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»Sie« am Seil

Chapter 20: Die Erfindung.
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About This Book

Die Sammlung persönlicher Reise- und Bergsteigererzählungen schildert in lebendiger Ich-Perspektive den Weg zur Hochtouristin, detaillierte Besteigungen und Hindernisse in den Alpen, Erfahrungen mit Ausrüstung, Führern und Hüttenleben sowie winterliche Erkundungen auf Ski. Neben technischen Beobachtungen und praktischem Ratschlag reflektiert die Erzählerin über Naturschönheit, körperliche Anstrengung und die gesellschaftliche Seite des Bergsports. Ein dritter Teil verlagert die Reisen in den Süden: Spaziergänge in Latium, Touren durch die Sabiner- und Tessiner Berge und Fahrten entlang italienischer Seen, die alpine Eindrücke mit kulturellen und landschaftlichen Beschreibungen verbinden.

»Macht nix,« sagte der Hochtourist ungerührt, »jetzt ist es erst wirklich Fafners Höhle.«

Nun gab's noch einen wirklichen Gipfel, den des Simetsberges, und dann eine wunderbare vielstündige Wanderung bis hinunter nach Eschenlohe. Die glühenden Fackeln der Buchen zwischen dem Grün der Tannen, die Birken und Pappeln im zartesten Gelb – silberne Herbstfäden über den harten Brombeerblättern, wie leichte Wolken das weißballige Jelängerjelieber, im Volksmund »Gemsröckl« geheißen, im Buschwerk hängend. Dazu der wilde Schrei der Hirsche, die ihre Liebsten vom goldnen Lager aufjagen, die Lüfte zerreißend – im steinernen Bett das sanfte Lied des Waldbaches. Und ein Rauschen in den Baumkronen, verheißend, beseligend, daß auch nach diesem bunten Todesreigen die Natur zu neuem, ewig-schönem Leben erwachen wird.

II.
»Sie« auf Ski.

Bei den »Säuglingen«.

»Ausschau'n tun Sie, Säugling, als wenn S' heut' gebor'n wär'n!«

Sehr genau wußte ich, daß sich diese Schmeichelei nicht auf ein unerhört jugendliches Aussehen, sondern auf einen glühend roten Teint bezöge. Blendender Schnee, starke Anstrengung, scharfe Luft und leuchtende Sonne machen in wenig Tagen aus der zartesten Haut – die ich natürlich sonst habe! – ein Burgunderpergament. »Wie kann man nur,« sagten meine Münchener Freunde, »grade zur Faschingszeit! Wo S' am Montag zum Bühnenball wollen!«

Ich fürchte, es wird weder etwas mit dem Bühnenball noch mit einem andern. Denn außer einem Rote-Grütze-Teint bringe ich ein stark lädiertes Bein mit heim, das sich der kräftigste Herr des Kurses als Stützpunkt bei einem Fall ausersehen hat. Aber was tut das alles? Können die gestörte Schönheit oder ein verrenktes Körperglied ins Gewicht fallen gegen diese köstlichen, frohen Tage unter Zdarskys Leitung? Was dieser Mann mit 159 Personen, von denen die meisten blutige Anfänger in der hohen Kunst des Skifahrens sind, in wenig Tagen macht, wie er vor allem aus einer disziplinlosen Masse mit allen bösen Instinkten der Menge, als da sind: Ungehorsam, Unbotmäßigkeit, Widerspruch, Besserwissen usw., einen wohlgeschulten, gefügigen Körper ausbildet, der ihm aufs Wort gehorcht und immer mehr einsieht, welch ungeheure Nächstenliebe und Aufopferung dazu gehört, monatelang in jedem Winter ohne den geringsten Entgelt außer dem Dank der »Säuglinge« Hunderte mehr oder minder Geschickter anzulernen, das ist erstaunlich. Und scheint mir bei aller hohen Achtung vor der Kunst und dem selten vielseitigen Wissen dieses Mannes das bewundernswerteste. Es ist geradezu spaßhaft zu sehen, wie zahm auch die Kecksten werden; und wie man selbst auch nicht auf den Gedanken käme, irgend etwas anderes zu machen, als er es in unermüdlicher Geduld »vorturnt«. Dies genaue, schulgemäße Wiederholen aller Übungen tut auch dem Vorgeschrittenen gut – weshalb ich nur jedem raten kann, von Zeit zu Zeit einmal wieder an einem Kurs teilzunehmen – denn nur zu leicht wird man bei kürzeren Touren und gutem Schnee gegen viele Regeln gleichgültig und hat dafür in Ernstfällen zu leiden. Zdarskys Methode, die ja nur den Zweck verfolgt, Bergtouren im Winter zu ermöglichen, verlangt eben eine exakte Ausführung ihrer auf gründlichster Erfahrung und Berücksichtigung aller vorkommenden alpinen Verhältnisse aufgebauten Gebote. Da darf man sich gern einmal wieder als »Säugling« betrachten, wie er seine Schüler mit Vorliebe benennt, und sich in Reih und Glied mitaufstellen, um seinen militärisch gegebenen Kommandos präzise zu folgen. Für den vierten alpinen Ski-Kurs, der »heuer« vom 14. bis zum 21. Januar stattfand, war ein herrliches Gelände ausersehen, nämlich das um Oberammergau. Mit seinen mäßigen Hügeln, die auch dem Anfänger Mut zum »Stemmfahren« und »Stemmbogenfahren« machen, und den schönen Bergen für die üblichen Touren der letzten Tage, wäre es »ideal« gewesen – falls sich ein besserer Schnee vorgefunden hätte. Ich muß sagen, daß ich mir recht lächerlich vorkam, als ich vor acht Tagen mit voller Skiausrüstung die Reise zum Passionsdorf antrat und immer weiter in eine grünende Landschaft hineingeriet, über der schon Frühlingshoffnung zu schimmern schien. Von Schnee ka Spur! Ein Hamburger, der eigens zum Kurs aus seiner nebligen Stadt herunterkam – es sind übrigens Teilnehmer aus ganz Deutschland und Österreich vorhanden – kehrte schleunigst wieder um, angesichts des bißchen Rauhreifs, der da und dort in den Wäldern hing. Der ungläubige Thomas mag sich stark ärgern, wenn er nun erfährt, wie schön es besonders in den ersten Tagen war: köstlichster Pulverschnee, in dem sich die Stemmbögen wie von selbst schlugen. Nun freilich ist der Schnee bei starker Sonne am Tage und Frost des Nachts verharscht, und das »Abfahren – marsch!« löst keine reine Freude in der Seele auch des charakterfestesten Skifahrers mehr aus. Z. B. gestern, die erste Tagestour zum Laber-Joch hinauf. Zdarsky schont seine »Säuglinge« nicht. Mit größtem Geschick wählt er seinen Weg so, daß alles, was man gelernt hat: Hindernisse nehmen, Zäune überklettern, Bäche durchwaten usw., angewendet werden muß. Dann heißt's plötzlich: »Abschnallen«, und über eine Stunde hat man die Skier auf der Schulter einen steilen, vereisten Hohlweg emporzutragen. »Das zieht hin«, sagt man bei uns im Norden. Dann wieder: »Anschnallen«, und die freundliche Erlaubnis, nun eine Viertelstunde auf den Skiern auszuruhen. Aber die Sonne glitzert auf dem blauweißen Schnee, die Gipfel ringsum funkeln im Licht, wolkenlos spannt sich der Himmel über den Wäldern – da kommt mit dem ruhigeren Atem die Freude an all dem Schönen zurück – und das Vergnügen, mit frischen, gesunden Menschen zusammen zu sein, bei denen die Liebe zur Natur und zum Sport einmal glücklich alle kleinlichen eitlen Regungen ausgelöscht hat. Darauf geht's tapfer bergauf mit der Devise: »Spurhalten«, bis ein schöner, sonnenbeschienener Platz erreicht ist: »Eine Stunde Rast«. Ein Rieseneifer entwickelt sich; genau nach Vorschrift wird im Schnee ein Platz ausgetreten, die Skier dienen als Sitz, die Fäustlinge werden zum Wärmen über die Fußspitzen gezogen – wer ein Zdarsky-Zelt besitzt, zieht es mit zwei Griffen um sich her, andere suchen im Freien einen geschützten Punkt, um unter dem mit Schnee gefüllten Kochapparat den famosen Zdarsky-Brenner anzünden zu können. Ein lustiges Lagerleben entwickelt sich blitzschnell, Obst und Süßigkeiten werden ausgetauscht, nach dem alten Grundsatz, daß Fremdes immer besser schmeckt als das eigene. »Und die Photographen arbeiten fieberhaft.« Kocher sind bekanntlich dazu da, um im letzten Moment umzustürzen. Trotz des Vorwurfes meines Hochtouristen, ich hätte den Apparat »natürlich« falsch aufgestellt, nämlich nach genauer Vorschrift auf den flachgelegten Skiern, kochte mein Teewasser beinahe, und ich verschüttete nur ein Viertel des Inhalts. Nun übernahm er die Wacht – Männer können bekanntlich alles besser – auch kochen! – tat mit Riesenwichtigkeit gleich Zucker und Teekonserven in die schmelzende Masse, und sagte: »Wer mir nun an den Skier stößt, den –« Es kochte – und auf die Sekunde warf er den ganzen Apparat um! »Es ist leichter, Tee zu trinken als zu bereiten«, sagte ein Nachbar gefühllos und trank die mitgebrachte Flasche leer, während wir auf den braunen Teefleck im reinen Schneetischtuch starrten. Ich glaube, es ist einerlei, welchen Kocher man besitzt; sie besitzen alle dieselbe Eigenschaft, erst umzufallen, sobald es kocht.

