The Project Gutenberg eBook of »Sie« am Seil
Title: »Sie« am Seil
Author: Eva Gräfin von Baudissin
Illustrator: Josef Engelhart
Release date: October 29, 2021 [eBook #66630]
Most recently updated: October 18, 2024
Language: German
Credits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This transcription was produced from images generously made available by Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)
Eva Gräfin von Baudissin
»Sie« am Seil
Verlag Walter Schmidkunz
München und Wien
1·9·1·4
Druck: Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn
Dem Hochtouristen,
von dem
in diesem Buch
wenig Gutes und viel Böses
erzählt wird
Inhalt
| I. »Sie« am Seil. | Seite | |
| Wie »Sie« Hochtouristin wurde | 3 | |
| Hochtour mit allerlei Hindernissen | 11 | |
| Spätherbst im Wilden Kaiser | 25 | |
| Auf Deutschlands »Allerhöchstem« | 31 | |
| Das Matterhorn von Ehrwald | 39 | |
| Quer durch die Lechtaler Alpen | 45 | |
| Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz | 51 | |
| Vom Königspaar des Rhätikon | 57 | |
| Streifzüge in Südtirol | 67 | |
| Hüttenleben | 81 | |
| Eine unterirdische Hochtour | 87 | |
| II. »Sie« auf Ski. | ||
| Bei den »Säuglingen« | 95 | |
| Die erste »Ausfahrt« | 101 | |
| Aus der Winterfrische | 107 | |
| Das Talbein | 113 | |
| Die Erfindung | 123 | |
| III. »Sie« im Süden. | ||
| Osterspaziergänge in Latium | ||
| I. | Der Monte Soracte | 135 |
| II. | In den Sabinerbergen | 139 |
| Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen | ||
| I. | Locarno | 145 |
| II. | Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde | 150 |
| III. | Hochalpine Spaziergänge | 157 |
| IV. | Im höchsten Tessin | 168 |
I.
»Sie« am Seil.
Wie »Sie« Hochtouristin wurde.
Es kommt auf die Gelegenheit an, seine Fähigkeiten zu entdecken; viele, vielleicht große und rühmliche, schlummern unerkannt mit dem Menschen ins Jenseits hinüber, weil ihnen weder Zeit noch Ort günstig waren, sich zu offenbaren. Solch ein Moment war's, der die Basis für die Entwicklung einer neuen Eigenschaft bilden sollte, als ich an einem schönen Frühlingstage den Turm des Kapitols erstieg, mir aber nicht an der Aussicht von der letzten Plattform genügen ließ, sondern auf die höchste Spitze, neben die Figur der Minerva hinaufkletterte. Ich muß das, ohne Ahnung, überhaupt etwas Besonderes gemacht zu haben, ziemlich geschickt ausgeführt haben, denn der berühmte Hochtourist an meiner Seite, der mir die sieben Hügel Roms bezeichnen wollte, sagte mit einer bei Alpinisten selten zu findenden Anerkennung: »Wissen S', mit Ihnen ging ich auf alle Dolomiten –, da braucht' man nichts zu fürchten wegen dem Abstürzen.«
In dieser Minute spaltete sich mein Inneres wie die schönste, einfache Zelle, und aus dem Protoplasma meines gewöhnlichen Menschen ging der neue Zellkern hervor: Die Hochtouristin!
Alle Vorbedingungen waren plötzlich gegeben: starke Lungen, gesundes Herz, Schwindelfreiheit und Ausdauer beim Marschieren. Rom zu meinen Füßen, wurde mir klar, daß ich bisher mein Pfund vergraben hatte, und daß ich mich einer schweren Unterlassungssünde schuldig machen würde, wenn ich meinem Talent keine Gelegenheit gäbe, sich zu entfalten. Der Schauplatz für diese Betätigung konnte, wie sich ohne viel Nachdenken, was mir immer schwer fällt, ergibt, nur ein Berg sein; es galt also, einen zu finden, der in Gestalt und Art meinen alpinistischen Gaben entgegenkam.
Seite 15 im dritten Band des Purtschellerschen »Hochtourist«: »Große Furchetta (3027 m), der nordwestliche breitere Turm einer kühnen, doppelzinkigen Berggestalt im Hintergrunde des Wasserrinnentals. Interessante und exponierte, schwierige Kletterei.«
Das war, was ich suchte. Denn nach meinem Fähigkeitsnachweis am Kapitol wollte ich es nicht unter einer Hochtour tun und möglichst gleich alle Eindrücke auf mich wirken lassen, die man bei einer Bergbesteigung haben kann. Die äußeren Vorbereitungen wurden getroffen: Das G'wandl mit allen Zutaten, Beinkleid, Kniestrümpfen, Mütze, Sonnenhut besorgt, der Rucksack mit dem Notwendigsten, bis aufs Gramm abgewogen, sauber vollgestopft, ein mächtiger Eispickel erhandelt und als Letztes – die Stiefel ausprobiert. Sie sind das Wichtigste der Ausrüstung, hatte man mir gesagt. Es kam mir auch bald so vor, denn ich trat mir mit den schweren Dingern in der schmerzhaftesten Weise auf die eigenen Füße.
»D' Nägel san zu grob«, meinte der bäurische Hoflieferant, den ich betrübt um Rat fragte.
»Bewahre! Sie kann nur nicht gehen, sie ist noch ungeschickt«, beharrte der berühmte Hochtourist, der auch hier meine ersten Schritte überwachte.
Der Schuster lachte. »Wegen ein'm Paar Schuh braucht doch de Person nit's Gehen z'lernen!« erwiderte er mit köstlicher Philosophie.
Das tröstete mich wunderbar; nicht ich, sondern die Stiefel waren schuld, und deshalb lernte ich es bald, sie zu tragen, ohne mir ernsthaftere Verwundungen zuzuziehen.
Aber als wir dann eines Morgens zu einer Zeit, die es eigentlich gar nicht gibt, in Dunkelheit und Kälte, »um Schatten zu haben«, von der Regensburger Hütte aufbrachen, klopfte mir doch das Herz recht. Die Wiesen naß und schlüpfrig, das Tal voll Nebel, die näher und näher heranzukriechen schienen, ringsum eine atemlose, beklemmende Stille – und vor uns stolz und gewaltig aufragend die Furchetta. Drohend und steil schien mir der Gipfel, eine Vermessenheit, ihn erklimmen zu wollen, und während ich mich tapfer bemühte, meine Füße mit den Genagelten in die weit auseinanderliegenden Spuren des Führers zu setzen, sagte eine laute Stimme in meinem Innern wieder und wieder: »Du kommst da nie hinauf – nie hinauf!« Und nur deshalb äußerte ich nichts von meinen Bedenken, um das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen; ich glaube, die meisten Heldentaten werden in solch einem passiven, aus der Furcht vor Anderen diktierten Handeln vollzogen. Langsam, Schritt für Schritt, ging es die Serpentinlinien durch den Schutt hinan; vor mir die grünen Wadenstrümpfe des Führers, auf die ich hoffnungsvoll starrte: solange sich die in gleichmäßigem Abstand von mir aufwärts bewegten, genügten auch meine Kraft und mein Können – an sie klammerte sich instinktiv mein Blick. –
»Verschnaufen S' mal und schauen Sie sich mal um«, gebot die Hochtouristenstimme hinter mir.
Verwirrt und erschöpft blieb ich stehen: umschauen auch noch?! Tat ich denn noch nicht genug? – Aber gehorsam spazierten meine Augen nach oben und unten, nach rechts und links: Steine, nichts als Steine, große, kleine, glatte, bizarrgeformte, aus der Felswand emporwachsende und wieder lose, die treulos unterm Fuß nachgaben – ein wüstes, ödes, steinernes Meer – –
»Nun?! – Was sagen S' aber jetzt?! Zum Hinknien, nit wahr? Diese Größe – diese Stille – heilig ist's wie in der Kirch'.« – Meine grenzenlose Verwunderung setzte sich allmählich in eine Art Wut um, während neben mir die Begeisterung immer neue Nuancen fand: »Da 'nauf muß man kommen, um wieder zu wissen, daß ma' a Mensch is – da kriegt man wieder an Begriff von der Allmacht – da geht eims Herz auf – Aber Sie sagen ja nichts, Sie! Ja, ja, da verstummen auch Sie einmal – aber schließlich, wissen möcht' i schon, was' denn für einen Eindruck haben und was Sie nun denken« –
»Raumverschwendung,« sagte ich kurz, »eine kolossale Raumverschwendung«.
Die Stille, die nun folgte, war so drückend, daß ich aus eigenem Antrieb, um die letzte Ehre zu retten, bescheiden hinzusetzte: »Was könnte man da für Korn bauen, wenn's eben wäre und nicht so viel Steine!« –
»Sie stehen also glücklich noch auf dem Standpunkt der Naturempfindung vor hundert Jahren – von der Ästhetik des Gebirges haben Sie keine Ahnung«, unterbrach mich der Hochtourist im plötzlich angenommenen, reinsten Hochdeutsch.
Und dann wurde ich ignoriert; an mir waren doch Mühe, Aufklärung und Naturschönheiten verloren. Aber über meinen Kopf fort floß zwischen Führer und Bergsteiger, denen nun Herz und Mund geöffnet waren, ein Strom von Touristengeschichten; von alten Führern, von Erstbesteigungen, von Neulingen im Gebirg und Führerlosen, die auf die harmlose Menschheit unter ihnen Steine herabrollen ließen; von neu entdeckten gefahrvollen Anstiegen, von »Sportbergen« und wunderbaren Errettungen, das alles gewürzt mit immer wiederkehrenden technischen Ausdrücken, wie: Grat, Kamm, Wand, Griffe, Tritte, Kamin, Couloir, Schlucht, Platte, Band – dem Jargon der Alpinisten, dachte ich verzweifelt und ungerecht. Aber von dieser mir bis dahin gänzlich unbekannten Nomenklatur und der Erkenntnis, daß ich also eigentlich schon hundert Jahre alt sei (nach dem Stand meiner Naturempfindung!), wurde mir ganz schwindlig – zum ersten und einzigen Male im Leben.
