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Sidsel Langröckchen

Chapter 8: Auf der Herspitze.
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About This Book

Die Erzählung schildert das Leben eines kleinen, eingemummelten Mädchens, das von seinem kargen Heim auf einen ländlichen Hof kommt, um anstelle der Mutter als Spinnfrau zu arbeiten. Mit lebendigen Landschafts- und Hofschilderungen werden Begegnungen mit Tieren und Nachbarn, einfache Alltagsaufgaben sowie die Hoffnungen und Sorgen einer armen Familie dargestellt. Naturnahe Beobachtungen und ein warmherziger Ton betonen kindliche Neugier, Pflichtgefühl und die stillen Freuden und Härten des Landlebens.


Auf der Herspitze.

Eines Morgens — es ist wieder Hochsommer, und die Sonne strahlt über allen Bergen — ertönt plötzlich schrilles Rufen dreier Hornpfeifen auf der Halde vor der Hoëlsenne, ein dünner, feiner Pfiff und zwei gröbere.

Das ist das Zeichen zum Abmarsch; heute wollen Sidsel, Jon und Peter auf die Herspitze und sich den Platz ansehen wo seinerzeit der König gewesen ist.

Nun haben auch die Hirtenbuben ihre Ziegenhornpfeifen bekommen, und zwar solche, die auch wirklich etwas taugen; denn Sidsel hat Wort gehalten, sie hat die Hörner Krummhorns mitgebracht und jedem eines gegeben.

Krummhorn hat doch zu guterletzt das Leben lassen müssen; als die Ziege endlich im Spätherbst mit den letzten Pferden aus dem Gebirge heimkam, war sie so eingebildet und hochnäsig geworden, daß es nicht mehr anging, sie im Ziegenstall zu lassen; sie mußte wohl oder übel im Kuhstall stehen; aber nicht einmal dort gefiel es ihr mehr; sobald sich ihr nur irgend eine Gelegenheit bot, schlüpfte sie aus dem Stall und trabte nach dem Pferdestall hinüber — der Pferdeknecht behauptete sogar, er habe sie wiehern hören.

Eines Tages aber, während die Knechte gerade im Stalle waren und Futter schütteten, benutzte sie die Gelegenheit und schlüpfte hinein und versuchte ganz frech, in den Stand des Soldatenpferds hinein zukommen. Aber das hätte sie lieber bleiben lassen sollen; es war finster, und das Pferd sah nicht, was seinen Hinterbeinen zu nahe kam, schlug aus und versetzte Krummhorn einen solchen Schlag mitten auf den Schädel, daß sie an die gegenüberliegende Wand flog. Das wurde Krummhorns Ende. Eigentlich war wohl niemand, der über ihren Tod weiter trauerte, außer Sidsel, die dem Tiere nie vergessen konnte, daß es ihnen in jenem Winter oben auf Schloß Guckaus Kaffeemilch gespendet hatte; aber nun erhielt Krummhorn wenigstens einen ehrenvollen Nachruf. Derartige Hörner hatte Jon noch nie gesehen; nicht allein waren sie ungewöhnlich groß, nein, sie hatten auch einen eigentümlichen Ton; jedermann konnte sofort hören, daß es nicht Hörner irgend einer gewöhnlichen Ziege waren; es war doch etwas Besonderes und Unbegreifliches an ihr gewesen. Ja, das war dem Peter auch aufgefallen, und wenn er sich die Sache überlegte, so glaubte er, genau so einen herrlichen Ton mußten Pferdehörner haben, wenn es Pferde mit Hörnern gegeben hätte.

Die Ziegenhornpfeifen waren nämlich heute ganz neu und zum erstenmal in Gebrauch; der Ausflug war solange aufgeschoben worden, bis die Pfeifen fertig waren.

Und sie waren heute nicht bloß mit Ziegenhornpfeifen ausgerüstet. Sie hatten ihre besten Kleider an, und alle drei hatten den Hirtenranzen auf dem Rücken, angefüllt mit Eßwaren, und neue Stecken in der Hand — der Ausflug nahm aber auch den ganzen Tag in Anspruch.

Sie pfiffen noch einmal, alle drei gleichzeitig, so laut, daß das Vieh verwundert aufblickte und auch die Sennerin zur Stalltür herausguckte.

Dann zogen sie von dannen — sie hatten ihre Tiere heute zu einer einzigen, großen Herde zusammengetrieben. Und so zogen sie mit dem Vieh ohne Aufenthalt ihres Weges, es blieb keine Zeit, unterwegs zu weiden, denn die Herspitze lag weit weg in der blauen Ferne und viel weiter, als alle die Plätze, wo Sidsel bisher gewesen war. Jon und Peter waren auch nur ein einziges Mal dort gewesen.

*                    *
*

Gegen Mittag kamen sie an den sanften Abhang, der zum Gipfel der Herspitze hinaufführt. Hier waren der Wachholder und der Schafthalm so hoch, daß das Vieh ganz darin verschwand; nur an dem Wogen der Oberfläche konnten sie erkennen, wie die Tiere weiterzogen; hie und da ragten auch ein paar Hörner hervor. Hier, meinte Jon, sollten sie die Herde zurücklassen und gleich hinaufgehen, die Tiere wären nun so müde und hungrig, daß sie sich sicher ruhig verhalten würden; sie würden schon nachkommen, wenn sie ausruhen wollten; denn die Ziege ruhe nie, bevor sie nicht auf den höchsten Punkt hinaufgekommen wäre, von dem sie nach allen Richtungen hin Ausschau halten könne.

So machten sie es denn auch.

Jon führte sie ein Stück weiter nordwärts, er wollte ihnen genau zeigen, wo damals der König und die Königin hinaufgekommen waren. So richtig König und Königin waren sie damals eigentlich noch nicht, aber sie standen doch auf dem Sprunge, es zu werden, denn sie waren Prinz und Prinzessin. Ihre Pferde hatten sie unten stehen lassen und waren das letzte Stück zu Fuß gegangen. Oh, das war ein großes Gefolge gewesen; der Amtmann, der Schreiber und eine Menge Offiziere in blitzenden Uniformen, und ungefähr sieben, acht der Angesehensten der Gemeinde waren ebenfalls mit im Gefolge; die vornehmsten waren aber doch der Nordrum und der Mann der Kjersti Hoël, der damals noch lebte, — die hatten putzige, altmodische Röcke mit langen Schößen an. Und ringsum war es schwarz von Menschen, die zusehen wollten.

Der König war wohl besonders fein? fragte Sidsel.

Nein, der Amtmann war viel feiner und die Offiziere auch, ja sogar die Bedienten waren feiner. Aber man konnte doch sofort sehen, daß er der König war, denn er war einen ganzen Kopf größer als alle die andern.

Der muß furchtbar stark sein, meinte Peter.

Stark? Aber der braucht ja auch Kräfte, um alle die andern regieren zu können.

War denn die Königin auch so groß? fragte Sidsel.

Nein, die war nicht viel größer als ein gewöhnliches Frauenzimmer. Aber sie war so gesetzt und ernsthaft und bescheiden erzählte der Vater; sie war nicht so albern und läppisch wie die andern Weibsleute, die mit waren.

