Kälbchen springen, Schwänzchen schwingen
Hoch in der Luft.
Und dann schlummerte Sidsel Langröckchen ein.
* *
*
Am nächsten Tage bekam Sidsel Langröckchen den Hirtenranzen aufgeschnallt und zog mit dem Kleinvieh in den Wald — Krummhorn bekam sie nicht mit; die trabte spornstreichs nach dem Nordanger hinauf zu den Kühen.
Dieser Tag wurde ihr lang; es war so wunderlich einsam und still im Walde; sie mußte unwillkürlich an so vielerlei denken, an die Mutter, an Jakob und an Schloß Guckaus, und da konnte es wohl geschehen, daß ihr die Tränen kamen.
Die Alpfahrt.
Die Halde jenseits des Tals hinauf zieht ein langer Zug.
Am Kammerfenster daheim steht Kjersti Hoël und folgt ihm mit den Augen, soweit sie vermag, bis er über dem Bergkamm im Gebirge verschwindet.
An der Spitze reitet die Sennerin auf dem Soldatenpferd,[1] dem ein Frauensattel aufgeschnallt worden ist, ein hohes Gestell wie ein Lehnstuhl; und dort hoch oben thront sie in sonntäglichem Putz, im weißen Kopftuch, rotbäckig, rund und selbstbewußt. Nun ist sie die Hauptperson, diejenige, die das Regiment führt.
Nach ihr kommen zwei Knechte, jeder leitet eins der beiden Saumpferde, die unter dem schweren Packsattel im Rücken förmlich einsinken. Darauf kommt das Vieh in stolzem Zuge. Erst die Schellenkuh, dann Brandros mit ihrem schiefen Horn, dicht hinter ihr Krummhorn, darauf Mörkei und dann die ganze Schar — mit Ausnahme von Farskol und Litago, die heuer Stallkühe sein und die Kälber anlernen sollen, mit auf die Weide zu gehen — bis zum Stier, der zuletzt geht, als hätte er auf die ganze Schar aufzupassen. Dann kommen die Ziegen, die es immer eilig haben und gern an den andern vorbeikommen möchten; darauf die Schafe in einem dichten Klumpen, weiterhin vier große Schweine, und schließlich die Untersennerin und Sidsel Langröckchen mit dem Hirtenranzen auf dem Rücken.
Im Anfang ist es flott wie im Tanze gegangen; alle erinnern sich des Gebirges vom vorigen Sommer her, alle haben sich dorthin zurückgesehnt, es geht keinem rasch genug vorwärts. Aber je weiter sie bergauf steigen, desto steiler wird es, die Sonne steigt höher und brennt ihnen auf den Rücken; die Schweine fangen an, zurückzubleiben, versuchen, bei jedem Seitenpfad einen Abstecher zu machen, lauern nur darauf, etwas Schatten zu erhaschen oder eine Pfütze zu finden, in der sie sich abkühlen können; die Ziegen und Schafe merken, daß sie hungrig werden, schlüpfen zur Seite, wo sie einen Busch sehen und ein paar Blätter abknabbern können, oder sie entdecken ein Gatter, durch das sie neugierig hindurchgucken müssen, oder einen grünen Fleck; und die Färsen, die bisher noch nicht mit auf der Alp gewesen sind, begreifen gar nicht, wozu die unnötige Eile, und tun einfach nicht mehr mit, wenn nicht der Stecken über ihnen ist.
Also muß Sidsel oft vom Wege abbiegen, hinauf auf Seitenpfade, hinter Büsche und Sträucher, hinab ins Waldgestrüpp und in den Moorgrund und sie einzeln wieder auflesen, und kaum hat sie sie auf der einen Seite des Weges zusammengetrieben, so wischen sie ihr auf der andern wieder aus.
Sie hat eins ihrer Strumpfbänder nehmen müssen, um den langen Rock heute damit aufzubinden, damit er ihr nicht im Wege ist; denn sie muß tüchtig laufen und sich abmühen, ununterbrochen locken und rufen.
Es ist wirklich ein schweres Stück Arbeit; das blonde Haar wird ganz feucht, und ihr Gesicht ist so rot wie eine Preiselbeere; aber sie merkt es gar nicht, so ist sie in Anspruch genommen von all dem, was sie zu tun hat. Denn sie ist den ganzen Sommer über für das Kleinvieh verantwortlich, daß keins verloren geht und daß alle fett und blank zum Herbst wieder heimkommen; sie und die Sennerin haben gewissermaßen die Verantwortung, jede für ihren Teil des Viehbestandes, und wenn es auch bloß die Nachhut ist, die sie hat, so will sie doch nicht die Schande auf sich sitzen haben, daß sie nicht alle vorwärtsbringen könne.
Langsam steigen sie höher und höher hinauf, bald liegt das ganze Tal breit und hellgrün tief unter ihnen. Die Tannen werden niedriger und kahler, die kleinen Birken dichter, bald treffen sie die ersten Abgesandten der Krähenbeere und Zwergbirke. Aber nun sind sie auch über den Bergkamm gekommen.
Da ist es allen, als ob eine schwere Bürde von ihnen genommen wäre, alle Müdigkeit ist von Volk und von Vieh wie weggewischt, die ganze wunderbare Ruhe und Frische des Hochgebirgs strömt auf sie ein, sie befinden sich wie in einer neuen Welt; vor ihnen liegt das Gebirge mit seinen unendlichen Höhenzügen und Abhängen, bis es sich weit, weit in der Ferne in den blauenden Bergspitzen mit ihren weißen Schneestreifen verliert; und sehen sie zurück, so ist das Tal weg, versunken; jenseits sehen sie ebenfalls weite Bergrücken mit blitzenden Wassern und grünen Matten.
Alle holen tief Atem und sehen sich um; eine feierliche Ruhe kommt über alles; ganz von selbst ordnet das Vieh sich auf dem steinigen Weg, der sich schier ins Unendliche vorwärts schlängelt; sie versuchen nun nicht mehr zu entwischen, sondern gehen gleichmäßig und langsam. Nun bekommt auch Sidsel Zeit, sich umzuschauen. So weit hat sie noch nie sehen können, und hier oben soll sie den ganzen Sommer über bleiben!
Sie fühlt sich auf einmal so wunderlich klein und nichtig inmitten dieser überwältigenden, großartigen Natur; aber ihr wird gar nicht bange, nur feierlich und still zu Mute.
Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken vorwärts, über diesen Tag, diesen Sommer, über viele Sommer hinaus; einmal wird sie groß und erwachsen sein, wie die Sennerin, die sie dort hoch zu Roß sieht, einmal wird vielleicht auch sie so sitzen und an der Spitze reiten.
Die Saumpferde wollen trotz ihrer schweren Last nicht langsam gehen, sie greifen aus, überholen die Sennerin, und bald sind sie über einen Bergkamm verschwunden, allen weit voran. Der Zug kommt langsam nach, Stunde um Stunde geht es vorwärts über Auen und Bäche, an Sennen und Moorgründen und klaren Gebirgswässern vorüber.
Sidsel darf sogar aufsitzen und eine Weile an Stelle der Sennerin reiten, die gern ein Stück gehen will.
Der Abend rückt heran. Jetzt ziehen sie hoch oben durch eine tief eingeschnittene Kluft in der Bergwand, die sie frühmorgens in weiter Ferne sahen, und nun geht es wieder bergabwärts; sie begegnen Birken und einer vereinzelten, verkrüppelten Fichte, und von unten herauf dringt das Rauschen eines großen Flusses. Nun stehen sie am Rande des Hochtals, wo die Hoëlalp liegt, und sehen hinab. Da unten auf einer weiten Matte liegt die Alp friedlich und grün, drei Sennhütten, Högseth, Lunde und Hoël. Aus zweien steigt der Rauch aus dem Schornstein empor in die stille Abendluft.
