WeRead Powered by ReaderPub
Semper der Jüngling cover

Semper der Jüngling

Chapter 8: IV. Kapitel.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A sixteen-year-old student accepts a position observing primary-school classes and confronts the first duties and responsibilities of adult life. Intimate family scenes portray modest household routines and the parents' mixture of pride and nostalgia when his appointment rekindles hopes deferred by hardship. At the school he listens to lessons, records absences and tardiness, and discovers that practical tasks complicate his idealized notions of education. Private reflections and literary allusions accompany a striving to grasp what holds the world together, mixing philosophical yearning with youthful exuberance. The book assembles episodic classroom vignettes, neighborhood and home portraiture, and inward psychological observation to trace a gradual formation of character.

The Project Gutenberg eBook of Semper der Jüngling

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Semper der Jüngling

Author: Otto Ernst Schmidt

Release date: February 14, 2009 [eBook #28083]

Language: German

Credits: Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
and the Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SEMPER DER JÜNGLING ***

 

 

 


 

 

Semper der Jüngling

 

 

 


Von demselben Verfasser erschien im gleichen Verlage:

Asmus Sempers Jugendland

Der Roman einer Kindheit

86. bis 100. Tausend

Brosch. M 3.50, geb. M. 4.50
100. Tausend Jubiläumsausgabe in Leder geb. M. 10.–



Inhalt


 

 

Schon trat aus ferner, tannendunkler Pforte Der Schlaf hervor. Schon raunte mir die ersten, leisen Worte Der Traum ins Ohr. Da klang von nahen Zweigen Ein tiefer Freudenschall Und klang getrost und stark durch Nacht und Schweigen. In meinen Traum sang eine Nachtigall.
Ich ritt durch flimmerdunkle Waldesräume Im Traum, im Traum. Nur fern, o fern, durch mitternächt’gen Bäume Ein lichter Saum. Doch horch: von jenen Röten Ein süß geheimer Hall, Ein weiches, tiefes, morgenstilles Flöten! In meinen Traum sang eine Nachtigall.
Nun weiß ich auch, daß mir dieselbe Stimme Von je erklang Und mir das Herz in Kampf und Leidensgrimme Voll Hoffnung sang. Ein Land des Lichtes träumen Wir armen Seelen all! Ich aber höre Klang aus jenen Räumen: In meinen Traum singt eine Nachtigall.

 

 


 

 

I. Kapitel.

Handelt von Balladen und Präparanden, Gendarmen und hebräischen Handschriften, zum Glück auch von Präparandinnen.

Asmus Semper, der halbwegs sechzehnjährige Schüler des Hamburger Präparandeums, schwamm bis über die Augenbrauen in Seligkeit. Vor seinen Blicken wogte eine warme, goldene Flut. Herr Tönnings, der Ordinarius, der genau so aussah wie die Geometrie mit einem Stehkragen und von dem ein Gerücht ging, daß er vor sieben Jahren den einen Mundwinkel zu dem Versuch eines Lächelns verzogen habe, Herr Tönnings also hatte soeben verkündet, daß u. a. auch Asmus Semper eine Hospitantenstelle erhalten solle. Man denke, was das heißt: eine Hospitantenstelle! Jeden Morgen von 8-12 Uhr sollte er in einer Volksschule dem Unterricht der Kleinen zuhören dürfen, und dafür bekam er noch obendrein ein jährliches Gehalt von dreihundertundsechzig Mark! Jeden Morgen sollt’ er aus nächster Nähe hineinhorchen dürfen in die Werdestatt der Seelen, in die Wiege der Erkenntnis; das hohe Wunder sollt’ er nun begreifen: wie der Geist des Menschen Nahrung aufnimmt, wächst und sich vollendet!

Und noch dreihundertundsechzig Mark! Er hatte ja nichts von dem Geld, wollte auch keinen Pfennig davon, haha – aber auf das Gesicht seiner Eltern freute er sich, daß ihm die Augen heiß wurden. Er wollt’ es ihnen nicht eher sagen, als bis er sie beide beisammen hatte, und dann wollte er die Wirkung beobachten; aber die kleine Wohnung der Semper betrat man durch die Küche, und in der Küche briet Frau Rebekka die Abendkartoffeln, und als er seine Mutter sah, konnte Asmus sich nicht mehr halten, und weil er wußte, was seine Mutter am meisten freute, rief er: »Ich kriege dreihundertundsechzig Mark das Jahr!«

Im nächsten Augenblicke war Frau Rebekka schon in der anstoßenden Zigarrenmacherstube, schwang das Messer, mit dem sie die Kartoffeln umgerührt hatte, hoch in der Luft und rief: »Freude war in Trojas Hallen!« Aber da stand auch schon Asmus neben ihr, und damit sie ihm nicht zuvorkommen könne, rief er: »Laß, Mutter, laß, ich will es Vater sagen! – Ich krieg’ eine Hospitantenstelle mit dreihundertundsechzig Mark das Jahr!«

Und da hatte Asmus wieder den Anblick, der ihm vielleicht von allen auf der Welt der liebste war: in dem weißumwallten Jupiterantlitz Ludwig Sempers gingen zwei Sonnen auf und verbreiteten Licht durch die ganze Welt.

»Ach nein – es ist ja wohl nicht möglich!« rief der Vater, indem er den Kopf zurückwarf.

»Ganz gewiß!« rief Asmus. »Nun verdiene ich mehr, als wenn ich Handwerker geworden wäre. Seht mal, wenn ich Tischler oder Hutmacher lernte, dann kriegte ich das erste Jahr gar nichts oder vielleicht drei Mark die Woche, und dies sind beinahe sieben Mark die Woche, und das geb’ ich natürlich alles euch!«

Da schlug Ludwig Semper heftig das linke Bein über das rechte, wie er immer tat, wenn er in seinem Innern sehr zornig oder sehr lustig war, und redete fast den ganzen Rest des Abends mit stumm bewegten Lippen zu sich selber. Und hin und wieder lachte sein Gesicht laut und hell auf, ohne daß man einen Ton gehört hätte, und unzählige Tabakblätter verschnitt er an diesem Abend und warf sie in die Abfallschürze, weil er mit seinem Messer immer wieder sausend über die sonnigen Felder und Weiden seiner Jugend fuhr. Ach, er hatte ja auch studieren sollen; aber dann war der finanzielle Zusammenbruch seines Vaters gekommen, und dann die Sorge, dann der Krieg mit den Dänen, dann seine Träumerei und sein erhabener Leichtsinn, und dann die Liebe, und dann immer ein Kind nach dem andern. Und so machte er mit 58 Jahren noch immer Zigarren. Aber mit einem Schlage war jetzt seine Jugend wieder da – da stand sie vor ihm, fünfzehnjährig, rotwangig – nichts war verloren; denn ob nun Ludwig Semper oder Asmus studierte, das war ja vollkommen dasselbe.