»Anschnallen!« Die Rucksäcke werden gepackt und »modelliert«, damit sie nicht drücken, und weiter geht's, bis sich die Talmulde vor uns weitet. Lawinenstürze durchfurchen die weißen Hänge, und ruhig, von Zeit zu Zeit den Schnee prüfend, legt der stets voranschreitende Hirt eine flache Spur an, die allmählich, in langen Serpentinen, die Herde empor zum Joch führt. Mehrmals kreuzen wir die Lawinen, aber da ist niemand, dem auch nur ein Bedenken aufsteigt. Aus den Vorträgen, die Zdarsky allabendlich von acht bis zehn Uhr hält, und in denen er alle Themata, die dem Skifahrer wichtig sind, berührt, angefangen von der Haut- und Körperpflege, der Kleidung bis zu den alpinen Gefahren, weiß man, wie vertraut diesem Mann die Schnee- und Eisverhältnisse sind; unbedingt überläßt man sich seiner Führung. Eine lange Kolonne, noch immer über hundert Personen – die anderen sind aus irgendeinem Grund von dieser Tagespartie abgefallen – steigt aufwärts, »wendet« an den Kehren, eine Prozedur, deren glückliches Gelingen am Hang mehr als sonst irgendein menschliches Tun vom Zufall abhängig ist, und blickt sehnsuchtsvoll zum Joch hinauf: noch zwei Stunden, bis man jenseits in die Ebene hinabschauen kann – noch anderthalb – noch eine – da heißt es: »Halt!« Gute Läufer gebrauchen noch dreiviertel Stunden bis »hihnauf« – mit dem Gros der Säuglinge, dem Zeitverlust an den Kehren, würde es noch fünfviertel Stunden dauern. Es geht nicht, man käme in die Nacht hinein. Wer sich dazu imstande fühlt, mag den Aufstieg versuchen – für die übrigen heißt es »abfahren«. Aber wie?! Der Schnee ist tellerbrüchig, d. h. er bricht in großen, harten Stücken bei jedem Tritt ab; deshalb ist Stemmfahren unmöglich, ebenso »Reitsitz«. Bleibt nichts übrig, als die Spur einfach zurückfahren. Nun, das geht schneller als das Bergauf, ist nicht gerade das Ideal der Abfahrt und zeitigt auch noch viele Stürze. Durch den Wald geht's schöner als am Berg und gestattet zum Teil sogar Stemmbögen. Am Hohlweg wird man zum »Reitsitz« eingeladen. Mir scheint es eine vortreffliche, wenn auf die Dauer auch nicht angenehme Massage für den ganzen Körper. Am Schluß weiß man, wo jeder Knochen sitzt und jede Muskel angewachsen ist. Die von der Kleidung verdeckte Haut sticht überhaupt nach diesen Tagen von der roten des hehren Antlitzes ab; denn sie ist – nicht weiß, o nein, sondern blau und grün. Ein rosiger Abendhimmel liegt über dem stillen, kleinen Dorf zu unseren Füßen; die Glocken läuten schon den Sonntag ein. Man ist daheim; glücklich und ziemlich heil. Und morgen geht's fort. Eins hat nur gefehlt: Neuschnee. Aber der Mensch darf nicht alles wollen! – Von niemand besser als von Zdarsky, diesem seltsamen, großen Menschen, kann man ja Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit lernen. Das ist ein Extrageschenk an seine »Säuglinge« – ein größeres noch als seine Kunst, die uns die Herrlichkeiten des Wintergebirges erschließt.

Die erste »Ausfahrt«.

»Na ja«, sagte ich, zwar nicht ganz überzeugt davon, daß es für mich auf dem Übungshügel, zu dem wir täglich einen etwas steileren ausgesucht hatten, nichts mehr zu lernen gäbe, und daß ich meine Kenntnisse nun im Gelände erproben müsse, aber doch nachgiebig, um nicht in den Geruch der Feigheit zu kommen – dieser Eigenschaft, die jeder Berechtigung zu irgendeinem Sport sofort Grund und Boden abgraben soll. Und bis dahin hatte ich Mut bewiesen, viel Mut; nicht nur darin, daß ich gleich versucht hätte – was ja alle anderen auch müssen! – auf den unzuverlässigen langen Holzschuhen von einem Abhang in die Tiefe zu gleiten, sondern daß ich nach den Tausenden von Stürzen, von denen meine Übungen während einer ganzen Woche unterbrochen worden waren, mich immer von neuem erhob, meine Glieder einrenkte und unverdrossen wieder bergauf stieg, als sei mir nicht das geringste passiert.

Und doch herrschte nur eine Stimme darüber, daß ich im Fallen den Rekord erreicht habe! Ich kann nicht behaupten, daß mein Lebensziel: irgendwo und bei irgendeiner Leistung einmal die erste zu sein, sich gerade auf das Hinfallen konzentriert hätte, aber es scheint, daß man nicht nach der Art des Wunsches gefragt wird – eines Tages wird er einem erfüllt, und es bleibt nichts anderes übrig, als zufrieden zu sein. – Ich konnte jetzt aber nicht nur hinstürzen, sondern besaß die hohe Kunst der alpinen Technik, d. h. ich konnte »Stemmbogen« fahren, war mithin in der Lage, jeden Abgrund nicht von vornherein kopfüber, sondern erst nach verschiedenen Bogenlinien hinunterzusausen – denn daß man zum Schluß nicht hinfällt, das soll eigentlich nur Ausnahmemenschen passieren. Zu denen gehöre ich in keiner Beziehung.

Den Rucksack auf dem Rücken, den Bambusstock nach Lilienfelder Art (nicht die zwei schwedischen Zündhölzer nach Norweger Manier!) in der mit dickstem Fausthandschuh versehenen Rechten, so zogen wir also eines wirklich schönen Morgens bei 10 Grad Minus und prachtvollem Rauhreif von Neuhaus bei Schliersee durchs Josephstal bergauf. Vorläufig zogen wir auch die Skier am Tragriemen hinter uns her, denn eine steile, glatt gefahrene und -gefrorene Straße mit scharfen Kurven frißt die Kräfte zu sehr; man überwindet sie lieber mit Nagelschuhen! Um so schöner muß nachher die Abfahrt auf ihr sein. Wenigstens behauptete das mein über die Anfangsstadien des Skisports hinausgewachsener Hochtourist; und ich glaubte ihm natürlich. Wir Frauen haben trotz aller modernen Regungen noch immer viel Respekt vor männlichen Aussprüchen, und eine »blutige Anfängerin« tut außerdem am besten, blindlings den Worten eines Erfahrenen zu glauben. Das sagte der Hochtourist auch nicht ein-, sondern mehrmals.

Ich wanderte versonnen dahin, zögerte zuweilen an besonders schwierigen Stellen und war von Herzen dankbar, daß sie durch Geländer versichert seien. Nicht gerade für mich – aber mancher Unfähige konnte an diesen unbehaglichen Kurven doch leicht Schaden nehmen! An anderen Biegungen beschloß ich, den sich etwas unverschämt in den Weg drängenden Granitfelsen mit graziöser Schlängelung auszuweichen – kurzum, der Wald, der mit uns bis zum Spitzing-Sattel emporstieg, und ich, wir wurden recht gute Freunde, und ich empfand wieder einmal tief, daß es mir gegeben ist, schnell zu der mich umgebenden Natur ein Verhältnis zu finden.

»Gott sei Dank,« sagte der Hochtourist, als wir oben am zugefrorenen Spitzingsee eine kleine Rast machten, »daß die Alm oben bewirtschaftet ist! Der Proviant wiegt doch immer tüchtig – heute fühlt man den Rucksack kaum.« – Ich widersprach nicht, obgleich die Toilettesachen einer Frau immer etwas reichhaltiger sind, mag sie auch fast alle Ansprüche auf Luxus im Tal gelassen haben, und ich willigte ein, da es von nun an doch bedeutend steiler wurde, meinen Kleiderrock und mein Jackett mir noch in den Rucksack packen zu lassen. In Beinkleidern bewegt man sich bedeutend leichter, und warm genug würde es mir ohnehin schon werden!

Dies ist die einzige Prophezeiung, die eingetroffen ist! Sogar siedend heiß wurde mir, als ungefähr nach einer halben Stunde auf einem sehr schmalen, am steilen Hang entlang führenden Fußsteig der Schnee unter meinem linken Ski nachgab und ich nach meiner Meinung unaufhaltsam in die Tiefe kollerte. Ich schrie um Hilfe, ließ meinen Stock fahren, fiel immer tiefer in den Schnee, so daß ich weder wußte, wo meine Beine, noch wo meine Arme seien und musterte angstvoll die Bäume, um den zu entdecken, an dem ich zerschellen würde. Sie sahen alle gleich erwartungsvoll aus, und in meine Todesangst hinein sagte von oben die Stimme meines Hochtouristen:

»Erstens läßt man sich nicht hinunterkollern, sondern stemmt sofort den Stock vor den Skiern ein; zweitens haben Sie vergessen, sich quer zum Hang zu drehen, drittens – –«

Meine aufwallende Empörung gab mir die Kraft zum Sprechen zurück: gab man einem in Todesangst Schwebenden gute Lehren? Durfte noch von irgendwelchen Theorien die Rede sein, wenn höchste Gefahr im Verzuge war – schien es christlich oder auch nur menschlich denkbar, einem Verlorenen nicht beizuspringen –? – »Fällt mir gar nicht ein! Sie sind auch nicht in Todesgefahr: schauen Sie sich nur um, kaum zwei Meter sind Sie abgerutscht! Und das erste Prinzip beim Skifahren ist: niemand zu helfen –«

Selten im Leben habe ich solch eine Verachtung für einen Menschen empfunden. Er und seine Worte waren Luft für mich! Entgegen allen Lehren, sogar denen, die ich mir schon angeeignet hatte, krabbelte ich nach eigenem Ermessen, das natürlich bedeutend mehr anstrengte und mehr Zeit in Anspruch nahm, auf den Weg zurück.

Mein Hochtourist ignorierte mein Schweigen; mit der Beredsamkeit, die auch dem ruhigsten Sportsmann eigen ist, sobald er auf sein Gebiet kommt, schilderte er mir die zahllosen Möglichkeiten und Errettungen bei einem Absturz, illustriert durch mehr und minder passende Beispiele. An mir prallte alles ab; wie die andern sich retteten, mit welcher Umsicht, mit wieviel Energie, das galt mir nichts mehr. Mein Unfall hatte mir jedenfalls gestattet, einen Einblick in das alpine Herz meines Begleiters zu tun – und ich fand es stark verroht! Wenn der Sport dazu dienen soll –!

»Nun kommt die erste größere Abfahrt im Gelände,« ordentlich begeistert klang seine Stimme, »nun sollen Sie mal beweisen, was Sie gelernt haben!«

Ich –? Nichts! Ich würde es nicht können, ich bekam Platzfurcht, die Tannen mit ihren schneebedeckten Zweigen drehten sich vor mir, der Himmel verwandelte sein Kobaltblau in ein giftiges Grün – – –

»Wenn's ›Übungshügel‹ hieße, nachher wären Sie schon drunten! Und gar, wenn der Herr Lehrer dabei wäre oder die andern Anfänger –! Nur weil's eben 'was Neues ist, sind Sie feige –« – Mein Gott, war ich das wirklich?! Ich maß die Höhe ab, sie war geringer als all meine letzten Probiergegenden, ich sah auf meine Skier, ich biß die Zähne aufeinander und lehnte mich vornüber – – es ging nicht.