Sie bleiben stehen und halten Umschau: Dort also sollen sie den Sommer verbringen!
Die Kühe beginnen zu brüllen, und das Kleinvieh drängt sich vor und eilt den Weg hinab. —
Am nächsten Morgen treibt Sidsel schon früh die Schafe und Ziegen über die Matte auf der Hoëlalp. Sie hat keinen Ranzen; denn hier oben auf der Alp soll sie um die Mittagszeit heim zur Sennhütte.
Es ist strahlender Sonnenschein. Die Kühe sind bereits im Freien und traben in einer langen, schnurgeraden Linie von dannen, die Schelle ertönt in gleichmäßigen, tiefen Tönen, ihr Klang vermischt sich mit dem ebenso tiefen andrer Schellen von den Nachbarsennen, und mitten in dies ernste, feierliche Geläute klingt das feine, rasche Tingeln der kleineren Schellen der Ziegen und Schafe.
Nun soll Sidsel hinein in dieses große Unbekannte, wo sie nie zuvor war. Die Sennerin hat ihr deshalb auch gesagt, sie solle sich heute zum erstenmal nicht zu weit weg wagen, damit sie sich wieder nach Hause zurückfinde; sie solle sich nach den anderen Hirten richten und sich nur in deren Nähe halten — sie wüßte übrigens nicht ob es Buben oder Mädel wären, die heuer auf Högseth und Lunde hüteten.
Sidsel sah immerfort zurück, um sich die Richtung des Weges zu merken, und es wurde ihr förmlich schwer, die Sennhütte aus den Augen zu lassen. Aber das Vieh lief schnell von dannen, sie mußte ihm nacheilen, um es nicht ganz zu verlieren, und auf einmal, als sie sich wieder umsah, war die Hütte verschwunden; rings umher war bloß das unendliche Gebirgsland mit Anhöhen und Gründen und hohen Berggipfeln in weiter Ferne, und es war so weit und still, man hörte nur die Schellen, nicht einmal das Rauschen des Flusses drang bis hier herauf.
Sie fühlte sich auf einmal so unendlich einsam, so weit weg, fühlte ein so heftiges Bedürfnis, ein lebendes Wesen zu liebkosen, daß sie in die Herde hineinging und bald das eine, bald das andre der Tiere an sich zog und streichelte und hätschelte, und bald wurde die Schellenziege ganz eifersüchtig, stieß die andern weg und schmiegte sich schmeichelnd an sie. — —
Ho—i—ho, ho—i—ho! ertönte es plötzlich, daß es weit über das Gebirge schallte. Die Ziegen spitzten die Ohren, und Sidsel blieb gleichfalls stehen und horchte mit verhaltenem Atem; der Ruf kam so unerwartet, sie konnte nicht unterscheiden, aus welcher Richtung, wie aus allernächster Nähe und doch wieder wie von allen Seiten auf einmal.
Ho—i—ho, ho—i—ho! klang es noch etwas stärker.
Bald darauf hörte sie Schellen, viele Schellen gleichzeitig, und dann sah sie einen großen Haufen Schafe und Ziegen im Zug über den Bergkamm kommen.
Das mußten wohl die andern Hirten sein. Dort in der Ferne sah sie nun auch zwei Strohhüte über die Anhöhe auftauchen, und nach und nach wuchsen zwei lange Burschen empor, mindestens so groß wie der Jakob.
Sie wurde so verschüchtert, daß sie sich niederkauerte und hinter einem Erdhügel versteckte.
Die Burschen beschatteten die Augen mit der Hand und sahen hinab. Ho—i—ho! Sie lauschten. Ho—i—ho! Keine Antwort.
Ho hei, du Bursch im Hoëlsennerrock,
Bist du ein Mann, so zeig dich doch!
Sie standen eine Weile still. Dann machten sie ein paar Luftsprünge, schlugen einen Purzelbaum und liefen ein Stück weiter, den Abhang hinab, juchheiten und riefen von neuem. Dann machten sie wieder Halt und horchten, als wären sie ihrer Sache nicht sicher.
Ho—i—ho! Sie lauschten von neuem.
Liegst du verborgen hinter Busch und Stein,
Komm vor, laß sehen, ob du hast Mark im Bein!
Darauf kamen sie vollends herab zu Sidsels Herde und sahen sich um. Nein sie sahen niemand. Das mußte wirklich ein Teufelskerl sein, der neue Hirt auf Hoël, daß er sich gleich am ersten Tag von seiner Herde so weit wegwagen durfte. Das war sicherlich einer für sie! Vielleicht hatte er von ihrem Badeteich drunten im Moorgrund gehört; — war vielleicht schon dort!
Ja, ja, dann mußten sie wohl seine Herde mitnehmen und dorthin gehen; aber erst noch einmal juchheien — vielleicht war er gar nicht so weit weg und konnte sie hören, wenn sie ordentlich laut schrieen.
Ho—i—ho! Das Echo ertönte lang wie ein hallender Donner.
Als es wieder still geworden war, kam es aus allernächster Nähe, zitternd und dünn wie das Piepsen eines Vogels:
Ho—i—ho! Es war Sidsel Langröckchen; als sie hörte, daß sie ihre Herde mit forttreiben wollten, da meinte sie sich denn doch zu erkennen geben zu müssen, obschon es ihr furchtbar unangenehm war.
Die Buben blieben aufs äußerste überrascht stehen. Dort hinter dem Erdhaufen wuchs ein kleines, winziges Wesen langsam empor, wie ein richtiger, kleiner Bergkobold mit karriertem Halstuch und einem weiten, viel zu langen Weiberrock, blieb unbeweglich stehen und starrte sie mit großen, verlegenen Augen an.
Auch sie wurden etwas verlegen; da waren sie hergelaufen gekommen, hatten grobe Worte gebraucht gegen so ein armes, kleines Geschöpf! Aber ärgerlich wurden sie auch. Sie hatten sich schon auf einen gleichaltrigen, ebenbürtigen Kameraden gefreut.
Da konnte man sehen, daß ein Frauenzimmer auf Hoël das Regiment führte, nicht einmal einen Hirtenbuben hatten die!
Wäre es wenigstens noch ein ordentliches, großes Frauenzimmer gewesen, ihretwegen größer, als sie selbst waren; die hätten sie wenigstens veralbern und jagen können — aber mit dem Rumpelstilzchen da! Nein, erwachsene Burschen mußten sich ja schämen, mit so einem Ding sich zu befassen; gegen diesen Zwerg konnten sie doch wirklich weder Mundwerk noch Fäuste gebrauchen. Aber immerhin, mit ihr reden und sie aushorchen, ob nicht doch vielleicht späterhin ein andrer Hirt käme, mußten sie gleichwohl, und dann brauchten sie sich nicht weiter um das Mädel zu kümmern; sie mußten sich eben heuer den Sommer die Zeit allein vertreiben.
Nur ein bißchen Angst machen wollten sie ihr, damit sie ihnen vom Leibe blieb.
Sie kamen heran und stellten sich, die Hände in den Hosentaschen, herausfordernd vor Sidsel auf. Der eine sagte:
Du bist’s also, die heuer Hirtin auf Hoël sein soll?
Ja — und sie setzte, wie um sich zu entschuldigen, rasch hinzu, ja, es war Kjersti selber, die es so haben wollte.