Das Weib, das mein Vater fuhr, sagte Peter, das saß die ganze Zeit da und lachte und höhnte sogar den Amtmann, weil er zu große Fäuste hätte.

Da kann man sehen, wie viel Verstand die hatte, sagte Jon, als ob ein ausgewachsener Mann, wie der Amtmann, nicht Fäuste haben muß; und übrigens konnte sie die gar nicht sehen, denn der Amtmann hatte weiße Handschuhe an, trotzdem es Hochsommer war.

Er fuhr fort, ihnen alles zu beschreiben: Den Weg hier kamen sie herauf, das ganze Gefolge, dort an dem Steine vorüber, und dann sprang der König allen voraus; er wollte der erste oben sein, müßt ihr wissen. Und nun werde ich euch genau zeigen, wie er es machte. Kommt hinter mir her, dann bin ich der König, und du, Sidsel, kannst die Königin sein. Kommt nun!

Er ging rasch das letzte Stück der Böschung hinauf, die beiden andern folgten; dann sprangen sie die letzten Schritte, und auf einmal standen sie auf der Spitze. Jon streckte den Arm aus und blieb lange so stehen.

Die andern waren ebenfalls stehen geblieben, unwillkürlich ergriffen von dem wunderbaren Bilde. Vor ihnen lagen, in das unendliche Gebirge eingebettet, blinkende Seen und Bergwässer, weit draußen in der Ferne ragten schneebedeckte Bergspitzen empor, in jeder Einsenkung lagen grüne Sennen, und gegen Süden, soweit das Auge reichte, anmutige Dörfer und dunkelgrüne bewaldete Bergrücken.

Jon machte wieder die Bewegung mit dem Arm: Das ist der schönste Fleck, den ich je gesehen habe. Und nach einer kleinen Pause: Komm, Sophie, und sieh! Er nahm Sidsel Langröckchen bei der Hand und zog sie nach vorn.

Ja, sagte Peter, genau so war es, wie der König es machte, das hab’ ich auch gehört.

Freilich war es so; bildest du dir vielleicht ein, ich wüßte es nicht?

Was machte er dann weiter? fragte Sidsel.

Dann kamen auch alle die andern hinzu, und nun zogen sie lange Fernrohre hervor und sahen nach allen Richtungen und fragten nach den Namen der verschiedenen Bergspitzen. Der Amtmann stand beim Könige und der Königin und zeigte ihnen alles; erst die weißen Spitzen dort in der Ferne, das war Rondane, und dann dort gerade nach Norden sollte die Snehätte sein, aber er war nicht ganz sicher, ob sie die auch sehen konnten; und du, — Jon zeigte mit dem Finger — dort war Galdhöpiggen, der kleine schwarze Punkt dort am weitesten weg, und das war die höchste Spitze in ganz Norwegen. Und dann wendeten sie sich nach Süden; aber da war der König erst recht verwundert, als er den großen See da tief unten sah, den Mjösen, und die Wälder in weiter Ferne; sicher bis ganz nach Schweden hin, meinte er. Und es war gar nicht weiter verwunderlich, daß er meinte, er hätte nie mehr auf einmal gesehen, wenn er auch der König war. Und als sie endlich damit fertig waren, ging der Nordrum hin und hob eine ganze Faust von Renntiermoos auf; gar manche, die dabei waren, wunderten sich, was er wohl damit wolle; er aber ging geradeswegs auf den König zu, zeigte ihm das Moos und sagte:

Hast du Lust, das Moos zu sehen, das wir damals in den Kriegsjahren in das Rindenbrot einbuken?

Der König nahm ein Stück und kaute daran.

Das enthält Vogelleim, sagte er.

Ringsum war es mäuschenstill geworden; denn alle verwunderten sich, und mein Vater hörte sogar, wie einer der Offiziere sagte:

Es ist merkwürdig, wie taktlos diese Bauern sein können.

Was ist denn das, taktlos? fragte Sidsel.

Das weiß ich nicht, aber so viel kannst du wohl begreifen, daß es etwas Extrafeines ist; denn der König klopfte dem Nordrum auf die Schulter und sagte:

Danke, guter Mann; wir können alle Gott danken, daß nun glücklichere Tage in Norwegen sind.

Deshalb habe ich dir ja das Moos gezeigt, sagte der Nordrum.

Darauf zeigten sie ihm diesen Gedenkstein hier, der zur Erinnerung an den Tag aufgestellt worden war, und baten ihn, seinen Namen einzuritzen. Und das tat er; O. S., das soll Oskar und Sophie heißen, denn die Königin, die heißt Sophie oder Sophi, wie er sie nannte, und dann noch die Jahreszahl; hier könnt ihr sehen; das alles wurde später in den Stein eingehauen, genau nach den Ritzen, die er gemacht hatte.

Sie sahen sich die Buchstaben an. Ja, das war schön geschrieben, fast wie gedruckt; der König mußte furchtbar schön auf richtigem Papier schreiben können, wenn er es so gut auf Stein zuwegebrachte.

Die Herde kam die Böschung heraufzogen; die Tiere versammelten sich ebenfalls um den Gedenkstein und den großen steinernen Tisch, der gleich daneben stand; sie begannen sich niederzulegen, nun wollten sie auch ausruhen.

Was machten sie dann weiter? fragte Sidsel.

Weiter geschah nicht viel mehr. Doch, nachdem er geschrieben hatte, meinte er wohl, sie bedürften einer Leibesstärkung, denn er wandte sich an den Amtmann und fragte:

Hast du vielleicht noch einen Tropfen in deiner Flasche?

Und da lachten sie und brachten einen Korb herbei und deckten hier auf dem steinernen Tisch, und da bekamen sie Wein und Kuchen — und darauf brachen sie auf. Und jetzt denke ich, täte uns auch eine Leibesstärkung gut. Setzen wir uns nun an des Königs Tafel und essen wir auch.

Sie nahmen die Ranzen ab und setzten sich auf den großen, dicken, steinernen Tisch — die Tiere hatten sich friedlich ringsum gelagert und käuten wieder. Die Ranzen wurden geöffnet, und eine Menge gute Sachen kam zum Vorschein. Da gab es Butter und Speck und Erbsenbrot, und in Sidsels Ränzel fanden sich sogar Zuckerwaffeln, und weiter hatten sie Flaschen mit Milch — ausgenommen Jon, der seine vergessen hatte. Das machte aber nichts, die andern hatten genug, und sie bewirteten sich gegenseitig und jedesmal, wenn Jon Milch haben wollte, dann fragte er bloß wie der König:

Hast du vielleicht noch einen Tropfen in deiner Flasche? und auf diese Weise bekam er fast das meiste.

Im Anfang sagten sie nicht viel, das Essen schmeckte so herrlich. Nachdem sie aber eine Weile gegessen hatten, und der Mund anfing, langsamer zu gehen, da sagte Peter nachdenklich:

Ich möchte wissen, was eigentlich der König ißt, so wochentags, meine ich.

