Und welch eine Volksmenge, je mehr wir uns der kleinen Stadt Genazzano nahen! Der Tag irgendeines Heiligen ist es, der zum Jahrmarkt benutzt wird – Frühaufsteher kommen uns schon mit ihren Einkäufen entgegen. Rechts und links am Stadttor hängen goldglänzende Kupfergeschirre an den Mauern; Bettladen, Wiegen und Truhen versetzen den Weg. Wir steigen aus und wandern durch den Ort, vorbei an einer Wallfahrtskapelle, die auch heute ihre Anziehungskraft beweist, vorbei am alten Palast der Colonna und den Überresten ihres Aquädukts, dessen von Efeu umsponnene Bogen malerische Rahmen für die Landschaft im Tal bilden. – Der Weg nach Olevano, nicht über die bequeme Landstraße, sondern quer durch die Felder, ist sehr schön; auf allen kleinen Anhöhen alte Klöster und Burgen, in weiterer Ferne Schneehäupter der Abruzzen und ringsumher ein Land, dessen historischen Reichtum man ahnt und fühlt. In der klaren Sonne ist es, als könnte man mit einem Schritt zu all den kleinen Ortschaften hinüber, die sich nur durch eckige Konturen vom Felsboden, dem sie entwachsen, unterscheiden.
Olevano liegt ebenfalls an einem Bergabhang und hat steile und schmutzige Straßen; aber überaus malerisch ist es: der Marktplatz mit seinem Brunnen, an dem die Esel getränkt werden, und zu dem im Abenddämmern prachtvolle Frauengestalten, die kupferne Conca (Krug) auf dem Kopfe, heranschreiten. Die Bewohner von Olevano haben überhaupt einen besondern, kräftigen und schönen Typ, und sind durch den Umgang mit liebenswürdigen Malersleuten zutraulich geworden.
Etwa eine halbe Stunde nördlich von Olevano, am Wege nach Bellagra, liegt die Serpentara, der deutsche Eichenhain, ein Künstlerhaus mit deutschem Namen am Eingang. Wie merkwürdig das ist: plötzlich auf deutschem Boden zu stehen! Die Namen der besten vaterländischen Künstler sind mit diesem Fleck Erde verknüpft, unsere größten »Landschafter« haben hier studiert und gelernt. Ein Felsblock trägt das Relief unsres Kaisers, neben der 1887 gepflanzten »Kaisereiche« – ein andrer das Viktor Scheffels, unter dem seine Worte prangen:
| Hier im Zentrum des Gebirges |
| Lesen wir die alte Keilschrift, |
| Die der Haufe nie versteh'n mag, |
| Das Gesetz des Ewigschönen. |
Einmal also, durch deutsche Künstler, haben wir im Lande unsrer ewigen Sehnsucht ein eignes, wenn auch bescheidenes Besitztum erreicht!
Am nächsten Morgen wanderten wir nach Bellagra, dem unheimlich schmutzigsten Ort, der mir in Italien begegnet ist und vielleicht durch diese Eigenschaft sehenswert, sonst nicht. Noch einmal steigen wir eine steile Anhöhe hinauf: nach Rocca San Stefano, dann geht es lange neben dem Anio, dem »immerkalten«, her, und ebenso lange liegt links vor uns auf einem Felsen, von einer Burg überragt, Subiaco. Die sechs Stunden von Olevano sind, ohne uns im geringsten zu ermüden, »vergangen«; das Land und die kleinen Orte, die wir durchschreiten, bieten so viel Reize und immer neue Abwechslung, daß man sich der Länge des Weges nicht bewußt wird.
Wer nun wirklich mit seiner Zeit geizen muß, lasse sich an dem äußern, reizvollen Eindruck Subiacos genügen und kehre eilig mit dem nächsten Zug über Tivoli nach Rom zurück. Vielleicht, um dort den Osterfeierlichkeiten in Sankt Peter beizuwohnen? Ach Gott, diese Enttäuschung ist ein Kapitel für sich! Ich feiere meine Ostern stets draußen, in irgendeinem kleinen Nest – weitab von den hastenden Touristen!
Denn um Subiaco recht zu würdigen, bedarf man der Ruhe. Die drei Klöster von Santa Scolastica, »die Wiege des Mönchtums im Abendlande«, sind so reich an Schätzen und historischen Erinnerungen, daß es schade und nutzlos um einen kurzen Besuch wäre. Zur Zeit der Goten in Italien, als das römische Reich sich auflöste, gründete der heilige Benedikt hier eine Zuflucht für weltmüde Menschen, während des ganzen Mittelalters stand es da, »ein einsamer Leuchtturm der Wissenschaft«, wie Gregorovius es nennt, und Deutsche, Arnold Pannartz und Konrad Schweinheim, druckten hier im Jahre 1465 das erste Buch in Italien, den Donatus, ehe sie in Rom, im Palazzo Massimi alle Colonne, die erste Buchdruckerei errichteten. Auch jetzt noch sind die Klöster überreich an Inkunabeln und alten Handschriften, trotzdem die Abtei mehrmals, z. B. von den Sarazenen wie von den Ungarn, zerstört worden ist. Aber die Macht des Klosters wurde durch Schenkungen reicher Barone immer wieder hergestellt, die Stadt Subiaco selbst geriet allerdings erst im Jahre 1068, als der Abt Johannes V. die Burg erbaute, in den Besitz des Ordens. Seit dieser Zeit rivalisierten die Benediktineräbte neben den Orsini und Colonna auch auf dem Kriegsfeld und waren leider wegen ihrer erbarmungslosen Justiz berühmt. Deshalb entzog Urban VI. im Jahre 1386 den Mönchen das Recht, den Abt selbst zu wählen, und setzte zum Teil dadurch ihrem Übermut eine Schranke. Dennoch empörte sich, fast hundert Jahre später, das Volk von Subiaco gegen die Mönche, die an fünfzehn jungen Leuten eine Art Lynchjustiz ausgeübt hatten, verwüsteten das Kloster und mordeten die Mönche. Auch in den ferneren Jahrhunderten spiegelt sich in der Geschichte dieser Abtei im kleinen das ewige Auf und Ab von Größe und Verfall wieder – und viel von dem steten Kampf zwischen geistlichen und weltlichen Würdenträgern!
Ein steiler Weg von fünfundzwanzig Minuten führt weiter aufwärts nach San Benedetto, einer aus Ober- und Unterbau bestehenden Kirche, in deren Garten der heilige Franz von Assisi die Dornen, in denen der heilige Benedikt sich wälzte, um sich gegen verführerische Vorstellungen zu schützen, in Rosen verwandelte. Noch jetzt ist der Garten von Rosenbüschen erfüllt. Die Grotte, in der Benedikt lebte, ist mit einer Statue des Heiligen aus der Schule Berninis geschmückt.
Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen.
I. Locarno.
Eins wollen die seit undenklichen Zeiten an Italien-Sehnsucht krankenden Deutschen nie lernen: daß sie nämlich dieses Land, das wie kein anderes Sonne, Wärme und frisches Grün verlangt, stets viel zu früh aufsuchen und es gerade dann verlassen – wenn es erst anfängt schön zu werden! Den früher so viel beklagten Übelständen: schlechten Heizungsmöglichkeiten, Steinböden usw., ist zwar längst, wenigstens in den besseren, internationalen Hotels und Pensionen, abgeholfen; es gibt überall Zentralheizung, Parkettböden, mit Teppichen ausstaffierte Hallen und Lifts und Wintergärten, und der Deutsche findet es mit steinerner Stirn: »ebenso wie zu Hause« – aber natürlich, den echten, gemütlichen italienischen Albergos muß er aus dem Wege gehen, weil er eben in ihnen friert und sie deshalb für »unmöglich« hält. Das ist der zweite Nachteil seiner vorzeitigen Erscheinung jenseits der Alpen. Der erste, wie gesagt, die tote Natur. Eine nordische Landschaft kann durch schweren, bewölkten Himmel Ausdruck und Stimmung erhalten und malerisch wirken, die italienische wird ohne Sonne farb- und charakterlos. Und weshalb begnügt man sich mit ein paar warmen Mittagsstunden? – In der Hauptsache wohl, weil es diese auch zu Hause nicht gibt. Jetzt dehnt man sich schon morgens im Bett mit dem wohligen Gefühl, zu einem echten, rechten Sommertag erwacht zu sein; durch das weitoffene Fenster zieht laue Luft, durchsetzt vom wundervollen Duft der Glyzinien, deren schwere lila Trauben einen undurchdringlichen Baldachin über der Terrasse bilden. Man hat geschlafen, gewiß; aber bis in den Traum hinein hat man die Nachtigall gehört, die die Nacht durchschluchzte, und von der man ohne weiteres annimmt, daß sie poetisch genug war, ihr kleines Nest im Kamelienbaum aufzuschlagen; über und über bedeckt ist er mit leuchtenden, roten Blüten – und die Nachtigallenkinder werden ihr Leben lang vollauf zu tun haben, wenn sie auch nichts anderes lernen wollen, als ihn würdig zu besingen. Man lächelt vor sich hin, wenn man nun ans Fenster tritt und nach stillem Blick über den stahlblauen Spiegel des Sees die Wunder in der Nähe betrachtet: die Kletterrosen mit ihren Tausenden zartweißen, rosa oder gelben Knospen und Blumen, die prangenden Rhododendrons, die köstlich gefärbten und duftenden Azaleen, die alle in jeder Nacht an ihrer Vervollkommnung weiter arbeiten – aber mischte sich nicht in die langgezogenen Seufzer der Bülbül ein merkwürdig nüchterner Ton?! Man erinnert sich plötzlich: der Hahn war es, den die Kunst der grauen Sängerin nicht schlafen läßt, und der es in Locarno für nötig hält, noch vor Mitternacht die Menschheit an sein Dasein zu mahnen. Aber hier versteht man das; in diesem Zauberreich müssen die ältesten Gesetze ihre Kraft verlieren und aufgehoben werden. Die Natur befreit sich von allen Fesseln, und in ihrer unerhörten Verschwendung verleiht sie auch dem bescheidenen Haushahn die Gabe, über seine eigentliche Bestimmung hinaus zu krähen.
