Ich habe »Wlanga« die Namensliste übergeben. Belieben Sie, ihn zu fragen, Euer Wohlgeboren! sagte er.
Zwanzig Artilleristen mit Seitengewehren, ohne Lederzeug, standen an einer Ecke des Hauses. Wolodja ging mit dem Junker an sie heran. Ob man ihnen eine kleine Rede hält oder einfach sagt: Wünsch' euch Gesundheit, Kinder! – oder sagt man gar nichts? dachte er. Aber warum soll man nicht einfach sagen: Wünsch' euch Gesundheit! Das ist sogar das Richtige. Und er rief keck mit seiner klangvollen, jugendlichen Stimme: Wünsch' euch Gesundheit, Kinder!
Die Soldaten antworteten munter; die jugendliche, frische Stimme tönte angenehm in dem Ohr eines jeden. Wolodja ging den Soldaten kühn voran, und, obwohl sein Herz so klopfte, als wenn er einige Werst aus Leibeskräften gelaufen wäre, war sein Gang doch leicht und sein Gesicht heiter. Bereits dicht an dem Malachowhügel und die Höhe hinaufsteigend, bemerkte er, wie Wlang, der keinen Schritt von ihm wich und sich zu Hause so tapfer gezeigt hatte, beständig auf die Seite ging und den Kopf beugte, als wenn all die Bomben und Kanonenkugeln, die hier schon sehr häufig pfiffen, gerade auf ihn zugeflogen kämen. Einige Soldaten thaten dasselbe, überhaupt drückte sich auf den meisten ihrer Gesichter wenn auch nicht Furcht, so doch Unruhe aus. Diese Umstände beruhigten und ermutigten Wolodja vollständig.
»So bin denn auch ich auf dem Malachowhügel, den ich mir tausendmal schrecklicher vorgestellt habe! Und ich gehe auf ihm, ohne mich vor Kanonenkugeln zu bücken und bin weit mutiger als andere ... Also bin ich kein Feigling?« dachte er mit Vergnügen, ja mit einem gewissen Entzücken des Selbstbewußtseins.
Aber dieses Gefühl wurde bald erschüttert durch das Schauspiel, das ihm entgegentrat, als er in der Dämmerung auf der Kornilowbatterie den Befehlshaber der Bastion aufsuchte. Vier Mann Matrosen standen an der Brustwehr und hielten einen blutigen Leichnam ohne Stiefel und Mantel an Füßen und Händen und schwenkten ihn hin und her, um ihn über die Brustwehr zu werfen. (Am zweiten Tage des Bombardement hatte man nicht überall die Körper auf den Bastionen sammeln können und warf sie in den Graben, damit sie auf den Batterien nicht hinderten.) Wolodja erstarrte einen Augenblick, als er sah, wie der Leichnam auf der Höhe der Brustwehr aufschlug und dann von dort in den Graben kollerte; aber hier traf ihn zum Glück der Befehlshaber der Bastion, erteilte ihm Befehle und gab ihm einen Führer nach der Batterie und der für die Bedienungsmannschaft bestimmten Blindage mit. Wir wollen nicht erzählen, wie viel Gefahren, Enttäuschungen unser Held an diesem Abend noch erlebt hat: wie er, statt den Schießübungen auf dem Wolkowofeld unter allen Bedingungen der Pünktlichkeit und Ordnung, die er hier zu finden erwartete, zwei außer Stand gesetzte Mörser fand; die Mündung des einen war durch eine Kanonenkugel platt geschlagen, der andere stand nur auf den Splittern einer zerschossenen Plattform, und vor dem Morgen waren keine Arbeiter zu erlangen, um die Plattform ausbessern. Nicht ein Geschoß hatte das Gewicht, das das Handbuch vorschrieb. Hier wurden zwei Soldaten seines Kommandos verwundet, und er selbst war zwanzigmal während dieses Abends um ein Haar dem Tode nahe. Zum Glück war zu seiner Hilfe ein Kommandor von hünenhafter Gestalt bestimmt worden, ein Seemann, der von Anfang der Belagerung bei den Mörsern diente; dieser überzeugte ihn von der Möglichkeit, aus ihnen zu schießen, führte ihn nachts mit einer Laterne auf der ganzen Bastion, wie in seinem Garten, herum, und versprach, bis zum Morgen alles in Stand zu setzen. Die Blindage, zu der ihn sein Führer geleitete, war eine in steinigem Boden ausgegrabene, zwei Klafter lange und mit ellendicken Eichenbalken bedeckte längliche Grube. Hier quartierte er sich mit seinen sämtlichen Soldaten ein. Kaum hatte Wlang die niedrige, eine Elle hohe Thür der Blindage gesehen, als er kopfüber allen voran auf sie zulief, stark an die eiserne Decke anrannte und sich in einem Winkel versteckte, aus dem er nicht mehr hervorkam. Wolodja dagegen schlug, als alle Soldaten sich längs der Wände auf den Boden gelagert und einige ihre Pfeifen angezündet hatten, sein Bett in einer Ecke auf, zündete Licht an und legte sich, eine Cigarette rauchend, auf seine Pritsche. Über der Blindage hörte man ununterbrochen Schüsse, die aber nicht sehr laut tönten, ausgenommen die einer in der nächsten Nähe stehenden Kanone, die mit ihrem Donner die Blindage erschütterte. In der Blindage selber war's still; die Soldaten, die sich vor dem neuen Offizier noch scheuten, sprachen nur bisweilen miteinander, indem der eine den andern bat, etwas Platz zu machen oder ihm Feuer für die Pfeife zu geben. Eine Ratte nagte irgendwo zwischen den Steinen. Wlang, der noch nicht zu sich gekommen war und sich noch scheu umsah, seufzte auf einmal laut. Wolodja, auf seinem Bette in dem stillen, dichtbevölkerten, nur von einer Kerze erhellten Winkelchen, empfand dasselbe Gefühl des Glückes, das er damals gehabt hatte, wo er als Kind beim Versteckenspiel in den Schrank oder unter Mamas Kleid gekrochen war, und horchte mit verhaltenem Atem auf, ängstigte sich in der Finsternis und war zugleich voll freudiger Erwartung. Es war ihm schwer und heiter zugleich zu Mute.