»Also nachher fahren S' da in die Wiesen 'nein und dann auf mich zu, im Bogen! Aber nicht nach links, denn da ist ein tiefes Loch – – –«

Ich fuhr geschwind und mit aller Gewalt in das tiefe Loch.

»Das haben Sie ja nur gewollt«, sagte ich zu meinem Hochtouristen. Und dann fuhren wir als Todfeinde in ziemlicher Entfernung voneinander zur Fürstalm hinunter.

Aber gemeinsames Leid, vor allem gemeinsames Schimpfen verbindet ungeheuer; es gab keinen Bissen Brot mehr in der Fürstalm, die Sonntagsgäste hatten alles verzehrt, und was noch übrig gewesen war, eine Abteilung Soldaten, die von ihren Offizieren im Sport unterrichtet wurden. Wir konnten froh sein, eine Tasse dünnen Kaffees und ein paar gesottene Eier zu bekommen – dafür saßen wir draußen in der schönsten strahlenden Sonne. Vor uns lag der Berg, den wir uns ausersehen hatten: der Stümpfling.

»Nur noch dreiviertel Stunden – bis dahinauf zu seiner runden Kuppe?!« Nein, ich wollte nicht hinauf, ich wollte überhaupt nur abfahren und den Sport ein für allemal aufgeben. Mir machte er keinen Spaß, das hatte ich heute erfahren, immer nur fallen, abstürzen, sich ängstigen – – –

Bis ich meinen Kaffee getrunken hatte. Und die merkwürdig frischen Eier gegessen – Eier, wie sie in München nur noch in alten Märchen vorkommen. Aber so dicht vorm Ziel umkehren – das ist wirklich feige! Und was ich mir im Leben vorgenommen und angefangen habe, das führe ich immer durch. Ein Prinzip muß der Mensch doch haben.

Ich ließ mich nicht auf Erörterungen ein, ich sagte nur: »Ich gehe doch hinauf!« und schnallte meine Skier wieder an. Der Hochtourist lachte.

Wir trugen die Rucksäcke hinüber und deponierten sie im Schnee, um sie bei der Rückkunft wieder mitzunehmen. Und trotzdem ja meine Last kaum zu spüren sein sollte, konnte ich die dreiviertel Stunden überwinden, als seien mir Flügel gewachsen.

Der Stümpfling bietet eine ganz schöne Aussicht über die Schlierseer Berge, aber übermäßigen Genuß hatte ich nicht davon: Die Abfahrt – Herrgott, wenn nur die Abfahrt nicht gewesen wäre! – Bis zu den Rucksäcken ging's; sie leuchteten vertrauensvoll aus dem Schnee wie düstere, aber doch Anhaltspunkte gebende Sterne. Auch die für Anfänger so berühmte und gute Abfahrt bis zum Spitzingsattel wurde ohne besondere Katastrophen überwunden. Ein paarmal Kopfüberstürzen, mit dem Gesicht in den Schnee, oder bis an die Schultern einsinken – das sind nicht nennenswerte Kleinigkeiten! – Die Platzfurcht war merkwürdigerweise auch überwunden. Aber dann – die liebe Straße durch den Wald, mit den Kurven, die ich am Morgen schon sorgsam studiert habe – die hat's in sich! Und noch Stemmfahren, d. h. ein Bein im Winkel zum anderen stellen, wenn ohnehin die Kniee schon zittern, an dieser Kurve das Geländer zum Absturz, an jener ein vorspringender Granitfels zum Kopfzerschellen lockt, wenn der Schnee zum größten Teil vereist ist und man gerade, wenn man langsam fahren oder sogar bremsen möchte, in rasendste Geschwindigkeit gerät, das ist ein Kampf mit dem Objekt, zu dem schon gute Nerven und Ausdauer gehören. Ich sah ein, daß die Freundschaft für den Wald nur von meiner Seite aus empfunden wurde, und daß die Bäume, die Felsen, die Abhänge wie Feinde auf mich lauerten. Aber ich bin ihnen entkommen; zwar mit farbigen Merkmalen des Ringens am ganzen Körper, mit einem Teint, als hätte ich wochenlange Hochtouren hinter mir und dem Gefühl, als wäre der Ausdruck »mit heiler Haut« reichlich optimistisch gewählt. Trotzdem bin vorläufig doch ich der Sieger. Und den nächsten Berg, auf den ich mit Skiern steige, den habe ich mir schon ausgewählt!

Aus der Winterfrische.

Fast mehr noch als im Sommer wird dem zur Natur bekehrten Kulturmenschen plötzlich im Winter die Stadt mit ihren tausend Ansprüchen »z'wider«. Weihnachten und Silvester haben seinem Magen, seiner Börse und seinen Gefühlen den Rest gegeben, in jeder Hinsicht ist er übersättigt. Die letzten Krümel Marzipan, wie die mit Dankesworten kunstlos durchwebten Neujahrsbriefe bringen ihm einen bittern Geschmack auf die Zunge. Hinterher scheint es ihm, »daß es mal wieder nichts war«, wenigstens kein Jungbad der Freude, mehr ein Untertauchen im Fango – und seine Seele zieht aus, um einen reinen Sprudel zu suchen. Setze dich in die Bahn und fahre von München aus nach Süden, Ost oder West, das Gute, das Schöne, das Herzerquickende liegt so nahe, nur eines kleinen Ruckes der Energie bedarf es, um dir vorzustellen, daß der Fasching ebenso froh ohne dich sein wird, daß man auf Soupers und den berühmten – bequemen Nachmittagstees kaum nach dir fragen wird, daß Konzerte und Theater, die du dir ohne deine Gegenwart nicht vorstellen kannst, genau ihren guten oder peinlichen Verlauf ohne dich nehmen werden. Ach, lieber Gott! du ahnst nicht, wie überflüssig du bist, wie bedeutungslos deine Persönlichkeit – aber diese Erkenntnis, die dich daheim zuweilen heimlich grämt, so daß du beflissen bist, sie ängstlich vor dir selbst und anderen zu verstecken, hier draußen lächelst du über sie: hier bist du ja noch viel, viel weniger, ein Fleckchen, das die Sonne bescheint, ein Atom, das sich preisen muß, bescheiden in der Stille zu stehen und die Pracht nicht in ihrer Harmonie zu stören!

Einen weltabgelegenen Platz habe ich gefunden, an dem man nichts von der Eisenbahn hört noch sieht, vor dem sogar die altmodische Post auf ihren Schlittenkufen in einer knappen halben Stunde haltmacht. Im Schatten der entzückenden, von Meisterhand bemalten Wallfahrtskirehe von Birkenstein liegt das Haus, der Waldbach an seiner Seite murmelt leise in deinen Traum hinein. Der Nußhäher klopft mit starkem Schnabel ans Fenster und bittet um sein Frühstück, Buchfinken, Goldammer und zierliche Spechtarten durchzwitschern schon den Garten, der Zaunkönig lugt vorsichtig aus dem Buschwerk. Schlage deine Augen auf, trinke die Sonne ein, die durch die glitzernden Scheiben flimmert! – der Tag ist dein, dein die Welt, die Höhen, der Wald, die stillen Marterln am Wegrand, die stolze Majestät der makellosen Schneefelder! Schnell deinen Kaffee; der Raum ist erfüllt von jungen, gesunden Menschen, die mit Leib und Seele ihrem Sport huldigen, und bei deren frohem Anblick man sich sagt: »Gott sei Dank, noch ist Deutschland nicht verloren!« – Dann holst du dir deine Skier, prüfst mit geübtem Blick Bindung und Schrauben, trittst hinein, nimmst als einzige Last den Bambusstock sorglos unter den Arm, und nun fort, fort. Anfangs über glattgefrorene »Ziehwege«, von den schweren Holzschlitten mit ihrer nachschleppenden Last schön ausgefahren, dann seitwärts hinauf an einem Hang, der dich lockt, und immer weiter hinein in die verschneite Einsamkeit. Da oben liegt ein Gipfel, dessen weiche Konturen rosa überstrahlt sind, tapfer setzt sich ein Ski vor den andern in die Wunderwerke der kristallenen Decke, und ohne Atemnot, leicht und frei die kalte, köstliche Luft in die Lungen saugend, stehst du auf der Höhe, die Erde mit ihrer Herrlichkeit zu deinen Füßen. Unten im Tal wogt noch der Nebelkampf, in weißen Massen schiebt's sich an den Hängen entlang, nur blitzartig Dörfer, Kapellen, Wälder entschleiernd. Aber die Sonne lacht ob dieser Spielerei wie eine immer geduldige, nachsichtige Mutter, schrittweise, als wollte sie niemand wehtun, erobert sie sich das Feld – und plötzlich taucht wie neugeboren und unverhüllt das gewaltige Bild des Tales vor dir auf. Und du durftest wieder einmal dabei sein bei der Offenbarung vollendetster Schönheit – was kann dich noch treffen, dich niederdrücken mit einem Schatz solcher Freuden im Herzen?!

Nicht nur deinen Mut, deine Energie stählst du auf diesen stillen Fahrten in das wirkliche Märchenland, wahre Lebensfreude und -fähigkeit nimmst du mit fort als besten Teil! Und nun die Abfahrt. Lange Zeit hieß es: »Stemmfahren – stemmfahren – und nicht verzweifeln!« Endlich löste sich das Rätsel, und zwar nach Art der meisten Rätsel auf die einfachste Weise: alles Überlegen, alle Theorie erscheint überflüssig, hemmend – eben weil sie in Fleisch und Blut übergegangen ist, und jeder bildet sich ein, diese zu alpinen Touren absolut notwendige Technik sich allein angeeignet und allein erfunden zu haben. Der »Meister« hier ist längst an die Ketzerei der Flüggegewordenen gewöhnt, er lächelt nur darüber. Man selbst fühlt sich verwachsen mit den langen, schlanken Eschenhölzern, nach Belieben setzt man sich in Bewegung, schlängelt sich in Serpentinlinien kreuz und quer durch den Wald hinunter und überläßt sich an freien Hängen dem Hochgenuß eleganter Stemmbogen, bald den Stock je nach der Wendung rechts oder links einsetzend, bald ihn bei ebenerem Terrain unterm Arm haltend. »Wer Stemmbogen fahren kann, beherrscht die Welt« – mindestens die winterliche, alpine; und wer zuerst mal ohne Sturz einen Hügel »besiegt« hat, kommt sich wie ein kleiner Napoleon vor. Freilich, mehr Mühe, als die Götter sonst vor den Erfolg gesetzt haben, braucht man zur vollkommenen Aneignung dieses »Sports des Fallens«, wie ich ihn anfangs voll Wut selbst getauft habe. Aber kaum ein anderer löst dafür solch eine Befriedigung aus, da er den Genuß sonst verschlossener Freuden im Winter ermöglicht.