Der ißt den ganzen Tag Milchreis, sagte Jon, mit Überzeugung.

Wenn er nun aber mal zwischendurch etwas mit dem Messer zu essen haben will? fragte Sidsel.

Peter hatte sich gerade ein tüchtiges Stück Erbsenbrot mit Speck zurechtgemacht. Er sah auf das Brot und genoß es förmlich schon im voraus:

Dann ißt er ganz gewiß Speck und Erbsenbrot, sagte er.

Sidsel nahm die letzte Waffel und biß ein Stück ab. Darauf sagte sie:

Ja, aber die Königin, die ißt sicher nichts andres, als Zuckerwaffeln.

*                    *
*

Während sie auf dem Stein saßen und aßen, bemerkten sie auf einmal weit draußen im Gebirge eine Gestalt, die ebenfalls auf die Herspitze zukam. Es ist so merkwürdig und so selten dort oben im Gebirge, einen Menschen zu sehen, daß sie bald an nichts andres dachten als an diese Gestalt.

Das ist gewiß einer, der nach seinen Pferden sucht, meinte Jon.

Ganz sicher, sagte Peter; wer mag es aber nur sein, der jetzt Pferde heimholen will?

Laß mich mal sehen, — der muß von Nordrum sein.

Ja, das ist richtig, die haben bloß den alten Schecken zu Hause, und nun wollen sie wohl die Ernte einfahren.

Aber da wird er heute Aprilsnarr. Die Nordrumpferde pflegen ja auf der andern Seite der Alp zu gehen, ich habe sie erst vor vierzehn Tagen dort gesehen.

Wenn wir ihm den Weg weisen, findet er sie wohl morgen.

Ja, das tut er.

Sie blieben sitzen und schauten; es dauerte schrecklich lange. Es ist so merkwürdig, wenn man im Gebirge einen auf sich zukommen sieht; er geht und geht — man kann sehen, er geht sogar rasch — aber er kommt trotzdem wie gar nicht näher, er wächst ganz langsam, die Entfernungen sind ja so groß. Das Vieh stand auf und machte sich auf den Weg bergabwärts in der Richtung auf die Senne zu; sie aber wollten noch sitzen bleiben; bis er herangekommen wäre. Endlich war er oben angelangt.

Ganz richtig — er suchte die Nordrumpferde. Er erfuhr, was sie wußten; fand er sie nun heute nicht, so fand er sie sicher morgen.

Als das erledigt war, fragte er:

Bist du nicht die, die Sidsel Langröckchen heißt?

Freilich, das bin ich.

Da soll ich dich vom Jakob, deinem Bruder, grüßen. Hier habe ich einen Brief von ihm. Ich sollte auch Antwort bringen; aber das hat Zeit bis morgen — ich komme auf die Hoëlsenne und bleibe dort über Nacht, ob ich die Pferde finde oder nicht, aber ich muß mich vorm Abend noch etwas umsehen, damit ich sicher bin, daß die Pferde nicht doch auf dieser Seite der Senne sind. Damit ging er.

Sidsel saß auf dem Königstisch. Es war das erste Mal, daß sie überhaupt einen Brief bekam; — ja, auch Jon und Peter war das noch nie passiert. Ganz überwältigt standen sie da und in geziemender Entfernung.

Salve Titel. An die wohlehrbare Jungfrau Sidsel Jakobs Tochter Langröckchen auf Hoëlsenne, Westgebirge. Bei Gelegenheit. Mit Boten. Franko, stand auf dem Umschlage.

Sie brach feierlich das Siegel und öffnete das Schreiben. Darauf las sie halblaut:

Nordrum Senne, den 15. dieses.

Salve Titel Jungfrau Sidsel Langröckchen.
Gute Schwester!

Anläßlich, daß die Zeit es mir erlaubt, nehme ich nun die Feder in die Hand und schreibe an Dich und erzähle Dir, daß ich Dir nichts zu erzählen habe. Mit Ausnahme, daß es lange her ist, seit ich Dich gesehen habe. Aber ich habe einen Tag vom Hans zu gute. Ich hütete für ihn, als er zu Hause war und seine Mutter in die Grube brachte. Es waren aber eigentlich zwei Tage, ich rechne es aber bloß für einen, da es seine Mutter war. Und nun will ich den Tag von ihm am erstkommenden Sonntag dieses nehmen. Falls Du aber einen Tag beim Peter oder Jon zu gute hast, so will ich an Dich schreiben und Dich fragen, ob Du nicht den nun von ihnen bekommen könntest. Aber falls Du keinen hast, so kannst Du ihn Dir trotzdem nehmen, weil ich stärker bin, aber ich meinte es nicht böse, als ich den Peter im Winter durchhaute. Dann wollte ich Dir aber schreiben und Dich fragen, ob wir uns nicht daheim im Guckausschloß treffen könnten; denn ich bin seitdem nicht wieder dort gewesen. Man wird ersucht, sich rechtzeitig einzufinden. Bring was zu essen mit.

Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst
Jakob, Jakobs Sohn, Nordrum.

U. A. w. g.

P. S. Um Antwort wird gebeten.

An diesem Abend saß Sidsel lange auf und schrieb das Antwortschreiben, und ihre Zungenspitze schrieb mit. Ihr Brief lautete folgendermaßen:

Hoëls Senne, den 17. dieses.

An den
Junggesellen Jakob Jakobs Sohn, Nordrum.
Guter Bruder!

Ich will nun einige Worte an Dich schreiben und Dir für Deinen sehr willkommenen Brief danken, welchen ich richtig empfangen habe. Es freut mich sehr, zu hören, daß Du bei guter Gesundheit bist, und dasselbe kann ich auch von mir berichten, ausgenommen Zahnschmerzen. Aber ich will gerne kommen, und die Sennerin sagt, ich darf die Nacht über fortbleiben, da es so weit ist. Und dann kann Jon und Peter jeder seinen Tag bekommen. Denn ich hatte keinen zu gute. Aber sie hauten sich diesbetreffend, aber Peter ist fast ebenso stark.

Hier muß ich mein Schreiben an Dich schließen mit vielen Grüßen an Dich. Aber vor allem sei herzlich gegrüßt von mir.

Deine Dir ergebene Schwester Sidsel
Jakobs Tochter, Langröckchen.

N. S. Verzeih die Schrift. Lieber, verbrenne diesen Brief!


Daheim im Schloß Guckaus.

Spät abends kam Sidsel am Sonnabend über die Berghöhen nach Hoël angewandert — die Sennerin hatte ihr Urlaub nach Hause gegeben und Erlaubnis, bis Montag abend fort zu bleiben.