XXI
Im Laufe einer Viertelstunde fühlten sich die Soldaten heimisch und wurden gesprächig. Dem Licht und dem Bette des Offiziers am nächsten hatten sich die bedeutenderen Leute gelagert: zwei Feuerwerker, der eine ein grauhaariger Alter mit allen Medaillen und Kreuzen, ausgenommen das Georgskreuz; der andere, ein junger Mensch und Soldatenkind, der gedrehte Cigaretten rauchte. Der Trommler hatte, wie überall, die Obliegenheit auf sich genommen, den Offizier zu bedienen. Die Bombardiere und die Reiter saßen in der Mitte; und dort im Schatten am Eingange hatten sich die »Gehorsamen«[F] untergebracht. Unter diesen begann auch das Gespräch. Die Veranlassung dazu gab der Lärm, den ein in die Blindage stürzender Mensch verursachte.
Weshalb bist du nicht auf der Straße geblieben, Brüderchen? ... Singen denn die Mädchen nicht lustig? fragte man ihn.
Sie singen so wunderbare Lieder, wie man sie auf dem Lande niemals gehört hat ... entgegnete lachend der Mann, der in die Blindage gekommen war.
Ah, Waßin hat die Bomben nicht gern, sagte einer aus der Aristokratenecke, – ach, er hat sie nicht gern!
Wie so? Wenn es sein muß, ist es eine ganz andere Sache, entgegnete langsam Waßin, bei dessen Worten alle übrigen zu schweigen pflegten. Am 24. haben wir ordentlich im Feuer gestanden, da ging's nicht anders; aber weshalb soll man es zwecklos thun? ... Man wird unnütz totgeschossen, und die Vorgesetzten sagen einem nicht einmal dank' schön dafür.
Bei diesen Worten Waßins lachten alle.
Mjelnikow sitzt vielleicht noch draußen, sagte jemand.
Schicken Sie ihn hierher, den Mjelnikow, fügte der alte Feuerwerker hinzu, er wird sonst wirklich zwecklos totgeschossen.
Wer ist dieser Mjelnikow? fragte Wolodja.
Wir haben hier einen einfältigen Soldaten, Euer Wohlgeboren. Er fürchtet sich vor nichts in der Welt und geht jetzt immer draußen umher. Belieben Sie, ihn sich anzusehen: der Kerl sieht wie ein Bär aus.
Er kann besprechen, sagte Waßins träge Stimme.
Mjelnikow trat in die Blindage. Er war ein dicker Mann (eine außerordentliche Seltenheit bei Soldaten) mit rotem Haar und Gesicht, ungemein vorstehender Stirn und hervortretenden hellblauen Augen.
Wie, fürchtest du dich vor den Bomben? fragte ihn Wolodja.
Weshalb soll ich mich vor den Bomben fürchten? antwortete Mjelnikow, indem er einen krummen Rücken machte und sich kratzte; durch eine Bombe sterbe ich nicht, das weiß ich.
So möchtest du hier wohnen?
Gewiß, ich möchte schon. Hier ist's heiter! entgegnete er, indem er plötzlich in Lachen ausbrach.
O, da muß man dich zu einem Ausfall mitnehmen. Wenn du willst, sage ich es dem General, sagte Wolodja, obgleich er hier nicht einen General kannte.
Warum soll ich's nicht wollen, – ich will's.
Und Mjelnikow verbarg sich hinter den anderen.
Laßt uns »Nase« spielen, Kinder! Wer hat Karten? ließ sich seine hastige Stimme vernehmen.
Wirklich begann bald in der hintern Ecke das Spiel, – man hörte die Schläge auf die Nase, Lachen und Trumpfen. Wolodja goß sich Thee aus dem Ssamowar ein, den ihm der Trommler aufgestellt hatte, lud die Feuerwerker ein, scherzte und sprach mit ihnen; er hatte den Wunsch, sich populär zu machen und war sehr befriedigt von der Achtung, die ihm entgegengebracht wurde. Als die Soldaten bemerkten, daß er ein leutseliger Herr war, fingen auch sie an, gesprächig zu werden.
Einer erzählte, die Belagerung Sewastopols werde bald ein Ende haben, denn ein zuverlässiger Mann von der Marine habe erzählt, wie Konstantin, der Bruder des Zaren, mit der amerikanischen Flotte uns zu Hilfe komme, ferner, daß bald ein Vertrag kommen würde, zwei Wochen lang nicht zu feuern und Ruhe zu halten, wenn aber einer feuern sollte, müßte er für jeden Schuß 75 Kopeken zahlen.
Waßin war, wie Wolodja Gelegenheit hatte zu sehen, ein kleiner, bärtiger Mann mit großen, gutmütigen Augen, er erzählte, erst unter allgemeinem Schweigen, dann unter Gelächter, wie sie sich, als er auf Urlaub nach Hause kam, anfangs mit ihm gefreut hätten, wie ihn der Vater dann auf Arbeit geschickt und der Forstmeister ihm seinen Wagen gestellt hätte, um seine Frau abzuholen.
Alles das vergnügte Wolodja außerordentlich. Er fühlte nicht nur nicht die mindeste Furcht oder Unbehaglichkeit vor der Enge und dem auf die Brust fallenden Geruch in der Blindage, es war ihm sogar außerordentlich heiter und angenehm zu Mut.
Viele Soldaten schnarchten schon. Wlang hatte sich ebenfalls auf dem Boden ausgestreckt, und der alte Feuerwerker murmelte, nachdem er seinen Mantel ausgebreitet und sich bekreuzigt hatte, vor dem Einschlafen Gebete, als Wolodja auf einmal den Wunsch empfand, aus der Blindage zu gehen, um zu sehen, was draußen vorging.