Rebekka aber, als sie von »sieben Mark die Woche« hörte, vergaß all ihre Sparsamkeit, lief in die Küche und schob noch ein Stück Rindertalg unter die Kartoffeln, und als sie auch da noch ziemlich trocken ausschauten, griff sie leichtsinnig nach dem Teekessel und goß einen gewaltigen Strahl Wassers in die Pfanne, daß eine mächtige Wolke wie eines Dankopfers zu den Himmlischen emporstieg.

Dann kam die Pfanne auf den Tisch, und sieben Semper versammelten sich andächtig um das zentrale Heiligtum. Sie waren alle gesund, das sah man an den Bewegungen der Gabeln; aber Adalbert, der Jüngste, war so gesund, daß Frau Rebekka nach einer Weile ausrief: »Halt, mein Junge, du hast jetzt genug. Es wird kein Fresser geboren, es wird einer gemacht!«

Adalbert wollte sich melancholisch zurückziehen, da sprach der Vater: »Laß doch den Jungen essen!« und trat seine Ansprüche an die Allgemeinheit ab.

Und nach dem Essen – obwohl die Semper über das Abendbrot hinaus bis gegen Mitternacht zu arbeiten pflegten – warf Ludwig Semper Messer, Tabak und Rollklotz in die Ecke, holte den stark zerlesenen und vergilbten »Faust« vom Bücherbrett und las und warf das linke Bein über das rechte und bewegte die Lippen und lächelte. Und alle waren still, und Asmus wußte: Nun kommt eine heilige Stunde. Und wirklich, es währte nicht lange, da klang es durch den Raum:

»Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst Dein Angesicht im Feuer zugewendet. –«
— — — — — — — — — — —

In einem wunderlieben Dorfe, das sich jetzt zu einer großen, häßlichen Vorstadt Hamburgs ausgewachsen hat, damals aber noch im heitern Frieden seiner Kindheit lag, in einem Garten mit Rosen und Apfelbäumen fand Asmus die Schule, an der er hospitieren sollte. »Ich habe zuviel Glück,« dachte er, als er sie nach einstündiger Wanderung vor sich liegen sah. Gewöhnlich, wenn er solch ein stummes Dankgebet in den Himmel hinaufsandte, zog ihm gleich darauf das Glück etwas ab, als wenn es dächte: Der ist auch mit weniger zufrieden. Das erste nämlich, was er tun mußte, war: sich im Portal der Schule aufstellen und alle Schüler aufschreiben, die zu spät kamen. So hatte sich Asmus das Belauschen der Kindesseele nicht gedacht. Aber da es nun einmal sein Amt war, so notierte er gewissenhaft alles, was an Buben oder Mädchen den letzten Glockenschlag versäumte, obwohl es ihm bei den Mädchen mitunter schwer wurde. Anfangs empfand er wohl so etwas wie die Würde einer obrigkeitlichen Stellung, namentlich als ein Vater, der mit dem Schulgeld im Rückstande war, an ihn herantrat und bat, daß man noch ein wenig Geduld mit ihm haben möchte, und ihm heimlich ein paar Zigarren in die Hand drücken wollte. Asmus wich zwar ängstlich zurück und rief: »Darüber habe ich leider gar nichts zu sagen!« – aber als deutscher Jüngling fühlte er sich doch geschmeichelt, daß man ihn für eine Behörde hielt. Diese Reize indessen verflüchtigten sich schon nach wenigen Tagen. Dann kam eines Morgens ein blasses, frierendes, von Regen durchnäßtes Mägdelein, das weinte.

»Warum weinst du?« fragte Asmus.

»Ich konnte nicht eher kommen; mein Vater hat meine Mutter ’rausgeschmissen.«

»Warum das denn?«

»Och, er is all wieder duhn (betrunken).«

»So früh schon?«

»Ja, er säuft immer ’rum.«

Asmus erschrak. Gab es Kinder, die so über ihren Vater reden konnten?

»Geh’ nur zu,« sagte er. Das war ja selbstverständlich, daß man die nicht aufschrieb. Er sah ihr nach und dachte daran, daß sie fror. Und dachte, wie er als Junge gefroren, wenn ihm der Wind unter die dünne Jacke fuhr.

Von nun an fragte er öfter nach dem Grunde der Verspätung, und er notierte immer weniger. Und eines Tages sagte er sich: Entweder man muß alle aufschreiben oder keinen. Und nun ließ er alle vorbeilaufen und arbeitete an seiner ersten Ballade, die handelte von einem Fischer, der aufs Meer fuhr, um seinen Sohn zu retten, und der dann mit seinem Sohne ertrank. Das Schönste an dieser Ballade war eine Refrainstrophe, die mit den Zeilen schloß:

»Drunten klingt verworrner Klang, Tönt es nicht wie Grabgesang?«

Alles, was nach Grab und Unglück klang, das fand der glückliche Asmus jener Tage ohne weiteres schön.

»Warum notieren Sie nicht die Zuspätkommenden?« fragte schließlich der Oberlehrer.

»Ich mag das nicht,« sagte Asmus verlegen.

»Ja, danach geht es nicht,« rief der Vorgesetzte. Aber bald darauf wurde die ganze Einrichtung aufgehoben, und der Posten des Kulturgendarmen wurde eingezogen.