Drunten pfeift der erste Dampfer, deutlich kann man verfolgen, wie von allen Seiten Omnibusse heranrollen, etwas Gepäck verladen wird und einige Pärchen Hand in Hand den Weg, der zum Schiff hinüberführt, betreten. Der Dampfer gibt ein zweites, wehmütiges Signal: aber niemand kommt mehr. Schwerfällig legt er ab. Und der junge blonde Kontrolleur, der seit fünf Jahren täglich vom Morgen bis zum Abend die zwölf Dampfer seiner Linie kontrolliert, wird keine zu große Arbeit haben. Diese da, die letzten, allerletzten deutschen Hochzeitsreisenden haben richtige Billette, sitzen in der ihnen zukommenden Klasse, verlassen das Schiff ordnungsgemäß an der Isola bella, durcheilen Hand in Hand Schloß und Garten und stehen nach zwei Stunden Hand in Hand wieder bereit, um die Rückfahrt anzutreten. Nicht einen Schritt vom vorgeschriebenen Wege tun diese Leute – nichts sehen sie als die im Reisehandbuch verzeichneten Merkwürdigkeiten, und ohne Aufenthalt setzen sie ihre Tour fort: nach Lugano hinüber, oder gleich zurück über den Sankt Gotthard – und ahnen nicht, daß sie an den Hauptschönheiten vorübergegangen sind und sich ihnen nur eine Spalte des Allerheiligsten geöffnet hat! Nein, ich fahre nicht über den See; ich warte, bis auch die letzten Hochzeitsreisenden fort sind und sich die braven Italiener, die dann mit schwatzenden, lachenden Kindern Vor- und Hinterdeck in Beschlag nehmen, sich nicht mehr über die fabelhafte Ungeniertheit der Jungvermählten chokieren. Und abends kehre ich erst heim, wenn das Mondlicht ein glitzerndes Netz übers Wasser wirft und all die kleinen Uferstädte nur mehr durch die Perlenreihe der Lichter erkennbar sind und nach kurzem wieder in mystisches Dunkel zurücksinken. Jetzt wandere ich lieber die Höhen hinauf, in der tröstlichen Gewißheit, keiner Seele mehr zu begegnen, sobald ich den Stadtrayon verlassen habe. Am wilden Garten der Madonna del Sasso, die sich eher wie eine Festung als wie eine Kirche auf steilem Fels inmitten einer Schlucht erhebt, schlendere ich vorbei, über Orselina Brione und Contra bis zu dem entzückenden, weltvergessenen Mergoscia im Tal der Verzasca, die sich nicht genug tun kann an größeren und kleineren Fällen; oder zur anderen Seite nach dem malerischen Ascona, das noch seinen besonderen Reiz durch die Gruppe der »Naturmenschen« erhält, die sich auf der Höhe des Monte Verità in verlassenen Bauernhäuschen angesiedelt haben und ihren Individualismus durch vegetarische Kost, flatternde Haare, wenig Bekleidung und größte Saloppheit dartun. Ich nehme mir aber bestimmt vor, sobald es noch heißer wird, mich wenigstens »vegetarisch« zu frisieren und alle künstlichen Unterlagen fortzulassen. Ascona ist auf dem Land erbaut, das die Maggia angeschwemmt hat; in ihrem langen Tal ist wohl der schönste Punkt bei Ponte Brolla, wo der Bach durch schroffe Felsen bedrängt wird, und später bei Visletto. In Cevio mündet ein neues Tal ein, das Valle di Campo, von der klaren Rovana durchströmt, von dessen verschiedenen Ortschaften aus über zahlreiche Pässe leichte und etwas schwierige Touren sich nach Gefallen und Wanderlust ausführen lassen. Aber sieh, das Beste liegt so nah! Der köstliche Weg von Locarno nach Ronco, hoch überm See, mit stetem Blick auf seine Fläche und die anmutigen Inseln bei Brissago, führt durch schattenspendenden Wald; nicht durch immergrünen mit hartem, dauerhaftem Laub, sondern unter den zartgrünen Zweigen von Ulmen, Buchen und den lichten Schleiern der Birken hin. Und über allen Vorbergen, die im April noch so plump in ihrem farblosen Massiv dastehen, haben die Birken ebenfalls ihr beständig flimmerndes Grün geworfen; auf den höheren Gipfeln leuchtet noch der Schnee, von den Abhängen erstrahlen die Obstbäume in blendender Pracht, und die Weinreben strecken sich von Maulbeerbaum zu Maulbeerbaum grüne Blättchen auf verlangend wachsenden Armen entgegen. Ein reizender Winkel, verfallende, verlassene Bauernhäuschen, durch dichten Efeu zu malerischsten Ruinen umgewandelt, ist Fontana Martina, noch hinter Ronco gelegen und von Brissago aus über einen mörderisch steilen Pfad zu erreichen. Ein Deutscher wohnt hier einsam in dem toten Gemäuer, das für jemand, der wirklich Ruhe sucht, ein Dorado sein muß. Aber diese Jemande scheinen seltener zu sein, als man im allgemeinen annimmt: kein Liebhaber oder Räuber meldete sich bis jetzt, und der Deutsche, der ein wenig auf die Eigenbrödelei seiner Landsleute gerechnet hat, folgt am Ende eines schönen Tages – die hier ja nicht selten sind! – dem Beispiel seines Vorgängers und zieht sich mit einer reichen Frau in das Weltgetöse Mailands zurück. Die Kontraste liegen im Leben ja meistens dicht nebeneinander.
Auch hier. Denn neben den Kindern heißerer Sonne, den hohen Fächerpalmen mit ihren kraftstrotzenden, sich eben öffnenden Blütenkolben sendet unser nordischer Flieder seine lila und weißen Sternchen im leisen Wind hinüber zu dem unendlichen Reichtum der Mimosenbäume; die zarten Kerzen des Kirschlorbeers strecken sich neben den derberen der Kastanie vor, die Orangenblüten erstrahlen doppelt neben den schwarzen Kugelfrüchten der Zypressen, die Iris gesellt sich zum Calicanthus, dem »Erdbeerbaum« unserer Kindheit, und zu Füßen des spielerischen Bambus und des selbstbewußten Eukalyptus sehen uns unsere Stiefmütterchen mit ernsten und etwas größeren Augen als zu Hause an.
Ich will dem deutschen Frühling nicht seine Schönheit bestreiten; er hat längere Frist, sich zu entwickeln, und muß heftig genug um die hartgefrorene Erde und mit seinem Todfeind, dem Nachtfrost, ringen. Das mag seinen Kräften nur förderlich sein. Hier kommen sich Sonne und Erde in langem, heißem Kuß entgegen, es gibt kein Verweilen, nur ein Vorwärtsdrängen, ein Entfalten, Sprießen und Wachsen von Stunde zu Stunde. Und unter den glücklichsten Verhältnissen, vom hehren Rahmen der Berge umfaßt, lacht aus betörender Farbenpracht mit tausend Augen der Sommertag, und klingt sein Herzschlag aus dem Lied der Amsel und dem unablässigen Zirpen der Grillen.
Auf meiner Fensterbank liegt eine smaragdgrüne Eidechse. Sie genießt die Wonne ihres Daseins – sie ist wunschlos glücklich!
II. Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde.