Zieh' die Füße weg! schrieen, kaum daß er aufgestanden war, die Soldaten einander zu; sie zogen die Füße an sich und ließen ihm den Weg frei.
Wlang, der sich schlafend gestellt, erhob plötzlich den Kopf und faßte Wolodja an den Schößen des Mantels.
Lassen Sie das, gehen Sie nicht, – wie kann man nur! sagte er in weinerlichem, überredendem Tone. Sie kennen das noch nicht. Dort schlagen unaufhörlich die Kugeln ein. Bleiben Sie lieber hier.
Aber ohne Wlangs Bitten zu beachten, drängte sich Wolodja aus der Blindage und setzte sich auf die Schwelle, auf der Mjelnikow saß.
Die Luft war rein und frisch, besonders nach der Luft in der Blindage; die Nacht war hell und ruhig. Nach dem Getöse der Schüsse hörte man das Geräusch der Fuhrwerke, die Schanzkörbe herbeibrachten, und das Geplauder der Leute, die an einem Pulverkeller arbeiteten. Droben wölbte sich der hohe, gestirnte Himmel, an dem die feurigen Streifen der Bomben ununterbrochen dahinflogen. Links führte eine kleine, eine Elle hohe Öffnung in eine andere Blindage, in dem die Füße und Rücken der dort wohnenden Matrosen sichtbar und ihre Stimmen hörbar waren; vor sich sah Wolodja die Erhöhung eines Pulverkellers, neben dem die Gestalten gebückter Leute auftauchten, und auf dem, gerade in die Höhe, unter den Gewehrkugeln und Bomben, die unaufhörlich an diesem Platze pfiffen, eine hohe Gestalt in einem schwarzen Überrock stand, die Hände in den Taschen und mit den Füßen die Erde festtretend, die andere Leute in Säcken dorthin trugen. Bomben kamen häufig dorthin geflogen und platzten ganz nahe bei dem Keller. Die Soldaten, die die Erde schleppten, beugten sich nieder und wichen zur Seite; die schwarze Gestalt bewegte sich nicht fort, trat ruhig mit den Füßen die Erde fest und blieb immer in derselben Stellung an Ort und Stelle.
Wer ist dieser Schwarze? fragte Wolodja Mjelnikow.
Ich weiß es nicht; ich werde hingehen, nachsehen.
Geh nicht! Es ist nicht nötig.
Mjelnikow aber hörte nicht und stand auf, ging an die schwarze Gestalt heran und stand sehr lange, ebenso gleichmütig und unbeweglich neben ihr.
Das ist der Kellermeister, Euer Wohlgeboren! sagte er, zurückgekehrt, eine Bombe hat den Pulverkeller beschädigt, darum tragen Infanteristen Erde dorthin.
Bisweilen flogen, wie es schien, Bomben direkt nach der Thür der Blindage. Da drückte sich Wolodja in eine Ecke und kam von neuem hervor, um in die Höhe zu sehen, ob nicht noch eine geflogen käme.
Obwohl Wlang einigemal aus der Blindage heraus Wolodja bat, zurückzukehren, saß dieser doch an drei Stunden auf der Schwelle, er fand ein gewisses Vergnügen daran, das Geschick zu versuchen und den Flug der Bomben zu beobachten. Gegen Ende des Abends wußte er bereits, woher so viele Geschütze feuerten und wo ihre Geschosse sich niedersenkten.
XXII
Am andern Tage, dem 27. August, ging Wolodja, nach einem zehnstündigen Schlaf, frisch und munter frühmorgens über die Schwelle der Blindage. Wlang war mit ihm zusammen hinausgekrochen, aber beim ersten Kanonenschusse stürzte er spornstreichs, indem er sich mit dem Kopf den Weg bahnte, nach der Öffnung der Blindage zurück, unter dem allgemeinen Gelächter der zum größten Teil ebenfalls an die Luft gekommenen Soldaten. Nur Wlang, der alte Feuerwerker und einige andere gingen selten in den Laufgraben hinaus, die übrigen aber ließen sich nicht abhalten: sie traten alle aus der übelriechenden Blindage an die frische Morgenluft, lagerten sich, trotzdem das Bombardement ebenso heftig war wie tags zuvor, teils an der Schwelle, teils unter der Brustwehr. Mjelnikow ging bereits seit der Morgendämmerung auf den Batterien spazieren, indem er gleichgültig in die Luft sah.
An der Schwelle saßen zwei alte Soldaten und ein junger, kraushaariger, jüdischer Soldat, der von der Infanterie abkommandiert war. Dieser Soldat hatte eine der herumliegenden Gewehrkugeln aufgehoben, sie mit einem Sprengstück an einem Steine plattgeschlagen und schnitt nun aus ihr mit einem Messer ein Kreuz in der Art des Georgskreuzes; die andern sahen plaudernd seiner Arbeit zu. Wirklich kam ein sehr hübsches Kreuz heraus.
Wenn wir hier noch einige Zeit stehen, sagte der eine von ihnen, wird man dann uns allen nach dem Friedensschlusse den Abschied geben?
Wo denkst du hin! ich hatte im ganzen vier Jahre bis zu meiner Verabschiedung zu dienen, und stehe jetzt fünf Monate in Sewastopol.
Wir werden also nicht den Abschied erhalten? fragte ein anderer.
Da pfiff eine Kanonenkugel über den Köpfen der Sprechenden und schlug eine Elle weit von Mjelnikow ein, der im Laufgraben auf sie zukam.
Sie hätte bald Mjelnikow getötet! rief der eine.
Mich tötet sie nicht, antwortete Mjelnikow.
Da hast du das Kreuz für deine Tapferkeit! sagte der junge Soldat, der das Kreuz gemacht hatte, und gab es Mjelnikow.
