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Sewastopol

Chapter 66: III
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About This Book

Three vivid frontline sketches portray life under siege at a Black Sea fortress from a young officer's eyewitness perspective, tracing the buildup, the turning point, and the tragic surrender while registering daily hardships, bravery, and moral bewilderment. The tone remains austere and observational, privileging truthful description over heroic mythmaking and emphasizing widespread suffering, stoic endurance, and the ethical ambiguity of war. Interspersed are shorter Caucasian tales that depict rural encounters, ambushes, and episodes of labor and chance, presented with the same unsentimental realism and attention to ordinary human responses.

[N] Die Zeichen haben bei den Bergvölkern beinahe die Bedeutung von Fahnen, nur mit dem Unterschied, daß jeder Dshigit sich seine eigenen Zeichen machen und führen kann.

Mit Gott, Iwan Chassanow! sagt der General.

Der Oberst wendet auf der Stelle sein Pferd, zieht seinen Säbel und ruft: »Urrah!«

Urrah, urrah, urrah, ... tönt es durch die Reihen, und die Reiterei stürmt ihm nach.

Alle schauen mit Teilnahme hin: da ist ein Zeichen, ein zweites, ein drittes, ein viertes ... Der Feind verschwindet, ohne den Angriff abzuwarten, im Walde und eröffnet von hier aus ein Gewehrfeuer. Die Kugeln kommen dichter geflogen.

Quel charmant coup d'œil! sagt der General, indem er seinen dünnbeinigen Rappen auf englische Art leichte Sprünge machen läßt.

Charmant! antwortet der Major mit schnarrendem R, giebt seinem Pferd einen Hieb mit der Gerte und reitet zu dem General heran. C'est un vrai plaisir, la guerre dans un aussi beau pays, sagt er.

Et surtout en bonne compagnie, fügt der General mit anmutigem Lächeln hinzu.

Der Major verneigte sich.

In diesem Augenblick fliegt mit raschem, häßlichem Zischen eine feindliche Kugel vorbei und schlägt irgendwo ein; hinter uns hört man das Stöhnen eines Verwundeten. Dieses Stöhnen ergreift mich so sonderbar, daß das kriegerische Bild im Augenblick all seinen Zauber für mich verliert; aber niemand außer mir scheint das zu bemerken: der Major lacht, wie ich glaube, aus vollem Halse; ein anderer Offizier wiederholt vollkommen ruhig die Anfangsworte seiner Rede; der General sieht auf die entgegengesetzte Seite hinüber und sagt mit dem ruhigsten Lächeln etwas auf französisch.

Befehlen Sie ihre Schüsse zu erwidern? fragt heransprengend der Befehlshaber der Artillerie.

Ja, jagen Sie ihnen einen Schrecken ein, sagt der General nachlässig und raucht eine Cigarette an.

Die Batterie formiert sich, und das Feuer beginnt. Die Erde stöhnt unter dem Geschützdonner, ununterbrochen blitzen die Feuer auf, und ein Rauch, durch den man kaum die hin- und hergehende Bedienungsmannschaft der Geschütze unterscheiden kann, lagert sich vor unserem Blick.

Der Aul wird beschossen. Wieder kommt Oberst Chassanow herangeritten und fliegt auf Befehl des Generals nach dem Aul. Das Kriegsgeschrei erschallt von neuem, und die Reiterei verschwindet in der Staubwolke, die sie selbst aufwirbelt.

Das Schauspiel war wahrhaft großartig. Eines nur störte mir, als einem Menschen, der an dem Kampf nicht teilnahm und dem all das neu war, den Eindruck, weil es überflüssig erschien – diese Lebhaftigkeit, diese Begeisterung, dies Geschrei. Unwillkürlich drängte sich mir der Vergleich auf mit einem Menschen, der mit aller Wucht ausholt, um mit einem Beile die Luft zu spalten.

Unsere Truppen hatten schon den Aul besetzt, und nicht eine Seele war vom Feinde zurückgeblieben, als der General mit seinem Gefolge, in das auch ich mich gemischt hatte, herangeritten kam.

Die langen, reinlichen Hütten mit den flachen Lehmdächern und den hübschen Schornsteinen lagen auf unebenen, steinigen Hügeln zerstreut, zwischen denen ein kleines Flüßchen hinfloß. Auf der einen Seite schimmerten im hellen Sonnenlicht die grünen Gärten mit den ungeheuren Birnen- und Pflaumenbäumen; auf der andern ragten sonderbare Schatten empor, senkrechtstehende hohe Steine eines Kirchhofs und lange hölzerne Stangen, an deren Enden Kugeln und buntfarbige Fähnlein befestigt waren. (Das waren die Gräber der Dshigiten.)

Die Truppen standen in Reih und Glied vor dem Thore.

Eine Minute später zerstreuten sich die Dragoner, Kosaken, Fußgänger mit sichtlicher Freude durch die schiefen Gassen, und der öde Aul war im Augenblick belebt. Da wird ein Dach niedergerissen, schlägt eine Axt gegen das starke Holz, und die Bretterthür wird erbrochen; hier wird ein Heuschober, ein Zaun, eine Hütte in Brand gesteckt, und dichte Rauchwolken steigen in Säulen in die klare Luft empor. Da schleppt ein Kosak einen Sack Mehl und einen Teppich; ein Soldat trägt mit freudestrahlendem Gesicht aus der Hütte ein blechernes Waschbecken und einen Fetzen Tuch heraus; ein anderer müht sich mit ausgebreiteten Armen zwei Hennen einzufangen, die gackernd um den Zaun herumflattern; ein dritter hat irgendwo einen ungeheuren Topf mit Milch entdeckt, er trinkt daraus, und wirft ihn dann mit schallendem Lachen zu Boden.

Das Bataillon, mit dem ich die Festung N. verlassen hatte, war auch im Aul. Der Kapitän saß auf dem Dach einer Hütte und blies aus seinem kurzen Pfeifchen die Rauchwölkchen seines sambrotalischen Tabaks mit so gleichgültiger Miene in die Luft, daß ich bei seinem Anblick vergaß, daß ich mich in einem feindlichen Aul befinde und das Gefühl hatte, als sei ich hier völlig zu Hause.

Ach, auch Sie hier? sagte er, als er mich bemerkte.

Die hohe Gestalt des Leutnants Rosenkranz tauchte bald hier, bald dort im Aul auf: er war ununterbrochen in Thätigkeit und hatte das Aussehen eines Menschen, der von einer Sorge sehr in Anspruch genommen ist. Ich sah, wie er mit feierlicher Miene aus einer Hütte herauskam; ihm folgten zwei Soldaten, die einen alten Tataren gebunden führten. Der Alte, dessen ganze Kleidung ein buntes Beschmet, das in Lumpen herabhing, und zerfetzte Beinkleider bildeten, war so gebrechlich, daß seine fest auf dem Rücken zusammengeschnürten knochigen Arme sich kaum an den Schultern zu halten schienen, und seine krummen, nackten Beine sich nur mit Mühe vorwärts bewegten. Sein Gesicht, ja sogar ein Teil seines rasierten Kopfes war von tiefen Furchen durchzogen. Der schiefgezogene, zahnlose Mund, den ein grauer, kurzgeschnittener Schnurrbart und Backenbart umgab, bewegte sich unaufhörlich, als ob er etwas kaute; aber aus den roten, wimperlosen Augen leuchtete noch das Feuer und prägte sich deutlich des Alters Gleichgültigkeit gegen das Leben aus.

Rosenkranz fragte ihn mit Hilfe des Dolmetschs, warum er nicht mit den andern geflohen sei.

Wohin soll ich fliehen? sagte er und blickte ruhig nach der Seite.

Wo die andern hingeflohen sind, bemerkte jemand.

Die Dshigiten sind mit den Russen in den Kampf gezogen, aber ich bin ein alter Mann.

Fürchtest du dich denn nicht vor den Russen?

Was können mir die Russen thun? Ich bin ein alter Mann, sagte er wieder und sah teilnahmslos in dem Kreise umher, der sich um ihn gebildet hatte.

Als ich wieder zurückkehrte, sah ich, wie dieser alte Mann ohne Mütze mit gebundenen Händen zitternd hinter dem Sattel eines Linienkosaken saß und mit demselben leidenschaftslosen Ausdruck um sich sah. Er war zum Austausch der Gefangenen unentbehrlich.

Ich kletterte auf das Dach und ließ mich neben dem Kapitän nieder.

Der Feind scheint nicht stark an Zahl gewesen zu sein, sagte ich zu ihm, denn ich wollte seine Meinung hören über den eben beendeten Kampf.

Der Feind? wiederholte er verwundert. Es hat ja gar keinen Feind gegeben. Nennt man das etwa einen Feind? ... Abends werden Sie sehen, wenn wir den Rückzug antreten, dann sollen Sie sehen, wie sie uns begleiten werden: wie sie da hervorkommen werden! fügte er hinzu und zeigte mit dem Glase nach dem Waldwege, den wir des Morgens gegangen waren.

Was ist dort? fragte ich beunruhigt und unterbrach den Kapitän, indem ich auf die Don'schen Kosaken hinzeigte, die sich unweit von uns gesammelt hatten.

Aus ihrer Schar klang etwas wie das Weinen eines Kindes herüber und die Worte: eh, schlagt nicht ... halt ... man könnte es sehen ... hast du ein Messer, Ewstignjeïtsch? ... Gieb das Messer her ...