In diesem Moment äußerster Schwäche erreichten wir den Einstieg. Ich durfte mich hinsetzen, denn aus der Quelle in unmittelbarer Nähe wurden einige Becher voll klaren Wassers geholt, und außerdem mußten hier die Genagelten gegen die Kletterschuhe eingewechselt werden. Welch ein behagliches Gefühl schon, das weiche, schmiegsame Segelleinen gegen das harte, schwere Leder! Mir fiel ein, daß der Mann, der die guten, nie gestörten Nerven der Chinesen auf ihre seidene Fußbekleidung zurückführt, sicher recht hat. Meine Müdigkeit war verflogen. Mit Vergnügen ließ ich mir das Seil um die Taille legen, »die moralische Hilfe«, wie mir lachend versichert wurde; jedenfalls wohnt diesem Zauberband eine merkwürdig beruhigende Wirkung inne.
»Nun klettern S' mir nur nach! Immer hübsch langsam und erst einen festen Tritt für den Fuß und einen sichern Griff für die Hand suchen«, gebot der Führer.
Die hoffnungsvollen Grünen tauchten über meinem Kopf auf, und von Zeit zu Zeit traf mich ein ermunternder Blick des allein vorauskletternden Hochtouristen. Sonst war ich mir allein überlassen, nur durch einen dünnen Faden mit der Menschheit verbunden.
Und plötzlich besaß ich wieder wie auf dem Kapitol Seelenruhe, Muskelstärke, Gewandtheit und Schwindelfreiheit. Hier oben, angesichts der Felsen und der lustigen Kletterei, krochen meine hochtouristischen Begabungen wieder ans Tageslicht. Wie von selbst fand ich Griffe und Tritte – lagen sie einmal weit auseinander, so brachte mich ein Schwung sicher über die gefährdete Stelle fort; das Auge schärfte sich und maß genau die Entfernungen ab, jedes Glied gehorchte dem Willen, und alle turnerischen Kenntnisse aus der Kinderzeit fanden sich wieder ein.
»Das geht ja wie g'schmiert«, meinte der Führer einmal.
Der Hochtourist äußerte sich nicht; ich nahm an, daß ihn meine Fähigkeit nach den übrigen Beweisen meiner Unkenntnis und Unfähigkeit bitter wurmte. – Beim »Band« wurde ich ernsthaft verwarnt: ich begriff nicht, weshalb. Was für eine einfache Sache, über eine freiliegende Stelle, neben der es rechts und links zwar in die Tiefe geht, die doch aber dem Fuß festen Halt bietet, zu steigen! Und dann wieder vorwärts am Felsen entlang – zum erstenmal konnte ich ohne Neid an die Affen im Urwald denken, die sich gemächlich von Baum zu Baum schwingen.
»Gleich san mer oben!« Richtig, noch ein paar kleine Anstrengungen bis zum Gipfelgrat – wenige Schritte auf der Höhe selbst, und da waren wir! Auf dem höchsten Punkt des Berges, der mir wenige Stunden vorher noch so unerschwinglich hoch vorgekommen war. Eine tiefe Befriedigung erfüllte mich; ich hatte also wirklich mal etwas geleistet, hatte mich auf meine Kräfte verlassen und allein durch sie mein Ziel erreicht. Aber dann sank mein ganzes Selbstbewußtsein in sich zusammen vor der Schönheit und der Gewalt des Panoramas, das sich vor meinen Blicken auftat. Ja, hier herauf mußte man kommen, um sich wieder eins mit der Natur zu fühlen – mir war, als sähe ich zum erstenmal der Welt voll ins Antlitz: so schön also war sie, so wunderschön – »Und er führte ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm die Herrlichkeiten der Welt zu seinen Füßen und sprach: ›Dies alles will ich dir geben‹« –
Aber in diesem Augenblick, in der heiligen Stille dort oben, besitzt man ja alles, was der Blick umfaßt; und in der demutsvollen Erkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit so vieler Größe und Allmacht gegenüber wird man wunschlos.
Der Hochtourist trat auf mich zu und gratulierte mir, er war ganz erschüttert. Aber seine Rührung entsprang einer anderen Quelle als die meine: er hatte mich ja entdeckt – auf dem Kapitol – und mit dem sicheren, nie zu täuschenden Blick des Kenners hatte er die verborgenen Talente geahnt. Freilich, daß sie so groß sein würden –! Es war erstaunlich. Und wenn ich mich bergrunter ebenso bewähren würde –
»Ich habe nie an mir gezweifelt«, sagte ich kaltblütig; wozu jetzt noch meine schwachen Momente verraten?! Überdies würde sie nach dem gelieferten Fähigkeitsbeweis niemand mehr glauben wollen; auch für mich traten sie endgültig in verschwimmende Fernen zurück.
Dann kam das Frühstück; und mit der Kräftigung des leiblichen Menschen wuchs mein Mut ins Ungemessene empor – bis hinauf zu den allerhöchsten Gipfeln der allerhöchsten und -schwierigsten Berge! So war ich zur »Hochtouristin« geworden.
Hochtouren mit allerlei Hindernissen.
Zell am See! Der Name trägt sicher für viele oder sogar fast alle, die es je besuchten, die Erinnerung an ein kleines alpines Paradies in sich. Welche Rundsicht, nicht wahr, von der Seite des Sees, diese Berge, die sich da aneinander reihen, die stolze Pyramide des Kitzsteinhorns, Brennkogel und Schwarzkopf, Grieskogel und Hocheiser und wie sie alle heißen; nicht zu vergessen die Schmittenhöhe, auf der sich's so herrlich Kaffee trinken läßt – und am »drüberen« Ufer das hübsche Bruck und Schloß Fischhorn. Und dann dieser See selbst mit seinem angenehmen Bad und der Möglichkeit, Kahn zu fahren. Ja, die Leute sind hier glücklich; das sieht man ihnen an, wie sie im Deandl- und Buamkostüm umherlaufen und sich ganz der ungebundenen Natur angepaßt finden. Aber in mir sitzt Ungeduld; was andere beneidenswert finden: einen längeren Aufenthalt an diesem Ort, an dem sich »fesches« Badeleben mit Primitivität verbindet, das macht mich allmählich nervös – zum Heulen! Der schöne See kommt einem fad vor, so ungerecht wie es ist, wenn man viele Wochen im Norden am Meer war, von den Klippen direkt in die Tiefe sprang, sich auf den Schären vom Schwimmen ausruhte und sonnte und nachts im Schlaf das ewige Brausen in gleichem Rhythmus hörte. Nein, man ist nicht des Sees wegen da, und es genügt einem nicht, die Berge so schön aufgereiht liegen zu sehen – hinauf möchte man, mitten hinein ins Herz der Berge! Aber es regnet tagelang; zärtlich, weich, beschwichtigend, als wenn man droben in den Wolken lache über den ohnmächtigen Zorn der Erdenkinder. Dann soll's eines Morgens losgehen: biegen oder brechen! Man hält die Deandl einfach nicht mehr aus, die Buam noch weniger – Einsamkeit will man und sich Wege suchen, auf die der große Fremdenstrom nicht fließen mag. Aber es biegt sich nicht, sondern bricht erst mal; nämlich das rechte Schlüsselbein meines Hochtouristen, der sich mit Grazie über Abgründe schwingt, Kamine durchklettert, als handle es sich um Verandatreppen, sich von den »unmöglichsten« Punkten selbst abseilt – und den nun das Schicksal ereilt, als er mit kräftiger Hand den neuen Bergschuh im Hacken ausweiten will! Des Himmels Beschlüsse sind unerforschlich. Neuer Aufenthalt; neue Geduld; neue Freude am »feschen« Badeleben. Aber der Bezirksarzt tröstet: nach seiner Meinung liegt kein Bruch vor, nur eine Zerrung der Muskeln; ein paar Tage Eisumschläge – dann ist alles wieder gut! Nur merkwürdig, daß das Schlüsselbein im Dreieck emporsteht – wozu hat man einen Arzt zum Vater gehabt?! Doch über das, was man behauptet, wird nur gelächelt – und schließlich glaubt man gern, was man glauben möchte. Man wandert los; der Hochtourist mit etwas hängender Schulter unterm Druck des Rucksacks, aber man geht ja schließlich nicht mit den Armen. Den berühmten »Kesselfall« nimmt man natürlich unterwegs noch mit und steigt über den »Moserboden«, ein wirklich wunderbares Tal mit sprudelnden Wasserläufen und einer Umrahmung großartiger Berge und Gletscher, und nach kurzer »Futterrast« im Hotel Moserboden zum Heinrich-Schwaiger-Haus hinan. Eine gute Leistung für einen Tag – besonders die letzten zweieinhalb »steilen« Stunden, vom Moserboden empor, werden reichlich sauer, wie immer die ersten Tage, bis das Herz wieder richtig funktioniert und seinen Hochgebirgsschlag annimmt; dafür ist das Gewissen beruhigter: man tat doch etwas, man saß doch nicht müßig da – und morgen, ja morgen geht's auf das lange mit Sehnsucht umworbene Große Wiesbachhorn!