Der Oberlehrer schätzte den jungen Semper wegen anderer Fähigkeiten. Leider, dachte Asmus. Denn wenn die Wache am Portal vorüber war, mußte er im Amtszimmer des Schulleiters dickleibige Schülerregister anlegen und auf dem Laufenden halten, Schulgeldrechnungen schreiben, sie mit den Hebeprotokollen »kollationieren« und endlose Kolonnen von Schulgeldern addieren. Auch das führte den Begierigen nicht in die Tiefen der Kindesseele. Es waren fünf Präparanden da: zwei junge Mädchen und drei junge »Männer«, sie alle mußten Protokolle schreiben und Rechnungen addieren. Unter den jungen Herren war aber einer, dessen Handschrift man zunächst immer für hebräische Schriftzeichen hielt; erst nach und nach kam man dahinter, daß es die bekannten deutschen Buchstaben sein sollten. Da Claus Münz überdies ohne jedes Schamgefühl addierte, so wurde er schon nach drei Tagen in die Klassen zum Hospitieren geschickt. Asmus hingegen, weil er eine gute Handschrift hatte, seine Rechnungen sogar mit einem gewissen Schönheitsbedürfnis schrieb und es nicht über sich gewann, falsch zu addieren, Asmus durfte im Bureau sitzen bleiben. Ihm fielen die Verheißungen des Herrn Rösing, seines alten Lehrers ein, der jeden Morgen gesagt hatte: »Jungens, schafft euch ’ne schöne Handschrift an; wer ’ne schöne Handschrift hat, kommt überall fort!«

Freilich: sein Schönheitsbedürfnis hatte auch schon in den ersten Tagen das Glück herausgefunden, das auch mit dieser Schreibstube wieder verbunden war, und dieses Glück war eine der Präparandinnen, die sehr hübsch war und noch obendrein brünett. Asmus schrieb und addierte den ganzen Morgen mit einer selig-schmerzlichen Spannung in der Brust, und der Schmerz kam daher, daß er sich sagte: Ich kann ja noch lange nicht heiraten. Und wenn ich heiraten kann, hat sie ein anderer geholt. Die andern beiden Jünglinge kokettierten in unschuldiger, aber fleißiger Weise mit den beiden Mädchen. Asmus dachte nicht daran, auch nur den Versuch zu wagen, weil er von seiner vollkommenen Tölpelhaftigkeit in dieser Hinsicht durchaus überzeugt war. Und eines Tages machte er dennoch den Versuch, zu imponieren. Das Zimmer war überheizt, wie alle Schreibstuben, und man klagte darüber. »Ja,« sagte Asmus, der nahe dem Ofen saß, »hier sitzt man wie die Sau am Spieß; denn er hatte das Gefühl, daß eine kraftvolle Ausdrucksweise den Mann verrate. Aber, o weh: die Damen fuhren wie wild mit den Köpfen in ihre Arbeit und kicherten, wie nur Backfische kichern können. Sie denken: das ist ein Bauerntölpel, sagte sich Asmus, und fühlte, daß er von den Haarwurzeln bis unter den Halskragen erröte. Und die männlichen Kollegen Asmussens, Herr Münz und Herr Morieux, betrachteten ihn mit überlegen-mitleidigen Blicken, als wollten sie sagen: Ist das ein ungebildeter Mensch. Aber als wenige Tage darauf von Rousseaus »Emile« die Rede war, da zeigte sich, daß nur Asmus wußte, was wirklich darin steht, und die Braune hielt ihre braunen Augen so lange auf ihn gerichtet, als wenn sie ihn heute zum ersten Male sehe.

 

 

II. Kapitel.

Wie Asmus im Vorhof der Pädagogik weilen durfte, wie er eine andere Religion bekam, auf den Spuren Aglaias wandelte und Herrn Rothgrün nicht hinaustrampeln wollte.

Endlich, als einmal alle Rechnungen geschrieben waren und auch das letzte Protokoll »auf dem Laufenden« war, durften auch die übrigen Präparanden in die Klasse gehen und hospitieren. Welch’ ein Glück, dachte Asmus, und mit weihevollem Herzen ging er der erhofften Offenbarung entgegen. Aber zunächst kam er an einen Lehrer, der es liebte, die Kinder so still zu beschäftigen, daß sie ihn möglichst wenig belästigten, und der sich, während die Schüler schrieben und rechneten, mit dem jungen Semper über Gehalts- und Anstellungsverhältnisse, über seine Frau, über Bismarck, oder über den letzten Raubmord unterhielt. Das war ja nun recht unterhaltend und wenig anstrengend; aber es war nicht das, was Asmus gesucht hatte. Er kam zu einem andern Lehrer, der hatte das ganze Einmaleins auf Reime und Bilder gebracht: die Bilder hatte er auf die Wandtafel gezeichnet, und nun mußten die Kinder die zugehörigen Verse hersagen, z. B.:

6×6 sind 36 In die große Schlackwurst beiß’ ich

oder

8×9 sind 72 Dieser Knabe übergibt sich,

aber der gute Mann bedachte gar nicht, daß sich die Worte »beiß’ ich« ebensogut auf 32 wie auf 36 reimen, und wenn dann ein Schüler die falsche Zahl nannte, so schalt ihn der Lehrer in komischer Verwechslung einen Esel, zerriß sich vor Aufregung und ließ die kunstreichen Verse bis zum vollkommenen Stumpfsinn wiederholen.

»Bei dem kann ich auch nichts lernen,« sagte Asmus zu jenem Mitpräparanden mit der hebräischen Handschrift, und dieser sah ihn ob solcher Anmaßung mit grenzenloser Verwunderung an.

Und schließlich fand Asmus doch einen, der auf manchen stillen Wegen der Kindesseele heimisch war, der mit den Kindern in ihrer Sprache zu reden verstand und sie, wenn auch nicht immer, so doch manchmal, aus wirrer Dunkelheit den Weg zur Klarheit führen konnte. Er war kein hoher und starker Geist, dieser Mann; aber er war sein Lebenlang mit einem Fuß im Kinderlande stehen geblieben, und so verstand er unbewußt die Regungen der Kindesseele. Hier befiel nun den Hospitanten eine andere Not: er brannte vor Ungeduld, sich selbst vor den Kindern zu versuchen; ja, manchmal schien es ihm, als wisse er einen Ausweg, wenn der Lehrer in der Wirrnis des Kindergeistes stecken blieb. Aber er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als vor diesem Manne dergleichen laut werden zu lassen. Und alles Wippen von einem Fuß auf den andern, wenn er am Fenster stand und horchte und nicht einmal Finken und Apfelblüte seine Sinne nach außen zu locken vermochten, alle Ungeduld half ihm nichts; er mußte warten.