Sie teilen etwas, die verfluchten Kerle, sagte der Kapitän ruhig.

Aber in demselben Augenblick kam plötzlich mit glühendem, erregtem Gesicht der hübsche Fähnrich um die Ecke gestürmt und stürzte, mit den Armen durch die Luft fahrend, auf die Kosaken zu.

Rührt ihn nicht an, schlagt ihn nicht! rief er mit kindlicher Stimme.

Als die Kosaken den Offizier erblickten, gingen sie auseinander und ließen einen weißen Ziegenbock los. Der junge Fähnrich wurde äußerst verlegen, murmelte etwas vor sich hin und blieb mit verlegener Miene vor ihnen stehen. Als er mich und den Kapitän auf dem Dache erblickte, errötete er noch mehr und kam in hüpfenden Schritten zu uns heran.

Ich glaubte, sie wollten ein Kind töten, sagte er mit schüchternem Lächeln.

Der General ritt mit der Reiterei voraus. Das Bataillon, mit dem ich die Festung N. verlassen hatte, blieb in der Nachhut. Die Kompagnie des Kapitäns Chlopow und des Leutnants Rosenkranz rückten gleichzeitig aus.

Die Prophezeiung des Kapitäns ging vollständig in Erfüllung. Wir hatten kaum den schmalen Waldweg betreten, von dem er gesprochen hatte, als von beiden Seiten unaufhörlich Bergbewohner zu Pferde und zu Fuß vorüberhuschten, und in solcher Nähe, daß ich ganz deutlich sah, wie einige zusammengekauert, die Büchse in der Hand, von einem Baum zum andern hinüberrannten.

Der Kapitän entblößte sein Haupt und bekreuzte sich andächtig; einige alte Soldaten thaten das Gleiche. Im Walde hörte man wildes Kriegsgeschrei und die Worte: »Iaj, giaur! uruß iaj!« Knatternde kurze Büchsenschüsse folgten einer dem andern, und die Kugeln pfiffen von beiden Seiten. Die Unseren erwiderten schweigend im Lauffeuer. Nur selten hörte man in ihren Reihen Bemerkungen wie die: »Er[O] feuert von da, er hat es leicht, hinter den Bäumen versteckt, Kanonen müßten wir haben ...« u. s. w.

[O] Er ist ein Sammelname, unter dem die kaukasischen Soldaten den Feind im Allgemeinen zu verstehen pflegen.

Die Geschütze rückten in die Schlachtlinie ein. Nach einigen Kartätschensalven schien der Feind zu ermatten, aber nach einem kurzen Augenblick und mit jedem Schritt, den die Truppen machten, wurde das Feuer, das Geschrei und das Kriegsgeheul wieder stärker.

Wir hatten uns kaum 300 Faden von dem Aul zurückgezogen, als die feindlichen Kugeln pfeifend über unsern Häuptern zu schwirren begannen. Ich sah, wie ein Soldat von einer Kugel hingestreckt wurde ... Aber wozu die Einzelheiten dieses schrecklichen Bildes wiedererzählen, da ich doch selbst viel dafür gäbe, wenn ich es vergessen könnte.

Leutnant Rosenkranz selbst schoß, ohne auch nur einen Augenblick zu unterbrechen, aus seiner Büchse, schrie mit heiserer Stimme die Soldaten an und sprengte im vollen Lauf von einem Flügel zum andern. Er war ein wenig blaß, und das stand seinem kriegerischen Gesicht sehr gut.

Der hübsche Fähnrich war entzückt. Seine schönen schwarzen Augen strahlten vor Kühnheit, seinen Mund umspielte ein leichtes Lächeln; immer wieder kam er zu dem Kapitän herangeritten und bat um die Erlaubnis, mit Urrah im Sturme vorzugehen.

Wir werfen sie zurück, sagte er mit innerer Überzeugung. Wahrhaftig, wir werfen sie zurück.

Nicht nötig, erwiderte der Hauptmann ruhig, wir müssen zurückgehen.

Die Kompagnie des Kapitäns hielt den Waldesrand besetzt und erwiderte das feindliche Feuer liegend. Der Kapitän, in seinem abgetragenen Überrock und in seiner zerzausten Mütze, hatte seinem Paßgänger, einem Schimmel, die Zügel hängen lassen und seine Beine in dem kurzen Steigbügel zusammengezogen; so stand er schweigend an einer und derselben Stelle. (Die Soldaten wußten so gut, was sie zu thun hatten, und führten es so gut aus, daß man ihnen nicht zu befehlen brauchte.) Von Zeit zu Zeit nur erhob er seine Stimme lauter und schrie die an, die die Köpfe emporhoben. Die Gestalt des Kapitäns hatte wenig Kriegerisches an sich, dafür aber lag in ihr soviel Aufrichtigkeit und Schlichtheit, daß sie mich außerordentlich berührte. »Das heißt wahrhaft tapfer«, sprach es unwillkürlich in mir.

Er war ganz so, wie ich ihn immer sah. Dieselben sicheren Bewegungen, dieselbe ruhige Stimme, derselbe Ausdruck von Gradheit in seinem unschönen, aber schlichten Gesicht. Nur in dem Blick, der leuchtender war, als gewöhnlich, konnte man an ihm die Aufmerksamkeit eines Menschen beobachten, der ruhig seiner Sache hingegeben ist. Es sagt sich leicht: ganz so wie immer; aber wie mannigfache Abstufungen habe ich bei andern wahrnehmen können: der eine will ruhiger, der andere ernster erscheinen, ein dritter heiterer als gewöhnlich; an dem Gesicht des Kapitäns aber konnte man merken, daß er gar nicht begreifen konnte, warum man etwas scheinen sollte.

Der Franzose, der bei Waterloo sagte: »La garde meurt, mais ne se rend pas« und andere, besonders französische Helden, die denkwürdige Worte gesprochen haben, waren tapfer und haben wirklich denkwürdige Worte gesprochen; aber zwischen ihrer Tapferkeit und der Tapferkeit des Kapitäns ist der Unterschied, daß er, wenn sich auch ein großes Wort, gleichviel bei welcher Gelegenheit, in der Seele meines Helden geregt hätte, er es – davon bin ich überzeugt – nicht ausgesprochen hätte: erstens, weil er gefürchtet hätte, durch das große Wort selbst, wenn er es aussprach, das große Werk zu zerstören; zweitens, weil, wenn ein Mensch die Kraft in sich fühlt, ein großes Werk zu vollbringen, jedes Wort überflüssig ist. Dies ist nach meiner Meinung das besondere und große Merkmal der russischen Tapferkeit; und wie soll demnach ein russisches Herz nicht bluten, wenn man unter unseren jungen Kriegern fade französische Phrasen hört, die es dem veralteten französischen Rittertum gleich zu thun streben? ...

Plötzlich erklang von der Seite, wo der hübsche Fähnrich mit seinem Zuge stand, ein vereinzeltes und schwaches Urrah. Ich sah mich um bei dem Rufe und erblickte etwa 30 Mann, die mit dem Gewehr in der Hand und dem Sack auf dem Rücken mit Mühe und Not über ein bebautes Ackerfeld liefen. Sie stolperten, kamen aber doch alle mit lautem Geschrei vorwärts. Ihnen voraus sprengte mit gezücktem Säbel der junge Fähnrich.

Alles verschwand im Walde.

Nach einem Kriegsgeschrei und Gewehrknattern von mehreren Minuten kam aus dem Walde ein scheues Pferd hervorgestürzt, und am Saum erschienen Soldaten, die die Gefallenen und Verwundeten heraustrugen; unter den Letzteren war der junge Fähnrich. Zwei Soldaten hielten ihn unter den Arm gestützt. Er war bleich wie ein Tuch, und sein hübsches Köpfchen, auf dem nur ein Schatten jener kriegerischen Begeisterung sichtbar war, die es eine Minute vorher beseelt hatte, war schrecklich zwischen den Schultern eingesunken und hing auf die Brust herab. Auf dem weißen Hemd unter dem aufgeknöpften Rock sah man einen kleinen blutigen Fleck.

Ach, welch ein Jammer, sagte ich unwillkürlich und wandte mich von diesem traurigen Schauspiel ab.

Oh ja, es ist bejammernswert, sagte der alte Soldat, der mit düsterer Miene, den Ellbogen auf das Gewehr gestützt, neben mir stand. Er fürchtet sich vor nichts, wie kann man nur so sein! fügte er hinzu und blickte unverwandt zu dem Verwundeten hinüber. Er ist noch nicht gescheit und hat es büßen müssen.

Fürchtest du dich denn? fragte ich.

Etwa nicht?

Vier Soldaten trugen den Fähnrich auf einer Tragbahre; hinter ihm führte ein Trainsoldat ein hageres, abgetriebenes Pferd, dem zwei grüne Kasten aufgeladen waren, in denen die Werkzeuge des Feldschers aufbewahrt lagen. Man erwartete den Arzt. Die Offiziere kamen zu der Tragbahre herangeritten und gaben sich Mühe, den Verwundeten zu ermuntern, aufzurichten und zu trösten.

Nun, Bruder Alanin, du wirst nicht so bald wieder mit den Castagnetten tanzen können, sagte lächelnd heranreitend Leutnant Rosenkranz.

Er glaubte wahrscheinlich, diese Worte würden den Mut des hübschen Fähnrichs aufrichten; aber soviel man aus dem kalt-traurigen Ausdruck des Blicks des Letzteren sehen konnte, hatten diese Worte die erwartete Wirkung nicht.

