgt sich auf die Kinder. Es waren wohl liebe und gescheite Mädchen darunter; eine große Anzahl aber ging von dem Grundsatze aus: »Wie kämen wir dazu, zu antworten und uns anzustrengen; unser Vater bezahlt ja.« Asmus kam bald dahinter, daß seine Meinung, die wohlgepflegten Kinder reicher und »guter« Familien zu unterrichten und zu erziehen, sei keine Kunst, ein ganz erheblicher Irrtum gewesen war. Im Gegenteil; er stieß hier gelegentlich auf raffinierte Niederträchtigkeiten und herzlose Tücken, die weit betrübender und hoffnungsloser waren als die Roheiten seiner Schüler aus der Hafengegend. Dazu waren die Machtmittel des Lehrers hier geringer. Einen Lümmel unter den Jungen nahm man, wenn’s not tat, beim Ohr oder versetzte ihm eine Ohrfeige – er hielt den Körper eines Schlingels nicht für unantastbar und erinnerte sich sehr gut, daß manche der Schläge, die er als Junge empfangen, ebenso begründet als nützlich gewesen waren – aber dergleichen Mittel waren bei Mädchen freilich ausgeschlossen. Obendrein standen die meisten seiner Schülerinnen im zwölften oder dreizehnten Lebensjahre, das will sagen: in den weiblichen Flegeljahren. Er bemühte sich, seinen Unterricht so anziehend wie möglich zu gestalten; aber eine ganze Reihe dieser Damen war gleichwohl von der Existenzberechtigung eines Lehrers nicht zu überzeugen. Endlich fand er dennoch ein Mittel, sie zu bändigen. Wenn eine sich mit besonderer Wohligkeit auf den passiven Widerstand verlegte, so las er einfach der Klasse ihren Aufsatz vor. Das half. Wenn er las:
»Antigone hatte sich an dem zarten Bande ihres Schleiers emporgeknüpft,« oder »Schiller setzte dem wackeren Pfarrer Moser in seinen »Räubern« ein Denkmal, indem er den Räuberhauptmann nach ihm benannte,« oder »Er konnte den unbequemen Laut seines Innern nicht zum Schweigen bringen«; und wenn dann alles in stürmische Heiterkeit ausbrach (auch die, die Schlimmeres geschrieben hatten), dann fühlten sie doch etwas wie das Walten einer Nemesis. Asmus hatte entdeckt, daß die weibliche Seele außerordentlich empfindlich ist gegen den Spott, und von nun an brauchte er nur zu sagen:
»Bertha Klapp, ich werde nächstens wieder einen Aufsatz vorlesen –« dann wurde Bertha ohne weiteres umgänglich.
Von solchen und anderen Strapazen erholte er sich, indem er sich unter Hildens Oberaufsicht zum zweiten Examen vorbereitete, zu jenem Examen, das die feste Anstellung gewährleistete. Es war die lustigste und erfrischendste Büffelei von der Welt. Sie pilgerten hinaus in jenen anmutigen Garten »Zum Morgenstern«, wo sie sich um Erika und Calluna gestritten hatten, setzten sich in eine Laube und tranken Kaffee. Dann gab er ihr den betreffenden Schmöker in die Hand, und sie fragte ihn mit redlichem Eifer, was darin stand. Es war eine der schwersten Prüfungen, die man sich denken kann, viel schwerer als die gewöhnlichen; denn gewöhnlich haben die Examinatoren nicht solche Augen, solche Nase, solche Wangen, solchen Mund, solches Haar, solche Stimme! Eine Stunde wohl und länger gab er ihr treulich auf alles Bescheid, bis ihm die Sache doch zu unnatürlich wurde.
»Einen Schluß nach Celarent,« verlangte sie von ihm.
»Einen Schluß nach Celarent? Bon!«
Kein Weib ist schön (nach Schopenhauer)!
Alle Hilden sind Weiber.
Also keine Hilde ist schön.«
Sie drohte mit dem Finger. »Herr Semper? Ich werde Sie durchfallen lassen!«
»Ach bitte, Herr Professor, lassen Sie mich nicht durchfallen, ich möchte so gern heiraten!«
»Haha, heiraten wollen Sie? Wen denn?«
»Ein entzückendes, ein wonniges, ach Gott, ein – Sie haben ja keine Ahnung, Herr Professor. Erlauben Sie, daß ich Sie küsse –«
»Was fällt Ihnen ein!« Sie stieß ihn auf seinen Platz zurück. »Bilden Sie einen Schluß nach Darii!«
»Nach Darii? Wie Sie wollen.
Alle Basen färben rotes Lackmuspapier blau.
Hilde ist eine Base.
Also färbt Hilde rotes Lackmuspapier blau.«
Dann sah sie wohl ein, daß mit ihm nichts mehr anzufangen sei; sie klappte lachend das Buch zusammen und schlug ihm damit auf die Finger.
»Lieber, süßer Professor,« rief er, »die Logik, die Sie mir da abfragen, ist ja der gottvergessenste formalistische Quatsch, ist ja das blankste scholastische Blech von der Welt! Bevor ich etwas davon wußte, hab’ ich genau so konsequent gedacht wie jetzt, oder konsequenter. Ach bitte, Herr Professor, tun Sie Ihr Täschchen auf und geben Sie mir vom Brote des Lebens.«
Dann verzehrten sie den Proviant, den Hilde mitgebracht und den sie mit gewohnter Delikatesse bereitet hatte; er ließ es sich mit Ausdauer schmecken und meinte: »Die Brotgelehrten haben doch nicht so ganz unrecht.«
Zu solchen Stunden brachte er wohl auch trotz aller Examenbüffelei ein Gedicht mit, und eines Tages brachte er ihr eins, das eine »hartnäckige Liebe« besang.
Sie lachte, als er geendet hatte, und dann nahm er noch einmal das Blatt und schrieb mit Bleistift oben über das Gedicht:
In Schauern der Ehrfurcht gewidmet.«
Da lachte sie noch herzlicher, und ihr Lachen führte immer unfehlbar zum Küssen. Vom Küssen kamen sie dann wieder ins Lachen, kurz, es war der alte wohlbekannte circulus vitiosus der ja in der Logik eine wichtige Rolle spielt.