Inzwischen feierte er jeden Nachmittag und jeden Abend hohe Feste. Er hatte ja in der Präparandenanstalt eines der herrlichsten Geschenke seines Lebens empfangen: da war ein Religionslehrer, der sagte nicht: Das muß man glauben, sonst ist man verdammt; der fragte überhaupt nicht, was man glaube; der trug Stunde für Stunde vor, was die Wissenschaft zu den Berichten der Bibel sagt. Gleich in der ersten Stunde, im Schöpfungsbericht, trennte er die Erzählung des Jehovisten von der des ersten Elohisten und von der des zweiten Elohisten, und vor den Augen des jungen Semper zerriß ein vieljähriger Nebel. Also hatte nicht Moses diese Dinge geschrieben, also war es nicht unfehlbares Gotteswort. Sie hatten ihn bedrückt wie eine dumpfe Last, hatten ihn gequält, geängstigt; aber er hatte keinen Ausweg gewußt. Mit einem Male gab ihm dieser Mann eine Waffe und ein Licht. Und mit solchem Licht und solcher Waffe durchwanderte der Mann die ganze Bibel, festen Schrittes und unablenkbar; was nur die menschliche Wissenschaft zur Bibel zu sagen wußte, das kannte er, und er trug es frei aus dem Kopfe vor. So fest hing Asmus an seinen Lippen, daß er kein Wort zu schreiben wagte, aus Furcht, es möchte ihm ein Wort des Redenden entgehen. Und sieh: wenn er am Abend daheim saß, dann konnte er den ganzen Vortrag von Anfang bis Ende niederschreiben; so fest hing alles mit ehernen Klammern zusammen.

Ein merkwürdiger Mann, dieser Herr Stahmer. Er sprach außer seinen Vorträgen kaum ein Wort zu seinen Schülern; er verlängerte fast jede Stunde um die ganze folgende Erholungspause – ein Ding, das Schüler nicht lieben – er verlangte viel und verschonte weder Trägheit noch Dummheit. Aber er bedurfte keiner Disziplinarmittel. Von diesen jungen Leuten, unter denen manch ein dreister Gelbschnabel war, hätte nicht einer ein unehrerbietiges Wort gegen ihn gewagt; instinktiv verehrten sie in ihm das lautere Gefäß einer großen Kraft. Während zweier Jahre brauchte er wohl nie die Worte »Wahrheit« und »Gerechtigkeit«, und doch war das die stumme Lehre seines ganzen Wirkens: Wer Wissenschaft will, der muß wahrhaftig und gerecht sein, und wenn es das Leben gilt. Kein Gottesdienst hatte je das Herz des Asmus erhoben wie dieser.

Leider gab es davon nur zwei Stunden die Woche. In seiner Dorfschule waren es wöchentlichen sieben bis acht Stunden gewesen. Und welchen Erfolg hatten die gehabt? Mit einem leidenschaftlichen Haß gegen diese sogenannte »Religion« hatte er die Schule verlassen. In dieser Schule hatte die »Religion« die ganze Naturgeschichte aufgefressen. Ein einziges Mal hatte Herr Cremer von den Giftpflanzen gesprochen und Bilder dazu gezeigt, nicht etwa die Pflanzen selbst, und ein andres Mal hatte ein anderer Lehrer ganz unmotiviert die Feigwurz behandelt. Die Giftpflanzen und Ranunculus ficaria – das war die Naturgeschichte, mit der Asmus Semper, ein Kind der darwinischen Zeit, das Präparandeum bezog. Aber da stapfte nun zweimal wöchentlich mit drolligen Koboldschritten der naturselige »Papa Hamann« herein; er schleppte jedesmal eine Botanisierdose, die so groß war wie er selbst, und sein Gesicht glänzte wie ein Pfannkuchen, wenn er mit anstoßender Zunge sagte: »Heute meine Herren, hab’ ich Ihnen etwath[1] ganth Bethondereth mitgebracht!«

Und dann kramte er aus mit dem Gesicht eines Vaters, der seine Kinder zur Weihnacht überrascht, und Asmus hörte zum erstenmal vom Bau und vom Leben der Pflanze, und wenn man ihn sah, so konnte man glauben, er wolle die Pflanzen im wörtlichsten Sinne verschlingen, so versessen war er auf dies neue Erkennen. Freilich blieb die Wissenschaft des guten Papas einigermaßen an der Oberfläche; er sprach allerlei vom Chlorophyll; aber was es für eine Bedeutung habe, wußte er eigentlich selbst nicht. Für den ausgehungerten Geist des kleinen Semper aber war alles, was er ihm bot, Gewinn, und überdies war die Lehrweise des Alten so väterlich und fröhlich und mit so wundervollen Redeblumen geschmückt!

»Eth mag wohl funfthehn Jahre thein,« sagte Papa Hamann zum Beispiel, »dath ich dath Vergnügen hatte, den Schwanth eineth Walfischeth von Angethicht zu Angethicht zu thehen!«

Oder wenn er zu den Damen von den Pflanzen einer bestimmten Familie sprach, so sagte er:

»Einige von ihnen, meine Damen, thind ganth reitthende Pfläntthchen; andere dagegen thind häthlich und widerlich!«

Und darin hatte er recht, einige von diesen Präparandinnen, die in einer anstoßenden Straße unterrichtet wurden, waren wirklich ganz reizende Pflänzchen, und Asmus und ein paar Bürschchen mit ihm ließen es sich nicht nehmen, dreien von ihnen, die auf gleichem Wege heimwärts wandelten, an laulichen Abenden in respektvoller Entfernung zu folgen und sich ihnen durch lautgesprochene Galanterien und wundervolle Witze bemerklich zu machen. Bald schon taufte Asmus die drei auf die Namen Aglaia, Euphrosyne und Thalia, und die eine von ihnen – es war Aglaia – verehrte Asmus viele Monde hindurch, ohne jemals ihre Vorderseite gesehen zu haben. Aber sie hatte einen anmutsvollen Gang, und ein schöner Gang griff Asmussen ans Herz.

Auf andern Wegen schwärmten andre Herzen, und nach den drei Grazien zu urteilen, schien den jungen Damen der schüchterne Kultus der Jünglinge durchaus nicht zu mißfallen; sie verfielen wenigstens aus einer zeitweiligen entrüsteten Gangart immer wieder in Kichern, Lachen und träumendes Hinschlendern; aber sei es nun, daß irgendwo ein Jüngling dem Drange seines Busens zu weit nachgegeben hatte, sei es, daß sich unter den verfolgten Unschulden ein strenges oder ein eifersüchtiges Herz befand – eines Tages lief eine Klage beim Seminardirektor ein, und dieser Mann hatte aus seinem heimischen Preußen und aus dem französischen Kriege, in dem er als Reserveoffizier gefochten, einige üble Gewohnheiten mitgebracht. Er hielt eine donnernde Standrede und nannte die ritterlichen Präparanden »grüne Jungen«. Man war sich sofort darüber einig, daß man sich das mit fünfzehn bis sechzehn Jahren nicht mehr bieten lassen könne und daß der einmütige Austritt aller aus der Anstalt die einzig würdige Antwort auf diese Roheit sei. Am folgenden Tage dachte man milder über die Sache; man bedurfte ja der Einwilligung der Eltern zum Austritt, und man hielt es im stillen für möglich, daß die Eltern sich von der Auffassung des Direktors nicht wesentlich entfernen möchten. Am dritten Tage endlich beschloß man, die unqualifizierbare Äußerung des Direktors auf dessen preußische Unbildung zurückzuführen und ihn zu verachten.