Auch der Kapitän kam herangeritten. Er betrachtete den Verwundeten unverwandt, und in seinen stets gleichmütig-kühlen Zügen prägte sich aufrichtiges Mitleid aus.

Nun, mein teurer Anatolij Iwanytsch, sagte er mit einer Stimme, die von so zärtlicher Teilnahme erfüllt war, wie ich es nie von ihm erwartet hätte. Gott hat es offenbar so gewollt.

Der Verwundete sah sich um; sein bleiches Gesicht belebte ein trauriges Lächeln.

Ja, ich habe Ihnen nicht gefolgt.

Sagen Sie lieber, Gott hat es so gewollt, wiederholte der Kapitän.

Der Arzt war gekommen, er nahm von dem Feldscher die Binden, die Sonde und was er sonst noch brauchte, streifte die Ärmel auf und trat mit einem ermunternden Lächeln an den Verwundeten heran.

Nun, auch Ihnen haben sie, wie es scheint, ein Loch an einer heilen Stelle gemacht? sagte er in scherzhaft-leichtem Ton. Zeigen Sie mal her.

Der Fähnrich gehorchte; aber in dem Ausdruck, mit dem er den lustigen Arzt ansah, lag Verwunderung und Vorwurf. Der Arzt bemerkte das nicht. Er sondierte die Wunde und besah sie von allen Seiten; der Verwundete aber wurde ungeduldig und schob die Hand des Arztes mit schwerem Stöhnen zurück.

Lassen Sie mich, sagte er mit kaum vernehmbarer Stimme. Es ist ganz gleich, ich sterbe.

Mit diesen Worten fiel er zurück, und fünf Minuten später, als ich an die Gruppe, die sich um ihn gebildet hatte, herantrat und einen Soldaten fragte: »Wie steht's mit dem Fähnrich?« antwortete man mir: »Er geht hinüber.«

Es war schon spät, als die Abteilung, in Reih und Glied, mit klingendem Spiel sich der Festung näherte. Die Sonne war hinter dem schneebedeckten Bergrücken versunken und warf ihre letzten rosigen Strahlen auf eine lange, zarte Wolke, die an dem hellen, lichten Horizont stand. Die Schneeberge begannen sich in bläulichen Nebel zu hüllen; nur ihre höchsten Umrisse hoben sich mit außerordentlicher Klarheit von dem Purpurlicht des Sonnenunterganges ab. Der längst aufgegangene, durchsichtige Mond begann das dunkle Blau mit seinem hellen Schimmer zu beleuchten. Das Grün des Grases und der Bäume wurde schwärzlich und bedeckte sich mit Tau. Die dunklen Heeresmassen bewegten sich mit gleichmäßigem Laut über die duftigen Wiesen; von allen Seiten tönten Glockenspiel, Trommel und lustige Lieder. Der Stimmführer der sechsten Kompagnie ließ seine Stimme mit voller Kraft erschallen, die Töne seines reinen vollen Tenors, voll Empfindung und Kraft, erklangen weithin durch die klare Abendluft.

Der Holzschlag - Erzählung eines Junkers

I

Es war um die Mitte des Winters 185., eine Division unserer Batterie stand im Felde in der großen Tschetschnja. Am Abend des 14. Februar hatte ich erfahren, daß der Zug, den ich in Abwesenheit des Offiziers kommandierte, zu der Kolonne befehligt war, die morgen zum Waldausholzen gehen sollte. Ich hatte schon am Abend die nötigen Befehle empfangen und weitergegeben und mich früher als gewöhnlich in mein Zelt begeben, und da ich nicht die schlechte Gewohnheit hatte, es mit glühenden Kohlen zu heizen, legte ich mich bekleidet, wie ich war, auf mein Bett, das auf Pflöcken hergerichtet war, zog die Fellmütze über die Augen, wickelte mich in meinen Pelz ein und versank in den eigentümlichen, festen und schweren Schlaf, den man im Augenblick der Erregung und Unruhe vor der Gefahr schläft. Die Erwartung des Unternehmen von morgen hatte mich in diesen Zustand versetzt.

Um drei Uhr morgens, als es noch ganz dunkel war, riß mir jemand den warm gewordenen Schafpelz herunter, und die rötliche Farbe der Kerzen traf meine verschlafenen Augen schmerzhaft.

Belieben Sie aufzustehen, sagte eine Stimme. Ich schloß die Augen, zog unbewußt den Schafpelz wieder herauf und schlief ein. Belieben Sie aufzustehen, wiederholte Dmitrij von neuem und rüttelte mich erbarmungslos an der Schulter, die Infanterie rückt aus. Da wurde mir auf einmal die Wirklichkeit klar, ich schüttelte mich und sprang auf die Beine. Schnell trank ich mein Glas Thee, wusch mich mit dem eiskalten Wasser, kroch aus meinem Zelt und ging in den Park (der Ort, wo die Geschütze stehen). Es war dunkel, neblig und kalt. Die nächtlichen Wachtfeuer beleuchteten die Soldaten, die um sie herum gelagert waren, und verstärkten die Dunkelheit durch ihren matten Purpurschein. In der Nähe war ein gleichmäßiges ruhiges Schnarchen zu hören, in der Ferne die Bewegungen, das Gespräch und das Waffengeklirr des Fußvolks, das sich zum Aufbruch rüstete; es roch nach Rauch, Lunte und Nebel; der Schauer der Morgenkühle lief mir über den Rücken und meine Zähne schlugen unwillkürlich gegeneinander.

Nur an dem Schnauben und von Zeit zu Zeit erklingendem Hufschlag konnte man in dieser undurchdringlichen Dunkelheit erkennen, wo die bespannten Protzwagen und Pulverkästen, und an den leuchtenden Punkten der Lunten, wo die Geschütze standen. Mit den Worten: »Mit Gott!« erklirrte das erste Geschütz, hinterdrein rasselte der Pulverkasten, und der Zug setzte sich in Bewegung. Wir nahmen alle unsere Mützen ab und bekreuzten uns. Als der Zug den freien Raum zwischen den Infanterie-Abteilungen eingenommen hatte, machte er Halt und wartete etwa eine Viertelstunde, bis die ganze Kolonne sich gesammelt und der Befehlshaber gekommen war.

Bei uns fehlt ein Soldat, Nikolaj Petrowitsch, sagte eine dunkle Gestalt, die auf mich zuschritt, und die ich nur an der Stimme als den Zugfeuerwerker Maksimow erkannte.

Wer?

Welentschuk fehlt. Als angespannt wurde, war er da, – ich habe ihn gesehen –, jetzt fehlt er.

Da nicht anzunehmen war, daß die Kolonne sich sofort in Bewegung setzen würde, beschlossen wir, den Liniengefreiten Antonow auszuschicken, um Welentschuk zu suchen. Gleich darauf trabten an uns in der Dunkelheit zwei Reiter vorüber: es war der Befehlshaber mit seinem Gefolge, und in diesem Augenblick rührte sich die Spitze der Kolonne und setzte sich in Bewegung, endlich auch wir; Antonow aber und Welentschuk waren nicht da. Wir waren aber kaum hundert Schritt vorwärts gekommen, als beide Soldaten uns einholten.

Wo war er? fragte ich Antonow.

Er hat im Park geschlafen!

Wie, hat er denn einen Rausch?

Ei, Gott bewahre.

Warum ist er denn aber eingeschlafen?

Das weiß ich nicht.

Drei Stunden lang bewegten wir uns langsam ohne einen Laut durch den Nebel über unbeackerte, schneelose Felder und niedriges Gesträuch dahin, das unter den Rädern der Geschütze knirschte. Endlich, als wir den flachen, aber außerordentlich reißenden Bach überschritten hatten, wurde Halt befohlen, und in der Vorhut ertönten abgerissene Büchsenschüsse. Diese Laute wirkten wie immer besonders erregend auf alle. Die Abteilung schien aus dem Schlaf zu erwachen. In den Reihen ertönte Geplauder, Bewegung und Lachen. Von den Soldaten rang der eine mit dem Kameraden, der eine hüpfte von einem Bein auf das andere, ein dritter kaute Zwieback oder übte zum Zeitvertreib: Präsentiert das Gewehr, oder: Gewehr bei Fuß. Dabei begann der Nebel im Osten sichtlich heller zu werden, die Feuchtigkeit wurde fühlbarer, und die Gegenstände rings um uns her traten aus dem Dunkel hervor. Ich konnte schon die grünen Lafetten und Pulverkästen unterscheiden, das von der Nebelfeuchtigkeit bedeckte Erz der Geschütze, die bekannten, ohne meinen Willen bis in die kleinste Einzelheit mir vertraut gewordenen Gestalten meiner Soldaten, die braunen Pferde und die Reihen der Infanterie mit ihren blitzenden Bajonetten, Brotsäcken, Kugelausziehern und Kesseln auf dem Rücken.

Bald wurde uns befohlen, vorwärts zu gehen, und nachdem wir einige hundert Schritt ohne bestimmtes Ziel gemacht hatten, wurde uns ein Platz angewiesen. Rechts schimmerte das steile Ufer des schlangenartigen Flüßchens und die hohen hölzernen Säulen eines tatarischen Kirchhofs; links und vor uns blinkte durch den Nebel ein dunkler Streifen hindurch. Der Zug protzte ab. Die achte Kompagnie, die uns Deckung bot, stellte die Gewehre zusammen, und ein Bataillon Soldaten ging mit Gewehren und Äxten in den Wald.