Sie war heute zeitig aufgestanden; es konnte ja keine Rede davon sein, daß sie die Senne verließ, ehe sie ihre Morgenarbeit verrichtet, die Ziegen gemolken und die Kühe losgebunden hatte. Und das mußte zeitig geschehen, nicht bloß weil es für sie eilte, fortzukommen, sondern auch weil sie wußte, Jon würde es sicher nicht verschlafen, er, der so hartnäckig darauf bestanden, daß er jedenfalls den ersten Tag für sie hüten wollte; und sie war denn auch kaum fertig, als er bereits ankam. Peter hatte er nicht mit, aber sie hatte noch gestern abend spät mit Peter gesprochen, und er war ganz damit zufrieden gewesen, daß er den Sonntag für sich allein haben sollte; dagegen sollten sie am Montag sich darein teilen. Und Jon war heute ganz bescheiden und feierlich gewesen, hatte ihr die Hand gegeben und sie gebeten, Jakob von ihm zu grüßen und ihm zu sagen, er, Jon Högseth, würde diese Tage nicht weiter rechnen, da Jakob gern mit seiner Schwester reden wollte. Er wußte freilich nicht, daß Peter gestern abend genau dasselbe gesagt hatte.

Und dann hatte sie ihm ihr Vieh übergeben und ihre lange Reise über das Gebirge angetreten. Sie ging und ging, Stunde auf Stunde — sie war diesen Sennenweg nun schon oft gegangen, noch niemals aber hatte sie beachtet, daß er so lang war. Sie ruhte an einem Bache aus, zog ihr Frühstück hervor, aß und trank Wasser dazu und setzte darauf ihren Weg fort. Um zu vergessen, daß die Zeit langsam ging, begann sie ihre Schritte zu zählen, erst bis 10 dann bis 100, und jedesmal wenn sie fertig war, sah sie zurück, um zu sehen, wie weit sie gekommen war; aber das half nicht das geringste; nun wollte sie bis 1000 zählen, aber als sie damit beinahe fertig war, wußte sie nicht mehr genau, ob sie bis 800 oder 900 gekommen war, und da zählte sie lieber 400 mehr, um ganz sicher zu sein, daß sie sich nicht verrechnet hatte.

Indessen ging es deswegen nicht schneller, und es war schon Sonnenuntergangszeit im Tale, als sie endlich soweit gekommen war, daß sie über und in das Tal hinunterblicken konnte; der Schatten hatte bereits begonnen, auf der andern Seite hinaufzukriechen, während oberhalb der scharfen Schattenlinie die ganze Seite des Tals noch in rötlicher Abendsonne daneben lag; aber der Schatten fraß sich fest und sicher weiter nach oben.

Da vergaß Sidsel, ihre Schritte zu zählen — es wäre spaßig gewesen zu versuchen, ob sie nicht die Sonne wieder erreichen könnte, bevor diese an Hoël, das drüben auf der andern Seite lag und in der Abendsonne leuchtete, vorbeigegangen war.

Sie begann die Halde hinunter zu laufen, aber es kostete doch Zeit — als sie in den Talgrund hinunter gekommen war und den Aufstieg über die Anhöhen begann, war die Sonne verschwunden; sie sah bloß noch den letzten Schimmer in den obersten Tannenwipfeln und ein kleines kurzes Blinken in dem Augenblick, als die Sonne oben am Fensterchen von Schloß Guckaus vorbeischlüpfte.

Da blieb sie stehen und holte Atem; es war so still und warm, förmlich schwül hier unten im Tal — ganz anders als oben im Gebirge; die Erde atmete gleichsam aus, sobald die Sonne untergegangen war; es herrschte ein so seltsam drückender Duft, daß sie sich auf einmal ganz ängstlich und beklommen fühlte; ihr war, als ob sie irgend ein Unrecht begangen hätte, auf das sie sich nicht besinnen konnte. Da fiel ihr plötzlich ein, sie hätte einen Boten voraussenden sollen; die Leute unten im Tal fürchten immer, wenn eins von der Senne unerwartet herunterkommt, es könnte etwas passiert sein, und das wäre doch zu dumm, wenn jemand käme und Kjersti Hoël erschreckte.

Deshalb kam sie die Anhöhe nach Hoël ganz langsam hinauf. Sie vermutete, daß man sie bemerken oder daß wenigstens Bär bellen würde, und dann sollten sie sehen, daß sie keine Eile hatte und nicht mit schlechten Nachrichten kam.

Aber niemand schien sie zu bemerken; sie konnte auf dem Hofe keinerlei Unruhe und Bewegung wahrnehmen und so mußte sie doch hineingehen.

Kjersti Hoël wurde freilich ganz aufgeregt, als Sidsel hereintrat — sie nahm sich nicht einmal Zeit zu grüßen und rief:

In Jesu Namen. Es ist doch wohl nichts auf der Senne passiert?

Worauf Sidsel sich beeilte zu antworten:

O nein! Ich soll von der Sennerin grüßen und sagen, du sollst nicht ängstlich werden, wenn du mich hier siehst; es geht allen sehr gut, Vieh und Volk. Ich bekam bloß Erlaubnis, nach Hause zu gehen und mich mit meinem Bruder Jakob zu treffen.

Na, Gott sei Dank, sagte Kjersti — ja, dann sei herzlich willkommen.

Da war es, als ob die Beklommenheit auf einmal verschwand, und Sidsel ward es plötzlich so feierlich zu Mute und sie fühlte sich so glücklich darüber, daß sie wieder einmal zu Hause war. Und Kjersti war heute in besonders guter Laune, sie bewirtete sie und behandelte sie so ausgesucht liebenswürdig, als wäre sie die Sennerin selber, und als sie zu Bett gehen wollte, folgte Kjersti ihr sogar in die Gangkammer, die genau so nett und sauber war, wie sie sie verlassen, und sie blieb lange bei ihr auf der Bettkante sitzen und fragte sie über jedes einzelne der Tiere aus — Kjersti hatte keins vergessen. Und Sidsel erzählte — bloß eine Sache war so schrecklich peinlich, aber es konnte nichts helfen, sie mußte doch heraus damit, und es ließ sich auch auf die Länge nicht verheimlichen. Und das war die Geschichte mit dem Kalbe, das sie voriges Jahr Morskol (Mutters Hornlose) getauft hatte. Der Name paßte nicht, „Mutters Hornlose“ fing nämlich an, Hörner zu kriegen, obgleich Sidsel Salz darauf gestreut hatte, damit sie nicht wachsen sollten.

*                    *
*

Sidsel fand, der Sonntag fing gut an; er begann nämlich damit, daß Kjersti Hoël selber mit einem großen Kaffeebrett und Kuchen in die Kammer hereinkam und sie im Bette damit bewirtete; so großen Staat hatte niemand bisher mit Sidsel gemacht, so weit sie sich erinnern konnte; und sie glaubte kaum, daß so etwas selbst der Sennerin je passiert war; und was noch mehr war, als sie in ihren langen Rock hineinschlüpfte, da sagte Kjersti, sie solle sich beeilen und wachsen, sie solle einen neuen Rock bekommen, wenn der ihre nicht weiter als bis an die Kniee reiche; und obgleich sie gar nicht erzählt hatte, wo sie Jakob treffen wollte, mußte Kjersti das auch erraten haben; denn sie richtete ein Bündel mit ganz unglaublich feiner Wegzehrung für sie her und sagte, sie solle damit den Jakob bewirten, denn der müßte wohl zum Abend wieder auf die Nordrumsenne zurück und hätte keine Zeit, heute nach Hoël herunterzukommen. Aber Kjersti trieb sie nicht weiter zur Eile — sie glaubte wohl, Jakob könne nicht allzu zeitig kommen, da er ja heute den langen Weg von der Senne zu gehen hatte — Sidsel mußte ihr schließlich den Brief zeigen, in dem ausdrücklich stand: „Man wird ersucht, sich rechtzeitig einzufinden“ — da begriff auch sie, daß es Eile hatte.