Wenn Neuschnee fällt und es unaufhörlich vom grauweißen, kaum erkennbaren Himmel niederrieselt, gibt's zur Abwechslung frohe Rodelpartien. Daß man als Skifahrer dies Vergnügen verachten soll, ist ein törichtes Märchen; so einmal gedankenlos, flachliegend, nur an den Kurven mechanisch das Gewicht verteilend, in rasender Fahrt bergab zu fliegen, das tut außerordentlich wohl, und beim mühseligen Bergaufziehen des Schlittens muß man sich stoisch damit trösten, daß dies eben der gesündere Teil sei! Eine »Seeschlange« haben wir gemacht und alle rodelnden Jungen – und wer rodelte hier nicht, wo man seine Besorgungen, seien es Briefmarken oder Milch, mit dem Schlitten absolviert! – mit ihren Rodeln an den unserigen gebunden und so in langer Kette zu ihrem und unserem höchsten Gaudium zu Tal gefahren: »A Hetz' war's«, wie sie versicherten. Die kleinsten Kinder fahren hier von Höhen herunter – die Hände in den Muffen oder Hosentaschen, gelinde mit den Hacken ihrer winzigen, nagelbeschlagenen Schuhen steuernd –, bei deren Anblick Stadtmüttern alle Haare, falsche wie echte, zu Berge stehen würden. Hier sieht niemand hin, wenn sich ein paar der geborenen Sportsleute übereinanderkugeln, aber es weint auch keiner bei einem noch so derben Puff.

Wir sind aber nicht nur ländlich: gestern hatten wir einen Ball, beim Kramerwirt. Mit einer Musikkapelle auf dem Podium, einem mit Tannengirlanden geputzten Saal, und Blumensträußen aus München, die sich am seidenen Brusttuch der Vronis und Zenzis nicht schlecht ausnahmen. »Geschuhplattelt is worden« – und mit eisernen Mienen fanden sich die Tänzerinnen zu den Armen ihrer stampfenden, mit den Händen klatschenden Partner zurück. Der Tanz ist hier etwas sehr Ernstes, Würdevolles – niemand lacht, niemand spricht ein Wort dabei. Aber ist die Tour beendet, die im Laufe des Abends immer kürzer wurde, so traktiert »er« »sie« mit einem Trunk. Ich gestehe, daß ich etwas Kopfschmerzen habe, trotzdem ich nicht ein Achtel von den Musikern geleistet habe, die sich schließlich als gänzlich unabhängige Menschen entpuppten und nach eigenem Behagen und eigenem Takt ihren Part erledigten.

Ja, hier ist Freiheit, Schönheit, Lebensfreude! Es leben die Berge – es lebe der Winter!

Das Talbein.

Als Konny Bendemann ihr Fenster öffnete, um in ihr enges Zimmerchen die ihr anempfohlene Bergluft hereinzulassen, fesselte sie ein merkwürdiger Anblick: die ganze Straße, so weit sie nur sehen konnte, durchwanderte ein Zug schweigsamer Menschen, deren Köpfe von je zwei langen Hölzern überragt wurden, so daß ihre Erscheinungen aufrecht gestellten Riesen-Hirschkäfern glichen. Ach ja, heute begann der berühmte Kurs des Schneeschuhlaufens unter der Leitung des noch berühmteren Skiapostels, von dessen Künsten, auch den erzieherischen, man sich Wunder erzählte. Behaupteten doch seine Anhänger, daß es für die nach seiner Methode Fahrenden keinerlei Schwierigkeiten mehr gäbe, und ebenso, daß auch der Feigste steile Hänge spielend auf- und absteigen könne. Der Feigste! Konny schlug in Gedanken an die eigene Brust.

Nur eine Bergpartie hatte sie im Leben gemacht, zum Wendelstein hinauf; aber da sie sich beim Abstieg während eines Gewitters ungeheuer kläglich benommen hatte, so hatten ihre Bekannten geschworen, sie nie wieder mitzunehmen. Doch im Winter, wo auch Gewitter seltene Erscheinungen waren, da mußte es ganz herrlich sein, über den Schnee durch bereifte Wälder zu eilen und dann von oben abwärts zu sausen – z. B. von der Alpspitz drüben! Sie hatte ungefähr eine Vorstellung davon, als würde man über deren scharf abgeschrägten Rücken entlang geradenwegs zu Tal fahren können. Melancholischen Blickes verfolgte sie den Zug weiter: ja, wenn man nicht so allein wäre – wenn irgend jemand ihr zugeredet hätte – –.

Da rief eine übermütige Stimme zu ihr hinauf: »Geschwind, Fräulein! Sie werden ja sonst die Letzte – man immer vorwärts!«

Natürlich ein Norddeutscher: die hatten für ihre Ebenen ja auch diesen Sport besonders nötig, und bemerkbar machen mußten sie sich auch – wie immer! Dennoch freute sie der Gruß; und daß man als selbstverständlich annahm, auch sie würde sich beteiligen. – – Und weshalb denn nicht? Diese Menschen da, die noch immer paarweise an ihr vorüberzogen, kannten sich doch auch nicht alle, nur der Wunsch, dasselbe zu lernen, verknüpfte sie. Also – –. Und trug sie nicht auch Wickelgamaschen und Nagelschuhe und Mütze und Schleier zum fußfreien Kostüm?! Was fehlte, das waren die Skier – sollte an solcher Kleinigkeit das Unternehmen scheitern?

»Ich komme nicht zu Tisch«, rief sie im Vorbeilaufen ihrer Wirtin zu. Und eh' noch die Frau Deixlmair Protest einlegen konnte, weil nun doch das schöne »Ohchsenfleisch«, das vorher die köstliche Rindssuppe lieferte, umsonst gekauft worden sei, war sie bereits über die drei Steinstufen hinuntergesprungen und beim Nachbar, dem Herrn Ludl, in den Laden gestürzt. Und da besagter Herr Ludl »überhaupts und ohnehihn« dem »Kumité« angehörte und ungefähr tat, als sei er mit Skiern auf die Welt gekommen, so machte das Aussuchen eines passenden Paares keinerlei Schwierigkeiten, und sie nachträglich anmelden, das konnte er schon übernehmen – er durft's schon wagen!

Atemlos vom Laufen und dem ungewohnten und daher unbequemen Tragen der langen Schuhe kam sie als Letzte in der Ebene an, die im engern Kreise von niedrigen Hügeln umgeben war, und die sich der Herr Doktor daher als Übungsgelände ersehen hatte. Er selbst nahm jetzt einen etwas erhöhten Standpunkt ein und erläuterte seinen Zuhörern Zweck und Art des Sports und den richtigen Gebrauch und die Ausnutzung des Geräts. Alle schienen im Bann seiner Ausführungen zu stehen und sie absolut zu begreifen – nur Konny bemerkte mit Schrecken, welch' ein Chaos in ihrem Gehirn entstand. Sie versuchte, sich an einige technische Ausdrücke anzuklammern, aber sie war nie stark im Behalten gewesen, – und da sie ihnen keinen Sinn unterlegen konnte, zerstäubten auch diese Wörter wie Schneeflocken in ihrem Auffassungsvermögen. Plötzlich gab der Herr Doktor ein Zeichen, dessen Sinn er wohl vorher besprochen haben mußte, denn nun begannen alle sofort mit emsigen Händen, sich die vor ihnen am Boden liegenden Skier anzuschnallen.

Auch Konny versuchte es. Doch ihr waren Glieder und Hände steif vor Kälte, von ihren Zehen hatte sie das deutliche Gefühl, sie seien aus Glas. Sie riß und zog an den Riemen und endlich stand sie hilflos auf den beiden schmalen Brettern da. Inzwischen hatte sich das Unglaubliche vollzogen: während sie noch mühsam nach Balance suchte, krabbelte schon eine Unzahl von Menschen den Abhang hinauf, dem Doktor folgend, der sie in langen, flachen Serpentinlinien aufwärtsführte. Da hinauf sollte sie auch –? Die Vorstellung war so überwältigend, daß sie sich erst mal rückwärts in den Schnee und zugleich auf die Kante der Skier setzte. Das tat weh, und im Gefühl gänzlicher Machtlosigkeit blieb sie liegen.

Da erscholl aus den Lüften eine Stimme, mahnend – aufmunternd – ratend – und Konny blickte sich um, wem wohl diese sich immer noch steigernde Teilnahme gelten mochte.

»Na, Sie da unten, Fräulein, wollen's denn anfrieren?«

Gelächter von nah und fern und dann dicht an ihrem Ohr eine flehende Bitte: »Stehen Sie doch endlich auf – ich helfe Ihnen – er denkt ja sonst, es ist Eigensinn, daß Sie sich nicht rühren – –.«

Ach Gott, ihr galt diese versuchte Beeinflussung von oben? Aber aus Eigensinn, nein wahrhaftig, saß sie hier nicht.

Mühsam rappelte sie sich empor, brachte die Spitzen der Skier übereinander und wäre wieder gefallen, wenn die Hand ihres Nachbars sie nicht gestützt hätte.

»Lassen Sie die Dame nur gleich das Wenden üben,« erscholl von neuem die Stimme, »und nehmen Sie sich ihrer etwas an, Herr Architekt, wir gehen inzwischen weiter.«

»Was soll ich?« fragte Konny verzagt. »Wenden? Aber ich habe ja keine Ahnung.«

»Der Herr Doktor hat's aber doch erklärt! Also sehen Sie mir einmal zu.«

Diese gewaltsame, ungeheuer schwungvolle Bewegung sollte sie nachmachen?

»Versuchen Sie's doch wenigstens mal!«

Jetzt endlich sah sie ihrem Helfer ins Gesicht – bis dahin hatte sich ihre Aufmerksamkeit nur auf seine Beine konzentriert – und sie entdeckte, daß der Architekt derselbe Herr sei, dessen Zuruf am Morgen sie zu dieser Tollkühnheit verlockt hatte. Dann mußte er auch einen Teil der Verantwortung tragen.