Nein, Brüderchen, der Monat wird für ein ganzes Jahr gerechnet, so ist's befohlen, ging das Gespräch fort.
In jedem Falle wird nach dem Friedensschlusse eine Kaiserparade in Warschau abgehalten, und werden wir nicht verabschiedet, so werden wir doch auf unbestimmte Zeit beurlaubt.
Da flog eine Gewehrkugel mit Zischen über die Köpfe der Sprechenden hin und schlug an einen Stein an.
Seht, noch vor Abend kann's mit einem »aus« sein, Soldaten.
Alle lachten. Und nicht erst vor Abend, sondern schon nach zwei Stunden war es mit zweien von ihnen »aus« und fünf waren verwundet; aber die übrigen scherzten wie früher.
Wirklich waren am Morgen die beiden Mörser wieder soweit ausgebessert, daß aus ihnen geschossen werden konnte. Gegen zehn Uhr rief Wolodja, auf Befehl des Kommandeurs der Bastion, sein Kommando zusammen und begab sich mit ihm nach der Batterie.
An den Leuten war auch nicht eine Spur des Furchtgefühls zu entdecken, das sich tags zuvor gezeigt hatte, sobald sie an die Arbeit gingen. Nur Wlang konnte sich nicht überwinden: er versteckte und bückte sich noch immer, ja, auch Waßin hatte ein wenig seine Ruhe verloren, er war unruhig und duckte sich fortwährend nieder. Wolodja war in außerordentlicher Begeisterung: nicht der geringste Gedanke an Gefahr beunruhigte ihn. Die Freude, daß er seine Pflicht erfülle, daß er nicht nur nicht feig, sondern sogar tapfer sei, das Gefühl des Kommandierens und die Gegenwart von zwanzig Mann, die, wie er wußte, mit Neugierde auf ihn sahen, machten aus ihm einen vollkommen mutigen Menschen. Er prahlte sogar mit seiner Tapferkeit, kletterte auf die Brustwehrbank hinaus und knöpfte absichtlich den Mantel auf, um besser bemerkbar zu sein. Der Kommandeur der Bastion, der zu dieser Zeit seine Wirtschaft, wie er es nannte, musterte, konnte, wie sehr er auch im Verlauf von acht Monaten daran gewöhnt war, alle Arten von Tapferkeit zu sehen, nicht umhin, mit Wohlgefallen diesen hübschen jungen Menschen zu betrachten, mit dem aufgeknöpften Mantel, unter dem ein, einen weißen zarten Hals umschließendes, rotes Hemd sichtbar war, wie er mit flammendem Gesicht und Augen in die Hände klatschte und mit tönender Stimme kommandierte: »das erste, das zweite!« und heiter auf die Brustwehr lief, um zu sehen, wohin seine Bomben gefallen waren. Um halb zwölf hörte das Schießen auf beiden Seiten auf, und punkt zwölf Uhr begann der Sturm auf den Malachow-Hügel – die zweite, dritte und fünfte Bastion.
XXIII
Diesseit der Bucht, zwischen Inkermann und den Befestigungen der Nordseite, auf dem Telegraphenhügel, standen um die Mittagszeit zwei Seeleute: ein Offizier, der durch ein Fernrohr nach Sewastopol hinübersah, und ein zweiter, der soeben zu Pferde mit einem Kosaken zu der hohen Signalstange gekommen war.
Die Sonne stand hell und hoch über der Bucht, die im heitern und warmen Glanz mit den Böten und den Schiffen und ihren bewegten Segeln spielte. Ein schwacher Wind trieb leicht die Blätter der vertrockneten Eichensträucher um den Telegraphen, blähte die Segel der Böte und erregte die Wellen des Meeres. Sewastopol, noch immer dasselbe, mit seiner unvollendeten Kirche, seiner Säule, seinem Hafendamm, dem grünen Boulevard auf der Höhe, dem schönen Bau der Bibliothek, mit seinen kleinen, azurblauen, von Masten angefüllten Buchten, den malerischen Bögen der Wasserleitung und mit den Wolken blauen Pulverdampfes, bisweilen von der roten Flamme der Schüsse beleuchtet – noch immer schön, feiertäglich, stolz, umgeben auf der einen Seite von gelben, rauchenden Bergen, auf der andern von dem hellblauen, in der Sonne schillernden Meer – Sewastopol war jenseits der Bucht sichtbar. Wo das Meer dem Gesichtskreis entschwand, war ein Streifen dichten Rauches sichtbar, den ein Dampfer verursachte; zogen langgestreckte weiße Wolken hin, die Wind ankündigten. Auf der ganzen Linie der Befestigungen, besonders auf den Höhen der linken Seite, bildeten sich unaufhörlich, unter Blitzen, die bisweilen sogar in der Mittagssonne leuchteten, dichte, zusammengeballte, weiße Rauchmassen, die sich ausbreiteten, in mannigfachen Formen in die Höhe stiegen und sich am Himmel dunkler färbten. Diese Rauchwolken zeigten sich bald hier, bald dort, auf den Höhen, in den feindlichen Batterien, in der Stadt und hoch oben am Himmel. Die Explosionen verstummten nicht und erschütterten, ineinander fließend, die Luft. ...
Um zwölf Uhr begannen die Rauchwolken sich seltener zu zeigen, die Luft wurde weniger von Getöse erschüttert.
Aber die zweite Bastion antwortet gar nicht mehr, rief der zu Pferde sitzende Husarenoffizier, sie ist ganz zusammengeschossen. ... Schrecklich.
Ja, auch der Malachow schickt ihnen auf drei Schüsse nur einen zur Antwort, entgegnete der mit dem Fernrohr. Das macht mich rasend, daß er schweigt. Der Feind trifft ganz direkt in die Kornilow-Batterie, und man antwortet ihm nicht.