Einen köstlichen »Aussichtsberg« überm Lago Maggiore gibt es, sagte man mir, und nachdem ich so lange darauf angewiesen war, allein oder in Gesellschaft von weder bergkundigen noch steigelustigen Genossinnen über bessere Hügel zu spazieren, wurde der Höhendrang von Tag zu Tag mächtiger. Sofort nach Ankunft des »Hochtouristen«, der auf Entdeckungsfahrten im »unbekannten Italien« auszog und sich, wie er sich bescheiden ausdrückte, »herabließ«, auf der Durchreise dem Lago Maggiore ein paar Tage zu »opfern«, wurde eine größere Tour vereinbart. Der Dampfer brachte uns nach Stresa, wo ein starker Gewitterregen die wichtige Frage nach bequemem Aufstieg, schöner Aussicht usw. zunächst so zweifelhaft machte, daß wir uns erst mal zum Bleiben entschlossen, an den pompösen Hotels und den noch schlafenden Villen der reichen Milanesen vorbeischlenderten und über einen der berühmten, herrlich angelegten Spaziergänge Doktor Georg von Siemens' wieder in das engmaschige Netz der Straßen des Städtchens zurückgerieten. Hallo, dort ist ein Auflauf vor einer Kirche! Wir stellen uns zwischen die anderen Neugierigen, und nach ein paar Minuten fährt – höchst modern! – ein Bischof im Automobil vor und nimmt große Sträuße, von Chiffonschleiern geschmückt, in Empfang. Eine Kapelle empfängt ihn mit dröhnender Musik – leider ist es die Marcia Reale, im Jubiläumsjahre römisch-klerikalen Ohren gewiß eine doppelt unsympathische Melodie. Aber der geistliche Herr findet sich mit Würde in diesen überraschenden Kunstgenuß, verschwindet unter dem feuerroten, mit breiten Goldstreifen umsäumten Baldachin und erscheint nach kurzem wieder, in voller Amtstracht, die Hand mit dem Hirtenring segnend nach links und rechts streckend. Der Zug ordnet sich; als Trägerin eines riesenhaften Kreuzes eine jüngere Person wie eine Schar ihr folgender, bedeutend älterer in blauem Überwurf und weißen Schleiern, dazu haben alle – sogar die Kreuzträgerin – trotz der Heiligkeit des Moments, ihre mächtigen baumwollenen Regenschirme am Arm, die wohl nur im Tode von den Italienern abgelegt werden. In langen Reihen folgen die Schulkinder, Knaben wie Mädchen, von Geistlichen und Schwestern geleitet; am anderen Tage gibt's eine große Firmelung, obgleich der eigentliche Zweck des Signor Vescovo nur eine visita pastorale sein soll, der Besuch des Hirten bei seinen Schäflein. Armselig genug sehen sie aus, die ihm in die nächste Kirche folgen, und sein ernsthafter Blick gleitet über die Fremden hin, die abseits stehen. Und in diesem ruhigen Blick und in der Bewegung der segnenden Hand liegt so viel Achtunggebietendes, daß sich die Köpfe derer, die eben noch über die bescheidene Prozession und den modernen Bischof im Auto gelächelt haben, demütig senken und ihren Teil an seinem Segen hinnehmen.
Am anderen Morgen hat es sich so weit geklärt, daß man nach Meinung der Eingeborenen den Aufstieg wagen darf: schlechtes Wetter hält sich hier ja nie länger als einen Tag, der Wind hat gewechselt, Gewitter kommt nicht – also! Und was man gerne glauben möchte, glaubt man ja einfach, obwohl der Hochtourist behauptet, die Einheimischen verstehen vom Wetter nie etwas. Zuerst geht's einen steilen Fosso, eine kleine Schlucht, empor; die Sonne brennt wahnsinnig, besonders, da ein fast senkrechter Bauern-»scorciatoio« zum Abkürzen verlockt hat und man sich mit Unterholz und Geröll herumplagen muß. Dann oben auf dem harmlosen Grat, zum Teil durch Wald, ist es recht hübsch; dann furchtbar langweilig, trotzdem man sich allmählich zur alpinen Flora emporgearbeitet und tiefblaue Enziane auf den sumpfigen Wiesen findet – denn natürlich hat man wieder »abgekürzt«, schon um nicht immer neben dem im Bau befindlichen Damm der Zahnradbahn herlaufen zu müssen. Im Mai dieses Jahres noch soll sie eröffnet werden, dann werden endlich auch die Italiener, die mit wenig Ausnahmen ja das Wandern verabscheuen, diesen Berg gewinnen, und seine Einsamkeit wird dahin sein. Denn jetzt haben wir in den vollen vier Stunden, die wir zum Aufstieg ohne Rast brauchten, nur ein paar Bahnarbeiter getroffen, sonst keine Seele. Dicht vorm Albergo lag noch Schnee, zugleich setzte ein Hagelschauer ein, dem ein heftiges Gewitter folgte; da wir nun doch schon naß waren, erklommen wir gleich den nur zehn Minuten vom Restaurant entfernten Gipfel, mußten aber durch meterhohen Schnee waten. Oben, unter dem 15 m hohen Kreuz, lagerten wir an einer schneefreien, aber leider nicht windfreien Stelle und warteten geduldig, bis das Wetter sich verzog und langsam, langsam die liebe Sonne wieder durch die schweren Wolken kam. Welch ein Wunder sich dann offenbarte, und wie aus der Riesenkette schneebedeckter Häupter allmählich in überwältigender Höhe die Gruppe des Monte Rosa emporwuchs, das wäre auch mit drei Gewittern und vier Meter hohem Schnee nicht zu teuer bezahlt gewesen! Und drüben, über den sieben Seen, die man von oben zählt, fuhren die gewitterschwangeren Wolken noch unruhig hin und her, ein ewig wechselndes, berauschendes Farbenspiel auf den Wasserspiegeln hervorrufend, während der Schnee ihrer Berge in schwefelgelbe Tinten getaucht war. Ich glaube kaum, daß es an besonders klaren Tagen, an denen sich in der lombardischen und piemontesischen Ebene von hier aus Mailand und Turin zeigen sollen, schöner sein kann, als wir es oben hatten. Aber leider haben manche Leute ja ein Vorurteil dagegen, bei Gewittern auf Berggipfeln zu sein!
Nach einer angenehmen Collazione im vortrefflich geleiteten Albergo, das den in Italien als Gastwirte bekannten Guglielminas gehört, stiegen wir dem westlichsten der oberitalienischen Seen, dem Lago d'Orta, zu, an der Südseite des Mottarone hinunter. Abkürzungswege, auf die wir an diesem Tage nun einmal geschworen hatten, brachten uns schneller ins Tal und dazu durch Gegenden, die absolut menschenleer waren, und in denen außer anderen Vogelstimmen sich sogar auch Nachtigallen hören ließen. Aber diesen wundervollen Weg, der allmählich wieder in die Region der immergrünen Gewächse hinabführte und zum Schluß an ganzen Narzissenfeldern vorbei, beschreibe ich nicht näher; aus Angst, ein Italiener könnte lesen, daß es bei ihm noch irgendwo Singvögel gibt! Dann wär's aus mit ihnen!
Nach gut vier Stunden tauchte endlich am Ende der Schlucht wieder der vom Gipfel des Mottarone schon begrüßte See auf, entzückend in seiner Stille, der malerischen Umrahmung und der Insel San Giulio mit der alten Kirche darauf in seiner Mitte. Zwar fielen jetzt wieder große Tropfen, während ich noch den imponierenden Sassina-Viadukt bewunderte und wiederholt meine Bedenken gegen die Wetterkenntnis der Eingeborenen äußerte. Aber weit vom Ziel konnten wir doch nun nicht mehr sein; ich verwandelte mich mit meinem Wetterkragen in eine der besonders beliebten »Lodendeutschen« und wanderte tapfer fürbaß – wohl noch fast eine Stunde in immer stärker strömendem Regen, unliebenswürdigem Donnergrollen und überflüssig häufigen Blitzschlägen. Manchmal ist einem doch ein heftiges Gewitter pro Tag genug. Jedenfalls war ich recht froh, als wir endlich beim Pranzo auf der kleinen Terrasse des Albergo Orta saßen und ich den Regen nicht mehr direkt ins Gesicht und auf den Kopf bekam. Übrigens ist die kleine Stadt Orta, die eigentlich nur aus einer Piazza und einer einzigen engen Straße, abgesehen von einigen an den Hängen verstreuten Villen, besteht, sehr reizvoll, und ihr Sacro Monte, in dessen Kapellen das Leben des hl. Franz von Assisi in den in dieser Gegend bevorzugten Terrakottafiguren dargestellt wird, bietet eine entzückende Aussicht.
Am nächsten Morgen in Frühe und Kühle brachte uns ein emsiger kleiner Dampfer in einer Viertelstunde ans andere Ufer, nach Pella hinüber, wo ich den Sitz auf dem mich schon im voraus klagend anschauenden Maulesel dankend ablehnte und auf einem Weg, den uns die Italiener als gänzlich unmöglich für Damenfüße schilderten, sehr bequem, zum Teil durch schattigen Wald, nach zwei Stunden den Paß la Colma erreichten. Als gewissenhafte Alpinisten – so ist man nun einmal! – nahmen wir gleich den Monte Briasco von hier aus noch mit, zu dessen Gipfel (1185 m, also fast 300 m weniger als der des Mottarone!) man in dreiviertel Stunden gelangt, und der mir den Monte Rosa einmal ganz ohne Wolken und durch seine Nähe von imponierendstem Eindruck zeigte. Dann ging's von la Colma an recht gemütlich hinab, durch prächtige Kastanien- und Nußwälder, an viel einsamen, von blühenden Obstbäumen umstandenen Gehöften vorbei. Nur wo in Italien immer die Menschen sind, möchte ich trotz meiner Vorliebe für ungestörtes Wandern doch oft gern wissen. Bis unten das Sesiatal auftauchte, kam es mir vor, als gehörte dies herrliche Land allein uns, so wenig wurde es von anderen beansprucht. Alles in allem haben wir vier und eine halbe Stunde bis zu dem durch seine Lage und Architektur überwältigend schönen Varallo gebraucht – warum also kennen Deutsche die kleine Stadt fast gar nicht und überlassen sie den Engländern fast ganz, die allerdings nicht ungeschickt im Aufspüren versteckter Kunststätten sind?!