Nur ein pathetisches Herz vermochte sich nicht zu bezwingen. Der Träger dieses Herzens war ein gewandter Zeichner; er zeichnete an die Wandtafel einen Pfahl, der einen preußischen Adler trug, und dazu eine Kanone, die sich gegen das flügelspreizende Wappentier entlud. Der Direktor kam, sah das Bild, kratzte sich lächelnd den schwarzweißen Stachelbart, tickte dann mit den Fingern auf den Adler und sagte zur Klasse: »Da können Se lange schießen, bis Se den runterkriegen ...« und wandte sich seinen Geschäften zu.

Und als diese erledigt waren, trat in breiter Aufmachung Herr Rothgrün, der Lehrer der Geschichte, herein. Wenn Herr Rothgrün auftrat, so sah das immer aus wie: Jetzt beginnt eine neue Epoche der Wissenschaft. Und Herr Rothgrün begann, Geschichtszahlen zu repetieren. Er nannte das Ereignis, und der Schüler mußte die Zahl nennen:

»Amenemha III.

»2200.«

»Vertreibung der Hyksos?«

»1580.«

»Durch wen?«

»Durch Thutmosis.«

»Amenophis?«

»1500.«

Oder Herr Rothgrün nannte die Zahl und der Schüler das geschichtliche Faktum, was genau ebenso bildend und interessant war. So ging es die ganze Stunde hindurch; denn fortfahren in der Geschichte konnte Herr Rothgrün nicht, weil er heute nichts wußte.

»Er war wieder mal nicht präpariert,« sagten die Präparanden, als er fort war.

In der nächsten Geschichtsstunde begann Herr Rothgrün nach effektvollem Eintritt und imperatorenhafter Besteigung des Katheders von neuem:

»Phul?«

»770.«

»Tiglat Pilesar?«

»740.«

Und so fort über Ägypter, Phönizier, Israeliten, Meder, Perser, Griechen und Römer bis zu den Franken und Merowingern. Wer die Zahl wußte, war gescheit, wer sie nicht wußte, dumm.

Als auch diese Stunde der Pein vorüber war, ward es abgemacht: Wenn er die nächste Stunde wieder Zahlen büffelt, dann trampeln wir. Aber keiner darf sich melden! Man kannte Herrn Rothgrün schon als einen langatmigen Hasser, der sich auch bei den spätesten Examinibus derer erinnerte, die ihm einmal mißfallen hatten. Asmus und einige andere waren gegen dieses heimliche Verfahren. Das sei »unmännlich«. Man solle eine Abordnung zu Herrn Rothgrün schicken und sich über seinen Unterricht beschweren.

»Ja, willst du das tun?« riefen einige höhnend.

»Ich gehe mit,« sagte Asmus. Aber die andern wollten nicht, und da sagte Asmus: »Allein will ich auch nicht.«

»Semper will artig Kind spielen,« spottete einer.

»Du bist ein Esel!« rief Asmus. »Trampeln tu ich nicht. Aber die Folgen trage ich natürlich mit.«

 

[1] th sprich wie das englische th.

 

 

III. Kapitel.

Wie die Augen des Asmus die Jahrhunderte der Vergangenheit und wie sie die Dinge der lebendigen Welt sahen, und wie er darum mit diesen Augen zum Arzt mußte.

Die nächste Geschichtsstunde erschien, und Herr Rothgrün begann: »Tiglat Pilesar?«

»740,« sagte der Gefragte, und dann ging ein Trampeln durch die Klasse, das wie grollender Donner klang.

Herr Rothgrün wurde weiß.

»Was soll das?« rief er.

Keine Antwort.

»Was soll das heißen?«

Eisiges Schweigen.

»Es wird ja wohl einer den Mut haben, aufzustehen und zu sagen, was das bedeuten soll?« schrie der Lehrer.

Niemand rührte sich.

»Nun, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Herrn Direktor Korn zu melden, daß ich durch ein unerklärliches Geräusch im Unterricht gestört worden bin.«

Aber Herr Rothgrün erstattete dem Direktor keine Meldung; denn er wußte wohl, daß der einen sehr direkten Schluß auf seinen Unterricht ziehen würde. Der Direktor hielt zu dem Grundsatze: »Unterrichtet nur gut; dann kommt der Respekt der Schüler von selbst.« Auch erklärte sich Herr Rothgrün das »unerklärliche Geräusch« sehr schnell und richtig; er begann sofort zu erzählen; diesmal erzählte er freilich noch mangelhaft, weil er den Stoff nur in einigen Reminiszenzen beherrschte, aber von der nächsten Stunde an vorzüglich; denn wenn er wollte, so konnte er’s vielleicht am besten von allen Lehrern der Anstalt.

Geschichte hören oder Geschichte lesen, das gab Asmus immer besondere Freuden. Nicht, daß er an die Geschichte geglaubt hätte, – er glaubte die profane Geschichte so wenig wie die biblische. Aus seiner »Faust«-Lektüre wußte er sehr wohl:

»Die Zeiten der Vergangenheit Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln. Was ihr den Geist der Zeiten heißt, Das ist im Grund der Herren eigner Geist, Darin die Zeiten sich bespiegeln.«

und dem stimmte er von ganzem Herzen zu. Um wirklich zu wissen, mußte man von all den Fürsten, Feldherren und Priestern, mußte man vor allem von der Menge des Volkes wissen, was sie bei ihren Handlungen dachten, fühlten, beabsichtigten und wünschten, und davon hörte man so gut wie nichts. Kaum daß einmal durch einen glücklichen Zufall ein Lichtschein in diese ewig versunkene Welt fiel, wie ein Sonnenstrahl in eine Kammer einer verschütteten Stadt. Und die Menschen der Geschichte waren ihm wie die Gebilde einer rohen Holzschneidekunst, die die menschliche Gestalt kaum in leisen Andeutungen erkennen lassen. Daß man aus der Geschichte etwas lernen könne, das glaubte er nicht. Aber lange Zeitläufte der Geschichte formten sich ihm zu riesigen Bildern von wunderbarer Gewalt, und in diese Bilder versank er mit aufgerissenen Augen und horchender Seele, wenn er hörte und las. Er sah ein Jahrhundert, da stille Mönche in stiller Zelle saßen und vom Virgil oder Cassiodor den Blick erhoben und durchs Fenster voll gläubiger Hoffnung schauten über weites, unbesiedeltes deutsches Land, indessen andere, das Kreuz in der Hand, durch unerforschte Wälder schritten und auf heiterer Lichtung ein Kirchlein oder eine Kapelle errichteten. Er sah ein Jahrhundert voll Weihrauch und Meßgewänder, da königliche Väter büßend vor unnatürlichen Söhnen knieten und lange Sündenregister, vom Priester singenden Tones verlesen, bekannten, und das ganze neunte Jahrhundert ward ihm zum »Lügenfeld«. Dann gab es eine lange Zeit, deren Angesicht in die bunte Glut des Ostens schaute und blinkende Ritter und düstere Mönche, Männer und Weiber, Greise und Kinder in jahrhundertelangen Zügen nach den ewigen Spuren des Nazareners wandern sah. Das ernste Jahrhundert des Wittenberger Mönches baute sich ihm auf mit den strengen und nüchternen Säulen eines lutherischen Gotteshauses, aus dem die streitbaren Glaubensgesänge hinausklangen in einen grauen und feuchten Novembertag; dann kam ein Jahrhundert, das lag verborgen unter den Brand- und Blutwolken eines endlosen Krieges, und so nah zogen die Wolken über den Erdboden dahin, daß die Menschen nur gebückt dahinschlichen. Aber das achtzehnte Jahrhundert, das sah er trotz aller Kriege und aller großen Revolution wie eine friedsame Stadt mit winkelig-sauberen Gäßchen, wo aus schnurrig gegiebelten Häusern Gelehrte mit Zöpfen und Kniehosen hervortraten und bedachtsam über die Straße schritten zum Nachbar von drüben, um mit ihm über die Schriften Voltaires oder über das neueste Werk des erstaunlichen Königsberger Professors zu streiten.

So hörte, so sah er die Geschichtserzählungen des Herrn Rothgrün. Aber dann mußte dieser Herr einmal ein halbes Jahr lang vertreten werden, und die Vertretung übernahm Herr Stahmer, der Religionslehrer. Und wieder empfing Asmus eine Offenbarung. Herr Stahmer behandelte während eines ganzen Semesters einen Zeitraum von zehn Jahren; er verfolgte die Geschichte bis in die Kabinette von Wien, Berlin und Petersburg hinein und erzählte so ziemlich alles, was man über die zehn Jahre wußte. Und mit einem Male ward dem Jüngling die Geschichte zur Wissenschaft. Die rohe, unverdauliche Masse der Tatsachen, wie sie Herr Rothgrün und wie sie die üblichen Lehrbücher aufhäuften, absonderlich die Großtaten der Kriegesfürsten, die mit dem Schwerte die Welt durchzogen, waren ihm von jeher furchtbar gleichgültig und langweilig gewesen: jetzt zum ersten Male ahnte er etwas von geschichtlichen Zusammenhängen. Bei Herrn Stahmer sah er keine visionären Bilder; aber er sah das Leben, und eine andere, neue Freude wärmte ihm das Herz. Wieder verschlang er jedes Wort, fast eh’ es der Lehrer gesprochen; wieder schrieb er des Abends im stillen Hause mit fliegender Feder zwanzig, dreißig Quartseiten voll, und wohl zehnmal mußte ihm sein Vater mit milde mahnendem Finger auf die Schulter tupfen, er möge sich zur Ruhe legen. Mit brennendem Eifer sagte sich Asmus: In der Geschichte muß man alles wissen, sonst weiß man nichts. Und etwas Größeres begriff er: Viel wissen, bedeutet gar nichts; aber eine Sache ganz wissen, das ist Aufklärung, Befreiung. Dann wird Wissen zum Leben und macht in die gefrorenen Fenster, die uns umgeben, ein Guckloch nach der Außenwelt. Als er später in der »Systematischen Pädagogik« das »non multa sed multum« bis zum Ekel wiederkäuen mußte, da begriff er nicht, warum man dies Wort immer wiederholte und niemals befolgte.

Das und manches andere im heiligen Tempel des Präparandeums war nun wohl gut und schön; aber es gab auch gefürchtete Stunden, und die gefürchtetsten waren die Zeichenstunden, die in einer weit entlegenen Gewerbeschule genommen werden mußten. Sie waren so schlecht, daß sie sogar den Charakter verdarben.

Wie hatte sich Asmus aufs Zeichnen gefreut! Von früher Kindheit an hatte er gezeichnet, und in den Berg- und Waldlandschaften, die er kopiert hatte, hatte er ein frommes und seliges Leben gelebt. Selbst der kümmerliche Zeichenunterricht seiner Dorfschule hatte ihm noch Freude gemacht. Als Asmus zum ersten Male in dem riesigen Zeichensaal, der so viel mit der Kunst gemein hatte wie das Wartezimmer eines Bezirkskommandos, Platz genommen hatte, da setzte ihm Herr Semmelhaack ein dreiseitiges Prisma von Holz vor. Asmus zeichnete willig den Holzklotz und wartete die Wiederkunft des Lehrers ab.

Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine Seitenfläche. (Bis dahin hatte es auf einer Grundfläche gestanden.)

Asmus zeichnete den Klotz in der neuen Stellung und erwartete den Lehrer.

Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine andere Seitenfläche.

Asmus dachte: Aller Anfang ist öde, und zeichnete den Klotz zum dritten Male.

Herr Semmelhaack hatte an der Zeichnung einiges auszusetzen und legte dann den Klotz auf die große Seitenfläche.

Asmus dachte: Die Wurzeln der Kunst sind bitter; aber ihre Früchte sind süß, und porträtierte das interessante Holz zum vierten Male.

Jetzt bin ich mit dem verdammten Klotz durch, dachte Asmus; da kam der Lehrer und stellte das Prisma etwas nach rechts.

Asmus richtete einen langen Blick auf Herrn Semmelhaack und zeichnete dann das rechtsstehende Prisma.