Aber sieh, um zwölf Uhr hört er immer mit dem Bombardement auf, wie ich gesagt habe. So ist's auch heute. Gehen wir lieber frühstücken, – man erwartet uns jetzt schon. ... Es ist nichts zu sehen.
Wart', stör' mich nicht! antwortete der mit dem Fernrohr, indem er mit besonderer Gespanntheit nach Sewastopol hinübersah.
Was ist da, was?
Bewegung in den Laufgräben. Dichte Kolonnen rücken vor.
Das sieht man auch so. Sie rücken in Kolonnen an.
Wir müssen das Signal geben. ...
Sieh, sieh! sie sind aus den Laufgräben herausgekommen!
In der That konnte man mit bloßem Auge sehen, wie sich dunkle Flecken bergab von den französischen Batterien durch das Thal nach den Bastionen bewegten. Vor diesen Flecken sah man dunkle Streifen schon in der Nähe unserer Gefechtslinie. Auf den Bastionen flammten an verschiedenen Stellen, wie vorübergehend, weiße Rauchwolken von Schüssen auf. Der Wind trug die Töne des beiderseitigen Gewehrfeuers, das so häufig war, wie wenn Hagel an die Fenster schlägt, hinüber. Die schwarzen Streifen bewegten sich in dichtem Rauch immer näher und näher. Die immer stärker werdenden Töne des Gewehrfeuers schmolzen in ein ununterbrochenes, rollendes Krachen zusammen. Der immer häufiger emporsteigende Rauch verbreitete sich schnell über die ganze Linie und verschmolz endlich in eine dunkelblaue Wolke, die auf- und abwogte, und durch die Feuer und schwarze Punkte hindurchschimmerten; alle Töne vereinigten sich zu einem einzigen rollenden Donner.
Sturm! sagte der Offizier und gab mit bleichem Gesicht dem Seemann das Fernrohr zurück.
Kosaken sprengten den Weg entlang; der Höchstkommandierende kam in einer Kalesche vorbeigefahren, die Offiziere seines Gefolges begleiteten ihn zu Pferde. Auf allen Gesichtern lag sorgenvolle Unruhe und Erwartung.
Es ist unmöglich, daß sie ihn genommen haben! sagte der Offizier zu Pferde.
Bei Gott, die Fahne! ... Sieh, sieh! entgegnete der andere, indem er seufzte und vom Fernrohr fortging: die französische Fahne weht auf dem Malachow.
Es ist unmöglich!
XXIV
Der ältere Koselzow, der in der Nacht noch tüchtig gespielt und erst gewonnen, dann wieder alles verloren hatte, sogar die in den Ärmel eingenähten Goldstücke, schlief noch am Morgen einen ungesunden, schweren, aber festen Schlaf in der Verteidigungskaserne der fünften Bastion, als von verschiedenen Stimmen wiederholt der verhängnisvolle Schrei ertönte:
Alarm!
Was schlafen Sie, Michajlo Ssemjonytsch! Sturm! schrie ihm plötzlich eine Stimme zu.
Gewiß ein Schulbube ... murmelte er, die Augen öffnend, er glaubte es nicht.
Plötzlich aber sah er einen Offizier ohne jeden ersichtlichen Zweck mit einem so bleichen Gesicht aus einer Ecke nach der andern laufen, daß er alles begriff. Der Gedanke, daß man ihn für einen Feigling halten könnte, der in so kritischer Stunde nicht zur Kompagnie gehen wolle, machte ihn ganz bestürzt. Er lief aus Leibeskräften zur Kompagnie. Das Geschützfeuer hatte aufgehört, das Gewehrgeknatter dagegen seinen Höhepunkt erreicht. Die Kugeln pfiffen nicht einzeln, wie aus Stutzen, sondern flogen, wie Scharen von Herbstvögeln, in Schwärmen über die Köpfe. Der ganze Platz, auf dem gestern sein Bataillon gestanden, war in Rauch gehüllt. Wirres Schreien und Rufen ließ sich hören. Verwundete und nicht verwundete Soldaten begegneten ihm in Scharen. Dreißig Schritte weiter sah er seine Kompagnie, die sich an eine Wand gestellt hatte.
Sie haben die Schwarz-Redoute genommen, rief ein junger Offizier. Alles ist verloren!
Unsinn! sagte er zornig, faßte seinen kleinen, eisernen, stumpfen Säbel und schrie:
Vorwärts, Kinder! Urra–a!
Die Stimme war klangvoll und kräftig, und regte Koselzow selber an. Er stürzte vorwärts den Querwall entlang; fünfzig Mann Soldaten eilten mit Geschrei hinter ihm her. Er lief hinter dem Querwall hervor auf einen offenen Platz. Die Kugeln flogen hageldicht.
Zwei trafen ihn, aber wo und was sie ihm gethan, ob sie ihn gestreift oder verwundet, hatte er keine Zeit zu untersuchen. Vor ihm im Pulverdampf waren bereits blaue Waffenröcke und rote Hosen zu sehen und Geschrei zu hören, das nicht russisch war; ein Franzose stand auf der Brustwehr, schwenkte den Degen und schrie. Koselzow war überzeugt, daß er fallen werde: das verlieh ihm Tapferkeit. Er lief immer vorwärts und vorwärts. Einige Soldaten überholten ihn; andere zeigten sich von der Seite her und liefen ebenfalls mit. Die blauen Uniformen blieben in derselben Entfernung, indem sie vor ihm nach ihren Laufgräben zurückliefen; aber seine Füße stießen an Verwundete und Tote.
Als Koselzow bereits den Außengraben laufend erreicht hatte, wurde es ihm schwarz vor den Augen, und er fühlte einen Schmerz in der Brust.
Eine halbe Stunde darauf lag er auf einer Tragbahre bei der Nikolajew-Kaserne und wußte, daß er verwundet war, fühlte aber fast keinen Schmerz; er wollte nur etwas Kaltes trinken und ruhig liegen.
