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»Sie« am Seil

Chapter 13: Hüttenleben.
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About This Book

Die Sammlung persönlicher Reise- und Bergsteigererzählungen schildert in lebendiger Ich-Perspektive den Weg zur Hochtouristin, detaillierte Besteigungen und Hindernisse in den Alpen, Erfahrungen mit Ausrüstung, Führern und Hüttenleben sowie winterliche Erkundungen auf Ski. Neben technischen Beobachtungen und praktischem Ratschlag reflektiert die Erzählerin über Naturschönheit, körperliche Anstrengung und die gesellschaftliche Seite des Bergsports. Ein dritter Teil verlagert die Reisen in den Süden: Spaziergänge in Latium, Touren durch die Sabiner- und Tessiner Berge und Fahrten entlang italienischer Seen, die alpine Eindrücke mit kulturellen und landschaftlichen Beschreibungen verbinden.

Aber ich weiß auch, daß sie bald vergeht, und daß, wenn ein anderer Kletterberg lockt, es mich unwiderstehlich »auf seinen stolzen Nacken« ziehen wird.

Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich dann auch das »Mitfließen« besser kann.

Quer durch die Lechtaler Alpen.

Auf allen Gebieten des Lebens haben sich die Ansprüche gesteigert – je mehr Freunde und Anhänger die Touristik und die Bergbesteigung im Laufe der Jahre gewonnen haben, um so größer sind auch die Anforderungen an Bequemlichkeit geworden. Früher war man zufrieden, wenn sich eine anständige Alm fand, auf der man vor Besteigung eines Hochgipfels übernachten konnte; dann kamen die Unterkunftshütten des Deutschen und Österreichischen Alpen-Vereins, die allmählich, wenigstens die besuchteren, sich hotelmäßig gestalteten und mit zuführenden Wegen angelegt waren. Aber auch das genügte bald nicht mehr: die neueste Errungenschaft auf dem Gebiete der »Erschließung der Alpen« sind die »Höhenwege«. Sie führen über die Joche und ermöglichen die Begehung steilgefurchter, zerrissener Felsflanken und zerhackter Grate, dadurch in Tagemärschen Wanderungen von einer Hütte zur anderen gestattend, ohne daß man ins Tal hinabsteigen müßte. Gipfelstürmer können dabei immer noch einen oder den anderen Gipfel »mitnehmen«. Freilich sind diese Höhenwege nicht ganz so angelegt, wie mancher Anfänger es sich vorstellt: nämlich, daß solch ein Weg immer eben und stets den Gratlinien folgend dahinginge, nein, es bleibt auch hier noch immer nötig, öfters auf und ab zu steigen, da ein Tal hoch oben in seinem Ursprung zu queren, dort einen Sattel zu erklimmen und dergleichen. In Summa ist die Höhendifferenz, die man nach auf- und abwärts zurückgelegt hat, mindestens so groß wie bei einer Gipfeltour. Der besondere Reiz, den diese Höhenwege bieten, ist, daß sie es ermöglichen, von Hütte zu Hütte wandernd, nie unter etwa 2000 m herabsteigen zu müssen, ferner die fortwährend wechselnden Szenerien, auf die sie Ausblick gewähren. Merkwürdigerweise ist das am rationellsten durch Höhenwege erschlossene Gebiet der Alpen das der »Lechtaler Alpen«, jener bis vor wenig Jahren, mit Ausnahme der Parseierspitze, gänzlich vernachlässigten Gruppe, wenn sie auch den mit alpiner Literatur vertrauten Hochtouristen durch die Arbeiten Spiehlers, Uhde-Bernays usw. bekannt war; die Allgemeinheit wußte nichts von ihr. Diese schönen Berge, im Süden durch die Rosanna und den Arlberg, im Westen durch den Flexenpaß, im Norden vom Lech, im Osten durch den Fernpaß begrenzt, sind auch jetzt noch, trotz der prächtigen Höhenwege, ein vom großen Touristenstrom ziemlich unberührtes Gebiet. Glücklicherweise! Denn dort trifft man keinen alpinen Modebummler, sondern nur wahre Bergsteiger und Naturfreunde. Wir sind auf vieltägiger Wanderung nur ein paar Leuten, vier oder fünf, begegnet; auch die Hütten waren trotz der Hochsaison nur sehr mäßig besetzt. Und doch zeichnen sich die Gipfel dieser Gruppe durch größte Formschönheit aus; der ganze ernste Charakter wird erhöht durch die wilden Hochkare, in denen häufig tiefgrüne Seen eingebettet sind, und durch zerrissene Couloirs, in denen noch der Schnee haftet. Dazu sind in diesem Jahr die Kalkalpen, die sonst um diese Zeit schon »tot« zu sein pflegen, besonders belebt infolge des langen Schnees; überall rauschen Wasserfälle, immer neue, lustige Bäche überströmen den Pfad – und die Flora ist von einem Reichtum, wie ich sie noch in keinem Gebiet der Alpen getroffen habe. Die Hänge sind noch rot von Alpenrosen – ganz oben sind sie noch in Knospen – Seidelbast und wilder Thymian entsenden ihre Düfte zusammen mit eben erblühten Schlüsselblumen, gelben Veilchen, Anemonen, Enzianen aller Farben und Größen, dazu zarteste Glockenblumen, Stiefmütterchen von dunklem Lila, Vergißmeinnicht, kräftig wie kleine Bäume, Moose in den verschiedensten Schattierungen und Feinheiten, Löwenzahn und Sumpfdotterblumen – von den monumentalen Schönheiten des Panoramas kehrt das Auge immer wieder zu den lieblichen, vollendeten Gebilden in nächster Nähe zwischen dem Gestein oder auf dem Wiesengrund zurück! Eine wunderbare, stille Welt dort oben, die gewiß manchem höchste Wonne bringen würde – trüge ihn sein Fuß in die Einsamkeit!

Am bequemsten bricht man in dies Gebiet von der Bahnstation Pians an der Arlbergbahn ein. In vier Stunden führt ein guter Weg über Grins, dem einstigen Sommeraufenthalt der berühmten und berüchtigten Margarete Maultasch, das noch alte, außerordentlich interessante Häuser aufweist, bis zur Augsburger Hütte, die den Ausgangspunkt für die Besteigung der Parseierspitze, »der Königin der nördlichen Kalkalpen«, bildet. Die Parseierspitze ist der einzige Gipfel der nördlichen Kalkalpen, der die Höhe von 3000 m erreicht. Von der Hütte führt eine erst vor kurzem eröffnete kühne Weganlage, an der mehrere Jahre gearbeitet wurde, über ewigen Firn und schroffe, wildzerfurchte Felshänge in achtstündiger Wanderung zur Ansbacher Hütte. Der Weg übersteigt den 2972 m hohen Dawinkopf, der eine wundervolle Aussicht auf die Lechtaler Alpen und die firnbelastete Kette der Zentralalpen, von der Silvretta bis zu den Ötztaler Alpen, gewährt, bei stetig wechselnden Detailszenerien der nächsten Umgebung; aber das Grundmotiv bleibt immer der herrlich weite Blick während der ganzen langen Wanderung. Freilich ist es kein »Weg« im Sinne von Gebirgsbummlern; es gehört schon Ausdauer und ein gewisses alpines Können dazu, um ihn mit Führer zu begehen. Wer ihn führerlos machen will, muß trotz der zahlreichen Drahtseile und sonstigen Versicherungen schon eine ziemliche Gewandtheit und Erfahrung auf Fels und Schnee besitzen. Von der Ansbacher Hütte, von der aus man noch die in dreiviertel Stunden leicht zu erreichende Samspitze mitnehmen kann, geht's in sechs Stunden zur Memminger Hütte am Seebisee, wobei man das Flauschjoch, das Winterjöchl und die Grinslscharte zu überwinden hat – eine besondere Anforderung an Willen und Lust am Steigen: denn ist man eben glücklich oben, so sieht man schon wieder, wo man von neuem hinunter und jenseits abermals in die Höhe klimmen muß! Auch einen »Nachmittagsberg« kann man sich von der Hütte aus noch erlauben, den Seekogel, auf den man in einer halben Stunde gemütlich nach absolviertem Mittagsschlaf hinaufspaziert. Weiter zur Hanauer Hütte in acht Stunden, und über vier »Jöcher«! Und vor der letzten Scharte, nach siebenstündigem Auf und Ab noch ein Berg, das ist freilich bitter! Aber die Kofelseespitz (2674 m) oberhalb des noch mit Eis bedeckten Kofelsees entschädigt für die Anstrengung durch eine wundervolle Aussicht auf den östlichen Teil der Lechtaler, namentlich auf ihr wildestes Gebiet: das Parzinn.

Dann geht's steil hinab zur Hanauer Hütte, die im Herzen des Parzinn, einem durch kühngestaltete Gipfel gebildeten Zirkus, ganz in Latschen auf einem Vorsprung gebettet liegt. Nur ein schmaler Ausweg nach Norden zum Lechtal hinunter eröffnet sich vom Parzinn. Die vor etwa 15 Jahren eröffnete Hütte ermöglichte es erst, in diesem schönsten und abgelegensten Teil der Lechtaler Alpen Touren zu machen; namentlich reizt die im Augenpunkt des Hüttenpanoramas gelegene ebenmäßige Pyramide der Dremelspitze, die, lange als unersteiglich gehalten, als letzter Gipfel sich dem Nagelschuh der Hochtouristen beugen mußte. Die Innsbrucker Alpinisten Dr. Ampferer und Hammer bestiegen als erste die stolze Zinne 1896 in achtstündigem Ringen – später fand der ungeßliche Purtscheller einen etwas verwickelten, aber kurzen und verhältnismäßig unschwierigen Aufstieg, so daß man den Gipfel jetzt bequem in etwa dreieinhalb Stunden erreichen kann. Noch stehen ein paar die Route markierende »Steinmandl«, die Purtscheller selbst aufgerichtet hat. Nun am nächsten Tag übers Galtseitjoch, dann tief hinab und wieder hinauf in fünf Stunden auf den Muttekopf, den berühmten Aussichtsberg, der vielleicht die malerischsten Kontraste von seiner Höhe bietet: einen Rundblick über die Kalkberge, die Zentralalpen, dazwischen romantische Talansichten: den Kessel von Imst, das Inntal mit den einmündenden Pilz- und Ötztälern – kurzum, ein großartiges Panorama! Die Muttekopfhütte, in fünfviertel Stunden erreicht, bietet eine willkommene Verpflegstation – nun herunter nach Imst in drei Stunden! Der Fuß eilt – man drängt förmlich nach dem Stall – denn unten, im altbekannten Hotel zur Post, wartet der Koffer mit frischer Wäsche, wartet ein gutes Bett, Badegelegenheit und – frisches Fleisch! Welch ein Labsal nach sechstägiger Konservennahrung! Und so begrüßt man mit tausend Freuden alle die zur äußeren Kultur gehörenden angenehmen Dinge, vor denen man sich in die Berge flüchtete, um sie dann wieder um so intensiver zu genießen!

Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz.