Ein paar andere Leute wollen auch hinauf; in tiefer Nacht – in der Gebirgssprache: der Morgen – blüht schon der Handel in der Hütte mit Tee, Speck, harten Eiern und Sardinen zum Mitnehmen. Etwas mühsam, denn es stürmt und die Luft ist so merkwürdig eisigkalt, klettert man über den Fochezkopf und erreicht den vereisten, schneebeladenen Kaindlgrat. Die Steigeisen werden angeschnallt, vorsichtig stapft der Führer voraus, um eine Spur anzulegen, die man gewissenhaft aufnimmt. Der Wind wird schneidend, die ersten Schneeflocken fallen. Gesicht und Hände prickeln. Wir erreichen eben die Wielingerscharte, da bricht ein Schneesturm los mit einer Gewalt, daß man nur noch wenige Schritte weit sehen kann. Keine Möglichkeit, weiterzugehen! Wir hatten beabsichtigt, eine wunderschöne, im ganzen auf zwölf Stunden berechnete Gletscherwanderung über den Bratschenkopf und die Glocknerin zur Franz-Josephs-Höhe zu machen – und mein Hochtourist, der sowieso von Herzen geschimpft hat, daß er für die an und für sich nicht schwere Tour einen Führer nehmen muß, weil er mich wegen seines Armes nicht fest genug an der Strippe halten kann, sagt jetzt nichts als: »Nun geht's aber in den Süden – auf der anderen Seite ist das Wetter immer besser!« Wir kehren um; denselben Weg über den Kaindlgrat geht's zurück, am Heinrich-Schwaiger-Haus vorbei – unverrichteter Dinge umkehren müssen, ist das schmerzlichste für einen Hochtouristen, zumal, wenn man schon so nahe am Gipfel war; dreiviertel Stunden hätten genügt, ihn zu erobern. Im Hotel Moserboden beschließen wir diese Episode, und nach kurzer Rast geht's »dolomitenwärts«. Allerdings ist sich mein Hochtourist nicht ganz klar, wie's dort mit dem Klettern sein wird. Aber die Versicherung des Arztes: »Wenn's auch weh tut, es schadet nichts – es wird bald vergehen«, läßt ihn noch immer hoffen. Kein Weg soll uns zu weit sein, um uns dem Süden heute noch näher zu bringen.
Zuerst geht's ganz bequem über den »Austriaweg« vom Moserboden aus, am Karlinger See vorüber durch die »Wintergasse«, die sich durch den mit Recht beliebten Schutt auszeichnet; für Fußsohlen und Knöchel eine Extraprobe! Nach fast drei Stunden kommt das Kapruner Törl, das zwischen Torkopf und kleinem Eiser hindurchführt und eine schöne Aussicht auf das unerreichte Wiesbachhorn bietet – ein schmerzlicher Anblick trotzdem! Ob's oben noch schneit?! Hier, immer noch auf einer Höhe von über 2600 m, tropft es sanft, aber kalt. Man selbst ist mittlerweile doch warm geworden, dazu die nassen Kleider; die verschiedenen Zustände, kalt, warm, naß, vertragen sich nicht übermäßig gut miteinander. Nun geht's hinab zum Riffelkees und lange über eine Moräne, die allerlei Sprünge über Spalten und Felsen erfordert, bis ganz hinunter ins Tal, über den Bach fort und recht mühsam, zum Teil auf in den Fels gehauenen Stufen, zur Rudolfshütte hinauf. Die Hütte liegt sehr schön und bietet gute Verpflegung – und Ruhe! Wenn man an das überfüllte Schwaiger-Haus zurückdenkt! Hier sind wir die einzigen Gäste. Aber zu lange dürfen wir uns nicht aufhalten! Ja, wir fangen doch erst an mit dem Ausruhen? Bewahre, wir müssen weiter. Erst wieder empor bis zur kreuzgeschmückten Höhe des Kalser Tauern, dann hinab über recht steiles Geröll, am Dorfer See vorüber, und über die unheimlichen Reste eines alten Bergsturzes fort, am Kalser Bach entlang zur Dorfer Alpe, die mit ihren grünen, fruchtbaren Matten nach all dem sterilen Schutt und Geröll, das wir bis dahin passiert haben, wirklich wie eine Oase anmutet. Bald darauf, in der Schutzhütte auf der Rumesoi-Ebene, bekomme ich meinen Kaffee, das einzige, was ich auf Bergtouren, auf denen ich es sonst gelernt habe die bescheidensten Ansprüche zu stellen, ungern entbehre. Und trocknes Brot hineinbrocken, wie wir es als Kinder nur am Sonntag durften, das erlaube ich mir im Gebirge alle Tage; es hält bei mir Leib und Seele zusammen. Endlich, nachdem die »Stiegenwand« überwunden ist, erreicht man in ein paar Stunden, über den Teischnitzbach fort, und je nach der Marschfähigkeit das hübsch und freundlich gelegene Dorf Kals. Eine gesunde Wanderung jedenfalls, mit dem häufig wechselnden Auf und Ab dazu – und in dem kleinen, weißgetünchten Zimmer des »Glocknerwirts« schlafe ich so fest wie wenig Schritte vom Haus fort die Toten unter ihren weißen Steinen. Dafür geht's am nächsten Morgen ganz behaglich im Kalser Tal entlang bis nach Peischlach, von dort per Wagen neben der rauschenden, breiten Isel her bis Lienz. Abermals unfreiwilliger Aufenthalt in diesem an und für sich netten Städtchen, dem ich die Erinnerung an mein erstes und einziges collier de chien verdanke: fleißige Wanzen haben es nachts Stich um Stich auf meinen Hals genäht – anfangs, als ich des Morgens erwachte, fürchtete ich, über Nacht den hier ortsüblichen Kropf bekommen zu haben. Aber es waren nur Wanzen – weiter nichts!
Es regnete nicht, sondern goß in unermüdlicher Bravour. Mein Hochtourist klagte über seine Schulter – bei dem Wetter kamen sicher rheumatische Schmerzen hinzu – sobald der Himmel nur eine kleine Pause in der Besprengung der Erde machte, flohen wir auf und davon, zu einem der »Unholden« hinauf, wie die Lienzer Dolomiten ihrer zerklüfteten Formen wegen genannt werden, auf den »Hochstadl« (2678 m). Der Aufstieg ist nicht beschwerlich, in etwa sechs Stunden erreicht man das Hochstadlhaus, und am nächsten Morgen, nach einer sehr kalten Nacht, über die Rudnigsscharte in gut zwei Stunden den Gipfel, der eine wunderbare Aussicht – auch uns! – ins Oberdrautal über die nahen »Unholden« und die ganzen schneeglänzenden Tauern bietet. Einen Abstieg suchten wir uns nach Süden selbst, er war nicht unschwierig, da wir durch dick und dünn – in diesem Falle Gestrüpp und Bäche – mußten, ohne jeden Weg. Mittagsruhe neben einem kühlen Wasserfall und abends gegen sieben Uhr – also nach einer Tagesarbeit von gut vierzehn Stunden – sahen wir endlich im Gailtal Birnbaum, das erwünschte, vor uns liegen.
Im Dorf, vor allem in dem einzigen Wirtshaus, wimmelt es von Soldaten; sie sind sogar auf den Treppenabsätzen und Korridoren einquartiert. Im Staatszimmer, vor dem Vertikow mit Glas und Porzellan, wird mir eine Lagerstatt errichtet. Aber die Soldaten haben noch eine Einquartierung mitgebracht, sie ist braun und sehr behende – meine Nachtruhe ist durchaus getrübt. Ich bin froh, als ich in der Morgendämmerung wieder den Rucksack auf die Schultern lege – mein Hochtourist hat eine seltsame Art angenommen, den Riemen auf der rechten Seite um den Oberarm zu schieben.
Der entzückende Weg durch das Valentintal und über das Törl gleichen Namens und die Aussicht, morgen den Monte Coglians zu besteigen, tröstet über alles hinweg; auch über den Regen – wir sagen euphemistisch »Niederschlag« – der gerade einsetzt, als wir die Wolayerseehütte, am kleinen Wolayersee gelegen, betreten. Beim Hüttenwirt und seiner Genossin ist große Aufregung: der Maulesel, der die Vorräte heraufschafft, ist wieder auf und davon: »ins Ausland hinüber«, sagt der lustige Wirt und deutet mit dem Daumen zur nahen italienischen Grenze. Der Maulesel ist gar nicht so dumm: er sucht ein wärmeres, jedenfalls trockneres Klima auf. Und wir, die wir in die Karnischen Alpen wollten, in die Dolomiten von Sappada und Cadore, auf die Cridola und andere derartige Gipfel, täten wir nicht am Ende auch gut, dem Maulesel zu folgen?! – Zwei Tage belagern wir den Coglians von Norden aus; zwei Tage darben wir, denn der Maulesel weidet noch immer in Italien –, dann steigen auch wir hinab ins Gelobte Land, bis nach Collina. Ein echt friaulisches Dorf, dessen Männer im Sommer auswärts, meistens in Deutschland arbeiten, während die Frauen die geringe Feldarbeit auf den Miniaturfeldern – oft nicht viel größer als ein Bettvorleger – besorgen; die ganz alten und ganz jungen Mannsleute spielen Boccia. Zwei Wirtshäuser stehen uns zur Verfügung, wir wählen das größere – von außen sind beide nicht gerade vertrauenerweckend. Aber mit den Schlafstätten ist es solch eine Sache: der Herr Karabiniere ist auf Besuch da – eine wichtige, beliebte Persönlichkeit, natürlich, denn man ist der Grenze nahe und verdirbt es nicht gern mit ihm! Aber der Herr Karabiniere ist viel zu sehr galant' uomo, um einer Dame nicht Platz zu machen. Er holt sein Gewehr und seinen Kamm aus dem Zimmer und marschiert ab. Ich bleibe erwartungsvoll stehen, um das Bettüberziehen zu überwachen: es ist schwer, meinen Wunsch nach frischer Wäsche begreiflich zu machen, sie ist doch so gut wie neu, und nur zwei Nächte hat der Herr Karabiniere – – Ich bleibe fest. Wenn's denn sein muß –! Darauf wird getuschelt, aus dem Fenster geschaut: er ist schon weit fort, der Herr Karabiniere! Da wird gleich die Matratze des Riesenbettes emporgehoben und aus den Gurten die zwei Gewehre geholt, die man vor der Obrigkeit verstecken mußte! Der Herr Karabiniere hat ahnungslos auf den Waffen geschlafen – besser als die Prinzessin auf der Erbse.