Ein kleiner dicker Doktor mit schwarzem Vollbart kam zu ihm und knöpfte ihm den Mantel auf. Koselzow sah über das Kinn auf das, was der Doktor mit seiner Wunde machte, und auf das Gesicht des Doktors, empfand aber keinen Schmerz. Der Doktor bedeckte die Wunde mit dem Hemd, wischte sich die Finger an den Schößen seines Überrocks ab und ging schweigend, ohne den Verwundeten anzusehen, zu einem andern. Koselzow verfolgte unbewußt mit den Augen, was um ihn vorging, und da er sich erinnerte, was auf der fünften Bastion geschehen war, dachte er mit einem ungemein tröstenden Gefühl daran, wie er seine Pflicht brav erfüllt, wie er zum erstenmal während seiner ganzen Dienstzeit sich so gut als möglich benommen, und ihm niemand einen Vorwurf machen könne. Der Doktor, der einen andern verwundeten Offizier verband, sagte, auf Koselzow zeigend, etwas zu einem Geistlichen mit einem großen roten Barte, der mit einem Kreuze in der Hand dastand.
Werde ich sterben? fragte Koselzow den Geistlichen, als dieser zu ihm herangekommen war.
Der Geistliche sprach, ohne zu antworten, ein Gebet und reichte dem Verwundeten das Kreuz zum Kuß.
Der Tod erschreckte Koselzow nicht. Er nahm mit schwachen Händen das Kreuz, drückte es an seine Lippen und begann zu weinen.
Sind die Franzosen zurückgeworfen? fragte er mit fester Stimme den Geistlichen.
Der Sieg ist überall den Unsrigen geblieben, antwortete der Geistliche, um den Verwundeten zu trösten. Er verbarg ihm, daß auf dem Malachow-Hügel bereits die französische Fahne wehte.
Gott sei gelobt! rief der Verwundete und fühlte nicht, wie ihm die Thränen über die Wangen rannen.
Der Gedanke an den Bruder blitzte einen Augenblick in seinem Kopfe auf. »Gott gebe ihm ein ebensolches Glück!« dachte er.
XXV
Aber ein solches Geschick erwartete Wolodja nicht. Er lauschte gerade einem Märchen, das ihm Waßin erzählte, als man plötzlich schrie: »Die Franzosen kommen!« Das Blut strömte ihm augenblicklich nach dem Herzen, er fühlte, wie seine Wangen kalt und bleich wurden. Eine Sekunde blieb er unbeweglich; als er sich aber umsah, beobachtete er, wie die Soldaten ziemlich ruhig ihre Mäntel zuknöpften und einer nach dem andern herauskrochen, – der eine, wie es schien, war es Mjelnikow, sagte sogar scherzend:
Bringt ihm Salz und Brot entgegen, Kinder!
Wolodja kroch mit Wlang, der keinen Schritt von ihm wich, aus der Blindage heraus und lief zur Batterie. Das Artilleriefeuer war weder diesseits noch jenseits zu hören. Nicht so sehr das ruhige Aussehen der Soldaten, als vielmehr die klägliche, unverhohlene Feigheit des Junkers ermutigte ihn. »Darf ich denn wie dieser sein?« dachte er und lief frohen Muts zur Brustwehr, an der seine Mörser standen. Er konnte deutlich erkennen, wie die Franzosen über einen freien Platz gerade auf ihn zuliefen, und wie sich ihre Scharen, mit den in der Sonne blitzenden Bajonetten, in den nächsten Laufgräben bewegten. Ein kleiner breitschultriger Mann in Zuavenuniform, mit einem Degen, lief voran und sprang über die Gruben.
Mit Kartätschen schießen! schrie Wolodja und stieg eilig von der Brustwehrbank herab; aber die Soldaten waren ihm zuvorgekommen, und der metallene Ton einer abgeschossenen Kartätsche pfiff über seinen Kopf hin, zuerst aus einem, dann aus einem zweiten Mörser. »Das erste! das zweite!« kommandierte Wolodja, indem er die Linie entlang von einem Mörser zum andern lief und vollständig die Gefahr vergaß. Von der Seite her ließ sich das nahe Gewehrfeuer unserer Bedeckungsmannschaft und unruhiges Geschrei hören.
Plötzlich ertönte links, von einigen Stimmen wiederholt, ein erschütternder Schrei der Verzweiflung: »Wir sind umzingelt, umzingelt!« Wolodja sah sich auf den Schrei um. Zwanzig Mann Franzosen zeigten sich im Rücken. Einer von ihnen, ein hübscher Mann mit schwarzem Bart, war allen voran bis auf zehn Schritt an die Batterie herangekommen, hier blieb er stehen, feuerte direkt auf Wolodja und lief dann wieder auf ihn zu. Eine Sekunde stand Wolodja wie versteinert da und glaubte seinen Augen nicht. Als er wieder zu sich kam und sich umsah, befanden sich vor ihm auf der Brustwehr bereits blaue Uniformen; zehn Schritte von ihm vernagelten sogar zwei Franzosen eine Kanone. In seiner Nähe war außer Mjelnikow, der neben ihm von einer Gewehrkugel gefallen, und Wlang, der einen Geschützhebel erfaßt und mit wütendem Gesichtsausdruck und gesenkten Augen vorwärts stürzte, niemand mehr. »Mir nach, Wladimir Ssemjonytsch, mir nach!« schrie die verzweifelte Stimme Wlangs, der mit dem Hebel gegen die Franzosen ausholte, die von hinten gekommen waren. Des Junkers wütende Gestalt machte ihn stutzig. Einem der vordersten schlug er über den Kopf, und die anderen blieben unwillkürlich stehen. Wlang, der sich immer noch umsah und schrie: »Mir nach, Wladimir Ssemjonytsch! Was bleiben Sie stehen! Fliehen Sie!« – lief zum Laufgraben, in dem unsere Infanterie lag und auf die Franzosen schoß. Er sprang in den Laufgraben, dann streckte er den Kopf wieder hervor, um zu sehen, was sein vergötterter Fähnrich mache.