»Grüß Gott, Herr Kronprinz,« sagte der Hirte treuherzig, der mich eben über Stand und Vermehrung seiner graubraunen Kuhherde unterrichtet hatte, und zog nach seiner Meinung sicherlich höchst devot die Mütze. Ich aber hoffte, daß »Kronprinzens« – denn sie waren es wirklich und ich in ihrem Jagdrevier – keinen Sinn für die Misere des Alltags haben. Denn die kriegt uns unter – mag man noch so korrekt und vorschriftsmäßig ausgerückt sein –, wenn man nacheinander eine Reihe von Hochtouren gemacht hat und seinen äußeren Menschen inzwischen nur mit den Schätzen aus dem Rucksack und den Toilettenmöglichkeiten der »Hütten« restaurieren konnte. »Kronprinzens« – jung und schön beide wie der Lenz – zogen an der Spitze ihrer Jagdgesellschaft vorüber; und ich sah am heißen Hochsommertag auf meine schweren Stiefel nieder, zog die am Felsen zerrissenen Spitzen meiner Handschuhe in nachträglicher Scham über die Fingernägel und dachte befriedigt, daß wenigstens das Riesendreieck, das ich mir »am Sitz«, als mir der nächste Tritt zu weit entfernt war und ich ihn eben liegend erreichen mußte, zugelegt hatte, unter dem im Tal wieder umgeknöpften weiblichen Attribut, dem Rock, verborgen sei. Aber wo gefällt wird, da fliegen Späne – wer sich in »die Unwirtlichkeit der Berge« begibt, wie die Poeten am Schreibtisch sagen, muß sich ihren Widerstand gegen unsere Eigenmächtigkeit gefallen lassen. Zum Schluß siegen wir – zwar mit zerzausten Federn – aber wir siegen! Und so ein Berg, zu dem man aufblickend sagen kann: »Da oben war ich einmal und sah vom Gipfel in die Lande« – zu dem behält man sein Leben lang ein verwandtschaftliches Gefühl.

Diesmal sind wir von Oberstdorf im Algäu aus gewandert; wie man weiß und ich mit Bedauern ersah: ein geschätzter Sommeraufenthalt. Mir sind solche Orte furchtbar; und für die Maskerade der Städter, die sich als »Deandl'n« und »Buam« kleiden und gebärden, fehlt mir der Sinn. Ein recht heißer Weg führt zum Freiberger See hinauf, in dessen schönem, klarem Wasser sich von dem etwas höher gelegenen Wirtshaus aus jede Bewegung der buntfarbigen Frösche – nein, Schwimmer und Schwimmerinnen – verfolgen ließ. Und versöhnend war am Abend die allgemeine Mahlzeit auf dem kleinen Marktplatz, vom Mondlicht überflutet und zur Seite von der stillen Kirche begrenzt – ein hübsches, idyllisches Kleinstadtbild! Wohin ich ginge? frug ein Bekannter. In die Lechtaler; näheres wußte ich noch nicht. Das ist sehr glaubhaft. Denn niemand macht sich ein festeres Programm als der Bergsteiger. Aber auch kein anderer Reisender ist so geneigt wie er, dem Kollegen auf Nägeln so viel gute Ratschläge zu geben und ihm in seine Pläne dreinzureden. »Von dort aus wollen Sie gehen? – Ach, da würde ich Ihnen doch vorschlagen, über den und den Paß und lieber von der und der Hütte aus.« – »Danke schön, ich weiß alles. Ich war nämlich schon im vorigen Jahr dort – auf der ›drübern‹ Seite der Lechtaler. Nachzulesen im ›Tag‹«. – »So, Sie wissen? – Dann freilich« –

Ich nicke – der Hochtourist hatte sich während dieses Gesprächs in abweisendes Schweigen gehüllt – greife nach Rucksack und Pickel und entsteige dem Postwagen, der uns die staubige Landstraße entlang geführt hat bis nach Spielmannsau. Landstraßen sind mir ebenso zuwider wie beliebte Badeorte. Und während die Mitpassagiere sich beim Kaffee von der Fahrt erholen, beginnen wir bei 30 Grad im Schatten den sonnigen Anstieg zur Kemptner Hütte. Mir ist in diesen wärmlichen Nachmittagsstunden, unter der Last meiner beweglichen Habe seufzend, eingefallen, daß Dante heutzutage eine andere Wahl für seine Fegefeuerstrafen treffen müßte; den Bergsteiger z. B., der dafür bestraft werden soll, daß er Steine auf seine Mitmenschen abgelassen hat, müßte man ewig der Hütte zuwandern lassen – etwas Bittereres kann es für ihn kaum geben! Und diese hat noch eine besondere Überraschung für den lieben Wanderer bereit: hofft man sie nach drei »steilen« Stunden nun vor sich zu haben, wenn man die Felsen verläßt, so liegt sie rechter Hand noch ein paar hundert Meter höher auf einem Graskopf! Auch einen Zweikampf hatten wir dort abends noch auszufechten: um 8½ Uhr – für eine Hütte also zu nachtschlafender Zeit – tauchte der Hüttenwart aus Kempten auf und verlangte, daß die Dame, der man das Sektionszimmer eingeräumt habe – das war ich! – sofort auszöge und sich zu den Dienstmädchen in die Kammer verfüge. Aber wozu ist das Recht da, wenn es sich nicht durchsetzen läßt? Ein Hüttenwart ist abends um 8½ Uhr auch nur ein gewöhnlicher Tourist, falls er sich ein Zimmer nicht reservieren läßt; ich parierte seine Ungastlichkeit mit eiserner Stirn; was ihm aber der Hochtourist sagte, davon will ich lieber schweigen.

Am nächsten Morgen vorwärts auf dem berühmten »Heilbronner Weg«. Er führt hart an der Mädelesgabel vorbei, auf der jeder Tourist im Algäu, der etwas auf sich hält, gewesen sein muß; wir überließen sie gutwillig der ungezählten Schar dieser Pflichtgetreuen, wanderten den Gletscher weiter aufwärts und turnten vorsichtig in die Felsen der Hochfrottspitz (2649 m) hinein. Sie bietet eine recht amüsante Kletterei – für mich das Schönste von allem Bergsteigen! – und oben herrschte köstliche Ruhe und Einsamkeit, im Gegensatz zum Gipfel der Mädelesgabel, von dem es lärmte, johlte und schrie – eine besondere Art der Kundgebung von Naturfreude, die dem Deutschen im Blute zu liegen scheint. Der Heilbronner Weg geleitet noch direkt über den Bockkarkopf (2608 m) und die Steinkarspitz (2653 m), gewährt also unter sehr hübschen Gratwanderungen den Ehrgeizigen einige Gipfel gratis. Man steigt zur Rappenseehütte ab, die ebenso wie die Kemptner Hütte der durch den Höhenweg ungeheuer angewachsenen Frequenz durchaus nicht mehr genügt. Ein gewaltiges Zelt, in dem trotz Sturm und Regen dreißig Personen Schutz suchen mußten, hilft nur wenig aus dem Dilemma; auch der Heuboden war ausverkauft. Die Bauern, denen das umliegende Areal gehört, verlangen jedoch solche Großstadtpreise für jeden Fuß Land, daß der geplante Um- und Neubau der Hütte schon seit Jahren verschoben werden mußte. Ja, die treuherzigen Bauern! In diesem Jahr geht's ihnen ohnehin gut – im Algäu brachten sie das dritte, prachtvolle Heu ein und gestanden zu, daß sie wohl seit hundert Jahren keine so gute Ernte gehabt hätten. – Wieder ganz einsam – denn die beliebten Berge dieser Gegend sind das Hohe Licht und der Rappenseekopf – zogen wir am anderen Morgen zum Biberkopf (2600 m) hinauf, gut drei Stunden von der Hütte aus. Ein merkwürdiger Berg: von einer Seite in schauerlichen, unüberwindlichen Platten aufgetürmt, von der anderen Seite in abgeschieferter Rinne bis zum Gipfel natürliche Stufen zum Klettern bietend. Oben, kaum genoß ich die Aussicht, erreichte uns ein Gewittersturm und trieb uns Hals über Kopf zur »Gufel« hinunter, einer schutzbietenden Höhle, zwanzig Minuten unterm Gipfel. Dort saßen wir klappernd und klatschnaß, bis die liebe Sonne uns befreite und das Geschäft des Auftrocknens während des Abstieges übernahm. Über Lechleiten ging's dann in glühender Mittagshitze am steilen Hang entlang in das hohe, öde Tal von Hochkrumbach, also in den Bregenzer Wald hinein, der sich wenigstens hier durch absolute Abwesenheit des Waldes auszeichnet. Der »Widderstein« (2536 m), von dem aus sich der Bodensee überschauen läßt, und der vom Wirtshaus aus so ein rechter Nachmittagsberg ist, versöhnt mit der beklemmenden Einöde des Tals. Aber ich war doch froh, nach einem halben Regen- und Rasttag abwärts über Schröcken, der »Perle des Bregenzer Waldes«, wandern und über den Schadona-Paß die allerliebste, neue Biberacher Hütte erreichen zu können. Ringsum ist alles Jagdrevier des Kronprinzen; als Aufenthalt dient ihm und seiner Familie das hübsche, kleine Jagdschloß in Hopfreben. Fast überall im Bregenzer Wald, allerdings in jedem Tal etwas anders, tragen die Frauen noch die alte Tracht. Die Kleider sind von oben bis unten in ganz feine Falten gelegt, »plissiert« würde man auf deutsch sagen, die Röcke in Kniehöhe mit einem ganz schmalen, hellblauen Streifen besetzt. Um Hals und Nacken geht eine reiche Silberstickerei, die Ärmel sind je nach Gelegenheit aus Seide, Wolle oder Kattun und von beliebiger Farbe. Die früher stets benutzte Pelzhaube wird jetzt im Sommer durch einen einfachen Strohhut mit Bandschleife, der aber einheitlich getragen wird, ersetzt; nur bei Prozessionen schmücken sich die Mädchen mit dem »Schäpeli«, einer flachen Goldkrone. Angelika Kauffmann, deren Vater aus Schwarzenberg stammte, und die hier nur ein Jahr als Mädchen verbrachte, bewahrte dem Lande größte Anhänglichkeit. Ihrer Jugendarbeit – sie malte die Seitenwände der Schwarzenberger Kirche aus – ließ sie später als Geschenk das schöne Hochaltarblatt folgen, obgleich, wie sie selbst sagte, ihr die Kraft fehlte, Gott-Vater so darzustellen, wie er in ihrem Herzen wohne. – Ich fand am herrlichsten vom Land das Große Walsertal. Eine befriedigende Expedition unternahmen wir vorher, von der Biberacher Hütte aus über das Fürkeln zur Braunarlspitz (2651 m), deren mächtiges Massiv uns schon lange lockte, und die eine der gewaltigsten Hochgipfel des Bregenzer Waldes ist. Eine herrliche Rundsicht belohnt für die Anstrengung, während die Hochkinzelspitze (2307 m), von der Hütte aus bequem in knapp zwei Stunden zu erreichen, hübsche Blicke in die nahen Täler gewährt. So, nachdem wir von allen Seiten ins Algäu und in den Bregenzer Wald geschaut hatten, wollten wir durch das Große Walsertal, über Buchboden und das entzückend gelegene, freundliche Sonntag absteigend, die Ebene zurückgewinnen. Aber schon in Garsella ging mir nach vielstündigem Marsch der Atem aus – und wir vertrauten uns einem kleinen Einspänner an. Denn wer in den Bergen denkt, bergab sei bergab, der irrt sich sehr; auch diese Landstraße stieg weiter und weiter empor, all die verstreuten Dörfer berührend, die sich auf den Terrassen der sehr steilen Talwände angesiedelt haben. Man hielt es für ausgeschlossen, daß man je ins Tal kommen würde, so tief unter uns rauschte das Wasser des wilden Lutzbaches. Endlich, nach zweistündiger Fahrt, geht es in steilen Serpentinen hinab, dem Örtchen Thüringen zu. Seit einer Woche wieder ein Postwagen – zivilisierte Menschen oder solche, die es sein wollen – ein Auto – Fabriken – die Bahn – – kleinlaut steigt man ein und fährt für 20 Heller – gottlob ist der erste Anspruch der Zivilisation an die Börse nicht groß! – bis Bludenz. Hier, in dem alten Städtchen, dessen Burg Hermann von Gilm, der bedeutendste Lyriker Tirols, entstammte, wartet man, bis sich der Himmel wieder klärt und das Fleisch so willig ist wie der Geist zu neuen Eskapaden in die Einöde – zu neuen, herrlichen Genüssen in der Bergwelt!