Nun belagern wir den Coglians von Süden. Zwei volle Tage lang. Es regnet so stark, daß wir kaum bis ans kleine Kirchlein gehen können; und zu jeder Mahlzeit bekommen wir »manzo«, Rindfleisch, mit Salbei gewürzt – der Geschmack geht gar nicht mehr von der Zunge. Mein Hochtourist klagt auch über den schlechten Geruch in seinem Zimmer; ich habe es untersucht und ihn beruhigt: Einbildung! Denn es steht kein drittes zur Wahl. Heute fordert er Käse zum Nachtisch: um den Salbei loszuwerden. Der Wirt verneigt sich, ergreift Teller und Messer, eilt den Korridor entlang – wir sehen es durch die Glastür unserer sala da pranzo – und verschwindet im Zimmer des Hochtouristen! Ich sehe dessen befremdenden Blick, sehe auch den Wirt harmlos zurückkehren und uns den Käse mit Schwung servieren. »Wo kommt er her, der Käse?« donnert mein Hochtourist. Ach, ahnungsloser Engel, seit zwei Nächten schlummerst du über den großen, gelben Käselaiben, die unter deinem Bett zum Trocknen liegen! Er wollte keinen Käse mehr, mein Hochtourist. Manche Menschen sind eigentümlich launenhaft!
Die Abende sind ein Idyll. Wir sitzen mit den Frauen auf den alten Holzbänken, die auf dem niedrigen Herd selbst herumstehen. Der Kessel hängt an langer Kette von der Decke über der glimmenden Asche, alles in der Küche, Plafond, Wände, Geräte sind mit gleichmäßiger, glitzernder, fester Rußdecke überzogen. Der »Rentier« des Dorfes kommt, um mit uns zu plaudern; auch er hat sein Geld in Deutschland erworben, »in 'of« (Hof) – er besitzt ein wackliges Häuschen und zwei Ziegen und braucht nicht mehr zu arbeiten. »Denn Reichtum«, so philosophiert er, »hängt von den Ansprüchen ab, die man an ihn stellt.« Oh, hätte ich auch zwei Ziegen – oder mehr noch: wäre ich mit ihrem Besitz zufrieden! – Aber ich bin noch weit entfernt von der Abklärung des Collinaschen Rentiers. Der Coglians bleibt unsichtbar, hinter Nebeln – ich dränge zum Aufbruch; vor allem, weil unten im Tal die vorangesandten Wäschepakete unserer harren.
An schönen Dolomiten vorüber führt der Weg; und an seltsamen Bergnestern mit übereinandergeklebten Häusern und winkligen, dunklen Gassen – oft führen nur Stufen von einem »Stadtteil« zum andern. Elende Holzbalkone hängen an den brüchigen Mauern, keine Gardine an den Fenstern, keine Blume, nichts Grünes ist zu sehen. So viel Verwahrlosung und Schmutz befremdet selbst den, der Süditalien kennt – dieser abgelegene Winkel von Friaul übertrumpft es! In San Stefano finden wir glücklicherweise die Pakete vor – wir haben auch zu unterst auf dem Leibe keinen trockenen Faden mehr! Von dem reizend am Zusammenfluß von Padola und Piave gelegenen San Stefano nehmen wir die Königlich Italienische Post; sie führt uns über Lorenzago durch das Tagliamento-Tal, also nach der Versicherung glaubwürdiger Reisender durch eins der schönsten Täler der Alpen. Ich muß diesen Reisenden glauben; denn ich habe nichts von dieser Schönheit gesehen. Die Königliche Post zog ein Verdeck über meinen Kopf, stellte mir zu Füßen einen Riesenkorb voll Obst und setzte an meine Seite in der engen Viktoria einen italienischen Papa, dessen dickes, blondes Kind als blinder Passagier zwischen uns geklemmt war. Mein Hochtourist hatte sich auf den Bock gerettet – er zog die Launen des Wetters denen eines Kindes vor. Ab und an sprang der italienische Papa, der einen gestreiften Samtanzug trug und Lackstiefeletten, die mit falschen Knöpfen besetzt waren, aus dem langsam fahrenden Wagen und stürzte sich mit seinem Gewehr ins Dickicht, um womöglich noch nebenher ein paar Singvögel zu erjagen. Dann fiel das dicke, schlafende Kind jedesmal um, erwachte und heulte, bis ich es endgültig zu mir herüberzog; so war ich doch zu etwas nütze; sehen kann man immer weniger, es scheint Tinte zu regnen.
Von der Stazione per la Carnia nimmt uns die Bahn über Chiusaforte und Pontafel bis nach Tarvis mit, eine wunderbare Strecke im engen Felsental der Fella, durch Tunnels und über schwebende Brücken in reicher Abwechslung. Wir genießen dankbarst die Großartigkeit der sich rechts und links bietenden Szenerie; denn es klärt sich auf! Wir wagen noch nicht darüber zu sprechen, aber als uns ein leichter Wagen nach Raibl fährt, blicken wir uns hoffnungsvoll an: sollte es wirklich –? Vielleicht erweisen sich uns die Julischen Alpen entgegenkommender, umsonst sind sie wohl nicht so beliebt; auch der König von Sachsen besitzt hier Jagdgebiete.
Sie entsprechen wirklich unseren Erwartungen, die Julischen. Wir können uns von Raibl aus aufmachen zum Manhart. Über den Predilpaß, an starken Fortifikationen vorüber, steigen wir im »Manhartgraben« aufwärts und erreichen nach gut sechs Stunden glücklich den Gipfel (2678 m); seine Rundsicht ist weit und schön, zu den Karawanken hinüber, zum Triglav und der charakteristischen Fünfspitz bei Raibl. Der Abstieg über die Lahnscharte ist fürchterlich steil, man freut sich, als man unten den oberen der beiden entzückend gelegenen Weißenfelser Seen erreicht – mehr noch, als man am unteren die nette Restauration entdeckt und eine köstliche Forelle serviert bekommt. Den Manhart, der sich von hier aus großartig präsentiert, grüßt man mit dankbarem Blick – man hat seine besondere Beziehung zu Bergen, auf deren Gipfel man gestanden hat! Man ist überhaupt zufrieden; ein gutes Mahl und die Aussicht auf bequeme Weiterbeförderung sind wohltuende Faktoren. Denn von Weißenfels bringt uns die Bahn nach Krainburg, am Zusammenfluß von Kanker und Save gelegen. Der Ort gilt für die Hochburg des Nationalitätenkampfes und höchst deutschfeindlich – ich erinnere mich mit Vergnügen an seine anmutige Lage auf einer Anhöhe, an das gemütliche Abendessen im alten Garten der »Alten Post« unter hübschen Arkaden und das Gefühl vollkommensten Ausgeruhtseins beim Erwachen am nächsten Morgen in dem großen, von Sonne durchwärmten Zimmer. Ich bin mit dieser slawischen Behandlung höchst zufrieden!
Auf leichtem Wagen rollen wir über Kanker bis zum »Poschner-Wirtshaus« – denn Landstraßen geht ein ordentlicher Hochtourist nur ungern! Den Steiner Alpen wollen wir einen Besuch abstatten, und zwar dem höchsten Gipfel dieser mächtigen Kalkalpen, die sich auf der Grenze von Krain, Steiermark und Kärnten erheben und uns mit ihren malerisch bewaldeten Vorbergen schon von weitem locken. Aber im Poschner-Wirtshaus wird Station gemacht; ich bestehe darauf, daß wir die Rückkehr des Wirtes abwarten, der zugleich auch als Führer dient; er soll uns begleiten, um den Rucksack meines Hochtouristen zu tragen. Es ist seltsam, wie bleiern ihm der Arm herabhängt, Schmerzen hat er keine, oder doch nur wenig, wie er versichert, aber meine Energie scheint ihm trotzdem willkommen zu sein!
Gegen Mittag wanderten wir zu dreien los; es ist drückend schwül, und wir halten es für ratsamer, die Nacht auf der Zoishütte zu bleiben, zu der ein schöner, aussichtsreicher Weg durch den Suhadolnikgraben und unter den steilen Wänden des »Greben« entlang über den Kankersattel führt. Die Zoishütte, auf 1792 m Höhe, liegt entzückend; ein einsetzendes Gewitter treibt uns aber bald ins Haus zurück. Es ist nebelig am nächsten Morgen, aber es kann sich klären, meint der Führer. Wir wählen den »neuen Grintouzweg«, der zwar schwieriger ist als der alte über den Südkamm, uns aber unsern Berg, den »Grintouz«, von seiner schönsten Seite zeigt. Durch ein Felsentor betreten wir einen Alpenvereins-Steig, aber die Markierung ist im Nebel schlecht zu finden, der Aufstieg überhaupt nicht leicht. Vorsichtshalber werde ich angeseilt: »Der Herr hat's fast nötiger«, meint der Führer. Ich sehe selbst, wie ungeschickt mein Hochtourist heute klettert, nur die linke Hand benutzt er und schiebt sich langsam an den Felsen empor. Statt der drei Stunden zum Gipfel (2559 m) brauchen wir vier – im übrigen ist es einerlei. Denn als wir endlich oben sind, ist der Nebel so dicht, daß man die berühmte Hand vor Augen nicht sehen kann, geschweige denn etwas von der Aussicht, die ein Studium der Karawanken, des Koschuta-Gebirges und natürlich auch der Steiner Alpen gewähren soll. Ein graues Meer wallt um uns her, und uns ist nicht einmal das Frühstück noch die Gipfelzigarre und -zigarette ein Genuß: seltsam schwül ist uns zumute – liegt es an der Luft? Der Führer mahnt zum Aufbruch: »nit geheuer« scheint's ihm. Wir beginnen den Abstieg; vorsichtig, denn er ist recht schwierig, klettern wir von Griff zu Griff; ich, als »Ungeübte« voran, habe meine liebe Not, feste Tritte für meine Genagelten ausfindig zu machen. In einem engen Felsenkessel sind wir, unheimlich starr ragen die Wände rings um uns empor, fürchterlich steil und tief geht es zu unseren Füßen hinab. Da – ein furchtbarer Donnerschlag! Unwillkürlich klammere ich mich an den Fels, der Nebel zerreißt, mit grausamer Deutlichkeit erkenne ich die Abstürze – »vorwärts, vorwärts«, mahnt der Führer. Ich klettere Fuß um Fuß hinab und versuche Ruhe zu bewahren. Denn gerade in unserer Höhe, mitten im Felsenkessel, steht das Gewitter. Der Regen peitscht mir ins Gesicht, die Blitze sausen zischend vorbei, schlagen in die Wände, Steine brechen los und krachen in die Tiefe – dabei ist es stockdunkel, nur auf Sekunden erfüllt schwefelgelbes Licht den Höllenschlund, in den wir hinab müssen. Einmal ducken wir uns unter einem überhängenden Felsen nieder, die Finger sind verklamt vom eisigen Regen, ein pfeifender Blitz, der dicht an uns vorbeifährt, treibt uns wieder empor. Schutz gibt's nicht, wir müssen es dem Geschick überlassen, wie und ob wir davonkommen. Einmal noch machen wir kurzen Aufenthalt, der Führer seilt auch den Hochtouristen an, der mit zusammengebissenen Zähnen, den gebrauchsunfähigen rechten Arm von der linken Hand unterstützt, abwärts klettert. An diesen Weg über die Mlinaskoscharte werde ich mich noch oft erinnern – man war »zu sehr in Gottes Hand«, wie's sonst vom Meer heißt. Endlich erreichen wir die Böhmische Hütte, die dem Slawischen Alpen-Verein gehört. Wir sind zu durchnäßt, um lange zu rasten – auch der Führer kehrt um: an die Tour will er denken sein Lebenlang!