Varallo ist ein altes Städtchen, überaus malerisch mit seinen Steinhäusern und dem lichten Grün der Laubbäume, dem dunklen der immergrünen Pflanzen dazwischen. Alte Dokumente, zwei Diplome Kaiser Konrads II. erzählen, daß es schon 1025 existierte. Zu größerer Bedeutung gelangte es aber erst, als Bernardo Caimi, ein Franziskanermönch, einer vornehmen milanesischen Familie entstammend, im Jahre 1481 nach seiner Rückkehr aus Palästina beschloß, in seinem Heimatlande ein Sanktuarium zu errichten, das allen heiligen Orten, die er besucht hatte, samt den Begebenheiten, die sich dort zugetragen haben, gleichen sollte. Er erwählte sich Varallo zu seinem frommen Werke und erhielt im Jahre 1486 vom Papst Innozenz VIII. die Erlaubnis, ein Kloster zu errichten. Aber erst nach einer zweiten Reise nach Jerusalem entwarf er die Pläne für das Heiligtum, und im Jahre 1491 wurde der Grundstein gelegt. Seit dem Besuche des Erzbischofs von Mailand, Karl von Borromeo, im Jahre 1578, der das Sanktuarium bedeutend erweiterte und den Beschluß faßte, in einzelnen Kapellen alle Mysterien des Lebens Christi darzustellen, gewann Varallo seine große Wichtigkeit als Wallfahrtsort. In den waldreichen Tälern und auf den kleinen Vorsprüngen des Berges verteilen sich 45 Kapellen um die Hauptkirche, vor der sich ein architektonisch höchst reizvoller Hof hinbreitet. Das Innere der Kirche ist reich, aber modern. In den Kapellen dagegen befinden sich die alten Fresken und Terrakottagruppen, die auf Befehl Karl Borromeos hergestellt wurden. Fast tausend Statuen, darunter unzählige Tiere, Vögel, Reptilien, von 80 Künstlern ausgeführt, veranschaulichen das Leben und Leiden Christi und gelten dem italienischen Volke noch heute als wunderbare künstlerische Leistung; während unser Geschmack wohl durch die ganze Anlage als solche, die Architektur der Kirche und der Kapellen sowie durch die entzückende landschaftliche Umgebung des Heiligtums mehr befriedigt wird als durch die oft sehr bunt bekleideten und daher unruhig wirkenden Gruppen. Einzelne allerdings, wie die »Kreuzigung« aus der Hand Gaudenzio Ferraris, werden auf jeden Beschauer eine erschütternde Wirkung ausüben. Auch darf man nicht vergessen, daß zur Zeit, als die Terrakotten entstanden, die Bauern weder lesen noch schreiben konnten und Bücher eine Seltenheit waren. Da mußte die anschauliche Darstellung der heiligen Geschichte von größtem Einfluß sein.
Am Fuße des Sacro Monte, zu dem man von der Stadt aus auf sehr steilen Wegen in zwanzig Minuten emporsteigt, liegt die äußerlich simple Chiesa Santa Maria della Grazie, die dem 15. Jahrhundert entstammt. Eine vornehme Familie aus Varallo, die Vincini, ließ auf ihre Kosten das große Wandgemälde malen, welches das Prespyterium von der übrigen Kirche scheidet. Es darf wohl als schönste Arbeit Gaudenzio Ferraris betrachtet werden und stellt in zwanzig Vierecken, in der Mitte als größtes die Kreuzigung, Christi Leben dar. Ein anderes Bild desselben großen Künstlers, die Vermählung der heiligen Katharina, befindet sich hinter dem Hochaltar der auf köstlichen Substruktionen sich erhebenden Pfarrkirche San Gaudenzio, zu deren Füßen der Wochenmarkt abgehalten wird. Auch über dem Portal der Chiesa della Madonna di Loreto, eine Viertelstunde von Varallo entfernt, hat Ferrari die Geburt Christi wunderbar al fresco gemalt.
Besonders anziehend wird das Stadtbild Varrallos durch die schönen Trachten der Frauen aus den naheliegenden Dörfern und Tälern. Die aus Fobello tragen breite, leuchtend rote Säume an den schwarzen Faltenröcken, während eine schmale rote, hinten grüne Einfassung die Rocksäume der Frauen aus dem Mastolonetal umgibt. Alle aber tragen sie unter den Jacken und Miedern weiße Hemden mit kostbaren gelblichen Macraméeinsätzen und -spitzen und breitgelegte seidene Tücher auf dem Kopf, die nur bei der Messe durch Schleier aus Spitzen oder feinem Leinen ersetzt werden. Als Beitrag zu einem aktuellen Thema möchte ich erwähnen, daß ebenso allen Frauen ein schwarzes Beinkleid gemeinsam ist, das die Beine eng bis zu den Knöcheln umhüllt; die nackten Füße stecken in den landesüblichen Holzpantoffeln, den »Zoccoli«.
So bringt der kleine Ausflug ins »unbekannte« Italien des Erhebenden, Neuen, Anregenden genug. Mir bleibt der Besuch des größten Kalvarienberges der Welt eine schöne Erinnerung. Und wer die Mühe scheut oder kein flotter Wanderer ist, dem verrate ich einen näheren, bequemeren Weg: eine zweistündige Bahnfahrt von Arona am Lago Maggiore aus bringt auch ans Ziel. Aber, »wem Gott will rechte Gunst erweisen,« der wandre!
III. Hochalpine Spaziergänge.
Für jemand mit der eingeborenen Lust zum Bergsteigen im Herzen ist es undenkbar, lange still an einem Platz zu sitzen, dessen nächste Umgebung Gebirgszüge sind. Sie locken täglich; und täglich dringender. Und nur schlechtes Wetter und die Gewißheit auf »Aussichtslosigkeit« lassen die Genagelten im Schrank stehen. Man hat also Zeit genug, sich vorher zu orientieren; das ist bei allen Bergen an den oberitalienischen Seen nicht leicht. Da gibt's keine schönen Wege wie in den Gebieten des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, auch sehr selten Markierungen. Unzählige Vieh- und Holzwege kreuzen sich und laufen nach allen Seiten, und erst wenn man aus der Waldregion herauskommt, wird es, wenigstens für den, der ein Auge fürs Gelände und für Bergformen hat, leicht, die beste Route zu finden. Im ganzen bieten die Berge keine Schwierigkeiten; es sei denn, daß noch Schnee liegt, der die Aufstiege im letzten Teil ermüdend macht. Denn natürlich besteigt man diese Berge am liebsten im Frühjahr, weil die Aussichten dann schöner sind als im Herbst, auch grade der Schnee die Linien der Gipfel veredelt. Abgesehen von den italienischen Sommergästen, die ja auch sehr bequem sind und sich nur selten zu einer Partie aufraffen, werden diese Berge fast nie bestiegen. Die Touristen, die alles an den Seen besuchen, was sie eben für »alles« halten, sind zu eilig, das internationale Reisepublikum bummelt herum, Hochtouristen erscheinen nicht auf der Bildfläche. Auf viele Berge, z. B. auf den Monte Generoso, auf den Mottarone, auf dem ich vor zwei Jahren noch zu Fuß war, führen jetzt Zahnradbahnen, so daß sich die »Faulen, die zu Hause liegen«, ohne weitere Anstrengung das Vergnügen einer Aussicht verschaffen können. Was ist das aber gegen eine selbst erkämpfte?! Freilich, die Bauern in den kleinen, jetzt in köstlichem Grün gebetteten Felsennestern warnen wie immer vor dem entsetzlichen Weg, der für eine Dame absolut unmöglich sei! und vor dem tiefen Schnee am Gipfel – Schnee bleibt nun einmal in der Vorstellung des Italieners die böseste Naturerscheinung! Trotz der gutgemeinten Ratschläge geht man im steten Schritt weiter; schließlich, steckte man sich nicht höhere Ziele, könnte man einen Aussichtsberg wie die Cimetta von Locarno aus als Morgenspaziergang behandeln, wenn man seinen Tag um fünf Uhr begönne. Denn es handelt sich um keine bedeutenden Höhen – die Cimetta z. B. ist nur 1676 m hoch –, da die Seen aber tief liegen, ca. auf 200 m, so hat man immerhin recht große Höhendifferenzen zu überwinden. Und ist man erst oben, so möchte man gleich mehr genießen!