Wie heißt du denn?
Sidsel — — und Jakob nennt mich Langröckchen.
Wo bist du denn her?
Aus Guckaus.
Du bist doch nicht gar die Schwester von Jakob Guckaus? Wir sind im Winter zusammen in die Schule gegangen.
Ja, die bin ich.
Warum konnte denn aber der Jakob nicht selber kommen? Denn daß du’s nur weißt, ein kleines Mädel können wir hier oben nicht brauchen.
Er stand eine Weile und wartete auf Antwort. Da aber Sidsel nichts zu antworten wußte, fuhr er fort: Ja, was wir sagen wollten, ich, Jon Högseth, und der da, Peter Lunde — halte dich hübsch von uns fern! Untersteh dich nicht, auch nur ein Haarbreit über den Strich vom Klininggrautfelsen hinunter nach dem Skraamoor und hin zum Pegeflecken beim Högsethsteig zu kommen, und laß dir’s nicht einfallen, auf unsrer Seite zu hüten; sonst kriegt im Winter der Jakob all die Hiebe, die du eigentlich hier im Sommer hättest bekommen sollen!
Sidsel wurde es angst und bange zu Mute, und ihre Mundwinkel begannen, unsicher zu zucken. Da sagte der andere Bursche, der etwas kleiner war:
Aber du, der Jakob ist stark, der kriegt dich unter.
Aber nicht, wenn ich mich geübt habe — hoi!, dabei machte er einen hohen Luftsprung und fuchtelte übermütig mit den Armen in der Luft herum.
Da kannst du sehen, was dem Jakob bevorsteht. Nimm dich also in acht! Und nun ziehen wir zum Skraamoor und baden. Hoi—ho!
Mit lautem Juchhei und Geschrei stiegen sie wieder die Anhöhe hinauf; aber oben sahen sie sich noch einmal um und blickten einander doch etwas unsicher an, als sie Sidsel noch immer unbeweglich auf demselben Fleck stehen sahen, mit großen Tränen in den Augen.
Sidsel fühlte sich ganz elend und erbärmlich, wie sie dortstand. Ganz gewiß wollte sie keinen Anlaß dazu geben, daß ihr Jakob Prügel bekam; wenn sie nur eine Ahnung gehabt hätte, wo sie nicht hingehen durfte; aber weder wußte sie, wo der Pegefels, noch wo das Skraamoor war. Sie konnte nur ihrer Herde folgen und im übrigen sehen, wie es ging.
Als sie eine gute Weile später auf eine Anhöhe hinaufkam, hörte sie die Schellen von neuem. Ihr wurde ganz angst, und sie fing an, ihre Herde nach einer andern Richtung zu jagen; als sie sich aber nach einer Weile umsah, bemerkte sie weit, weit unten im Moorgrund zwei weiße Körper, die herumsprangen und tollten und im Sonnenschein rund um einen kleinen, blitzenden Teich Purzelbäume schlugen.
Also hatten die beiden ihre Herden verloren!
Da mußte sie sich wohl der Tiere annehmen und sie solange hüten. Deswegen konnten sie ihr doch nicht böse werden; denn sie wußte, daß einem Hirten keine größere Schande widerfahren konnte, als seine Herde zu verlieren. Und das wäre denn doch eine zu große Schande, wenn so große Burschen ohne ihre Herden nach der Sennhütte heimkehrten.
Sie nahm sich also der Tiere an, und ab und zu lief sie auf die Anhöhe hinauf, um zu sehen, ob die Burschen nicht bald fertig wären, es sah aber so aus, als hätten sie über dem Baden alles andere vergessen.
Endlich sah sie, wie die beiden plötzlich in ihrem Tollen anhielten, aufhorchten und nach allen Richtungen ausspähten. Darauf bekamen sie auf einmal Eile, fuhren in die Kleider und sprangen von dannen, nach einer ganz andern Richtung hin. Plötzlich blieben sie stehen, lauschten und liefen dann wieder. Es war so weit weg, daß es nichts genützt hätte, zu juchheien und zu rufen. Nun liefen sie auf eine Anhöhe jenseits des Moors hinauf und spähten lange nach allen Richtungen hin aus.
Dann liefen sie wieder, was sie konnten, zurück in der Richtung auf das Moor zu — dasselbe Ergebnis! — nahmen darauf die Richtung unten längs der Anhöhe, wo sie stand; aber das Vieh weidete auf der andern Seite des Hanges, deshalb konnten sie die Schellen auch jetzt noch nicht hören.
Da wagte Sidsel endlich zu juchheien, aber allzu schwach; sie versuchte es noch einmal und lauter.
Da blieben sie stehen und antworteten.
Sie juchheite noch ein drittes Mal, und nun kamen sie zu ihr hinauf. Sie waren merkwürdig still, fanden es doch wohl ärgerlich, das kleine Mädel nach ihren Herden fragen zu müssen, aber es blieb ihnen nichts andres übrig.
Hast du unsre Tiere gesehen?
Sidsel sah sie ängstlich an: Die weiden hier auf der andern Seite der Halde. Ich hab sie gehütet, aber ihr dürft deshalb nicht den Jakob hauen!
Sie wurden etwas kleinlaut, aber irgend etwas mußten sie ja wohl sagen, und deshalb erklärte Jon:
Na ja, für dies eine Mal solls ihm geschenkt sein!
* *
*
Als Sidsel am Abend gerade das Viehgatter zumachen wollte, kam Peter Lunde am Zaun vorüber.
Du hast wohl nicht ein fremdes Schaf zwischen deiner Herde?
Na, es kann ja auch sein, daß ich mich verzählt habe, vielleicht waren doch alle da.
Sie blieben eine Weile stehen und sahen sich an, bis sie verlegen wurden und die Augen wegwenden mußten. Schließlich sagte Peter:
Du, Sidsel, wenn du gerne willst, kannst du schon mit uns zusammen hüten und auch zum Badeteich kommen. Wenn ich den Jon recht verstanden habe, so will der es auch, und sollte er frech werden, so kann ich ihn durchhauen, wenn ich nur will.
Freilich will ich gern.
Dann komme ich morgen und hole dich ab dort hinter der Anhöhe.
Sidsel bekam keine Zeit, etwas zu erwidern; denn im selben Augenblick machte Peter sich aus dem Staube und verschwand eilig um die Ecke. Er hatte Jon bemerkt, der von einer andern Richtung her herankam.
Jon kam herausfordernd, die Hände in den Taschen:
Du hast wohl nicht ein fremdes Schaf?
Nein!
Hm!
Ist dir eins weggekommen?
Ich weiß nicht recht. Hm! — Aber was ich dir noch sagen wollte, du brauchst dirs nicht zu Herzen zu nehmen, was ich heute morgen sagte. Ich meinte es nicht so schlimm; es war mehr der Peter, der mich dazu kriegte, und wenn du’s willst, so kann ich ihn morgen dafür durchhauen.
[1] d. i. das Pferd auf jedem Hofe, das im Kriegsfall an das reitende Jägerkorps abgegeben werden muß.
Krummhorn wird gezähmt.
Es ist früher Morgen, die Hoëlalp liegt in klarem Sonnenschein.
Im Viehgatter geht Sidsel allein und melkt die Ziegen. Es ist still und friedlich, noch ist kein Schellengeläute zu hören; bloß ein schwaches Murmeln dringt vom Flusse herauf, und ein dumpfer Stoß hie und da vom Kuhstall her, so oft eine der Kühe aufsteht und mit den Hörnern gegen die Wand rennt. Im Stalle ist die Sennerin und melkt.