Wir machen uns wieder auf, noch sind wir in über 1500 m Höhe; aus der Untern Rauni, in der die Hütte liegt, müssen wir durch die Seeländer Kotschna, drei Stunden munter bergab bis zum Stuller Wirtshaus in Oberseeland, das wir mittags erreichen. So gut hat mir selten eine Suppe geschmeckt – und wie friedlich das fruchtbare, schöne Land, durch das wir nun gemütlich schlendern – doppelt wohltuend unsern Augen nach den Schrecken in der Einöde dort oben! Die 21 km, die zwischen Oberseeland und Bad Vellach liegen, dünken mich eine Kleinigkeit. Über den »Seeberg« (1218 m), der von seiner Kanzel noch einen letzten, erlösten Blick auf die Steiner Alpen erlaubt, geht die Straße; die Kehren hinunter kürzen wir uns durch Fußwege, bei heller Sonne noch sehen wir das anmutig in Grün gebettete Bad Vellach vor uns liegen. Ein Glas von seinem berühmten Eisensäuerling wird probiert, dann ein Wagen bestiegen, der uns nach Klagenfurt, Kärntens schöner Hauptstadt, bringen soll. Wie ich mich auf meinen Koffer freue, der dort für mich lagert – und auf die Bäder im Wörther See; nach etwas Ruhe wird der Himmel uns doch noch zu einigen Gipfeln verhelfen.
»Ich muß vor allen Dingen zum Arzt«, sagt da mein Hochtourist. Über meine Hoffnungen fällt ein leichter Meltau: sollte es mit all den Hindernissen und Enttäuschungen der diesjährigen Bergfahrt noch nicht genug sein?
Mein Hochtourist hat körperlich in aller Stille einen Zuwachs bekommen. Der Arzt nennt ihn einen ungebührlich großen »Kallus«, der sich an der Bruchstelle des Schlüsselbeins gebildet hat. Er verordnet Ruhe, Massieren und andere mit dem Bergsteigen unverträgliche Maßnahmen – vorläufig muß man sich damit begnügen, die Berge von unten anzusehen. Klagenfurt trägt seinen Namen – für uns wenigstens – nicht mit Unrecht.
Ein Rekord war's aber doch, vier Wochen mit gebrochenem Schlüsselbein Bergtouren zu machen!
Spätherbst im Wilden Kaiser.
Auch für den, der im Sommer versuchte, durch einen vierwöchigen Aufenthalt auf dem Lande, im Gebirge oder an der See die Schäden zu reparieren, die achtundvierzig Wochen in der Großstadt seinen Nerven zugefügt haben, kommt, wenn die Herbstsonne lacht, noch einmal eine unbezwingliche Sehnsucht, sich aus der einengenden Unruhe der Straßen in die stille Öffentlichkeit der Natur zu flüchten. Vielleicht trägt er in sich das Bild der Dolomiten mit ihren tausend großen und kleinen Freuden, aber ihm scheint, dem Objektiv fehle ein Zug: er möchte das Gebirge im Wechsel der Jahreszeiten – als Residenz des Herbstes – kennen lernen. Der um diese Möglichkeit vor anderen Großstädtern reichere Münchener darf seinen Wunsch in die Tat umsetzen: in zwei Stunden ist er in Kufstein – vor ihm liegt, ihm vorläufig nur zarte, mit Wald bestandene Ausläufer zuwendend, der »Wilde Kaiser«. Ein wundervoller Weg, steil ansetzend, dann am Berghang entlang, in gemütlichem Auf und Ab, führt ihn in wenig Stunden ins Herz des »Wilden« – nach Hinterbärenbad, dem Ausgangspunkt für alle schwierigen und gefährlichen Touren der großen Kletterer. Das Totenkirchl, der Predigtstuhl, die beiden Karl- und die Fleischbankspitze – all die Bergriesen mit ihren vielseitigen, berühmten Auf- und Abstiegen liegen lockend bereit; und hier und da trifft man noch auf die »Echten«, die, im Gras hockend, mit dem Fernglas einen neuen, fast unmöglichen Weg ausspionieren und ihrem Ziel einen noch größeren Reiz hinzufügen möchten.
Aber die Saison der höchsten Gipfel ist doch vorüber. Wir bescheiden uns damit, vom Stripsenjoch durch die einst gefürchtete »Steinerne Rinne«, die jetzt auch durch Steiganlagen und Drahtseile gezähmt ist, zur hintern Goinger Halt aufzusteigen und den Gratübergang zur vorderen gleichen Namens, eine nette Kletterei, zu vollführen, um endlich der Elmauer Halt, dem höchsten Gipfel des Kaisergebirges, unseren Besuch abzustatten. Der milde Herbst hat den Tatendrang und die Kampfeslust besänftigt – man möchte genießen, noch einmal aus tiefstem Herzen Höhenluft atmen, aber ohne gewaltige Anstrengungen machen zu müssen. Die Tage sind auch zu kurz, vor sechs Uhr wird es kaum hell und von fünf Uhr ab beginnt bereits die ungemütliche Dämmerung. Dazu kommt, daß man wieder und wieder stehen bleibt, um den Farbenrausch ringsum zu genießen: immer eine neue Nuance, das Graugrün der Fichten zwischen dem Goldgelb der Birken, dem Schwefelton der Eschen, dem Rostbraun der Buchen und Eichen; und immer neue Bilder der in diesen Rahmen gefaßten Sennhütten und Dörfer, in der klaren Luft so nahe gerückt, als könnte man sie mit wenig Schritten erreichen. Und welche Prachtaussicht von den Bergen! Bis in die fernsten Fernen reiht sich Gipfel an Gipfel, über den vorderen, wie mit dunklem Samt bezogenen Ketten erheben sich die weißen Linien der ewigen Gletscher. Ein Panorama, wie es zum Beispiel »die Elmauer Halt« bietet, ein sehr lustiger Kletterberg von nur 2344 m Höhe – also ein »G'lump« in eines Sportmanns Augen! – kann man kaum in den Dolomiten oder Hohen Tauern genießen. Der ganze Höhenzug der Zentralalpen, von den Niedern Tauern bis zu den Ötztaler Alpen, die Loferer Steinberge, der Karwendel, das Wettersteingebirge, breitet sich vor dem Blick aus; der Inn zieht seine glitzernde Schlangenlinie durchs Tal, und durch eine Lücke zwischen dem Treffauer und dem Kaiserkopf leuchtet in herrlichem Tiefblau der Hintersteiner See herauf. Die Gletschermeere des Großglockners und des Großvenedigers schließen mit ihrer feierlichen Schönheit den Horizont nach Süden – in lieblichster Anmut und bezauberndem Kontrast bauen sich fast am Fuß des Berges mit ihren weißen Kirchlein die Dörfer Going und Elmau auf, während weiter draußen in der Ebene der Häuserkomplex von Kitzbühel und ein Eckchen von St. Johann sichtbar werden. Die Glocken tönen mahnend herauf, ein leises Rollen in der Ferne erinnert daran, daß es dort unten Eisenbahnen, Unruhe, Städte und – Pflichten gibt – seufzend macht man sich daran, wieder in die Unterwelt hinabzusteigen.
Ein neues Vergnügen harrt des Herbstläufers: die Gruttenhütte ist schon geschlossen, ein Alpinist aber besitzt den Schlüssel; die Läden werden aufgestoßen, um noch möglichst viel Sonne hereinzulassen – und dann beginnt das Robinson-Crusoe-Spielen! Jeder bekommt sein Amt, der das Feueranmachen, jener das Zusammenstellen des Menus, dessen einzelne Gerichte den verschiedenen Rucksäcken entnommen werden, der dritte besichtigt oben die Lagerstätten, der vierte aber kommt mit der Trauernachricht zurück, daß es aus der Quelle nur sehr bescheiden tropfe: in einer halben Stunde ungefähr ein Viertellitermaß voll! – Aber wie können Reissuppe aus Tafeln, Tee aus Konserven, Zitronenlimonade aus Pastillen hergestellt werden ohne das göttliche Naß? Und einmal am Tage – wenn auch ohne jede Verbindlichkeit! – möchte man sich doch wenigstens die Hände waschen. Ja, ja, die negative Wassernot ist im »Kaiser«, wie in jedem Kalkgebirge, groß und nach der langen Trockenheit doppelt bemerkbar – –. Aber allgemeine Redensarten nützen nicht; und die beiden besten Bergsteiger, denen plötzlich neidlos von allen Seiten ihre hervorragenden alpinen Qualitäten zuerkannt werden, müssen sich entschließen, noch einmal die »Genagelten« gegen die bequemen Hausschuhe einzutauschen. Mit Eispickel, Kessel, Eimer und Pfanne ziehen sie aus – wie konnte man nur zaudern? Am Herd steht ja auf einem prunkvollen Zettel: »Man bittet, den Wassergrant (den Beikessel) vor dem Anfeuern mit Schnee zu füllen« – also! Da man selbst nicht mitzugehen braucht, findet man diese kleine Extratour zur nächsten Schneehalde – eine gute halbe Stunde hin und zurück – höchst amüsant.