Vom Königspaar des Rhätikon.

Nicht des Reiters, aber des Reisenden »über den Bodensee« Auge wird am meisten gefesselt von der schneeschimmernden Scesaplana, dem höchsten Gipfel (2967 m) des Rhätikons, dieses zwischen Ill-Rhein-Gargellental und dem Prätigau aufragenden Gebirgsstocks, der sich durch die Formschönheit und Mannigfaltigkeit seiner Gipfel unter allen Gruppen der nördlichen Kalkalpen besonders auszeichnet. Die Königin dieser Kette ist die Scesaplana, um deren Schultern sich ein schimmernder Firnmantel als Hermelin schmiegt. Durch Weganlagen ist ihre Besteigung erleichtert, und ihr Gipfel, der eins der schönsten Panoramen der gesamten Alpen bietet, ist das Ziel Tausender von Bergsteigern, die je nach ihrer Befähigung leichtere oder minder leichte Aufstiege suchen. Ist hier der Preis der Besteigung die unvergleichliche Aussicht, so lockt den Hochtouristen die »Zimbaspitze« (2645 m), von den Einheimischen nur »Der Zimba« genannt, die kühnste und trotzigste Felszinne des Rhätikons; und ist die Scesaplana die liebenswürdige Königin, die den Gast entgegenkommend zu den Schönheiten der Hochalpen führt, so ist »Der Zimba« ein ablehnender Fürst, und viele, die sich an seinen Wänden und Graten versuchen, treffen bei ihm auf schroffe Zurückweisung!

Naturgemäß mußten unter den zahlreichen Gipfeln des Rhätikons diese beiden Hochzinnen unser Ziel bilden. Die »Wir« waren für »Den Zimba«, mein Hochtourist (den ich großmütigerweise mitnahm!), ein junger Führer und ich. Bei gewaltiger Hitze stiegen wir in drei Stunden von Bludenz über Bürserberg zur Sarotlahütte empor. Ich kann nicht sagen, daß ich die überaus primitiven Hütten wie diese, die nur ein Matratzenlager in einem allgemeinen Schlafraum bieten, besonders liebe; schon weil es ja keine Möglichkeit gibt, »Toilette« zu machen. Aber nach all den von bessern Spaziergängern überlaufenen Hütten der letzten Zeit war es direkt wohltuend, sich unter Leuten, die es ernst meinten und ihre ganze Expedition nicht bitter bereuten, wenn es kein »Bier vom Faß« gab, zu befinden. Jede weltliche Torheit, wie Bier überhaupt, lag dem einfachen Senn dort oben fern. Milch von seiner Kuh offerierte er und Eier konnte man haben, aus denen ich fürs Allgemeinwohl in einem schwarzgeräucherten Tiegel eine wunderbare Speise herstellte; und dann schliefen wir, zwei andere Partien, auch jede zu zwei Personen, auf dem Matratzenlager, auf dem nur das Gewissen weich war, in einer Reihe – der junge Führer als Paravent zwischen mir und den übrigen! Freilich, das Einschlafen ging nicht schnell, das pflegt auf Hütten so zu sein; und neben mir durchs Fenster funkelten die Sterne – und die andern beiden Partien hatten »große Sprüch'« geredet: wie schwer es sei – und wie unbequem eine Dame –, denn wegen Steinfalls müßte man größte Rücksicht auf einander nehmen! Wenn ich nun diese Probe auf Trittsicherheit usw. nicht bestand? Etwas zaghaft war mir zumute, und jedenfalls erleichterte es mich, daß wir am nächsten Morgen die Ersten fertig zum Aufbruch waren: so wie der Mensch nun einmal ist, mag man lieber der Schuldige sein am Steinfall (wenn es nun doch mal sein muß!) als der Unschuldige, den sie am Kopf treffen! Unsere Rucksäcke ließen wir, um beim Klettern nicht behindert zu sein, vom Sennen zum Zimbajoch hinauftragen, wo wir sie beim Abstieg aufnehmen wollten: länger als 5 bis 5½ Stunden rechneten wir nicht, da wir bei unserer »Fähigkeit« den Baedeker wie den Purtscheller in ihren Zeitangaben gewöhnlich schlagen.

Im gemessenen Schritt »Echter« begannen wir um halb fünf Uhr morgens den Aufstieg über sehr steile Gras- und Schutthalden – Fuß vor Fuß, ohne Pause, zwei Stunden lang, bis zum Einstieg in die Felsen. Hier nun wurde von dem jungen Führer mit großer Vehemenz der moralische Halt, das Seil, um die Stelle meines Körpers geschlungen, wo sonst die Taille sitzt; zugleich begann die erste Kontroverse zwischen ihm und dem Hochtouristen, der auf Grund seiner »literarischen Kenntnisse« einen andern als den vom Führer bezeichneten Weg einschlagen wollte. Doch da der Führer versicherte, in diesem Jahr schon mehrmals oben gewesen zu sein und »diese neue, leichtere Route« genau zu kennen, so gaben wir nach – leider! Denn das Resultat dieser »neuen, leichteren Route« war vollständiges Versteigen, wobei sehr schwierige und gefährliche Platten- und Traversierstellen zu bewältigen waren. Und dann überhaupt: dieser Berg! Er ist das Niederträchtigste, was man sich denken kann – »treu und fest wie ein Fels« ist ein Hohn auf ihn. Ich klettere gewiß gern, aber ich bin für Zuverlässigkeit im Leben. Bietet »Der Zimba« jedoch einen Griff – fast nur mit Grasbüscheln locker besetzte Steine – so rutscht einem plötzlich der halbe Berg entgegen – und bildet man sich ein, man hätte einen sichern Tritt, so kommt unterm Fuß sofort die ganze Wand ins Wanken. Alles ist brüchig, und dabei eine Steilheit, die oft peinlich wirkt! Bei der ersten, sehr schweren Plattenstelle stürzte der Führer beinahe ab – ich kann nicht behaupten, daß dies mein ohnehin schon sehr ins Wanken geratenes Vertrauen zu ihm erhöhte; denn auch von der Seiltechnik besaß er nur eine unbestimmte Ahnung, und gerade bei unbequemsten Stellen »vertüderte« es sich ihm, wie man in Schleswig-Holstein sagt, und unbekümmert um meine Situation schrie er dann unsichtbar von oben: »Sie, Frau, halten's Ihna fest!« Auch sonst richteten sich seine Umgangsformen nach Stand und Gefahr; das merkte ich besonders beim Abstieg. Ging es leicht, so flocht er ein »Gnädige Frau« in seine Ermahnung – in gefahrvollen Minuten riet er mir schmucklos, in den derbsten Ausdrücken unserer in diesem Punkt ja sehr reichen Muttersprache, mich einfach auf den mir von Gott dazu gegebenen Teil zu setzen und von dieser breiteren Basis aus die Hindernisse zu überwinden. Kurz und gut, der Hochtourist übernahm schon von »der« Platte aus die weitere Leitung und gab alle Anweisungen zur Seilsicherung usw. Ihm verdankten wir es jedenfalls, daß wir überhaupt, und zwar nach unendlich vielen Fährlichkeiten, bei denen ich zum Teil zwischen ihm und dem Führer am Seil eingespannt war, nach 2½ Stunden vom Einstieg aus – also im ganzen von der Hütte aus in 4½ Stunden – den Gipfel erreichten. Trotzdem hatte sich mein Selbstvertrauen neu befestigt, denn ich durfte mir sagen, daß das Seil nur zur Versicherung und nicht ein einziges Mal dazu gedient hatte, um mich »zu ziehen«, wie ein lebloses Paket – ein bei manchen Touristen nicht unbeliebtes Beförderungsmittel.

Die andern beiden Partien mit den »großen Sprüch'« hatten wir einmal in unsrer Nähe bei der Platte klappern hören. Die Armen mußten uns nachgestiegen sein, hatten das Rennen aber dort schon aufgegeben, denn wir hörten und sahen nichts mehr von ihnen, trotzdem wir fast eine Stunde am Gipfel rasteten. Eine schöne Fernsicht, wundervolle Talblicke ins Montafon, über steilabstürzende Wände hinab ins Rellstal und zu den anderen Vasallen des Rhätikons hinüber belohnten uns, gewiß; ich aber genoß diesmal besonders die Ruhe – und das Frühstück und befand mich glücklich bei dem Lob von Führer und Hochtourist, »daß ich meine Sache brav gemacht habe«. Das Ärgste, meinte ich auch, läge hinter uns. »Ja, Schnecken!« Wir nahmen den Abstieg über den Westgrat, »traversierten« also den Berg, da wir übern Ostgrat gekommen waren. Ein Versteigen war wenigstens unmöglich, da die Route immer am Grat entlangläuft – schwindelfrei muß man allerdings sein. Und seine kleinen Überraschungen bietet dieser Westgrat auch sonst; da ist z. B. eine schwierige Strecke über einen etwa 70° geneigten, von brüchigen Schroffen und lockeren Graspacken durchsetzten Hang. Die hat es in sich! Früher konnte man durch einen viel sichereren Kamin absteigen; seit dem letzten Winter ist er verschwunden, da ein großes Gratstück in die Tiefe gestürzt ist.