Danach kam Herr Semmelhaack und stellte der Abwechslung wegen das Prisma etwas nach links.

Per aspera ad astra, dachte Semper und machte auch das.

Hierauf nahm der »Lehrer« das Prisma und stellte es Sempern wieder gerade vor die Nase, aber »über Eck«, so daß man drei Flächen auf einmal sah.

»Es ist allerdings etwas Anderes und Neues,« sagte sich Asmus, betrachtete Herrn Semmelhaack mit einem noch viel längeren Blick und machte sich wieder an seinen vertrauten Klotz.

In verzweifelten Momenten schaute Asmus sich sehnenden Blickes um; es gab überall nur Holz und Gips. Der größte Künstler unter den Schülern zeichnete einen pompösen Blumenstrauß – von Gips. In der ganzen Anstalt, soweit er hineinblicken konnte, sah er kein lebendiges, erfreuendes Objekt.

Er traute seinen Augen nicht, als Herr Semmelhaack eines Tages das dreiseitige Prisma wegnahm und einen neuen Klotz brachte. Dieser Klotz bestand aus zwei vierseitigen Prismen, die im rechten Winkel aneinander saßen. O, damit konnte man nun die tollsten und interessantesten, die bizarrsten und perversesten Dinge vornehmen; bis zum jüngsten Gericht konnte man das immer anders aufstellen. Als Asmus bei der siebenten Stellung war, da lag der Winkelklotz da wie eine Sphinx, die ihre Arme breit über die ganze lange Bank legte, den Kopf in die Hände stützte und ihn anglotzte und angähnte, und dann sagte die Sphinx, indem sie immer zwischen zwei Worten gähnte: »Ich kann – dreihundertfünfundneunzig Millionen – Stellungen – einnehmen – huu – ja.«

»Das hält kein Nilpferd aus,« antwortete Asmus.

»Sagten Sie etwas?« fragte Herr Semmelhaack.

»Ja. Ich kann nicht mehr zeichnen. Ich habe Augenschmerzen.«

Zum nächsten Unterricht ging er überhaupt nicht; er entschuldigte sich mit Augenschmerzen.

Das ging nun wohl einmal, ging auch zweimal; dann aber sagte Herr Tönnings mit dem steifen Halskragen: »Ja, dann müssen Sie ein ärztliches Attest beibringen.«

Also mußte Asmus zum Vertrauensarzt der Schulbehörde.

 

 

IV. Kapitel.

Asmus befreit sich aus einem Hungerturm und studiert in einem Taubenschlag.

Von allen Qualen des Lebens hielt Asmus zwei für die unerträglichsten: Zahnschmerzen und Langeweile. Lieber als in dieser Kunstkaserne wöchentlich zwei Stunden, das heißt zwei Jahrhunderte an einen Klotz geschmiedet zu sein, lieber wollte er ein schlechter Mensch werden. Und so rieb er sich im Vorzimmer des Arztes tüchtig die Augen und kniff sie ein Dutzend Mal zusammen.

»Die Augen tränen,« sagte der Arzt, und er schrieb ein Attest, daß der Patient wegen tränender Augen sechs Wochen lang nicht zeichnen dürfe.

Asmus barg das kostbare Blatt sorgfältig wie eine Banknote in der Tasche, fühlte unterwegs mehrmals nach, ob er’s auch noch habe, und überreichte es frohen, tränenlosen Blickes Herrn Tönnings.

Herr Tönnings vertrat mit Recht die exaktesten Wissenschaften. Man weiß, wie es zugeht, wenn ein dicker Pfahl tief in ein festes Erdreich getrieben werden soll. Immer wieder saust die Ramme herab, immer wieder, hundertmal, tausendmal, stundenlang, tagelang. So unterrichtete Herr Tönnings: immer wieder auf denselben Pfahl, immer wieder drauf. Dann aber saß er auch für die Ewigkeit, und man konnte ein Haus drauf bauen. Was man bei ihm gelernt hatte, vergaß man niemals wieder. Aber leider vergaß er ebensowenig. Und also sprach genau nach sechs Wochen Herr Tönnings, der niemals Lächelnde: »Ihr Attest ist abgelaufen.«

Asmus ging wieder zum Arzt und kniff und rieb rechtzeitig seine Augen.

»Die Augen tränen noch immer,« konstatierte der Arzt sehr richtig und dispensierte den Kranken »bis auf weiteres« vom Zeichenunterricht.

»Ja, damit müssen Sie wohl zum Direktor gehen,« sagte Herr Tönnings.

Als der Direktor gelesen hatte, schnauzte er los: »Das jibt’s nicht. Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben!« Er durchbohrte Asmus mehrere Male mit Blicken und wartete, ob er etwas sagen werde. Aber Asmus wußte schon Bescheid: er sagte nichts. »’n Lehrer, der nicht sehen kann, können wir nicht brauchen!« schrie Herr Direktor Korn, durchbohrte mit seinen glitzernden Brillenaugen den jungen Semper noch ein paar Mal und wartete auf eine Erwiderung. Aber der sagte nichts. Es war in der Anstalt alte Überlieferung: man muß ihn ein paar Minuten kochen lassen, dann wird er genießbar. »Dann müssen Sie die Anstalt verlassen!« stieß der Direktor hervor, kratzte sich hörbar seine silbernen Bartstacheln und durchbohrte Sempern noch drei- bis viermal. Semper sagte nichts. »Wie heißen Sie noch?« Direktor Korn warf einen Blick ins Attest. »Semper?«

»Jawohl, Herr Direktor!«

»Waren Sie das nicht, der neulich den ‘Erlkönig’ vortrug, als ich hospitierte?«

»Jawohl, Herr Direktor!«

»Na. – Das war jut. – Kennen Sie denn sonst noch was von Joethe?«

Asmus wurde lebendig. Er begann aufzuzählen.

»Na, das ist ja so ziemlich alles. Haben Sie denn auch alles verstanden?«

»Das – wohl kaum!«

»Welche Dichter haben Sie denn noch jelesen?«

Asmus nannte eine lange Reihe.

»Haben Sie Jean Paul jelesen?« Doktor Korn hatte ein ganz sonniges Gesicht bekommen. Das war sein Liebling.

Asmus nannte ein paar Romane Jean Pauls.