Es kann nicht von allen Szenen dieser Art berichtet werden, um so weniger, als sie für den älteren Leser eher ärgerlich als unterhaltend sind. Nur so viel sei gesagt: Sie liebten sich so zärtlich, daß sie die zärtlichen Worte und Kosenamen unseres Sprachschatzes längst verbraucht hatten und, wenn sie ihre ganze Liebe in ein recht von Grund aus erschöpfendes Wort pressen wollten, zu Injurien greifen mußten. Wenn er sie zu hart angefaßt hatte, rief sie mit einem goldenen Lachen in den Augen: »Du Gassenjunge du, du Rowdy!« und er flüsterte mit überquellendem Jubel: »Du Hexe du, du Teufelsweib!« und meistens, wenn sie dergleichen gesagt hatten, kam gerade der Kellner. Asmus Semper war damals noch recht unbekannt, sonst würde gewiß eines Tages in den Zeitungen gestanden haben, daß er und seine Braut sich »Hexe« und »Gassenjunge« schimpften.
Wenn sie dann nach der hochnotpeinlichen Prüfung an die Elbe hinunterwanderten, sich in den Sand streckten und die Schiffe kommen und gehen sahen, wenn Hilde heimlich herbeischlich, ihr Gesicht leise über das seine neigte und ihn küßte, wenn dann alles Glück der Kindheitserinnerung mit dem Glück der Gegenwart in Asmussens Herzen zusammenschmolz, dann mußte er laut oder schweigend ein Dankgebet sprechen. Er, dem in trüben und schweren Tagen nie der Gedanke an einen persönlichen, väterlich waltenden Gott kam, in Augenblicken überwältigenden Glückes hatte er das Bedürfnis nach irgendeinem Wesen, dem er danken könne, und unter Lachen und Tränen rief er stumm oder mit lautem Jubel in den Himmel hinauf: »Herrgott, du verwöhnst mich, du verwöhnst mich entschieden! Lieber Gott, laß mich nicht ersticken in meinem Glück!«
LV. Kapitel.
Nach dem zweiten Examen wollte Murow, der Seminardirektor, ihn an die Seminarschule ziehen. Aber Asmus lehnte abermals dankend ab.
Und bald darauf machten die beiden sich auf, eine Wohnung zu suchen. In einer westlichen Vorstadt Hamburgs, in einem Hinterhäuschen, fanden sie zwei Zimmer, eine Kammer und eine Küche. Als sie diese Räume sahen, waren sie mit einem einzigen Blicke einverstanden: Hier kann das Glück wohnen. Als Asmus dem Hauswirt den »Gottespfennig« in die Hand drückte, war der erstaunt über die Größe des Geldstücks. Es war ein Taler. Heute konnte Asmus es sich leisten, Grundeigentümer zu beschenken. Er war dem Manne so dankbar, daß er ihm die reizende Wohnung abgelassen hatte!
Als er aber für einen Aufsatz, den er in einer Zeitschrift veröffentlicht hatte, ein ansehnliches Honorar empfangen hatte, schenkte er der Geliebten ein Kleid von weißer Seide, und ihre Kolleginnen und Freundinnen schenkten ihr dazu einen Einsatz von köstlicher Stickerei. Wie eine Königin sollte sie aussehen.
Die Ausstattung der künftigen Wohnung war ein ununterbrochenes Fest. Jeder Stuhl und jedes Kissen war eine Freude für sich, und wenn sie ein Dutzend Teller kauften, so waren es zwölf Freuden auf einmal. Als aber am Abend vor der Hochzeit die Freundinnen zu Hilden in das künftige Heim kamen, um die letzte Hand an den Brautputz zu legen, siehe, da hatte der treuherzige Handwerksmann die längst versprochenen Sitzmöbel noch immer nicht geliefert. Kurz entschlossen setzten sich die Mädchen in einem Kreis um Hilden herum auf den Fußboden und durchflochten ihr heiteres Werk mit Lachen und Singen.
In einem Gartenlokal am Elbufer sollte die Hochzeit gefeiert werden. Nicht umsonst zog es ihn in heiligen Tagen seines Lebens immer wieder an diesen Strom; auf seinen Fluten war die Seele des Knaben und des Jünglings von je in alle Fernen der Hoffnung gewandert.
Mit Wolken und leisem Regen begann der Hochzeitstag, und auch, als sie aus dem Wagen stiegen, regnete es ein wenig. »Es regnet in die Brautkrone,« sagte eine abergläubische Verwandte, »das bedeutet Glück«. Und dann ward es ein stiller, wolkenloser, in seiner eigenen Schönheit seliger Maientag.
Ludwig Semper und Goers der Riese waren Trauzeugen gewesen, und als nun Goers, der Gütige, sich zu einem Trinkspruch auf das Brautpaar erhob und ihm aus treuem, lauterem Herzen eine Schar von blühenden Kindern wünschte, da errötete Hilde wohl, aber nicht in Unwillen, sondern in einem wirbelnden Gefühl von Scham und Glück.
Und als sie noch beim bescheidenen Mahle saßen, erklang plötzlich ein langer, sanfter Geigenton; die Türen des kleinen Saales taten sich auf, wie von Geisterhand geöffnet, und von einem feinen und sauberen Streichquartett klang es herein:
Und am Pulte des ersten Geigers saß niemand anders als Morieux.
Asmus war aufs freudigste ergriffen von diesem zarten Geschenk; die Streicher wurden im Triumph an den Tisch geholt, und als alle genug gegessen und getrunken hatten, erhob man sich zum Tanz. Asmus und Hilde aber bestiegen den lange schon wartenden Wagen zur Hochzeitsreise nach dem Hinterhäuschen in der westlichen Vorstadt.
Als sie an seinem Elternhause vorüberfuhren, neigte er sich ans Wagenfenster und sah so lange hinaus, bis das Haus seinen Blicken entschwunden war. In diesem Augenblick fuhr ihm wie ein Blitz ein künftiges Gedicht durchs Herz, und einige Tage später schrieb er es auf.