Es waren kaum fünf Minuten vergangen, als von allen Seiten die Wachtfeuer zu knistern und zu qualmen begannen. Die Soldaten hatten sich zerstreut, fachten die Feuer mit den Händen und Füßen an, schleppten Reisig und Holz heran, und unaufhörlich schallte durch den Wald der Klang von hundert Äxten und gefällten Bäumen.

Die Artilleristen hatten in einem gewissen Wetteifer mit der Infanterie ihr eigenes Wachtfeuer angezündet, und obgleich es schon in solcher Glut loderte, daß man ihm nicht auf zwei Schritt nahe kommen konnte, und der dichte, schwarze Rauch durch die eisbehängten Zweige emporstieg, von welchen die Tropfen herabfielen und im Feuer zischten, und welche die Soldaten in die Flamme hineinlegten, sich unten Kohlen und absterbendes weißes Gras rings um das Feuer bildete, schien doch alles den Soldaten noch zu wenig. Sie schleppten ganze Stämme heran, legten Gras unter und fachten das Feuer immer mehr und mehr an.

Als ich an das Wachtfeuer herantrat, um eine Cigarette anzuzünden, holte Welentschuk, der stets eifrig war, jetzt aber in seinem Schuldbewußtsein, sich mehr als andere beim Feuer zu schaffen machte, in einem Anfall von Übereifer ganz aus der Mitte mit bloßer Hand eine Kohle, indem er sie ein- und zweimal von einer Hand auf die andere und dann auf die Erde warf.

Zünde doch ein Reis an und reiche es hin, sagte ein anderer.

Die Lunte, Kameraden, reicht hin, sagte ein dritter. Als ich endlich ohne die Hilfe Welentschuks, der wieder mit den Händen eine Kohle nehmen wollte, eine Cigarette angeraucht hatte, rieb er die verbrannten Finger an den hinteren Schößen seines Schafpelzes und hob, wahrscheinlich, um irgend etwas zu thun, einen großen Cedernklotz auf und schleuderte ihn aus voller Kraft in das Feuer. Als er endlich glaubte, ausruhen zu dürfen, ging er ganz nahe an die Glut heran, faltete den Mantel, den er wie einen Dolman auf dem Hinterkopf trug, aneinander, spreizte die Beine, streckte seine großen schwarzen Hände vor, verzog leicht seinen Mund und kniff die Augen zusammen.

Ei der Tausend! Ich habe mein Pfeifchen vergessen. Ach, das ist schlimm, Kameraden, sagte er, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, ohne sich an einen Bestimmten unter ihnen zu wenden.

In Rußland giebt es drei hervorstechende Soldatentypen, unter die man die Mannschaften aller Truppengattungen einordnen kann: der kaukasischen, armenischen, der Garde, der Infanterie, der Kavallerie, der Artillerie u. s. w.

Diese Haupttypen, die wiederum viele Unterabteilungen und viel Gemeinschaftliches haben, sind:

1. die Gehorsamen,

2. die Befehlerischen und

3. die Tollkühnen.

Die Gehorsamen zerfallen in a) die kaltblütig Gehorsame und b) in die eifrig Gehorsame.

Die Befehlerischen zerfallen in a) Schroffbefehlerische und b) Höflichbefehlerische.

Die Tollkühnen zerfallen in a) in die lustigen Tollkühnen und b) in die ausschweifenden Tollkühnen.

Der Typus, der am häufigsten vorkommt – der liebenswürdigste, sympathischste und meist mit den besten christlichen Tugenden, mit Sanftmut, Frömmigkeit, Geduld und Ergebenheit in den Willen Gottes verbundene Typus – ist der Typus der Gehorsamen schlechtweg. Der hervorstechende Zug des kaltblütig Gehorsamen ist die durch nichts zu erschütternde Ruhe und Verachtung aller Schicksalsschläge, die ihn treffen können. Das hervorstechende Merkmal des gehorsamen Trunkenbolds ist eine stille Neigung zum Poetischen und Empfindsamkeit; das hervorstechende Merkmal der Eifrigen – die Beschränktheit der Geistesgaben, verbunden mit zwecklosem Fleiß und Geschäftigkeit.

Der Typus der Befehlerischen schlechtweg kommt vornehmlich in den höheren Soldatenkreisen vor: bei Gefreiten, Unteroffizieren, Feldwebeln u. s. w. und ist, in der ersten Unterabteilung der schroff Befehlerischen, ein sehr edler, energischer, vornehmlich kriegerischer Typus, der auch einen hohen poetischen Schwung nicht ausschließt. (Zu diesem Typus gehörte der Gefreite Antonow, mit dem ich den Leser bekannt machen will.) Die zweite Unterabteilung bilden die höflich Befehlerischen, die seit einiger Zeit stark an Zahl zu wachsen beginnen. Der höflich Befehlerische ist stets bereit, kann lesen und schreiben, trägt ein rosa Hemd, ißt nicht aus dem gemeinsamen Kessel, raucht zuweilen feingeriebenen Tabak, hält sich für etwas unvergleichlich Höheres als den gewöhnlichen Soldaten und pflegt selbst selten ein so guter Soldat zu sein, wie die Befehlerischen der ersten Klasse.

Der Typus der Tollkühnen ist ganz wie der Typus der Befehlshaberischen in seiner ersten Abteilung gut: in der Abteilung der lustigen Tollkühnen, deren unterscheidendes Merkmal eine unerschütternde Heiterkeit, außerordentliche Fähigkeit zu allem, reiche Naturanlagen und Kühnheit sind – und ebenso entsetzlich schlecht in der zweiten Abteilung: der der ausschweifenden Tollkühnen, die indessen, wie zur Ehre des russischen Heeres gesagt werden muß, höchst selten vorkommen, und wenn sie vorkommen, von der Soldatengemeinschaft selbst aus der Kameradschaft ausgeschlossen werden. Unglaube und eine gewisse Kühnheit im Laster sind die Hauptcharakterzüge dieser Abteilung.

Welentschuk gehörte zu der Kategorie der eifrig Gehorsamen. Er war Kleinrusse von Geburt, diente schon 15 Jahre und war ein unansehnlicher und ungewandter Soldat, aber treuherzig, gut, außerordentlich eifrig, wenn auch meist an unpassender Stelle, und außerordentlich ehrenhaft. Ich sage: außerordentlich ehrenhaft, weil er im vorigen Jahre, bei einer bestimmten Gelegenheit, höchst augenscheinlich diese charakteristische Eigenschaft hervortreten ließ. Ich muß bemerken, daß fast jeder von den Soldaten ein Handwerk versteht. Die verbreitetsten Handwerke sind die Schneiderei und die Schuhmacherei. Welentschuk selbst hatte das erstere Handwerk gelernt und, wenn man danach urteilt, daß Michail Dorofeïtsch, der Feldwebel selbst, ihm seine eigenen Kleider zu machen gab, einen gewissen Grad der Vollkommenheit erreicht. Im vergangenen Jahre hatte Welentschuk im Lager einen feinen Mantel für Michail Dorofeïtsch zu machen übernommen; aber in der Nacht, in der er das Tuch zerschnitten und das Futter angemessen und beides im Zelt unter sein Kopfkissen gelegt hatte, geschah ihm ein Unglück. Das Tuch, das sieben Rubel kostete, war in der Nacht verloren gegangen! Welentschuk machte dem Feldwebel, mit Thränen in den Augen, mit zitternden, bleichen Lippen und verhaltenem Schluchzen Meldung. Michail Dorofeïtsch wurde wütend. Im ersten Augenblick seines Zornes drohte er dem Schneider, dann ließ er die Sache, als ein Mann von Wohlstand und Güte, sein und forderte von Welentschuk nicht, daß er ihm den Wert des Mantels ersetze. So eifrig auch der eifrige Welentschuk war, soviel er auch weinte und den Leuten von seinem Unglück vorerzählte, der Dieb war nicht zu finden. Obgleich man starken Verdacht auf einen ausschweifenden, tollkühnen Soldaten, Tschernow, hatte, der mit ihm in einem Zelte schlief, hatte man doch keine positiven Beweise. Der höflichbefehlerische Michail Dorofeïtsch hatte, als ein Mann von Wohlhabenheit, der mit dem Kapitän d'armes und dem Leiter der Artel, den Aristokraten der Batterie, Geschäfte hatte, bald den Verlust seines Privatmantels vergessen; Welentschuk dagegen hatte sein Unglück nicht vergessen. Die Soldaten sagten, sie hätten damals für ihn gefürchtet, ob er nicht etwa Hand an sich legen oder in die Berge laufen werde, – so stark hatte dies Unglück auf ihn eingewirkt. Er trank nicht, er aß nicht, selbst zur Arbeit war er unfähig und weinte beständig. Nach drei Tagen kam er zu Michail Dorofeïtsch, ganz bleich, zog mit zitternder Hand einen Gulden aus dem Ärmelaufschlag und reichte ihn ihm. Bei Gott, es ist mein letztes, Michail Dorofeïtsch, und auch das habe ich von Shdanow borgen müssen, sagte er und schluchzte wieder; und noch zwei Rubel bringe ich, bei Gott, sobald ich sie verdient habe. Er (wer »er« war, wußte Welentschuk selbst nicht) hat mich vor ihren Augen zu einem Schurken gemacht. Er – die giftige, gemeine Seele! – hat seinem Bruder und Kameraden das letzte Hemd vom Leibe genommen; fünfzehn Jahre diene ich und ...« Zu Michail Dorofeïtschs Ehre muß ich sagen, daß er von Welentschuk die fehlenden zwei Rubel nicht nahm, obgleich sie ihm Welentschuk zwei Monate später brachte.