Auf dem Platze, wo Wolodja gestanden hatte, lag, mit dem Gesicht zur Erde, etwas im Mantel, und dieser ganze Platz war voll von Franzosen, die auf die Unsrigen schossen.
XXVI
Wlang fand seine Batterie in der zweiten Verteidigungslinie. Von den zwanzig Soldaten, die bei der Mörserbatterie gewesen, hatten sich nur acht gerettet.
In der neunten Abendstunde setzte Wlang mit der Batterie auf einem mit Soldaten, Kanonen, Pferden und Verwundeten angefüllten Dampfer nach der Nordseite über. Die Schüsse hatten überall aufgehört. Die Sterne glänzten, wie in der vergangenen Nacht, hell am Himmel; aber ein heftiger Wind peitschte das Meer. Auf der ersten und zweiten Bastion flammten längs der Erde Blitze auf; Explosionen erschütterten die Luft und erhellten ringsumher schwarze, seltsame Gegenstände und in die Luft fliegende Steine. In der Nähe der Docks war ein Brand, und die rote Flamme spiegelte sich im Wasser. Die von Menschen überfüllte Brücke war durch ein auf der Nikolaj-Batterie brennendes Feuer erleuchtet. Die große Flamme schien über dem Wasser auf der fernen Landzunge der Alexander-Batterie zu stehen und erhellte den unteren Teil einer Rauchwolke, die über ihr lag, und wie gestern schimmerten die ruhigen, herausfordernden, fernen Lichter im Meer auf der feindlichen Flotte. Eine frische Brise bewegte die Bucht. Bei dem Scheine der Brände waren die Masten unserer immer tiefer und tiefer ins Wasser versenkten Schiffe sichtbar. Gespräch ließ sich auf dem Verdeck nicht hören; nur hörte man durch das gleichmäßige Geräusch der zerteilten Wellen und des Dampfes auf der Fähre die Pferde schnauben und mit den Füßen stampfen, die Kommandoworte des Kapitäns und das Stöhnen der Verwundeten. Wlang, der den ganzen Tag nichts gegessen hatte, holte sich ein Stück Brot aus der Tasche und begann es zu kauen; plötzlich aber erinnerte er sich Wolodjas und begann so laut zu weinen, daß die Soldaten in seiner Nähe es hörten.
Sieh, unser Wlanga ißt Brot und weint dabei! sagte Waßin.
's ist wunderbar! entgegnete ein anderer.
Sieh, auch unsere Kasernen haben sie angezündet ... fuhr er seufzend fort. Daran, daß von unsereinem so viele dort gefallen, hat der Franzose noch nicht genug!
Mit knapper Not sind wir lebend von dort fortgekommen, und dafür sei dem Herrn Dank! sagte Waßin.
Aber doch ist es kränkend ...
Ach was, kränkend? Wird »er« denn dort herumspazieren? Wo denkst du hin? ... Gieb' acht, die Unsrigen werden ihm schon alles wieder abnehmen. Wieviel von unsereinem auch dort zu Grunde gegangen, aber, so wahr Gott heilig ist, wenn der Kaiser befiehlt – wird's ihm abgenommen! Werden's ihm denn die Unsrigen so lassen? Gewiß nicht! ... Behalt dir nur die nackten Wände, die Schanzen sind sämtlich in die Luft gesprengt ... Auf dem Hügel hat er sein Fähnchen aufgesteckt, aber in die Stadt wagt er sich nicht.
Wart' nur, mit dir wird schon noch abgerechnet werden ... Laß uns nur Zeit! schloß er, zu den Franzosen gewandt.
Gewiß wird das geschehen! sagte der andere mit Überzeugung.
Auf der ganzen Linie der Sewastopoler Bastionen, die viele Monate hindurch der Schauplatz strotzenden, energischen Lebens gewesen war, die so viele Monate hindurch mit angesehen hatten, wie die Soldaten, einer nach dem andern, hinstarben, die so viele Monate die Furcht, den Haß und endlich das Entzücken der Feinde erregt hatten, auf den Bastionen von Sewastopol war niemand mehr zu sehen. Alles war tot, öde, schrecklich, aber nicht still, – noch immer wurde das Werk der Zerstörung fortgesetzt. Auf der durch frische Explosionen aufgerissenen und eingestürzten Erde lagen überall zerbogene Lafetten auf russischen und feindlichen Leichen, – schwere gußeiserne, für immer verstummte Kanonen, die durch eine fürchterliche Gewalt in Gruben geworfen und halb mit Erde überschüttet waren, – Bomben, Kanonenkugeln, wiederum Leichen, Gruben, Bruchstücke von Balken aus den Blindagen, und wieder stumme Leichen in grauen und blauen Mänteln. Das alles zitterte noch häufig nach und wurde durch die Purpurflamme der Explosion beleuchtet, die fortgesetzt die Luft erschütterte.
Die Feinde sahen, daß etwas Unbegreifliches in dem schrecklichen Sewastopol geschehen war. Diese Explosionen und das Schweigen des Todes auf den Bastionen machten sie erzittern; sie wagten aber unter dem Eindruck des kräftigen, mutigen Widerstands des Tages noch nicht zu glauben, daß ihr unerschütterlicher Feind verschwunden sei, und erwarteten, ohne sich zu rühren, mit Beben das Ende der finstern Nacht.
Wie das Meer in stürmischer, finstrer Nacht auf- und abschwillt und ängstlich erbebt in seiner ganzen Fülle und am Ufer brandet, so bewegte sich das Heer von Sewastopol langsam in undurchdringlicher Finsternis über die Brücke auf der Nordseite – fort von dem Ort, auf dem es so viel tapfere Brüder gelassen, von dem Ort, der von seinem Blute getränkt war, von dem Ort, den es elf Monate lang gegen einen doppelt stärkeren Feind verteidigt und jetzt auf Befehl ohne Kampf verlassen mußte.