LVI. Kapitel.
Wenn Semper der Ehemann sich einen neuen, herzerquickenden Kunstgenuß bereiten wollte, dann lustwandelte er durch seine zwei Stuben, seine eine Kammer und seine Küche. Sie schimmerten und flimmerten, daß er sich nicht satt schauen konnte, und der phantasievolle Schloßherr der bayrischen Königsschlösser konnte mit seinen ungezählten Millionen keine tiefere Befriedigung gewonnen haben als der junge Schloßherr in der westlichen Vorstadt. Als Knabe hatte er einst geträumt, wenn er reich werde, wolle er sich ein großes Schloß bauen mit hohen Bogenfenstern und Marmorsäulen und Marmortreppen. Das war nun Wirklichkeit geworden, ohne Marmor und Bogenfenster, und doch alle Luftschlösser übertreffend. Wenn er auf dem Sofa lag und die Blicke über Wand und Decke, Schrank und Bücherbrett wandern ließ, und wenn er sich dann den ärmlichen Hausrat des Elternhauses vorstellte, dann dachte er: ich bin ein Emporkömmling; mit rasender Geschwindigkeit bin ich emporgekommen. Er erinnerte sich, gelesen zu haben, daß innerhalb desselben Geschlechtes nach einem Aufstieg mit einer gewissen Regelmäßigkeit eine »Decadence« der folgenden Generationen eintrete, und mit Wehmut erfüllte ihn der Gedanke, daß spätere Nachkommen von ihm gezwungen sein könnten, diese strahlende Höhe wieder zu verlassen. Er wußte freilich noch gar nicht, ob er überhaupt Nachkommen haben werde.
Nun war aber an seiner ganzen Wohnstatt ganz gewiß nichts Kostbares im alltäglichen Sinne, und manche Frau trug in einem Ohrläppchen ein weit größeres Vermögen, als dieses ganze Schmuckkästchen mit allem, was darin war, gekostet hatte. Was dieser Heimstatt für die Seele des jungen Mannes den unnennbaren Glanz gab, das war sein Glück; was ihr aber auch für das Auge Schönheit verlieh, das war Hildens Hand. Nicht umsonst war sie die Jahre hindurch, als die Mutter krank lag, das alles umsorgende, alle betreuende Hausmütterchen gewesen. Und die Mutter war wie die Mutter des Goetheschen Gretchens gewesen. »Bei der Frau Chavonne kann man vom Fußboden essen,« hatte es bei den Nachbarinnen geheißen, und Nachbarinnen sind streng. Diese Tradition hielt Hilde aufrecht. Und wie es nun einmal wahr ist, daß die Grazien den, den sie lieben, in keiner Lage und zu keiner Stunde verlassen, so blieb ihre Anmut ihr auch bei den gröbsten Verrichtungen treu. Und sie durfte vor grober Arbeit nicht zurückscheuen; denn fremde Dienste konnten sich die jungen Semper nur als seltene Aushilfe gestatten. Aber sie dachte auch nicht daran, vor irgendeiner Arbeit zurückzuschrecken; in lächelnder Ruhe stand sie über jedem beschränkten Hochmut. Arbeit hatte sie geadelt, und sie adelte die Arbeit.
Und wenn man nun bedenkt, daß jeden Abend, wenn sie zur Ruhe gegangen, die Nachtigall in ihr Geplauder, in ihre Träume, in ihren ersten Schlummer sang! Hinter den Fenstern ihres Schlafgemaches standen blühende Apfelbäume und andere Bäume, auch ein Goldregen, dessen Blüten herabhingen wie goldene Lampen in einem dämmergrünen Dom. Und aus einem der Bäume sang Abend für Abend die Nachtigall. Mitten in ihrem Liebesgeplauder verstummten sie oft entzückt und sagten: »Hör’ nur – hör’ nur!« Ja, oft horchten sie fast erschrocken auf; denn es hatte geklungen wie eines Menschen weinende, schwellende, verhauchende Klage; dann wieder war es wie ein plätschernder Quell, durch den das Mondlicht glänzt. Alle Vögel haben ihre wiederkehrende Weise, dachte Asmus; nur sie hat immer neue Weisen; nie singt sie zweimal dasselbe; sie ist das Genie, dem die Welt immer neu erscheint, das immer Neues erkennt und Neues singt. Aller Vogelgesang ist lieblich; aber sie allein hat Kraft und Milde, sie allein hat Lust und Tiefe zugleich. Darum ist sie die Sängerin der Liebenden. Denn mit Sinnenkraft und Herzensmilde die Welt ergreifen, von höchster Geisteswonne bis zu tiefen Zuges trinkender Sinnlichkeit die Welt ausmessen: das ist Liebe. »Horch,« sagte Asmus, »wie langsam und klagend sie auch ihr Lied beginnen mag, immer endet sie mit jubelndem Geschmetter. Sie ist eine Optimistin; sie glaubt an das Leben. Glaubst du auch daran?«
Ja, wenn sie bei ihm war, glaubte sie daran; wenn sie allein war, konnte sie noch immer nicht fassen, daß das Leben nicht mehr ihr Feind sei. Sie konnte noch immer dem neuen Gesicht des Lebens nicht trauen; ihr Vertrauen war in einem langen Winter bis auf den Grund gefroren, und jahrelangen Sonnenscheins bedurfte es, diesen See wieder bis zum Grunde zu erwärmen.
Noch blieb ihnen die Sonne treu. Herrgott, wie es sich arbeitete in diesen ewig sonntäglichen Räumen! Und als er eines Mittags aus der Schule kam, sah er es Hildens Gesicht an, daß etwas Gutes passiert sei.
»Wieviel erwartest du noch vom »Leuchtturm«? fragte sie gespannt.
»Fünfundsiebzig Mark.«
»Er schickt hundert!« Asmus riß den Begleitbrief auf und las: »Es entfallen auf Ihren Beitrag eigentlich nur fünfundsiebzig Mark; aber wir schicken Ihnen mit Vergnügen hundert, wenn Sie uns bald wieder bedenken wollen.« Er schlang Hilden den Arm um die Taille und tanzte mit ihr durchs Zimmer. In solchen Augenblicken tanzte er sogar gut.
Fünfundzwanzig Mark wie vom Himmel gefallen! Sie kamen ja noch immer so eben, eben aus; aber sie konnten es schon brauchen.
Aber es war doch noch eine ganz winzige Freude, eine wahre Lumpenfreude gegen die Freude eines andern Tages, jenes Tages, da sie ihm verriet, sie habe sichere Anzeichen dafür, daß sie nicht immer allein bleiben würden. Da tanzte er nicht mit ihr, da zog er sie sacht auf seine Knie herab und hielt lange, lange ihren Kopf an seiner Brust, als müßt’ er sie nun behüten auch vor dem leisesten Leid der Welt.