»Gengan S' nur zu,« sagte der Führer gerade an dieser Stelle ermutigend, viele Meter Seil über mir und durch Felsen versteckt, »der Herr wird Ihna schon zurufen, wo S' hintreten müssen!« Der Hochtourist war zu diesem löblichen Zwecke vorangeklettert. Aber kein Rat, keine Hilfe kam, und als ich endlich hochatmend innehalten mußte, weil des Seiles Länge erschöpft war, saß der Hochtourist gerettet und seelenruhig auf einem Vorsprung und versuchte den winzigsten Zigarrenstummel in Brand zu setzen, den ich je als noch brauchbar gesehen habe! Ja, man macht noch nebenher Charakterstudien in den Bergen. Eine ekelhafte, überhängende rote Nase kam; da ich mit den Füßen den spannbreiten Grat nicht erreichen konnte, sollte ich mich »einfach herunterlassen«. Ich streikte, der Hochtourist stampfte auf dem ohnehin schon wackligen Grat, der Führer schrie sinnloses Zeug von oben – ich kniete an einem senkrechten Abbruch auf einem Eck so groß wie eine Schwefelholzschachtel und wurde noch einmal energisch ersucht, diesen hervorragenden Stützpunkt nun »einfach« für die Ellbogen zu nehmen! Ich schrie alles zurück, was mir im Moment nur an tötlichen Beleidigungen einfiel – und dann entdeckte »man« – ich sage »ich«, der Hochtourist »er«, der Führer »wegen meiner« – die Idee eines Trittes an der Außenwand der Nase, auf die ich meinen rechten Fuß stemmen konnte – gewonnen hatten wir! Der Hochtourist zündete den Stummel frisch an. Nach zwei Stunden heißer Arbeit standen wir am Zimbajoch – die großen Schwierigkeiten hatten damit ein Ende. Immerhin aber folgte noch ein zweistündiger, zum Teil recht ungemütlicher Abstieg über steilen Schroffen und mit Platten durchsetzten Grashänge, die größte Aufmerksamkeit und vollständige Trittsicherheit erforderten, da es für die Hände so gut wie gar keine »Griffe« gab. Schon vom Joch aus, auf dem wir unsere Rucksäcke wieder vorfanden, winkte uns von unten die hübsche und allerliebst eingerichtete Heinrich-Hueter-Hütte, in der es wieder eine Ruhepause und eine Erfrischung gab.

Auf den grünen Matten, von der diese Hütte umgeben ist, sowie auf dem Übergang übers Säulejoch zur Douglas-Hütte habe ich übrigens zum erstenmal Murmeltiere nicht nur »pfeifen« hören, sondern spielen sehen und Männchen machen.

»Zum Abgewöhnen« kam also noch der »hochalpine Spaziergang« zur Douglas-Hütte hinüber, der eigentlich noch gar nicht eröffnet war – die offizielle Eröffnung der wirklich entzückenden Weganlage, die andauernd die schönsten Blicke bietet, ist erst einige Tage später erfolgt; in zwei Stunden erreicht man den köstlich blauen Lünersee, an dessen Ufer die berühmte, höchst originelle Douglas-Hütte »eingegraben« ist, könnte man sagen. Denn um sie vor Lawinengefahr zu schützen, ist sie von einer langen, festen Mauer bis zum Dach gedeckt, und alle Räume der drei wie unterirdisch wirkenden, nach Bedürfnis entstandenen Bauten haben nur Fenster zur Seeseite hin. Und hier gab es einbettige Zimmer – man vergißt ganz, daß so was Schönes auf der Welt existiert! – und schöne Waschtische – und die Möglichkeit, sich ungeniert aus- und anzuziehen! Man wird dankbar auf Bergeshöhen. Und wie das Essen schmeckte – nach elfstündiger »Arbeit« inklusive der Freundlichkeiten des »Zimba«.

Um neun Uhr nach notdürftiger Stopfung aller Löcher und Dreiecke in den »Unaussprechlichen« fällt man ins Bett. Aber lang wird der Schlummer doch nicht sein: »Um vier Uhr bereit – zur Scesaplana!« Il faut obéir – mitgegangen, mitgehangen!


»Der Morgen läßt sich schön an«, bemerkte ich im Dämmern des Frühmorgens am nächsten Tage. Zwischen besonderen körperlichen Anstrengungen finde ich es sehr wohltuend, mich einmal außergewöhnlicher Ausdrucksweise zu bedienen. Warum, weiß ich nicht. Und helfen tat es auch durchaus nicht. Der Weg von der Douglas-Hütte zur Scesaplana hinauf ist weder hervorragend anstrengend noch schwierig – dafür aber auch nicht unterhaltsam. »Er zieht sich«, in Volksmundart; und die Beine derer, die in unstillbarem Höhendrang lange vor der Sonne ausmarschiert waren, tauchten wieder und wieder über unsern Häuptern an den ewigen Kurven auf. Schade, man verlor sich gar nicht aus den Augen! Wir beeilten uns deshalb auch nicht; von der Serie der Frühaufsteher waren wir ohnehin die letzten – der zweite Schub sind die Bequemen, Langschläfer, der dritte die gegen jede Temperatur Immunen, die sich »in die Höh' schwitzen«, um dafür körperlich abzunehmen. Die Sonne erwischte uns übrigens auf halbem Wege und meinte es recht gut; auch lag mir der »Zimba« noch unvergessen in den Gliedern. Trotzdem waren wir nach knapp drei Stunden ans Ende aller Kurven gelangt, sahen eine Stange ragen, machten noch einmal: »Rechtsum – kehrt!« Voilà – der mit einer Art von Backofen geschmückte Gipfel; hinter einer richtigen Ofentür liegt das Gipfelbuch. »So recht 'ne Frau, die so etwas als erstes bemerkt«, meinte mein Hochtourist, der mit diesem Aufstieg nicht auf seine Kosten gekommen war, was »Bewegung« anbelangt nämlich. Sonst – der Berg ist wunderbar! Was bietet er nicht alles durch seine isolierte Lage: eine unbegrenzte Aussicht auf die Ostalpen (Tiroler) und Westalpen (Schweizer), auf deren Grenze er gerade emporsteigt. Von den Ötztalern und der Ortlergruppe im Osten bis zum Monte Rosa im Westen schaut man und nach Norden hinunter in die schwäbische Ebene, sieht die blaue Fläche des Bodensees aufleuchten, kann das ganze Rheintal verfolgen von der Quelle bis zur Mündung in den Bodensee, nickt der alten Bekannten, der Silvretta, zu, freut sich an der Bernina-Gruppe – und immer Neues, Fesselndes steigt aus blaudunstiger Ferne auf – man hat das Gefühl, man stände recht im Herzen der Alpen! – Nichts störte uns am Genießen; jetzt erst wurde es oben warm, Sachsen und Schweizer zogen schon längst wieder bergab – allein in Stille und Schönheit und vor dem immer wechselnden Spiel zartester Nebelwolken an den Bergwänden, zu schweigen von der Farbenskala, die der Morgen auf der Palette seiner Ebenen mischte. »Die Scesaplana ist die Königin des Rhätikons« – man beuge sich ihrer Würde! Aber schließlich muß man doch wieder »bergab«. Über den Brandnerferner ging's, dessen aufgeweichte, dunkle, »sumpfige« Flecken wir sorgsam vermieden. Gegen diesen Sommer nützt der beste Gletscher nichts! Aber rückwärts schauten wir und bewunderten die steilen, merkwürdig geschichteten Schroffen, in denen der Berg zu dieser Seite abfällt; und so harmlos ist er von der andern! In der Straßburger Hütte, die direkt am Ferner liegt und schon in einer Stunde zu erreichen ist, frühstückten wir. Auf kunstvoll in den Fels gesprengten Wegen, die zwar Schwindelfreiheit verlangen, für Geübte aber nur ein »alpiner Spaziergang« sind, erreichten wir den »Spusagang«, wie der letzte Teil des ganz großartigen, oft mit Drahtseilen und Leitern gesicherten Steiges heißt, der ins Gamperdonatal hinabführt. Viel erlebt man an solch einem Morgen: öde Hochgebirgsformationen, Gletscher, starre Felswände, die unbesieglich scheinen, und in die doch der Felswurm »Mensch« seine kleine Bahn gegraben hat –, Schutthänge, steile »Wasen«, wie das Gras heißt –, schließlich wieder Latschengestrüpp als neueinsetzende Flora, allmählich Kiefern, Ahorne – Matten neben dem zu Tal rauschenden Wildbach – und zum Schluß ein Idyll. Ein echtes, köstliches Idyll. Das ist der »Nenzinger Himmel« im Gamperdonatal mit seinem Sommerdorf Sankt Rochus. Unsymmetrisch verstreut auf den Matten stehen eine Menge kleiner Almhütten – es sind Sommerhütten der Bauern und Bewohner aus Nenzing, die hier oben her ihre Herden auf ihre vier großen Almen treiben, sie jetzt aber schon alle, ungefähr 700 Stück graubrauner Kühe, in Sankt Rochus vereint hatten. Selten habe ich so ein hübsches, friedliches Bild gesehen wie dieses Sommerdorf mit seiner kleinen Kapelle, dem hübschen Wirtshaus – den verstreuten Häuschen und dem Vieh, das sich durchaus als Hauptsache empfindet und ungeniert Nahrung, Wasser und Schatten sucht, wo es ihm paßt. In großen Ställen wird das Melken besorgt, und zwar nur durch Sennen – und Sommerfrischlerinnen, die das grüne Nest auch schon entdeckt haben, erscheinen in blauen Leinenhosen, um sich selbst ihre Milch zu holen. Aber der fremde Einschlag stört hier nicht – er ordnet sich der Stimmung unter.

Der Abstieg von diesem »Himmel« ins Tal, d. h. in die Ebene, dauert vier gute Stunden, vollzieht sich aber auf so schönem Wege, meistens durch Wald und höchst romantisch neben der wilden Klamm des Mengbaches, daß man Zeit und leisen Druck vergißt, den das »Bergab« allmählich in Knien und Füßen doch hervorruft. Und nun atmet man wieder die Luft des Tieflandes und möchte wie das mexikanische Tier mit dem schönen Namen Axolotl sich auch anpassen können: ein paar Lungen, weit und groß genug haben, um unendlich viel reinen Ozon dort oben auf den Bergen in sich aufzuspeichern, und zwei Kiemen, die hier unten allen Staub zurückzuhalten vermögen! Ob man nicht bei fleißigem Kraxeln dazu käme?!

Streifzüge in Südtirol.