Endlich ist nun auch das Mahl bereitet; beim besten Willen war ja an den Konserven nichts zu verderben, dennoch fühlt man sich stolz auf seine Produkte! Und die Konkneipanten finden den Tee besonders aromatisch, die Zitronenmischung auf der Höhe aller Limonaden; vielleicht ist der gute Bergappetit nicht ganz verdienstlos an dieser Begeisterung, denn sogar die pièce de résistance, die Mettwurst, die ihrem Umfange nach der »Wurst ohne Ende« auf dem berühmten Bilderbogen gleicht, wird, natürlich nur mit Rücksicht auf die Rucksäcke, bis zur letzten Scheibe gewissenhaft verteilt. Der enge Küchenraum und die heißen Getränke erwecken noch einmal den Wunsch nach frischer Luft; nur die Faulen, ganz Unpoetischen kriechen mit vollem Magen ins Bett. Aber draußen ist's wundervoll, warm und windstill, wie kaum je an einem diesjährigen Sommerabend, aus der Ebene blinken freundlich die Lichter herauf, und auf den Abstürzen des Treffauer liegen dunkle Schatten, die sich mehr und mehr verkürzen – ein silbernes Leuchten füllt die Luft. Atemlos wartet man: da, endlich, schiebt sich das volle, weiche Antlitz des Mondes um die tiefschwarze Spitze der vorderen Goinger Halt herum – und alle Berge umstehen das kleine Plateau, das die Hütte trägt, in klarstem, weißem und doch so köstlich zartem Lichte.
Rein und frei wie hier oben in der staublosen Luft erstrahlt der Zauber des Mondes in der Stadt niemals – nur auf den Höhen oder über der Unendlichkeit des Meeres enthüllt er den vollen Reiz seiner Schönheit. Die einfache Kammer, die man schließlich zur Ruhe aufsucht, verwandelt er in einen Raum mit Marmorwänden, und selbst im Schlaf glaubt man in einem Märchenlande zu sein, in dem alles, was man anrührt, sich in Silber und Gold verwandelt. – Der Ruf nach Befriedigung der materiellen Bedürfnisse erweckt die Schläfer etwas unsanft aus glücklichen Träumen. Aber ehe der Kampf mit dem widerspenstigen Herdfeuer neu begonnen wird, beobachtet man, trotz aller hungrigen Mahnrufe, den viel leidenschaftlicheren Krieg da draußen: noch immer segelt die silberne Scheibe sanft durch die azurnen Lüfte, aber im Osten ziehen glutrote Streifen auf und bereiten der großen Siegerin den purpurnen Triumphesweg – der ganze Himmel gerät in Aufregung beim Nahen seiner Königin! Unten im Tal lagern kalte, weißgraue Nebelschleier über Wald und Flur wie die Sorgen über den Stätten der Menschen. – Und für »die nach uns« mit ihren Ansprüchen und Bedürfnissen setzt man die Hütte großartig instand; mit dem Eifer einer sich plötzlich auf ihre Pflichten beim Abgang besinnenden Küchenfee: die Nachfolgerin soll ihr nichts Schlechtes nachsagen dürfen. Sogar die Lampe füllt man wieder voll Petroleum – es ist rührend! Oder ist man am Ende so voll Dank für die köstlichen Tage, daß man sich in solch unendlich naiver Weise dafür betätigt? – Doch in diese Abgründe des menschlichen Herzens läßt's sich nicht mit einer Petroleumlampe leuchten.
Abwärts geht's; durch goldgelbe Farren und ganze Korallenfelder des Blaubeerenkrauts; die Pilze tragen Krönchen, und die Brombeeren sehen mit melancholischen schwarzen Augen auf die Vorwärtshastenden. Was nutzt es? Zurück in die Alltäglichkeit, ihr Menschen! »Auf seligen Höhen wohnen die Götter ...«
Auf Deutschlands »Allerhöchstem«.
Für jemand, der das Gebirge liebt und Gipfel nicht nur von unten bewundern mag, ist es eine gelinde Folterqual, tagelang im Schatten eines prächtigen Bergmassivs zu sitzen und wegen andauernder Witterung, worunter in den letzten Sommern ja nur schlechte zu verstehen war, nicht hinaufzukönnen. Zudem lag mir jemand, dessen junge Beine ihn erst einmal bis zu einer »Hütte« hinaufgetragen hatten und der sich deshalb nach dem ersten Waffengang mit den Felsen sehnte, Tag und Nacht in den Ohren, daß eine ehrenhafte Mutter ihr Versprechen unter allen Umständen einlösen müßte. Aber ich, die Erfahrene, Erprobte, wartete, bis alle Umstände sich gut vereinen ließen, das Wetter wirklich aufklarte, der Barometer stieg und ein hellerer Schein, den man in weniger zweifelhaften Zeiten harmlos für Sonne erklärt haben würde, sich über die Matten breitete. Bis dahin war ich stets unter der Ägide eines sehr Bergkundigen gegangen – heute traf mich die Verantwortung allein. Ich wählte deshalb einen alten, treuherzigen Führer, mit Augen, in denen sich die stille Bergsonne gesammelt hat, von ruhigem, ungeheures Vertrauen einflößendem Wesen und im Besitz einer deutschen Aussprache, von der man wenigstens einige Brocken verstand. Das letztere schien mir für die Verständigung unterwegs auch nicht ganz gleichgültig zu sein. –
Wir unternahmen nachmittags in gemütlichstem Tempo den Aufstieg zur Wiener-Neustädter-Hütte, rasteten an den zwei traditionellen Plätzen, bewunderten die Aussicht auf Biberwier, Ehrwald und Lermoos, die nur ganz wenig verschleiert war, sahen einen Gamsbock, einen echten, lebendigen – nicht so einen, wie er in der Sächsischen Schweiz auf einem kleinen, winzigen Felsblock steht – bewegten uns kühn über die letzten, noch arg verschneiten Steige und standen bei einer plötzlichen Wendung dicht vor der Hütte – eine ihrer angenehmsten und bei Hütten seltenen Eigenschaften; denn gewöhnlich sieht man diese heißersehnten Stationen schon stundenlang vor sich liegen und scheint ihnen statt näher immer ferner zu rücken. – Durch ganz besondere Protektion erhielten wir eine schmale Dachseite, in der zwei Federmatratzen am Boden lagen, für uns allein. Ich empfinde den Mangel an jeglicher Bettwäsche immer noch als störend; heute war es wenigstens so kalt, daß man gern seine Kleider anbehielt. Nach warmer Suppe im überfüllten Speiseraum bildeten wir uns ein, uns nach Ruhe zu sehnen, und kletterten die Hühnerleiter zu unserer bevorzugten Ecke wieder empor. Aber mit dem Schlafen auf den Hütten ist es ja selten etwas. Entweder man friert oder man wird durch die leisesten Bewegungen des Nachbarn gestört, die sich durch die dünnen Wände verraten. Diesmal fror man und hörte rings die Unruhe; und als wir eben eindämmerten, brach unerwartet ein furchtbares Gewitter los, unsere Dachseite stand andauernd im Feuerzauber der Blitze – und dann ein Getöse, als sollte die Welt untergehen! Ein geisterbleiches Gesicht erhob sich von der Nachbarmatratze, und eine bängliche Stimme fragte: »O Gott, Mutter, was war denn das?!« Und wie im Märchen antwortete ich, meine eigene, eben überstandene Todesangst, die Lawine möchte uns mitsamt Hütte und Dachseite ins Tal wehen, mutig überwindend: »Das ist der Wind, mein Kind! Das klingt im Gebirge immer so!« Das Zähneklappern von nah und fern hörte während der kurzen Nachtzeit nicht auf; man war froh, als um drei Uhr zum »Wecken« geklopft wurde – eine fast überflüssige Prozedur!
»Glücklicherweise«, sagte der Führer, habe es Neuschnee gegeben. Deshalb wurden wir schon angeseilt, als die Kletterei begann, und die dicken Wollhandschuhe, die ich, die Erfahrene! mitgenommen hatte, kamen hoch zu Ehren. Der Schnee erleichterte aber den Aufstieg bedeutend – in knapp zwei Stunden waren wir auf der Spitze, die so in Nebel gehüllt war, daß wir uns am meteorologischen Turm und der Hauswand entlang fühlen mußten, um den Eingang zum schmutzigsten und verwahrlosesten aller Hüttenräume, die ich je gesehen habe, zu finden. Zudem war er so überfüllt, daß wir nur abwechselnd sitzen konnten; Leute von der Knorrhütte, sowie über Nacht hier oben gebliebene Touristen – vor deren Selbstüberwindung ich die größte Hochachtung hege! –, zahlreiche Führer, denen der Nebenraum zu kalt war, die beiden Wirtschafterinnen, die auf dem winzigen Herd, auf dem zugleich Dutzende von Pantoffeln getrocknet wurden, kochten und brieten, dazu die Luft voll Tabaksqualm und dem Dunst feuchter Kleider – nein, eine Erholung bot der Aufenthalt nicht, noch weniger die Speisen, die nur von den Preisen gewürzt waren. Aber – bald wird ein neues Haus erstehen – hoffentlich wird damit auf dem beliebtesten deutschen Gipfel auch sonst manches anders!