Ja, das Schicksal war ihm in diesen Tagen hold gesinnt, und manchmal schon hatte er sich im stillen gefragt, wieviel es ihm abziehen werde, und was, und wann? Aber es schien an keinen Abzug zu denken; im Gegenteil; es schenkte ihm in dieser Zeit zu allem Glück noch einen neuen und echten Freund. Er hatte in einem Lehrerverein einen Vortrag über Hamerling gehalten und damit unter anderen den Beifall eines jüdischen Lehrers gefunden, der ihm nach dem Vortrag als Dr. Rosenberg vorgestellt wurde. Asmus fand sofort an dem ganzen Manne ein großes Gefallen, an seinem sympathischen Gesicht, an seinem offenen und doch bescheidenen und bei aller bescheidenen Zurückhaltung dennoch bewußten Wesen, an seinen Interessen und seinen Erlebnissen. Rosenberg war Philologe, war in Paris und London gewesen und erzählte, wie er in London lange vergeblich seinen Unterhalt durch Stundengeben gesucht und wie, als er eines Tages wieder von einem vergeblichen Gange heimgekehrt sei und auf dem Rücken eines Buches den Namen »Schiller« gelesen habe, bei diesem Namen die Tränen des bittersten Heimwehs unaufhaltsam hervorgebrochen seien. Es war der erste Jude, mit dem Asmus in nähere persönliche Berührung kam, und diese Begegnung war ihm so interessant und erfreulich, daß er den neuen Bekannten einlud, ihn zu besuchen. Rosenberg kam; Asmus erwiderte den Besuch, und auf die lebendigste Weise erwuchs nun ein Freundschaftsverhältnis, das fast alle früheren Freundschaften Asmussens an Dauerhaftigkeit übertreffen sollte.
Als Rosenberg zum ersten Male bei Sempers gewesen war und die junge Frau Semper nur flüchtig gesehen hatte, da hatte er, wie er später gestand, im stillen gedacht: Er hätte doch so jung nicht heiraten sollen. Beim zweiten Besuche lernte er ganz anders denken und sah doch die junge Frau überhaupt nicht. Und das hatte alles seine guten Gründe.
Als Rosenberg seinen zweiten Besuch machte, war es wieder ein Maientag, der Tag vor Pfingsten, und in grauender Frühe dieses Tages hatte Hilde ihren Gatten geweckt und ihn gebeten, daß er die Wehmutter hole. Und dann folgte ein Tag, für Asmus wohl nicht viel leichter als für Hilden. Er wanderte in seinem Zimmer rastlos auf und ab, und am Nachmittag war er so weit, es laut vor sich hinzusprechen: »Ich will lieber kein Kind haben – wenn sie nur nicht mehr zu leiden braucht.« Ein furchtbares Gewitter brach los; unmittelbar über dem Hause war ein unablässiges Flammen und Krachen, und jeder Schlag traf ihn, weil er daran dachte, wie es sie erschrecken müsse. Er hatte ihr angeboten, bei ihr zu sein; aber sie wollte mit der Wehmutter allein sein. Und erst um 7 Uhr des Abends vernahm er das Schreien eines Kindes; Isolde Semper war zur Welt gekommen. Als die Wärterin der jungen Mutter das Kind zeigte, rief sie: »O, das ist ja Mutter Rebekka!« und sank in die Kissen zurück.
Auf den Fußspitzen war Asmus hereingekommen; er beugte sich über sie und küßte sie leise, leise auf die Stirn. Sie schlug die Augen auf, große, feuchte Augen und hauchte: »Du armer Mann, jetzt kann ich nicht für dich sorgen.«
»Du närrischer Engel,« flüsterte er, »willst du gleich schweigen und schlafen?« und küßte ihr die Augen zu. Aber sie öffnete sie wieder und sah ihn an mit einem Blick voll übermenschlichen Glücks. Dann hob sie behutsam die Decke von dem Kindlein, das in ihren Armen lag.
»Sieht sie nicht ganz aus wie Mutter Semper?« flüsterte sie. Er nickte »Ja«, obwohl er nichts dergleichen sah; er dachte nicht an das Kind: er dachte nur an sie. Die weise Frau versicherte ihm, daß alles gut verlaufen sei; da schlich er hinaus, nahm seinen Hut und ging auf die Straße. Er mußte Himmel über sich sehen.
Als er nach einer halben Stunde heimkehrte, war Rosenberg dagewesen. Die junge Mutter hatte jemand kommen hören, hatte vernommen, wer es sei, und der Wärterin gesagt: »Sorgen Sie bitte dafür, daß der Herr eine Erfrischung bekommt.« Und Rosenberg erfuhr von der Wärterin, daß die junge Frau Semper vor kaum einer Stunde Mutter geworden sei und daß sie selbst den Trunk für ihn befohlen habe. Da dachte er: »Das muß eine seltene Frau sein.« Nie vergaß er ihr diesen Trunk, und schon bei einem nächsten Besuch, als sie selbst ihn bewirtete, dachte er: »Er hat keineswegs zu früh geheiratet.«
In den folgenden Wachen und Monaten kam Asmussen seine Erziehung durch die Tabakstube, wo er unter unablässigen Gesprächen und Geräuschen die subtilsten Sachen studiert hatte, vorzüglich zustatten. Denn die Stimme Isoldens war vernehmlich und ausdauernd. Sie vollbrachte Leistungen, gegen die die Partie der Wagnerschen Isolde als Episode erscheint. Aber das störte ihn nicht. Er gehörte nicht zu den geistigen Arbeitern, die auf eine Meile im Umkreis Asphaltpflaster und Strohschütten brauchen. Der Platz vor seinem Hause war ein beliebter Spielplatz der ganzen nachbarlichen Kinderschar, und er schloß das Fenster nicht, wenn ihr Geschrei hereinklang; denn es war ihm wie ein fröhlicher Gruß des Lebens, das zum Wirken und Schaffen rief. Auch besaß er im Notfall noch immer die Kraft, eine Mauer um sich zu bauen; wenn er nicht wollte, so hörte er selbst Isolden nicht. Auch als Dichter gehörte er nicht zu denen, die nur auf persischen Teppichen und vor perlgrauen Seidentapeten dichten können, und die mancherlei kleinen Banalitäten, die ein enger Haushalt unweigerlich mit sich bringt, die selbst einer Hilde Hand nicht immer zu bannen vermag, verstimmten nicht sein Saitenspiel. Er verstand es so gut, daß Schiller in einem Zimmer, das nichts als einen halben Tisch, einen Stuhl und eine Schütte Kartoffeln enthielt, die »Louise Millerin« schreiben konnte. Was mußte das für ein Dichter sein, der die Ausstattung seines Zimmers, der seine Gesellschaft nicht jeden Augenblick selbst beschaffen, der nicht jeden Augenblick seine Zelle in das Boudoir der Lady Milford oder in den Hafen von Genua verwandeln konnte?!