Sidsel hat noch immer zu kleine Fäuste, um Kühe zu melken, deshalb haben sie die Arbeit so unter sich verteilt, daß sie die Ziegen allein zu melken hat.
Da schallt es plötzlich von der Anhöhe über der Senne: Ho—o—i—ho!
Gleich darauf antwortet es ein wenig weiter weg und fast ärgerlich: Ho—o—i—ho!
Sidsel sieht auf, horcht; dann lächelt sie stillvergnügt, geht an den Zaun hin und ruft: Ho—o—i—ho!
Jetzt kann auch sie juchheien, daß es von allen Hängen und Höhen widerhallt; nun zittert ihre Stimme nicht mehr, wenn sie den großen Burschen antwortet.
Jetzt weiß sie, sie kommen nur, sie abzuholen, und daß sie heute mit ihrer Herde bis zur Senne hinunterkommen, hat seinen guten Grund, sie haben etwas besonderes vor; sie haben es mit ihr und der Sennerin verabredet. Und Sidsel kann es am Schellenklang hören, wie sie ihr Vieh mit aller Macht antreiben, und daß der, der zuletzt kommt — es ist doch wohl der Peter — ärgerlich darüber ist, daß er nicht der erste ist.
Doch sie mögen nur warten, bis sie fertig ist; sie kommen ja auch heute furchtbar zeitig.
* *
*
Wie es nun auch zugegangen sein mochte, lange hatte es nicht gedauert, da war Sidsel der vornehmste Hirt auf der Hoëlalp geworden. Schon am nächsten Tag waren sie gleich unten am Abhang zu ihr gestoßen, Peter zuerst und dann Jon, und es war wie selbstverständlich, daß sie mit ihnen ging, dann könnte sie ihre Herden hüten, während sie badeten, meinte Jon. Ja, das meinte Peter auch, und so tat sie es denn.
An diesem Tage blieben sie aber nicht so lange weg, es war, als mache es ihnen nicht mehr das alte Vergnügen, zu baden und zu zweien allein zu sein.
Und bald war es so sicher wie der Tag selbst: kaum kam Sidsel am Morgen mit ihrer Herde über den Abhang gezogen, da kamen sie auch dorthin, zumeist aus verschiedenen Richtungen, und lauerten förmlich darauf, wer von ihnen zuerst juchheien konnte. Und wenn sie sich dann trafen, waren sie eifrig bemüht, sich anzulügen, wie sie ganz zufällig gerade hierher gekommen wären; denn noch am Abend vorher hatten sie groß getan und unter sich über dies Hirtenmädel gespöttelt, das ihnen immer nachliefe und das sie nie los werden könnten, und hatten erklärt, am nächsten Tag würden sie nach einer ganz andern Gegend ziehen und sehen, ob das nicht hülfe.
Und dann machten sie Luftsprünge um die Wette und rangen oft die ganze Frühstückspause über; denn keiner wollte sich für überwunden erklären, und mehr als einmal mußte Sidsel sie zu ihren Herden jagen, weil sie alles vergaßen und Gefahr liefen, ihr Vieh zu verlieren.
Manchmal konnte es sich auch treffen, daß der eine etwas früher kam, und da wollte er durchaus, sie sollten schnell weiter ziehen; denn der andre wäre heute sicherlich nach einer andern Richtung gegangen. Und dann war es fast am lustigsten, fand Sidsel; denn dann hatten sie ihr immer so viel zu zeigen, wovon der andre angeblich nichts wußte, einen kleinen Bergsee, wo die Multbeeren[2] so massenweise blühten, daß der ganze Boden ringsumher wie mit Schnee bedeckt schien, und wo es zum Herbst fabelhaft viel Beeren geben würde — aber das wollten sie lieber für sich behalten, der andre brauchte nichts davon zu erfahren — oder das Nest eines Schneehuhns, in dem dreizehn große Eier lagen, oder einen abseitsliegenden Flecken, wo der Schachtelhalm unglaublich hoch und dicht stand.
Und bei solchen Gelegenheiten plauderten sie auch mehr mit ihr und prahlten und tollten nicht so, wie ihre Gewohnheit war, wenn sie beide mit ihr zusammen waren.
Sie kletterten in die Bäume hinauf und brachten ihr duftendes Harz, und sie pflückte Schachtelhalme für sie — denn um Schachtelhalme zu finden, muß man ein eigenes Geschick haben; und sie hatten nie jemand gesehen, der sich so gut darauf verstand wie sie; stand irgendwo auch nur ein einziger Halm, so konnte man darauf schwören, daß sie ihn fand, meinte Peter. Ja, Jon meinte sogar, sie fände welchen, selbst wo gar keiner wäre, er hatte nie etwas Ähnliches gesehen.
Und all den Spaß, den sie sich ausdachten! Eines Tages, als es regnete, machte ihr Jon einen großen Hut aus Birkenrinde, und am nächsten Tag brachte Peter ihr ein Paar Schuhe aus Birkenrinde — die Sennerin mußte laut auflachen, als Sidsel in dem Anzuge, ihre richtigen Schuhe in der Hand, heimkam. Tags darauf gab ihr Jon ein wirkliches Taschenmesser — sie sollte auch etwas haben, womit sie schnitzen konnte, und er selbst brauchte es nicht, er hatte ja sein großes Schnitzmesser in einer Lederscheide — aber am folgenden Tag kam Peter mit einer schönen Pfeife, die er am Abend zuvor aus einem Ziegenhorn für sie gemacht hatte, und die hatte einen so feinen Ton, daß man ganze Lieder auf ihr blasen konnte.
Jon dachte lange vergeblich darüber nach, was er dagegen aufstellen sollte, aber schließlich fand er es doch.
Sie hatten schon oft Krummhorn gesehen, die immer mit den Kühen weiden ging, gerade als ob sie selber eine Kuh wäre, und Sidsel hatte ihnen erzählt, daß es ihre Ziege wäre, aber so wild, daß es ganz unmöglich sei, sie dazu zu kriegen, mit den andern Ziegen zu weiden, ja, daß es nicht einmal möglich sei, sie im Winter im Schafstall zu haben — Kjersti Hoël hatte gesagt, wenn das so weiter ginge, müßten sie sie wohl zum Herbst schlachten.
Nun erbot sich Jon, Krummhorn zu zähmen; er werde ihr schon Sitten beibringen; es gäbe keine Ziege, die er nicht untergekriegt hätte.
Ja, wenn er das fertig brächte, so wollte Sidsel ihm gerne alles geben, was sie hätte.
Nein, er wolle gar nichts dafür haben. Wollte sie ihm etwas geben, dann höchstens die Hörner der Ziege, wenn sie doch einmal geschlachtet werden sollte. Denn das würde Ziegen-Pfeifen geben, wie man noch keine gesehen hätte.
Dann wollte Peter aber auch mit dabei sein; denn war die Ziege wirklich so störrisch, so wären wohl auch zwei nötig, sie zu bändigen, und dann könnte jeder ein Horn bekommen.
Jon wußte nicht recht, ob er das wollte; denn es war doch sein Einfall gewesen.
Ja, aber wie wollte er es denn eigentlich fertig bringen? Peter glaubte nicht, daß es sich überhaupt machen ließe, ohne daß sie ein stärkeres Tier hätten, an das sie Krummhorn anbänden. Aber das hatte eben Jon nicht. Dagegen hatte er, der Peter, den großen Ziegenbock, und der allein war stark genug.
Ja, das war wohl richtig. Da mochte er also mit dabei sein, vorausgesetzt, daß er seinen Bock hergab.