Nein, das hatten wir nicht erwartet! Wozu waren wir denn über den Brenner gefahren, hatten uns die Tauern aus dem Sinn geschlagen und uns den südlichen Alpen zugewandt, wenn nicht in der bestimmten Hoffnung, dort Wärme, Sonne, Wohlbehagen zu finden?! Und nun saßen wir im dichtesten Schneesturm seit drei Tagen auf der Spitze des »Bechers«, zwar im gutgeheizten Zimmer des »Kaiserin-Elisabeth-Hauses«, das mit echt norddeutscher Sorgfalt von der Sektion Hannover bewirtschaftet wird, und als Unikum einer Hütte eine kleine Kapelle, die höchstgelegene Europas, besitzt. Sie ist durch das Verbot der Geistlichkeit Tirols, daß die Führer am Sonntag nicht auf eine Tour gehen dürfen, ehe sie die Messe gehört haben, entstanden; und während des ganzen Sommers finden sich junge und alte Pfarrer, die den Aufstieg nicht scheuen und in einer Höhe von 3203 m ihres Amtes walten. Aber die Nächte »dicht beim lieben Gott« und bei soundsoviel Grad Minus sind immer ungemütlich, im Wirtszimmer sitzt man Ellbogen an Ellbogen, und von den übrigen schönen Bergen, die man von hier aus noch besteigen wollte, ist auch nicht die kleinste Nasenspitze sichtbar – weißes Flockengestiebe ringsum! Da wurde schließlich auch mein Hochtourist, der mich »in die Schönheit der Stubaier« einführen wollte und der im allgemeinen zäh wie Bergmoos ist, von stiller Raserei ergriffen, die sich gegen den Eigensinn der Natur kehrte. Kurz hieß es: »Jetzt wird mir's z'dumm – jetzt wird gegangen!« Also gingen wir. Tiefbetrauert ob unseres Leichtsinns von den am warmen Ofen Hinterbliebenen, und sobald man wenigstens drei Schritte vor sich hin sehen konnte; des Morgens um sechs und bei dichtem Schneegestöber und einem Sturm, der sich von allen Gletschern in der Runde – und sie sind dort grade nicht selten! – neuen Atem und frische Kälte zu holen schien. Nachdem wir in aufreibendem Kampf die Schwarzwandscharte erreicht hatten, wo sich übrigens (Nachricht für Einbrecher!) eine Proviantstation fürs Becherhaus befindet, d. h. Kisten und Fässer lagern frei im tiefen Schnee, konnten wir wenigstens über ein paar spaltenlose Gletscher im Sitz abfahren, mir eine der liebsten Arten der Fortbewegung, und so in verhältnismäßig kurzer Zeit weniger arktische Umgebungen gewinnen, in denen gefühlvoll statt des Schnees – Regen einsetzte. Mit ihm plätscherten wir abwärts. Allmählich wurden einige Gipfel frei, unter andern der »Botzer«, der auf unserem Programm stand und uns nun auszulachen schien, auch die eisgepanzerten Recken des Seebertals. Auf der Timmel-Alm, auf der hauptsächlich Pferde gepflegt werden, gab es am rauschenden Bach das übliche Rucksack-Frühstück – inzwischen war es zehn geworden – und gestärkt geht's vorwärts, in der unberechtigten Annahme, die ärgste Arbeit des Tages hinter sich zu haben. Welch betrüblicher Irrtum! Endlos zieht sich der Weg dahin, durch einförmige Talgründe und entschieden in ein südlicheres Klima. Es wird warm, heiß – die Sonne brennt, der Wind verstummt, die Wege werden steiler und steiniger. Recht erschöpft trinkt man um drei Uhr nachmittags in Moos im Passeier diesen guten österreichischen Kaffee, den kein Land ähnlich herstellen kann und der auch diesmal die Kraft zum letzten Wegende geben soll. Trotz der prachtvoll angelegten neuen Straße nach Sankt Leonhard sind diese zwei Stunden recht bitter – und dann die Furcht, ob man den Autobus, der uns nach Meran befördern soll, noch erreicht, vor allem, ob es noch Freiplätze in ihm gibt! Kurz vor der Abfahrt kommt man in Sankt Leonhard an – und diesmal ist man dem schlechten Wetter von Herzen dankbar, das die anderen Touristen in Hütten oder Standquartieren festhält und eigenen mürben Gliedern behagliche Sitze beschert. Eine Stunde später bewundert man schon die subtropische Vegetation Merans an der Gilfpromenade, genießt den köstlichen Anblick der von Trauben behangenen Weingärten, der früchtereichen Obstbäume. Welch ein Kontrast zum Morgen – diese üppige Flora, diese angenehme Wärme – endlich, endlich hat man sie gefunden!

»Nach Meran«, meinte mein Hochtourist verächtlich, »ziehen mich im Sommer keine zehn Pferde!« Ein ausgiebiger Schneesturm hat ihn eines andern und bessern belehrt. Denn es ist hier einfach himmlisch; die Luft andauernd von leichter Brise erfrischt, prangende Fruchtbarkeit ringsum, auf den schönen Promenaden keine armen Kranken, sondern stämmige Touristen und jauchzende Meraner Kinder, die nun auch einmal die Vorteile dieses gesegneten Landes genießen. Die Kurverwaltung tut ihr Möglichstes, um die Passanten zum Bleiben zu bewegen; morgens und abends konzertiert die Kapelle wie zur Hochsaison, prächtige Waldspaziergänge hinauf zu den Schlössern Tirol, Lebenberg, Schönna locken – selbst das Steigen fällt bei der kühlen Temperatur nicht schwer – und wer dennoch reine Höhenluft möchte, fährt mit der im vorigen Herbst eröffneten Vigiljoch-Schwebebahn auf das Vigiljoch empor. Das reizende, kleine, im Bauernstil gehaltene Hotel dort oben liegt 1468 m hoch und bietet eine wundervolle Aussicht ins Etschtal, hinter dem sich die Dolomiten aufbauen. Die Fahrt mit der Schwebebahn an und für sich ist schon ein Genuß, da sich die Aussicht mit jedem Meter, den man steigt, immer mehr weitet; außerdem ist sie technisch in ihrer Länge von 2210 m, die einen Höhenunterschied von über 1150 m bewältigt, eine großartige Leistung. – Uns natürlich konnte das stille Rasten am Vigiljoch nicht genügen. Wir wanderten noch am Abend zum einsamen Gamplhof, der eine Stunde höher liegt als das Vigiljoch. Und von ihm aus beim nächsten Morgengrauen in aussichtsreicher Kammwanderung über den Rauhen Bühel und das Hochjoch zum Gipfel des Hochwart (2607 m). Er ist ein hervorragend schöner Aussichtspunkt. In gewaltigem Rund streift das Auge von den stolzen Eisriesen der Ortler-Gruppe über die Ötztaler und Stubaier Alpen zu den wildgezackten Dolomiten, der Presanella- und Adamello-Gruppe; selbst die Schweiz schickt durch die blinkenden Gipfel der Bernina-Gruppe einen Gruß herüber. Ganz entzückend ist der Tiefblick auf das grüne Vinschgau, das in seiner vollen Ausdehnung von Mals bis zur Töll tief zu Füßen liegt. – Den Abstieg, den wir teilweise pfadlos über steinige Hänge und kaum erkennbare rauhe Alpenpfade ins Ultental nahmen, kann ich nicht recht empfehlen. Er kürzt zwar den Weg zu unserm nächsten Ziel, irgendeinem behaglichen Gasthaus in Sankt Waldburg drunten nicht unbeträchtlich ab, doch nimmt er keinerlei Rücksicht auf ohnehin schon müde Füße und vom Auf und Ab leicht verbogene Glieder. Wer plagte sich nicht gern, um einen schönen Gipfel zu erreichen, aber im Almen-Terrain überläßt man jeden Ehrgeiz den Kühen und Ziegen. Viele, viele bittre Seufzer, bis man endlich, endlich den Rucksack abwerfen kann und nach der üblichen Portion »Tiroler Schöps«, unter der sich – wie immer – eine schamhafte Ziege birgt, in sein Bett kriecht. Ein vierzehnstündiger Marsch inklusive Berg genügt meinen bescheidenen Ansprüchen an Bewegung durchaus! – Schrecklich lang ist das Ultental, das wir am nächsten Tage aufwärts wanderten, und das von der Falschauer durchströmt wird. Die höchst romantische, schluchtenartige Mündung des Tales und Baches bei Lana heißt die Gaul und wird von einem großartig angelegten elektrischen Werk ausgenützt. Im obern Teil aber, der sich gegen die Ausläufer der südöstlichen Ortler-Gruppe erstreckt, ist dies Tal sehr einsam und von Touristen wenig besucht. Aber grade das zog uns an – und die Aussicht, einmal nicht in eine überfüllte, von der Mode, die ja leider auch auf die Berge steigt, bevorzugte Hütte zu kommen. Der Weg hebt und senkt sich an der Berglehne und durchschneidet bescheidene Dörfer: Kuppelwies, Sankt Nikolaus, Sankt Gertraud, und für die Heiligen dieser Ortschaften gibt's genug Kapellen und Kapellchen, mit Alpenblumen geschmückt; an einem Marienbilde steht der rührende Vers, dessen Original sich an der Gnadenbrücke im Etschtal befindet:

»Mein liebes Kind, wo gehst Du hin?
Weißt nicht, daß ich Dir Mutter bin?
Daß Keiner Dich liebt so wie ich?
So steh doch still und grüße mich!«