Und so erzog er in unbekümmertem Frohsinn neben der kleinen Isolde noch ein zweites, stilleres Kind, sein erstes Buch. Unbekümmert war dieser Frohsinn freilich nur in Hinsicht der äußeren Störungen; was die inneren Hemmnisse anlangt, war es ein oft unterbrochener Frohsinn. Nie hat jemand besser den Künstler beschrieben als Goethe, da er die liebende Seele beschrieb: »himmelhoch jauchzend – zum Tode betrübt«. Der Künstler wäre kein Künstler, der nicht himmelhoch jauchzte über ein gelungenes Werk und der nicht zum Tode betrübt sein könnte über dasselbe Werk. Und als ihn nun gar die Banalität der Druckkorrekturen überfiel, als er seine eigenen Verse immer wiederkäuen mußte, da übermannte ihn ein tiefes Verzagen. Aber Rosenberg riß seinen Mut wieder empor; Rosenberg war begeistert von diesen Versen. »Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, daß Sie Anerkennung finden werden«, prophezeite er. Und wirklich fanden die »Gedichte« von Asmus Semper, als sie endlich erschienen waren, die freundlichste Aufnahme; denn da die Lyrik nichts einbringt, so erfährt sie oft eine sehr wohlwollende Beurteilung.
LVII. Kapitel.
Zu allen diesen Freuden schenkte das Schicksal, das ihn verziehen zu wollen schien, unserm Asmus noch eine sonnige Weihnacht. Schon zur vorigen Weihnacht hatte er die bisherige Ordnung der Dinge auf den Kopf gestellt und seinen Eltern den Tannenbaum geschmückt; diesmal, da er wieder ein feistes Honorar von siebzig Mark errungen hatte, sollten sie das zu essen bekommen, was in seinem Elternhause immer als das Weihnachtsgericht der Reichen gegolten hatte: Karpfen! Und Weißwein sollte dazu getrunken werden, ja Weißwein! Unmittelbar vor der allgemeinen Bescherung aber winkte Hilde ihren Gatten auf die Seite, zog ihn ins andere Zimmer, schlang die Arme um seinen Hals und flüsterte ihm ins Ohr: »Wenn du lieb bist, hab’ ich noch ein besonderes Geschenk für dich – freilich noch nicht heute.« Er sah ihr mit jähem, frohem, fragendem Staunen ins Gesicht.
Sie nickte eifrig.
»Wann denn?«
»Ich denke, im Juli oder August.«
Da küßte er sie unzählige Male und zog sie in das Weihnachtszimmer und war, noch bevor er den Weißwein genossen hatte, so trunken, daß er die Lichter des Tannenbaumes nicht doppelt, nein siebenfach, nein hundertfach sah.
Rebekka Semper fand den Karpfen köstlich, fand überhaupt, daß Hilde eine »gebor’ne Köchin« sei, und Ludwig Semper lächelte sein stillstes und innigstes Lächeln, als habe er den Weg zurückgefunden zu den strahlenden Tannenbäumen seines Elternhauses. Er sprach mit Asmus von dessen Gedichten und nannte die, die ihm besonders gefallen hatten, und obwohl eines Vaters Beifall zu den Werken seines Sohnes vor der Welt keinen Klang hat, so wußte Asmus doch, daß ihm nie ein schönerer Lorbeer gedeihen könne als dieses schweigsamen Mannes Lob und Lächeln. Diesem großen und stillen Herzen zu gefallen, das war ein großer und stiller Ruhm. Aber nur ein Semper konnte das wissen.
Ludwig Semper war aufgeräumt und gesprächig wie seit langem nicht; er erzählte, wie Asmus einst mit kleinen Kinderschrittchen neben ihm über die Wiese getrippelt sei und gerufen habe: »O Vater, hier ist es gerade so wie dein Geburtstag!« wie der Kleine unzählige Male an seinen Arbeitstisch gekommen sei und ihm nach Wunsch aus dem »Freischütz«, aus der »Nachtwandlerin« und wohl aus zwanzig andern Opern vorgeblasen, was er aufgefangen habe, ja, Ludwig Semper stieg weit in die eigene Kindheit hinab und sprach von seinem Vater, dem Kaufmann Carsten Semper, auf dessen Diele jeder Besucher Schinken essen und Kornschnaps trinken konnte, ohne zu bezahlen, und von dem Tage, da der Justizrat quer über die Straße auf seinen Vater zugelaufen kam und rief: »Wissen Sie schon, Herr Semper, Goethe ist tot!« Es war wie Sammlung und Rückblick in diesen Reden Ludwig Sempers; aber die Seinen merkten es nicht. Wohl war ihnen aufgefallen, daß er die Speisen kaum berührt hatte, selbst die Karpfen nicht; aber da er ihre Besorgnis mit Lachen zurückwies, so hatten sie sich beruhigt. Freilich hatte Frau Rebekka erklärt, daß er schon länger an Appetitlosigkeit leide und daß sie ihn »natürlich« nicht zum Arzt kriegen könne.
Als Asmus seine Eltern am Sylvestertage besuchte, hörte er, daß sein Vater sich von der Weihnachtsfeier nur mit unsäglicher Mühe nach Hause geschleppt habe. »Ich werde den Weg nicht wieder machen können,« sagte Ludwig Semper mit wehmütigem Lächeln. »Ei was!« rief Asmus, »dann holen wir euch einfach in der Droschke; wir haben’s ja!« Und er dachte sich, welch eine Lust es sein werde, die »Alten« im Triumph einzuholen, zu Wagen, wie ein Fürstenpaar! Und noch einmal ging er beruhigt heim.
Beim nächsten Besuch fand er seinen Vater zum Schlimmen verändert. Er konnte nicht mehr arbeiten, saß in seinem alten Lehnstuhl und mochte nicht sprechen. Seine Gesichtsfarbe war grau geworden, und wie Frau Rebekka mit Kümmernis erzählte, schlief er den größten Teil des Tages. Sein Appetit war nicht zurückgekehrt.