Sidsel meinte auch, es wäre wohl das beste, wenn sie alle drei dabei wären; sonst könnte überhaupt keine Rede davon sein. Und so geschah es denn auch.
* *
*
Heute sollte nun die Sache vorsichgehen; deshalb waren Jon und Peter so zeitig unterwegs.
Das Vieh kam in schnellem Lauf über die Höhe gezogen, und da die klugen Tiere begriffen, daß sie heute bis zur Senne hinunter sollten, begannen sie in vollem Lauf hinabzueilen — es war immer so fein, nach einem fremden Platz zu kommen, da gab es stets Neues zu sehen und zu beschnuppern; vielleicht war auch etwas übriggebliebener Mehlbrei im Schweinetrog oder ein bißchen Salz zu lecken oder ein Loch im Zaune, wo man unbemerkt hindurchkriechen konnte.
Die Schellen tingelten, die Burschen liefen und schrieen und juchheiten, um Ordnung in der Herde zu halten — wenn auch vielleicht ein bißchen lauter, als gerade notwendig.
Auf der Senne, wo es kurz vorher ganz still gewesen, wurde nun auf einmal Leben und Lärm — die Sennerin mußte wirklich zur Stalltür herausgucken, und Sidsel hätte sicher vergessen, die letzte Ziege zu melken, wenn diese sich nicht von selbst gemeldet und sich ihr mitten in den Weg gestellt hätte, als sie aus dem Gatter heraus wollte.
Als Jon die Sennerin in der Stalltür zu Gesicht bekam, rief er: Wollt ihr denn nicht bald auf die Weide?
Jawohl, nun bin ich fertig. Bist du auch fertig, Sidsel?
Ich bin bei der letzten Ziege.
Bald waren sie fertig, und das Vieh sollte herausgelassen werden.
Jon hatte ein starkes Weidenband mit einer Schlinge an beiden Enden mitgebracht; die eine war für den Bock, die andre für Krummhorn bestimmt. Er meinte, das wär solides Riemenzeug.
Wo ist sie denn?
Im Kuhstall natürlich!
Da ist es das beste, ich gehe selbst hinein und hole sie. Komm mit deinem Bock, Peter, und halt ihn bereit!
Peter lockte den großen Ziegenbock zu sich hin, der auf seinen Namen hörte und sofort kam.
Zeig mir, wie stark du bist.
Er packte ihn bei den Hörnern, um die Kräfte mit ihm zu messen. Der Bock stemmte dagegen, sie begannen zu ringen, wie sie oft zu tun pflegten, und der Bock drückte Peter gegen das Viehgatter.
O ja, ich denke, das ist ein Bock, der eine Ziege mit fortziehen kann, und wäre sie doppelt so groß. Der Stolz strahlte Peter förmlich aus den Augen.
Jon wollte auch einmal probieren.
Ja, das Tier war bärenmäßig stark.
Dann ging er in den Kuhstall und kam bald, Krummhorn am Weidenband führend, wieder heraus. Nun nahmen sie den Bock und hängten ihm die andre Schlinge über den Hals, so daß beide zusammengekoppelt waren; es sah aber so aus, als hätten die Tiere das gar nicht bemerkt.
Alle blieben erwartungsvoll stehen; aber der Bock wollte sich nicht vom Flecke rühren, solange sie dort standen und die Herden dicht dabei hielten; er stand da und wollte bloß gehätschelt werden.
Da sagte Jon: Laß dein Vieh heraus, Sidsel, und du, Peter, laß unsres auf die Höhe ziehen, dann sollt ihr ein feines Doppelgespann sehen!
Sidsel öffnete das Gatter, das Vieh ging im Zuge heraus und schlug den gewohnten Weg die Halde hinauf ein.
Peter trieb die andern nach.
Da dachte der Ziegenbock, es wäre die höchste Zeit nachzukommen, und tat einen Schritt vorwärts. Er mußte sich wirklich umsehen. Was war das für ein Jux, daß er hinten festgehalten wurde? Krummhorn stand, alle Viere fest in den Boden gepflanzt, und streckte bloß den Hals.
Bah! Nichts weiter? Er tat ein paar Schritte; Krummhorn mußte mit, den Kopf zurückgelegt, stemmte sie dagegen. Da zog der Bock an, setzte die Hörner hoch in die Luft und legte sich ordentlich in die Riemen. Er wollte ihr schon zeigen, daß er sich nicht von so einer Närrin aufhalten ließe!
Krummhorn mußte wohl oder übel mit; aber sie sträubte sich und wehrte sich aus Leibeskräften; Schließlich fiel sie auf die Kniee, doch der Bock ging unbeirrt vorwärts, als wenn gar nichts los wäre, und Krummhorn mußte den ganzen flachen Abhang hinauf auf den Knieen nachrutschen.
Sidsel und die Burschen kreischten vor Vergnügen, und selbst die Sennerin mußte mitlachen.
Als das Gespann an den Fuß der Anhöhe kam, wo es mehr und mehr unwegsam wurde, fand Krummhorn es doch ratsamer aufzustehen und auf allen Vieren nachzukleppern, aber sie ließ sich noch immer mitziehen.
Sie zogen ihren gewöhnlichen Weg hinauf ins Gebirge.
Nach und nach schien Krummhorn sich in das Unvermeidliche zu finden. Anfangs ging sie zwar immer noch verdrossen und widerwillig und ließ sich ziehen, mit der Zeit fühlte sie aber wohl ihren leeren Magen, und nun begann sie ruhig mitzulaufen und zu fressen, wie die andern Ziegen, sah bloß ab und zu einmal auf, wenn sie in weiter Ferne die grobe, tiefe Kuhschelle hörte.
Nun war der Spaß nicht mehr so unterhaltend, und da begannen Jon und Peter wie gewöhnlich zu raufen und Rundsprünge zu machen, und damit vertrieben sie sich die Zeit, bis sie zur Mittagspause wieder heim sollten.
Da sagte Jon: Nun wollen wir Krummhorn einmal zur Probe losspannen. Ich denke, sie ist nun kuriert.
Ja, dem stimmten die andern bei.
Sie lockten den Bock heran; er kam, die mächtigen Hörner stolz in der Luft, und Krummhorn klepperte hinterdrein. Jon nahm dem Bock die Schlinge ab, kniete dann vor der Ziege nieder und zupfte sie am Barte.
Krummhorn scharrte mit dem Fuße, wie Ziegen zu tun pflegen, wenn sie gern von dem Zupfen befreit sein wollen, aber Jon ließ sie nicht los — er wollte ihr erst eine Vermahnungsrede halten: Nun hätte sie wohl die Übermacht gefühlt, sie sollte sich nicht einbilden, sie wäre eine Kuh. Von nun an müßte sie sich wie eine vernünftige Ziege aufführen, sonst würde sie es mit ihm zu tun kriegen. Bei jedem Worte zauste er sie am Barte, um der Ermahnung Nachdruck zu geben. Das tat weh, Krummhorn machte einen Satz geradeaus, so daß Jon auf den Rücken fiel, setzte glatt über ihn weg, das Weidenband nach sich schleifend, und trabte über das Moor in der Richtung auf die Kuhschelle zu.