Nach dreiundeinhalb Stunden – sehr heiß! Aber »man« ist ja nie zufrieden, womit ich gemeint sein soll – Rast in Sankt Gertraud. Tiroler Schöps. Und dann wird's ernst. Mit der Hitze und mit der Steilheit. »Am Grünen See (2489 m) in der ›Neuen Welt‹, 3½ Stunden von St. Gertraud, oberhalb der Weißbrunner Alm die Höchster Hütte (2500 m) in prächtiger Lage,« liest man im Baedeker. Das klingt so einfach und nett, man geht, nicht wahr, und plötzlich ist man da! Wasserfälle rauschen neben einem, ein idyllisches Bild bietet mit ihrem Viehreichtum auch die große Alm – und dann geht man eben immer weiter, immer höher, immer steiler aufwärts. Die Hütte ist einzig in ihrer geschmackvollen Einrichtung, ihrer glänzenden Bewirtschaftung, und gewiß will ich auch die »prächtige Lage« an dem von Gletschern gespeisten See nicht leugnen. Aber ein klein wenig weiter hätten gerade die Serpentinen der letzten Strecke angelegt werden können – sie lagen da wie eine fest aufgerollte Schlange und mühsam dreht man sich auf ihr und um sich selbst empor. Das Kleinlautsein der »bekannten Hochtouristin« nimmt doch bedeutend zu, als sie oben von der Perle aller Wirtschafterinnen erfährt, daß der einzige Führer des Ultentales, den man vorzufinden hoffte, noch eine Partie macht: Rückkehr unbekannt! Und da sollte die Tagesarbeit umsonst gewesen sein, die geplante Tour über's Zufrittjoch und die Zufrittspitze hinab ins Martelltal auch in den Grünsee fließen –?! Der Hochtourist bewahrt männliche Fassung; aber auch er ist entschlossen, seinen Rucksack nicht selbst vier Stunden lang über die riesigen, steiglosen Trümmerhalden zum Joch hinauf zu schleppen – er studiert um. Und plötzlich tut er, als könne uns nichts Besseres passieren, ja, als wäre es schon lange unsere einzige Sehnsucht, eine große Gletschertour allein zu machen! »Die Hintere Eggenspitze,« sagt er und deutet aus dem Fenster auf den schönen, weißen Gipfel, »das ist sogar der höchste Berg in der östlichen Ortlergruppe! Und wie bequem, man geht von der Hütte aus hinauf, ohne andres Gepäck als den Proviant, kommt hierher zurück, ruht sich aus – steigt wieder ins Tal –! Dabei der Weg so einfach: eine Stunde lang grobes Moränengetrümmer, dann über den Weißbrunngletscher ohne jede technische Schwierigkeit empor. Ich seile Sie an – und damit gut!« Ce que homme veut – – ich ergab mich. Als erstes fehlte uns das Seil, das er schlauerweise oder aus Bequemlichkeit unten im Koffer gelassen hatte. Die Hüttenwirtin lieh uns das neue Fahnenseil, dessen 9-Millimeter-Stärke schlimmstenfalls ja genügt haben würde, mich zu halten. Zuerst also die einfachen Moränen, dann der einfache Gletscher. »Ist er auch gefahrlos?« fragte ich, als wir vom Fels auf den Firn hinübergingen und ich kunstgerecht als erste Fahne des Seils angeknüpft wurde. Dabei entdeckte ich, daß mein Hochtourist in die 15 m Seillänge, die zwischen uns Distanz halten sollten, eine Schlinge machte. »Da hinein,« befahl er, ohne direkt auf meine Frage zu antworten, »stoßen Sie sofort den Pickel bis zur Klinge, wenn ich einbreche, und bohren ihn fest in den Schnee, was Sie weiter tun müssen, sage ich Ihnen dann schon!« »Gern,« versprach ich mit übertriebener Freundlichkeit, plötzlich dessen bewußt, daß ich im Ernstfalle gar nicht die Kraft haben würde, ihn herauszuziehen. Verdient hätte er's ja auch keinesfalls – nur daß ich dann eben sanft nachgerutscht wäre! Anderthalb Stunden sondierte die Gestalt vor mir mit dem Pickel Schritt für Schritt; denn die Stirn dieses müden, alten Gletschers ist von Falten durchfurcht, die der tückische Schnee sorgsam zugedeckt hat. Aber wir mußten diese Schönheitsmängel aufspüren, Schritt für Schritt, und jeder sank dazu tief in die weiche Decke. Ein paarmal drehte sich mein Wegweiser in ziemlicher Hast zur Seite und sagte nur: »Dort nicht!« und ich empfand schaudernd das Gefühl nachträglich, das einen befällt, wenn der Pickel ins Leere, ins Bodenlose stößt; und dann brach er mit dem rechten Bein wirklich ein, rief über die Schulter: »Festhalten!« und krabbelte am Rand empor, während ich krampfhaft und todesmutig zog. Ich bilde mir auch heute noch ein, daß nur ich eine Katastrophe verhütet habe – bis heute habe ich aber weder einen Dank noch eine Rettungsmedaille bekommen! Aber dort: waren das nicht Spuren?! Ein Mensch mußte den Gletscher traversiert haben und zum Zufrittjoch hinübergewandert sein. Wir hielten tapfer auf die Trace los: und dann ergab sie sich als die zierlichen Abdrücke von acht Gamsfüßen, die mit untrüglichem Instinkt, wie es sich herausstellte, knapp vor jeder Spalte abgebogen waren. Auf meine innere Verzweiflung hin, die sich nur in Seufzern und kurzen Verwünschungen alles Bergsteigens äußerte, probierten wir einmal, im Fels aufwärts zu kommen; aber er war teilweise mit Schnee bedeckt und dazu so plattig und zertrümmert, so wenig Halt bietend für Fuß und Hand, daß wir reuig zu den immer noch zuverlässigeren Gletscherspalten zurückkehrten. Endlich der Grat! Er bietet keine Fährlichkeiten mehr; die anderthalb Stunden in seinem Schnee sind zwar noch mühsam und nicht gerade wohltuend, denn trotz des tiefblauen Himmels und der nun erscheinenden leuchtenden Sonne pfeift ein eiskalter Wind uns ins Gesicht; aber nun haben wir den Berg doch besiegt! Und er lohnt uns die Mühe reichlich. In greifbarer Nähe liegen die eisgepanzerten Riesen der zentralen Ortler-Gruppe, im Norden die Ötztaler, die Stubaier, im Süden die Adamello- und Brenta-Gruppe, in der Ferne die Gipfel der Bernina, im Osten die wildgezackten Dolomiten. Ja, köstlich ist die weiße Einsamkeit, die glitzernden Schneefelder, die große, erhabene Ruhe der Firnhäupter. Umsonst ist man nicht 3437 m hoch, der Stolz gibt dem Brot und echten Prager Schinken einen Extrawohlgeschmack – wenn nicht, ja wenn nur nicht, der Abstieg noch wäre –! »Sehr einfach,« bemerkt der Hochtourist, der sich für seine Anstrengungen durch reichliche Nahrungszufuhr selbst belohnt, »wir vermeiden den morschen Fels! Wir gehen nur durch den Schnee.« Ich versuche zu streiken; aber eine Frau an einem Fahnenseil, nach einer mehrstündigen Gletscherpartie, in leicht strapazierter Toilette (Beinkleid und Wollbluse!) mit Schneebrille und Fausthandschuhen, hat einiges von ihrer »Allmacht« eingebüßt. Sie muß, beim Abstieg vorangehend, den alten Spuren folgen, sinkt in dem jetzt noch viel weicheren Schnee bis an die Brust ein, klappt wie ein Taschenmesser vornüber, hat Nase, Augen und Ohren voll Schnee, besinnt sich, daß sie sich im Fels das rechte Knie verletzt hat, fühlt, daß es nun den Dienst versagt, schreit in die Lüfte, daß ihr Bein verrenkt, der Hüftknochen gebrochen und sie verloren sei – und erhält von dem in fünfzehn Meter Abstand von ihr gleichgültig ihre Hilflosigkeit Beobachtenden mit ruhiger Stimme den Rat: »Zieh'n S' das Bein raus und gehen S' weiter!«

Es ist seltsam, welch eine Suggestion in solchen durchdachten, feinempfundenen Worten liegt: man zieht das Bein wirklich heraus und geht schweigend weiter. Am Schluß des Gletschers wird die Fahne eingezogen, d. h. ich abgebunden. Aus den kleinen Wasserrinnen, die in frühester Morgenstunde bescheiden zwischen dem Geröll rieselten, hat der schmelzende Schnee nun reißende Bäche gemacht, mit großspurigem Auftreten. Und ein bißchen gewachsen nach dieser Gletschertour fühlt man sich selbst auch: ohne Führer – und bei der Möglichkeit (oder besser Unmöglichkeit!) im Ernstfall den Hochtouristen aus einer Spalte ziehen zu müssen – gar nicht schlecht! Man hat sich gut bewährt. Unten, bei der Hütte, ist man überzeugt, daß zwar alle Fähigkeiten zu großen Eistouren vorhanden sind, daß man jedoch, um nicht aus der Übung zu kommen, doch noch eine rechte, schöne Kletterpartie machen möchte. Und dazu gibt's ja immer nur eins: die Dolomiten!

Hinaus zum langen Ultental, das man wirklich gründlichst kennen gelernt hat, von Sankt Waltraud in der vollgestopften Post bis Oberlana bei Meran. Per Bahn nach Bozen und mit einem der unzähligen Hotelwagen, die täglich noch ungezähltere Fremde befördern, durch das Eggental, vorüber an der pompösen alten Burg Karneid der Münchener Erzgießerfamilie von Miller, von Birchabruck und Welschnofen, den köstlichen Blick auf den Latemar, den Rosengarten, die Ortler-Gruppe genießend. Das Wetter scheint etwas unsicher, und oben auf der Höhe des Karerpasses, die man vom berühmten Karerseehotel durch einen schönen Waldweg erreicht, regnet es sanft. Bedenken steigen in einem auf, wie sie nur zu berechtigt sind: setzt etwa eine neue Regenperiode ein, müßte man auch tagelang dasitzen in der Glasveranda des Karerpaßhotels und Patiencen legen oder Balkannachrichten lesen, von denen doch keine einzige wahr ist?! – Da kommt der Mond über den Paß und übersilbert dankbar diesen herrlichen Fleck Erde. In aller Frühe lockt der leuchtende Schnee der Gipfel ans Fenster, ein jauchzender Tag bricht an, und vorsichtig trappt man mit den Genagelten die Treppe hinunter, um ja die Schläfer nicht zu stören, die Armen, die von dem Wunder draußen nichts ahnen. Mögen sie nur Patiencen legen, wenn sie aufwachen! Viele schöne Wege gibt's in den Alpen; aber der schönste, unvergleichlichste, die Krone aller Wege ist der Hirzelweg vom Karerpaß zur Kölner Hütte, die am Südwestende der Rosengartenspitze liegt. In klarer Morgenluft und immer wechselnder, zarter, wunderbarer Beleuchtung lagen sie da in langer, endloser Kette, die göttlichen Gebilde: die Latemar-Gruppe, die Presanella, die Brenta, die Ortler-, Ötztaler- und Stubaier-Alpen, der Schlern, der Tribulaun; die zweieinhalb Stunden zur Hütte (2325 m) verfliegen im Genuß all der Pracht, die sich von der Hütte aus noch ebenso bewundern läßt. Und man begreift nur zu gut, daß die Sektion Rheinland noch ein Touristenhaus anbauen mußte, das einen Tag vor unserm Besuch eröffnet worden war: wer diese Hütte nicht gesehen hat, hat nichts gesehen! – Gleich hinter der Hütte geht's steil empor über das Tschaggerjoch (2644 m) und wenig abwärts zur vielbesuchten Vajoletthütte, dem Ausgangspunkt für die meisten Touren in der Rosengarten-Gruppe und auf die kühnen Vajolettürme. Wir wandern am nächsten Morgen zum Grasleitenpaß, deponieren unter Geröll die Rucksäcke und steigen auf den höchsten und zugleich aussichtsreichsten Gipfel des Rosengartens, den Kesselkogel (3001 m), der einen wunderherrlichen Blick über fast ganz Tirol bietet und im übrigen bei wenig Kletterei und einem ganz amüsanten Band eine nette Vormittagsunterhaltung gewährt. Durch den großartigen Grasleitenkessel, wo der Schnee noch eine lustige Abfahrt gestattet, geht's zur Grasleitenhütte hinunter, wo der Führer für den nächsten Tag engagiert wird. Direkt vor der Hütte, so daß man den unteren Teil des Aufstiegs durch die schwierigen Kamine ganz übersehen kann, erhebt sich der Grasleitenturm – ein paar Junge, Führerlose, durchklettern ihn grade, und heißes Verlangen nach ihm packt mich! Aber natürlich: der Hochtourist ist schon oben gewesen und fand es daher für mich peinlich, von den »Hüttenwanzen«, die auch jetzt an der Arbeit waren, kritisiert zu werden. Was mich aber im nächsten Jahr durchaus nicht verhindern wird! – Für diesmal war die Traversierung der mittleren und östlichen Grasleitenspitze beschlossen, »auch eine schwierige Tour mit Kletterschuhen«, wie ich getröstet wurde. Tatsächlich hat Gottfried Merzbacher, damals schon ein vorzüglicher Kletterer, vor ca. dreißig Jahren erklärt, daß die Grasleitenspitzen unersteiglich sein dürften – wie hat sich der Maßstab geändert! – und wirklich erscheinen sie von der Hütte aus wie eine geschlossene Mauer, die jeden Angriff abweisen muß. In der Nähe löst sich die steile Fläche allerdings auf und bietet gute Griffe und Tritte; immer aber ist sie außerordentlich exponiert und erfordert in den knapp drei Stunden, die man bis zum überraschend großen Gipfelplateau der mittleren und höchsten Spitze (2705 m) braucht, strengstes Aufpassen. Die Kletterschuhe legten wir diesmal schon in der Hütte an, und kraft ihrer Anschmiegsamkeit an den Fels, und der Überlegung, die sich schwierigen Situationen gegenüber plötzlich einstellt, ging alles vorzüglich. Meine Zwirnhandschuhe waren zwar »hin« – ich kletterte zum Erstaunen aller geaichten Alpinisten nie ohne Handschuhe –, denn die Felsen waren scharf und fest zugreifen mußte man schon; aber die Glieder gottlob heil! Ganz so gut ging's uns beim Abstieg zur Scharte zwischen der mittleren und östlichen Spitze nicht. Diese Tour ist außer Mode – entthront durch den Grasleitenturm! – und es fand sich deshalb viel brüchiges Gestein vor uns, das sonst von den Kletterern nach und nach beseitigt wird. So war bei der großen Exponiertheit doppelte Vorsicht geboten. Der Hochtourist entdeckte einen Kamin, der ihn stark anlockte, und grade stiegen wir in ihn hinein, er voran, ich in der Mitte, der Führer mich von oben bewachend, als ein entsetzliches Getöse über uns entstand. Ich blickte zum senkrecht über uns stehenden Gipfel, schrie: »Steinschlag!« – und drückte den Kopf in eine Felsspalte. Ein faustgroßer Stein traf mich schmerzhaft auf der Hüfte, und pflichtgemäß schrie ich auf; aber es war wohl mehr die Angst vor der Ungewißheit: »Kommt noch mehr – und kommen noch größere?« Recht peinliche Augenblicke sind das, die man da zubringen muß, als Spielzeug des Zufalls! Rasch wie er gekommen, war der Steinschlag vorüber – man atmete auf – und machte sich wieder an die Arbeit. Es erwies sich, daß meine Beine für einen Tritt im Kamin zu kurz waren, und ich hing daher einige Meter zwischen Himmel und Erde, was man euphemistisch »abgeseilt werden« nennt. Aber wenige Minuten später stand auch ich auf der mit Schnee bedeckten Scharte, und kaum eine halbe Stunde später erreichten wir den östlichen Gipfel, womit alle Schwierigkeiten ihr Ende gefunden hatten. Denn der Abstieg zum Molignonpaß ist nur ein Spaziergang von wenigen Minuten. Dort standen allein und in der Mittagsstunde bratend, unsere Genagelten, die ein Hüterjunge hinaufgetragen hatte, und die uns nun im Schutt hochwillkommen waren. Wirklich, eine schöne und schwierige Tour war's, die man weniger wegen der Aussicht – sie ist nur nach Westen und Norden lohnend, im Osten und Süden lagern sich höhere Gipfel vor – als um der reinen Kletterfreude willen macht. Eine Extrabelohnung ist noch der Weg von der Grasleitenhütte durchs Tschamintal. Wald und Matten dünken einem zwar immer besonders herrlich nach ein paar Tagen in den steinernen oder firnenreichen Wüsten des Hochgebirges. Aber der Blick rückwärts vom idyllischen Tal auf die von unten überaus kühn und steil aufragenden Valbuonköpfe, die Grasleitentürme und die Spitzen, die man nun stolz wie alte Bekannte grüßt, ist von einem großen und unvergeßlichen Zauber. Und ein letztes Mal noch umfaßt man die verlorene Herrlichkeit vom kleinen Kapellchen St. Cyprian aus, bei Weißlahnbad, einem willkommenen, oft benutzten Vorwurf für die Maler; und trägt die Erinnerung an so viel glückliche, wenn auch mühevolle Tage und Stunden mit sich, wenn man auf leise schmerzenden Füßen durchs Tierser Tal in die Welt der Alltäglichkeit und Flachheit zurückwandert.