Wir übernachteten daher in dem 1000 m über Locarno gelegenen »Alpenheim«, zu dem die Straße mit den berühmten 28 Kehren hinaufführt. Sie zeichnet sich durch die Verheißung aus, daß man ab der 22. den Monte Rosa sieht – allerdings zuerst in einem Umfang, daß man ihn mit der wirklich mitgenommenen Zahnbürste decken könnte – und durch ihre Pflasterung. Oh, diese Pflasterung, die man allen hochgelegenen Orten und den zu ihnen leitenden steilen Saumpfaden angedeihen läßt! Hinauf geht's noch – aber hinunter, wenn man ohnehin von seinem Berg-Tagewerk schon müde ist, und nun sich die runden, eckigen, immer aber gebuckelten Steine mit Vehemenz in die Sohlen drücken! Wozu sie noch niederträchtig glatt und rutschig sind, weil sie mit Holzschlitten, die das Holz von oben bringen, befahren werden und den Genagelten daher so gut wie keine Reibung bieten. Da heißt's bei jedem Schritt achtgeben, will man das Mosaikmuster nicht noch andern Körperteilen einpressen. – Im »Alpenheim« sind noch keine Gäste; man eröffnet mit uns die Saison. Die einzige Bedienung, der siebenjährige Sohn der Deutsch-Schweizer Wirtin, serviert uns die vorhandenen Genüsse: Rühreier, und Salami, in den italienischen Bergnestern das Ein-und-Alles! Wahrscheinlich aber bereitet die auch auf Höhen steigende Kultur der wohltuenden Primitivität hier oben bald ein Ende: die Quelle, aus der man beim Aufstieg ahnungslos trank, soll Radium enthalten. Schon naht ein Konsortium – und in einer Vision sieht man statt Hansi mit zu kurzen Hosen und bloßen Füßen befrackte Kellner und beknöpfte Liftboys. Fliehe, ehe es zu spät ist!
Um vier Uhr früh tranken wir deshalb den »Tourenkakao«, packten harte Eier und Salami in den Rucksack und ließen den zukünftigen Radiumpalast, den jetzt noch eine Stearinkerze erhellte, hinter uns. Empor durch Wiesen, vorbei an leerstehenden Almhütten. Nach gut zwei Stunden ein recht ekelhafter Grasbuckel, auf dem man immer wieder Terrain zu verlieren statt zu gewinnen scheint, so rutschig ist er; dann pfadlos zum Gipfel. Schön?! Unbeschreiblich! Der Lago Maggiore in lichter Morgensonne, gerade noch sieht man das goldene Gegitter des Mondes in den dunklen Fluten vertauchen – leichte, lila Wölkchen um die schneebedeckten Gipfel, als Glanzpunkt des Gebirgspanoramas der Monte Rosa in strahlender Pracht und jetzt jedem banalen Vergleich unerreichbar, dazu die Mischabel, in greifbarer Nähe der stolze Basodino – und dann die Talblicke! Rauschende Ströme, blitzende Wasserfälle, duftige Wälder und überall auf Terrassen und Hängen, vom Grün der Weinberge umschlossen und von malerischen Kirchen überragt, Ortschaften und Dörfer, die immer aus der Ferne wie königliche Residenzen wirken und in der Nähe, ach, von solch schmerzlicher Armut und Verkommenheit sind. Im Augenblick aber freut einen nur die kostbare Schönheit ringsum – man möchte mehr und mehr von ihr haben! Also hinunter zum Sattel – mühelos gewinnt man ihn – und wieder aufwärts über einen steilen Fels- und Schneegrat zum Gipfel des Poncione di Trosa (1874 m). Hier gibt's dieselbe, nur noch erweiterte Aussicht, ein Frühstück im Schnee und dann eine Abfahrt, im Sitz, die steilen Hänge hinunter im Schnee, höchst amüsant und sehr verwegen über die tiefvergrabenen Buchenäste und Alpenrosenbüschen fort – recht groß kommt man sich vor! Ja – bis man plötzlich bis über die Hüften im Schnee feststeckt und das rechte Bein weder rück- noch vorwärts bewegen kann, so zäh umklammert es das Gezweig. Es ist zum mindesten ungemütlich, und wäre man jetzt allein – und bis Mittag frören die Zehen ab und vom Nachmittag an brauchte man von einem Paar Strümpfen nur noch den linken – es nützt nichts, »der« Hochtourist, der unten am Sattel steht und schreit und brillante technische Ratschläge gibt, nach denen jedes bessere Bein ein Korkenzieher würde, muß noch einmal herauf und mit Pickel und freundlichen, auftauenden Worten »der« Bein ausgraben. Es gibt einen unvorhergesehenen Ruck und Bein mit Genageltem schnellen dicht am Antlitz des Befreiers vorüber ans Tageslicht. Daß man sich nun erst recht noch einen Gipfel erkämpfen muß, steht fest. Vom Sattel geht's ziemlich bequem – was man in den Bergen so nennt, wo glitschige Platten, fatales Gestrüpp, steiles Gras und schließlich wieder harter Schnee nur angenehme Begleiterscheinungen sind – zum Gipfel des Madone hinauf (2050 m). Dies Auf und Ab ist durchaus interessant und wohltätig für die Geschmeidigkeit des Körpers, die Aussicht von hier auch noch weiter, noch imposanter, und eventuell noch ein halbes Dutzend Gipfel bequem bei Hand und Fuß. Aber ich bedeute meinem Hochtouristen ernsthaft, daß ich im Leben nie unbescheiden gewesen sei und mir bis vormittags 11 Uhr drei Gipfel genügten, und meine Kousine, deren erste Bergtour es war, erklärt, daß sie sich die Sache überhaupt ganz anders vorgestellt habe und keinen Schritt mehr aufwärts steigen wolle. Darauf fuhren wir froh auf dem Teil, den der liebe Gott zum Sitzen eingerichtet hat, über den Schnee, zum Sattel hinunter, trockneten an einer noch verlassenen Almhütte einige Kleidungsstücke in der mitleidigen, aber doch leis verstimmten Sonne, aßen den Rest der Salami und marschierten ab, auf recht miserablen Alpenwegen, zum Tal der Verzasca hinunter. Was vorher leichter Nebel war, verdichtete sich zu feuchten Niederschlägen; die Feuchtigkeit zu sanftem, starkem – dann brausendem Regen. Bis zum hübschen Mergoscia, das immer noch 735 m hoch liegt, triefte es von meinem guten Hut, und aus meinen Handschuhspitzen lief das Wasser. Aber nach einer Stärkung an entsetzlichem Kaffee, bei dem einem mal wieder klar wurde, wie gut man's hat, daß man den nicht täglich zu trinken braucht, besannen wir uns darauf, daß wir schließlich erst gut acht Stunden marschiert seien, abgesehen von der durch Rasten und Ausgraben verlorenen Zeit, daß die am Nachmittag fahrende Post vielleicht schon besetzt wäre und wir inzwischen keinenfalls auf eine Trocknung unseres inneren und äußeren Menschen zu rechnen hätten. Ich setzte den guten Hut wieder auf und durch das wildromantische Tal, in dem sich die Verzasca durch starre Felsen ihre Bahn gräbt – das also bei schönem Wetter jeden Lyriker begeistern würde – eilten wir mit zusammengebissenen Zähnen heimwärts. Zwei volle Stunden lang im alpinen Schritt. Rucksack und Hut vermehrten ihr Gewicht bedeutend. Den Regen aber kümmerte das nicht. Er tat ganz, als sei er in dieser Umgebung zu Hause und begleitete uns gastlich bis zur Schwelle.