Außer Welentschuk wärmten sich am Wachtfeuer noch fünf Mann meines Zuges.

An der besten Stelle, wo man gegen den Wind geschützt war, saß auf einem Holzfäßchen der Feuerwerker des Zuges Maksimow und rauchte sein Pfeifchen. In der Haltung, in dem Blick, in allen Bewegungen dieses Mannes konnte man die Gewohnheit zu befehlen, und das Bewußtsein des eignen Wertes lesen, abgesehen sogar von dem Holzfäßchen, auf dem er saß, das in der Raststätte das Abzeichen der Macht bildete, und den Nanking-überzogenen Pelzrock.

Als ich herankam, wandte er mir sein Gesicht zu; seine Augen aber blieben auf das Feuer gerichtet, und erst viel später wandte sich sein Blick, der Richtung des Gesichts folgend, mir zu. Maksimow war ein Einhöfer. Er besaß Vermögen, er hatte in der Lehrbrigade Unterricht erhalten und sich Gelehrsamkeit angeeignet. Er war ungeheuer reich und ungeheuer gelehrt, wie die Soldaten sagten. Ich erinnere mich, wie er einmal bei einer Übung im Scheibenschießen mit dem Quadranten den Soldaten, die sich um ihn gesammelt hatten, erklärte, daß die Wasserwage »nichts anderes sei, als das atmosphärische Quecksilber seine Bewegung hat«. In Wirklichkeit war Maksimow keineswegs dumm und verstand seine Sache vortrefflich; aber er hatte die unglückselige Eigentümlichkeit, bisweilen mit Absicht so zu sprechen, daß man ihn unmöglich verstehen konnte, und daß er selbst, wie ich überzeugt bin, seine eigenen Worte nicht verstand. Besonders gebrauchte er gern die Worte: »hervorgehen« und »fortfahren« und wenn er anfing: daraus geht hervor oder fortfahrend, dann wußte ich schon vorher, daß ich von allem, was dann kam, nichts verstehen würde. Die Soldaten aber hörten, wie ich bemerken konnte, sein »fortfahrend« mit Vergnügen und vermuteten dahinter einen tiefen Sinn, obgleich sie, ganz wie ich, kein Wort verstanden. Aber diesen Mangel des Verständnisse setzten sie auf Rechnung ihrer eigenen Dummheit, und ihre Achtung vor Fjodor Maksimytsch war nur um so größer. Mit einem Worte, Maksimow war einer von den Höflichbefehlerischen.

Der zweite Soldat, der in der Nähe des Feuers die Stiefel auf seine sehnigen, roten Beine zog, war Antonow, der Bombardier Antonow, der schon im Jahre 37, als er mit zwei Kameraden bei einem Geschütz ohne Deckung zurückgeblieben war, den starken Feind abgeschlagen und mit zwei Kugeln im Schenkel das Geschütz weiter bedient und geladen hatte. »Er hätte längst Feuerwerker sein müssen, wenn er einen anderen Charakter hätte,« sagten die Soldaten von ihm. Und er hatte in der That einen sonderbaren Charakter. War er nüchtern, so gab es keinen ruhigeren, friedlicheren und ordentlicheren Menschen, hatte er aber getrunken, so wurde er ein ganz anderer Mensch. Er erkannte keine Obrigkeit an, raufte sich, trieb allerlei Unfug und wurde ein ganz unbrauchbarer Soldat. Erst vor acht Tagen hatte er in der Butterwoche tüchtig getrunken, und trotz aller Drohungen, Mahnungen, trotzdem er ans Geschütz gebunden wurde, hörte er nicht auf zu saufen und Unfug zu treiben bis zum Fastenmontag. Die ganze Fastenzeit hindurch aber nährte er sich, trotz des Befehls, daß die ganze Mannschaft keine Fastenspeise essen solle, nur von Zwieback, nahm sogar in der ersten Woche nicht einmal die ihm zukommende Ration Branntwein. Übrigens mußte man diese gedrungene, eisenfeste Gestalt mit den kurzen, nach auswärts gebogenen Beinen und der glänzenden, bärtigen Fratze sehen, wenn er im Rausch die Balalajka in die sehnige Hand nahm, geringschätzig nach allen Seiten umhersah und die »Herrin« zu spielen begann, oder wenn er den Mantel, an dem die Orden baumelten, kühn umwarf und, die Hände in die Tasche der blauen Nankinghosen gesteckt, über die Straße ging – man mußte den Ausdruck soldatischen Stolzes und der Geringschätzung alles Nicht-Soldatischen sehen, der dann um seine Züge spielte, um zu begreifen, daß es für ihn ganz unmöglich war, in einem solchen Augenblick nicht mit einem grobwerdenden oder einfach zufällig in den Weg kommenden Burschen, Kosaken, Infanteristen oder Kolonisten, kurz Nicht-Artilleristen, zu raufen. Er raufte und trieb seinen Unfug nicht so sehr zum eigenen Vergnügen als zur Aufrechterhaltung des Geistes und des gesamten Soldatentums, als dessen Vertreter er sich fühlte.

Der dritte Soldat, der zusammengekauert an dem Wachtfeuer saß, war der Fahrer Tschikin. Er trug einen Ring im Ohr, hatte ein borstiges Schnurrbärtchen, ein Vogelgesicht und hielt eine Porzellanpfeife im Munde. Tschikin, der liebe, gute Tschikin, wie ihn die Soldaten zu nennen pflegten, war ein Spaßmacher. Im furchtbarsten Frost, im tiefsten Schmutz, zwei Tage ohne Essen auf dem Marsche, bei der Musterung, bei der Übung, immer und überall schnitt der gute, liebe Tschikin Gesichter, trieb mit seinen Beinen allerlei Späße und trieb solche Scherze, daß der ganze Zug sich vor Lachen schüttelte. Auf der Raststätte oder im Lager bildete sich um Tschikin immer ein Kreis junger Soldaten. Er begann mit ihnen ein Kartenspiel oder erzählte Geschichten von dem schlauen Soldaten und dem englischen Mylord, oder er spielte einen Tataren, einen Deutschen oder er machte auch einfach seine Bemerkungen, über die sich alle zu Tode lachen konnten. Allerdings war sein Ruf als eines Spaßmachers in der Batterie schon so gefestigt, daß er nur den Mund zu öffnen und mit den Augen zu blinzeln brauchte, um ein allgemeines Gelächter hervorzurufen, aber er hatte wirklich viel echt Komisches und Überraschendes an sich. Er verstand in jedem Dinge etwas Besonderes zu sehen, etwas, was anderen gar nicht in den Sinn kam, und was die Hauptsache war, diese Fähigkeit, in allem etwas Komisches zu sehen, widerstand keiner Versuchung.

Der vierte Soldat war ein junger, unansehnlicher Bursche, ein Rekrut der vorjährigen Aushebung, der zum erstenmal an einem Feldzuge teilnahm. Er stand mitten im Rauch und so nahe am Feuer, daß man glauben konnte, sein fadenscheiniger Pelzrock müsse jeden Augenblick Feuer fangen, trotzdem aber konnte man an seinen zurückgeschlagenen Schößen, an seiner ruhigen, selbstzufriedenen Haltung und den hervortretenden Waden erkennen, daß er ein großes Behagen empfand.

Der fünfte Soldat endlich, der ein wenig entfernt von dem Wachtfeuer saß und ein Stäbchen schnitzte, war Onkelchen Shdanow. Shdanow war an Dienstjahren der älteste von allen Soldaten in der Batterie. Er hatte sie alle als Rekruten gekannt, und alle nannten ihn nach einer alten Gewohnheit Onkelchen. Er trank nie, wie die Leute sagten, er rauchte nie, er spielte nie Karten (nicht einmal »Nase«), er brauchte nie ein häßliches Schimpfwort. Die ganze dienstfreie Zeit beschäftigte er sich mit Schuhmacherei. An den Feiertagen besuchte er die Kirche, wo es möglich war, oder er stellte eine Kopekenkerze vor das Heiligenbild und schlug den Psalter auf, das einzige Buch, in dem er lesen konnte. Mit den Soldaten ließ er sich wenig ein. Mit denen, die im Rang höher standen, wenn sie auch jünger an Jahren waren, war er von kühler Ehrerbietung, mit Gleichgestellten hatte er als Nichttrinker wenig Gelegenheit zusammenzukommen; besonders aber hatte er die Rekruten und die jungen Soldaten gern: die nahm er stets unter seine Obhut, las ihnen die Instruktionen vor und half ihnen häufig. Alle Leute in der Batterie hielten ihn für einen reichen Mann, weil er 25 Rubel besaß, die er gern einem Soldaten lieh, der wirklich in Not war. Maksimow, derselbe Maksimow, der jetzt Feuerwerker war, erzählte mir, als er einst vor zehn Jahren als Rekrut eingetreten war, und die alten, trinklustigen Kameraden mit ihm sein Geld vertrunken hatten, habe Shdanow, der seine unglückliche Lage bemerkte, ihn zu sich gerufen, ihm einen strengen Verweis wegen seiner Aufführung erteilt, ihn sogar geschlagen, ihm die Instruktionen vorgelesen, wie der Soldat sich zu führen habe, dann habe er ihm ein Hemd gegeben, da Maksimow keines mehr hatte, und einen halben Rubel, und ihn fortgeschickt. »Er hat einen Menschen aus mir gemacht,« pflegte Maksimow stets von ihm mit Achtung und Dankbarkeit zu sagen. Er war es auch, der Welentschuk, der sich stets seines Schutzes erfreute, schon von der Rekrutenzeit her bei dem Unglück wie bei dem Verluste des Mantels geholfen hatte, und so vielen anderen während seiner 25jährigen Dienstzeit.