Bald darauf war Sidsel auf dem Wege — Bär folgte ihr ein langes Stück aufwärts bis dahin, wo die Birkenhalde begann — dort kehrte er um und trottete heimwärts mit dem sanftmütigsten und feinsten Sonntagsringel im Schwanze.

Das Tal lag im stillen Sonntagmorgen friedlich vor ihr, kein Mensch war zu sehen, weder auf den Wegen, noch auf den Feldern, nur hie und da in den Gehöften stand ein Mann, behäbig gegen die Türpfoste gelehnt, barhaupt und in schlohweißen, flatternden Hemdsärmeln, und aus allen Schornsteinen stieg der Rauch langsam in die stille Luft empor. Unwillkürlich mußte sie nach Schloß Guckaus hinaufsehen, dort sah es so einsam und verlassen aus, dort stieg kein Rauch aus der Esse auf, und sein Auge, das über das Tal hinaussah — jetzt, wo die Sonne noch auf der andern Seite stand, und sich also nicht in dem Fensterchen spiegelte, war es gewissermaßen blind; sie mußte wirklich in dem Augenblick an einen Blinden denken, den sie einmal gesehen, und seine sonderbaren, leeren Augen, die sie damals erschreckten; jetzt hatte sie genau denselben Eindruck, deshalb und ging sie nicht mehr so schnell, es lag ihr nicht daran, hinaufzukommen, ehe Jakob angelangt war.

Als sie zum Guckausschloß hinaufkam, war das erste, was sie sah, das Tannenreisig, das damals, als sie das letzte Mal oben war, auf den Gatterpfosten festgenagelt worden war; die Büsche staken dort noch immer da, aber nun waren sie vertrocknet und die Nadeln abgefallen; unwillkürlich mußte sie zur Tür hinsehen, ja richtig, dort waren sie ebenfalls noch genau so. An der Türklinke aber stak ein frischer Tannenzweig, es mußte also doch jemand später im Hause gewesen sein. Der Weg, der vom Gattertor dicht an der Haustür vorüber nach der Kuhstalltür geführt hatte, war verschwunden, das Gras war darüber gewachsen; auch die Stalltür war verschwunden, und an der Türschwelle waren hohe Brennesseln aufgeschossen; es war keine Spur von Menschen- oder Viehtritten zu sehen.

Sidsel hatte sich darauf gefreut, wieder hierher zu kommen, sie hatte es sich nicht anders denken können, als daß Schloß Guckaus der gemütlichste Platz in der ganzen Welt sei. Nun fühlte sie sich im Gegenteil auf einmal hier so schrecklich einsam, einsamer, als irgendwo hoch oben im Gebirge oder im Walde; sie empfand es, wie wenn man im Finstern geht und sich vor dem Dunkel fürchtet, so daß man nur vorsichtig vorwärts schreitet, damit es nicht irgendwo knacken und knarren soll. Unwillkürlich ging sie in weitem Bogen an der Hütte und dem Stall vorüber; sie wollte lieber zu dem großen Stein am Bache gehen, wo sie und Jakob als Kinder zusammen gespielt hatten, vielleicht daß es dort nicht gar so einsam und verlassen war.

Als sie zu dem Heidekrautflecken kam, sah sie Jakob, der bereits dort auf dem Steine saß. Da kam auf einmal Leben in all die Öde, sie wurde so froh, daß sie anfing zu laufen; aber sogleich besann sie sich, daß sich das bei einer so feierlichen Begegnung nicht schickte, und es war ja auch so lange her, seit sie Jakob gesehen hatte, daß er ihr beinahe fremd war. Als er ihrer ansichtig wurde, sprang er auch vom Steine herab und begann, seine grauen Hosen abzubürsten und setzte seine Mütze zurecht — er hatte heute sogar eine Schirmmütze auf und keinen Halmhut wie sie. Beide wurden ganz verlegen, als wären sie wildfremd; sie konnten sich nicht in die Augen sehen, als sie sich die Hand zum Gruße reichten, und er machte eine tiefe Verbeugung mit dem Kopfe, während sie so tief knixte, daß ihr Rock bis auf die Erde kam. Sie ließen rasch die Hände wieder los, und dann blieben sie lange verlegen stehen und schauten in’s Tal hinab — es war nicht so einfach, gleich die rechten Worte zu finden, obwohl sie beide gedacht hatten, sie müßten sich gar vielerlei zu erzählen haben. Endlich fiel Jakob etwas ein — er schaute bedächtig umher, und darauf sagte er, wie nach einer langem gründlichen Überlegung:

Es ist herrliches Wetter heute.

Ja, prachtvoll.

Ja, wenn es sich so noch vierzehn Tage hält, dann hat’s wohl keine Gefahr mit dem Heuwetter.

Nein, das hat’s wohl nicht.

Aber das ist wohl kaum zu erwarten.

Ach nein, wohl kaum.

Wieder wurde es still; denn viel mehr war hierüber nicht zu sagen. Sidsel sah verstohlen nach Jakob hin; sie überlegte, ob sie etwas davon sagen sollte, daß er so groß geworden sei, aber dann dachte sie, das ginge wohl nicht an, denn er war ja der Älteste. Ihr Blick fiel zufällig auf das Bündel mit den Eßwaren — da hatte sie einen Anfang.

Ich sollte dich von Kjersti Hoël grüßen und fragen, ob du heute mit ihrer Wegzehrung vorlieb nehmen wolltest.

Ja gewiß, danke, aber ich habe auch selbst etwas zu essen mitgebracht.

Und du bist vielleicht hungrig nach dem langen Marsche, den du heute gemacht hast?

O ja, ich kann es nicht leugnen.

Dann laß uns hier auf dem Steine auftischen!

Kurz darauf hatte Sidsel all’ die guten Eßwaren, die Kjersti ihr in das Bündel eingepackt hatte, aufgetischt, und nun sagte sie, wie sie gehört hatte, daß allgemeiner Brauch ist, wenn man Gäste hat:

Bitte, Jakob, nimm Platz, wenn dir’s gefällig ist, und Jakob zierte sich, wie es auch gebräuchlich ist, und sagte:

Danke, aber du hättest meinethalben wirklich nicht so viel Umstände machen sollen.

Sie setzten sich. Anfangs ging es immer noch etwas feierlich zu, und Sidsel sagte in einem fort: bitte, bitte! Als aber Jakob eine Plinse gegessen hatte und eben mit der zweiten anfing, vergaß er, daß er eigentlich zu Gaste war, und sagte unwillkürlich ganz natürlich und mit Überzeugung:

Das sind aber wundervolle Plinsen.