Jon sprang auf, trampelte vor Wut mit den Füßen und lief ihr nach. Sidsel und Peter waren ihr bereits nachgesetzt. Sie riefen und schrieen, versprachen Krummhorn entsetzliche Prügel, wenn sie nicht stehen bliebe; aber Krummhorn tat, als hörte sie nicht. Unbekümmert lief sie davon. Die drei ihr nach. Die Burschen wurden immer wütender; das war ihnen doch noch nicht vorgekommen, daß sie so eine alberne Ziege nicht fangen konnten; und außerdem wollte jeder gern der erste sein. Schneller und schneller ging das Rennen, und obwohl Sidsel leichtfüßig war, besonders, da sie die leichten Rindenschuhe anhatte, blieb sie doch allmählich zurück — sie mußte ja auch in diesem langen Rock herumwaten und hatte obendrein heute morgen in der Eile vergessen, ihn aufzuschürzen.
Bald sah sie den letzten Schimmer von ihnen über den Hügel jenseits des Moors verschwinden — ja, wirklich hatte der Peter Jon überholt; er war doch der schnellste von den beiden — sie selber war nur bis zur Mitte des Moors gekommen.
Sie blieb stehen. Es war wohl das beste, sie ging wieder zurück und sammelte das Vieh, sonst konnte es passieren, daß sie alle drei ohne Herde nach Hause kamen.
Sie schlug die Richtung ein, aus der sie gekommen waren. Als sie sich dem Abhang näherte, hörte sie ein gewaltiges Dröhnen, das immer stärker und stärker wurde, sie fühlte förmlich den Boden unter ihren Fußen erbeben. Und dort die Halde entlang kam ein mächtiger Troß Pferde. Es waren eine ganze Masse, Fohlen, junge und alte Pferde, braune und scheckige, schwarze und weiße, und alle waren sie so glänzend blank, fett und dick und ausgelassen wild.
Sie liefen im Trab durcheinander, warfen die Köpfe zurück, und es dröhnte unter ihren Hufen wie schwacher Donner.
Halb ängstlich blieb Sidsel stehen; einen so großen Haufen Pferde hatte sie noch nie gesehen. Aber sie gaben acht, liefen im Bogen um sie herum, bloß ein paar blieben stehen und spitzten die Ohren und guckten, was das für ein kleines Ding sein mochte.
Dann liefen sie weiter, und einen Augenblick darauf waren sie vorüber — bloß das Dröhnen ihrer Hufe konnte sie noch hören, als sie den Weg nach der Senne hinunter einschlugen.
Aber das Vieh hatten sie freilich erschreckt; denn Sidsel konnte es nirgendswo finden. Sie lief von Hügel zu Hügel, horchte, lockte und lief weiter.
Als alles nichts nutzte, hielt sie es schließlich für das beste, nach Hause zu gehen.
Das war das erste und letzte Mal, daß Sidsel ohne Herde heimkam.
Aber daheim auf der Alp lag das Vieh bereits friedlich im Viehgatter und blökte und meckerte — die klugen Tiere waren von selber heimgelaufen. Der Pferdeschwarm war auch dort, weidete und leckte das Salz, das die Sennerin gestreut hatte.
Am späten Nachmittag kamen auch die Sennerinnen von den Nachbarsennen und fragten nach ihren Hirten; deren Herden waren auch dort schon lange allein nach Hause gekommen.
Endlich kamen denn auch Jon und Peter mit Krummhorn angezogen.
Als die Sennerinnen sie tüchtig auslachten, schämten sie sich auch etwas; daß sie ihre Herden verloren hatten, konnten sie ja nicht leugnen; aber niemand konnte deshalb sagen, sie kämen ohne Vieh nach Hause, selbst wenn es vielleicht etwas komisch aussehen mochte, daß zwei lange Hirtenbuben mit einer einzigen Ziege angezogen kamen, so groß und stark die auch war.
Ja, heute hätten sie wirklich Pech gehabt, meinte Jon, aber sie sollte nicht so leichten Kaufs davon kommen. Morgen wollten sie das Vieh wieder vornehmen — und da sollte sie was erleben!
Daraus wurde jedoch nichts. Krummhorn war klüger als sie. Als sie sie losgelassen hatten, blieb sie mit weit vorgestrecktem Hals stehen und sah nach dem Pferdeschwarm hinüber, der gerade davontrabte. So stand sie eine Weile. Dann schlug sie plötzlich mit den Hinterbeinen aus, wie ein richtiger Gaul, und weg war sie.
Die Sennerinnen und die Hirten blieben mit offenem Munde stehen, als sie sahen, daß Krummhorn sich den Pferden anschloß.
Bildete sich das Tier nun gar noch ein, ein Pferd zu sein!
Lange standen sie sprachlos da und sahen ihr nach.
Da sagte Jon in seiner trockenen komischen Art: Gäb’s hier Elephanten, sie hätte sich wahrhaftig eingebildet, ein Elephant zu sein.
[2] gelbe Berghimbeeren.
Heim von der Senne.
Der helle Sommer schreitet rasch vorwärts, im Gebirge ist er kurz, aber starklebig.
Er beginnt mit sprossendem, hellem Grün auf allen Hügeln, an den flachen Halden und Abhängen und in den unendlichen Gründen; die Schneehuhnpaare gehen emsig umher und knurren und schelten, wenn jemand ihren Nestern zu nahe kommt. Mücken und Bremsen surren durch die Luft, und die Kühe strecken die Schwänze in die Höhe und traben davon, um ihren brennenden Stichen zu entgehen, und über dem Ganzen liegt dick und dunkelblau der Sonnenrauch und beschränkt die freie Aussicht.
Aber bald kommen die Heidelbeeren, die Wiesenwolle und die Multbeeren, und eines schönen Tages piept es an allen Ecken und Enden rings um die Schneehuhnmütter, die nun noch schlimmer schelten, wenn viele kleine, hellbraune Federbälle ein paar Ellen hoch auffliegen und fortzuflattern versuchen, um bald wieder kopfüber ins Heidekraut herunter zu fallen.
Die Kühe gehen ruhig und bedächtig über die Höhen und suchen das feinste, würzige Gras, und der Sonnenrauch verschwindet, die Luft wird so wunderbar klar, daß man die meilenweit entfernten Berge ebenso deutlich und in scharfen Umrissen sieht, wie den nächsten Erdhaufen. Dann fallen die Multbeerblüten ab, und bald wird es überall in den Gründen gelb und rot; die zierlichen Blüten des Heidekrauts färben alle Kuppen und Berge, das Grüne verschwindet, das Gebirge leuchtet braun und rot, nur guckt hier und da das helle Renntiermoos wie leuchtende Schneeflecken hervor. Der Herbst naht.
Meist scheint die Sonne, und dann ist es herrlich, Hirte zu sein.
Aber es können auch Tage kommen, wo der Nebel sich wie ein dichter, grauer Teppich niedersenkt, unter dem die Erde mit Hügeln, Büschen und Heidekraut gleichsam dicht zusammenkriecht, so daß alles schon auf wenige Armlängen vor einem verschwindet, und ein feiner Staubregen rieselt aus dem Nebel hernieder, legt sich wie winzige, graue Perlen auf jeden Halm und jede Tannennadel, und überall, wo man hinkommt, trieft es von Feuchtigkeit.
Da ist es oft schlimm, Hirt zu sein; da gilt es, Schutz unter jedem kleinen Busch zu suchen, einen Sack über den Schultern als Schirm gegen die Nässe, oder zu laufen, daß das Wasser in den Schuhen patscht. Denn in solchem Wetter wachsen die Pilze empor, und dann kümmert sich das Vieh um nichts andres mehr, läuft auf und davon, um sie zu finden, und oft ist es schwierig, ihm zu folgen; und dabei kann es gelegentlich auch einen tüchtigen Schlag absetzen, wenn am Rande des Moors dicht vor einem ein paar gewaltige Kraniche auffliegen, die auf der Durchreise sind, — im dicken Nebel erscheinen sie ganz riesenhaft, wie ein paar fette Schafe mit langen Flügeln.