Man muß nicht nur die Feste feiern wie sie fallen, sondern in einer Periode, in der das Wetter höchst beständig, nämlich: beständig schlecht ist, sich zu seinen Unternehmungen sofort auf die auch nur einigermaßen guten Tage stürzen. Solch ein »einigermaßener« Tag war's, den wir von Locarno aus zur Fahrt nach Bellagio benützten, nicht um die Reize dieses Glanzpunktes aller italienischen Seen in gemächlicher Ruhe zu genießen, um Spitzen, Intarsien oder »echte« Antiken einzuhandeln – etwas »Höheres« lockte uns seit langem, der Monte San Primo, der höchste Punkt der Halbinsel, die an ihrer nördlichen Spitze Bellagio trägt. Nach einem wohltuenden pranzo (Mittagessen) im Freien, auf der Terrasse des Hotels Florenz, den herrlichen See zu Füßen, gegenüber im wunderbarsten Blumenflor die Villa Carlotta des Herzogs von Meiningen, und nach einem ausruhenden Bummel unter den Palmen des Parkes Serbelloni, machten wir uns ans Werk, angefeuert vom Studium der Karte, die ungefähr verrät, was einen auf diesem Gipfel erwartet. Der Rucksack ist gottlob nicht schwer, denn die Luft ist fürs Steigen auf der bequem angelegten Straße immerhin schwül. In den Weinbergen schlagen sich schon grüne Bogen von einem Maulbeerbaum zum andern, aus dem hohen Gras ihrer Terrassen glänzen die weißen Sterne der Narzissen. Man denke: es gibt hier Wegweiser! Und so landet man nach dem Durchwandern einiger kleiner Ortschaften ohne alle Fährnisse in Guello, das schon 600 m hoch liegt und uns zur Nacht beherbergen soll. Im Bädeker steht bei diesem Namen: (Whs.) – bedeutet Wirtshaus –, ein »Allogio« dort gäbe es nicht, hatte uns der Kellner in Bellagio versichert. Das schien auch fast so; obgleich der Ort, in dem es außer einigen übrigens über das ganze Dorf verstreuten Villen nur vier Häuser gibt, zwei mit der lockenden Aufschrift »Ristorante« und »Birraria«, zu verzeichnen hat. Die Dämmerung war hereingebrochen; so konnten wir nicht mehr auf des andern Gesicht lesen, was als Hochmut und unberechtigte Anspruchsfülle zu deuten gewesen wäre. Ich trat entschlossen auf das wenigst schlechte Haus zu, in dem eine padrona, die genau so schwarz und so rußig war wie ihr Kupferkessel überm offenen Feuer, uns bedeutete, daß wir nicht allein Eier und Salami, sondern auch, o Wunder, ein kleines, von uns unbeachtetes Häuschen, dass unten eine große, etwas modrig duftende Wirtsstube und, durch eine Außentreppe zu erreichen, oben zwei ganz nette Gastzimmer aufwies, haben könnten. Die Betten sind in Italien auch im bescheidensten Nest gut, auch hier; von der übrigen Einrichtung nenne ich nur einen großen Haufen Schafwolle in einer Ecke, in der andern das Sonntagszeug der männlichen Hausbewohner. Salami und Eier schmeckten vorzüglich, das Brot mußte man sich im herben vino da pasto (Landwein) erst aufweichen; serviert war, auch wie überall in Italien, auf reinem Tischtuch mit Zugabe von tadellosen Servietten. Das bunte Tischtuch bleibt, Gott sei Dank!, eine deutsche Erfindung, dafür ist in ähnlichen, elenden Wirtshäusern unseres Vaterlandes die Serviette, die der Italiener zum einfachsten Imbiß spendiert, z. B. zum Kaffee oder Tee, etwas total Überflüssiges, Luxuriöses. Um halb vier Uhr rasselte im Nebengemach die Taschenuhr »des« Hochtouristen los, die immer dann geht, wenn man am besten schläft; zugleich versicherte die padrona, daß das Wetter schön und der Kakao fertig sei. Umgekehrt hätte auch nicht gestimmt: das Wetter war trübe, der Kakao schlimm. Aber man muß guten Mut haben! Es klärte sich auch ziemlich auf, so daß man seine Freude an den hier oben noch blühenden Obstbäumen und den sich eben erschließenden, alle Wiesen und Hänge bedeckenden Bergschlüsselblumen haben konnte. Da der weite Talkessel bis hoch hinauf größere und kleinere Sommerhäuschen der Milanesen trägt, geht der Fahrweg am Sasso Lentina, einem berühmten eratischen Riesenfelsblock, vorüber, bis zu einem Wäldchen hinauf, von dem jenseits die Alpe del Borgo liegt. Nun führt ein rauher Bergsteig durch Erikabüsche aufwärts zum östlichen Gipfel des Monte San Primo, den man nach gut drei Stunden betrübten Herzens erreicht; denn die Aussicht wird, bei diesem Nebel, der zuerst das Tal nach links, dann auch die rechte Seite schließt, kaum nennenswert sein. Man konstatiert ärgerlich, daß hier oben noch Schnee liegt, die Christrosen noch grün sind, das kleine, struppelige Buchengestrüpp kaum Knospen ansetzt – und dann, am östlichen Gipfel, zerreißt der Nebel plötzlich, See, Wald, Halbinsel, Ortschaften, Berge tauchen auf, die Wanderung am Grat entlang bis zum Hauptgipfel (1685 m), die noch eine gute Stunde beansprucht, wird zu einem wunderbaren Genuß! Das Kapellchen oben ist zerfallen, der Schutzraum noch voll Schnee – aber der Blick, der wunderbare, unvergleichliche Blick! Die Seearme von Lecco und Como umschließen den Bergrücken, auf dem man steht, die ganze Halbinsel mit ihrem köstlichen Wechsel von Wald und Hang, Villen, Parks und Ortschaften, mit Bellagio und den Städtchen und Dörfern am andern Ufer breitet sich aus, umschlossen vom prachtvollsten Bergkranz, in dem besonders die nahe Grigna und die herrliche Pyramide des Monte Leone, das Wahrzeichen des Comosees, fesselt. Und dieses Bild bleibt, während man den langen Rücken des San Primo abschreitet, ungefähr noch zweieinhalb Stunden, in stetem Auf und Ab, von einem kleinen Gipfel zum andern. Diese gemütliche Gratwanderung mit der großartigen Fern- und Nahsicht ist der Hauptreiz dieser Tour. Am aller- allerschönsten Punkt wird gefrühstückt – Salami und Eier! Dann geht's vom westlichsten Gipfel zuerst weglos hinab. Die großen, blauen Enzianglocken geben den Matten einen blauen Schleier, seltene Orchideenarten gesellen sich zu großäugigen Vergißmeinnichten und unzähligen, zartgelben Stiefmütterchen. Die Nachtigallen können kein Ende finden ihres sehnsüchtigen Gesanges; der Kuckuck mahnt aus der Waldesstille. Und Menschen –? Von Guello ab keine Seele; beim Abstieg die ersten wieder in Nesso, das anmutig genug am See liegt und an dem uns der Dampfer wieder aufnimmt und nach Como trägt. Man mag auch diese Menschenleere einen Reiz des Abstiegs nennen, der übrigens dreieinhalb Stunden dauerte. Die letzte Stunde aber, auf den gepflasterten Wegen nach Nesso hinein – Damen mit empfindlichen Sohlen oder Zehen ist er nicht zu raten! Diesen Reiz des Ausflugs könnte man entbehren.
»Den Monte Nudo,« sagte mein Hochtourist, »ja, den können wir noch morgen machen! Zwei so kleine Touren wie die auf den San Primo und den Nudo hintereinander dürften Sie kaum anstrengen.«
Über das »Dürfen« sind die Touren selbst gewöhnlich eigener Ansicht. Vor einer Höhe aber von 1235 m darf man natürlich die Waffen nicht strecken. Also von Como per Bahn nach Laveno am Lago Maggiore, immer auf italienischem Gebiet. Und nach der Nacht mit der Schafwolle ein höchst kultiviertes Quartier im hübschen Hotel Bellevue von Laveno, das einst Kriegshafen der Österreicher war (1849-50) und das gerade der Papa dieses meines Hochtouristen seinerzeit befestigt hat. Eine Erinnerung, die wir pietätvoll verschwiegen, denn sie hätte hier nicht gerade beliebt gemacht, obwohl die Befestigungen schon längst nicht mehr existieren. Wir bezeugten nur dem Denkmal zur Erinnerung an Garibaldis Alpenjäger, die hier am 31. Mai 1859 beim Angriff auf das Fort gefallen sind, unsere Ehrerbietung. Am nächsten Morgen – ohne Rucksack, nur mit Apfelsinen und einem photographischen Apparat – »besiegten« wir in zweistündigem, steilen Marsch die Pflasterwege bis hinauf nach Vararo. Wir waren dankbar, daß die Sonne nicht noch heißer brannte und die Steine von den Holzschlitten nicht noch glatter gerutscht waren. Man sollte sich überhaupt immer die noch schlimmeren Möglichkeiten vorrechnen, als über eine nicht ganz bequeme Gegenwart zu nörgeln. Das Dörfchen Vararo ist sehr malerisch mit seinen eng ineinander geschachtelten Steinhäusern und einer kleinen Kirche, hinter der der Sasso di Ferro einen imposanten Hintergrund bildet. Vielleicht waren wir dieser Offenbarung auch besonders zugänglich, weil dicht vorm Dorf die Landstraße einsetzte und die Sohlen direkt Mutter Erde berühren durften. Die weiteren anderthalb Stunden zum Monte Nudo hinan erschienen einem darnach leicht, angenehm – das Ideal eines Morgenspazierganges! Was der Gipfel an Ausblicken über den Luganer See, den Lago Maggiore und den See von Varese bietet, ist noch dazu eine großartige Belohnung; die Walliser Alpen in ganzer Ausdehnung und weit, weit die Ebene. Der helle Punkt im undeutlichen Steinmeer dahinten soll der Mailänder Dom sein; das erfüllt zwar mit Ehrfurcht, daß man so weit sehen kann, aber für das gewaltige Gesamtbild ist es kaum von Bedeutung. Daß der Monte Nudo seinem Ruf als schönster Aussichtspunkt der Gegend alle Ehre macht, steht fest; daran konnten auch vorübergehende Wolkenschatten nichts ändern. Wäre das letzte Bergab mit seinem horriblen Pflaster, das nun in voller Vormittagssonne brannte, nicht gewesen, so »dürfte« diese Tour zu den leichtesten und zugleich lohnendsten meines Berglebens gehören; so hat sie am Ende einen Stachel der Erinnerung. Das Wetter hielt sich noch immer, nämlich mäßig, und ließ alle Möglichkeiten zu. Weshalb da nicht noch einmal etwas wagen? Hatten wir den Camoghe, den »hervorragendsten Aussichtsberg« des ganzen Tessin nicht bereits dreimal umsonst belagert? Das viertemal mußte es glücken! Zurück nach Lugano, denn auf der Nordseite gab's noch zuviel Schnee und der Zugang vom Süden bietet außerdem noch den Vorteil, den Monte Garzirola und den Monte Segor, die man traversieren muß, gleich noch mitzumachen, also drei Gipfel auf einen Schlag! Es ließ sich auch alles vorteilhaft genug an: mit der Elektrischen von Lugano nach Tesserete, von dort in anderthalb Stunden gemächlicher Wanderung nach Maglio di Colla (in der Val di Colla), das trotz seiner hohen Lage (850 m) ein sehr mildes Klima hat. Im ganzen Tal kommen bis zu 1200 m hinauf noch Kastanien und Wein fort; im übrigen gedeihen hier besonders gut die Schmuggler, die zur nahen italienischen Grenze hinüberwechseln und sich ihren ehrlichen Lebensunterhalt durch inoffiziellen Export von Zucker, Tabak usw. verdienen. Denn in all diesen Gebirgsdörfern, auf schweizerischer wie italienischer Seite, gilt der Schmuggel als anständiges Gewerbe. Es kommt auch hier nur auf die Anschauung an. Die Eisenöfen, die einst dem Orte den Namen gaben – Maglio heißt Hammerwerk – sind längst eingegangen und haben schuld an der Vernichtung des Waldes; was also sollen die armen Leute tun? Genug sind auch ausgewandert, die Frauen dominieren in allen Dörfern des Tales. Uns berechtigte ein klarer, köstlicher Abend zu den schönsten Bergsteigehoffnungen. Der Hochtourist stellte seine liebenswürdige Weckuhr auf 3½, in Anbetracht der sehr langen Tour: Garzirola 2119 m, Segor ca. 2100 m, Camoghe 2296 m und auf 1057 m waren wir erst. Man bereitete seine Beine auf drei Gipfel vor. Aber die Rekognoszierung um halb vier ergab Nebel um die Bergspitzen, die um fünf Nebel bis zur Talsohle, die um sechs strömenden Regen! Der Camoghe wollte zum viertenmal nicht – es gab wieder nichts als heimfahren. Ob er je wollen wird? Wir lesen die Wetterberichte; sie lauten aus allen Orten in edler Abwechslung: coperto (bedeckt), pioggia (Regen), nuvoloso (bewölkt). Wir haben viel vor den andern voraus, bei uns ist alles drei: coperto, pioggia, nuvoloso. Und augenblicklich gießt es, wie seit drei Tagen unaufhörlich. Auf Wiedersehen, Camoghe!