Mit Bangen im Herzen ging Asmus diesmal davon. Sollte das Schicksal –? Nein, einen so harten Zoll konnt’ es nicht fordern; so grausam konnt’ es sein Glück nicht verkürzen wollen! Ja, wenn es ein achtzig-, neunzigjähriger Greis wäre, dann müßte man sich mit der Notwendigkeit versöhnen. Aber mit siebenundsechzig Jahren konnte das Schicksal diesen Mann nicht hinraffen wollen, diesen Mann nicht! Selbst völlig fremde Menschen mußten dem Zauber dieses Mannes huldigen. Als Asmus vor nicht langer Zeit im Lehrerverein geredet und die Kunst als Erzieherin proklamiert hatte und auch sein Vater als Gast zugegen gewesen war, da hatte die Versammlung dem Redner ein Hoch gebracht. Gleich darauf aber hatte sich der Vorsitzende erhoben und gesprochen: »Ich glaube, nicht fehlzugehen, wenn ich in dem ehrwürdigen Manne, der unserm Semper zur Seite sitzt, seinen Vater vermute.« Und dann hatte er mit kühner, launiger und geschickter Psychologie aus dem Wesen des Sohnes ein Bild des Vaters konstruiert und hatte diesen Vater gefeiert, und mit brausendem Hurra hatte die Versammlung ihm zugestimmt. Asmus hatte heimlich nach seinem Vater geschielt und hatte gesehen, wie er sich freute, und daß dieser Mann, der sein ganzes reiches Pfund in Weltabgeschiedenheit vergraben hatte, nun doch einmal vor aller Welt die Ehren genoß, die ihm gebührten, das war doch von allen Erfolgen Asmussens der beglückendste gewesen.
Und sollte das die letzte große Freude im Leben Ludwig Sempers gewesen sein? Nein, nicht die letzte.
Als Asmus wieder nach Oldensund kam, waren Hilde und die kleine Isolde mit ihm. Und als sie zu dem Vater ins Zimmer traten, saß er schlafend im Lehnstuhl; er erwachte auch nicht von ihrem Eintritt. Bekümmerten Herzens hörten sie, was Mutter Rebekka mit leisem Weinen berichtete. Er schlafe fast den ganzen Tag, sei nicht zum Essen zu bewegen und verstehe oft gar nicht, was man zu ihm sage. Während sie noch sprach, öffnete der Kranke die Augen; immer weiter öffnete er sie, bis sie so groß und freundlich waren wie in seinen besten Tagen.
»Wem gehört das allerliebste Kind?« fragte er leise, mit frohem Staunen.
Sie sagten ihm, daß es ja Isolde sei, Asmussens und Hildens Kind und seine eigene Enkelin.
Da verbreitete sich noch einmal von diesen Augen aus über das ganze Gesicht des Leidenden das große, unerschöpflich gütige Lächeln, das über Asmussens ganzer Kindheit wie eine treulich wiederkehrende Sonne geleuchtet hatte, und dann schlossen sich die Augen wieder, und der Kranke war wieder entschlummert.
Die Besucher schlichen hinaus, und draußen nahm Asmus seine Mutter auf die Seite und fragte: »Was sagt denn der Arzt?«
Da konnte sich Rebekka nicht mehr halten: laut jammernd rief sie: »Ach Gott, der schreckliche Mensch sagt, es wäre vielleicht Magenkrebs, – ich werd’ ja verrückt, wenn ich bloß daran denke!«
Das machte Asmus vom Kopf bis zu den Füßen erstarren. Über all seine Befürchtungen hatte immer wieder die Hoffnung gesiegt, es werde vorübergehen. Dieser Schlag betäubte ihn. Aber nur für einen Augenblick. Er schickte Hilden und das Kind nach Hause und rannte zum Arzt.
»Ja,« sagte der, »alle Anzeichen sprechen dafür. Ich habe keine Magensäure gefunden, das ist das sicherste Symptom.«
»Herr Doktor,« stammelte Asmus, »Sie dürfen mir nicht zürnen, – Sie sind ja auch nur ein Mensch, – Sie müssen sich in meine Lage versetzen, – es ist mein Vater, – würden Sie es mir übelnehmen, wenn ich noch einen zweiten Arzt befragte?«
»Durchaus nicht,« versetzte der Arzt, »Sie machen sich freilich unnötige Kosten; aber wenn es Sie beruhigt –«
Asmus eilte zu einem Altenberger Arzt, der ihm als besonders tüchtig empfohlen war. Der ließ ihn kühl an. Wer denn seinen Vater behandle?
Der Doktor Soundso.
Ja, das sei ja ein sehr tüchtiger Arzt. Er wisse nicht, was er da solle.
Asmus flehte ihn an, er möchte doch kommen.
»Nun ja, ich kann ja hinkommen.«
Und Asmus ging mit neuer Hoffnung: Der wird vielleicht zu einem anderen Ergebnis kommen.
Als er andern Tages ins Elternhaus kam, war der zweite Arzt noch nicht dagewesen. Der Kranke aber delirierte und konnte nur mit größter Mühe im Bette festgehalten werden. Da kam Asmussen der Gedanke: Ins Krankenhaus. Hier, in diesen ärmlichen, beschränkten Verhältnissen konnte ja der Vater nicht gepflegt werden wie im Krankenhause, und wenn eine Operation nötig war, mußte er doch dorthin. Und dort waren die besten Ärzte. Er besorgte die Aufnahme ins Krankenhaus, nahm eine Droschke und fuhr vors Elternhaus. Nun holte er seinen Vater in der Droschke! Aber nicht im Triumph, ach Gott, nicht im Triumph! Ohnmächtig lag ihm sein Vater im Arm wie ein Kind, und als er so mit seinem Vater im Wagen allein war, rannen seine Tränen unaufhörlich. Als er den Vater endlich wohlgebettet sah, eilte er zum Arzt des Krankenhauses und erstattete ihm Bericht über den Kranken. Dieser Arzt war ein feiner und milder Mann; er hörte den Sohn, aus dessen Worten er wohl die fliegende Angst des Herzens vernahm, mit großer Teilnahme an und entließ ihn mit neuer Hoffnung. Nun kann noch alles gut werden, dachte Asmus. Dieser Arzt ist ein vortrefflicher Mann, und im Krankenhause hat man alles zur Hand, was man zur Pflege eines schwer Erkrankten braucht.
Andern Mittags, als er aus der Schule heimkam, war sein erstes Wort:
»Ist Nachricht vom Krankenhause da?«
»Ja,« sagte Hilde ernst, »der Bote war hier.«
»Und?« rief er begierig.