Dann ist es eines Morgens ringsum glänzend weiß; über Nacht ist Schnee gefallen. Freilich bleibt er nicht liegen, er verschwindet im Laufe des Tages wieder. Aber nun will das Vieh um keinen Preis mehr ins Gebirge hinauf, — die Kühe stehen am Sennenwiesengatter und brummen; sie wissen, daß sie zu guterletzt doch hier Einlaß erhalten, um auch die letzten Leckerbissen auf der Alp mitzunehmen, die Ziegen sehen sich fragend um. Der Sommer ist nun doch einmal zu Ende, alles sehnt sich nach Hause zurück.
Dann wird eines Tages das Gatter geöffnet, die Kühe stürzen auf die Wiese; nun wissen sie, daß sie dies Jahr nicht mehr in das kahle Gebirge hinauf brauchen.
Die Knechte sind mit Pferden gekommen, und die andern Pferde, die den ganzen Sommer über im Gebirge herumgestreift sind, werden heimgeholt. Der Klee wird in Bündel zusammengeschnürt, alles wird aufgewaschen, aufgeräumt, für nächsten Sommer in Ordnung gebracht und weggesetzt, und endlich ist der lang erwartete Tag der Heimkehr gekommen.
* *
*
Sidsel steht oben auf dem First des grasbewachsnen Stalldachs und schaut umher. Sie ist bereits reisefertig, hat den Hirtenranzen auf dem Rücken, den Birkenhut auf dem Kopfe und die Ziegenhornpfeife an einer Schnur um den Hals hängen. In der Hand hält sie einen Stecken.
Drinnen auf der eingegatterten Wiese gehen Kühe und Kleinvieh und streifen ungeduldig umher von Zaun zu Zaun. Auch sie verstehen, daß der Tag der Heimkehr gekommen ist; denn die Stallwand entlang stehen die zusammengeschnürten Kleebündel in einer Reihe mit den Buttereimern, Käsekübeln und -Kobern, und am Zaun stehen die Packpferde angebunden, den Saumsattel aufgeschnallt, an erster Stelle das Soldatenpferd mit dem Frauensattel auf dem Rücken.
Die Knechte stehen dabei, die Pfeife im Mund; fix und fertig, warten sie bloß auf die Sennerin, die noch in der Hütte den Käse zur Wegzehrung zubereitet, den letzten, von der Milch, die am selben Morgen gemolken ist, und die sie nicht stehen lassen können.
Jon und Peter kommen am Pferch vorbeigeschlendert. Auch sie sind heute stiller als gewöhnlich; sie bleiben stehen und schauen zu Sidsel hinauf, aber es dauert lange, bis eins ein Wort spricht. Endlich sagt Peter:
Solls nun fortgehen, Sidsel?
Ja, heute gehts heim.
Unwillkürlich sehen sie alle drei zu dem Gebirge hinauf.
Ach ja, nun wirds einsam in den Bergen. Ich soll noch acht Tage bleiben.
So lange noch? Und du, Jon?
Ich soll übermorgen heimwärts.
Wieder wird es eine Weile still. Dann sagt Sidsel:
Nun muß ich wohl hinunter. Sie sind gewiß schon fertig.
Sie klettert vom Dach herab und kommt zu ihnen. Wieder stehen sie da und wissen nicht, was sie sagen sollen. Endlich sagt Peter:
Kommst du nächsten Sommer wieder, Sidsel?
Ja, wenn Kjersti Hoël mit mir zufrieden ist. Aber das ist wohl kaum zu erwarten, wenn ich ohne Krummhorn heimkomme.
Ach, so unbillig ist Kjersti Hoël nicht; den Hirten möchte ich sehen, der Krummhorn hüten könnte.
Es müßte denn ein Pferdehirt sein, meinte Jon.
Wieder tritt eine Pause ein. Darauf sagt Jon:
Heuer wurde nun doch nichts aus unserm Ausflug auf die Herspitze, wo damals der König war.
Nein, daraus wurde nichts.
Wir beide kommen nächsten Sommer auch wieder.
Dann könnten wir ja den Ausflug nachholen; es ist freilich schrecklich weit.
Ja, das können wir. Und ich kann euch viel davon erzählen; denn mein Vater war damals mit und kutschierte.
Den König?
Nicht den König; aber den Amtmann.
Mein Vater war auch mit und kutschierte, warf Peter ein, ich kann also auch erzählen.
Deiner kutschierte aber bloß eine alte Schrumpel.
Die Schrumpel kam aber gleich hinter der Königin, sie war’s auch, die auf dem Rückweg mit ihr allein ohne Zwischenraum ging.
In dem Augenblick wurde Sidsel weggerufen. Sie zögerte ein klein wenig, dann streckte sie ihre kleine Hand hin und sagte:
Habt also schönen Dank für alles Gute und laßt’s euch gut gehen.
Danke, gleichfalls, sagte Jon; ja, so ist’s also abgemacht, zum Sommer sehen wir uns wieder.
Jawohl.
Leb wohl, sagte Peter. Er hielt ein Weilchen ihre Hand in der seinen, und dann merkte er, er müßte doch noch etwas sagen:
Ich werde Jakob von dir grüßen, Sidsel.
Und darauf verschwanden die Jungen wieder hinter dem Pferch, ebenso still, wie sie gekommen waren.
* *
*
Auf der eingezäunten Wiese waren die Knechte damit beschäftigt, aufzupacken.
Das Soldatenpferd wurde zum Gatter hingeführt. Sidsel lief auf den Weideplatz, trieb das Kleinvieh zusammen und zählte ihre Herde heute wohl schon zum zehnten Mal; bald war alles zum Abmarsch bereit.
Da erschien die Sennerin in der Tür, sie war wieder im Feiertagsputz, wie am Tage, als sie ankamen. Sie schlug die Tür der Sennhütte hart ins Schloß, drehte feierlich langsam den mächtigen Schlüssel herum, zog ihn aus dem Schloß heraus und steckte ihn in die Tasche, sie wollte ihn selber aufbewahren und eigenhändig an Kjersti Hoël abliefern. Darauf schlug sie mit der Faust gegen die Tür, um zu prüfen, ob sie ordentlich verschlossen war, ging ans Fenster und sah hinein, ob auch alles in gehöriger Ordnung und das Feuer auf dem Herde ausgelöscht war. Dann stieg sie zu Pferde, einer der Knechte öffnete das Gatter für sie, wie vor einer Königin — stolz ritt sie hinaus.
Ihr schloß sich der Zug der Packpferde an, und darauf kam in der alten Ordnung die Schellenkuh, Brandros und die ganze stattliche Schar. Den Schluß bildete das Kleinvieh, und zu allerletzt kam Sidsel, den Stecken in der Hand, den Birkenhut auf dem Kopfe und den Ranzen auf dem Rücken.
Sie mußte sich noch einmal umsehen. Die Senne lag öde und verlassen da, das Gebirge merkwürdig einsam; gewiß, auch sie hatte sich die letzten Tage nach Hause zurückgesehnt, aber es war ihr nun doch gar eigen zu Mute, als sie jetzt das alles verlassen sollte. Sie hatte dasselbe Gefühl, wie damals, als sie Schloß Guckaus verließ. Es war wunderlich, daß sie gerade jetzt daran denken mußte — den ganzen Sommer über hatte sie nicht mit einem einzigen Gedanken daran gedacht.