IV. Im höchsten Tessin.
Bei zweimaligen längeren Aufenthalten am Lago Maggiore habe ich fast alle Täler, deren brausende, klare Ströme in die Silberschale des Sees münden, durchstreift, habe die Höhen erklettert, die seinen kostbaren Rahmen bilden, und mich immer wieder an den armen und doch so anmutsreichen, in Weinbergen gebetteten Dörfern der Ufer und Hänge erfreut. Freilich, das Geschick ihrer Bewohner ist nicht so heiter und glücklich, wie man leicht nach der Schönheit der Landschaft und dem gesegneten Klima annehmen könnte. Auf wieviele ganz verlassene Weiler trifft man nicht, während es in anderen Dörfern nur Frauen, Kinder und alte Männer gibt, da die arbeitsfähigen Männer in der Fremde ihr Geld verdienen müssen, zum Teil auch nach Amerika ausgewandert sind. Die Arbeit auf den Feldern und in den Weinbergen wird daher meist von den Frauen verrichtet, die solch ein bescheidenes Leben führen, wie es allerdings auch nur in diesem Klima denkbar ist.
Einer meiner interessantesten Ausflüge war nun der ins »höchste Tessin«. Die kleine Bahn, die durch die Valle Maggia fährt, brachte mich eines frühen Morgens – Abfahrt von Locarno um 5 Uhr 5 Minuten – Ankunft in Cevio um 6 Uhr 26 Minuten – (das zeitige Aufstehen lernt man bei diesen Gelegenheiten so nebenher!) an die Mündung des Campotales, das vom wilden Lauf der Rovana durchströmt wird. Eine schön angelegte Poststraße – überhaupt eine Spezialität der Schweiz! – schlängelt sich in unendlich zahlreichen Krümmungen am Abhang des Madone di Camedo hinauf. Die Postkutsche, mit zwei starken Pferden bespannt, sah ganz vertrauenerweckend aus; aber da ich vor der Abfahrt in unstillbarem Tatendrang noch die beaux restes irgendeines ehrwürdigen Palazzo besichtigte, hatte ein verbindlich lächelnder Pater den begehrten Platz neben dem postiglione eingenommen und ersuchte mich, wieder verbindlich lächelnd, seinen Hut und sein Täschchen zu bewahren. Ich trat diesen Gegenständen, wie meinem Rucksack, lieber meinen Sitz auf den heißen Polstern ganz ab und wanderte – zur Abwechslung allein, denn der Hochtourist trieb sich irgendwo in Kalabrien herum – im selben Tempo wie die armen Pferde aufwärts, allerdings häufig die steilen scorciatoi benutzend, die quer über die Kehren fortführen. Nach gut zwei Stunden erreichten die Pferde und ich etwas atemlos Cerentino, ein wirklich reizend gelegenes Dörfchen, von grünen Halden und Wäldern umgeben. Nun begann erst »programmäßig« meine Arbeit, denn die Poststraße und -fahrt endet hier. Geduldig nahm ich meinen Rucksack auf die Schultern, frühstückte an der ersten Quelle – ein Teil des Tagewerks, der mir stets sehr lieb ist! – und wanderte über die Anhöhe, auf der die Kirche des römischen Märtyrers San Bonifazio steht, ins Tal von Bosco hinein, über eine primitive Holzbrücke das linke Ufer des Wildbaches gewinnend und immer seiner Quelle zu, dem schmalen Saumpfad folgend, der die einzige Verbindung mit meinem Ziel, dem Dörfchen Bosco, bildet. Der Weg war erst seit einigen Tagen schneefrei – auf der anderen Seite lagen sogar noch mächtige, mit Geröll und Baumstämmen durchsetzte Lawinen, deren Sturz der Bach aufgehalten hatte und deren unbehaglichen Nähe man doch gern auswich! Sonst gleicht dieser gemächliche Aufstieg, bis vielleicht auf sein letztes Viertel, das sehr steil durch einen schattigen Lärchenwald aufwärts führt, fast einem Parkspaziergang; so anmutig, an Wäldchen und blumenbedeckten Halden reich, ist das Tal und die wunderbare Luft, von Tannenduft gesättigt, befreit von allen Nöten, unter denen man sonst beim Steigen leidet. Der gute Pater hatte mir noch beim Abschied freundschaftlich geraten, diese Partie aufzugeben, sie sei für eine Dame wirklich unmöglich! Die Italiener haben eben über körperliche Leistungsfähigkeiten besondere Begriffe, und ich fürchte, mein Ratgeber selbst hat sich noch nie auf diese »via brutta« gewagt! Dann und wann traf ich auf primitive Sennhütten, von winzigen Kartoffel- und Rübenäckern, oft nicht größer als ein Bettvorleger, umgeben. Die meisten Hütten standen noch leer, bis ich dicht vorm Walde nach vielen Wochen zum ersten Male wieder ein deutsches Wort von einer Bäuerin hörte! Zwar mußte ich bei unsrer Unterredung manches erraten, denn es war ein »Schwyzer-Dütsch« allerärgster Sorte. Aber es ist rührend, mit welcher Treue und Zähigkeit sich die kleine Gemeinde von »Gurin«, wie sie selbst ihr Dorf nennen, während die Italiener es nach seinem Waldreichtum »il bosco« getauft haben, Sprache und Sitte auf fremdem Boden erhält. Auch das Dorf selbst, das sogleich jenseits des Lärchenwaldes beginnt, unterscheidet sich im Bau der Häuser stark von der sonst im Tessin gebräuchlichen Art; es erinnert an Oberwallis, von dem aus ja auch die Kolonie hier im zwölften Jahrhundert gegründet wurde. Die heutigen Bewohner sind durch ihre Zugehörigkeit zum Tessin wie durch die italienische Umgebung gezwungen, italienisch zu lernen; leider bewilligt man ihnen auch keinen deutschen Geistlichen. Aber untereinander reden sie nur deutsch, und es machte mir viel Spaß, in den engen Gängen zwischen den Häusern – »Straßen« kann man unmöglich sagen! – die Kinder bei ihren deutschen Spielen zu beobachten. Auch Gurin ist sehr arm; und da die Männer als Vergolder, Schnitzer und Maurer in die Fremde wandern, betreiben die Frauen die Viehzucht, schleppen die Holzlasten auf dem Rücken heim und bestellen die Felder, die hier oben einen etwas größeren Umfang besitzen. Die Seidenindustrie, die nach den Reisehandbüchern hier betrieben werden soll, ist dagegen längst erloschen. Die ziemlich große Kirche, dem heiligen Jakob und Christoffel geweiht, enthält als größtes Heiligtum die Gebeine des hl. Theodor, von dem sich auch ein ziemlich unglückliches Gemälde vorfindet. Die guten Fresken der Kirche scheinen dagegen vom Maler Lorynis zu stammen, dessen Arbeiten ich auf diesem Ausflug noch mehrmals begegnete. – Das Wirtshaus »Zum Edelweiß«, das ich mir zum Übernachten bestimmt hatte – ein zweites, von Cevio aus gegründetes neues Hotel war leider noch nicht eröffnet – erwies sich selbst für meine auf solchen Ausflügen sehr niedrig geschraubten Ansprüche als »einfach unmöglich«. Ich aß dort zwar vorsichtshalber nur gekochte Eier, an denen, falls sie frisch sind, ja nicht viel zu verderben ist; aber selbst diese frugale Mahlzeit wurde mir leid, als ich die verwahrlosten Hühner und die nähere Umgebung, in der dies »Edelweiß« wächst, betrachtet hatte. Es blieb mir also nichts übrig, als den kleinen alpinen Spaziergang, der hinauf 2½ Stunden gedauert hatte, noch einmal nach Cerentino zurückzumachen. Dort hatte ich des Morgens ein Wirtshaus mit einer Terrasse gesehen – eine Seltenheit bei Dorfwirtschaften! – und an diese dachte ich nun, um mich selbst zu ermuntern, und mir das »Vernünftige« der Rückkehr klar zu machen. Vorher ein Schlaf im Lärchenwald, blaue Enzianen zu Häupten und zu Füßen – und von der Schlucht herauf, denn hier hat der Bach sich durch Felsen zu zwängen, das Brausen des Wassers als etwas kriegerische Schlafmelodie.