Halblaut fragte sie: »Er ist ja schon so weit fort – er merkt es am Ende gar nicht, wenn ich nicht übe.«

Der Architekt lachte und antwortete herzlos: »Er sieht alles, Fräulein!«

Und wirklich erscholl es in diesem Augenblick aus den Lüften: »Nun, die beiden dort unten – wollen sich die denn gar nicht hinaufbemühen?«

»Bitte, bitte, einmal versuchen«, drängte der Architekt.

Und Konny, die es einsah, daß es hier kein Schummeln gäbe, schleuderte mit letzter Energie ihr rechtes Bein in die Luft, sah ihren gefesselten Fuß mitsamt dem senkrecht stehenden Skier unstät hin- und herschwanken, fühlte sich in zwei gleiche Portionen gerissen – und ließ sich auf die Seite fallen.

»Aber, aber,« meinte der Architekt, »das war ja alles verkehrt! Und da wir doch bergauf wollen, hätten Sie das obere Bein nehmen müssen, um gleich an Steigung zu gewinnen – und nicht das Talbein!«

Konny sah resigniert auf ihre beiden, unter ihr gekreuzten Beine. Sie hätte im Moment gewiß nicht angeben können, welches ihr rechtes oder welches ihr linkes sei – und nun sollte sie sogar den Unterschied zwischen Tal- und Bergbein wissen?!

Still begann sie sich zu entknäueln, stand endlich wieder aufrecht da und sagte zum Architekten: »Ich will es jetzt allein lernen, ohne Theorie. Sie stören mich nur – gehen Sie nur voran.«

Langsam und vorsichtig, dennoch von unendlichen Stürzen unterbrochen, begann sie dann bergan zu klimmen – er in mäßiger Entfernung vor ihr.

Plötzlich kam er zurück: »Darf ich mir eine Bemerkung erlauben?«

Und ohne ihre Einwilligung abzuwarten, sagte er: »Ihr Rock ist viel zu lang, der geniert Sie. Ziehen Sie ihn aus, ich nehme ihn in meinen Rucksack.«

Wenn's nur das sein sollte, was sie hinderte!

Sie zögerte eine Sekunde, dann zog sie mit seiner Hilfe den Rock aus, und zwar über den Kopf, da es über die Skier doch nicht gegangen wäre. Ganz heiß waren sie beide von der mühsamen Arbeit auf dem Hang und Konnys Unsicherheit geworden.

Dann stand sie in neumodischen Beinkleidern, aus demselben Stoff wie ihr Kleid, vor ihm; um die Hüften herum bildeten sie Tüten, an den Knien schlossen sie sich dagegen sehr eng, und er, dem ihre zarte Figur vorher so gut gefallen hatte, mußte ein Lächeln unterdrücken: etwas Rundes und Komplettes hatte sie angenommen und fast bereute er seinen guten Rat. Denn mit oder ohne Rock – viel Talent zum Sport schien sie nicht zu besitzen.

Endlich, nach mehreren Stunden, erreichten sie die übrige Gesellschaft, die sich auf einem Schneefeld zum Frühstück gelagert hatte und schon wieder im Aufbruch war. Mit lautem Halloh wurden sie beide begrüßt. Der Doktor eilte auf Konny zu und fragte, wie es denn gegangen sei. Und sie, im Bestreben, nicht gar so dumm zu erscheinen, besann sich auf die vorhin verworfene Theorie und antwortete fröhlich und gänzlich ahnungslos über den Sinn der Bezeichnungen: »Danke – mit dem Bergbein gut, mit dem Talbein schlecht!«

In das Gelächter ringsum stimmte sie harmlos mit ein – nur daß sie einen guten Witz gemacht haben sollte, begriff sie nicht. Nach ihrer Meinung blieb ein- für allemal das rechte das Talbein, weil der Architekt es beim ersten Wenden so genannt hatte. – Darauf, daß man so perfide sein könne, die Bezeichnung je nach der Richtung zum Berg zu wechseln, kam sie gar nicht.

Daß sie Humor verstände, schien allen, auch dem Doktor, eine ausgemachte Sache zu sein, und darauf bauend, gab er einem seiner Begleiter einen Auftrag.

Konny frühstückte inzwischen geschwind von den guten Sachen aus des Architekten Rucksack; sie selbst war ja mit nichts versehen und fand es schon fast selbstverständlich, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Unten im Tal schied man endlich am späten Nachmittag in vollster Harmonie. Am Abend wollte der Doktor in einem einfachen Wirtshaus einen theoretischen Vortrag halten, und wenn Konny auch im voraus sicher war, wieder kaum etwas zu verstehen, so freute sie sich doch herzlichst auf das Zusammensein mit all den frischen, jungen Menschen. Hatte sie bisher als einzige Unterhaltung doch nur ihre Wirtin gehabt, deren ausgeprägten Dialekt sie überhaupt nur in besonders glücklichen Momenten verstand – aber seit heute war ihr, als trete sie auch in ein besseres Verhältnis zur Natur; nichts mehr schien ihr fremd oder überwältigend, wie im Anfang, an dieser Hochgebirgsszenerie, und wie sie so zurückwanderte, den geschmähten Rock über der Schulter hängend, kam es ihr vor, als habe sie eigentlich ein neues Leben begonnen. Der Sport mußte doch von allgewaltiger Macht sein!

Am Abend, neben dem Architekten sitzend, hörte sie gespannt zu. Und da ihr Humor nun einmal fest anerkannt worden war, lachte er ungeniert über ihre leisen Bemerkungen, die sie in den Vortrag des Doktors einstreute, während Konny ein paarmal dachte, daß es, nach dem sinnlosen Lachen ihres Nachbars zu urteilen, in seinem Hirn nicht ganz richtig sein müsse.

Dann wurden Lichtbilder angekündigt. Der Doktor wandte sich verbindlich lächelnd an Konny, als wolle er ihre Zustimmung einholen – oder auch ihre Verzeihung – wies auf die weiße Leinwand und sagte unter lautem Gelächter ringsum: »Das Talbein«.

Konny lachte mit. Auf der Leinwand stand sie selbst, hilflos und schwankend, in einer wenig vorteilhaften Kleidung: einem oben zu weiten und unten zu engen Beinkleid. Sachlich konstatierte der Doktor die Fehler ihrer Haltung, der Fußstellung, der Handhabung ihres Stockes – und bewies auf allen folgenden Bildern, die immer nur wieder sie zeigten, daß sie ein vollkommen typischer Fall des Anfängertums sei. Darnach schien es ihr ja wirklich, als habe sie mit besonderem Instinkt alles und jedes verkehrt gemacht!

Ja, sie lachte fröhlich mit bei jedem Konterfei; und nur dem Architekten kam es ein paarmal vor, als zittere sie leicht. Aber sie mochte wohl übermüdet sein.

Wirklich erhob sie sich nach schicklicher Pause, als der Vortrag beendet war, und verabschiedete sich. Energisch lehnte sie die Begleitung des Architekten ab, doch er gab es nicht zu, daß sie den weiten Weg durchs Dorf allein machte. Zum Sprechen unterwegs aber konnte er sie nicht bewegen – was fehlte ihr nur?

Erst auf der obersten der drei Steinstufen schien sie wieder Atem zu bekommen.

»Haben Sie Dank, Herr Architekt,« sagte sie mit merkwürdig ruhiger Stimme, »Sie haben mir eine gute Lehre gegeben! Durch Sie bin ich veranlaßt worden, am Kurs teilzunehmen – durch Sie, meinen Rock abzulegen – und ich irre mich wohl nicht, wenn ich Ihnen auch das hinterlistige Photographieren verdanke.«

»Aber ich schwöre ...«, fiel er ein.

»Ach was,« entgegnete sie hastig, »schwören! Nachdem man falsch und verräterisch und – und – schadenfroh gewesen ist! Sie haben ja gewußt, daß ich auch nicht das geringste von allem verstanden habe – weder vom Bergbein noch vom Talbein – und dennoch haben Sie sich über mich lustig gemacht! Pfui!«

Er starrte noch immer Frau Deixlmairs tannene Tür an, als sie schon längst hinter ihr verschwunden war. Ein merkwürdiges Mädel, diese Pfälzerin! Eigentlich dumm oder doch begriffsstutzig – und wieder klug genug, um das einzusehen und noch mehr: um es sogar zuzugeben! Welche Frau tat das wohl sonst?! Gewiß nicht viele. Er pfiff zwischen den Zähnen und sah lange, lange die Tür an. Humor, wie sie alle gedacht hatten, besaß sie also nicht – und doch Taktgefühl, ungeheuer viel Taktgefühl. Eine andere, der plötzlich über sich selbst und ihre Leistungen so öffentlich ein Licht aufgesteckt worden wäre, hätte vielleicht eine Szene gemacht oder geheult – oder sonst irgend etwas. Diese da war sehr tapfer – das hatte sie eigentlich schon den ganzen Tag bewiesen, an dem sie sich so redlich mühte und nicht die geringste Hilfe durch Überlegungen gehabt hatte – schade! Denn nun würde sie natürlich nicht mehr wiederkommen! Schade! Der ganze Kurs war ihm verleidet.

Aber am andern Morgen stand sie tapfer wieder da, beim Treffpunkt. Und ihm nickte sie freundlich und harmlos zu.

»Donnerwetter,« dachte er wieder, »sie ist anders! Die meisten wären schmollend zu Hause sitzen geblieben oder hätten den Ärger benutzt, um sich zu drücken.«

Sie wurde auch keine Musterschülerin des Doktors. Aber menschlich gute Eigenschaften entdeckte der Architekt noch zahlreiche an ihr im Laufe des sechstägigen Kurses. Da fragte er sie zum Schluß, ob sie nicht auch weiterhin zusammen durchs Leben fahren wollten, sie seien so schön eingeübt. Womit er allerdings im stillen wohl meinte, daß sie an seine Hilfe beim Aufstehen gewöhnt sei. Ihre Kunst bestand eben – im Hinfallen.

Aber auch diesmal las sie seine Gedanken und antwortete fröhlich: »Gut! Wenn du mich bei schwierigen Fällen nie fragen willst, ob ich nun das Talbein oder das Bergbein nehmen muß –! Das könnte ich nämlich nie entscheiden: aber Vertrauen mußt du haben, daß ich es schließlich doch recht mache.«

Und das Vertrauen besaß er.

Die Erfindung.