Nein, sie wollte auch jetzt nicht daran denken — sie hatte wahrlich andres zu tun. Gott Lob, daß sie heim sollten und daß alles so gut abgelaufen war; sie hatte alle ihre Ziegen und Schafe — außer Krummhorn. Von der hatte sie seit jenem Tage, wo sie gezähmt werden sollte, keine Spur mehr zu sehen gekriegt, aber gehört hatte sie, daß man weit oben im Gebirge eine fette Ziege gesehen, die einem weidenden Pferdetroß folgte.
* *
*
Den ganzen Tag lang geht der große Zug übers Gebirge, ruhig und gleichmäßig.
Alle, Mensch und Tier, sind gleichsam fetter und schwerer geworden als im Frühling, alle treten sicherer, fester auf, nirgends kann man eine Spur von Ermüdung bemerken, oder daß eins oder das andre zurückbliebe. Und ob es die Sennerin ist — „Butterfaß“ wie sie immer im Herbst genannt wird —, die rund und selbstzufrieden und rotbäckig noch einmal zurückschaut, oder ob es die kleine Sidsel ist, die vorwärts schaut, — beide denken sie, daß sie sich vor Kjersti Hoël ihrer Herden und des eingeernteten Winterfutters nicht zu schämen brauchen.
Es geht gegen Abend, und auf einmal führt der Weg steil bergab, und das Tal öffnet sich unten zu ihren Füßen; bereits können sie die Aue drüben auf der andern Seite erblicken.
Alle müssen unwillkürlich dahinüber schauen, aber noch können sie bloß einen grünen Streifen ganz oben am Abhang erkennen. Die einzige, die schon Häuser sieht, ist Sidsel — dort oben gegenüber sieht sie, wie die untergehende Sonne in einem kleinen Fenster einer niedrigen, grauen Hütte glitzert und blinkt — das ist Schloß Guckaus.
Dann mit einmal sind sie bis zum Rande der Aue gekommen, das ganze Tal liegt offen, breit und friedlich vor ihnen ausgebreitet, mit seinen gelben Äckern und dem Getreide auf den Diemen, mit grünen Abhängen und Birkenhainen, die in gelber und roter Färbung flammen.
Dort sehn sie auch Hoël; groß und schwerfällig, frisch aufgeputzt, liegt der Hof mit seinen breiten, blanken Fenstern da. Der Rauch steigt aus dem Schornstein auf wie ein einladender, Kaffee verheißender Willkommengruß; nun hat wohl Kjersti bereits den Kaffeekessel über das Herdfeuer gehängt, um sie zu empfangen, wie es sich gebührt.
Jetzt kommt Leben in die Reihen, alle wissen, nun steht Kjersti am Fenster und sieht, daß der Zug die Halde herabkommt; alle beeilen sich unwillkürlich, die Pferde greifen aus, die Kühe fallen in kurzen Trab, die Schellenkuh brüllt, daß es weit über das Tal schallt, die Schellen der Ziegen und Schafe tingeln, und Sidsel bläst einen schrillen Triller auf ihrer Hornpfeife. Alle im Tal sollen hören, daß jetzt die stolze Viehherde des Hoëlhofs von der Alp heimkommt.
Dann geht es in den Talgrund hinab und auf der andern Seite wieder hinauf; bald sind sie wieder daheim.
Kjersti Hoël steht selbst an der Kuhstalltür und öffnet.
Die Kühe erkennen sie wieder, alle schreiten sie, eine nach der andern, an ihr vorüber, für jedes der Tiere hat sie ein freundliches Wort, jedem streichelt sie den Kopf, und stolz und zufrieden gehen sie in den Stall und in ihre Stände hinein; keines geht fehl. Und es eilt; denn sie wissen, daß etwas besonders Gutes ihrer zum Willkommen in der Krippe wartet, und das tut auch wahrlich not; denn unterwegs ist keine Zeit gewesen, etwas zu fressen.
Die Sennerin steigt ab, Kjersti gibt ihr die Hand und sagt: Willkommen daheim.
Darauf geht sie zum Schafstall, öffnet die Stalltür und zählt die Ziegen und Schafe, und als Sidsel hinzukommt, gibt Kjersti ihr ebenfalls die Hand und sagt: Willkommen daheim.
Ja, aber — ich habe Krummhorn nicht mit.
Nein, das sehe ich, und das ist gut, dann sind wir das leidige Tier doch los, wenigstens vorläufig. Du bist richtig flink gewesen wie ich sehe; ja, und gewachsen bist du auch; dein langer Rock reicht dir ja nun knapp bis auf die Fußspitzen.
Darauf mußte Sidsel der Sennerin helfen, die Kühe anzubinden, während Kjersti dabei war, wie den Saumpferden die Packsattel abgenommen wurden, und sich das Heimgebrachte ansah.
Dann kam Kjersti wieder zu ihnen und lud sie ein, mit ins Haus zu kommen; es war gerade, als wären sie vornehme Gäste. Und drinnen wurden sie in die Stube gebeten, Sidsel wie die Sennerin, und hier war der Tisch für sie gedeckt und Erbsenbrot, Plinsen und warme, neue Kartoffeln aufgetragen; denn das ist die geziemende Kost für Leute, die von der Senne kommen, — und Kjersti saß selbst mit am Tisch, schenkte den Kaffee ein und nötigte und bat, zuzulangen. Und dann mußten sie erzählen, was sie alles oben im Gebirge erlebt hatten, vom Vieh und von der Ernte; welche Kuh die meiste Milch gegeben und welche weniger gut gemolken hatte, und sie ernteten eitel Lob, weil alles so gut gegangen, und sie so geschickt und fleißig gewesen waren.
Als Sidsel Langröckchen am Abend sich wieder in ihrem kleinen Bett in der Gangkammer ausstreckte und alles überdachte, was sie diesen Sommer in den Bergen erlebt hatte, da fand sie, ihr wäre es so gut und herrlich ergangen, und sie habe soviel Spaß gehabt, wie nur überhaupt denkbar, aber freilich war es auch wieder schön, nach Hause zu kommen, wenn man eine so fabelhaft gute Hausmutter hatte wie Kjersti Hoël.
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Der Herbst geht, die Flur entfärbt sich; von den Bäumen fällt das Laub, kahl strecken sie ihre Äste in die kalte Luft, und die Getreidediemen stehen wieder leer und schief auf den Feldern.
Nun gibt es im Freien kein Futter mehr für das Vieh, und die Zeit des Schlachtens kommt. Das ist für den Hirten des Jahres letzter Tag; an dem Tage hört seine Verantwortlichkeit auf; von nun an ist er nicht länger mehr etwas für sich selbst, jetzt muß er überall mit aushelfen, wo es notwendig ist. Und wenn der Winter mit den langen Abenden kommt, an denen das offene Feuer vom Herde über die große Stube leuchtet, während die Wollkämme gehen, die Spinnrocken ununterbrochen schnurren und die Knechte aus Reisern Besen binden und Deichselnägel und Beilschäfte schnitzen, da soll der Hirt beim Holzhaufen sitzen oder auch auf dem Reisighaufen und auf das Feuer aufpassen, damit alle gut sehen können, während er dabei seine Schulaufgaben lernt.
Dort beim Holzhaufen auf Hoël hatte nun auch Sidsel an langen Winterabenden ihren Platz. Sie lernte eifrig und horchte auf das Gespräch der Erwachsenen und vernahm soviel neues, daß die Abende doch noch zu kurz und der Tage zu wenige waren. Und ehe sie sich dessen versah, war es wieder Frühling geworden, und als sie nachschaute, da reichte ihr der lange Rock kaum noch bis über die Waden.