Sie sind aber auch von Hoël, sagte Sidsel.

Da war es auf einmal, als ob sie sich wieder kannten, als ob sie erst gestern noch am Fensterchen im Guckausschlosse nebeneinander gekniet und über das Tal hinausgeschaut und überlegt hätten, wo sie am liebsten einmal dienen wollten, und gerade so, als ob sie überhaupt niemals von einander getrennt gewesen wären — einen Augenblick später waren sie im eifrigsten Streit darüber, wo es wohl am besten sei, auf Nordrum oder auf Hoël. Ganz einig konnten sie hierüber zwar nicht werden; als aber Jakob sich ordentlich satt gegessen hatte, gab er schließlich soviel zu, daß beide Höfe in ihrer Weise gut wären und jedenfalls die besten in der ganzen Gemeinde.

Und nun wollte das, was sie zu besprechen und sich zu erzählen hatten, gar kein Ende nehmen. Jakob erzählte von Nordrum und von der Nordrumsenne und den Hirten da oben, und Sidsel mußte von Jon und Peter erzählen und deren Grüße ausrichten; und sie hatte viel von ihnen zu erzählen; Jakob fand es aber sonderbar, daß sie mehr von Jon, als von Peter sprach; Jon wäre ja wohl ein ganz tüchtiger Bursche, aber er könnte doch manchmal recht flapsig sein.

Und dann sprachen sie von ihrer Zukunft. Jakob wollte auf Nordrum bleiben, bis er erwachsen wäre, und vielleicht noch länger. Der Nordrum hatte gesagt, wenn er erwachsen wäre und sich verheiratete, dann könnte er ja Guckaus als Eigengut wieder erwerben; aber das, glaubte er, war doch wohl bloß ein Spaß vom Nordrum gewesen, und außerdem war ja immer noch Zeit genug, sich das zu überlegen; denn der Nordrum fing an zu altern, er mußte wohl doch mit der Zeit einen Großknecht haben. Sidsel wollte auf Hoël bleiben; sie hatte es dort so gut, wie sie es sich überhaupt wünschen konnte; Kjersti war ja so außerordentlich lieb und gut zu ihr. Sidsel sagte kein Wort von ihrem stillen Ehrgeiz, einmal selbst Sennerin zu werden; denn das lag in so weiter Ferne, daß sie sich nicht daran zu denken traute.

Als sie sich so einigermaßen ausgeschwätzt hatten, begannen sie, sich oben umzusehen und an alle ihre Spiele und ihre Lieblingsplätze zu erinnern. Dort gleich neben der Hütte hatten sie ihren Kuhstall gehabt — nein, wirklich, lag da nicht noch der Bulle als einziges Überbleibsel? — und dort jenseits des Heidekrautfleckens war die Senne gewesen, wo sie mit ihrer Herde im Sommer viele Male hinauf und herab gezogen waren. Und dort hatte Jakob seine Sägemühle gehabt, die Sidsel nie anrühren durfte; aber weiter unten hatte sie ihre Meierei gehabt, wohin er kam, um Käse für Planken aus Möhren zu kaufen, die er in seiner Sägemühle geschnitten hatte. Es gab nicht einen einzigen Stein oder Erdhaufen den ganzen Weg entlang bis dicht unter den Großhammer, wo alle die dichten Himbeerbüsche standen, an den sich nicht die eine oder die andre Erinnerung knüpfte; und es war wie ein Fest, hier zusammen zu gehen — Sidsel fand, Jakob war so groß geworden, und dasselbe meinte Jakob in aller Heimlichkeit von Sidsel — und von den Erinnerungen zu plaudern und immer wieder zu sagen: Weißt du noch? Und in der Erinnerung wird ja alles, von dem man so schwätzt, auch so groß und herrlich.

So trieben sie es den ganzen Tag — sie waren bis dicht an den Fuß des Großhammers gegangen, und es war bereits spät am Nachmittag, als sie sich wieder Schloß Guckaus näherten. Es sah nicht aus, als ob sie Eile hätten, zurückzukommen. Beim Bache und dem Felsen machten sie lange Halt und wiederholten immer von neuem: Weißt du noch? oft von ein und derselben Sache; wie als Kinder spielten sie Haschen, es war ihnen gewissermaßen darum zu tun, immer etwas Neues zu erfinden, damit keine Pause einträte, und trotzdem die Zeit möglichst in die Länge zu ziehen. Noch hatte keines von ihnen einer einzigen Erinnerung vom Kuhstall oder vom Häuschen Erwähnung getan, sie waren gar nicht in ihre Nähe gekommen, und geflissentlich hatten sie vermieden, die Mutter zu erwähnen.

Nun fühlten sie beide, daß der Augenblick immer näher kam, wo sie das nicht länger vermeiden konnten. Langsam schlenderten sie das letzte Stück Heideland hinab, sie sprachen nun noch rascher, wie im Fieber, und lachten laut und gezwungen. Auf einmal hörte ihr Lachen, wie jählings abgeschnitten, auf — sie waren zu dem Fleck dicht hinter dem Kuhstall gekommen. Es wurde ganz still, und sie standen eine Weile; dann hoben sie die Köpfe, und ihre Augen begegneten sich; die sahen nicht so aus, als ob sie eben gelacht hätten — sie waren so merkwürdig groß und glänzend. So blieben sie eine Weile stehen. Da kam plötzlich der Klang einer Kuhschelle von Svehaugen her an ihr Ohr. Jakob schüttelte energisch den Kopf, als wollte er etwas von sich abschütteln und sagte ganz gleichgültig:

Ist das nicht die Svehaugenschelle, die wir da hören?

Sidsel antwortete so gleichgültig, wie sie vermochte: Ja, das ist sie, ich erkenne sie wieder.

Was die wohl für eine Stallkuh heuer auf Svehaugen haben?

Wir könnten ja hingehen und sehen, ob es — Bliros ist.

Das war das erste Mal seit dem Tode der Mutter, daß Sidsel laut den Namen der Bliros nannte; aber das war doch immerhin noch leichter, als den Namen der Mutter zu nennen.

Kurz darauf waren Sidsel und Jakob unterwegs nach Svehaugen, sie waren außen um den Kuhstall und das Wohnhaus von Schloß Guckaus gegangen — denn es hatte keinen Sinn, das schöne Gras niederzutreten, hatte Jakob gesagt. Und ganz richtig fanden sie wirklich Bliros am Gatter von Svehaugen stehen. Sie glaubten auch fest, daß die Kuh Sidsel wiedererkannte. Sie liebkosten sie und plauderten mit ihr und über sie und gaben ihr Waffeln und Plinsen; sie hatten das Gefühl, als müßten sie gewissermaßen wieder gut machen, daß sie nicht den Mut gehabt hatten, in das Haus von Schloß Guckaus mit seinen vielen teuern Erinnerungen hineinzugehen, und Jakob verstieg sich zuletzt dazu, daß er versprach, er wolle Bliros für Sidsel zurückkaufen, sobald er erwachsen wäre.