Hüttenleben.

Die meisten Menschen, die im Sommer eine Erholung suchen, wollen's »gemütlich« haben. Je nach ihren Ansprüchen und Mitteln wählen sie den Aufenthalt in einem eleganten Bade, einem bescheidenen Kurorte oder, wie's jetzt »Mode« geworden ist, in abgelegenen, primitiven Bauernhäusern; Bedingung bleibt immer, daß man es sich eben nach seiner Auffassung »gemütlich« machen kann, jede geistige und körperliche Anstrengung vermeidet und alle vierundzwanzig Stunden einem Dolcefarniente weiht. Im Durchschnitt wird das ja nun das richtige sein, um die Nerven zu beruhigen – worauf es den Sommerfrischlern in der Hauptsache ankommt! Der einzige, der auf sein Programm nicht mit rosa Lettern und nachlässiger Schrift das Wort »Frieden« schreibt, ist der Hochtourist. Zwar bringt sicherlich ihm am ehesten die köstliche Bergeinsamkeit allmählich ein inneres Ausruhen und eine wirkliche Befriedigung, aber vor seinen Erfolg haben die Götter in Wahrheit viel Schweiß gesetzt – er muß täglich aufs neue kämpfen, mit sich selbst, mit der Natur, um den wohlverdienten Lohn zu empfangen. Von »Gemütlichkeit« ist bei ihm nicht viel die Rede. Schon seine Ausrüstung deutet auf die Anstrengungen, Gefahren und Entbehrungen, die seiner warten. Er allein löst sich in den Wochen seiner alpinen Tätigkeit von der Zivilisation; noch mehr: auch auf die ihm angeborene oder anerzogene Kultur muß er ein wenig verzichten, soweit sie seinen äußeren Menschen anbelangt. Das tägliche Bad, frische Wäsche, Kleiderwechsel zu jeder Tageszeit oder jedem Witterungsumschlag, das gibt's ebensowenig wie pünktliche Mahlzeiten, einen mit Luxus gedeckten und mit reicher Auswahl besetzten Tisch. Von vornherein läßt sich also annehmen, daß sich nur diejenigen den Bergsport zur Erholung erwählen, die von den elf Monaten ihres bürgerlichen Daseins nicht »untergekriegt« sind und einen Vorrat an unverbrauchten Nerven und fester Gesundheit besitzen, der sie befähigt, den kommenden Strapazen Trotz zu bieten.

Sieht man sich einmal die alljährlich stark anwachsenden Mitgliederlisten des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins wie der übrigen zahlreichen alpinen Klubs und Vereinigungen an, so darf man daraus wohl nicht mit Unrecht einen Schluß auf die Volkskraft und -gesundheit ziehen. Steigt von all diesen Hunderttausenden jährlich auch nur ein gewisser Prozentsatz wirklich auf die Berge, so genügt er doch, um uns nicht ganz hoffnungslos in die Zukunft unserer Rasse schauen zu lassen; wir sind darnach doch nicht so entnervt, verbraucht und dekadent, wie manche Schwarzseher uns in klugen, wissenschaftlichen, aber sehr schmerzenden Abhandlungen darzustellen belieben! Leute, die sich wochenlang auf ihre eigenen Füße verlassen, ihr Gepäck, oft auch den Proviant für mehrere Tage selbst schleppen und mit der einfachsten Lagerstatt und den simpelsten Mahlzeiten für die ganze Zeit vorliebnehmen – alles aus Begeisterung für die Natur und ihren Sport –, in denen lebt noch etwas von dem echten, so oft verspotteten und angefeindeten deutschen Gemüt und dem Wesen, an dem nach des Dichters Wort die Welt genesen sollte. (Was sie vorläufig allerdings vorgezogen hat, nicht zu tun!) Uns aber behüte dieser Beweis unerschütterter Gesundheit vor dem Verzagen. – »Aber auf den Hütten, nicht wahr, soll es doch so unterhaltend sein?« – Wie man's nimmt. Unterhaltend, ja; für Leute, die eben mit Leib und Seele Alpinisten sind. Denn erzählt wird fast nichts als von besonderen neuen Anstiegen, alpinen Erfolgen – oder Katastrophen. Heiter ist es deshalb nicht immer; dafür belehrend, auch durch die Art, wie erzählt wird. Man sieht aus ihr, wie rasch unter den Kundigen Prahler und Lügner entlarvt werden, wie nur wirkliche Energie und Intelligenz anerkannt und der fade, sich wiederholende Schwätzer bald zur Ruhe verwiesen oder zur Einsamkeit verdammt wird. Auch sonst wirkt das Hüttenleben durchaus erzieherisch. Keine Idee von den unsichtbaren Triumphbogen, die unten im Tal der Wirt und der Portier für jeden noch so harmlosen Gast in aller Devotion erbauen! Man mag von der eigenen Leistung bis zum Mützenrand erfüllt sein oder die Brust von den kühnsten Vornahmen für den kommenden Tag geschwellt haben – man rückt bescheiden vor der Hütte an, stellt den Pickel, der sich so schön ausnimmt, mit seinem vernarbten Stock nach allgemeinem Brauch vor der Tür auf, läßt den Rucksack im Gang auf die Erde gleiten und betritt möglichst unauffällig und ebensowenig von den Anwesenden irgendwie beachtet den inneren Raum. Ein »Grüß Gott!« mit dem Wirtschafter und den Gästen, an deren Tisch man Platz nimmt, ausgetauscht – das ist alles. Dann erfährt man so nebenher, daß die Einzelzimmer, falls solche überhaupt vorhanden, schon vergeben sind. Daß leider das frische Fleisch schon verzehrt wurde und von allen Konserven nur noch Gulasch, was einem schon wegen des folgenden Durstes zuwider ist, angeboten werden kann. Wasser zum Waschen gibt's schon seit mehreren Tagen nicht mehr – kein Regen und viel Besuch! Aber daß es morgen schlecht Wetter wird – wo man sich seit Jahren gerade auf diesen Gipfel gefreut hat – ja, das scheint Tatsache zu sein. Wie aufrichtig dankbar ist man, daß es doch noch einen Teller Erbssuppe gibt – wie sparsam geht man mit dem Töpfchen warm Wasser um, das den ganzen Abend zur Limonade reichen soll! Selten ist man sich so erquickt und ausgeruht vorgekommen wie nach einer halben Stunde auf der harten Holzbank, im Rauch verschiedensten Tabaks und dem Duft der Küche, deren Tür wegen der angenehmen Wärme nicht geschlossen wird. – Hat man dann ein Lager für die Nacht angewiesen bekommen, so wechselt man dort, auf der Pritsche sitzend, seine Bergstiefel gegen die Hausschuhe. Das Glücksgefühl hierüber kann nur der teilen, der neun bis zehn Stunden die Nägelbeschlagenen bergauf und bergab gesetzt hat. Unten findet man die Gaststube leer – alle sind hinausgeeilt, die eben noch todmüde, verhungert, unfähig, ein Glied zu rühren, waren, um den Sonnenuntergang zu sehen. Niemand spricht. Jeder schaut nur – ist versunken in den erhebenden, heiligen Anblick des langsam in einem Purpurmeer vertauchenden Gestirns. Wie noch hier und dort ein Hang in voller Pracht strahlt – im Tal ein Fensterchen wie ein mächtiger Diamant aufblitzt – die Wolken allmählich die stille, sanfte Glut annehmen, die das Herz mit Sehnsucht nach den Herrlichkeiten erfüllt, die sie verschleiern – und dann, von der Tiefe aufsteigend, Nacht und Schatten sich um den Fuß der Berge legen, höher und höher klimmen und schließlich die Welt ringsum in den Schoß der Unendlichkeit aufnehmen. Die Menschen hier oben, die vom Zufall zusammengeweht sind, stehen wie auf einer kleinen Insel. Leise streicht der Wind durch das magere, kurze Gras – kein Laut, kein Ton sonst! Ja, jetzt ist Friede. Der Friede, um den sie hier heraufgestiegen sind. Die großen Schauer der Einsamkeit rütteln an ihrer Seele; hier oben erwacht sie und füllt sich mit heiliger Freude, daß sie noch imstande ist, die Wunder ringsum bis ins kleinste zu empfinden und zu genießen.