Und die Wanderung im Nachmittagsfrieden war so köstlich, daß ich sie wirklich nicht bedauerte und genug zu tun hatte, um nur alle Schönheit ringsum, das Lichtspiel auf den von allen Seiten herantosenden Wassern, über den Felsen und in den sanft rauschenden Baumwipfeln zu bewundern. – In Cerentino fand ich die Terrasse wieder und außerdem vorzüglichen Barbara, den mir die schöne französische Wirtin »della posta« zu ihren höchst schmackhaften Gerichten kredenzte.
Am nächsten Morgen bestieg ich einen kleinen Wagen, den der rundliche Gatte der schönen Französin lenkte. Die Break war leider beim Renovieren, und ich saß da, wo sonst Kälber und Schweine mutlos ihrem traurigen Geschick entgegen zu sehen pflegen. Aber ich bildete mir ein, schlecht gefahren sei besser als gut gegangen, wenigstens auf der Landstraße. Wäre der Paß nicht noch verschneit gewesen, so hätte ich es natürlich als brave Hochtouristin vorgezogen, mein neues Ziel »über die Berge« zu erreichen, jetzt vertraute ich mein Leben diesem Wagen an. Es war leichtsinnig; solch eine unbehagliche Straße bin ich denn doch selten gefahren! Nicht, daß sie in schlechtem Zustande gewesen wäre; aber sie geht beharrlich an steilsten Abgründen vorbei, und ist so schmal, daß jede ungeschickte Bewegung an den Kehren, an denen sie überreich ist, das Gefährt in die Tiefe stürzen muß. Gleich im Anfang schlugen wir, trotzdem es stark bergauf ging, ein beschleunigtes Tempo an; und auf meine Frage, die einem geängstigten Gemüte entstieg, erhielt ich die trostreiche Antwort, es sei Eile geboten, um nicht mit dem Postwagen von Campo zu kollidieren, denn Ausweichen sei unmöglich! Ja, das mußte ich schaudernd zugeben. Schließlich warteten wir gleich hinter dem Weiler Pedigiodi auf einer breiten Kurve, bis oben über uns aus dem Wald der kleine Postwagen, durch seine schwarze Plane einem Leichenwagen sehr ähnlich, herauskam und vorsichtig an uns vorüberglitt. Er beförderte übrigens keine Menschen, sondern nur Pakete und Briefe. Wir ratterten weiter – Kälber und Schweine scheinen unbeschadet jeder Elastizität ihres Gefährtes entraten zu können! – an Riva vorbei, das anmutig auf grünen Wiesen am Rande der Rovana gebettet ist und als vis-à-vis das düstere Campellotal, vom unheimlichen Molineva verriegelt, ertragen muß. Nach gut zwei Stunden schwerer Arbeit für das Pferd sowohl wie für die eigene Beherrschung, denn ich fand, man sei wie auf dem Meer auch hier etwas zu sehr in Gottes Hand, erblickte ich von dem kleinen Dörfchen Piano aus: Land! Und zwar zuerst das noch hinter Campo, aber höher gelegene Cimalmotto. Und dann nach ein paar Wegbiegungen taucht Campo auf, aus der Ferne von ganz großartiger Wirkung mit seinen stattlichen Häusern, der schönen Kirche, den saftigen grünen Weiden ringsumher! Aber mein liebenswürdiger, dicker Kutscher bittet mich auszusteigen und den Fußweg ins Dorf einzuschlagen: – »Denn sehen Sie, Signora, wie sich die Straße schon wieder senkt und verdorben ist!« – Ja, ich sehe. Und noch mehr wehmütiges Bedauern ergreift mich, als ich die von unten so schöne St. Bernhardkirche betrete: zahllose Sprünge zerreißen ihre Wände und die feinen Fresken Lorynis; die Schwellen unter ihren Türen haben sich verschoben, die Fenster stehen schief. Ein Stukkateur ist an der Arbeit, die Hauptschäden oberflächlich auszubessern; mit der vollen Pietät des Italieners für Kunstwerke beklagt er mit mir den unaufhaltsamen Verfall der chiesa des Dorfes – des ganzen paese! Es ist verlorenes Land, auf dem ich stehe, ein Land, das dem Untergange geweiht ist. Seit der furchtbaren Überschwemmung des Jahres 1868 untergraben die Wasser die ganze Hochebene, auf der Campo steht, und reißen ein Stück nach dem andern ins Tal hinunter. Man kann sagen: der ganze Berg wandert in die Tiefe. Da ist kein geradestehendes Haus mehr, keine Wand ohne Riß; überall hängen Türen und Fenster in den Angeln, und die Heustadeln sehen traurig aus unter den schiefsitzenden Dächern. Eine Tragik liegt über dem Dorf trotz seiner heitern Umgebung; und was mag in den Seelen der Menschen vorgehen, die unbarmherzig ihren Besitz schwinden sehen? Einmal ist von der Regierung für viele Tausend Lire eine Schutzmauer im Tal errichtet worden; der erste Frühlingssturm riß sie ein. Ein anderes Projekt eines Berner Professors, Abzugskanäle anzulegen, würde Millionen erfordern. Das Stückchen Land ist nicht soviel wert – es muß geopfert werden!
Über einen kleinen Fußweg gelangt man in zwanzig Minuten zum kleinen Hochplateau hinauf, das auf seinem Rücken Cimalmotto trägt. Ein Haufen recht elendiger Steinhäuser, die auch zum Teil Spuren des Verfalls, wenn auch nicht so stark wie in Campo tragen. In der offenen Halle der Kirche befindet sich eine sehr schöne »Kreuzigung« von Lorynis, ursprünglich al fresco gemalt; doch hat man das Bild, um es vorm Untergang zu bewahren, durch ein chemisches Verfahren auf Leinwand übertragen. Es weist aber auch jetzt schon wieder Sprünge und lädierte Stellen auf. Keinem Menschen bin ich in diesem kleinen Dorf begegnet; mir wurde direkt unheimlich in dem verlassenen Ruinenhaufen. Galba, der Begründer des Ortes, wie eine Tafel an der Kirchhofsmauer erzählt, mag sich mit vollem Recht mit seinen Schätzen und seinem Weibe Pulcheria, der Tochter des Herzogs von Aquitanien, hierher geflüchtet haben, um allen Verfolgungen zu entgehen: man muß schon jemand sehr lieben oder sehr hassen, sonst stöbert man ihn hier nicht auf! – Vor der Kirche in Campo fand ich meinen Kälberwagen wieder; knapp vierzig Minuten brauchten wir für die Fahrt abwärts bis nach Cerentino zurück. Behaglicher als das Hinauf war sie keinesfalls, besonders da ein tüchtiger Gewitterregen einsetzte, wie es sich zwar zur Krönung einer richtigen Landpartie gehört, den wir vier: Wagen, Pferd, Kutscher und ich aber doch mit verbissenem Grimm erduldeten. Bis mir aus einem Weiler hilfreich ein mächtiger roter Regenschirm geliehen wurde. So liegen Freude und Leid doch immer nahe beieinander im Menschenleben; das bewiesen mir die Ausflüge ins »höchste Tessin« – auch Campo liegt noch 1200 m hoch – aufs neue. Deshalb liebe ich es und sage traurig auf gut tessinisch:
»Ciau Ticino!« Lebewohl, Tessin!
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| Am Lugenbankl | |
| Lustige Tiroler Bauerngeschichten. | |
| Von Karl Deutsch. | Geheftet M. 2.40. |
| Lodenrock und Wifflingkittel | |
| Geschichten aus dem Sarntale. | |
| Von Klara Pölt-Nordheim. | Geheftet M. 2.40. |
| König Laurins' Rosengarten | |
| Ein Tiroler Heldenmärchen. | |
| Von Ludwig Scharf (Aus dem Mittelhochdeutschen). | Gebunden M. 2.—. |
| Außerdem: | |
| Reiseführer, alpine und wintersportliche Literatur! | |
| Man wolle darüber ausführliche Verzeichnisse verlangen vom | |
| Verlag Walter Schmidkunz | |
| Bayerstraße 25 München Bayerstraße 25 | |