»Du weißt es doch schon, nicht wahr?« sprach Hilde sanft. Er starrte sie an. »Ist er –?« Er brachte das Wort nicht heraus.
Sie nickte stumm und legte den Arm um seinen Hals. Er aber fiel mit einem einzigen, lauten Aufschluchzen in die Sofaecke.
Das also hatte er mit allen Mühen und Ängsten erreicht, daß sein Vater nun einsam gestorben war. Zwar: Ludwig Semper war nach dem Bericht der Wärter nicht wieder zum Bewußtsein erwacht, und morgens um zwei Uhr war er gestorben. Aber wenn er nun doch noch einen lichten Augenblick gehabt und wenn er Weib und Kinder gesucht hatte – mit diesem Gedanken zerfleischte sich Asmus das Herz, während er durch die Straßen rannte und die Formalitäten für die Bestattung erledigte. Dabei lief er oft stundenlang durch Gegenden, in denen er nichts zu suchen hatte; er wußte nicht, womit er sonst seine Zeit ausfüllen sollte.
Als er dann an der Bahre seines Vaters stand und den starren, tränenlosen Blick auf das weiße Haupt des Toten heftete, da mußte er unaufhörlich denken: König Lear – König Lear. Dieser Mann hatte nicht aus Torheit ein Kind verstoßen, war kein Tyrann gewesen – und war seine Liebe vergolten worden, wie sie’s verdiente? Die Liebe eines Vaters kann man nicht vergelten, dachte er; jeder Vater ist ein König Lear. Und als er seine arme, gebeugte Mutter sah, als er daran dachte, daß ihre Kinder von ihr gegangen waren und das beste Teil ihres Herzens an andere gegeben hatten, da fügte er hinzu: und jede Mutter ist eine Niobe.
Er riß sich gewaltsam empor aus seinem Brüten und sah sich um. Von seinen Freunden war nur einer erschienen: Dr. Rosenberg. Und das war die erste Freude in all diesem Leid.
Als er am Grabe stand, war es wieder wie immer; er konnte nicht weinen. Er dachte, was müssen die Menschen von dir denken, daß du am Grabe deines Vaters ohne eine Träne stehst. Aber als er das dachte, konnte er um so weniger weinen. Er hatte seit jenem Aufschluchzen in Hildens Armen nicht geweint; auch als er heimgekommen war, weinte er nicht. Erst am Abend des folgenden Tages, als Hilde zu einer Besorgung das Haus verlassen hatte und er allein an seinem Schreibtisch saß, legte er den Kopf in den Sessel zurück und weinte, weinte unaufhaltsam wie ein kleines Kind, das im Gewühl und Gedränge der Menschen die Hand des Vaters verloren hat.
LVIII. und letztes Kapitel.
Warum suchte denn Asmus in diesen schweren Tagen nicht Trost bei seiner Hilde? Wer am Schlusse dieses Buches noch so fragen würde, der würde das Wesen von Ludwig Sempers Sohn nicht ganz verstanden haben. Leute wie dieser Asmus können den Trost nicht bei anderen, sondern immer nur in sich selbst finden, und wenn sie auf den Trost anderer hören, so ist es, weil sie ihn schon in sich selbst gefunden haben. Zunächst suchte er auch keinen Trost; er wühlte vielmehr in seiner Wunde. Nicht alle Menschen rufen im Schmerze sofort nach Linderung wie das Kind nach dem Schnuller. Er fand es recht und gut, daß er litt, wo sein Vater so schwer und so lange geduldet hatte; er bildete sich nicht ein, ein Anrecht auf ein schmerzloses Dasein zu haben, wenn solche Menschen litten. Dann aber, als er sich recht in Ruhe und Einsamkeit sattgeweint hatte, trat seine angeborene Philosophie wieder in ihr Recht: Mit unabänderlichen Tatsachen nicht zu hadern und den Kampf des Lebens in Hoffnung und Vertrauen immer wieder aufzunehmen. War es doch inzwischen eine Hoffnung und ein Vertrauen geworden, die weit über den Kreis eines Einzeldaseins hinausreichten.
So oft er auch an den frühen Hingang seines Vaters mit Schmerzen gedenken mochte – er konnte dessen auch in weit, weit späteren Jahren nur mit tiefer Wehmut gedenken – dieser Verlust gehörte, als er mit ihm abgeschlossen hatte, nicht mehr zu den Dingen, die sein Wirken und seine Entwicklung hemmen konnten. Er hätte auch keine Zeit gehabt zu melancholischen Meditationen; er erfuhr wieder einmal den Fluch und den Segen der Armut. Er hatte schließlich doch einsehen müssen, daß 1800 Mark und selbst 2000 Mark nicht ausreichten, wenn man Eltern davon unterstützen und außerdem drei Menschen erhalten wollte, von denen zwei doch etwas mehr verlangten als Stillung des Hungers. Und seine Schriftstellerei war noch ein völlig unsicheres Brot; Arbeiten, die ihm später mit Kußhand abgenommen wurden, mußte er in diesen Jahren wie saures Bier an Dutzende von Blättern vergeblich ausbieten. Dazu stand die Geburt des zweiten Kindes in naher Aussicht. Rosenberg, der dem Freunde die Sorgen vom Gesicht lesen mochte, hatte ihm in zartester Weise seine Hilfe angeboten; »ich verdiene weit mehr, als ich brauche,« hatte er gesagt, »und ich bin froh, wenn ich mein Geld so gut anwenden kann.« Aber Asmus hatte vorläufig mit Dank und Rührung abgelehnt. Er wußte, daß dieser Mann ihn niemals drängen würde; aber er hatte vor Schulden ein tiefes Grauen; sie waren das einzige gewesen, das die heiter gütige Seele seines Vaters verbittern konnte. So griff er denn zu einer Häufung der Privatstunden; er bereitete Lehrer und Lehrerinnen auf das zweite Examen vor. Die Nachbarinnen steckten die Köpfe zusammen und fragten: »Was tun denn die jungen Damen immer bei Herrn Semper?« Dann sagte der Hauswirt: »Sie lernen bei ihm das Dichten.«
Es war ein Glück, daß ihm in seiner regelmäßigen Tätigkeit eine große Wohltat geschehen war. Er war nun schließlich doch versetzt worden, und an dem Leiter dieser neuen Schule erkannte Asmus so recht, wie unsere Worte und Handlungen das Gesicht der Persönlichkeit tragen, aus der sie fließen. Auch dieser Chef legte zuweilen auf kleine Dinge einen Wert, der ihnen nicht zukam; aber er war ein jovialer Gentleman, der in seinen Kollegen bis zum Beweise des Gegenteils Gentlemen erblickte, und so bedeuteten alle Kleinigkeiten nichts auf dem großen Grunde des gegenseitigen Vertrauens. Kein Mißton trübte das Verhältnis zwischen diesem Manne und dem renitenten Herrn Semper.