Schweigend kehrt man endlich, wenn das Auge nichts mehr unterscheidet, in die Hütte zurück. Und nun kann's eine »gemütliche« Stunde geben – vielleicht! Nicht immer. Manche Menschen besinnen sich zu schnell auf die nüchterne Wirklichkeit und ihr Naturell zurück; nur wenige haben den richtigen »Hüttenton«, der eben einen geraden, harmlosen, ungekünstelten Charakter voraussetzt. Alles Gemachte, Unnatürliche hält dem schlichten Rahmen der Holzwände und weiter draußen dem der starren Felsen nicht stand. Hier ist Natur. Sie fordert unverfälschtes Menschentum. »Laß die Berge den Frieden bringen unter das Volk und die Hügel die Gerechtigkeit.« Ich glaube nicht, daß König Salomo das war, was wir heute einen Alpinisten nennen. Aber den Zauber wie die Allmacht der Berge auf das Menschenherz – die hatte er voll erkannt.

Eine unterirdische Hochtour.

Es regnete nicht: es goß. Das beliebte Münchener Schlackerwetter, das die Luft in undurchsichtige Rauchschwaden umwandelt und die Straßen mit zähem Brei überzieht, so daß man beständig, nur unpoetischer: »Schwan kleb' an« spielt, hatte einmal wieder von uns Besitz ergriffen, auch vom Herzen und allen Sinnen.

»Und doch ein Wetter, wie geschaffen für eine Bergtour«, sagte mein Hochtourist.

Ich sah ihn an: ein Meter Neuschnee wurde von allen Höhen gemeldet, bis tief ins Tal lag schon die weiße Decke, das Thermometer zeigte an meinem wärmsten Fenster (allerdings Nord-Nord-Ost!) vier Grad um die Mittagszeit und sank nachts in nicht zu berechnende Niederungen – und dann eine Hochtour?

»Gewiß – aber eine unterirdische. Dazu langt's grade. Oder vielmehr, da können einem endlich mal alle Wetterprophezeiungen und -nachrichten gleichgültig sein, da ist man unabhängig, frei – also?« Und auf mein Zögern und den nachdenklichen Blick in das braune Düster, das sich für Tageslicht ausgibt, lockert er mit geschickter Hand den letzten, im Bequemlichkeitskamin festgeklemmten Stein:

»Am 24. September haben sie's eröffnet – und wir waren noch nicht draußen!«

Der Stein rollt. So was kann man nicht auf sich sitzen lassen! Aber ich versuche am nächsten Morgen doch meine Genagelten recht graziös und unhörbar aufzusetzen, um von niemand beim Abstieg von meiner Etage in die Ebene überrascht zu werden – denn ein Badekostüm mit imprägnierter Fußbekleidung wäre immerhin noch passender als das Hochtouristenkostüm und der Rucksack. Bei der endlos langen Fahrt mit der Tram zum Isartalbahnhof hinaus lernt man jedoch einsehen, wie unnötig wichtig man sich wieder einmal vorkam, und daß sich der gute Münchener, der an die größten Kontraste in der Toilette seiner Mitmenschen gewöhnt ist, wegen einer, »die spinnt,« d. h. nicht ganz richtig im Kopf ist, nicht weiter aufregt. Der Hochtourist wandert rauchend am Zug auf und ab und ignoriert alle bescheidenen Einwürfe: »Ja, wer eben feig' ist, der soll daheim ›am Stuhl‹ sitzen bleiben.« Ich fahre also mit ihm ab; an den entzückenden, heute nur zu ahnenden Villenkolonien und Ortschaften des Isartales vorbei. Hinter Wolfratshausen – nicht eine Minute eher, denn von der Geburt bis zum Grabe speist der Münchener um 1 Uhr – dinieren wir kalt aus dem Rucksack. Kalte Gans, kalte Kotelette, kalte Äpfel, kalte Limonade – um uns als moderne Menschen harmonisch der kalten Umgebung anzupassen. »Jetzt fahren wir mit 'm Postauto – das wissen's doch?«

Ich habe es nicht gewußt und hätte nie eingewilligt – daher schweige ich.

In Kochel (sprich: Koh–chel) wartet es auf uns. Der Chauffeur heißt uns als einzige Passagiere herzlich willkommen, und – o Wunder! – es regnet nicht mehr, es sinkt nur noch feucht, aber äußerst durchdringend aus dem Nebel nieder. »Koh–chel« am gleichnamigen See durchfliegen wir und in ängstlichen Kurven die Landstraße auf und ab, an Obstgärten mit traurig leeren Bäumen vorüber – durch Wald, dem die Sonne fehlt, um seine rostbraune Schönheit aufleuchten zu lassen, an steilen Hängen hin, um schmale Kehren herum, bei denen es heißt: »Hier könnte man sonst den und den Berg sehen« – »da gäb's eine herrliche Talaussicht« – die Phantasie bekommt Spielraum genug – das hat auch sein Gutes. Den Walchensee, an dessen Ufer, in Urfeld, es eine erste Station gibt, sieht man wirklich. Und freut sich, daß er noch da ist. »Verschandelt« nach Münchener Ansicht soll er nach dem berühmten Projekt, das ihn einerseits als Staubecken vorsieht, um den Lauf der Isar zu regulieren, andererseits seine Wasserkräfte für elektrische Werke – man denkt an verschiedene Bahnlinien – ausnutzen will, vom nächsten Jahr an doch schon werden. Freilich, zur »Reisezeit« will man ihm seinen früheren Bestand gönnen, und tiefer als unter 4.60 m seines gewöhnlichen Standes soll er sowieso nie gesetzt werden! Aber es ist wohl leider so: die Poesie und Idylle muß der Nützlichkeit weichen; durch einen 1070 m langen Stollen, der durch den Kesselberg gebohrt werden wird, soll das Walchenseewasser zum 200 m tiefer gelegenen Kochel geleitet werden, wodurch natürlich auch hier große Umwälzungen nötig sein werden, um den Bestand des Kochelsees zu regulieren. Über Nutzen oder Schaden dieser Riesenpläne ist man sich in Bayern noch recht wenig einig – das Projekt jedoch wird verwirklicht und soll 19?? beendet sein. Heute sieht der vergewaltigte See recht friedlich aus; wie im Urzustand, ein Chaos von Wolken über ihm, als sei Wasser und festes Land um ihn her noch nicht geschieden. Aber unser Fuß fühlt eine etwas konsistentere Masse, als wir in Dorf Walchensee von Bord – nein, Verzeihung, es war doch ein Auto! – gehen. Und dann noch drei Viertel Stunden zu Fuß über den Katzenkopf, einen waldbestandenen Hügel, der reizend sein soll, wenn man ihn sieht, nicht nur fühlt, nach Einsiedl. Ein hübsches Gasthaus am Ende des Sees – aber sehr einsiedelhaft in der jetzigen Saison. Die Autos rasen seitwärts die »Staatsstraße« empor, die nur ein paar Meter vom Haus vorbeiführt und es dennoch vom Getriebe ausschließt. Zwar, wir sind dankbar für die Ruhe. Und zufrieden, dicht am Ziel zu sein.

Am nächsten Morgen segeln die Nebel unter gutem Wind über den See. Es hat stark gereift in der Nacht, und die Luft ist von köstlicher Herbe; vorläufig kann's uns ja noch egal sein – aber später! – Eine gute halbe Stunde geht es auf einem schmalen, frischausgehobenen Weg steil bergauf; wie ein schwarzes Land hebt sich die fruchtbare, schwere Erde vom Moosboden ab. Überall Markierungen, Pfeile, Schilder: »Es ist verboten –« und »es wird gebeten –«, ich fürchte, beides ohne viel Erfolg. Der Verein der »Naturfreunde«, dessen Arbeit uns diese Tour ermöglicht, wird bald sehen, daß es ein undankbares Geschäft ist, an das ästhetische Gefühl seiner Mitmenschen zu appellieren – schon jetzt finden sich genug häßliche Spuren des »Kulturmenschen« vor. Dann stehen wir vor der Höhle, der Angerhöhle am Simetsberg, der unser Besuch und die »Hochtour« gelten soll. Der obengenannte Verein hat sie erschlossen, weist aber am Eingang noch einmal darauf hin, daß ihr Besuch nur auf eigene Rechnung und Gefahr geschähe; in einem Prospekt, den ich erhielt, heißt es außerdem, daß die Höhle nur in Begleitung und mit Reservelicht zu betreten und ihre Begehung mit Schwindel behafteten, ungeübten und korpulenten Personen nicht zu raten sei. Man macht also wirklich eine alpin-touristische Kletterei, eine richtige Hochtour im Innern der Erde!

Wir zündeten unsere Laternen an, mein Stock wurde einem Baum am Eingang anvertraut – dann ging's an! Gleich mit zwei sehr steilen Leitern, dann durch einen schmalen Gang, der das Aufrechtgehen nicht erlaubt. Das Auge lernt bald, den kleinen Lichtkreis der Laternen auszunützen, denn vom Tageslicht dringt kein Strahl in dies unheimliche Dunkel. Man hat auch nicht auf »Korpulente und Ungeübte« Rücksicht genommen, man muß klettern, sich strecken, über Dutzende von senkrecht stehenden Leitern, über große Blöcke, schmale Steige, die über einen Abzugskanal für das von den Wänden tropfende Wasser gelegt sind, dann wieder auf eisernen Stiften über schaurige Tiefen fort, an gähnenden Spalten vorüber und an düsterblinkenden Wassertümpeln – kurzum, eine echte, rechte Hochtour macht man, ehe man nach einer Stunde bei bescheidenem Kerzenlicht das vorläufige Ende des Ganges bei einem etwa 15 m langen See erreicht. Hier gibt es sogar ein Höhlenbuch wie sonst ein Gipfelbuch, und ganz stolz über die Leistung schreibt man seinen Namen ein. Ich muß sagen, daß die »Angerhöhle« durch ihren alpinen Charakter von allen Höhlen, die ich je gesehen, am interessantesten ist. – Dann photographierten wir; der Mensch – diesmal der Hochtourist – ist ja nie zufrieden. Blitzlicht hatten wir mit; ich mußte es entzünden. Es ist eine empfehlenswerte Einrichtung. Abgesehen davon, daß mein »echter« Haselnußstock, an den ich die Tüten hängte, verkohlte, meine sämtlichen Fingerspitzen verbrannten, und ich mich in irgendeine Ecke nach vollbrachter Tat des Anzündens stürzen mußte, um meine Augen zu retten, erstickten wir fast an dem sich entwickelnden Rauch, der nirgends entweichen konnte und uns deshalb als Wegweiser nahm. Wir photographierten in verschiedenen Gängen – der neue Rauch sammelte sich zum alten, sogar unsere kleinen Kerzen in den Laternen starben beinahe. Und das wäre recht unangenehm gewesen! Ob die Bilder »etwas« geworden sind, ist fraglich – daß wir froh sein konnten, den »Naturfreunden« nicht zu begegnen, ist außer Zweifel. Als wir wieder ans Tageslicht kamen – es war nicht rosig, sondern blau und golden, von strahlender Schönheit! – zog der übelriechende Rauch noch immer neben uns her.