Was den Dienst betrifft, so konnte man keinen Soldaten finden, der seine Sache besser verstand, der tapferer und ordentlicher war als er; aber er war zu ruhig und unansehnlich, um zum Feuerwerker ernannt zu werden, obwohl er schon fünfzehn Jahre Bombardier war. Shdanows einzige Freude, ja seine Leidenschaft, war der Gesang. Einige Lieder besonders hatte er sehr gern, er suchte sich immer einen Kreis von Sängern unter den jüngeren Soldaten und stand mitten unter ihnen, obgleich er selbst nicht singen konnte, hielt die Hände in den Taschen des Pelzrocks, kniff die Augen zusammen und drückte durch Bewegungen des Kopfes und der Kiefern seine Teilnahme aus. Ich weiß nicht, warum ich in dieser gleichmäßigen Bewegung der Kiefern unter dem Ohre, die ich nur bei ihm beobachtet habe, außerordentlich viel Ausdruck fand. Der schneeweiße Kopf, der gewichste, schwarze Schnauzbart und das gebräunte, faltenreiche Gesicht gaben ihm auf den ersten Blick ein strenges, rauhes Aussehen; aber sah man tiefer in seine großen runden Augen, besonders wenn sie lachten (mit den Lippen lachte er nie), so wurde man plötzlich durch etwas außerordentlich Mildes, fast Kindliches überrascht.

Ach, da habe ich meine Pfeife vergessen. Das ist schlimm, Kameraden! sagte Welentschuk immer wieder.

Du solltest Cigarren rauchen, lieber Freund, begann Tschikin; dabei verzog er den Mund und blinzelte mit den Augen – ich rauche zu Hause auch immer Cigarren, die schmecken süßer.

Selbstverständlich schüttelten sich alle vor Lachen.

Da hat er die Pfeife vergessen, fiel Maksimow ein, ohne das allgemeine Gelächter zu beachten, und klopfte mit der Miene eines Vorgesetzten stolz seine Pfeife auf der Fläche der linken Hand aus. Wo bist du denn eigentlich gewesen, Welentschuk, he?

Welentschuk kehrte sich halb zu ihm um, erhob die Hand zur Mütze, ließ sie aber bald wieder sinken.

Man sieht's, hast von gestern noch nicht ausgeschlafen, daß du im Stehen einnickst. Dafür wird man euresgleichen keinen Dank sagen.

Zerreißt mich hier auf der Stelle, Fjodor Maksimowitsch, wenn ich nur ein Tröpfchen im Munde gehabt habe; ich weiß selbst nicht, was mit mir geschehen ist, antwortete Welentschuk. Was hat's denn so Gutes gegeben, daß ich mich hätte betrinken sollen? brummte er vor sich hin.

Das ist's ja eben, da ist man für euresgleichen seinem Vorgesetzten verantwortlich, und ihr bleibt immer dabei ... Das hat keine Art! schloß der beredte Maksimow schon in viel ruhigerem Tone.

Ist's nicht ein Wunder, Kameraden, fuhr Welentschuk nach einem minutenlangen Schweigen fort, dabei kratzte er sich im Nacken und wandte sich an niemanden insbesondere, wahrhaftig, ein Wunder ist's! Kameraden. Sechzehn Jahre bin ich im Dienst, aber so etwas ist mir noch nie passiert. Als es hieß zum Appell antreten, da war ich zur Stelle, wie sich's gehört – ganz in der Ordnung – da plötzlich beim Park packt es mich ... packt mich und wirft mich zu Boden, und fertig. Und wie ich eingeschlafen bin, weiß ich nicht, Kameraden! Es muß die Schlafsucht selbst gewesen sein, schloß er.

Ich habe dich ja kaum wach kriegen können, sagte Antonow, während er sich den Stiefel aufzog. Ich rüttelte und rüttelte dich ... wie ein Stück Holz.

Siehst du, bemerkte Welentschuk, ich muß tüchtig betrunken gewesen sein ...

So gab's bei uns zu Hause ein Weib, begann Tschikin, die lag euch zwei Jahre, zwei Jahre, sag' ich, auf dem Ofen. Man weckte sie – sie schläft, denken die Leute – und sie liegt euch tot da; sie bekam auch immer die Schlafsucht. Ja so, lieber Freund.

Aber erzähl' doch, Tschikin, wie du während des Urlaubs den Ton angegeben hast, sagte Maksimow lächelnd und sah mich an, als wollte er sagen: »Beliebt es Ihnen nicht auch, einem dummen Menschen zuzuhören?«

Was für einen Ton, Fjodor Maksimytsch? sagte Tschikin und warf mir schielend einen Blick zu. Das weiß ja jeder. Ich habe erzählt, wie es im Kaukasus aussieht.

Nun ja, wie denn, wie denn? Verstell dich nur nicht, erzähle, wie du sie »angeführt« hast.

Das ist bekannt, wie ich sie angeführt habe ... Sie fragten, wie wir leben – begann Tschikin in überstürzter Rede mit der Miene eines Menschen, der schon oft dasselbe erzählt hat. – Wir leben gut, lieber Freund, sage ich, unsern Proviant empfangen wir reichlich. Morgens und abends kommt eine Tasse Schickolaten auf den Soldaten, zu Mittag giebt es herrschaftliche Suppe aus Perlgraupen und statt des Branntweins bekommt jeder ein Gläschen Modera – Modera Divirje, der ohne Flasche zweiundvierzig Kopeken kostet.

Feiner Modera, fiel Welentschuk ein und schüttelte sich mehr als die anderen vor Lachen, das nenne ich einen Modera!

Na und was hast du von den Asiaten erzählt? fuhr Maksimow fort zu fragen, als das allgemeine Lachen ein wenig zu verstummen begann.

Tschikin beugte sich zu dem Feuer vor, nahm mit einem Stäbchen eine kleine Kohle, legte sie auf sein Pfeifchen und setzte schweigend, als bemerkte er die sprachlose Neugier, die er in seinen Hörern erregt hatte, nicht, langsam sein Tabakstengelchen in Brand. Als er endlich Rauch genug bekommen hatte, warf er die Kohle fort, schob seine Mütze noch tiefer in den Nacken und fuhr mit einem Achselzucken und einem leichten Lächeln fort:

Sie fragen mich auch, was das da für ein kleiner Tscherkeß ist, oder, sagt er, schlägt man bei euch im Kaukasus den Türken? Bei uns, sag' ich, lieber Freund, giebt's nicht einen Tscherkessen, sondern viele. Es giebt solche Tawlinzen, die in Felsbergen wohnen und Steine statt Brot essen. Die sind so groß, sag' ich, wie ein tüchtiger Klotz, haben ein Auge auf der Stirn und tragen rote Mützen, die brennen nur so, ganz wie deine, lieber Freund! fügte er hinzu, zu einem jungen Rekruten gewandt, der wirklich eine hochkomische Mütze mit rotem Deckel trug.

Der junge Rekrut setzte sich bei dieser unerwarteten Ansprache plötzlich auf die Erde, schlug sich die Knie und brach in ein solches Lachen und Husten aus, daß er nur mit tonloser Stimme hervorbringen konnte: »Das sind die Tawlinzen!«

Und dann, sage ich, giebt es noch die Mumren – fuhr Tschikin fort und rückte mit einer Kopfbewegung seine Mütze in die Stirn, – das sind wieder andere, kleine Zwillinge ... Immer zu Paaren, sage ich, halten sie sich bei den Händen und rennen, sag' ich, so wie der Wind, daß man sie zu Pferde nicht einholen kann. – Wie, sagt er, wie ist das bei den Mumren, kommen sie so auf die Welt, Hand in Hand, oder wie? sagte er mit kehlartiger Baßstimme und glaubte einem Bauern nachzuahmen. Ja, sag' ich, lieber Freund, so ist er von Natura. Versucht nur, die Hände auseinanderzureißen, dann kommt Blut, grad wie bei den Chinesen, nimm ihm die Mütze ab, gleich kommt Blut. – Aber sag' uns, Kleiner, wie schlagen sie sich, sagt er. – Ei so, sag' ich: Sie packen dich, schlitzen dir den Bauch auf und wickeln sich deine Gedärme um den Arm und wickeln und wickeln ... sie wickeln, und du lachst, bis dir die Seele aus dem Leibe ...

Ei wie, haben sie dir denn Glauben geschenkt? sagte Maksimow mit leichtem Lächeln, während die anderen sich halb tot lachten.

Das sonderbare Volk glaubt wahrhaftig alles, Fjodor Maksimytsch – bei Gott, sie glauben alles! ... Dann erzählte ich ihnen vom Berge Kasbek, daß da den ganzen Sommer über der Schnee nicht schmilzt, da lachten sie mich tüchtig aus, guter Freund! – Was faselst du, Kleiner? Hat man so etwas gesehen, ein großer Berg und darauf soll der Schnee nicht schmelzen? Bei uns, Kleiner, schmilzt im Tauwetter der kleinste Hügel – und der taut zuerst auf, und im Hohlweg bleibt der Schnee noch liegen. – Da hast du's! – schloß Tschikin und blinzelte mit den Augen.