Immer wenn Frau Ellen Mahder von ihrer Arbeit aufsah, was allerdings nur geschah, um die Augen ein wenig vom Mikroskop auszuruhen, bemerkte sie, daß sich der Kopf ihres Nachbarn tief über seine Hände beugte – nicht ein einziges Mal seit acht Tagen waren sich ihre Blicke begegnet. Aber diese scheinbare Unermüdlichkeit täuschte sie keinen Augenblick: ein so wenig ernsthafter Mensch, der wenigstens in ihrer Gegenwart noch kein vernünftiges Wort gesagt hatte, war nicht imstande, sich von seiner Aufgabe absorbieren zu lassen; sie mißtraute ihm und seinem wissenschaftlichen Eifer aufs höchste. Und ebenso ärgerte sie sich über sich selbst, daß sie an diesen »faden« Doktor Zerpfang einen Gedanken verschwendete – und kehrte sofort mit aller Inbrunst zu ihren botanischen Untersuchungen zurück. Sie mußte ja auch doppelt pflichtgetreu und genau sein, um ihre Zulassung in die dunklen Räume der alten Akademie, die unter anderen auch der botanischen Station Aufnahme gewährt hatte, zu rechtfertigen. Denn die Frage dieses »faden« Doktors, ob sie studiert oder wenigstens das Gymnasium absolviert habe, mußte sie verneinen; aber sie interessiere sich nun einmal stark für Chemie und Botanik, und sie hoffte, ihre mangelnde Vorbildung durch Lerneifer – –

Er hatte ernsthaft genickt und sie aussprechen lassen, trotzdem sie sich vor Verlegenheit ein wenig im Satzbau verwickelte. Als sie endlich fertig war, sagte er: »Na, da können S' mir am Ende gleich erklären, was das bedeutet: C, A – C, A, O

Unsicher und zweifelnd hatte sie erwidert: »C, A – C, A, O? – C vielleicht Kohlenstoff, A – Argentum, O Oxygenium –«

Ringsum war ein lautes Gelächter losgebrochen, so daß sie erschrocken mit der Zerlegung der chemischen Formel innehielt.

Mit heuchlerischem Ernst sagte der Doktor: »Ich würd's anders übersetzen: C, A – C, A, O – das ist Cacao.«

Sie brachte es zwar zuwege, über ihren Reinfall zu lachen, aber ganz vergeben konnte sie nach Frauenart dem Doktor diese Niederlage doch nicht. Und er mußte wohl ihre stille Abneigung fühlen, denn er begrüßte sie des Morgens nur mit stummer Verbeugung und verließ mittags den Saal erst nach ihr.

Als heute die Präparate für die kommende Woche verteilt wurden, sagte sie: »Ich danke, ich gehe auf ein paar Tage ins Gebirge.« Und auf den etwas erstaunten Blick des Professors setzte sie hinzu: »Ich bin überarbeitet – ich brauche eine Luftveränderung.«

Ihr Ton klang gereizt. Konnte man sich nicht vorstellen, daß es für ihre Arbeit nur vorteilhaft sei, wenn sie mit frischen Kräften an sie hinanginge?

»Man« lächelte unmerklich und gab ihr den väterlichen Rat, sich nur nicht durch irgendeinen dummen Sport noch mehr herunterzubringen oder sich gar eine Herzschwäche zu holen, die bei der jetzigen Unvernunft und Übertreibung an der Tagesordnung sei. »Man« redete ihr zu, lange zu schlafen, kräftig zu essen und ein wenig in der Sonne zu sitzen.

Sie setzte sich wieder auf ihren Platz, aber sie arbeitete nicht mehr.

»Geben S' nach – bleiben S' da?« fragte eine Stimme neben ihr.

Sie schüttelte den Kopf, ehe sie sich noch Rechenschaft darüber gab, wer zu ihr spräche: ah, der »fade« Doktor! Mochte er sich ebenso über sie lustig machen wie die andern. Aber vorläufig sagte er gar nichts, sondern sann vor sich hin. Und dann bat er hastig und scheu: »Mögen S' meine Erfindung anschauen, an der ich gebastelt habe alle Tag'?«

Mein Gott, augenblicklich lag ihr die ganze Arbeit hier so fern! »Gestohlen werden kann sie mir«, hätte sie am liebsten gesagt. Doch zwang sie sich zu einem Lächeln und entgegnete: »Gewiß – gern!«

Er führte sie an seinen Arbeitstisch, schob Bücher und Hefte beiseite und zog ein paar merkwürdige Eisenklammern hervor, deren Teile mit gewachstem Bindfaden verbunden waren. Triumphierend hielt er sie ihr hin.

Ratlos stand sie da und sah auf die Dinger. Sein Preisrätsel »Cacao« fiel ihr ein, und sie hütete sich wohl, irgend etwas zu äußern, was auch diesmal ihre völlige Unkenntnis verraten hätte. Infolgedessen konnte sie überhaupt nichts sagen – denn kein Lichtstrahl machte ihr klar, was diese Erfindung bedeute.

Er aber, mit dem blinden Entzücken aller Erfinder über ihr Produkt, sagte voll Begeisterung: »Das Ei des Kolumbus, nicht wahr? So einfach, so handlich, billig herzustellen, leicht zu transportieren – sehen S': in dem Tascherl da! – praktisch – und von einem Erfolg!! Na, den garantier' ich Ihnen! Eine großartige Erfindung, gelt? So was kann eben nur einer, der die Praxis kennt, der 's ausprobiert hat – der sich nicht abschrecken läßt von scheinbaren Schwierigkeiten! Und ich sag' Ihnen: immer simpler ist es worden, geradezu dahingeschmolzen in meine Händ' – und das werden S' zugeben müssen: von einer klassischen Einfachheit ist's worden – kein Hakerl z'viel, kein' Wirtschaft, kein Durcheinand' – höchste Einfachheit, gepaart mit größter Solidität und Sicherheit –.« Das letzte sagte er hochdeutsch, es klang wie eine Notiz aus einer Anpreisung. – Ihr wurde heiß und kalt und wieder heiß: wenn er um Gottes willen nur nicht fragen würde –! Sie hatte ja keine Ahnung, zu was die Dinger waren, die er nun mit einem »Schnapp« zuklappen ließ und wieder öffnete, obgleich ihr Geist sich an jedes Instrument klammerte, das ihr je in diesem Saal vor Augen gekommen war. Schlicht – ja, das konnte sie zugeben, das war dieser Apparat, fast primitiv in seiner äußeren Gestaltung und beinah roh in seinem Material. Aber sein innerer Wert mochte deshalb eminent sein, seine Hilfe für die Wissenschaft von unberechenbaren Folgen – wenn sie nur geahnt – wenn die unscheinbaren Dinger ihr nur einen einzigen Anhaltspunkt gewährt hätten! Hilflos starrte sie vor sich nieder und brachte endlich ein »Sehr hübsch – sehr praktisch« über die Lippen.

»Gelt?« fragte er zutraulich. »Das is was! Ja, so werden Meisterwerke geboren – so nebenher, so zufällig! Erst ist der Gedanke in mir gereift, dann habe ich mich mit ihm herumgeschlagen, denn eigentlich hab' ich nicht recht heranwollen, weil solch eine Idee doch immer etwas ablenkt – aber schließlich: das Erfindungsfieber ist über mich kommen, und kein' Ruh' nicht hab' ich gehabt, bis 's nicht da fertig vor mir gelegen ist am Tisch!«

Zwar hörte sie heraus, daß er sich ein wenig selbst persiflierte, aber stolz war er darum doch. Und konnte es ja auch sein: eine Erfindung machen, die Wissenschaft bereichern, das ist immer etwas Großes, fast Heiliges. So sagte sie denn auf gut Glück hin: »Die Zeit dürfen Sie doch nicht als verloren betrachten – da Ihnen die Erfindung gelungen ist, hat sich doch die sogenannte Untreue gegen Ihre Arbeit reichlich gelohnt.«

Er lachte. »Sogenannte« – ist gut! Sie haben eine famose Art zu trösten, Frau Kollega! Ich hätte Sie gar nicht für so vorurteilsfrei gehalten.«

Auch das verstand sie wieder nicht ganz, aber sie war nur froh, daß er keine präzisere Antwort von ihr verlangte.

Als er nun vorschlug, für heute die Arbeit aufzugeben und gemeinsam zu speisen, willigte sie gern ein. Gewöhnlich aß sie mittags in einer Pension mit streng modern denkenden und gekleideten Malerinnen; und sie, die noch so wenig leistete und in ihrer Arbeit ja auch kaum je eine Eigenart entwickeln konnte, saß recht gedrückt und bescheiden zwischen diesen selbstsichern Geschöpfen, die alle mit Bewußtsein auf dem richtigen Weg waren, wie sie sagten. Sie selbst sah nur ein stilles Eckchen vor sich, einen Tisch in einem Saal, an dem sie unbeachtet bis an ihr Lebensende sitzen, bestimmen, zeichnen, höchstens einmal etwas würde schreiben dürfen. Da durfte sie sich allerdings nie mit diesen Künstlerinnen in einem Atem nennen, die Ruhm und Erfolg in die Höhe tragen würden!

Neben des Doktors gutmütiger Art verlor sie ihre Scheu, ja, sie verriet ihm sogar von den Zweifeln an sich, die sich täglich am Mittagstisch erneuerten. Er lachte sie aus und sagte ein paarmal: »Da – schauen S' mich an! Bin ich hoffärtiger worden – oder gar stolzer?! Und bin doch ein großer Erfinder! Gelt, das bestellen S' Ihre Schwabinger Madeln von mir: je größer einer ist, um so bescheidener soll er sein.«

Er brachte sie nach Hause, und vor ihrer Tür sagte er plötzlich: »Wissen S', ich begleit' Sie morgen!«

Ja, das wäre nett! Zu zweien mußte es doch viel schöner sein, und so sicher war sie übrigens auch gar nicht auf ihren Skiern – in diesem Jahr war sie noch kaum hinausgekommen –.

»Um so besser«, entgegnete er etwas unverständlich. »Und da sprechen wir uns deutlich aus über meine Erfindung.«

Ach Gott, wenn er doch draußen nichts weiter wollte, als sich selbst bespiegeln und bewundern und von dem klassischen Stück Eisen reden, so sollte er nur lieber daheim bleiben! Etwas widerwillig nannte sie ihm Ziel und Abfahrtszeit, dann ging er fröhlich, mit richtiger Siegesmiene davon. Er schien doch schon auf dem besten Wege zur Hoffahrt zu sein!