Und als er eines Mittags von diesem freieren und froheren Dienste nach Hause kam, da sah er an Hildens Gesicht, daß etwas Ähnliches geschehen sein müsse, wie damals mit den hundert Mark vom »Leuchtturm«, aber etwas noch weit Froheres. Auf ihrem schönen Gesicht, das ihm einst nur für den Ernst und die Trauer geschaffen schien, zuckten tausend Lichter des Frohsinns, und in ihrer Hand hatte sie einen Brief.
»Du darfst nicht böse sein!« rief sie, »ich konnt’ es nicht aushalten – ich hab’ ihn geöffnet, als ich sah, woher er kam! Da lies selbst!«
Er las, und als er gelesen hatte, wollt’ er sie wieder umarmen und mit ihr tanzen; aber nein – das durfte sie ja nicht! Da drückte er ihr Gesicht mit beiden Händen und zerknüllte dabei den Brief und dessen Inhalt vollständig und küßte sie, bis ihr der Atem verging; aber er mußte doch tanzen, er mußte tanzen, und er umarmte einen Stuhl und tanzte mit dem durch beide Zimmer.
In einer süddeutschen Stadt gab es eine Schillerstiftung, die von Zeit zu Zeit an Versdichter einen Schillerpreis von 200 Mark verteilte. Dieser Preis war nun den »Gedichten von Asmus Semper« zuerkannt worden.
Als er den Brief noch einmal gelesen und die beiden Hundertmarkscheine geglättet und genau betrachtet hatte, ob es auch richtige Banknoten und nicht etwa Ehrendiplome oder dergleichen wären, da drehte er sich auf einem Beine mehrmals um sich selbst. Aber plötzlich hielt er inne, ließ sich auf einen Stuhl fallen und wurde tiefernst. Und Hilde kniete zu ihm nieder und sagte:
»Ich weiß, was du denkst!«
»Ja, Hilde? Weißt du das? – Hilde! Wenn er das noch erlebt hätte! Mein Gott, wenn er das noch erlebt hätte! Das wäre ihm wie eine Krönung seines Lebens gewesen.« – – –
So wenig sich Frau Hilde in den Gedanken ihres Mannes verrechnet hatte, so sehr hatte sie sich in der Zeit ihrer Erwartung verrechnet. Einen vollen Monat später, als sie gehofft, erschien das zweite Kind; dafür aber war es ein richtiger Junge. Der junge Herr Wolfram schrie genau so kraftvoll wie seine Schwester.
Als Asmus seinem Freunde Rosenberg die Nachricht brachte, da rief der: »Nun, da muß man wahrhaftig sagen: Ein volles Glück! Mensch, Sie sind ein Liebling der Götter! Sie haben ein herrliches Weib, eine Tochter, einen Sohn und alle sind gesund, und Sie haben Glück und Freude an Ihrer Kunst und in Ihrer Kunst! Bei Gott, ein volles Glück, ein volles Glück!«
Er sprach es ohne Neid, obwohl ihm selbst eine frühe Hoffnung verhagelt war.
Und doch ahnte der Freund bei weitem nicht den ganzen Umfang von Sempers Glück; er konnt’ es nicht kennen in seiner ganzen Fülle. Asmus hatte in den letzten Monden Kämpfe durchgerungen, von denen niemand wissen konnte. Er hatte für seinen frohen, hoffenden Glauben an das Leben nach einem tieferen und festeren Grunde gesucht und hatte ihn gefunden, für viele Jahre wenigstens gefunden.
Wenn selbst ein Faust ausrief:
und wenn Asmus dennoch hoffte, so fragte er sich: »Bin ich ein Wagner?« Nein, ein Wagner war er nicht, das durfte er sich zuerkennen. Nur in halbkindlichen Jahren hatte er geglaubt, daß ein Mensch viel wisse und daß er alles wissen könne. Auch war er nie so gemein gewesen, die Welt für vortrefflich zu halten, weil es ihm gut erging. Aber doch hatte er sich die Harmonie der Welt schon in engeren Kreisen, ach, schon im Bezirk eines Einzellebens vollendet gedacht. Daran war er irre geworden und hatte nun die Landmarken seiner Hoffnung weiter gesteckt, in die Jahrhunderttausende, in die Jahrmillionen hinein. Auf diesem langen Wege bedurft’ es eines starken Glaubens, nein, eines starken Wissens, und das hatte er gefunden. Nicht nur die unmittelbare Gewißheit des Sittengesetzes war ihm aufgegangen, er fühlte auch unmittelbare Gewißheit im Denken und im Schaffen, und er nannte dies Gefühl, das die Entwicklung des Menschen begleitet, das Richtungsgefühl. Trotz aller Schuld, alles Irrtums und alles Mißlings weiß der Mensch, in welcher Richtung Ausgang und Ende des Entwicklungsstromes liegen; in seiner Brust ist ein Magnet, der trotz allen Zitterns und allen Abirrens den Weg zur Vollendung weist.
An einem köstlich milden Septemberabend, als er mit der froh genesenen Hilde am Fenster saß und noch ein letzter Hauch der Sonne auf den Bäumen lag, sprach er zu ihr:
»Ich hab’ was geschrieben – willst du’s hören?«
Mit der Freude eines Kindes ergriff sie seine Hand und drückte sie an ihr Herz und ließ sich dann zu seinen Füßen nieder. Er entfaltete ein Blatt und las:
Sie nahm Ihm leise das Blatt aus der Hand und suchte darin eine Stelle, und als sie sie gefunden hatte, sprach sie langsam und leise:
Wie immer hatte sie ihn verstanden. Und als sie nun die dunklen Augen in heiligem Ernste zu ihm erhob, und als sein froher Blick in diese Augen selig versank, da sprach Asmus Semper in seinem Herzen:
»Ein volles Glück – bei Gott, ein volles Glück.«
Ende.