Der leuchtende Sonnenball, dessen Strahlen durch den milchweißen Nebel hindurchdrangen, war schon ziemlich hoch emporgestiegen; der graublaue Horizont erweiterte sich allmählich und war, wenn auch bedeutend weiter, aber doch ebenso scharf von der täuschenden weißen Nebelwand begrenzt.

Vor uns that sich jenseits des ausgeholzten Waldes ein ziemlich weites Feld auf. Über das Feld breitete sich von allen Seiten her ein schwarzer, dort ein milchweißer oder violetter Rauch von Wachtfeuern, und die weißen Schichten des Nebels wogten in wunderlichen Gestalten. Weit vorn erschienen von Zeit zu Zeit Gruppen berittener Tataren, hörte man in Zwischenräumen die Schüsse aus unsern Stutzen, aus ihren Büchsen und Geschützen.

»Das war noch kein Gefecht, sondern nur ein Scherz,« wie der gute Kapitän Chlopow sagt.

Der Kommandeur der neunten Jägerkompagnie, der sich bei uns in der Deckung befand, trat zu seinen Geschützen heran, zeigte auf drei berittene Tataren, die in diesem Augenblick am Walde vorüberkamen, mehr als sechshundert Faden von uns entfernt, und bat, nach der allen Infanterieoffizieren eigenen Vorliebe für Artilleriefeuer, eine Kugel oder Granate auf sie zu schleudern.

Sehen Sie, sagte er mit einem guten und überzeugenden Lächeln und streckte die Hand über meine Schulter, dort, wo die zwei großen Bäume stehen, vorn ... Einer auf einem weißen Pferd und im schwarzen Tscherkessenrock, und dort hinten noch zwei, sehen Sie, könnte man nicht, bitte ...

Und da reiten noch drei am Waldessaum, fügte Antonow, der sich durch ein wunderbares Auge auszeichnete, hinzu, indem er auf uns zukam und die Pfeife, die er gerade rauchte, hinter seinem Rücken verbarg. Der Vordere nimmt eben seine Büchse aus dem Futteral. Man sieht's ganz deutlich, Euer Wohl'boren!

Ei sieh, er hat losgedrückt, Kameraden! da steigt ein weißes Rauchwölkchen auf, sagte Welentschuk zu einer Gruppe von Soldaten, die ein wenig hinter uns standen.

Gewiß auf unsere Vorpostenkette, der Dreckfink, bemerkte ein anderer.

Sieh nur, wie viele da hinter dem Walde hervorkommen! Sie besichtigen gewiß den Ort – wollen ein Geschütz aufstellen, fügte ein dritter hinzu. – Wenn man ihnen eine Granate mitten in den Haufen hinüberschickte, die würden euch spucken ...

Was denkst du, wird sie bis dahin tragen? fragte Tschikin.

Fünfhundert oder fünfhundertundzwanzig Faden, mehr sind's nicht, sagte Maksimow kaltblütig, als ob er mit sich selbst spräche, obgleich man ihm anmerkte, daß er nicht weniger Lust hatte, loszufeuern, als die anderen, wenn man fünfundvierzig Linien aus dem Einhorn giebt, so muß man ganz genau treffen, d. h. ganz vollständig.

Wissen Sie, wenn man jetzt auf dieses Häufchen zielt, so muß man unbedingt jemanden treffen. Da, da, jetzt, wie eng sie mit den Pferden zusammenstehen, befehlen Sie doch jetzt, so schnell als möglich zu schießen, bat mich der Kompagniekommandeur unaufhörlich.

Befehlen Sie das Geschütz zu richten? fragte plötzlich Antonow mit seiner schwerfälligen Baßstimme und mit einer Miene finsteren Zornes.

Ich gestehe, ich hatte selbst große Lust dazu, und ich befahl, das zweite Geschütz zu richten.

Kaum hatte ich das Wort ausgesprochen, so war auch schon die Granate mit Pulver bestreut und eingeführt, und Antonow kommandierte schon, an die Lafettenwand gelehnt und seine dicken Finger auf das Hinterteil des Geschützes stützend: Protzstock rechts und links.

Ein ganz klein wenig nach links ... Eine Spur nach rechts ... noch, noch ein wenig ... So ist's recht, sagte er und trat mit stolzer Miene von dem Geschütz zurück.

Der Infanterieoffizier, ich und Maksimow legten uns einer nach dem andern an das Visir, und jeder sprach seine abweichende Meinung aus.

Bei Gott, es trägt hinüber, bemerkte Welentschuk und schnalzte mit der Zunge, obgleich er nur über Antonows Schulter hinweggeblickt und daher gar keinen Grund hatte, das anzunehmen. Bei Gott, sie trägt schnurstracks hinüber, in den Baum dort muß sie einschlagen, Kameraden!

Zweites Geschütz, kommandierte ich.

Die Bedienungsmannschaft trat auseinander. Antonow lief nach der Seite, um den Flug des Geschosses zu verfolgen; das Zündrohr flammte auf, das Erz erdröhnte. In diesem Augenblick hüllte uns Pulverdampf ein, und von den erschütternden, dumpfen Tönen des Schusses löste sich der metallische, summende Klang der mit Blitzesschnelle dahinfliegenden Kugel, der inmitten des gemeinen Schweigens in der Ferne erstarb.

Ein wenig hinter der Gruppe der Reiter wurde ein weißer Rauch sichtbar, die Tataren sprengten nach allen Seiten aneinander und der Klang der krepierten Granate klang zu uns herüber.

Das war schön! Wie sie fortmachen! Die Teufelskerle, das haben sie nicht gern! ließen sich Beifall und Scherze in den Reihen der Artilleristen und der Infanteristen hören.

Hätte man's ein bißchen niedriger gerichtet, so hätte sie ganz genau getroffen, bemerkte Welentschuk. Ich habe gesagt, es trifft den Baum, und so war's auch – nach rechts ist sie gegangen.

Ich verließ die Soldaten, während sie darüber sprachen, wie die Tataren davongesprengt waren, als sie die Granate erblickt, und weshalb sie hier herumritten, und ob wohl ihrer viele im Walde wären, ging mit dem Kompagnieführer wenige Schritte davon, setzte mich unter einen Baum, und erwartete die aufgewärmten Klopse, die er mir angeboten hatte. Der Kompagnieführer Bolchow war einer von den Offizieren, die man im Regiment die »Bonjours« nannte. Er besaß Vermögen, hatte früher in der Garde gedient und sprach französisch. Aber trotzdem hatten ihn die Kameraden gern. Er war recht gescheit und besaß Takt genug, um einen Petersburger Rock zu tragen, gut zu Mittag zu speisen und französisch zu sprechen, ohne das Offizierskorps übermäßig zu beleidigen. Wir sprachen über das Wetter, über die Kriegsereignisse und die gemeinsamen Bekannten unter den Offizieren und gewannen aus den Fragen und Antworten und aus der Auffassung der Dinge die Überzeugung, daß wir in unseren Ansichten ziemlich übereinstimmten, und so gingen wir unwillkürlich zu einem vertraulicheren Gespräch über. Im Kaukasus pflegt, wenn Menschen einer Gesellschaftsklasse sich begegnen, wenn auch unausgesprochen, so doch ziemlich klar, die Frage aufzutauchen: weshalb sind Sie hier? und auf diese meine unausgesprochene Frage schien mein Genosse die Antwort geben zu wollen.

Wann wird dieser Feldzug ein Ende nehmen! sagte er träge – langweilig!

Ich langweile mich nicht, sagte ich. Im Stabe ist's ja noch langweiliger.

Ach, im Stabe ist es zehntausendmal schlimmer, sagte er wütend. Aber nein, wann wird das alles ein Ende nehmen?

Aber was soll denn, nach Ihrer Meinung, ein Ende nehmen? fragte ich.

Alles, ganz und gar! ... He, Nikolajew, sind die Klopse fertig? fragte er.

Warum haben Sie eigentlich im Kaukasus Dienste gesucht, sagte ich, wenn Ihnen hier so wenig gefällt?

Wissen Sie warum? antwortete er mit entschlossener Offenheit, weil es so hergebracht ist. In Rußland giebt es doch eine besondere Tradition vom Kaukasus, als sei hier das gelobte Land für unglückliche Menschen jeder Art.

Ja, das hat etwas Wahres, sagte ich, die meisten von uns ...

Was aber das Beste ist, unterbrach er mich, wir alle, die wir dieser Tradition gemäß nach dem Kaukasus gehen, verrechnen uns entsetzlich, und ich kann ganz und gar nicht einsehen, warum wir nach einer unglücklichen Liebe oder bei zerrütteten Verhältnissen lieber in den Kaukasus gehen, um Dienste zu nehmen, als nach Kasanj oder nach Kaluga. In Rußland stellt man sich den Kaukasus als etwas Erhabenes vor, mit ewig jungfräulichen Gletschern, mit reißenden Strömen, mit Dolchen, Filzmänteln, Tscherkessenmädchen – alles das hat etwas Grauenerregendes, in Wirklichkeit aber liegt darin nichts Lustiges. Wenn sie wenigstens wüßten, daß wir nie zu dem jungfräulichen Eise gelangen, ja, daß es gar kein Vergnügen ist, dahin zu kommen, und daß der Kaukasus in Provinzen geteilt ist: in Stawropol, in Tiflis u. s. w. ...