Den ganzen Abend, während sich Frau Ellen Mahder die Skiausrüstung bereitlegte, die »Lauparstiefel« noch einmal einfettete, die Gamaschen fest aufrollte, um sie morgen tadellos binden zu können, und schließlich in den Rucksack zu allerlei appetitlichem Proviant den Zdarsky-Spirituskocher und den Seidenkragen, der sich zum Zelt gestalten ließ, eine andere Erfindung des Lilienfelder Skimeisters, zusammenpackte, plagte sie die Vorstellung von Doktor Zerpfangs Schöpfung. Ja, käme sie nur dahinter, ob er sie absichtlich hinhielte, sich vielleicht an ihrer Angst weidete – oder ob er sie wirklich für nicht so dumm hielte, als sie doch sein mußte! Diese letzteren Zweifel quälten sie besonders, und so verbrachte sie keine erquickende Nacht.

Er aber tat bei der Abfahrt gänzlich unbefangen. Seinen Schöpfer lobte er, der ihm den guten Einfall gegeben, gleich ihr dem dumpfen Saal zu entfliehen und in die Berge zu fahren. Den ganzen Weg vom Bahnhof in Schliersee, an Fischhausen vorbei und durchs Josephtal sang er und jubelte und konnte sich nicht genug tun, die Weiße des Schnees, die Bläue des Himmels – die wunderbare, in kristallene Reinheit getauchte Landschaft zu bewundern. So ein Tag – so ein leuchtender, jauchzender Tag! Ja, den brauchte man – da wurde man wieder gesund und froh, da fielen alle kleinen Erdennöte vom Herzen ab, so wie der stäubende Schnee vom schwankenden Ast. Und er schlug gegen die Bäume, daß es in lichten Wolken auf sie beide herniederrieselte: das Jungbad der Seele nannte er das. – Etwas schweigsam ging Ellen Mahder neben ihm her; sie kam sich selbst schwerfällig und »norddeutsch« vor, daß sie nicht aus vollem Herzen in sein Glück mit einstimmen konnte. Aber die Furcht vor seiner Erfindung fesselte ihr Zunge und Sinn – und ebenso die wachsende Erkenntnis seines Wesens: ein Kind war er, ein echtes, großes Kind wie alle Künstler, alle Genies. Hier, in der Sonne, in der belebenden, herben, köstlichen Luft, am größten gemessen, das es gibt: an freier Natur, offenbarte sich seine Ursprünglichkeit und Lauterkeit. Ein Erfinder – und doch so primitiv! Die Kompliziertheit ihres eignen Charakters wuchtete auf ihr.

Ehe es nun bergauf ging – sie wollten zur »Rotwand« hinauf – verlangte er, daß das Zelt aufgeschlagen und der Spirituskocher in Tätigkeit gesetzt würde. Ellen war noch gar nicht hungrig, aber sie gab nach: Launen eines großen Menschen soll man erfüllen, sie gehören zu ihm wie die Dornen zu den Rosen.

So hockten sie zu zweien, trotzdem sie beide groß waren, in dem winzigen Zelt nieder, kochten sich »einen Tee« und begannen sich von Herzen der Kameradschaft zu freuen. Früher, nein, da war diese Ungeniertheit zwischen zwei fremden Menschen und noch dazu zwischen Mann und Frau unmöglich gewesen – nur dem nivellierenden, von Vorurteilen befreienden Sport war das zu verdanken!

»Er soll leben«, sagte der Doktor mit dem letzten Schluck, und dann packten sie wieder zusammen.

Dabei kam eine Unruhe über den jungen Botaniker. Ein paarmal setzte er zum Sprechen an, endlich brachte er über die Lippen: »Wann's Ihnen recht ist, probieren wir sie nun aus, die Erfindung! Weil's ohnehin bergan geht!«

Hier – die Erfindung! Im Freien, im Schnee – auf einer Skitour! Mein Gott, er konnte doch nicht plötzlich geistig verwirrt sein. – Unmerklich trat sie einige Schritte von ihm zurück. Er kniete im Schnee hin und bastelte an ihren Skiern herum. Sie spähte inzwischen ringsum: sollte sie fortlaufen, um Hilfe rufen – ihre Angst wuchs ins Ungeheure! Eine einzelne Frau allein mit einem Mann, nein, es war doch nichts, sie verwünschte im Moment die eben noch gepriesene Kameradschaft: die Alten hatten recht, die vor ihr warnten, die ihr keine Existenzberechtigung gewährten – –

Da war er schon fertig und erhob sich mit einem scheuen Lächeln um den Mund, mit einem Rot stolzer Verlegenheit auf der Stirn.

»Da sehen S'! Ein Griff – klapp! Fertig is'! Und nun probieren Sie 's aus – Sie sollen die Erste sein – wie mich das glücklich macht!«

Die Skier lagen vor ihr, und dicht vor der Bindung waren sie umklammert – von der neuen Erfindung! Zutraulich erklärte er ihr, woran der Vorteil vor den kostspieligen, mühsam anzulegenden Fellen läge und daß, wenigstens für kürzere Touren, der gewachste Bindfaden dieselben Dienste leisten könne. – –

Er begriff gar nicht, warum sie nicht in seine Freude mit einstimmte. Sie hatte die Farbe gewechselt und sich an einen Baum gelehnt: ihre Enttäuschung, ihre Empörung – der Zorn gegen ihn, gegen sich selbst nahm ihr Atem und Besinnung. Also doch – also doch! Leichtsinnig, oberflächlich, unzuverlässig! Nicht an einer ernsten Erfindung hatte er all die Wochen intensiv gearbeitet, für diesen Unfug, diese Überflüssigkeit – dieses Nichts hatte er Zeit und Kraft geopfert! Und seine Kindlichkeit war kein Beweis seiner Genialität, sie war nichts als der Ausfluß seines unreifen, törichten Wesens.

Aber das Ärgste war und blieb, daß sie sich hatte düpieren lassen!

Mechanisch setzte sie die Füße in die Skier, ließ sie sich von ihm festschnallen und lief von ihm fort, so schnell es nur eben ging. Sie mußte allein sein, nachdenken, versuchen, ihre ungeheure Wut gegen ihn niederzukämpfen – ihn von ihrer schmerzenden Enttäuschung nichts merken lassen.

Die schwebende Enttäuschung blieb, als sie endlich die andern Gefühle besiegt hatte. Irgendwo in ihrem Herzen saß sie fest und ließ sich nicht vertreiben und sagte ihr wieder und immer wieder, daß auch dieser Mann nur einer wie alle sei, um kein Deut besser, um kein Lot wahrer – vielleicht, vielleicht auch so wankelmütig wie der andere, der sie nach kurzer Ehe verlassen und um dessentwillen sie einen Beruf gewählt hatte – um zu überwinden und zu vergessen. Längst überwunden war das alles; heute stiegen ihr dennoch bei der Erinnerung die Tränen in die Augen. Einer wie alle – alle wie der Eine!

Äußerlich wurde sie ruhig. Die gleichmäßige Bewegung bergan, die göttliche, kaum von einem Vogelschrei unterbrochene Ruhe, der stille Sonnenschein, der Wald und Schnee förmlich durchtränkte, die klare Luft – sie taten ihr Werk wie immer. Sie glätteten die hochgehenden Wogen ihrer Empfindung und zwangen sie, gerechter zu werden: war es seine Schuld, daß er sie enttäuschte? Hatte er sie über sich selbst im Unklaren gelassen? Nur sie, sie wollte mehr in ihm sehen; ihr genügte nicht der harmlose Mensch, der dennoch seinen Sport ernst nahm und ihm eine Verbesserung zur Ausführung wünschte – ein großer Erfinder, ein Genie hatte er sein sollen!

Wie schnell sie auf die Höhe gekommen war, und nicht ein bißchen atemlos oder erhitzt wie sonst beim gefürchteten Bergauf – alle Kraft gespart für die frohe, herrliche Abfahrt! Woran lag das nur –? Wahrhaftig: das mußte das Verdienst seiner Erfindung sein! Und darüber war sie so böse gewesen?! Lächelnd sah sie auf die »klassischen« Eisen hinunter: hatten nicht auch sie ihre Berechtigung?

Du lieber Gott, die großen Sachen waren ja schon fast alle erfunden – mußte es nicht auch Leute für die kleinen geben, denen man dankbar sein konnte für die angenehmen Erleichterungen des Lebens?

Als das Rotwandhaus mit seiner wehenden Flagge in Sicht kam, stand sie still. Nicht ein Wort hatte sie ihrem Begleiter auf dem ganzen Weg gegönnt – sie mußte es wieder gutmachen.

Aber als er sie erreichte, sagte er: »Famos sind Sie, Frau Kollega! Nicht geschwätzt beim Bergauf, das lernen die meisten Frauen nimmer!«

»Ich gebe das Lob zurück«, antwortete sie. »Und Ihre Erfindung ist großartig, Herr Doktor – ich gratuliere.«

Er warf die Mütze in die Luft und jauchzte.

»Famos sind Sie«, wiederholte er. »Nix geschmeichelt, nix schöngetan – 's Maul gehalten, Sie verzeihen! still ausprobiert, Erfahrung gesammelt – dann erst anerkannt, des nenn' ich gründlich! Ja, die Frauen von heuzutag' – des is was!«

Ellen Mahder fand es nicht an der Zeit, ihn aufzuklären, weshalb sie so lange geschwiegen. Einmal – es kam ihr vor, als würde es nicht mehr unerträglich lange bis dahin sein – wollte sie ihm die Wahrheit gestehen: ihre Enttäuschung über ihn – und ihr Zurückfinden. – Still und glücklich glitten sie nebeneinander her, bis sie das Haus mit der fröhlich wehenden Flagge erreicht hatten.

III.
»Sie« im Süden.

Osterspaziergänge in Latium.