»Na, Sie haben ja ’ne janze Masse jelesen. Dabei haben S’ sich wohl die Augen verdorben?«

»Die Augen?« wollte Asmus schon verwundert fragen; da fiel sein Blick noch rechtzeitig auf das Attest. Er blieb stumm und errötete tief; so viel Freundlichkeit konnte er nicht mit offenen Augen anlügen.

»’s is jut. Sie können jehen,« sagte der Herr Direktor. Und Asmus betrat das Holzmagazin niemals wieder. Der Direktor mochte eine Ahnung haben von den Schrecken jenes Hungerturms, wo der Geist an einen Klotz geschmiedet und mit Gips ernährt wurde.

Viktoria! Nun konnte er wöchentlich noch zwei Stunden länger in seinem Arbeitszimmer sitzen und sich immer tiefer in den Kuchenberg des Weltalls hineinessen. Ja, das Weltall war ein Kuchenberg, nahrhaft und süß, und das Leben ein Schlaraffenland und sein Arbeitszimmer eine heilige Halle, obwohl es eigentlich kein Zimmer, sondern ein Tisch mit zwei Beinen war, den man mit der einen Seite an die Wand genagelt hatte. Dieser Tisch stand in der allgemeinen Arbeitsstube, wo der Tabak zubereitet und die Zigarren gemacht wurden; denn im Winter durfte der Sparsamkeit halber nur ein Raum geheizt werden, und als der Sommer kam, war es Asmussen eine liebe Gewohnheit geworden, unter den schwatzenden, lachenden und sich streitenden Arbeitern seine Quadratwurzeln auszuziehen, Vokabeln zu lernen und Aufsätze zu schreiben. In diesem bescheidenen Raume saßen Ludwig Semper, der Vater, Johannes, sein Sohn und Gehilfe, zwei andere Gehilfen, ein Tabakzurichter, gewöhnlich auch Rebekka, die Mutter, beim Tabak helfend oder mit einer häuslichen Verrichtung beschäftigt, und endlich der Präparand Semper. Das war der Personenstand in ruhigen Zeiten. Aber das Arbeitszimmer der Semper war ein Taubenschlag, wo es von seltsamem Geflügel immer aus- und einflog. Da kamen sozialdemokratische Parteihäupter, die mit Johannes Semper wichtige Dinge von aufgelösten und anzumeldenden Versammlungen zu beraten hatten. Da kam der Kontrolleur des Fabrikanten, der nachschauen mußte, ob die Zigarren gut und nicht zu schwer gemacht würden, ein ernster, steifer Mann, der aber jedesmal warm wurde, wenn Ludwig Semper mit ihm vom Theater sprach, und der diesem angelegentlichst empfahl, er möchte sich doch einmal den »Lohengrin« anhören. Ludwig Semper faßte denn auch um diese Zeit zum ersten Male den Entschluß, in den »Lohengrin« zu gehen.

Da kam schrecklicherweise auch der Barbier Ludwig Sempers, der drei Minuten rasierte und dann zwei Stunden schwatzte; er glich in Miene und Gestalt, in seiner Stimme und seiner Schwatzhaftigkeit einem alten Weibe; nur seine Hand und sein Messer lasteten schwer auf der Wange seiner Opfer wie die Keule des Herkules.

»Ein schrecklicher Zwirnbeutel,« sagte Ludwig Semper, wenn er gegangen war, und das war ein treffender Vergleich. Wie man aus dem Nähbeutel einer unordentlichen alten Dame, in dem sich die Garnknäuel vieler Generationen verwirrt und verfitzt haben, nur nach stundenlanger Mühe einen Faden hervorholt, so holte er aus seinem Erinnerungssack seine zwirndünnen Geschichten hervor; jede auftretende Person verfolgte er bis in ihre entferntesten Verwandtschaften; er entwickelte die Genealogien der unbekanntesten Milchleute und der gleichgültigsten Grünwarenhändler.

»Und geschnitten hat er mich auch wieder,« pflegte Ludwig nach solchen Besuchen zu sagen.

»Ja, mein Gott,« rief Frau Rebekka erregt, »warum schaffst du ihn denn nicht ab!«

»Ach, das mag ich nicht,« sagte Ludwig lächelnd, »er schneidet mich nun schon so viele Jahre.«

Nicht der Geringste aber von allen, die da kamen, war Heinrich Moldenhuber, genannt der »Wolkenschieber«, weil er lieber Wolken schob als Zigarren machte und lieber hoch oben auf der Galerie des Stadttheaters saß als in der Tabakstube. Wie ein Komet schoß er von Zeit zu Zeit in die Arbeitsstube der Semper, und in der Tat, für Asmus war dieser Mann wie ein Stern der Kinderzeit; er erinnerte ihn an manche Feierstunde voll Gedanken und Träume, und jedesmal mußte er nach den hinteren Rocktaschen des Wolkenschiebers blicken, aus denen er einmal einen Apfel und ein Bilderbuch hatte hervorholen dürfen.

Aber wenn er wollte, so konnte er auch im zehnten Teil einer Sekunde eine hundert Fuß dicke und tausend Fuß hohe Mauer um sich aufrichten, durch die kein Ton und Bild der Kommenden und Gehenden, der Plappernden und Klappernden hindurchdrang. Wenn er wollte, so konnte er jeden Augenblick allein sein, ganz allein, wie in einem Grabe.

Aber wahrlich nicht wie in einem Grabe war es in dieser Stille. Es war wie in einer wuchernden Waldwildnis voll wirren Gezweigs, voll Blätter und Blumen, voll Duft und tropfenden Lichts, voll jenes ewigen Summens, das aus dem inneren Getriebe der Welt zu kommen scheint. Wie er sich als Knabe in das innerste Dickicht eines Gehölzes verkrochen und dort stundenlang gehockt und nur geschaut und gehorcht hatte, als müss’ er eines Tages etwas vernehmen wie den Atem der Welt, so konnte er sich in die innerste Einsamkeit seiner Seele zurückziehen und selig sein. Aber freilich: schöner noch als am Alltag war es am Sonntag, wenn die Arbeit der andern ruhte und nur sein Vater, schweigend und nimmermüde, den Tabak für die kommende Woche vorbereitete. Dann war Sonntag außen und innen, Sonntag lag in allen Büchern, wo man sie auch aufschlug, selbst die Logarithmen hatten Sonntag, und, wenn er’s auch gar nicht sah, Asmus wußt’ es immer, wann die warmen Augen seines Vaters auf ihm ruhten, und er war glücklich unter dem Glanz dieser Sterne.

 

 

V. Kapitel.