Wir warteten ein paar Stunden – auf Aussicht. Sie kam nicht. Berge, Täler, Ortschaften, Flußläufe – Nähe wie Ferne – alles ließ sich nur ahnen. Man deutete dort hin und sagte: »Da müssen die Stubaier liegen –«, wandte sich und behauptete, in der Richtung nach Partenkirchen zu sehen – es war Jacke wie Hose: Nebel, nichts als Nebel. Stumm saßen wir schließlich vor unserer blauen Emaille-Teekanne.
Da erschien in beschleunigterem Schritt unser Führer mit strahlenden Bergaugen: es hellte sich auf, der Eibsee sei eben aufgetaucht, kein Zweifel mehr, die Nebel verzögen sich und er riete doch nun dringend, da das Wetter so günstig sei, zum Abstieg durchs Höllental, von dem wir ja gestern bereits gesprochen. »Fein!« sagte mein Junge. – Ich aber als Erfahrene ging nach draußen, sah auf Sekunden den Eibsee aus der Tiefe aufschimmern und fand die übrigen Umstände tief verschleiert. Der Führer triumphierte: er habe es immer gesagt, es würde ein glorioser Tag. Dennoch zögerte ich: ob es denn auch ganz sicher sei –? Mein Junge puffte mich; Söhne haben eine besondere Art, ihre Mutter zu puffen: es liegt Aufmunterung und zugleich Verachtung darin. Zudem sagte er spöttisch: »Und Du willst eine Hochtouristin sein –?« Und dann stellten sie mir beide vor, wie amüsant und wie lustig der Abstieg und wie bald wir unten sein würden: in drei Stunden schon durchs Tal! – Ich gab nach. Aber während ich die acht Mark für unser Frühstück bezahlte, fragte man mich von rechts und links, welchen Abstieg ich wählte. Mit der ganzen Überlegenheit der gewiegten Touristin entgegnete ich: »Durchs Höllental.« Allgemeines Schweigen – stille Hochachtung, wie ich annahm. Ein liebenswürdiger Tourist, mit dem ich schon vorher gesprochen, trat auf mich zu und meinte, ich hätte mir doch eine starke Aufgabe gestellt: bei diesen Witterungsverhältnissen. – Lächelnd widersprach ich: der Führer und ich seien ganz überzeugt, daß der Nebel sich verziehen und uns der Abstieg keinerlei Schwierigkeiten bereiten würde – außerdem wüßte er ja, daß es die erste Hochtour meines Sohnes sei. Daraufhin schwieg der Warner.
Aber als wir angeseilt vom Ostgipfel herabklommen, durch Schnee, der mir bis an die Hüfte reichte – ich war schon zweimal gefallen und wäre ohne das Seil schon zweimal verloren gewesen –, erklang von oben dringendes Rufen. Ich wandte mich, erkannte den Warner und winkte ihm einen Abschiedsgruß zu – verstehen konnte ich kein Wort mehr –. Wir kletterten abwärts; zuerst in dichtem Nebel, der sich ja bald heben mußte. Wirklich, er zerriß ganz plötzlich – und ein furchtbares Gewitter, ganz unerwartet bei der Kälte, setzte mit großer Wucht ein, gerade als wir die ersten, ungemütlichen, vereisten »Stifte«, die quer über ein Stückchen Unendlichkeit führen, erreichten. Wir duckten uns eine halbe Stunde unter einen Felsen, der Blitze wie des schauernden Regens halber. Das Gewitter verzog sich; der Regen blieb, stürzend, unaufhörlich. Beim berühmten »Brett« – einer langen Reihe von Stiften über ein größeres Stück Unendlichkeit, ein zweites Gewitter; der Regen glich Sturzbächen – Wasser stürzte von allen Seiten auf uns herab. Bei der nicht minder berühmten »Leiter« – eisernen Sprossen, die an einer absolut senkrechten, hohen Felswand hinabführen, ein drittes Gewitter; zudem hatte sich gerade zwischen den Sprossen ein Wasserfall gebildet, der sich oben in meinen Kragen ergoß, um an den Knien wieder seinen Ausweg zu suchen. Ich war daher erschöpft und eine Pause willkommen. Sie trat gleich ein: ein tüchtiger Wolkenbruch zwang uns zu kurzer Rast – behaglich war sie nicht! – Der Führer tröstete uns: das Ärgste sei überstanden – jetzt nur noch durch die Höllenklamm! Ihre düstere Romantik war mir nie sympathisch – jetzt aber war sie zu einer wirklichen Hölle geworden! Der Hammersbach in einen reißenden Strom verwandelt, wilde Wasserstürze von rechts und links, den Weg überspülend, die zahlreichen Tunnels vereist, ihr Boden von Bächen benutzt – und diese waren es, die den letzten trokkenen Punkt an uns fanden und von oben in unsere Stiefel rannen – von unten waren sie längst durchweicht. Nach siebenstündiger Wanderung erreichten wir in aufgelöstem Zustand, ohne einen einzigen trockenen Faden am Leibe, das Wirtshaus zur Schmölz. Ich telephonierte nach Garmisch, daß das Automobil halten und uns aufnehmen möge. Die Antwort lautete unsicher: man wisse nicht, ob noch Platz sei. Zähneklappernd warteten wir eine Stunde: nahm der Motorwagen uns nicht auf, so blieb noch eine dreistündige Fahrt – und woher vor allem einen Wagen nehmen? –. Aber das Wunder, an das wir kaum zu hoffen wagten, geschah. Der Chauffeur sah uns zwar mißbilligend an – wir hinterließen auch kleine Seen auf dem roten Leder der Sitze – und nur mein letztes Geld, das ich noch außer den zwölf Mark für die drei Billette besaß, stimmte ihn milder. Unterwegs rechnete ich: in vier Stunden hätten wir über den kürzesten Weg unten sein können; statt dessen waren wir sieben Stunden bei viel anstrengenderem Abstieg unterwegs gewesen, mußten noch zwei Stunden frostdurchschauert im Automobil sitzen und hatten für diese Extravergnügungen dem Führer zehn Kronen mehr und für die Fahrt zwölf Mark zu bezahlen.
Ich sah zum Führer hin: er unterhielt sich treuherzig mit einem Touristen und pries unsere hervorragenden hochtouristischen Befähigungen. Wir aber tranken, endlich zu Hause, zwei Liter Glühwein, »um vorzubeugen!«
Am anderen Tage traf ich den Touristen von der Zugspitze. Er eilte auf mich zu: »Gnädige Frau,« sagte er, als ahne er unser Geschick, »hätten Sie doch nur auf mein Rufen geachtet. Ich hatte nämlich gehört, wie die Führer untereinander lachten und sagten: »Der nimmt die Dame nur da herunter, weil er zehn Kronen mehr bekommt – und die merkt fei' nix!« – Nein, ich hatte nichts bemerkt, ich gab es zu. Sonst hätte ich es vorgezogen, dem »treuherzigen« Führer zehn Kronen zu schenken und den kürzesten Weg zu wählen. Und ich, die Erfahrene, die Erprobte! lernte einsehen, daß man sich zwar gut auf die Fels- und Eistechnik verstehen kann und dennoch nichts von der Technik weiß, mit »treuherzigen« Führern umzugehen.
Das Matterhorn von Ehrwald.
Marschiert oder fährt man von Partenkirchen hinein in den von hohen Bergen umstandenen Kessel von Ehrwald, so fesselt vor allem eine Gipfelgestalt den Blick; wenn auch die übrigen Berge des Wettersteins und der Mieminger Gruppe höher sind, sie werden doch alle durch die wie ein Dolch in den Himmel ragende Sonnenspitze an Kühnheit übertroffen. Durch Gestalt und Lage bildet sie den Augenpunkt des ganzen Bergkranzes, der die liebliche, grüne, mit Lärchenwäldern durchsetzte Talsohle umgibt; nur mit dem Matterhorn oder der Cimone della Pala, freilich in verkleinertem Maßstab, läßt sich die Form der gebietenden Spitze vergleichen. Naturgemäß lockt ihr Gipfel jeden an, der überhaupt Fähigkeit und Ehrgeiz hat, auch noch andere Berge als die auf der Reiseroute liegenden »Aussichtsmuggel« zu besteigen. Dies Vordrängen in die Landschaft drückt förmlich ein »Versuch' es doch 'mal« aus – und tatsächlich ist auch der Gipfel der Sonnenspitze der am meisten besuchte unter den schwierigen in der Nachbarschaft. Allerdings wird auch zu ihm wie zu vielen andern manch Unberufener mit Hilfe des Seils »hinaufgezogen«. »Mehlsacktechnik« nennt sich diese Beförderungsweise, die bei den Führern nicht ganz unbeliebt ist; rechnen sie doch nicht mit Unrecht bei solchen Opfern des alpinen Ehrgeizes, die sich nachher einbilden, mit Hilfe des Führers Ungeheures geleistet zu haben, auf erhöhte Trinkgelder. Der Hochtourist allerdings rümpft über diese alpinen Gepäckstücke verächtlich die Nase; denn das Seil, der unentbehrlichste Freund des Kletterers, soll ihn nur sichern, ihm nur »moralische« Hilfe bieten, nicht aber, wie es bei Ungeübten der Fall, zur einfachen Beförderung durch des Führers Kraft dienen.
Die erste Besteigung der Sonnenspitze vollführte Hermann von Barth, der kühne Gipfelstürmer, im Jahre 1873 vom Sebensee aus, während der noch lange Zeit für unbezwinglich gehaltene Südgrat erst 1897 den Innsbrucker Alpinisten O. Ampferer und W. Hammer erlag.