Unbegreiflich und schwer war für jeden Russen der erste Eindruck dieses Befehls. Das zweite Gefühl war die Furcht vor Verfolgung. Die Leute fühlten sich widerstandsunfähig, sobald sie die Orte verlassen hatten, an denen sie zu kämpfen gewohnt waren, und drängten sich unruhig in der Finsternis am Anfang der Brücke zusammen, die von einem starken Wind hin- und hergeschaukelt wurde. Die Infanterie staute sich, ihre Bajonette stießen aneinander, die Regimenter, Wagen und Milizen drängten sich zusammen; berittene Offiziere mit Befehlen brachen sich Bahn; es weinten und baten die Einwohner und Offiziersburschen, deren beladene Wagen nicht durchgelassen wurden; mit Rädergerassel arbeitete sich die Artillerie zur Bucht durch, um so schnell als möglich davonzukommen. Obgleich alle von den verschiedensten unwichtigen Dingen in Anspruch genommen waren, war doch das Gefühl der Selbsterhaltung und der Wunsch, so schnell als möglich von diesem furchtbaren Orte des Todes hinwegzukommen, in der Seele eines jeden. Dieses Gefühl hatte der tödlich verwundete Gemeine, der unter fünfhunderten solcher Verwundeter auf dem Pflaster des Pauldammes lag und Gott um seinen Tod bat, der Landwehrmann, der sich mit äußerster Kraftanstrengung in die dichte Menge drängte, um dem vorüberreitenden General den Weg freizumachen, der General, der standhaft den Übergang leitete und gegen die Hast der Soldaten ankämpfte, der Matrose, der in ein marschierendes Bataillon geraten war und von der wogenden Menge so zusammengepreßt wurde, daß ihm der Atem verging, der verwundete Offizier, den vier Gemeine auf einer Bahre trugen und bei der Nikolai-Batterie niederließen, weil die gestaute Menschenmasse ihnen den Weg verstellte, der Artillerist, der sechzehn Jahre sein Geschütz bedient hatte und der es auf den Befehl der Führung, der ihm unverständlich war, mit Hilfe der Kameraden den steilen Abhang der Bucht hinabgestürzt hatte, die Seeleute, die eben das Wasser in die Schiffe einließen und in ihren Barkassen mit schnellem Ruderschlag davonfuhren. Fast jeder Soldat, der an das jenseitige Ufer gelangt war, nahm die Mütze ab und bekreuzte sich. Aber diesem Gefühl folgte ein anderes, schweres, nagendes und tieferes Gefühl: es war ein Gefühl der Reue, der Scham und der Wut. Fast jeder Soldat, der von der Nordseite aus nach dem verlassenen Sewastopol hinüberblickte, seufzte mit unsagbarer Trübsal im Herzen und drohte den Feinden.
Kaukasische Erzählungen - Ein Ueberfall - Der Holzschlag - Begegnung im Felde
Vom Sommer 1851 bis zum Herbst 1853 war Leo Tolstoj als Offizier im Kaukasus. Die neue Welt, die ihn hier umgab, wirkte auf den Dichter mit solcher Macht ein, daß auch die kurze Zeit seines Aufenthalts ungemein reiche Früchte trug.
Der Kaukasus lebte in der Vorstellung des gebildeten Russen als ein fernes Paradies, in dem der seelenkranke Westeuropäer Gesundung findet. Diese romantische Vorstellung von den Gebirgsländern, die an der Scheide Europas und Asiens liegen, hatten die Lyrik Puschkins, die Erzählerkunst Lermontows und die Romanschilderungen Marlinskijs erzeugt. Leo Tolstoj tritt an die neue Welt, die sich ihm aufthut, mit unverschleiertem Blick heran und entkleidet sie ihres erborgten Reizes. Nicht geringer ist für ihn die Majestät der Natur, nicht schwächer die Eindrücke, die der Mensch der Unkultur und der unter ihrem Einflusse veränderte russische Mann aus den niederen Schichten des Volks auf ihn machen. Aber anders geartet ist alles. Es ist der Unterschied des Wirklichkeitsbildes und der idealisierenden, absichtsvollen Selbsttäuschung.
Die Werke, die dieser Zeit ihre Anregung verdanken, sind: »Ein Ueberfall«, »Der Holzschlag«, »Eine Begegnung im Felde mit einem Moskauer Bekannten« und »Die Kosaken«. Ich habe alle vier (in meiner Biographie Leo Tolstojs) unter dem gemeinsamen Titel »Kaukasische Erzählungen« zusammengefaßt. Nicht alle vier sind im Kaukasus selbst niedergeschrieben: »Ein Ueberfall« ist aus dem Jahre 1852, »Der Holzschlag« ist in den Jahren 1854/55 zu Papier gebracht, mitten unter den Stürmen der Sewastopoler Kämpfe, »Eine Begegnung im Felde« stammt aus dem Jahre 1856, und »Die Kosaken« sind gar erst ein Jahrzehnt später (1861) zum Abschluß gediehen und im Jahre 1863 veröffentlicht.
Alle diese Erzählungen durchzieht als leitender Gedanke: die Abneigung gegen die Kultur und die Gesellschaftsschicht, die sich als ihre ausschließliche Eigentümerin fühlt, und die Liebe zu dem schlichten Volk, das unbewußt Tugenden bewahrt hat, die dem Gebildeten fehlen. Hie und da bricht auch schon ernster die Verabscheuung des Krieges hindurch, eine Idee, die später, gestützt auf den Satz des Evangeliums: »daß ihr nicht widerstreben sollt dem Uebel« zu einer der wichtigsten Grundsätze Tolstojscher Weltanschauung geworden ist.
R. L.