Da konnte Sidsel sich nicht länger halten, sie schlang ihre Arme um Bliros’ Hals, sah sie lange an und sagte:

Glaubst du, Jakob, daß Bliros sich noch unsrer Mutter entsinnen kann? — und nun begann sie zu weinen.

Das kam dem Jakob so unerwartet, daß er nicht gleich wußte, was er sagen sollte. Aber nach einer Weile packte es auch ihn, und mit innerlicher Überzeugung brachte er endlich hervor:

Ja, wenn sie sich überhaupt auf jemand besinnen kann, so muß es wohl die Mutter sein.


Ein Sonntag im Gebirge.

Fünf Sommer sind vergangen seit Sidsel das erste Mal ins Gebirge gekommen ist, und niemand, der es nicht weiß, könnte erraten, daß das Sidsel ist, dies lange Mädel, das am heutigen Sonntag ganz allein auf dem Steine sitzt, der, so lange irgend ein Hirte zurückdenken kann, der Klininggrautstein geheißen hat und der so einsam und verborgen weit weg in den Bergen liegt. Sie ist lang aufgeschossen; der lange, weite Rock, den sie nun als Unterrock gebraucht, reicht ihr nicht einmal bis an die Kniee, und sie hat keinen Birkenhut mehr und keine Schuhe aus Birkenrinde, dafür hat sie ihr Sonntagshalstuch umgeschlungen und sitzt mit einem Buche im Schoße da; denn im Winter soll sie in den Vorbereitungsunterricht zum Pfarrer gehen, und im Frühjahr soll sie konfirmiert werden.

Aus dem Lesen wird nichts, das Buch ist ihr in den Schoß gesunken, und ihre ruhigen blauen Augen, die nun so ernsthaft und erwachsen dreinschauen, gleiten über alle diese ihr so lieben und bekannten Plätze hin. Rings um den Stein herum hat sich die Herde gelagert, die Tiere ruhen aus und käuen wieder. Es ist bereits Spätsommer, der Himmel ist so hoch und die Luft klar und kühl; soweit das Auge reicht, zeichnet sich alles mit den schärfsten Umrissen ab, und Höhen und Gründe erstrahlen schon in den bunten Farben des Herbstes, die hier oben bereits ihren Einzug gehalten haben, die Sonne scheint so ruhig und auch gleichsam kühl. Es ist ganz still ringsumher, man hört nicht einmal den Klang der Schellen — das Vieh hält Mittagsruhe — nichts rührt sich, nur weit, weit weg in der Ferne sieht sie einen Falken von der Herspitze aufsteigen.

Sidsel hat all dies genau ebenso schon jeden Sommer gesehen, es ist ihr wohlbekannt und lieb geworden; sie muß unwillkürlich daran denken, wie beständig, wie unveränderlich doch dies alles hier trotz des ewigen Wechsels ist, während sonst so vieles wechselt, um nie wiederzukehren; denn manches hat sich verändert, seit sie hier zum ersten Mal saß und dasselbe Schauspiel genoß. Das Vieh ist verändert, die ältesten Tiere sind weg, neue an ihre Stelle gekommen, die unglückliche „Mutters Hornlose“ ist nun eine erwachsene Kuh geworden mit ganz ungewöhnlich prächtigen Hörnern; die Sennerin hat ihren Platz verlassen, eine andre ist an ihre Stelle gekommen; ihre Hirtenkameraden Jon und Peter sind ebenfalls weg, schon die letzten zwei Sommer sind sie nicht mehr hier gewesen, nachdem sie vor zwei Jahren zusammen mit Jakob konfirmiert worden sind. Jon ist sogar nach Amerika ausgewandert. Sie hat sie sehr vermißt, manchmal hat sie in diesen zwei Sommern sich einsam gefühlt; denn weder nach Högseth noch Lunde sind neue Hirten gekommen. Daheim auf Hoël hat ebenfalls ein Teil der Leute gewechselt. Bär ist blind geworden, und sie selbst hat nun an den Winterabenden nicht länger ihren Platz beim Holzhaufen, sondern am Spinnrocken neben Kjersti, außer wenn sie ihre Sprüche und Gesangbuchslieder lernen muß.

Und nun wird wohl wieder alles anders; nun ist wohl auch sie den letzten Sommer hier oben. Und was soll dann mit ihr werden? Kjersti Hoël hat bisher nichts hierüber geäußert, vielleicht will sie sie nicht einmal länger im Dienst behalten. Aber sie jagt diese Gedanken von sich; sie will jetzt nicht daran denken, jetzt, wo alles um sie herum so herrlich, friedlich und schön ist; wie sich auch alles gestalten, wohin sie auch kommen mag, so viel ist sicher, diese Plätze wird sie nie vergessen können und vor allem niemals diesen Stein, der immer ihr Lieblingsplatz gewesen ist, und vollends nun, nachdem es hier oben in den Bergen so einsam um sie geworden ist. Und von neuem schaut sie umher.

Da erblickt sie weit draußen im Moor die Gestalt eines Mannes, der auf sie zu gewandert kommt; ab und zu beugt er sich nieder, offenbar, um eine Multbeere zu pflücken, die nun bereits zu reifen anfangen. Da nehmen ihre Gedanken eine andre Richtung.

Wer das wohl sein mag? Es kann wohl kaum einer sein, der nach seinen Pferden ausschaut; denn die pflegen nie an Sonntagen zu gehen. Ein Beerensammler kanns aber auch nicht gut sein; denn die Multbeeren sind noch nicht so reif, daß das Sammeln sich lohnte. Es muß einer sein, der zu seinem Vergnügen im Gebirge wandert. Wenn es Jakob wäre! Den hat sie seit letztem Herbst nicht wiedergesehen, und damals sagte er ja, er wolle sie im Sommer aufsuchen; die Gestalt glich aber auch Jakob nicht, außerdem kannte der sich wohl kaum hier im Westgebirge genügend aus, um sich allein zum Klininggrautstein hinauf zu finden, und es sah so aus, als ob der dort gerade hierher wollte, und offenbar kannte er auch das Moor und wußte, wo Multbeeren wuchsen, und wo es gangbar war. Es war doch nicht etwa gar …? Sie wurde rot beim bloßen Gedanken, aber gerade da war er unten am Abhange verschwunden, und sie konnte ihn nicht mehr sehen.

Unwillkürlich band sie ihr Kopftuch fester, strich ihr lichtes Haar unter das Tuch zurück und glättete die Falten ihres Rockes. Darauf setzte sie sich, mit dem Rücken halb nach der Richtung gewandt, von wo er kommen mußte, nahm ihr Buch, beugte den Kopf darüber und tat, als ob sie läse.