Wochenlang rief auch uns der Berg seine Mahnung zu; immer und immer wieder rüsteten wir uns, ihr zu folgen. Aber da es in diesem Jahr umgekehrt wie im Sprichwort ging und auf etwas Sonnenschein wieder tagelanger Regen einsetzte, so war's lange ein Katz- und Mausspiel. Bis auch hier die Ausdauer siegen sollte! An einem etwas schwülen Nachmittag brachen wir von Ehrwald aus auf, mit Rucksack und Pickel, und beschlossen, da wir natürlich den Berg »traversieren« wollten, zur Hütte der Sektion Koburg aufzusteigen und dort zu übernachten. Der nächste Weg ist der beste – also wählten wir den über den »Hohen Gang«, der, nachdem man zuerst steil über sumpfige Matten und dann durch schattenspendenden Wald gewandert ist, an steiler Felswand emporführt. Nach gut zwei Stunden erreicht man den höchsten Punkt der Talstufe; gleichzeitig mit uns stieg ein Sohn Ganghofers, begleitet vom Jäger und einem »Bua«, zur abendlichen Gamspirsch empor. Ganghofer gehören dort weit und breit alle Jagden. Noch ein paar Minuten – und, dem Blick anfangs durch einen Lärchenwald verborgen, breitet sich das Oval des Sebensees aus, dessen grünblaues Wasser an Klarheit und Köstlichkeit der Farbe mit dem des Achensees wetteifern kann. Jenseits erhebt sich, auf bequem angelegten Serpentinen in einer halben Stunde zu erreichen, die Koburger Hütte, einen grünen Hang krönend; die Aussicht, die sie über den Sebensee wie über den in ihrem Rücken gelegenen blauschwarzen Drachensee bietet, ist einzig schön. Und doch wurde der Genuß durch die unruhvolle Frage getrübt: »Wird das Wetter halten – oder ist es auch morgen wieder nichts?!« Der Wetterstein lag wie immer von leichten Wolken umhüllt da; und das Barometer fiel sanft – beides untrügliche Zeichen in andern Jahren, aber heuer ohne Gewähr! »Heuer« bewies auch zum Glück diesmal seine Launenhaftigkeit: ein ganz wundervoller Morgen war uns beschieden, als wir in aller Frühe zur Ersteigung des »Südgrats« aufbrachen: rosige Wolken als Folie der Gipfel, und der Schnee an den Hängen leuchtend unter den ersten Sonnenstrahlen. Also guten Muts vorwärts! Mit der Gewißheit, seine Mühen belohnt zu sehen und droben eine klare Aussicht zu finden, klettert sich's nochmal so leicht.
Das eklige Geröll wurde in kurzer Zeit überwunden, ebenso die steilen Grashänge. Und nun nimmt mich der Führer barmherzig ans Seil, denn die eigentliche Kletterei beginnt. Zwar macht mein Hochtourist einige höhnische Bemerkungen darüber – ich nehme an, weil er um die Ehre kommt, mich selbst ans Seil zu nehmen! –; aber da er mich auf meine Bitten hin photographieren soll – Frauen können ja nie genug Bilder von sich bekommen! –, so vertraue ich mich lieber meinem Führer an, als allein auf die eigene Geschicklichkeit zu rechnen. Denn ohne nach dem Maßstab der modernen Klettertechnik gerade sehr schwierig zu sein, verlangt dieser Aufstieg über den Südgrat dennoch größte Aufmerksamkeit. Steile Kamine wechseln mit griffarmen, exponierten Felsbändern ab, und ein Ausgleiten würde an den haltlos »plattigen« Abstürzen, mehrere hundert Meter in die Tiefe, den sicheren Tod zur Folge haben. Aber bei allem Ernst – oder besser gesagt: aller Schwierigkeit der Situation, fehlt auch das heitere Moment nicht. Der Unangeseilte und der Führer sind einen Kamin hinangeklettert; ich kann sie beide nicht mehr sehen. Sobald sie oben einen sicheren Standpunkt erreicht haben, wird mir zugerufen, ihnen zu folgen. Die Stufen sind durchschnittlich für längere Beine berechnet als für meine, mit aller Kraft muß ich mich hinaufwinden – von oben wird mein Zögern mißverstanden: das Seil zerrt mich in die Höhe, fort aus der eben erreichten Stellung. Ich rufe: »Nicht ziehen!« – aber Tiroler und norddeutscher Dialekt scheinen auch für die einfachsten Dinge entgegengesetzte Ausdrücke zu gebrauchen: mit aller Wucht wird weitergezogen, ich bin in dem engen Schacht eingeklemmt und zapple in der Luft mit beiden Füßen. Ich bin nur froh, daß der Photograph diese »vorteilhafte« Pose nicht erwischt hat – keinenfalls hätte er sie mir geschenkt! Ein anderes Mal dagegen, da ich über grausiger Tiefe nur so auf den Zehenspitzen schwanke, ruft er gemütvoll: »Einen Augenblick halt, wenn ich bitten darf! Und nicht so sorgenvoll aussehen!« Was denn doch eine starke Zumutung ist. – Ganz plötzlich, viel eher, als man bei der allmählichen Ermattung zu hoffen wagt, ist man oben. Die Tatsache wird durch ein befreiendes »Ah!« ausgelöst – denn den Bergsteiger, selbst den enragiertesten, der schließlich nicht froh wäre, das Ziel erreicht zu haben, gibt's noch nicht. Mehr noch als vor alle anderen Erfolge haben die Götter vors Bergsteigen den Schweiß gesetzt! Wie köstlich ist es dann, sich am Gipfel zu sonnen, in aller Ruhe die wunderbare Aussicht auf die benachbarten Riesen und in die warmdurchleuchteten Täler zu genießen – und endlich an Kräftigem zu frühstücken, was der Futtersack enthält: Speck und derbes Brot, Limonade aus der Aluminiumflasche, zum Schluß die »Gipfelzigarre und -zigarette«! Alle Mühsal ist binnen kurzem vergessen, man hat ganz das Gefühl eines Siegers; die Erde mit ihren Nöten und kleinlichen Sorgen verschwindet – der große Friede, die köstliche Einsamkeit hier oben stempeln diese Stunde zu einer glücklichen und heiligen. Bis andere Partien nachrücken, denen man den beengten Platz einräumt. – Man rüstet sich von neuem, ich werde wieder ans Seil genommen; aber nun, beim Abwärtssteigen, bilde ich die Tete. Hinüber geht's zuerst zu dem nur etwa 50 m entfernten und um ein paar Meter niedrigeren Nordgipfel, zu dem ein äußerst exponierter Grat führt, der sich an einer Stelle so einschnürt, daß man zum »Reitsitz« gezwungen wird. Die Beine baumeln dabei nach beiden Seiten über den viele hundert Meter tiefen Abgrund – für leicht von Schwindel befallene Menschen keine empfehlenswerte Stellung! Sonst ist der Abstieg auf der Nordseite technisch bedeutend leichter als über den Südgrat, im oberen Teil jedoch über geröllbedeckte Platten, sehr steile Schroffen und Grasbänder führend, so daß immerhin größte Aufmerksamkeit erforderlich ist.
Zum Schluß geht's durch einige Geröllrinnen, für die ich eine besondere Vorliebe besitze!
So sicher ich auch im Fels und beim Klettern bin, die heimtückische Nachgiebigkeit des losen Schuttes habe ich immer noch nicht gelernt genügend auszunützen. Der Hochtourist dagegen erklärt mir, während er in großen Sprüngen durch das Geröll hinabsetzt, des Rätsels einfache Lösung bestände darin, schon wieder auf dem anderen Fuß zu stehen, wenn der Schutt gerade unter dem einen nachgäbe, so daß man mit dem beweglichen Geröll fortwährend in Bewegung sei und gleichsam »mitfließe«, wie er sich euphemistisch ausdrückt.
Ich sehe vollständig ein, daß auch dies für Leute, die es können, sehr leicht sein muß – ich dagegen, die ich noch nicht diese Geistesgegenwart der unteren Extremitäten erlangt habe, nehme mehrmals »fließend« Platz.
»Solch ein Moment war's –« und mein Hochtourist, der sich aufgestellt hatte, um den gerade sehr wirksam beleuchteten Tejakopf aufzunehmen, drehte sich flugs um und eignete sich, meiner hilflosen Empörung zum Trotz, meine »fließende« Lage auf den spitzigen Steinen an. Sobald man wieder ins Tiefland kommt, werden eben die Charaktere wieder schlechter!
Endlich werde ich »abgeknüpft«. – Man bemerkt sarkastisch, daß doch zu hoffen wäre, ich könne die steilen Wiesen ohne Katastrophe überstehen! Darauf verschmähe ich jede Antwort – und sitze gleich darauf wie festgeklebt und etwas schmerzhaft auf der klitschigen, von Wurzeln durchzogenen Erde eines »Latschengassels«.
Als sich der Hochtourist umdreht, habe ich die Hand voll braunköpfiger, nach Vanille duftender Brunellen, und erkläre in stoischer Ruhe, daß ich meine Sträuße immer sitzend zusammenstelle. – Er ist geschlagen! –
Drunten am Sebensee, dicht neben der Jagdhütte von Ganghofer, gibt's noch eine letzte Rast, wo dann der letzte Proviant großmütig verteilt wird. Rückwärts, voll Befriedigung, wandert der Blick dabei zur Sonnenspitze hinauf – von hier aus erscheint sie als ein breites, doppelt gegipfeltes Massiv.
Da oben war man – ist's zu glauben?!
»Um ganz alpin zu reden,« unterbricht der Hochtourist die stumme Selbstbewunderung, die wohl aus meinen Zügen spricht, »müssen Sie sagen: ich habe ihr den Fuß auf den stolzen Nacken gesetzt!«
Ich betrachte meine Füße in den derben Nagelschuhen, ohne mich auf das Symbolische dieser Ausdrucksweise einzulassen, und nachträglich noch überkommt mich eine fromme Scheu, daß ich es wirklich gewagt habe –!