I. Der Monte Soracte.

Die Gabe, Kunst ernsthaft zu studieren und zu genießen, ist recht verschieden bei uns armen Sterblichen verteilt; nirgends läßt sich diese Behauptung besser und einwandfreier beweisen als in Italien – und hier vor allem wieder in Rom. Florenz gestattet ein stilles, beschauliches Genießen, es gibt keine Entfernungen, man braucht fast immer nur von Haus zu Haus zu gehen. Rom bringt zu seiner kolossalen Ausdehnung und dem Übermaß seiner Sehenswürdigkeiten, die über sein ganzes Areal verstreut sind, noch die Unruhe und Hast der Großstadt – man ist immer auf der Eulenflucht, und hätte man auch lange Wochen zum Besuch der »Ewigen« vorgesehen. Darum hört man nicht selten – am häufigsten von unsern Landsleuten, die in 10-14 Tagen »alles« sehen möchten – den Stoßseufzer: »Gottlob, daß wir abreisen! Ich kann nicht mehr!«

Ich bemitleide diese Menschen nicht; ich bewundere sie. Denn ich hätte schon längst nicht mehr gekonnt! Für meine Aufnahmefähigkeit sind drei fleißige Museumsstunden schon ein gerüttelt Maß – darüber fort versagt sie vollständig. »Wie schade, nicht wahr, so viel Zeit zu verlieren – und womit füllen Sie sie dann aus?« – Ich gehe spazieren; ich laufe stundenlang durch die Campagna, ich suche zu Fuß all die kleinen Ortschaften auf, die wie leuchtende Punkte in der mächtigen Ebene verstreut liegen, ich klettere auf die Hügel- und Bergketten, die überall den Horizont in weiter Linie umsäumen, und ich entdecke, daß ihre Hänge mit Dörfern und Städtchen besetzt sind, grau und monoton, wie der Boden, aus dem sie emporwachsen, und doch ein jedes von ihnen stimmungsvoll – architektonisch schön – oder voll geschichtlicher Reminiszenzen, die ihre Patina auf verfallene Burgen und Paläste geworfen haben. Das ist meine geistige und körperliche Erholung, mein Schutz gegen allmähliches Abstumpfen angesichts Roms erdrückendem Reichtum: ein stunden- oder auch tagelanger Spaziergang und von Zeit zu Zeit ein weiterer Ausflug, der die überreizten Sinne ausruhen läßt und uns das herrliche Land trotzdem näher bringt, weil wir seine Natur lieben lernen.

Nördlich von Rom, mit fast geradem Rücken, in schwerem Massiv über die lieblichen Hügel dominierend, liegt der Monte Soracte. Wie lange schon zog er wieder und wieder meine Blicke und meine Sehnsucht auf sich – ein wenig wegen seiner schwermütigen Gestalt, ein wenig wegen seiner Höhe – etwa 700 m, aber direkt aus der Ebene aufsteigend, also doch eine bescheidene Bergpartie verheißend! – Hauptsächlich aber, weil man hoffen durfte, dort nicht vielen Menschen zu begegnen! Den Passanten raubt der Ausflug zu viel Zeit – ich bitte Sie, wenn man jede Statue in Rom gesehen haben will! – die andern sind wohl zu bequem. Denn trotz des himmlischen Frühlingstages – o Segen – sind und bleiben wir allein, mein lustiger Begleiter und ich! Und wie wir uns fühlen, einmal wieder mit dem leichten Gepäck für eine Nacht im Rucksack – fernab von Pensionen, Leuten mit Baedekern und der Gewißheit, abends beim Diner den Nachbar rechts und links und gegenüber seine Tageseindrücke nicht memorieren zu hören – nein, ein echter, rechter Ferientag ist es, ein Schuleschwänzen in ewigen Vakanzen! »Da kann ich Sie gleich auf Ihre Bedürfnislosigkeit prüfen«, meinte der Hochtourist. Denn es war unsere erste »Bergtour«, und der Hochtourist, dessen seherischer Blick meine bergsteigerischen Fähigkeiten erst wenige Tage vorher am Turm des Kapitols entdeckt hatte, konnte noch nicht ahnen, wie glänzend sie sich entwickeln würden.

Nur wir entsteigen in Stimigliano dem Coupé; nur wir zwei laufen querfeldein bis hinab zum »Bionde Tevere«, dem blonden Tiber, der hier so köstlich ländlich aussieht, so recht wie ein gemütlicher Bauernfluß, nicht ein bißchen, als trüge er später die Weltstadt auf seinen Ufern; und ganz primitiv, außer uns nur von ein paar Frauen und Kindern benutzt, ist auch die Fähre, die uns ans jenseitige Gestade befördert.

Die Sonne brennt heiß auf den noch brachliegenden Boden nieder, aber da bekanntlich die Götter vor jeden Erfolg den Schweiß gesetzt haben, so tragen wir frohen Muts und unverdrossen die göttliche Prüfung – sind wir doch des schönen Erfolges sicher!

Frühstücksstation: San Oreste. Weiten Rundblick gestattet es über die Sabiner- und die umbrischen Berge, aber »recht einladend«, wie es Gregorovius erschienen ist, der deshalb bedauert, es nicht besucht zu haben, ist es wirklich nicht. Ein Haufen eng aneinander gedrängter, unmalerischer Steinhäuser ohne die geringste Abwechslung oder Ausschmückung; und das Wirtshaus am Dorfeingang wohl noch genau so bescheiden wie zu den Zeiten jenes berühmten italienischen Spaziergängers. Aber das wenige, das man bekommt: Salami, Eier und Wein, so gut wie fast überall in den ländlichen Osterien. Die Befürchtung vieler Reisender, abseits der großen Heerstraßen »nichts« zu bekommen, ist wirklich überflüssig!

Und dann, nach kurzem Marsch, kommt ein Wald; ein schattenspendender, kühler Wald ernster Steineichen. Einmal mag der ganze Berg von ihnen bestanden gewesen sein – aber auch dieser Rest ist noch ehrfurchtgebietend genug – und so märchenhaft still – man wartet, ob nicht Böcklins Einhorn langsam zwischen den dunklen Stämmen hervortrabt.

Wenige Minuten unterhalb des Gipfels taucht das Kloster San Silvestro auf, genannt nach dem Papst Silvester, dem der Kaiser Konstantin »das ganze Abendland« schenkte – eine etwas unsichere Gabe! Und eine Zeitlang suchte Karlmann, Karl Martells kampflustiger Sohn, in diesen Mauern Ruhe – bis auch ihn die Menge der Besucher, die nach Rom pilgerten, verscheuchten – Gott sei Dank haben sie jetzt einen andern Weg gefunden!

Ganz oben auf dem Berge erhebt sich eine kleine Kapelle über einer schönen, alten Krypta, in der uns der alte Aufseher auf die Zelle des heiligen Silvester aufmerksam macht. Bedürfnislos genug mag er gewesen sein, Geschmack besaß er jedenfalls! Denn die Aussicht von diesem höchsten Punkt ist einfach superb: die ganze Campagna liegt zu unseren Füßen, dem Lauf des Tibers folgt man bis zu Roms Mauern, das Meer schimmert stahlblau in der Mittagssonne zu uns herüber, Bracciano und den gleichnamigen See glaubt man mit der Hand erreichen zu können – die weichen Linien der Albaner-, Sabiner- und umbrischen Berge umschließen das Bild nach Osten und Süden – kurzum, das Ganze ist so schön, so abwechselungsreich, daß man sich schwer losreißen kann. Aber die Schatten werden länger, eilig geht es auf der Westseite bergab durch Weinberge und Olivenhaine. Von der Haltestelle San Oreste aus benutzten wir die Bahn und erreichen im Abenddämmern, nach entzückender Fahrt, unser letztes Ziel: Cività Castellana. Die Stadt liegt auf einer Felsplatte, zu der sich die Bahn in hübschen Serpentinen hinaufwindet, immer neue Ausblicke in die merkwürdig tief einschneidenden Flußtäler gewährend. Die Treja und der Rio maggiore umströmen die Stadt von drei Seiten, d. h. wenn man so sagen darf: ihr Piedestal. Fast senkrecht, aber mit dichten Schlingpflanzen und Gebüsch romantisch geschmückt, steigen die Uferwände empor, eine natürliche Verteidigung bildend, wie man sie nicht besser, und vor allem, nicht schöner denken kann. Und aus diesem Grunde – der geschützten Lage wegen – wurde die Stadt immer wieder aufgebaut, trotzdem verschiedene Eroberer, zuletzt die Sarazenen, sie zerstört hatten. Aber der Fleck Erde ist auch zu verlockend – die Promenade um die alte Stadtmauer immer wieder überraschend an neuen Ausblicken. Freilich, im Hof der einst berühmten Zidatelle weiden nur noch ein paar Ochsen, nachdem das Gebäude jetzt nicht einmal mehr als Gefängnis benutzt wird. Die Zeit, wo hier mächtige Grafengeschlechter hausten und Päpste sich zum Sterben in das überaus pittoreske Städtchen zurückzogen, ist vorüber; nicht einmal mehr ein Räuberhauptmann, wie seinerzeit Gasparone, lebt in ihr. Ihr einziges, sehr sehenswertes Gebäude ist die Kathedrale Santa Maria mit romanischem Portal, gotischen Rundfenstern und Cosmatensäulen in der Vorhalle. Auf dem Platz vor der Kirche wurde abends ein Ständchen gebracht und am nächsten Morgen der Markt abgehalten, als wir auf einem mittelalterlichen Omnibus vorüberrumpelten, um uns nach Borghetto bringen zu lassen. Von der Bahnstation Cività Castellana, die anderthalb Stunden von der Stadt entfernt ist, benutzten wir die Bahn zur Heimfahrt nach Rom.

II. In den Sabinerbergen.

Wer hätte nicht von deutschem Besitz auf italienischem Boden gehört – von dem berühmten Eichenhain, der Serpentara, der einst von deutschen Künstlern vor dem Ausroden bewahrt und schließlich von ihnen mit gesammeltem Geld angekauft wurde?! Auch mich lockte dieses kleine »Deutschland«.

Ganz früh, im unaufgeräumten Wartesaal des römischen Bahnhofs, tranken wir unsere Schokolade. – Eine kurze Bahnfahrt bis Zagarolo – von hier mit dem Omnibus bis Genazzano. Vorn neben dem Kutscher erwischen wir noch Plätze; die Bauern hinter uns unter dem muffigen Verdeck des Wagens können nicht begreifen, daß wir die angebotenen Ehrensitze in ihrer Mitte verschmähen! Wir aber blicken über den mächtigen Federbusch eines auf Urlaub für die Festtage gehenden Bersagliere – der uns zu Füßen auf der Deichsel hockt, nach dem schönen Spruch: Besser schlecht gefahren als gut gegangen! – in das sonnengetränkte, köstliche Land hinaus. Nicht tot mehr scheint die Erde – duftend steigt es aus den braunen Schollen empor, in den Zweigen der Kastanien- und Ölbäume regt es sich leise, rötliche Augen zeigen sich an den Weinreben, die sich von Ulme zu Ulme ranken.