Bald darauf kam hinter ihr ein junger Mann die Anhöhe herauf. Er hatte funkelnagelneue Frieskleider an, einen neuen Schal um den Hals gebunden und trug hohe Schaftstiefeln; er war nicht gerade groß, eher untersetzt, und in dem jugendlichen Gesicht mit dem kaum bemerkbaren Schatten eines Flaums unter der Nase saßen ein Paar braune, gutherzige und treue Augen. Er blieb eine Weile stehen und sah auf die Ebene herab, wo Sidsel auf dem Steine saß und die Herde um sie rastete; es war deutlich zu sehen, daß dies Bild in ihm eine Erinnerung wachrief, daß er das Bild schon früher gesehen hatte. Sidsel sah nicht auf, aber sie fühlte, daß der andre dort war, fühlte es förmlich im Rücken, daß er dastand und sie betrachtete. Er lächelte; dann machte er einen Umweg, um von der Seite her zu ihr hinunter zu kommen, damit das Vieh Zeit hätte, seiner rechtzeitig gewahr zu werden, und nicht erschreckt aufführe. Er ging ruhig gerade auf sie zu, so daß sein Schatten über das Buch hinglitt; da blickte sie auf, und ihre Augen begegneten sich; beide erröteten leicht, aber da sagte er rasch:

Guten Tag, Sidsel!

Guten Tag! Nein, du bist’s Peter? Was bringt denn dich hierher?

Sie gaben sich die Hand.

Ja, ich dachte, es müßte nett sein, die alten Plätze wieder zu sehen, und da Jakob dich hier oben besuchen wollte, schloß ich mich ihm an.

Ist Jakob auch mit?

Ja, aber er ist unten auf der Senne geblieben, er war müde; wir sind nämlich heute schon in aller Frühe aufgebrochen, und dann hatten wir auch dem Högseth versprochen, morgen ein paar seiner Gäule mit nach Hause zu bringen. Ich soll dich von ihm grüßen.

Warst du denn so sicher, mich hier zu finden?

O ja, ich konnte es mir ungefähr denken, wo du bei solchem Wetter sein würdest. Und für mich ist es ja auch unterhaltend, hier mich umzusehen, da ich hier bekannt bin.

Er setzte sich neben sie auf den Stein und schaute bedächtig ringsum.

Findest du dich wieder zurecht?

Ja, alles ist ganz unverändert, als ob ich erst gestern hier gehütet hätte. Aber dich hätte ich beinahe nicht wiedererkannt, du bist so groß geworden.

Findest du?

Es ist ja aber auch zwei Jahre her, seit ich dich gesehen habe.

Es entstand eine kleine Pause; dann fuhr Peter fort:

Ich ging über das Skraamoor, an unserm Badeteich vorbei, der ist ausgetreten.

Ja.

Ich habe schon daran gedacht, ob ich ihn nicht wieder für dich aufdämmen sollte.

Ach nein, das brauchst du nicht; ich habe meinen Badeteich an einer andern Stelle, die niemand kennt.

Nein, was du sagst.

Ja, den habe ich schon das letzte Jahr gehabt, als ihr noch hier wart.

Also da stecktest du an den Tagen, wo wir dich nirgends finden konnten?

Bisweilen, ja.

Das Vieh fing an, aufzustehen und davon zu trippeln und da mußte Peter sich die alten Ziegen anschauen und sehen, ob er sie noch kannte, und wirklich kannte er sie alle noch ganz gut, und Sidsel erzählte ihm von den neuen; aber bald war die Herde ihren Blicken entschwunden, und da hatten sie auch nichts mehr mit einander zu reden. Sie saßen immer noch nebeneinander auf dem Steine. Darauf sagte Peter:

Du hast deinen Birkenhut nicht mehr, Sidsel?

Nein, der ist schon lange abgetragen.

Aber was hast du denn da an der Schnur?

Er griff behutsam nach einer Schnur, die sie um den Hals trug, und zog daran. Aus ihrem Busen zog er die Hornpfeife, die er ihr einst geschenkt hatte.

Ich glaube gar, du hast die Hornpfeife noch?

Sidsel wurde über und über rot, sie schämte sich, daß er sah, wie kindlich sie noch war, und beeilte sich zu sagen:

Ja, ich trage sie — bisweilen.

Ich habe meine auch noch, sie ist das einzige Andenken an meine Hirtenzeit, das ich noch habe, und er zog aus der Brusttasche die Pfeife hervor, die aus dem einen Horn Krummhorns angefertigt war.

Wollen wir mal versuchen?

Da lachten sie beide und bliesen zusammen eine lustige Hirtenweise, wie sie das früher so oft getan hatten — keines hatte das Stück vergessen. Als sie damit fertig waren, entstand wieder eine Pause. Endlich sagte Sidsel:

Nun muß ich aber wohl nach meiner Herde sehen, sonst könnte es mir passieren, daß ich ohne Herde nach Hause komme.

Laß sie nur ziehen, die finden sich schon von allein nach Haus, und da können wir zusammen nach der Senne gehen, nicht wahr?

Ja, lassen wir sie laufen.

Wieder wurde es eine Weile still. Dann stand Sidsel auf und sagte:

Nun müssen wir aber wohl gehen.

Peter blieb sitzen und sagte bloß ganz ruhig und bescheiden:

Kannst du nicht noch ein Weilchen sitzen bleiben? Ich möchte dich gern was fragen.

Sidsel senkte den Kopf und setzte sich wieder, ohne etwas zu erwidern.

Ich habe dir Grüße auszurichten — von Jon. Er hat mir vor vierzehn Tagen geschrieben aus Amerika. Er bittet mich ausdrücklich, dich zu grüßen.

Danke. Geht’s ihm gut?

Ja, es geht ihm gut; er hat einen guten Platz bekommen und verdient viel Geld.

Jon verdient’s aber auch; er ist sicher ein flinker Bursch geworden.

Ja, das ist er. — Er fragt, ob ich nicht zum Frühling nachkommen will. Er will mir das Billet schicken.

Da blickte Sidsel auf und sah ihn einen Augenblick an, darauf senkte sie wieder den Kopf und sagte kein Wort. Peter fuhr fort:

Und da wollte ich dich nun fragen, ob du willst, daß ich das tue?

Es wurde ganz still, und er saß da und sah sie fragend an. Sie saß lange mit niedergeschlagenen Augen; dann sah sie plötzlich auf, richtete die blauen Augen auf ihn und sagte rasch und bestimmt:

Nein, das will ich nicht.

*                    *
*

Es wurde nicht weiter über die Sache gesprochen, und bald darauf waren sie auf dem Weg nach der Senne. Sie gingen an allen den bekannten Plätzen vorüber, die am Wege lagen, dem Badeteich und dem Pegesteig, und überall hatten sie viele gemeinschaftliche Erinnerungen aus der Zeit, als sie hier zusammen ihre Herden gehütet hatten, und mehr als einmal sagten sie, es wäre doch schade, daß Jon vielleicht nie wieder hierher zurückkommen würde. Der Himmel wölbte sich hoch und klar über ihnen, und das Gebirge lag mit seinen unendlichen stillen Höhenzügen vor ihnen, und sie fühlten sich wunderbar leicht und froh. Obwohl sie nichts mit einander ausgemacht hatten, war es doch beiden, als bestände zwischen ihnen eine heimliche Verabredung, ein wunderliches Geheimnis, von dem niemand, nicht einmal Jakob, etwas erfahren durfte.