Ja, sagte ich lachend, wir sehen in Rußland den Kaukasus mit ganz anderen Augen an als hier. Haben Sie das schon einmal an sich erfahren? Wenn man Verse liest in einer Sprache, die man nicht gut versteht, stellt man sie sich viel hübscher vor, als sie sind.

Ich weiß wahrhaftig nicht. Aber mir mißfällt der Kaukasus im höchsten Grade, unterbrach er mich.

Oh nein, der Kaukasus ist für mich auch jetzt schön, nur in anderem Sinne.

Er mag vielleicht auch schön sein, fuhr er mit einer gewissen Gereiztheit fort. Ich weiß nur, daß ich mir im Kaukasus nicht gefalle.

Aber warum das? sagte ich, um doch etwas zu sagen.

Nun, erstens, weil er mich getäuscht hat. Alles das, wovon ich Heilung hoffte im Kaukasus nach der Tradition, alles hat mich hierher begleitet, nur mit dem Unterschied, daß all dies früher auf der großen Vordertreppe war und jetzt auf einer kleinen, schmutzigen Hintertreppe ist, auf deren einzelnen Stufen ich Millionen kleiner Aufregungen, Gemeinheiten, Kränkungen finde; zweitens, weil ich fühle, wie ich mit jedem Tage moralisch sinke, tiefer und tiefer, und vor allem, weil ich mich für den Dienst in diesem Lande unfähig fühle: ich kann keine Gefahren ertragen – kurz, ich bin nicht tapfer ...

Obgleich dies unerbetene Bekenntnis mich außerordentlich in Erstaunen setzte, widersprach ich nicht, wie mein Genosse offenbar wünschte, sondern erwartete von ihm selbst die Widerlegung seiner Worte, wie das immer in solchen Fällen zu sein pflegt.

Sie müssen wissen, ich bin bei dem jetzigen Feldzuge zum erstenmal im Feuer, fuhr er fort, und Sie können sich nicht vorstellen, was mir gestern begegnet ist. Als der Feldwebel den Befehl brachte, daß meine Kompagnie für die Abteilung bestimmt sei, wurde ich bleich wie Leinewand und konnte vor Erregung kein Wort hervorbringen. Und wüßten Sie, wie ich die Nacht zugebracht habe! Wenn es wahr ist, daß Menschen vor Angst grau werden, so müßte ich heute ganz weiß sein, denn sicherlich hat noch kein zum Tode Verurteilter in einer Nacht so viel gelitten, wie ich; sogar jetzt fühle ich noch etwas hier drinnen, wenn mir auch ein wenig leichter ist, als heute Nacht! fügte er hinzu und bewegte die Faust vor seiner Brust hin und her. Das Lächerlichste ist, fuhr er fort, daß sich hier das schrecklichste Drama abspielt, und man selbst Klopse mit Lauch ißt und sich einredet, es sei sehr lustig ... Giebt's Wein, Nikolajew? fügte er gähnend hinzu.

Das ist er, Kameraden, erklang in diesem Augenblick die erregte Stimme eines Soldaten. Alle Augen richteten sich auf den Saum des fernen Waldes.

Eine bläuliche Rauchwolke erhob sich vom Winde getrieben in der Ferne und wurde größer und größer. Als ich begriffen hatte, daß es ein Schuß des Feindes gewesen, nahm plötzlich alles, was in diesem Augenblick vor meinen Augen stand, einen neuen, erhabenen Charakter an. Die zusammengestellten Gewehre, der Rauch der Wachtfeuer, der blaue Himmel, die grünen Geschützgestelle, Nikolajews verbranntes Gesicht mit dem großen Schnauzbart – all dies schien mir zu sagen, daß die Kugel, die schon aus dem Rauch herausgeflogen war und in diesem Augenblick in der freien Luft schwebte, vielleicht geradewegs auf meine Brust gerichtet sein könnte.

Wo haben Sie den Wein hergenommen? fragte ich Bolchow nachlässig, während im Innersten meiner Seele zwei Stimmen gleich vernehmlich sprachen: die eine »Herr, nimm meine Seele in Frieden auf«, die andere »Ich hoffe mich nicht zu bücken, sondern zu lächeln, wenn die Kugel vorüberkommt«, – und in diesem Augenblick pfiff etwas wirklich Unangenehmes über unsere Köpfe hin, und zwei Schritt von uns schlug die Kugel ein.

Sehen Sie, wenn ich Napoleon oder Friedrich wäre, sagte Bolchow in diesem Augenblick und wandte sich vollkommen kaltblütig zu mir, hätte ich unbedingt irgend eine Liebenswürdigkeit gesagt.

Sie haben sie ja auch jetzt gesagt, antwortete ich und konnte nur mit Mühe die Unruhe verbergen, die die überstandene Gefahr in mir hervorgerufen hatte.

Nun ja, gesagt schon, aber niederschreiben wird es niemand.

So werde ich es niederschreiben.

Wenn Sie es auch niederschreiben, so geschieht es doch nur zur Kritik, wie Mischtschenkow sagt, fügte er lächelnd hinzu.

Pfui, du Verfluchte! sagte in diesem Augenblick hinter uns Antonow und spie ärgerlich zur Seite aus, um ein Haar hätte sie meine Beine gepackt.

Alle meine Bemühungen, kaltblütig zu erscheinen und alle unsere künstlichen Phrasen erschienen mir plötzlich unerträglich dumm nach diesem gutherzigen Ausruf.

Der Feind hatte wirklich zwei Geschütze an der Stelle aufgepflanzt, wo die Tataren patrouilliert hatten, und gab alle 20 oder 30 Minuten Schüsse auf unsere Holzfäller ab. Mein Zug wurde nach der Wiese vorausgeschickt und erhielt den Befehl, das Feuer zu erwidern. Am Waldessaum stieg leichter Rauch auf, man hörte einen Schuß, ein Pfeifen, und eine Kugel fiel hinter uns oder vor uns nieder. Die feindlichen Geschosse fielen glücklich, und wir hatten keinen Verlust.

Die Artilleristen hielten sich, wie immer, vortrefflich: sie luden rasch, richteten sorgfältig nach dem aufsteigenden Rauch und scherzten ruhig untereinander. Die Infanteriedeckung lag in schweigsamer Unthätigkeit in unserer Nähe und wartete, bis sie an die Reihe kam.

Die Holzfäller machten ihre Arbeit: die Äxte erklangen schneller und häufiger im Walde, nur in dem Augenblick, wo sich das Pfeifen eines Geschosses hören ließ, verstummte plötzlich alles, und durch die Totenstille erklangen ein wenig erregte Stimmen: »Bückt euch, Kinder!« – und alle Augen richteten sich auf die Kugel, die an die Wachtfeuer und an die abgehauenen Äste anschlug.

Der Nebel hatte sich ganz gehoben, nahm immer mehr die Gestalt von Wolken an und verschwand allmählich in dem tiefdunklen Blau des Himmels; die hervortretende Sonne leuchtete hell und warf ihren heiteren Schimmer auf den Stahl der Bajonette, das Erz der Geschütze, auf die auftauchende Erde und den glänzenden Reif. In der Luft fühlte man die Frische des Morgenfrostes zugleich mit der Wärme der Frühlingssonne; tausend verschiedene Schatten und Farben flossen in dem trockenen Laub der Bäume zusammen, und auf den ausgefahrenen, glänzenden Wegen wurden die Spuren der Räder und der Hufeisendornen deutlich sichtbar.

Die Bewegung unter den Truppen wurde immer stärker und deutlicher. Von allen Seiten sah man immer häufiger die bläulichen Rauchwolken der Schüsse. Die Dragoner mit den flatternden Fähnlein an den Lanzen ritten an der Spitze; in den Reihen der Infanterie ertönten Lieder, und der Wagenzug mit dem Holz formierte sich in der Nachhut. Da kam zu unserem Zuge der General herangeritten und befahl, sich zum Rückzuge zu rüsten. Der Feind hatte sich in den Gebüschen unserem linken Flügel gegenüber festgesetzt und begann uns durch ein Gewehrfeuer stark zu beunruhigen. Von links aus dem Walde her kam eine Kugel vorübergesaust und schlug in das Geschützgestell, dann eine zweite, eine dritte ... die Infanteriedeckung, die in unserer Nähe lag, sprang lärmend auf die Beine, griff zu den Gewehren und nahm Stellung in der Vorpostenkette. Das Gewehrfeuer wurde stärker, die Kugeln kamen häufiger geflogen. Der Rückzug begann, folglich auch das eigentliche Gefecht, wie es im Kaukasus immer zu sein pflegt.

Aus allem konnte man erkennen, daß den Artilleristen die Gewehrkugeln unbehaglicher waren, als vorhin den Infanteristen die Kanonen. Antonow machte ein verdrießliches Gesicht. Tschikin äffte das Summen der Kugeln nach und trieb seinen Spaß mit ihnen; aber man sah wohl, daß sie ihm nicht behagten. Bei einer sagte er: »Wie eilig sie's hat,« eine andere nannte er »Bienchen«, eine dritte, die mit einem seltsam trägen und klagenden Laut über uns hinflog, nannte er eine »Waise« und rief damit allgemeines Gelächter hervor.